Die Geschichte meines Lebens

Part 28

Chapter 282,770 wordsPublic domain

Der Zwischenfall hatte, wie aus Helens eigener Darstellung hervorgeht, auf sie und auf Fräulein Sullivan eine geradezu vernichtende Wirkung. Letztere fürchtete, der Neigung zur Nachahmung, die in Wirklichkeit Fräulein Keller zur Schriftstellerin gemacht hat, allzugroßen Spielraum gelassen zu haben. Aber jetzt, da sie auf der Universität zusammen mit ihrem Zögling in die Geheimnisse des geistigen Schaffens eingedrungen ist, weiß sie, daß der Stil jedes Schriftstellers und in der Tat jedes Menschen, mag er gebildet oder ungebildet sein, eine Erinnerung ist, die sich aus allem, was er gelesen und gehört hat, zusammensetzt. Der Quellen seines Wortschatzes ist er sich größtenteils so wenig bewußt wie des Augenblickes, in dem er die Nahrung zu sich nahm, die einen Teil seines Daumennagels bilden sollte. Bei der Mehrzahl von uns kreuzen und vermischen sich die Zuflüsse aus den verschiedensten Quellen. Ein Kind, dem nur wenige Quellen zur Verfügung stehen, kann das, was es aus jeder einzelnen zieht, getrennt halten. In dieser Lage war Helen Keller, die den Wortlaut einer Geschichte, die sie zu der Zeit, als sie ihr vorgelesen wurde, noch nicht ganz verstand, fast unverändert und ohne Vermischung mit anderen Vorstellungen in ihrem Geiste bewahrte. Die Bedeutung dieses Umstandes kann nicht hoch genug bewertet werden. Er liefert den Beweis dafür, daß der Geist des Kindes Worte in sich aufspeichert, die es gehört hat, und daß diese hier gleichsam auf der Lauer liegen, stets bereit, hervorzutreten, wenn der äußere Anreiz dazu eintritt. Der Grund, weswegen wir diesen Prozeß bei normalen Kindern nicht wahrnehmen, liegt darin, daß wir sie selten als Ganzes beobachten, und daß sie ihre geistige Nahrung aus so vielen Quellen beziehen, daß die Erinnerungsbilder verworren sind und sich gegenseitig aufheben. Das Märchen vom »Frostkönig« trat jedoch nicht unverändert aus Helens Geist hervor, sondern war durch die Eigenart des Kindes umgeformt worden und hatte sich in Worte gekleidet, die aus anderen Quellen stammten. Der Stil von Helens Fassung ist sogar in manchen Beziehungen besser als der von Fräulein Canbys Erzählung. Sie weist die naive Phantasie eines echten Volksmärchens auf, während Fräulein Canbys Erzählung ersichtlich für Kinder von einer älteren Person geschrieben ist, die die Art und Weise eines Feenmärchens annimmt und didaktische Wendungen nicht immer vermeidet. Helens Märchen ist in demselben Sinne ein Original, wie die dichterische Bearbeitung einer alten Sage ein solches ist.

Aller Sprachgebrauch beruht auf Nachahmung, und jemandes Stil ist ein Ausfluß aller Stilarten, die ihm vorgekommen sind.

Der einzige Weg, ein gutes Englisch schreiben zu lernen, ist der, es zu lesen und zu hören. Daher kommt es, daß man jedes Kind ein korrektes Englisch lehren kann, wenn man es kein anderes lesen oder hören läßt. Bei einem Kinde ist die Scheidung des Besseren von dem Schlechteren nicht bewußt; es ist der Sklave seiner sprachlichen Erfahrung.

Der gewöhnliche Mensch wird sich nie von der irrigen Auffassung losmachen können, daß die Worte dem Gedanken gehorchen, daß man zuerst denkt und das Gedachte dann in Worte kleidet. Es muß allerdings zuerst die Absicht, der Wunsch vorhanden sein, etwas auszusprechen, aber der Gedanke nimmt meistenteils erst dann feste Form an, wenn er in Worte gekleidet ist; auf jeden Fall wird der Gedanke dadurch, daß er in Worten ausgedrückt wird, ein selbständiges Gebilde. Worte rufen oft Gedankengänge hervor, und wer das Wort beherrscht, wird Bedeutenderes sagen, als er sonst vermöchte. Als Helen Keller den »Frostkönig« schrieb, sagte sie mehr, als sie selbst glaubte.

Wer einen Satz aus Wörtern bildet, spricht nicht seine Weisheit aus, sondern die Weisheit des Volkes, dessen Leben in den Worten enthalten ist, selbst wenn sie vorher noch nie in dieser bestimmten Weise zusammengesetzt worden sind. Wer Geschichten schreiben kann, denkt an zu schreibende Geschichten. Das Medium der Sprache ruft den Gedanken hervor, den es begleitet, und je bedeutender das Medium ist, desto tiefer sind die Gedanken.

Gebildet ist der, dessen Ausdrucksweise gebildet ist. Der Träger des Denkens ist die Sprache, und im Gebrauch der Sprache muß das taube Kind so gut wie jedes andere unterrichtet werden. Gebt ihm die Sprache, und es erhält mit ihr das Material, aus dem die Sprache gebildet ist, das Denken und die Erfahrungen seines Volkes. Die Sprache muß eine von einem Volke gebrauchte sein, nicht ein Kunstprodukt. Volapük ist ein Unsinn. Das taube Kind, das nur die Gebärdensprache kennt, bleibt bei allen Völkern ein Fremdling; seine Gedanken sind nicht die eines Engländers, eines Deutschen oder eines Franzosen. Das Vaterunser in der Zeichensprache ist nicht das Vaterunser im Englischen.

De Quincey sagt in seiner Abhandlung über den Stil, das beste Englisch finde sich in den Briefen der gebildeten vornehmen Engländerinnen, weil diese nur einige gute Bücher gelesen haben und nicht durch den Zeitungsstil, den Jargon der Straße, des Marktes und der öffentlichen Versammlungen verdorben worden sind.

Genau diese selben äußeren Umstände kommen für Helen Kellers Englisch in Betracht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung bekam sie nur gute Sachen zum Lesen; einiges darunter war allerdings trivial und zeichnete sich auch nicht besonders durch seinen Stil aus, aber nichts war nach Form oder Inhalt geradezu schlecht. Diese glücklichen Verhältnisse haben ihr ganzes bisheriges Leben lang angedauert. Sie hat sich an Werken der Phantasie genährt und aus diesen den Stil großer Schriftsteller in ihr starkes, zähes Gedächtnis aufgenommen. Als sie zwölf Jahre alt war, wurde sie gefragt, was für ein Buch sie auf eine lange Eisenbahnfahrt mitnehmen wolle. »Das verlorene Paradies«, war ihre Antwort, und sie las das Werk im Zuge.

In den Tagen, als Helen den ersten Entwurf ihrer Lebensgeschichte für den »Youth’s Companion« verfaßte,[34] schrieb ihr ~Dr.~ Holmes: „Ich bin entzückt über den Stil Ihrer Briefe. Es ist nichts Affektiertes in ihnen enthalten, und da sie Ihnen unmittelbar von Herzen kommen, so gehen sie auch mir unmittelbar zu Herzen.“

In den Jahren des Uebergangs vom Kinde zur Jungfrau verlor Helens Stil seine frühere Schlichtheit und wurde steif und, wie sie sich selbst ausdrückte, gedrechselt. Damals wurde Fräulein Sullivan oft von der Furcht befallen, daß die Fortschritte ihrer Schülerin mit dem Ende der Kindheit aufhören würden. Zuweilen schien es Fräulein Keller an Geschmeidigkeit zu gebrechen; ihr Gedankengang bewegte sich in herkömmlichen Redewendungen, und sie schien nicht die Kraft zu haben, diese zu ändern oder in neue Bahnen zu lenken, und erst als sie die Kunst des Ausdrucks zum Gegenstand eines bewußten Studiums gemacht hat, hat sie aufgehört, das Opfer der Phrase zu sein. Charles T. Copeland, der lange Jahre hindurch Professor der englischen Sprache und Literatur an der Harvard- und der Radcliffe-Universität gewesen ist, erklärte einst: „In einigen ihrer Arbeiten hat sie gezeigt, daß sie besser schreiben kann, als irgend ein Schüler oder eine Schülerin, die ich je gehabt habe. Sie besitzt ein ausgezeichnetes »Ohr« für den Fluß der Perioden.“ --

In allem, was Fräulein Keller geschrieben hat, zeigt sich, wie bei den meisten großen englischen Schriftstellern, unverkennbar der Einfluß des Stils der Bibel. In ihrer Selbstbiographie finden sich viele Zitate aus der Bibel, entweder als gesonderte Einfügungen in den Text oder in diesen hineinverwoben, während das Ganze ein durchaus selbständiges Gepräge trägt. Ihr Wortschatz umfaßt alle Ausdrücke, die andere gebrauchen, und die Erklärung dieser Erscheinung und zugleich das Vernunftmäßige, das darin liegt, muß jedermann einleuchten. Es liegt kein Grund vor, warum sie alle Wörter, die einen Gehörs- oder Gesichtseindruck bezeichnen, aus ihrem Wörterbuche streichen sollte. Solange sie die Wörter richtig gebraucht, sollte man ihr das Recht einräumen, sie nach freiem Ermessen zu verwenden und dürfte von ihr nicht verlangen, daß sie sich auf einen Wortschatz beschränke, der ihrem Mangel an Seh- und Hörvermögen entspreche. In Bezug auf die Form sowohl wie den Inhalt ihres Buches müssen wir der Künstlerin zugestehen, was wir der Autobiographin versagen. Dazu kommt, daß für »wahrnehmen« von den Blinden die Ausdrücke »blicken« und »sehen« und von den Tauben »hören« gebraucht werden; es sind allgemein verständliche und gebräuchlichere Wörter. Nur ein Wortklauber könnte daran denken, den Blinden auf den Terminus »wahrnehmen« festnageln zu wollen, wenn »sehen« und »blicken« um so viel natürlicher sind und außerdem allgemein sowohl die Bedeutung des geistigen wie des sinnlichen Erkennens haben. Wenn Fräulein Keller eine Statue befühlt, so sagt sie in ihrer natürlichen Ausdrucksweise, während ihre Finger über den Marmor gleiten: Sie sieht aus wie ein Kopf der Flora. --

Andererseits ist es richtig, daß sie in ihren Schilderungen das künstlerisch Beste dann leistet, wenn sie sich streng an ihre eigenen sinnlichen Wahrnehmungen hält, und genau dasselbe gilt von allen Künstlern.

Infolge des Unterrichts in der letzten Zeit hat sie gelernt, ein gut Teil ihrer herkömmlichen Ausdrucksweise über Bord zu werfen und über Erfahrungen ihres Lebens zu schreiben, die sie selbst gewonnen hat. Sie hat mehr und mehr begonnen, den Stil aufzugeben, den sie aus Büchern entlehnte und den sie zu gebrauchen suchte, weil sie wie andere Menschen zu schreiben wünschte; sie hat gelernt, daß sie das Beste gibt, wenn sie »fühlt«, wie die Lilien hin- und herschwanken, sich die Rosen in die Hand drücken läßt und von der Hitze spricht, die für sie Licht bedeutet.

Fräulein Kellers Selbstbiographie umfaßt nahezu alles, was sie zu veröffentlichen beabsichtigte.[35] Es existieren jedoch noch einige kleinere Aufsätze, die weder so formlos wie ihre Briefe noch so sorgfältig abgefaßt sind wie ihre Lebensgeschichte. Einer von diesen enthält Mitteilungen über ihr Traumleben, die bei einer Blinden von doppeltem Interesse sind; wir lassen ihn daher noch in Uebersetzung folgen.

* * * * *

„O, die Streiche, die die Nixe von Traumland uns während des Schlafes spielen! Ich glaube, es sind die Spaßmacher des himmlischen Hofhalts. Oft nehmen sie die Gestalt von Aufsatzthemen an, um mich zu verspotten, sie stolzieren auf der Bühne des Schlafes wie die törichten Jungfrauen einher, nur daß sie anstatt der leeren Lampen saubere Kollegienhefte in ihren Händen halten. Ein andermal examinieren sie mich kreuz und quer in allen Fächern, die ich je studiert habe, und stellen Fragen an mich, die so leicht zu beantworten sind, wie die folgende: Wie hieß die erste Maus, über die sich Hippopotamos, der Satrap von Cambridge unter Astyages, dem Großvater Kyros’ des Großen, ärgerte? Ich wache vor Entsetzen auf, während mir noch die Worte in den Ohren klingen: Eine Antwort oder das Leben!

Solchergestalt sind die verzerrten Phantasien, die durch die Seele eines Mädchens ziehen, das die Universität besucht und, wie ich es tue, in einer Atmosphäre von Ideen und Begriffen lebt, die halb Gedanken, halb Gefühle sind, die sich gegenseitig drängen und jagen, bis man beinahe verrückt wird. Ich habe selten Träume, die nicht im Zusammenhange mit dem stehen, was ich wirklich denke und fühle; aber eines Nachts schien sich meine ganze Natur verwandelt zu haben, und ich stand als mächtiger, furchtbarer Mann vor den Augen der Welt da. Selbstverständlich liebe ich den Frieden und hasse den Krieg nebst allem, was zum Kriege gehört; in der blutbefleckten Laufbahn Napoleons erblicke ich nichts Bewundernswertes, abgesehen von seinem Ende. Nichtsdestoweniger war in jener Nacht der Geist jenes mitleidslosen Menschenschlächters in mich gefahren! Ich werde es nie vergessen, wie die Kampfeswut in meinen Adern tobte -- es schien, als wolle das stürmische Schlagen meines Herzens mir den Atem nehmen. Ich ritt einen feurigen Renner -- ich kann noch jetzt das ungeduldige Emporwerfen seines Kopfes und den Schauer fühlen, der beim ersten Kanonendonner durch seinen Körper rann.

Von dem Gipfel des Hügels aus, auf dem ich stand, sah ich meine Truppen über eine sonnenbeschienene Ebene anstürmen wie zornige Wellen, und als sie sich bewegten, erblickte ich das Grün der Felder, das aussah wie die kühlen Täler zwischen den Wogen. Trompeten erklangen mitten in den unaufhörlichen Trommelwirbel und den Massenschritt der heranmarschierenden Bataillone hinein. Ich spornte mein schnaubendes Roß, schwang mein Schwert in die Höhe und rief: Ich komme! Blickt auf mich, Krieger -- Europa! Ich stürzte mich in die heranbrausenden Wogen wie ein starker Schwimmer in die Brandung taucht und stieß -- ach, es ist die Wahrheit! -- gegen den Bettpfosten.

Jetzt schlafe ich selten, ohne zu träumen; bevor aber Fräulein Sullivan zu mir kam, waren meine Träume selten und mit Ausnahme derer von rein physischer Natur, gedankenarm und zusammenhanglos. In meinen Träumen fiel stets etwas plötzlich und schwer herab, und mitunter schien mich meine Wärterin für mein unfreundliches Benehmen, das ich im Laufe des Tages gegen sie gezeigt hatte, zu züchtigen und mir meine Fußtritte und mein Kneifen mit Wucherzinsen heimzuzahlen. Ich fuhr aus meinem Schlafe empor unter verzweifelten Anstrengungen, meiner Peinigerin zu entgehen. Ich aß sehr gern Bananen und eines Nachts träumte mir, ich fände eine lange Schnur mit diesen Früchten in dem Speisezimmer, in der Nähe des Buffets, alle geschält und von köstlicher Reife, und alles, was ich zu tun hatte, war, daß ich mich unter die Schnur stellte und aß, soviel ich konnte.

Nachdem Fräulein Sullivan zu mir gekommen war, träumte ich umso öfter, je mehr ich lernte; aber mit dem Erwachen meines Geistes stellten sich oft schreckhafte Phantasien und unbestimmte Furchtanwandlungen ein, die meinen Schlaf lange Zeit zu einem sehr unruhigen machten. Ich fürchtete mich vor der Dunkelheit und liebte das Kaminfeuer. Sein warmer Hauch kam mir wie die Liebkosung einer Menschenhand vor, ich glaubte wirklich, es sei ein beseeltes Wesen, imstande, mich zu lieben und zu beschützen. An einem kalten Winterabend war ich allein in meinem Zimmer. Fräulein Sullivan hatte das Licht gelöscht und war fortgegangen, in der Meinung, ich schliefe schon. Mit einem Male fühlte ich mein Bett erzittern, und es war mir, als spränge ein Wolf auf mich zu und heulte mich an. Es war nur ein Traum, aber ich hielt ihn für Wirklichkeit und geriet in das größte Entsetzen. Ich wagte nicht zu schreien, aber ich wagte auch nicht im Bett zu bleiben. Vielleicht war der Traum eine verworrene Erinnerung an das Märchen vom Rotkäppchen, das ich vor kurzem gehört hatte. Jedenfalls schlüpfte ich aus dem Bett und kauerte mich dicht neben dem Feuer nieder, das noch nicht ausgebrannt war. Sobald ich seine Wärme fühlte, war ich beruhigt, und ich saß lange Zeit da und sah es in leuchtenden Wogen höher und immer höher steigen. Schließlich übermannte mich der Schlaf, und als Fräulein Sullivan zurückkehrte, fand sie mich in eine Decke gehüllt am Herde liegen.

Oft, wenn ich träume, ziehen Gedanken durch meinen Sinn wie vermummte Schatten, schweigend und in weiter Ferne, und verschwinden dann. Vielleicht sind es die Geister von Gedanken, die einst den Geist eines Vorfahren von mir bevölkerten. Zu anderen Zeiten fallen die Dinge, die ich gelernt habe, und die, in denen ich unterrichtet worden bin, von mir ab, wie die Eidechse ihre Haut abstreift, und ich erblicke dann meine Seele so, wie Gott sie sieht. Es gibt auch schöne, seltene Augenblicke, in denen ich im Traumland sehe und höre. Wie, wenn in meinen wachen Stunden ein Ton durch die schweigenden Hallen des Gehörs erklänge? Wie, wenn ein Strahl des Lichtes durch die dunklen Gemächer meiner Seele blitzte? Was würde sich dann ereignen? frage ich mich immer und immer wieder. Würde die allzustraff gespannte Saite des Lebens springen? Würde das Herz, überwältigt von freudigem Schreck, infolge des Uebermaßes von Glück aufhören zu schlagen?

[29] Vergl. S. 62 ff.

[30] Gemeint ist der Beitrag Fräulein Sullivans zu dem von dem genannten Bureau herausgegebenen »Souvenir Helen Keller« (vergl. S. 205).

[31] Fräulein Sullivan führt in ihrem Aufsatze folgendes an: Im Laufe des Winters (1891/92) ging ich mit Helen einmal während eines leichten Schneegestöbers in den Hof und ließ sie die herunterfallenden Flocken befühlen. Sie schien sich darüber sehr zu freuen. Als wir wieder hineingingen, äußerte sie folgende Worte: ~Out of the cloud-folds of his garments Winter shakes the snow~. Ich fragte sie, wo sie dies gelesen habe, sie erwiderte, sie könne sich nicht erinnern, es gelesen zu haben, und schien sich auch nicht zu entsinnen, daß ihr die Worte von irgend jemand mitgeteilt worden seien. Da ich selbst diese Worte nie gehört hatte, fragte ich mehrere meiner Bekannten, ob sie sich ihrer erinnern könnten; doch schien dies bei niemand von ihnen der Fall zu sein. Die Lehrer des Instituts versicherten, daß diese Stelle sich in keinem in Hochdruck hergestellten Buche der Bibliothek befinde; aber eine Dame, Fräulein Marret, unterzog sich der Aufgabe, mit gewöhnlichen Typen gedruckte Gedichtsammlungen durchzusehen, ihre Mühe wurde auch belohnt, sie fand in einem der kleinen Gedachte Longfellows mit dem Titel: »~Snow-flakes~« folgende Verse:

~Out of the bosom of the air, Out of the cloud-folds of her garments shaken, Over the woodlands brown and bare, Over the harvest-fields forsaken, Silent, and soft, and slow, Descends the snow.~

Es scheint, daß irgendjemand Helen diese Verse des Dichters einmal mitgeteilt hat und daß sie ihr im Gedächtnis haften geblieben sind bis sie sich heute früh bei dem Schneetreiben ihrer wieder erinnerte.

[32] S. 157 ff.

[33] Vergl. S. 337.

[34] Siehe S. 73 ff.

[35] Im Jahre 1905 erschien ein größerer Essay von ihr, »~Optimism~«.

End of Project Gutenberg's Die Geschichte meines Lebens, by Helen Keller