Part 3
Um diese Zeit entdeckte ich, wozu man einen Schlüssel gebrauchen könnte. Eines Morgens schloß ich meine Mutter in der Speisekammer ein, in der sie drei volle Stunden bleiben mußte, da die Dienstboten in einem abseits gelegenen Teil des Hauses beschäftigt waren. Sie pochte fortwährend an die Tür, während ich draußen auf der Vortreppe saß und wie ein Kobold lachte, als ich das Geräusch des Pochens fühlte. Dieser unartige Streich überzeugte meine Eltern von der Notwendigkeit, mir sobald wie möglich Unterricht geben zu lassen. Kurz nachdem meine Lehrerin, Fräulein Sullivan, zu mir gekommen war, suchte ich eine Gelegenheit, sie in ihrem Zimmer einzuschließen. Ich ging die Treppe hinauf, um Fräulein Sullivan auf Geheiß meiner Mutter etwas zu bringen; kaum aber hatte ich meinen Auftrag ausgerichtet, als ich wie ein Blitz wieder zur Tür hinaus war, sie zuschloß und den Schlüssel unter dem Kleiderschrank im Korridor versteckte. Ich konnte nicht dahin gebracht werden, anzugeben, wo der Schlüssel war. Mein Vater mußte eine Leiter holen und Fräulein Sullivan zum Fenster heraustragen -- zu meinem großen Gaudium. Erst nach Monaten brachte ich den Schlüssel zum Vorschein.
Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, verzogen wir aus dem kleinen, weinumrankten Hause nach einem größeren neuen. Die Familie bestand aus meinem Vater, meiner Mutter, zwei älteren Stiefbrüdern und mir; später kam dann noch eine kleine Schwester, Mildred, hinzu. Meine früheste bestimmte Erinnerung an meinen Vater ist die, wie ich eines Tages über große Stöße von Zeitungen hinweg zu ihm klettere und ihn allein finde, während er ein Blatt Papier vor sein Gesicht hält. Ich brannte vor Neugierde, was er da wohl täte. Ich machte ihm alles nach und setzte sogar seine Brille auf, in der Hoffnung, sie werde mir helfen, das Geheimnis herauszubringen. Aber ich fand lange Jahre hindurch nicht des Rätsels Lösung. Dann erfuhr ich, was jene Papiere bedeuteten und daß mein Vater Herausgeber einer Zeitung war.
Mein Vater war äußerst liebevoll und nachsichtig, dabei ebenso häuslich, da er uns selten allein ließ, außer zur Jagdzeit. Er war ein großer Jäger vor dem Herrn, wie mir erzählt wurde, und ein berühmter Schütze. Nächst seiner Familie liebte er seine Hunde und sein Gewehr. Seine Gastfreiheit war groß und artete beinahe zu einem Fehler aus, denn er kam selten nach Hause, ohne einen Gast mitzubringen. Besonders aber war er auf seinen großen Garten stolz, in dem er, wie es hieß, die schönsten Wassermelonen und Erdbeeren der ganzen Umgegend zog, und mir brachte er stets die ersten reifen Weintrauben und köstlichsten Beeren. Ich erinnere mich noch an seine liebkosende Berührung, als er mich von Baum zu Baum, von Weinstock zu Weinstock leitete, und seiner Freude an allem, was mir Vergnügen machte.
Er war ein prächtiger Erzähler; als ich die Herrschaft über die Sprache gewonnen hatte, pflegte er mir seine hübschesten Anekdoten ungeschickt in die Hand zu buchstabieren, und nichts machte ihm mehr Vergnügen, als wenn ich sie bei einer passenden Gelegenheit wiederholte.
Ich war im Norden und erfreute mich eben der letzten schönen Sommertage des Jahres 1896, als ich die Kunde von meines Vaters Tod vernahm. Er war nur kurze Zeit krank gewesen, hatte aber schwer leiden müssen; dann war alles vorüber. Es war mein erster großer Schmerz -- meine erste persönliche Bekanntschaft mit dem Tode. --
In welcher Weise soll ich über meine Mutter schreiben? Sie steht mir so nahe, daß es beinahe unzart erscheinen würde, wollte ich hier über sie sprechen.
Lange Zeit betrachtete ich meine kleine Schwester als Eindringling. Ich wußte, ich hatte aufgehört, meiner Mutter einziger Liebling zu sein, und der Gedanke daran erfüllte mich mit Eifersucht. Sie saß beständig auf dem Schoße meiner Mutter, wo mein gewöhnlicher Platz gewesen war, und schien all ihre Sorge und Zeit in Anspruch zu nehmen. Eines Tages trug sich etwas zu, was meiner Meinung nach zu der Beleidigung offenen Schimpf gesellte.
Zu jener Zeit besaß ich eine viel gehätschelte, viel mißhandelte Puppe, der ich später den Namen Nancy gab. Ach, sie war das wehrlose Opfer meiner maßlosen Zornes- und Zärtlichkeitsausbrüche, sodaß sie am Ende schrecklich anzusehen war. Ich hatte Puppen, die sprechen und schreien, ihre Augen öffnen und schließen konnten, aber ich liebte keine von ihnen so, wie ich die arme Nancy liebte. Sie hatte eine Wiege, und ich schaukelte sie darin oft eine Stunde und länger. Ich bewachte Puppe und Wiege mit der eifersüchtigsten Sorgfalt, aber eines Tages entdeckte ich, daß meine kleine Schwester friedlich in der Wiege schlummerte. Bei dieser Anmaßung von seiten jemandes, mit dem mich noch kein Band der Liebe verknüpfte, wurde ich wütend. Ich stürzte auf die Wiege zu und warf sie um, und das Kind hätte tot sein können, hätte meine Mutter es nicht im Falle aufgefangen. Ein solcher Ausbruch kommt daher, daß, wenn wir in dem Tale doppelter Einsamkeit wandeln, wir wenig von den zärtlichen Empfindungen wissen, die aus liebevollen Worten und Handlungen sowie aus dem Zusammensein mit anderen emporsprießen. Später jedoch, als ich zum Bewußtsein meines Menschentums erwacht war, schlossen wir, Mildred und ich, uns auf das engste aneinander an und waren glückselig, wenn wir Hand in Hand miteinander gehen konnten, wohin wir gerade Lust hatten, obgleich sie meine Zeichensprache und ich ihr kindliches Geplauder nicht verstehen konnte.
[2] In England und Frankreich hängen die Kinder zu Weihnachten ihre Strümpfe und Schuhe am Fenster oder Kamin auf und erwarten, daß der heilige Nikolaus sie mit Geschenken fülle.
Drittes Kapitel.
Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. -- Laura Bridgman und ~Dr.~ Howe. -- Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte. -- Besuch bei Alex. Graham Bell. -- Herr Anagnos in Boston findet eine Lehrerin.
Inzwischen wuchs mein Verlangen, meinen Gedanken genügenden Ausdruck zu geben, von Tag zu Tag. Die wenigen Zeichen, deren ich mich bedienen konnte, wurden immer unzureichender, und das Fehlschlagen meiner Versuche, mich verständlicher zu machen, war stets von einem Ausbruche der Leidenschaft begleitet. Es war mir, als hielten mich unsichtbare Hände, und ich machte verzweifelte Anstrengungen, mich zu befreien. Ich kämpfte -- nicht als ob dieser Kampf mir etwas genützt hätte, sondern weil der Geist des Widerstandes in mir lebendig war; ich brach auch in der Regel weinend und in völliger physischer Erschöpfung zusammen. War meine Mutter zufällig in der Nähe, so flüchtete ich mich in ihre Arme, zu elend, um mich auch nur der Ursache des Sturmes entsinnen zu können. Nach einiger Zeit wurde das Bedürfnis nach Verständigungsmitteln so dringend, daß diese leidenschaftlichen Auftritte alltäglich, bisweilen sogar allstündlich erfolgten.
Meine Eltern waren tief bekümmert und völlig ratlos. Wir wohnten weitab von jeder Blinden- oder Taubstummenschule, und es schien ausgeschlossen, daß jemand nach einem so abgelegenen Orte wie Tuscumbia kommen sollte, um ein Kind zu unterrichten, das sowohl blind wie taubstumm war. In der Tat zweifelten meine Verwandten und Bekannten mitunter an der Möglichkeit eines Unterrichts für mich. Meiner Mutter einziger Hoffnungsstrahl entsprang der Lektüre von Dickens’ »Amerikanischen Skizzen«. Sie hatte seinen Bericht über Laura Bridgman gelesen und entsann sich undeutlich, daß diese taubstumm und blind gewesen war und doch eine Erziehung erhalten hatte. Aber sie erinnerte sich in hoffnungslosem Schmerze auch daran, daß ~Dr.~ Howe, der Mittel und Wege entdeckt hatte, blinde Taubstumme zu unterrichten, seit mehreren Jahren tot war. Seine Methoden waren vermutlich mit ihm gestorben, und wenn dies nicht der Fall war, wie war es möglich, daß ein kleines Mädchen in einem weltabgelegenen Städtchen Alabamas einen Nutzen von ihnen haben konnte?
Als ich etwa sechs Jahre alt war, hörte mein Vater von einem berühmten Augenarzt in Baltimore, der in vielen anscheinend hoffnungslosen Fällen noch Erfolge erzielt hatte. Meine Eltern entschlossen sich sofort dazu, mit mir nach Baltimore zu reisen, um zu sehen, ob sich etwas für meine Augen tun ließe.
Die Reise, auf die ich mich noch gut entsinnen kann, machte mir viel Vergnügen. Ich befreundete mich während der Eisenbahnfahrt mit vielen Leuten. Eine Dame schenkte mir eine Schachtel mit Muscheln. Mein Vater durchbohrte sie, sodaß ich sie aufreihen konnte, und lange Zeit war ich glücklich und zufrieden über diese Beschäftigung. Auch der Schaffner war freundlich zu mir. Oft, wenn er seine Runde machte, klammerte ich mich an seine Rockschöße, während er die Fahrkarten einsammelte und durchlochte. Seine Zange, mit der er mich spielen ließ, war ein wunderbarer Zeitvertreib. Zusammengekauert in einer Ecke des Wagens vergnügte ich mich stundenlang damit, kleine Löcher in Pappe zu knipsen.
Meine Tante machte mir eine große Puppe aus Taschentüchern. Es war das komischste, formloseste Ding, diese improvisierte Puppe, ohne Nase, Mund, Augen oder Ohren, kurz es war nichts da, was selbst die Phantasie eines Kindes in ein Gesicht hätte umschaffen können. Seltsamerweise störte mich das Fehlen der Augen mehr als alle übrigen Mängel. Ich suchte dies allen Anwesenden beharrlich klarzumachen, aber niemand schien imstande zu sein, die Puppe mit Augen zu versehen. Plötzlich schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, und die Aufgabe war gelöst. Ich sprang von meinem Sitze auf und suchte so lange, bis ich den Mantel meiner Tante fand, der mit großen Knöpfen besetzt war. Ich riß zwei Knöpfe ab und bedeutete ihr, sie möchte mir diese an meine Puppe nähen. Sie legte mit einer fragenden Gebärde meine Hand an ihre Augen, und ich nickte energisch. Die Knöpfe wurden an der richtigen Stelle angenäht, und ich konnte mich vor Freude nicht lassen, verlor jedoch augenblicklich alles Interesse an der Puppe. Während der ganzen Reise hatte ich keinen einzigen meiner gewöhnlichen Anfälle, denn es waren zu vielerlei Dinge da, die meinen Geist und meine Finger beschäftigten.
Als wir in Baltimore anlangten, empfing uns ~Dr.~ Chisholm mit großer Liebenswürdigkeit; er konnte aber nichts tun. Doch erklärte er, ich könne Unterricht erhalten, und wies meinen Vater an ~Dr.~ Alexander Graham Bell in Washington, der in der Lage sein würde, ihm nähere Auskunft über Schulen und Lehrer für blinde oder taubstumme Kinder zu erteilen. Dem Rate des Arztes zufolge reisten wir sofort nach Washington weiter, um ~Dr.~ Bell aufzusuchen, mein Vater mit Trauer und Zweifel im Herzen, während ich keine Ahnung von seinem Schmerz hatte und an der Aufregung des Reisens von Stadt zu Stadt Vergnügen fand. In meinem kindlichen Sinne empfand ich sofort das liebevolle, gütige Wesen, mit dem sich ~Dr.~ Bell so vieler Herzen gewann, wie er durch seine staunenswerten Erfolge aller Welt Bewunderung einflößte. Er hielt mich auf seinen Knien, während ich mit seiner Uhr spielte, die er für mich schlagen ließ. Er verstand meine Zeichen, und ich wußte dies und gewann ihn sofort lieb. Aber ich ließ es mir nicht träumen, daß diese Unterredung das Tor sein sollte, durch das ich schließlich aus der Finsternis zum Licht, aus der Vereinzelung zur Freundschaft, zur Gemeinschaft mit anderen, zur Erkenntnis, zur Liebe gelangte.
~Dr.~ Bell riet meinem Vater, an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Instituts in Boston, zu schreiben, desselben, in dem ~Dr.~ Howe so segensreich für die Blinden gewirkt hatte, und bei ihm anzufragen, ob er einen Lehrer hätte, der imstande wäre, meine Erziehung in die Hand zu nehmen. Dies tat mein Vater sofort, und nach einigen Wochen traf ein liebenswürdiger Brief von Herrn Anagnos ein, mit der tröstlichen Zusicherung, daß eine Lehrerin gefunden sei. Dies war im Sommer 1886. Aber Fräulein Sullivan langte erst im folgenden März an.
So ward ich aus Aegyptenland geführt und stand vor dem Sinai; eine göttliche Macht berührte meinen Geist und machte ihn sehen, sodaß ich vieles Wunderbare wahrnehmen konnte. Und von dem heiligen Berge her hörte ich eine Stimme, die sprach: Wissen ist Liebe und Licht und Sehen.
Viertes Kapitel.
Ankunft Fräulein Sullivans in Tuscumbia am 3. März 1887. -- Bange Erwartung. -- Beginn der Erlernung des Fingeralphabets. -- Szene am Brunnen. -- Enthüllung des Geheimnisses der Sprache.
Der wichtigste Tag, dessen ich mich Zeit meines ganzen Lebens entsinnen kann, ist der, an dem meine Lehrerin, Fräulein Anne Mansfield +Sullivan+, zu mir kam. Ich kann kaum Worte finden, um den unermeßlichen Gegensatz in meinem Leben vor und nach ihrer Ankunft zu schildern. Es war der 3. März 1887, drei Monate vor meinem siebenten Geburtstage.
Am Nachmittage jenes folgenreichen Tages stand ich in dumpfer Erwartung an der Haustür. Da ich infolge der Zeichen meiner Mutter und des Hin- und Herlaufens im Hause eine unbestimmte Ahnung von dem Bevorstehen eines außergewöhnlichen Ereignisses hatte, ging ich vor die Tür und wartete auf der Treppe. Die Nachmittagssonne drang durch das dichte Geißblattgebüsch, das die Tür umrahmte, und fiel auf mein emporgerichtetes Gesicht. Meine Finger spielten fast unbewußt mit den wohlbekannten Blättern und Blüten, die eben hervorgekommen waren, um den holden südlichen Lenz zu begrüßen. Ich wußte nicht, was für Wunder und Ueberraschungen die Zukunft für mich in ihrem Schoße barg. Zorn und Verbitterung waren seit Wochen unausgesetzt auf mich eingestürmt. Dieser verzweifelte Kampf hatte eine tiefe Ermattung bei mir zurückgelassen.
Lieber Leser, hast du dich je bei einer Seefahrt in dichtem Nebel befunden, der dich wie eine greifbare weiße Finsternis einzuschließen schien, während das große Schiff seinen Kurs längs der Küste mit Hilfe von Senkblei und Lotleine zagend und ängstlich verfolgte, und du mit klopfendem Herzen irgend ein Ereignis erwartetest? Jenem Schiffe glich ich vor Beginn meiner Erziehung, nur fehlten mir Kompaß und Lotleine, und ich hatte keine Ahnung davon, wie nahe der Hafen war. Licht! gebt mir Licht! lautete der wortlose Aufschrei meiner Seele, und das Licht der Liebe erhellte bereits in dieser Stunde meinen Pfad.
Ich fühlte sich nähernde Schritte. Ich streckte meine Hand aus, wie ich glaubte, meiner Mutter entgegen. Irgend jemand ergriff sie, ich ward von der emporgehoben und fest in die Arme geschlossen, die gekommen war, den Schleier, der mir die Welt verbarg, zu lüften und, was mehr als dies bedeutete, mich zu lieben.
Am Morgen nach ihrer Ankunft führte mich meine Lehrerin in ihr Zimmer und gab mir eine Puppe. Die kleinen blinden Mädchen aus dem Perkinsschen Institute hatten sie mir geschickt, und Laura Bridgman hatte sie angezogen; dies erfuhr ich jedoch erst später. Als ich ein Weilchen mit ihr gespielt hatte, buchstabierte Fräulein Sullivan langsam das Wort ~d--o--l--l~ in meine Hand. Dieses Fingerspiel interessierte mich sofort, und ich begann es nachzumachen. Als es mir endlich gelungen war, die Buchstaben genau nachzuahmen, errötete ich vor kindlicher Freude und kindlichem Stolz. Ich lief die Treppe hinunter zu meiner Mutter, streckte meine Hand aus und machte ihr die eben erlernten Buchstaben vor. Ich wußte damals noch nicht, daß ich ein Wort buchstabierte, ja nicht einmal, daß es überhaupt Wörter gab; ich bewegte einfach meine Finger in affenartiger Nachahmung. Während der folgenden Tage lernte ich auf diese verständnislose Art eine große Menge Wörter buchstabieren, unter ihnen ~pin~, ~hat~, ~cup~ und ein paar Verben wie ~sit~, ~stand~ und ~walk~. Aber meine Lehrerin weilte schon mehrere Wochen bei mir, ehe ich begriff, daß jedes Ding seine Bezeichnung habe.
Als ich eines Tages mit meiner neuen Puppe spielte, legte mir Fräulein Sullivan auch meine große zerlumpte Puppe auf dem Schoß, buchstabierte ~d--o--l--l~ und suchte mir verständlich zu machen, daß sich ~d--o--l--l~ auf beide Puppen beziehe. Vorher hatten wir ein Renkontre über die Wörter ~m--u--g~ und ~w--a--t--e--r~ gehabt. Fräulein Sullivan hatte mir einzuprägen versucht, daß ~m--u--g~ ~mug~ und daß ~w--a--t--e--r~ ~water~ sei, aber ich blieb beharrlich dabei, beides zu verwechseln. Verzweifelt hatte sie das Thema einstweilen fallen gelassen, aber nur, um es bei nächster Gelegenheit wieder aufzunehmen. Bei ihren wiederholten Versuchen wurde ich ungeduldig, ergriff die neue Puppe und schleuderte sie zu Boden. Ich empfand eine lebhafte Schadenfreude, als ich die Bruchstücke der zertrümmerten Puppe zu meinen Füßen liegen fühlte. Weder Schmerz noch Reue folgten diesem Ausbruch von Leidenschaft. Ich hatte die Puppe nicht geliebt. In der stillen, dunklen Welt, in der ich lebte, war für starke Zuneigung oder Zärtlichkeit kein Raum. Ich fühlte, wie meine Lehrerin die Bruchstücke auf die eine Seite des Kamins fegte, und empfand eine Art von Genugtuung darüber, daß die Ursache meines Unbehagens beseitigt war. Fräulein Sullivan brachte mir meinen Hut, und ich wußte, daß es jetzt in den warmen Sonnenschein hinausging. Dieser Gedanke, wenn eine nicht in Worte gefaßte Empfindung ein Gedanke genannt werden kann, ließ mich vor Freude springen und hüpfen.
Wir schlugen den Weg zum Brunnen ein, geleitet durch den Duft des ihn umrankenden Geißblattstrauches. Es pumpte jemand Wasser, und meine Lehrerin hielt mir die Hand unter das Rohr. Während der kühle Strom über die eine meiner Hände sprudelte, buchstabierte sie mir in die andere das Wort ~water~, zuerst langsam, dann schnell. Ich stand still, mit gespannter Aufmerksamkeit die Bewegung ihrer Finger verfolgend. Mit einem Male durchzuckte mich eine nebelhaft verschwommene Erinnerung an etwas Vergessenes, ein Blitz des zurückkehrenden Denkens, und einigermaßen offen lag das Geheimnis der Sprache vor mir. Ich wußte jetzt, daß ~water~ jenes wundervolle kühle Etwas bedeutete, das über meine Hand hinströmte. Dieses lebendige Wort erweckte meine Seele zum Leben, spendete ihr Licht, Hoffnung, Freude, befreite sie von ihren Fesseln! Zwar waren ihr immer noch Schranken gesetzt, aber Schranken, die mit der Zeit hinweggeräumt werden konnten.[3]
Ich verließ den Brunnen voller Lernbegier. Jedes Ding hatte eine Bezeichnung, und jede Bezeichnung erzeugte einen neuen Gedanken. Als wir in das Haus zurückkehrten, schien mir jeder Gegenstand, den ich berührte, vor verhaltenem Leben zu zittern. Dies kam daher, daß ich alles mit dem seltsamen neuen Gesicht, das ich erhalten hatte, betrachtete. Beim Betreten des Zimmers erinnerte ich mich der Puppe, die ich zertrümmert hatte. Ich tastete mich bis zum Kamin, hob die Stücke auf und suchte sie vergeblich wieder zusammenzufügen. Dann füllten sich meine Augen mit Tränen; ich erkannte, was ich getan hatte, und zum erstenmal in meinem Leben empfand ich Reue und Schmerz.
Ich lernte an diesem Tage eine große Menge neuer Wörter. Ich erinnere mich nicht mehr an alle, aber ich weiß, daß ~mother~, ~father~, ~sister~, ~teacher~ unter ihnen waren -- Wörter, die die Welt für mich erblühen machten „wie Aarons Stab, mit Blumen.“ Es dürfte schwer gewesen sein, ein glücklicheres Kind als mich zu finden, als ich am Schluß dieses ereignisvollen Tages in meinem Bettchen lag und der Freuden gedachte, die mir heut zuteil geworden waren, und zum ersten Male sehnte ich mich nach dem anbrechenden Morgen.
[3] Vgl. Fräulein Sullivans Brief S. 224 ff.
Fünftes Kapitel.
Allmähliches Erwachen der Seele. -- Unterricht im Freien. -- Freude an der Natur. -- Schrecken der Natur. -- Gewitter. -- Schönheit des Mimosenbaumes.
Ich entsinne mich vieler Ereignisse des Sommers 1887, der auf das Erwachen meiner Seele folgte. Fortwährend tastete ich mit meinen Händen umher und lernte die Bezeichnung für jeden Gegenstand, den ich berührte, kennen, und je mehr ich mit den Dingen bekannt wurde und ihre Bezeichnungen und ihre Zwecke kennen lernte, desto freudiger und stärker wurde das Bewußtsein meiner Verwandtschaft mit der übrigen Welt.
Als die Zeit der Maßliebchen und Butterblumen gekommen war, führte mich Fräulein Sullivan an ihrer Hand durch die Felder zu den Ufern des Tennesseestromes, und hier, auf dem warmen Grase sitzend, erhielt ich meinen ersten Unterricht über die Wohltaten der Natur. Ich lernte, wie die Sonne und der Regen jeden Baum, der „lustig anzusehen und gut zu essen“ war, aus dem Boden emporwachsen ließen, wie die Vögel ihre Nester bauen und von Land zu Land fliegen, wie das Eichhorn, der Hirsch, der Löwe und jedes andere Geschöpf Nahrung und Obdach finden. Je mehr meine Kenntnisse zunahmen, desto stärker wurde mein Entzücken über die Welt, in der ich lebte. Lange bevor ich ein Exempel rechnen oder die Gestalt der Erde beschreiben konnte, hatte mich Fräulein Sullivan gelehrt, in den duftenden Wäldern, in jedem Grashalm, wie in den Linien und Grübchen der Hand meiner kleinen Schwester Schönheit zu entdecken. Sie verknüpfte meine ersten Gedanken mit der Natur und brachte mir zum Bewußtsein, daß „Vögel, Blumen und ich glückliche, gleichberechtigte Gefährten seien“.
Um diese Zeit machte ich eine Erfahrung, die mich davon überzeugte, daß die Natur nicht immer gütig ist. Eines Tages kehrten meine Lehrerin und ich von einem langen Spaziergange zurück. Der Morgen war schön gewesen, aber es war drückend heiß geworden, als wir uns endlich auf den Heimweg machten. Ein paarmal rasteten wir unter einem Baum am Wegesrande. Unser letzter Halt fand unter einem wilden Kirschbaum statt, der in kurzer Entfernung vom Hause stand. Der Schatten war angenehm, und der Baum so leicht zu erklettern, daß ich mir mit Hilfe meiner Lehrerin einen Sitz in den Zweigen zu verschaffen vermochte. Es war so kühl auf dem Baum, daß Fräulein Sullivan vorschlug, hier unser Frühstück einzunehmen. Ich versprach ihr, still sitzen zu bleiben, während sie nach Hause ging, es zu holen.
Plötzlich ging eine Veränderung mit dem Baume vor. Alle Sonnenwärme verschwand aus der Luft. Ich wußte, der Himmel war schwarz umzogen, weil alle Hitze, die für mich Licht bedeutete, fort war. Ein seltsamer Geruch stieg aus der Erde empor. Ich kannte ihn, es war der Geruch, der stets einem Gewittersturm vorherzugehen pflegt, und ein namenloser Schreck krampfte mir das Herz zusammen. Ich fühlte mich ganz allein, abgeschnitten von meinen Freunden und der festen Erde. Das Unendliche, das Unbekannte umfing mich. Ich blieb still und ergeben sitzen; ein furchtbares Entsetzen beschlich mich. Ich sehnte mich nach der Rückkehr meiner Lehrerin; vor allem aber wollte ich von dem Baum herunter.
Es trat eine unheilverkündende Stille ein, dann aber begannen alle Zweige zu rauschen. Ein Zittern rann durch den Baum, und es erfolgte ein so heftiger Windstoß, daß er mich herabgeschleudert haben würde, hätte ich mich nicht mit aller Kraft an einem Aste festgeklammert. Der Baum schwankte hin und her. Kleine Zweige wurden abgerissen und fielen rings um mich her zu Boden. Es ergriff mich ein wildes Verlangen, herunterzuspringen, aber der Schreck hielt mich festgebannt. Ich kletterte bis zur Gabelung des Baumes zurück. Die Zweige schwankten rings um mich her. Ich fühlte das Rütteln, das sich dann und wann erhob, als sei etwas Schweres niedergefallen und die Erschütterung habe sich bis zu dem Aste, auf dem ich saß, fortgepflanzt. Meine Aufregung erreichte den höchsten Grad, und gerade als ich glaubte, der Baum würde samt mir zur Erde geschleudert werden, faßte mich meine Lehrerin an der Hand und half mir herunter. Ich klammerte mich zitternd an sie an, froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich hatte etwas Neues gelernt -- daß die Natur in offenem Kriege mit ihren Kindern liegt und daß man sich auch bei ihrem sanftesten Streicheln vor ihren heimtückischen Klauen hüten soll.