Part 24
Auf die Frage, warum sie Bücher so sehr liebe, erwiderte sie einst: Weil sie mir so viel Interessantes über Dinge erzählen, die ich nicht sehen kann, und weil sie niemals müde oder schlechter Laune sind wie die Menschen. Sie erzählen mir alles und jedes, was ich zu wissen wünsche. --
Als wir Dickens’ »~Child’s History of England~« lasen, kamen wir an den Satz: „Noch war der Mut der Briten nicht gebrochen“. Ich fragte, was dies nach ihrer Meinung bedeute. Sie entgegnete: „Ich glaube, es bedeutet, daß die tapferen Briten nicht entmutigt waren, daß die Römer so viele Schlachten gewonnen hatten, und sie nur umsomehr zu vertreiben wünschten.“ -- Es wäre ihr nicht möglich gewesen, die einzelnen Wörter dieses Satzes zu erklären, und doch faßte sie den Sinn der Stelle ganz richtig auf und war imstande, ihn mit ihren eigenen Worten wiederzugeben. Die nächsten Zeilen enthalten noch schwieriger zu verstehende Wendungen: „Als Suetonius das Land verließ, griffen sie seine Truppen an und eroberten die Insel Anglesea zurück.“ -- Ihre Erläuterung dieses Satzes lautete folgendermaßen: „Es bedeutet, daß, als der römische General fortgegangen war, die Briten wiederum zu kämpfen begannen, und weil die römischen Soldaten keinen General hatten, der ihnen hätte sagen können, was sie tun sollten, so wurden sie von den Briten überwunden und verloren die Insel, die sie erobert hatten.“ --
Sie zieht geistige Beschäftigungen Handarbeiten vor und liebt Häkeln, Stricken und dergl. nicht in dem Maße wie viele blinde Kinder; aber sie will es ihnen durchaus in allen Leistungen gleichtun. Sie hat die Benutzung der Schreibmaschine erlernt und schreibt sehr korrekt, wenn auch bis jetzt noch nicht allzuschnell, da sie erst die Uebung von nicht ganz einem Monat hinter sich hat.
Vor länger als zwei Jahren lehrte ein Vetter sie das Telegraphenalphabet, indem er ihr die Punkte und Striche mit seinem Finger auf dem Rücken ihrer Hand vormachte. So oft sie jemanden antrifft, der mit diesem System bekannt ist, so ist sie erfreut, es bei der Unterhaltung in Anwendung bringen zu können. Ich habe gefunden, daß es ein bequemes Verständigungsmittel zwischen uns abgibt, wenn sich Helen in einiger Entfernung von mir befindet, denn es macht es mir möglich, mit ihr zu sprechen, indem ich mit meinem Fuße auf den Boden klopfe. Sie fühlt die Erschütterungen und versteht, was ich ihr mitzuteilen habe.
Man hatte in Gelehrtenkreisen gehofft, eine so hervorragend begabte Natur wie Helen würde, wenn sie völlig auf ihre eigenen Hilfskräfte angewiesen bliebe, Gelegenheit bieten, verschiedene psychologische Fragen, die von ~Dr.~ Howe noch nicht erschöpfend beantwortet worden waren, ihrer Lösung näher zu bringen; aber diese Hoffnungen sollten nicht in Erfüllung gehen. Bei Helen war ebenso wie bei Laura Bridgman eine Enttäuschung unvermeidlich. Es ist unmöglich, ein Kind inmitten der Gesellschaft so zu isolieren, daß es von den Anschauungen derer, mit denen es zusammenlebt, ganz unbeeinflußt bleibt. Bei Helen hätte eine solche Absicht nur dadurch erreicht werden können, daß man sie dem Verkehr mit anderen, der ihrer Natur so unentbehrlich ist, entzogen hätte.
Es mußte allen, die die rasche Entwickelung von Helens Anlagen beobachteten, klar sein, daß es unmöglich war, ihren wißbegierigen Geist auf die Dauer von der Beschäftigung mit den unergründlichen Geheimnissen des Lebens abzuhalten. Aber es wurde große Sorgfalt darauf verwandt, ihre Gedanken nicht vor der Zeit auf Gegenstände zu lenken, die für jedermann ein unentwirrbares Rätsel bleiben. Kinder stellen tiefe Fragen, erhalten aber oft seichte Antworten, oder, um richtiger zu sprechen, sie beruhigen sich bei solchen Antworten.
„Woher bin ich gekommen?“ -- und „Wohin werde ich gehen, wenn ich sterbe?“ -- waren Fragen, die Helen stellte, als sie acht Jahre alt war. Aber die Erklärungen, die sie damals zu verstehen vermochte, waren unzulänglich, obgleich sie sie zum Schweigen brachten, bis ihr Geist seine höheren Kräfte zu äußern und sie aus zahllosen Eindrücken und Vorstellungen, die ihr aus Büchern und ihren täglichen Erfahrungen zuströmten, allgemeine Schlüsse zu ziehen begann. Ihr Geist forschte nach der Ursache der Dinge.
Sowie ihre Beobachtung der Naturerscheinungen umfassender und ihr Wortvorrat reicher und feiner wurde, sodaß sie imstande war, ihre eigenen Begriffe und Ideen klar auszudrücken und ebenso die Gedanken und Erfahrungen anderer zu verstehen, erkannte sie die Beschränktheit der menschlichen Schöpfungskraft und sah ein, daß eine andere Macht, die höher sei als die menschliche, die Erde, die Sonne und die tausend Naturgegenstände, mit denen sie völlig vertraut war, geschaffen haben müsse.
Schließlich fragte sie eines Tages nach einem Namen für diese Macht, deren Vorhandensein sie schon in ihrem Inneren erkannt hatte.
Durch Charles Kingsley’s »~Greek Heroes~« war sie mit den schönen Sagen über die griechischen Götter und Göttinnen bekannt geworden, und die Wörter Gott, Himmel, Seele und eine große Menge ähnlicher Ausdrücke mußten ihr schon in ihren Büchern begegnet sein.
Sie hatte niemals nach der Bedeutung solcher Wörter gefragt, auch nie eine Bemerkung gemacht, wenn sie vorkamen, und bis zum Februar 1889 hatte niemand zu ihr von Gott gesprochen. Zu jener Zeit versuchte eine liebe Verwandte, die zugleich eine eifrige Christin war, Helen von Gott zu erzählen; da diese Dame aber nicht Worte gebrauchte, die der Fassungskraft des Kindes angemessen waren, so machten diese Unterredungen wenig Eindruck auf Helen. Als ich später mit ihr sprach, sagte sie: „Ich habe Ihnen etwas sehr Spaßiges mitzuteilen. A. sagt, Gott habe mich und jedermann aus Erde gemacht; das muß aber ein Scherz sein. Ich bestehe doch aus Fleisch und Blut und Knochen, nicht wahr?“ -- und dabei untersuchte sie mit offenbarer Genugtuung ihren Arm und lachte aus Herzensgrunde. Nach einem Weilchen fuhr sie fort: „A. sagt, Gott sei überall, und er sei die Liebe; aber ich kann mir niemand denken, der aus Liebe besteht. Liebe ist nur etwas in unserem Herzen drin. Dann sagte A. noch etwas sehr Komisches. Sie sagte, er (nämlich Gott) sei mein lieber Vater. Ich mußte darüber sehr lachen, denn ich weiß, mein Vater heißt Arthur Keller.“ --
Ich setzte ihr auseinander, sie sei noch nicht imstande, das Gesagte zu verstehen, und brachte sie mit leichter Mühe zu der Einsicht, es sei besser, über solche Dinge erst dann zu sprechen, wenn sie klüger geworden sei.
Im Laufe ihrer Lektüre war sie auf den Ausdruck »Mutter Natur« gestoßen, und lange Zeit pflegte sie alles, was nach ihrem Dafürhalten die menschliche Kraft überstieg, der Mutter Natur zuzuschreiben. Wenn sie vom Wachstum einer Pflanze sprach, sagte sie: „Mutter Natur sendet den Sonnenschein und den Regen, damit die Bäume und das Gras und die Blumen wachsen können.“ --
Eines Abends schien Helen nach dem Abendessen etwas ernster zu sein, und Frau H. fragte sie, woran sie dächte. „Ich denke daran, wieviel die liebe Mutter Natur in der Frühlingszeit zu tun hat,“ -- antwortete sie. Als sie gefragt wurde, warum, erwiderte sie: „Weil sie für so viele Kinder zu sorgen hat. Sie ist die Mutter aller Dinge, der Blumen, Bäume und Winde.“ --
„In welcher Weise sorgt denn Mutter Natur für die Blumen?“ -- fragte ich. „Sie sendet den Sonnenschein und den Regen, damit sie wachsen können,“ -- antwortete sie, und nach einem Weilchen fuhr sie fort: „Ich denke mir, der Sonnenschein ist Mutter Naturs warmes Lächeln, und die Regentropfen sind ihre Tränen.“ --
Später sagte sie: „Ich weiß nicht, ob Mutter Natur mich erschaffen hat. Ich denke mir, meine Mutter erhielt mich vom Himmel her, aber ich weiß nicht, wo dieser Ort ist. Ich weiß, daß Tausendschönchen und Stiefmütterchen aus Samenkörnern kommen, die in die Erde gelegt worden sind; aber Kinder wachsen nicht aus der Erde hervor, das weiß ich ganz bestimmt. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wer die Mutter Natur geschaffen hat, können Sie es? Ich liebe den schönen Frühling, weil die knospenden Bäume, die blühenden Blumen und das zarte grüne Laub mein Herz mit Freude erfüllen. Ich muß jetzt in meinen Garten gehen. Die Tausendschönchen und Stiefmütterchen werden glauben, ich habe sie vergessen.“ --
Seit dem Mai 1890 war es mir klar, daß ihre Entwickelung soweit fortgeschritten war, daß die religiösen Anschauungen der Personen ihrer Umgebung ihr nicht länger vorenthalten werden konnten. Sie bestürmte mich förmlich mit Fragen, die der Ausfluß ihrer regen Intelligenz waren.
Anfang Mai schrieb sie folgende Fragen in ihr Notizbuch: „Ich möchte über Dinge schreiben, die ich nicht verstehe. Wer schuf die Erde und die Meere und alles? Was macht die Sonne heiß? Wo war ich, ehe ich zu Mutter kam? Ich weiß, daß Pflanzen aus Samenkörnern emporwachsen, die in der Erde liegen, aber ich bin fest überzeugt, daß Menschen nicht auf diese Weise entstehen. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Kleine Vögel und Hühnchen kommen aus Eiern. Ich habe sie gesehen. Was war das Ei, ehe es ein Ei war? Warum fällt die Erde nicht, da sie doch so groß und schwer ist? Sagen Sie mir etwas, was Vater Natur tut. Kann ich das Buch, die Bibel genannt, lesen? Bitte, sagen Sie Ihrer kleinen Schülerin viele Dinge, wenn Sie viele Zeit haben.“ --
Kann man, wenn man diese Fragen gelesen hat, daran zweifeln, daß das Kind, das imstande war, sie zu stellen, auch imstande war, wenigstens die einfachsten Antworten auf dieselben zu verstehen? Während Helens ganzer Erziehung habe ich unverrückbar daran festgehalten, daß sie verstehen kann, was sie zu wissen wünscht. Hätte freilich in Helens Geist kein solcher Denkprozeß stattgefunden wie der, von dem diese Fragen Zeugnis ablegen, so würde jegliche Erklärung dieser Punkte für sie unverständlich gewesen sein. Ohne jenes Maß geistiger Entwickelung und Regsamkeit, durch das man befähigt wird, die Notwendigkeit einer übermenschlichen schöpferischen Kraft einzusehen, ist keine Erklärung von Naturerscheinungen möglich.
Nachdem es ihr gelungen war, die Ideen, die langsam in ihrem Geist herangewachsen waren, in Worte zu fassen, schienen sie plötzlich all ihr Denken in Anspruch zu nehmen, und sie wollte durchaus alles erklärt haben. Als wir kurze Zeit, nachdem sie diese Fragen niedergeschrieben hatte, an einem großen Globus vorüberkamen, blieb sie vor ihm stehen und fragte: „Wer hat die +wirkliche+ Welt geschaffen?“ -- Ich antwortete: „Niemand weiß es, wie die Erde, die Sonne und alle die Weltkörper, die wir Sterne nennen, entstanden sind; aber ich will dir erzählen, wie kluge Männer es versucht haben, sich deren Entstehung klarzumachen und die großen, geheimnisvollen Kräfte der Natur zu enthüllen.“ --
Sie wußte, daß die Griechen viele Götter hatten, denen sie verschiedene Kräfte beilegten, weil sie glaubten, die Sonne, der Blitz und hundert andere Naturkräfte seien unabhängige, übermenschliche Wesen. Aber nach vielem Nachdenken und Forschen, sagte ich ihr, seien die Menschen zu der Ueberzeugung gelangt, daß all diese Kräfte nur Offenbarungen einer einzigen Macht seien, und dieser Macht hätten sie den Namen Gott gegeben.
Ein paar Minuten war sie still und dachte offenbar angestrengt nach. Dann fragte sie: „Wer hat Gott geschaffen?“ -- Ich war genötigt, diese Frage ausweichend zu beantworten, denn ich konnte ihr das Geheimnis eines durch sich selbst existierenden Wesens nicht erklären. In der Tat würden viele ihrer eifrigen Fragen eine viel klügere Person, als ich bin, in Verwirrung gesetzt haben. Hier sind einige von ihnen: „Woraus machte Gott die neuen Welten? Woher nahm er die Erde, das Wasser, die Samenkörner und die ersten Tiere? Wo ist Gott? Haben Sie Gott je gesehen?“ -- Ich sagte ihr, Gott sei allgegenwärtig, und sie dürfe sich ihn nicht als Person denken, sondern als das Leben, den Geist, die Seele aller Dinge. Sie unterbrach mich: „Nicht alle Dinge haben Leben. Die Felsen haben kein Leben und können nicht denken.“ -- Man muß sie oft daran erinnern, daß es unendlich viele Dinge gibt, die die weisesten Leute auf der Welt nicht zu erklären vermögen.
Helen hat nie Unterricht über Dogmen oder Glaubensbekenntnisse erhalten, noch ist je ein Versuch gemacht worden, ihre Aufmerksamkeit mit Gewalt auf religiöse Lehrmeinungen zu lenken. Da ich mir meiner eigenen Unfähigkeit voll bewußt war, ihr irgendwelche zulängliche Erklärung von den Geheimnissen zu geben, die mit den Begriffen Gott, Seele, Unsterblichkeit verbunden sind, so hielt ich es stets für meine Pflicht, so wenig wie möglich mit meiner Schülerin über religiöse Dinge zu sprechen. Der hochwürdige Herr Philips Brooks[27] hat ihr die Vaterliebe Gottes in ergreifender Weise dargelegt.
Sie hat bis jetzt noch nicht in der Bibel lesen dürfen, weil ich nicht weiß, wie sie dies gegenwärtig tun kann, ohne einen ganz irrigen Begriff von den Eigenschaften Gottes zu bekommen. Ich habe ihr bereits in schlichter Sprache von dem herrlichen, hilfsbereiten Leben Jesu und seinem qualvollen Tode erzählt. Die Erzählung rührte sie tief, als sie sie zum ersten Male hörte.
Als sie auf unsere Unterredung zurückkam, so geschah dies, um zu fragen: „Warum ging Jesus nicht fort, sodaß ihn seine Feinde nicht finden konnten?“ -- Die Wunder Jesu betrachtete sie mit sehr kritischem Auge. Als ihr erzählt wurde, daß Jesus auf dem See einherwandelte, um seinen Jüngern entgegenzugehen, sagte sie sehr entschieden: „Es heißt nicht +wandelte+, sondern +schwamm+.“ -- Als ich ihr davon erzählte, daß Jesus Tote auferweckt habe, wurde sie ganz stutzig und sagte: „Das glaube ich nicht, daß ein Toter wieder lebendig werden kann.“ --
Eines Tages sagte sie traurig: „Ich bin taub und blind. Das ist der Grund, warum ich den lieben Gott nicht sehen kann.“ -- Ich lehrte sie das Wort unsichtbar (~invisible~) und erwiderte ihr: „Wir können Gott nicht mit unseren Augen sehen, weil er ein Geist ist; wenn aber unsere Herzen voll von Güte und Sanftmut sind, dann sehen wir ihn, weil wir ihm dann ähnlicher sind.“ --
Ein anderesmal fragte sie: „Was ist eine Seele?“ -- „Niemand weiß, was die Seele ist,“ -- entgegnete ich; „aber das wissen wir, daß sie nicht der Körper ist und daß sie der Teil von uns ist, der denkt, liebt und hofft und der, wie die Christen glauben, weiterleben wird, wenn der Körper tot ist.“ -- Dann fragte ich sie: „Kannst du dir deine Seele getrennt vom Körper denken?“ -- „O ja,“ antwortete sie; „ich dachte vor einer Stunde sehr lebhaft an Herrn Anagnos, und da war mein Geist -- meine Seele, verbesserte sie sich -- in Athen, aber mein Körper war hier im Unterrichtszimmer.“ -- In diesem Augenblicke schien ihr ein anderer Gedanke durch den Kopf zu gehen, denn sie fügte hinzu: „Aber Herr Anagnos sprach nicht zu meiner Seele.“ -- Ich erklärte ihr, daß auch die Seele unsichtbar oder mit anderen Worten, ohne sinnlich wahrnehmbare Gestalt sei. „Aber wenn ich niederschreibe, was meine Seele denkt,“ versetzte sie, „dann wird sie sichtbar, und die Worte sind dann ihr Körper.“
Längere Zeit darauf sagte Helen zu mir: „Ich möchte sechzehnhundert Jahre leben.“ -- Auf die Frage, ob sie nicht +für immer+ in einem schönen Lande, Himmel genannt, leben wolle, erwiderte sie zunächst: „Wo liegt der Himmel?“ -- Ich mußte zugestehen, dies nicht zu wissen, äußerte aber die Vermutung, es könnte einer von den Sternen sein. Ein Weilchen darauf sagte sie nun: „Wollen Sie nicht die Freundlichkeit haben, zuerst hinzugehen und mir dann alles über ihn erzählen?“ -- und fuhr dann fort: „Tuscumbia ist eine sehr hübsche kleine Stadt.“ -- Es verging mehr als ein Jahr, ehe sie auf das Thema zurückkam, und als sie dies tat, waren ihre Fragen sehr zahlreich und dringend. Sie fragte: „Wo liegt der Himmel und wie sieht es dort aus? Warum können wir über den Himmel nicht soviel wissen wie über fremde Länder?“ -- Ich erklärte ihr in sehr einfacher Sprache, es könne viel Orte mit dem Namen Himmel geben, aber der Hauptsache nach sei er ein Zustand -- die Erfüllung des Sehnens des Herzens, die Befriedigung seiner Wünsche; der Himmel sei überall dort zu finden, wo das Rechte anerkannt, ausgeübt und geliebt werde.
Vor dem Gedanken an den Tod schrak sie mit augenscheinlichem Schauder zurück. Als ihr vor kurzem ein von ihrem Bruder erlegter Hirsch gezeigt wurde, war sie sehr traurig, und fragte bekümmert: „Warum muß alles sterben, selbst der schnellfüßige Hirsch?“ -- Ein andermal fragte sie mich: „Glauben Sie nicht, daß wir alle viel glücklicher sein würden, wenn wir nicht zu sterben hätten?“ -- „Nein,“ entgegnete ich, „denn wenn es keinen Tod gäbe, so würde unsere Welt mit lebenden Geschöpfen bald so überfüllt sein, daß keines von ihnen behaglich leben könnte.“ -- „Aber,“ erwiderte Helen rasch, „meiner Meinung nach hätte Gott ebensogut mehrere Welten erschaffen können, wie er diese eine erschaffen hat.“ --
Als ihr einige Freundinnen von der großen Glückseligkeit erzählten, die unser in einem anderen Leben warte, fragte sie sofort: „Woher wissen Sie das, wenn Sie noch nicht tot gewesen sind?“ --
Der Umstand, daß sie ganz gebräuchliche Worte und Redewendungen mitunter in buchstäblichem Sinne nimmt, beweist, wie nötig es für uns ist, uns zu vergewissern, daß sie diese in ihrer richtigen Bedeutung auffaßt. Als ihr vor kurzem erzählt wurde, die Ungarn seien geborene Musiker, so fragte sie erstaunt: „Singen sie denn, wenn sie geboren werden?“ -- Als ihre Freundin hinzufügte, daß einige Schülerinnen, die sie in Budapest gesehen habe, mehr als hundert Melodien in ihrem Kopfe hätten, antwortete sie lachend: „Dann wird es in ihrem Kopfe wohl sehr geräuschvoll zugehen.“ -- Sie besitzt einen scharfen Blick für das Lächerliche, und anstatt sich durch eine bildliche Ausdrucksweise in Verlegenheit setzen zu lassen, ergötzt sie sich oft an ihrer allzu wörtlichen Auffassung der betreffenden Redewendungen.
Als ihr einmal gesagt worden war, die Seele sei gestaltlos, stutzte sie bei Davids Worten: ‚Er führet meine Seele‘. -- „Hat sie Füße? Kann sie gehen? Ist sie blind?“ fragte sie, denn für die war die Vorstellung des Geführtwerdens mit der Vorstellung des Blindseins verknüpft.
Von allem, was Helen in Unruhe und Verwirrung versetzt, stimmt sie nichts so traurig, wie die Erkenntnis von dem Vorhandensein des Schlechten, und von den Leiden, die aus diesem entspringen. Lange Zeit hindurch war es möglich, sie vor dieser Erkenntnis zu bewahren, und es wird stets verhältnismäßig leicht sein, sie vor persönlicher Berührung mit Laster und Verderbtheit zu behüten. Die Tatsache, daß die Sünde existiert und daß großes Elend aus ihr entspringt, dämmerte ihrem Geiste allmählich auf, je mehr sie das tägliche Leben und seine Erfahrungen kennen lernte. Es mußte ihr die Notwendigkeit von Gesetzen und Strafen erklärt werden. Es wurde ihr sehr schwer, das Vorhandensein des Uebels in der Welt mit der Vorstellung von Gott zu vereinigen, die man ihr eingeprägt hatte.
Eines Tages fragte sie: „Sorgt Gott allezeit für uns?“ -- Als ihr dies bejaht wurde, fuhr sie fort: „Warum hat er denn dann meine kleine Schwester heute morgen fallen lassen, sodaß sie sich den Kopf so arg zerschlagen hat?“ -- Ein andermal fragte sie nach der Allmacht und Güte Gottes. Man hatte ihr von einem schrecklichen Sturme auf der See erzählt, bei dem mehrere Menschen ihr Leben eingebüßt hatten, und sie fragte: „Warum hat Gott die Leute nicht gerettet, wenn er alles zu tun vermag?“
Umgeben von liebenden Angehörigen und Freunden und unter veredelnden Einflüssen aufgewachsen, hat Helen vom Beginne ihrer geistigen Entwickelung an stets bereitwillig das Rechte getan. Sie erkennt mit unfehlbarem Instinkt, was recht ist, und tut es mit Freuden. Sie hält die eine schlechte Handlung nicht für harmlos, eine andere nicht für bedeutungslos, eine dritte nicht für unbeabsichtigt. Für ihre reine Seele ist alles Schlechte gleich häßlich.
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Die letzten Aeußerungen Fräulein Sullivans über ihre Methode finden sich in dem Berichte, den sie für die im Juli 1894 in Chautauqua abgehaltene Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« verfaßt hat. Es heißt darin unter anderem:
Sie dürfen nicht glauben, daß Helen mit einem Schlage den Wortschatz der englischen Sprache zu beherrschen lernte, sobald sie den Gedanken, daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe, erfaßte, oder daß »ihre geistigen Fähigkeiten in voller Waffenrüstung wie Pallas Athene aus Zeus’ Haupt aus der totenähnlichen Erstarrung, in der sie lebend schlummerten, emporstiegen«, wie einer ihrer begeisterten Bewunderer uns glauben machen möchte. Zu Anfang waren die Wörter, Redewendungen und Sätze, deren sie sich zum Ausdruck ihrer Gedanken bediente, sämtlich Nachahmungen derer, die wir in der Unterhaltung mit ihr angewandt hatten und die ihr Gedächtnis unbewußt festgehalten hatte. Und in der Tat, dies trifft auf die Sprache aller Kinder zu. Ihre Sprache ist die Erinnerung an die Sprache, die sie in ihrem Elternhause gehört haben. Die fortwährende Wiederholung der im täglichen Leben üblichen Unterhaltung hat ihrem Gedächtnis gewisse Wörter und Redewendungen eingeprägt, und wenn sie zu sprechen beginnen, so liefert ihnen ihr Gedächtnis die Wörter, die sie stammeln. Gleicherweise ist die Sprache der Gebildeten die Erinnerung an die Sprache der Bücher.
Die Sprache wächst aus dem Leben, dessen Bedürfnissen und Erfahrungen hervor. Anfangs war der Geist meiner kleinen Schülerin völlig leer. Sie hatte in einer Welt gelebt, die sie nicht erkennen konnte. Sprache und Erkenntnis sind unlöslich miteinander verknüpft; sie stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung. Gute Leistungen im Gebrauch der Sprache setzen eine wirkliche Kenntnis der Dinge voraus und hängen von dieser ab. Sobald Helen die Vorstellung faßte, daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe und daß diese Bezeichnungen mit Hilfe des Fingeralphabets anderen übermittelt werden können, ging ich dazu über, ihr Interesse an den Dingen, deren Bezeichnungen sie mit so offenkundiger Freude buchstabieren lernte, wachzurufen. Niemals erteilte ich ihr Unterricht im Sprechen lediglich zu Unterrichtszwecken, sondern ich bediente mich stets der Sprache als eines Mittels zur Gedankenübertragung, und so fiel die Erlernung der Sprache mit der Aneignung von Kenntnissen zusammen. Um die Sprache in vernünftiger Weise zu gebrauchen, muß man etwas haben, worüber man spricht, und dies ist wieder das Ergebnis von Erfahrungen, die man gemacht hat. Kein Maß von Sprachübung wird unsere Kinder befähigen, die Sprache leicht und fließend zu handhaben, wenn sie sich nicht in ihrem Innern klargemacht haben, was sie sagen wollen, oder wenn es uns nicht gelungen ist, in ihnen den Wunsch rege zu machen, zu erfahren, was im Innern anderer Menschen vorgeht.
Anfangs band ich mich bei meinem Unterricht an keinen bestimmten Plan. Ich suchte stets herauszufinden, wofür sich Helen am meisten interessierte, und machte dies zum Ausgangspunkt der neuen Lektion, mochte es nun mit dem Gegenstand, den ich mir zu behandeln vorgenommen hatte, zusammenhängen oder nicht. Während der ersten beiden Jahre ihrer geistigen Entwickelung hielt ich Helen sehr selten zum Schreiben an. Um schreiben zu können, muß man einen Stoff haben, über den man schreibt, und dies erfordert wiederum einige geistige Vorbereitung. Das Gedächtnis muß einen Vorrat von Vorstellungen haben und der Geist muß durch Wissen bereichert sein, bevor das Schreiben eine naturgemäße und angenehme Arbeit wird. Unsere Kinder werden, glaube ich, nur zu häufig zum Schreiben angehalten, ehe sie etwas zu sagen haben. Man lehre sie denken, lesen und aussprechen, was sie meinen, und sie werden schreiben, weil sie nicht anders können.