Die Geschichte meines Lebens

Part 26

Chapter 263,499 wordsPublic domain

Wenn sie unbeschäftigt war, so irrte sie ruhelos durch das ganze Haus und stieß dabei sonderbare, obgleich selten unangenehme Töne aus. Ich habe sie ihre Puppe wiegen sehen, wobei sie ein beständiges monotones Summen hervorbrachte, während sie mit den Fingern der anderen Hand die Bewegungen ihrer Lippen verfolgte. Dies war eine Nachahmung des Wiegengesanges ihrer Mutter. Gelegentlich brach sie in ein lustiges Gelächter aus, und dann streckte sie ihre Hand aus, und legte sie irgend jemand, der sich in ihrer Nähe befand, auf den Mund, um sich zu vergewissern, ob er ebenfalls lache. Konnte sie kein Lächeln entdecken, so gestikulierte sie erregt und versuchte ihre Gedanken zum Ausdruck zu bringen; wenn es ihr aber nicht gelang, den anderen zum Lachen zu bringen, so saß sie ein paar Augenblicke mit verwirrtem und enttäuschtem Gesichtsausdruck still da. Die einzigen Wörter, die sie vor dem März 1890 mit einiger Deutlichkeit auszusprechen gelernt hatte, waren ~papa~, ~mamma~, ~baby~, ~sister~. Diese Wörter hatte sie ohne besondere Unterweisung ihren Bekannten von den Lippen abgelesen. Man sieht, sie enthalten drei vokalische und sechs konsonantische Elemente, und diese bildeten die Grundlage für ihren ersten wirklichen Unterricht im Sprechen.

Zu Ende der ersten Lektion war sie imstande, folgende Laute deutlich auszusprechen[28]: ~a, ä, â, ē, ĭ, ô, c~ (weich wie ~s~ und hart wie ~k~), ~g~ (hart), ~b, l, n, m, t, p, s, u, k, f~ und ~d~. Die Aussprache mehrerer miteinander verbundener harter Konsonanten in demselben Wort fällt ihr jetzt noch schwer; oft unterdrückt sie den einen und verändert den anderen, und manchmal ersetzt sie beide durch einen ähnlichen Laut mit einer sanften Aspiration. Anfangs machte sich die Verwechselung von ~l~ und ~r~ bei ihrem Sprechen recht bemerkbar. Wiederholt wollte sie den einen Laut für den anderen gebrauchen. Die große Schwierigkeit in der Aussprache des ~r~ machte diesen Laut zu einem der letzten, die sie bemeisterte. Auch das ~ch~, ~sh~ und ~g~ verursachten ihr viele Mühe, und sie spricht sie jetzt noch nicht deutlich aus.

Als sie noch nicht eine volle Woche gesprochen hatte, traf sie eines Tages einen ihrer Bekannten, Herrn Rodocanachi; sie begann sofort sich mit der Aussprache seines Namens abzumühen, und ließ nicht eher nach, als bis sie imstande war, das Wort deutlich zu artikulieren. Ihr Interesse erlahmte keinen Augenblick, und in ihrem Eifer, die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich ihr von allen Seiten in den Weg stellten, strengte sie ihre Kräfte bis zum äußersten an und erlernte in elf Lektionen sämtliche einzelnen Elemente der Sprache.“ --

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Gegenwärtig ist ihre Stimme leise und angenehm. Ihre Sprache entbehrt jedoch der Mannigfaltigkeit und Modulation; sie fließt in einem singenden Tonfalle fort, wenn sie laut liest, und wenn sie einigermaßen laut spricht, so bewegt sich ihre Stimme um zwei bis drei Mitteltöne herum. Ihre Stimme besitzt einen ausgesprochen aspirierten Klang; sie hört sich an, als würde auf den Laut zuviel Atem verwendet. Einige von ihren Tönen sind musikalisch und wohlklingend. Erzählt sie eine Kindergeschichte oder trägt sie etwas Pathetisches vor, so gleitet ihre Stimme in angenehmen Uebergängen von einem Tone zum anderen. Ihre Vortragsweise erinnert dann an das nicht völlig gut getroffene Verweilen bei langen Wörtern, das man bei einem Kinde wahrnimmt, welches eine feierliche Geschichte erzählt.

Der Hauptmangel an Helens Sprache besteht in dem Fehlen der Satzbetonung und der Mannigfaltigkeit der Modulation bei dem Aussprechen der einzelnen Satzglieder. Fräulein Keller betont jedes Wort wie ein Ausländer, der noch mit den einzelnen Satzbestandteilen zu kämpfen hat, oder wie Kinder zuweilen in der Schule lesen, wenn sie jedes Wort für sich aussprechen.

Außer dem Englischen spricht sie Französisch und Deutsch. Ihr Freund, Herr John Hitz, dessen Muttersprache das Deutsche ist, bezeichnet ihre Aussprache als ganz vorzüglich. Ein anderer Freund, der sowohl mit dem Englischen wie mit dem Französischen vertraut ist, findet ihr Französisch viel verständlicher als ihr Englisch. Wenn sie englisch spricht, so verteilt sie die Betonung wie im Französischen und legt nicht genügend Nachdruck auf die accentuierten Silben; auch ist ihre Aussprache desselben Wortes von einem Tage zum anderen verschieden.

Sie begeht mitunter Fehler in der Aussprache, wenn sie laut liest und dabei auf ein Wort stößt, das sie noch nie zuvor ausgesprochen hat, mag sie es auch schon verschiedene Male geschrieben haben. Diese Schwierigkeit wird sich jedoch nebst einigen anderen beseitigen lassen, sobald sie und Fräulein Sullivan mehr Zeit haben. Seit 1894 haben sie sich so in ihre Bücher vergraben, daß sie alles vernachlässigten, was nicht unmittelbar mit der nächstliegenden Aufgabe der erfolgreichen Absolvierung ihrer Studien zusammenhing.

Als Helen die Wright-Humason-Schule in New York besuchte, bemühte sich ~Dr.~ Humason, ihre Stimme zu verbessern, und zwar nicht nur die +Aussprache+, und stellte mit ihr Laut- und Stimmübungen an.

Es läßt sich schwer sagen, ob Fräulein Kellers Sprache leicht zu verstehen ist oder nicht. Manche verstehen sie leicht, andere nicht. Ihre näheren Bekannten sind an ihre Sprache gewöhnt und vergessen, daß diese von der normalen abweicht. Kinder finden es selten schwer, sie zu verstehen; dies erklärt sich daraus, daß Helens bedachtsame, wohlabgemessene Sprache der ihrigen gleicht, bevor sie sich den Kunstgriff der Erwachsenen angeeignet haben, alle Wörter eines Satzes in einem Atemzug zu sprechen. Fräulein Keller soll besser sprechen als die meisten Tauben.

Im Ablesen von den Lippen ist sie nicht so gewandt und geschickt, wie von manchen behauptet wird. Es ist für sie höchst mühsam und umständlich, sich auf diesem Wege Kenntnis von dem zu verschaffen, was man ihr mitteilen will, wenn nicht Fräulein Sullivan oder jemand anders, der sich auf das Fingeralphabet versteht, zugegen ist, um Fräulein Keller die gesprochenen Worte in die Hand zu buchstabieren.

Präsident Roosevelt hatte im Frühjahr 1902 wenig Schwierigkeit, sich Fräulein Keller verständlich zu machen; sie verstand jedes Wort, denn des Präsidenten Sprache ist äußerst deutlich.

Man darf nicht vergessen, daß das Sprechen in keiner Weise etwas zu Fräulein Kellers erster Erziehung beitrug, obgleich sie ohne Sprachfertigkeit schwerlich imstande gewesen wäre, die höheren Schulen und die Universität zu besuchen. Aber sie weiß besser als sonst jemand, was für einen unermeßlichen Wert die Sprache für sie hat. Das beredteste Zeugnis dafür legt die Ansprache ab, die Helen am 8. Juli 1896 bei der fünften Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« in Mt. Airy bei Philadelphia gehalten hat. Sie lautet folgendermaßen:

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Wüßten Sie, welche Freude mich beseelt, daß ich imstande bin, heute zu Ihnen zu sprechen, so würden Sie, glaube ich, einen Begriff von dem Werte der Sprache für die Tauben erhalten und verstehen, weshalb ich es wünsche, daß jedes taubstumme Kind auf dieser ganzen großen Welt Gelegenheit fände, sprechen zu lernen. Ich weiß, daß über diesen Gegenstand viel gesprochen und geschrieben worden ist und daß in Bezug auf den mündlichen Unterricht eine große Meinungsverschiedenheit zwischen den Taubstummenlehrern herrscht. Es erscheint mir äußerst seltsam, daß hier überhaupt von einer Meinungsverschiedenheit die Rede sein kann; ich kann nicht verstehen, wie jemand, der sich für unsere Erziehung interessiert, uns die Genugtuung nicht soll nachfühlen können, die wir empfinden, wenn wir imstande sind, unsere Gedanken in lebendigen Worten auszudrücken. Ich für meine Person wenigstens pflege beständig zu sprechen, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen den Genuß schildern soll, den mir dieses gewährt. Natürlich weiß ich, daß es für Fremde nicht immer leicht ist, mich zu verstehen, aber auch das wird sich nach und nach ändern, und inzwischen habe ich das unaussprechliche Glück, zu wissen, daß meine Angehörigen und Freunde sich über meine Fähigkeit zu sprechen freuen. Meine kleine Schwester und mein kleiner Bruder haben es gern, wenn ich ihnen an den langen Sommerabenden Geschichten erzähle, und meine Mutter und meine Lehrerin bitten mich oft, ihnen aus meinen Lieblingsbüchern vorzulesen. Ebenso bespreche ich politische Dinge mit meinem geliebten Vater, und wir entscheiden die verwickeltsten Fragen gerade so befriedigend für uns, wie wenn ich sehen und hören könnte. So sehen Sie, was die Sprache für ein Segen für mich ist. Sie bringt mich in engere und zärtlichere Beziehungen zu denen, die ich liebe, und ermöglicht es mir, mich der trauten Gesellschaft einer großen Zahl von Menschen zu erfreuen, von der ich völlig abgeschnitten sein würde, wenn ich nicht sprechen könnte.

Ich kann mich noch der Zeit entsinnen, bevor ich sprechen lernte, und wie ich mich bemühte, meine Gedanken mittels des Fingeralphabets auszudrücken -- wie meine Gedanken fortwährend gegen meine Fingerspitzen schlugen wie kleine Vögel, die nach Freiheit strebten, bis eines Tages Fräulein Fuller ihnen die Kerkertür weit öffnete und sie entfliehen ließ. Ich möchte wohl wissen, ob sie sich noch daran erinnert, wie munter und fröhlich sie ihre Schwingen entfalteten und davonflatterten. Natürlich fiel ihnen das Fliegen anfangs ziemlich schwer. Die Sprachschwingen waren schwach und gebrochen und hatten alle Anmut und Schönheit verloren, die sie einst besessen hatten; es war in der Tat nichts übriggeblieben als der Trieb, zu fliegen; aber dies war immerhin schon etwas. Wer den Trieb zum Schweben in sich fühlt, kann nie mehr mit dem Kriechen zufrieden sein. Nichtsdestoweniger aber kam es mir bisweilen vor, als würde ich meine Sprachschwingen nie so gebrauchen können, wie ich sie nach Gottes Ratschluß benutzen sollte; es stellten sich mir so viele Hindernisse in den Weg, ich mußte so viele Enttäuschungen erfahren; aber ich ermüdete nicht, da ich wohl wußte, daß Geduld und Ausdauer am Ende den Sieg erringen. Und während ich unausgesetzt an mir arbeitete, baute ich die schönsten Luftschlösser und gab mich den entzückendsten Träumen hin, daß einst eine Zeit kommen würde, da ich so sprechen würde wie andere Menschen, und der Gedanke an die Freude, die meine Mutter empfinden würde, wenn sie noch einmal meine Stimme hören könnte, versüßte mir jede Mühe und machte jeden Fehlschlag zu einem Ansporn, mich das nächstemal noch mehr anzustrengen. Daher möchte ich zu denen, die sprechen lernen, und ebenso zu denen, die diese sprechen lehren, sagen: Seid gutes Mutes! Denkt nicht an die Fehlschläge von heute, sondern an den Erfolg, der morgen kommen wird. Ihr habt euch eine schwierige Aufgabe gestellt, aber ihr werdet euer Ziel erreichen, wenn ihr Ausdauer besitzet und ihr werdet Freude am Ueberwinden von Schwierigkeiten, Genuß am Begehen rauher Pfade finden -- eine Genugtuung, die euch vielleicht nie zuteil würde, wenn ihr nicht ab und zu rückwärts glittet, wenn die Straße stets eben und glatt wäre. Beherziget die Wahrheit, daß keine Anstrengung, die wir machen, um ein herrliches Ziel zu erreichen, je verloren geht. Einst, irgendwo, irgendwie werden wir finden, was wir suchen. Ja, wir werden sprechen und auch singen, wie wir nach Gottes Ratschluß sprechen und singen +sollen+.

[28] Die Buchstaben bezeichnen +englische+ Laute!

Helen Keller als Schriftstellerin.

Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren Pflege. -- Gute Lektüre. -- Unausgesetzte Kontrolle der Stilübungen Helens durch Fräulein Sullivan. -- Fräulein Sullivans Darstellung der Episode mit dem »Frostkönig«. -- Gegenüberstellung der beiden Fassungen des Märchens. -- Fräulein Canbys Aeußerungen über den Zwischenfall. -- Allgemeine Betrachtungen über den »Frostkönig«. -- Kleinerer Aufsatz Helens über ihr Traumleben.

Niemand kann Fräulein Kellers Selbstbiographie lesen, ohne die Empfindung zu haben, daß sie ein außergewöhnlich gutes Englisch schreibt. Jeder Aufsatzlehrer weiß, daß er seine Schüler dahin bringen kann, ohne syntaktische und phraseologische Fehler zu schreiben. Eben diese Korrektheit ist es, die sich Fräulein Kellers früheste Erziehung als ein Ziel gesteckt hat, das jedes gesunde Kind erreichen kann, für die aber auch die Analysis dieser Erziehung eine Erklärung bietet. Diejenigen, die Helen zu einer Ausnahme stempeln möchten, die sich durch keinerlei Analyse ihrer ersten Erziehung erklären ließe, berufen sich zur Unterstützung ihrer Behauptung auf die außerordentliche Gewandtheit, mit der sie schon als Kind die Sprache handhabte.

Diese Berufung ist bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt, denn in der Tat sind der Wohllaut der Sprache und die Schönheit der Gedanken, die den vollendeten Stil ausmachen, freie Gaben der Götter. Kein Lehrer hätte Helen für die Schönheiten der Sprache und das feinere Herüber- und Hinüberspielen der Gedanken empfänglich machen können, das seinen Ausdruck in wohlklingenden Wortzusammenstellungen sucht.

Andererseits kann aber die angeborene stilistische Begabung unterdrückt oder gepflegt werden. Kein Genie vermag aus sich selbst heraus eine schöne Sprache zu schaffen. Der Stoff, aus welchem sich der gute Stil bildet, muß dem Geiste in guter Form von außen her zugeführt werden. Kein noch so begabtes Kind wird ein gutes Englisch schreiben können, wenn es nicht von Jugend auf gutes Englisch gehört hat. In diesem Punkte, wie in allen anderen, hat sich Fräulein Sullivan als weise Lehrerin bewährt. Hätte sie kein Gefühl und keine Begeisterung für gutes Englisch besessen, so würde Helen Keller unter dem Einfluß der »Jugendliteratur« aufgewachsen sein, die unter dem Vorwande eines für Kinder berechneten einfachen Stils das Niveau der Sprache herunterdrückt, als ob Kinderbücher nicht auch in gutem Stile abgefaßt sein könnten, wie z. B. Robinson Crusoe.

Schriebe Fräulein Sullivan ein gewähltes Englisch, so ließe sich die Schönheit von Helen Kellers Stil zum Teil unmittelbar erklären. Aber die mitgeteilten Auszüge aus Fräulein Sullivans Briefen und Berichten weisen, obgleich sie klar und deutlich sind, nicht die Schönheit auf, durch die sich Helen Kellers Englisch auszeichnet. Was sie als Lehrerin des Englischen geleistet hat, darf nicht nach ihrer eigenen stilistischen Gewandtheit bemessen werden. Der Grund, weswegen sie ihrer Schülerin so viele gute Bücher vorlas, liegt zum Teil darin, daß sie erst vor kurzem ihr Augenlicht wieder erlangt hatte. Als sie Helen Kellers Lehrerin wurde, war sie eben erst zum Bewußtsein der in den Büchern ruhenden Schätze erwacht, von denen sie während der langen Jahre ihrer Blindheit ausgeschlossen gewesen war.

In Hauptmann Kellers Bibliothek fand sie ausgezeichnete Bücher vor: Lambs »~Tales from Shakespeare~« und die noch vortrefflicheren Schriften von Montaigne. Nach Ablauf des ersten, dem Elementarunterricht gewidmeten Jahres betrachtete sie ihre Schülerin als mit ihr auf demselben Standpunkt stehend, und nun lasen beide die guten Bücher zusammen, und erfreuten sich an ihnen.

Außer der Wahl guter Bücher gibt es noch einen anderen Grund für Fräulein Kellers ausgezeichnete schriftstellerische Leistungen, der Fräulein Sullivans ausschließliches Verdienst ist. Es ist die unermüdliche und unablässige Kontrolle, die sie in ihrer gesamten Tätigkeit kundgibt. Sie gestattete ihrer Schülerin niemals, einen Brief abzuschicken, der Verstöße gegen den guten Geschmack enthielt, sondern ließ sie ihn immer und immer wieder abschreiben, bis er nicht nur fehlerlos, sondern auch gut stilisiert war.

Ein weiterer Umstand, der zu Helen Kellers meisterhafter Beherrschung der englischen Sprache beigetragen hat, besteht gerade darin, daß sie des Gesichts und Gehörs beraubt ist. Die Nachteile der Taubheit und Blindheit waren überwunden worden, und die Vorteile blieben. Sie zeichnet sich vor anderen Tauben aus, weil sie unterrichtet wurde, als wäre sie normal. Andererseits veranlaßt sie der spezielle Wert, den die Sprache für sie hat (während die Vollsinnigen diese als ebenso selbstverständlich betrachten wie den Gebrauch ihrer rechten Hand), zum Nachdenken über die Sprache und zu deren Wertschätzung. Die Sprache war Helens Befreierin, die sie vom ersten Augenblick an liebte.

Den besten Beweis für Helens frühzeitige Gewandtheit im Gebrauche der englischen Sprache liefert der Zwischenfall mit dem »Frostkönig«. Zu der Darstellung, welche Fräulein Keller selbst davon gibt,[29] tritt ergänzend ein Brief Fräulein Sullivans an den Leiter des »Volta-Bureau« John Hitz in Washington. Es heißt darin unter anderem:

„Vielleicht entsinnen Sie sich, daß in meinem Aufsatz,[30] in dem ich Helens ungewöhnliches Gedächtnis erwähne, sich auch die Bemerkung findet, daß sie in ihrem Geist viele Ausdrucksformen zu bewahren scheint, die sie zu der Zeit, als sie ihr mitgeteilt wurden, wahrscheinlich noch nicht verstand, daß aber mit fortschreitender Entwickelung die in ihrem Gedächtnis aufbewahrte Sprache ganz oder teilweise ihren Ausdruck in Helens Unterhaltung oder ihren schriftlichen Aeußerungen findet, je nachdem sich diese Ausdrucksformen mehr oder weniger ihren neuen Erfahrungen anpassen.[31] Zweifellos ist dies bei jedem intelligenten Kinde der Fall und verdient vielleicht bei Helen nur von dem Gesichtspunkte aus besondere Erwähnung, daß man von einem des Gesichts und Gehörs beraubten Kinde nicht eine so bedeutende geistige Begabung erwartet, wie sie dieses kleine Mädchen tatsächlich zeigt. Es ist daher auch sehr leicht möglich, daß wir geneigt sind, vieles, was wir in Helens Entwickelung entdecken, als wunderbar zu betrachten, was aber in der Tat eine solche Bezeichnung gar nicht verdient.

Ich möchte hinzufügen, daß, während ich nie verkannt habe, daß Helen vielfach Gebrauch von solchen Schilderungen und Vergleichen machte, wie sie ihrer lebhaften Phantasie und feinen poetischen Natur entsprachen, mich neuere Beobachtungen davon überzeugt haben, daß ich früher noch nicht in vollem Maße erkannt habe, bis zu welchem Grade sie sich die Sprache ihrer Lieblingsschriftsteller zu eigen macht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung hatte ich volle Kenntnis von allen Büchern, die sie las, und von nahezu allen Erzählungen, die wir ihr vorlasen, und konnte ohne Schwierigkeit die Quelle aller Anlehnungen feststellen, die ich in ihren schriftlichen Aeußerungen oder ihrer Unterhaltung bemerkte, und ich habe mich immer recht gefreut, zu beobachten, wie angemessen sie die Ausdrücke eines Lieblingsschriftstellers in ihren eigenen Ausarbeitungen anwendet.

Die folgenden Auszüge aus einigen ihrer veröffentlichten Briefe beweisen, wie stark dieses Vermögen, eine schöne Sprache im Gedächtnis zu bewahren, bei ihr ausgebildet ist. An einem schönen sonnigen Tage zu Beginn des Frühlings, den wir im Norden zubrachten, schien die balsamische Atmosphäre in ihr die Empfindung geweckt zu haben, die Longfellow im »Hiawatha« ausspricht, und sie singt beinahe mit dem Dichter: Die Erde erzitterte unter dem Jubel des neuerwachenden Lebens. Mein Herz sang vor lauter Freude. Ich dachte an mein teures Vaterhaus. Ich wußte, daß in jenem sonnigen Lande der Lenz schon in all seiner Pracht erschienen war, mit all seinen Vögeln und all seinen Blüten, all seinen Blumen und seinen Gräsern. --

Um dieselbe Zeit gibt sie in einem Briefe an eine Freundin, in dem sie ihrer südlichen Heimat gedenkt, eine so genaue Umschreibung eines Gedichtes eines ihrer Lieblingsschrifststeller, daß ich die Auszüge aus Helens Brief und dem Gedichte selbst nebeneinanderstellen möchte.

Aus dem »Spring« betitelten Aus Helens Brief. Gedichte von Oliver Wendell Holmes.

~The blue-bird with his ~The blue-bird, breathing from azure plumes, the thrush his azure plumes clad all in brown, the robin The fragrance borrowed from jerking his spasmodic throat, the myrtle blooms; the oriole drifting like a flake The thrush, poor wanderer, of fire, the jolly bobolink and dropping meekly down, his happy mate, the mockingbird Clad in his remnant of imitating the notes of autumnal brown; all, the red-bird with his The oriole, drifting like a one sweet trill, and the busy flake of fire little wren, are all making Rent by a whirlwind from the trees in our front yard a blazing spire; ring with their glad songs.~ The robin, jerking his spasmodic throat, Repeats imperious, his staccato note; The crack-brained bobolink courts his crazy mate, Poised on a bullrush tipsy with his weight: Nay, in his cage the lone canary sings, Feels the soft air, and spreads his idle wings.~

In einem Briefe an eine Freundin im Perkinsschen Institute vom 17. Mai 1889 gibt sie eine Nachbildung eines Andersenschen Märchens, das ich ihr kurz zuvor vorgelesen hatte.[32]

Ihre Bewunderung für die eindrucksvollen Belehrungen, die Bischof Brooks ihr über die Vaterliebe Gottes erteilt hatte, war sehr groß. In einem seiner Briefe spricht er davon, wie Gott uns in allen Dingen von seiner Liebe predigt, und sagt: Er schreibt auf alle Wände des großen Hauses der Natur, in dem wir leben, daß er unser Vater ist. Im darauffolgenden Jahre sagte sie in Andover: Die Welt scheint mir voller Güte, Schönheit und Liebe zu sein, und wie dankbar müssen wir unserem himmlischen Vater sein, der uns so viel Veranlassung zur Freude gegeben hat! Seine Liebe und Treue stehen mit großen Lettern auf allen Wänden der Natur geschrieben. --

Später, als Helen mit so vielen Menschen in Berührung kam, die sich ungezwungen mit ihr unterhalten konnten, wurde sie mit manchen Werken bekannt, von denen ich nichts wußte; auch fand sie in Hochdruckbüchern, bei deren Lektüre ich ihr nicht folgen konnte, viel Material zur Ausbildung ihres Geschmackes an poetischen Schilderungen. Die Blätter des Buches, das sie liest, werden ihr zu Gemälden, denen ihre Phantasie Leben und Farbe verleiht. Die Bilder, die die Sprache des Buches in ihrem Gedächtnis zurückläßt, scheinen einen unauslöschlichen Eindruck auf sie zu machen, und oft, wenn sie einer ähnlichen Situation gegenübersteht, strömt dieselbe Sprache mit wunderbarer Genauigkeit wieder hervor.

Helens Geist ist so geartet, daß die leiseste Anregung genügt, ihr die denkbar größte Fülle äußerer Eindrücke zu vermitteln. Als wir eines Tages in Alabama in der Nähe der Quellen an den Hügelabhängen Feldblumen pflückten, schien sie gleich beim ersten Male zu begreifen, daß die Quellen von Bergen umgeben seien, und rief aus: Die Berge drängen sich um die Quellen, um ihr eigenes schönes Spiegelbild zu betrachten. -- Ich weiß nicht, woher sie diese Ausdrücke hatte; doch ist soviel klar, daß sie ihr von außen zugeflossen sein müssen, da es für ein des Gesichtes beraubtes Kind wohl schwerlich möglich sein dürfte, von selbst auf eine solche Vorstellung zu verfallen. In der Schilderung eines Ausflugs nach Lexington schreibt sie: -- Während wir weiterfuhren, konnten wir sehen, wie die Herrscher des Waldes ihre stolzen Wipfel zu den kleinen Kindern des Waldbodens niederbeugten, um den Geheimnissen zu lauschen, die diese ihnen zuflüsterten. Die Anemone, das wilde Veilchen, das Leberblümchen und die komischen kleinen aufgerollten Farne schauten uns alle unter den braunen Blättern hervor an. -- Sie schließt ihren Brief mit den Worten: Ich muß zu Bett gehen, denn Morpheus hat meine Augenlider mit seinem goldenen Stabe berührt. --