Die Geschichte meines Lebens

Part 22

Chapter 223,777 wordsPublic domain

Soeben kommen wir aus der Kirche zurück. Hauptmann Keller sagte mir heut beim Frühstück, ich möchte doch heut Helen mit zur Kirche nehmen. Das gesamte Presbyterium würde heut versammelt sein, und er wünsche, daß die Geistlichen Helen kennen lernten. Die Sonntagsschule war im vollen Gange, als wir ankamen, und ich wünschte, Sie hätten das Aufsehen bemerken können, das Helens Eintritt erregte. Die Kinder freuten sich so, sie in der Sonntagsschule zu erblicken, daß sie ihren Lehrern keine Aufmerksamkeit mehr schenkten, sondern ihre Plätze verließen und uns umringten. Helen küßte sie alle, Knaben und Mädchen, mochten sie wollen oder nicht. Anfangs schien sie zu glauben, daß die Kinder sämtlich den fremden Geistlichen gehörten; aber bald erkannte sie unter ihnen einige kleine Freunde, und ich erzählte ihr, daß die Geistlichen ihre Kinder nicht mitgebracht hätten. Sie sah enttäuscht aus und sagte dann: ~I’ll send them many kisses.~ Einer der Geistlichen bat mich, Helen zu fragen, was nach ihrer Meinung die Geistlichen täten. Sie erwiderte: ~They read and talk loud for people to be good.~ Er schrieb sich diese ihre Antwort in sein Notizbuch. Als der Gottesdienst begann, geriet Helen in eine solche Aufregung, daß ich es für das beste hielt, sie aus der Kirche hinauszuführen, aber Hauptmann Keller sagte: Lassen Sie nur; es wird schon gehen. So blieb mir nichts übrig, als auszuharren. Es war unmöglich, Helen zu bewegen, sich ruhig zu verhalten. Sie herzte und küßte mich und den ernst blickenden Geistlichen, der auf der anderen Seite neben ihr saß. Er gab ihr seine Uhr zum Spielen, aber dies brachte sie nicht zur Ruhe; sie wollte sie durchaus dem kleinen Knaben zeigen, der hinter uns saß. Als die Abendmahlsfeier begann, roch sie den Wein und schnüffelte so laut, daß jedermann in der Kirche es hören konnte. Als der Wein unserem Nachbar gereicht wurde, mußte er aufstehen, um zu verhüten, daß sie ihm den Kelch wegnahm. Ich saß wie auf Nadeln und war froh, als wir die Kirche verlassen konnten. Ich suchte Helen rasch hinauszudrängen, aber sie hielt ihren Arm ausgestreckt, und jeder Geistliche, den sie berührte, mußte sich umdrehen und die Anzahl der Kinder angeben, die er zu Hause gelassen hatte, und die entsprechende Menge Küsse in Empfang nehmen. Jedermann lachte über ihre Possen, und man hätte eher glauben können, in einem Vergnügungslokale zu sein als in einer Kirche. Hauptmann Keller lud einige der Geistlichen zu Tisch ein. Helen war ganz außer Rand und Band. Sie beschrieb in den lebhaftesten Pantomimen, die sie durch Buchstabieren zu ergänzen suchte, was sie in Brewster tun wolle. Endlich stand sie vom Tisch auf und tat so, als sammle sie Seetang und Muscheln auf und wate im Wasser umher, wobei sie ihre Röcke höher aufhob, als es unter den gegenwärtigen Umständen schicklich war. Dann warf sie sich zu Boden und begann so energische Schwimmbewegungen zu machen, daß ein Teil der Gäste fürchtete, von den Stühlen gestoßen zu werden. Ihre Bewegungen sind oft ausdrucksvoller als alle Worte, und sie ist so anmutig wie eine Nymphe.

Ich möchte gern wissen, ob Ihnen auch die Zeit so unendlich lang wird wie mir. Wir sprechen und planen und träumen von nichts als von Boston, Boston, Boston. Ich glaube, Frau Keller hat sich jetzt endgültig entschlossen, uns zu begleiten, aber sie will nicht den ganzen Sommer über bleiben.

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15. Mai 1888.

Wissen Sie, daß dies der letzte Brief ist, den ich Ihnen auf lange, lange Zeit hinaus schreibe? Das nächste Wort, das Sie von mir erhalten, wird ein Telegramm sein, das Ihnen meldet, wann wir in Boston eintreffen. Ich bin zu glücklich, um Briefe zu schreiben; aber ich muß Ihnen von unserem Besuche in Cincinnati erzählen.

Wir haben eine genußreiche Woche bei den »Doktoren« verlebt. ~Dr.~ Keller war uns bis Memphis entgegengefahren. Fast jedermann im Zuge war ein Arzt, und ~Dr.~ Keller schien sie alle zu kennen. Als wir in Cincinnati anlangten, fanden wir die Stadt mit Doktoren angefüllt. Es befanden dich mehrere hervorragende Aerzte aus Boston unter ihnen. Wir stiegen in Burnet House ab. Jedermann war von Helen entzückt. All die gelehrten Herren bewunderten ihre Intelligenz und Heiterkeit. Sie hat etwas an sich, was die Leute fesselt. Ich glaube, es ist ihr freudiges Interesse, das sie an allem und an jedermann nimmt.

Wo wir auch waren, stets bildete sie den Mittelpunkt der Gesellschaft. Sie war von dem Orchester im Hotel entzückt, und als das Konzert begann, tanzte sie im ganzen Saale herum und herzte und küßte jeden, der ihr in den Wurf kam. Ihre Fröhlichkeit steckte alle an; keinem erschien sie bemitleidenswert. Ein Herr sagte zu ~Dr.~ Keller: Ich habe lange gelebt und viele glückliche Gesichter gesehen, aber noch nie ein so strahlendes wie das dieses Kindes. Ein anderer sagte: Weiß Gott, ich würde alles, was ich auf der Welt besitze, darum geben, wenn ich dieses kleine Mädchen beständig um mich haben könnte. ~Dr.~ Garcelon holte uns eines Nachmittags zu einem Ausfluge ab und wollte Helen eine Puppe kaufen; aber sie sagte: ~I do not like too many children. Nancy is sick, and Adline is cross, and Ida is very bad.~ Wir lachten, daß uns die Tränen in die Augen traten, so ernst sah sie dabei aus. Was möchtest du denn sonst haben? fragte der Doktor. ~Some beautiful gloves to talk with~, antwortete sie. Der Doktor war ganz erstaunt, da er noch nie etwas von »sprechenden Handschuhen« gehört hatte; ich erklärte ihm aber, Helen habe Handschuhe mit darauf gedrucktem Alphabet gesehen und glaube offenbar, sie könnten gekauft werden. Ich sagte ihm, er könne ein Paar Handschuhe kaufen, wenn er wolle, und ich würde dann das Alphabet darauf pressen lassen.

Wir frühstückten mit Herrn Thayer (Ihrem früheren Seelsorger) und seiner Gattin. Er fragte mich, in welcher Weise ich Helen die Adjektiva und die Bezeichnungen für abstrakte Begriffe, wie Güte und Glück, beigebracht hätte. Diese selben Fragen sind mir wohl hundertmal von den gelehrten Doktoren vorgelegt worden. Es kommt mir sonderbar vor, daß man sich über etwas wundert, was doch in der Tat so einfach ist. Gewiß ist es ebenso leicht, dem Kinde die Bezeichnung für einen Begriff beizubringen, der ihm klar vor der Seele steht, wie die Bezeichnung für einen Gegenstand. Allerdings würde es eine Herkulesarbeit sein, Wörter zu lehren, wenn die betreffenden Vorstellungen nicht schon in der Seele des Kindes vorhanden wären. Wenn seine Erfahrungen und Beobachtungen ihm nicht zu den Begriffen »groß«, »klein«, »gut«, »schlecht«, »süß«, »sauer«, verholfen hätten, so würde es nichts mit diesen Wortgebilden verbinden können.

Ich dummes Ding fand mich in die Lage versetzt, den aus Ost und West versammelten Weisen so einfache Dinge wie die folgenden klarmachen zu müssen: Wenn Sie einem Kinde etwas Süßes geben, und es seine Zunge bewegt, sich die Lippen leckt und ein vergnügtes Gesicht macht, so hat es eine ganz bestimmte Empfindung, und wenn es jedesmal, so oft es diese Empfindung hat, das Wort »süß« hört oder in die Hand buchstabiert bekommt, so wird es rasch diese willkürliche Bezeichnung für diese Empfindung annehmen. Legen Sie ihm dagegen ein Stück Citrone auf die Zunge, so wirft es die Lippen auf und versucht es auszuspucken, und wenn es diese Erfahrung ein paarmal gemacht hat, so schließt es seinen Mund und verzieht sein Gesicht, wenn man ihm eine Citrone zeigt, und gibt dadurch deutlich zu verstehen, daß es sich der unangenehmen Empfindung erinnert. Sie nennen diese »sauer«, und das Kind nimmt diese Bezeichnung an. Hätten Sie diese Empfindungen »schwarz« und »weiß« genannt, so würde das Kind diese Bezeichnungen ebensoleicht akzeptiert haben; aber es würde unter »schwarz« und »weiß« genau dasselbe verstehen, was es jetzt unter »süß« und »sauer« versteht. Auf diese Weise lernt das Kind aus einer Reihe von Erfahrungen den Unterschied seiner Empfindungen kennen, und wir benennen sie »gut«, »schlecht«, »freundlich«, »rauh«, »froh«, »traurig«. Nicht das Wort, sondern das Vermögen, sich der Empfindung bewußt zu werden, ist es, worauf es bei der Erziehung ankommt.

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Folgender Auszug aus einem von Fräulein Sullivans Briefen enthält interessante pädagogische Betrachtungen:

Wir besuchten eine kleine Taubstummenschule. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen, und Helen freute sich, mit Kindern zusammenzusein.

Zwei von den Lehrern kannten das Fingeralphabet und sprachen ohne Dolmetscher mit ihr. Sie waren erstaunt, in welchem Grade sie die Sprache beherrschte. Kein einziges Kind in der Schule, versicherten sie, besäße eine ähnliche Gewandtheit des Ausdrucks, und einige von ihnen würden schon zwei bis drei Jahre unterrichtet. Ich wollte dies zuerst nicht glauben; nachdem ich aber die Kinder ein paar Stunden bei ihren Arbeiten beobachtet hatte, erkannte ich, daß man mir die Wahrheit gesagt hatte, und ich wunderte mich nicht mehr darüber. In einem Zimmer standen einige kleine Knirpse und bildeten im Schweiße ihres Angesichts »einfache Sätze«. Ein kleines Mädchen hatte geschrieben: Ich habe ein neues Kleid. Es ist ein hübsches Kleid. Meine Mama hat mein hübsches, neues Kleid gemacht. Ich liebe Mama. -- Ein kleiner Knabe mit einem Lockenkopf schrieb soeben: Ich habe einen großen Ball. Ich liebe es, meinen großen Ball mit dem Fuße zu stoßen. -- Als wir in das Zimmer traten, richtete sich die Aufmerksamkeit der Kinder auf Helen. Eins von ihnen faßte mich am Aermel und sagte: Mädchen ist blind. Die Lehrerin schrieb an die Wandtafel: Der Name des Mädchens ist Helen. Sie ist taubstumm. Sie kann nicht sehen. Wir bedauern sie sehr. Ich fragte: Warum schreiben Sie diese Sätze an die Tafel? Würden die Kinder es nicht verstehen, wenn Sie zu ihnen über Helen sprächen? Die Lehrerin sagte etwas über die Erlernung der richtigen Satzkonstruktion und fuhr in ihrer schriftlichen Stilübung über Helen fort. Ich fragte sie, ob das kleine Mädchen, das über das neue Kleid geschrieben hatte, sich wirklich so besonders über ihr Kleid gefreut habe. -- Nein, antwortete sie, ich glaube nicht, aber Kinder lernen besser, wenn sie über etwas schreiben, was sie persönlich berührt. -- Es erschien mir alles so mechanisch und schwer, das Herz tat mir beim Anblick dieser armen Kinder weh. Niemand denkt daran, gleich zu Anfang ein hörendes Kind sagen zu lassen: Ich habe ein hübsches neues Kleid. Diese Kinder waren zwar älter an Jahren, als das Baby, das da lallt: Papa küß Baby -- hübsch -- und den Sinn seiner Rede ergänzt, indem es auf sein neues Kleid deutet; aber ihre Gewandtheit im Verstehen und im Gebrauch der Sprache war nicht größer.

Diesen selben Uebelstand bemerkte ich in dem ganzen Betriebe der Schule. In jedem Klassenzimmer sah ich Sätze an der Wandtafel, die augenscheinlich zur Erläuterung einer grammatischen Regel oder zum Zwecke der Einübung von Wörtern hingeschrieben worden waren, die vorher in derselben oder in einer anderen Verbindung vorgekommen waren. Derlei mag für bestimmte Unterrichtsstufen angebracht sein; aber es ist nicht der richtige Weg zur Erlernung der Sprache. Nichts, glaube ich, unterdrückt den Trieb des Kindes, natürlich zu sprechen, mehr als diese Uebungen an der Wandtafel. Das Schulzimmer ist nicht der geeignete Raum, einem Kinde das Sprechen beizubringen, am allerwenigsten aber einem taubstummen Kinde. Dieses darf sich ebensowenig wie ein hörendes Kind der Tatsache bewußt werden, daß es Wörter lernt, und es sollte ihm gestattet sein, sich mit Hilfe seiner Finger oder des Bleistiftes verständlich zu machen, meinetwegen in einzelnen Silben, bis die Zeit kommt, in der seine wachsende Intelligenz nach dem Satze verlangt. Der Gedanke an die Sprache sollte in dem Geiste des Kindes nicht mit der Erinnerung an endlose Schulstunden, an schwierig zu beantwortende grammatische Fragen, oder an irgend etwas verknüpft sein, was der Lebensfreude feindlich in den Weg tritt.

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Fräulein Sullivans zweiter Beitrag für den Jahresbericht des Perkinsschen Instituts reicht bis zum 1. Oktober 1888.

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In dem vergangenen Jahre hat sich Helen einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut. Ihre Augen und Ohren sind von Spezialisten untersucht worden, und diese sind der Meinung, daß sie nicht die geringste Licht- oder Schallempfindung haben kann.

Es läßt sich unmöglich genau angeben, in welchem Umfange ihr der Geruchs- und der Geschmackssinn beim Erkennen der natürlichen Eigenschaften der Dinge behilflich sind; aber nach einer hervorragenden Autorität üben diese Sinne einen großen Einfluß auf die geistige und sittliche Entwicklung des Menschen aus. Helen schöpft aus diesen Sinnestätigkeiten zweifellos einen hohen Genuß. Beim Eintritt in ein Gewächshaus nimmt ihr Gesicht einen strahlenden Ausdruck an, und sie benennt die Blumen, die ihr bekannt sind, nur nach dem Geruche. Ihre Erinnerungen an Geruchsempfindungen sind sehr lebhaft. Sie freut sich schon im voraus auf den Duft einer Rose oder eines Veilchens, und wenn ihr ein Strauß dieser Blumen versprochen wird, so überfliegt ein besonders glücklicher Ausdruck ihre Züge und beweist, daß sie in der Phantasie deren Geruch empfindet und daß er ihr angenehm ist. Es kommt häufig vor, daß der Duft einer Blume oder der Geruch einer Frucht ihr irgend ein frohes Ereignis aus dem Familienleben oder ein heiteres Geburtstagsfest vergegenwärtigt.

Ihr Gefühlssinn hat in diesem Jahre an Schärfe und Feinheit merklich zugenommen. In der Tat ist ihr ganzer Körper so fein organisiert, daß er ihr als Mittel zu dienen scheint, sich mit ihren Mitmenschen in nähere Beziehungen zu setzen. Sie ist nicht nur imstande, die von den verschiedenen Tönen und Bewegungen hervorgebrachten Schwingungen der Luft und Erschütterungen des Bodens zu unterscheiden und ihre Freunde und Bekannten sofort zu erkennen, wenn sie deren Hände oder Kleider berührt, sondern sie erkennt auch die Gemütsstimmung der Personen ihrer Umgebung. Es ist unmöglich für jemand, mit dem sich Helen unterhält, besonders heiter oder traurig zu sein und ihr diesen Umstand verhehlen zu wollen.

Sie bemerkt den leichtesten Nachdruck, der in der Unterhaltung auf ein Wort gelegt wird und weiß jede Veränderung sowie das wechselvolle Spiel der Handmuskeln zu deuten. Sie beantwortet rasch den leisen Druck der Zuneigung, den kräftigen der Zustimmung, das Zucken der Ungeduld, die feste Bewegung beim Befehl und die vielen anderen Verschiedenheiten der fast unendlich reichen Sprache der Gefühle, -- und sie hat sich eine solche Uebung in dem Verständnis dieser unbewußten Sprache der Gemütserregungen erworben, daß sie oft imstande ist, unsere innersten Gedanken zu erraten.

Als sie eines Tages mit ihrer Mutter und Herrn Anagnos spazieren ging, warf ein Knabe eine Knallerbse vor ihnen auf den Boden, worüber Frau Keller erschrak. Helen bemerkte sofort die Veränderung in den Bewegungen ihrer Mutter und fragte: ~What are we afraid of?~ Als ich einst mit ihr im Parke spazieren ging, sah ich, wie ein Polizeibeamter einen Mann zur Wache brachte. Die Erregung, die ich empfand, brachte eine deutlich bemerkbare körperliche Veränderung bei mir hervor; denn Helen fragte aufgeregt: ~What do you see?~

Einen schlagenden Beweis für das Vorhandensein dieses auffallenden Vermögens lieferte eine ärztliche Untersuchung von Helens Ohren in Cincinnati: Es wurden verschiedene Versuche gemacht, um positiv festzustellen, ob sie eine Schallempfindung habe oder nicht. Alle Anwesenden waren erstaunt, als sie nicht allein einen Pfiff, sondern auch den gewöhnlichen Klang der menschlichen Stimme zu vernehmen schien. Sie wandte den Kopf um, lächelte und verhielt sich so, als ob sie gehört hätte, was gesprochen worden war. Ich stand neben ihr und hielt ihre Hand in der meinigen. Da ich glaubte, sie habe Eindrücke durch mich erhalten, legte ich ihre Hände auf den Tisch und zog mich nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers zurück. Die Ohrenärzte nahmen nun ihre Versuche von neuem auf, aber mit ganz abweichenden Ergebnissen. Helen blieb während der ganzen Dauer der Experimente völlig teilnahmlos und verriet nicht im mindesten, daß sie etwas von dem Gesprochenen verstand. Auf meinen Vorschlag faßte einer der Herren sie bei der Hand, und die Anzeichen des Verständnisses wiederholten sich. Diesmal veränderten sich ihre Züge, so oft sie angeredet wurde, aber es trat kein so entschiedenes Aufleuchten ihres Antlitzes ein wie vorher, als ich ihre Hände festhielt.

Einige Zeit nach dem obenerwähnten Besuch auf dem Kirchhofe (s. S. 253) interessierte sich Helen für ein Pferd, das sich infolge eines Unfalls ein Bein schwer verletzt hatte, und ging täglich mit mir hin, um es zu besuchen. Das verwundete Bein wurde bald so schlimm, daß das Pferd an einem Balken aufgehängt werden mußte. Das Tier stöhnte vor Schmerz, und Helen, die sein Stöhnen vernahm, wurde von Mitleid erfüllt. Zuletzt wurde es nötig, das Pferd zu töten, und als sie es das nächstemal besuchen wollte, sagte ich ihr, es sei +tot+. Dies war das erstemal, daß sie das Wort hörte. Ich setzte ihr dann auseinander, daß es erschossen worden sei, um von seinen Schmerzen erlöst zu werden, und daß man es +begraben+ -- in die Erde gelegt habe. Ich bin geneigt, zu glauben, daß die Vorstellung, es sei absichtlich erschossen worden, keinen tiefen Eindruck auf sie machte; aber ich glaube, sie begriff die Tatsache, daß das Leben in dem Pferde erstorben war, wie bei den toten Vögeln oder anderen kleinen Tieren, von denen sie schon vor meiner Ankunft in Tuscumbia eines oder das andere in der Hand gehabt hatte, und ebenso daß das Pferd begraben worden war. Seit diesem Vorfall habe ich das Wort +tot+ stets gebraucht, wann sich die Gelegenheit dazu bot, ohne mich aber auf weitere Erläuterungen einzulassen.

Während wir nun in Brewster in Massachusetts einen Besuch machten, begleitete Helen eines Tages meine Freundin und mich auf den Kirchhof. Sie untersuchte einen Stein nach dem anderen und schien sich zu freuen, wenn sie einen Namen entziffern konnte. Sie roch an den Blumen, zeigte aber kein Verlangen, sie zu pflücken, und als ich ihr einige pflückte, wollte sie sich dieselben nicht anstecken lassen. Als ihre Aufmerksamkeit von einer Marmorplatte, auf der der Name Florence in erhabenen Buchstaben ausgemeißelt war, gefesselt wurde, kauerte sie sich auf den Boden nieder, als suche sie etwas, wandte sich dann mit ganz verstörtem Gesicht zu mir und fragte: ~Where is poor little Florence?~ Dann setzte sie hinzu: ~I think she is very dead. Who put her in big hole?~ Als sie mit diesen traurig stimmenden Fragen fortfuhr, verließen wir den Kirchhof. Florence war die Tochter meiner Freundin, die als erwachsenes junges Mädchen gestorben war; ich hatte aber Helen nichts von ihr erzählt; ja, sie wußte nicht einmal, daß meine Freundin eine Tochter gehabt hatte. Helen hatte ein Bett und einen Wagen für ihre Puppen geschenkt bekommen, die sie benutzte wie alle anderen Geschenke. Als wir vom Kirchhofe nach Hause kamen, lief sie in das Zimmer, wo diese aufbewahrt wurden, und brachte sie meiner Freundin mit den Worten: ~They are poor little Florence’s.~ Dies traf zu, obgleich wir es nicht begriffen, wie sie dies hatte erraten können. Ein Brief, den sie im Laufe der nächsten Woche an ihre Mutter schrieb, schildert ihre Eindrücke mit ihren eigenen Worten:

Ich lege meine kleinen Kinder in Florences kleines Bett, und fahre sie in ihrem Wagen umher. Die arme kleine Florence ist tot. Sie war sehr krank und starb. Frau H. weinte laut um ihr liebes kleines Kind. Sie ging in die Erde, und sie ist schmutzig, und sie friert (~She got in the ground and she is very dirty, and she is cold~). Florence war sehr hübsch wie Sadie, und Frau H. küßte und herzte sie oft. Florence ist sehr traurig in dem großen Loche (~Florence is very sad in big hole~). Doktor gab ihr Medizin, um sie gesund zu machen, aber die arme Florence wurde nicht gesund. Als sie sehr krank war, hustete und stöhnte sie im Bett. Frau H. will sie bald besuchen.

Trotz der großen Regsamkeit ihres Geistes ist Helen ein ganz natürliches Kind. Sie liebt Scherz und Spiel und überhäuft andere Kinder mit Zärtlichkeiten. Sie ist niemals heftig oder reizbar, und ich habe sie nie ungeduldig gesehen, wenn ihre Spielgefährten sie nicht verstanden. Sie kann stundenlang mit Kindern spielen, die nicht ein einziges Wort von dem verstehen, was sie ihnen in die Hand buchstabiert, und es ist rührend, ihre lebhaften Bewegungen und ihre leidenschaftlichen Gesten zu beobachten, mittels deren sie ihre Gedanken und Empfindungen auszudrücken sucht. Gelegentlich versucht ein kleiner Knabe oder ein kleines Mädchen das Fingeralphabet zu erlernen. Dann gewährt es einen hübschen Anblick, zu sehen, mit welcher Geduld, Sanftmut und Ausdauer Helen sich bemüht, die ungelenken Finger ihrer kleinen Freunde in die richtige Lage zu bringen.

Eines Tages, als Helen ein kleines Jackett trug, auf das sie sehr stolz war, sagte ihre Mutter zu ihr: Es ist hier ein armes kleines Mädchen, das keinen Mantel hat, um sich zu wärmen. Willst du ihr nicht den deinen geben? Helen begann sofort ihr Jackett auszuziehen und sagte: Ich muß es einem armen kleinen fremden Mädchen geben.

Für Kinder, die jünger sind als sie selbst, hegt sie eine große Zuneigung, und ein Wiegenkind ruft stets alle mütterlichen Instinkte ihrer Natur wach. Sie behandelt ein solches Kind so zärtlich, wie es die sorgsamste Wärterin nicht besser tun könnte, und gibt allen seinen Launen nach.

Obgleich sie im allgemeinen sehr geselligen Charakters ist, kann sie sich doch, wenn sie allein ist, stundenlang mit Stricken oder Nähen die Zeit vertreiben.

Sie liest viel. Sie beugt sich mit gespanntem Blick über ihr Buch, und während der Zeigefinger ihrer linken Hand über die Zeilen hingleitet, buchstabiert sie die Wörter mit der anderen Hand; oft sind aber ihre Bewegungen so rasch, daß sie selbst für diejenigen unverständlich sind, die daran gewöhnt sind, den schnellen Bewegungen ihrer Finger zu folgen.

Jede auch noch so leise Gefühlsregung findet in ihrem lebhaften Mienenspiel ihren Ausdruck. Ihr Verhalten ist natürlich und ungezwungen, und wegen ihrer Offenheit und augenscheinlichen Aufrichtigkeit bezaubernd. Ihr Gemüt ist zu selbstlos und liebevoll, als daß sie sich etwas von Unfreundlichkeit träumen ließe. Sie kann sich nicht vorstellen, daß jemand anders als liebreich und gut sein könnte. Sie ist sich keines Grundes bewußt, weswegen sie sich vor irgend etwas fürchten sollte; infolgedessen sind ihre Bewegungen frei und anmutig.

Zu allen lebenden Wesen im Hause hegt sie eine große Zuneigung und will nicht, daß sie unfreundlich behandelt werden. Wenn sie im Wagen ausfährt, so will sie dem Kutscher nicht erlauben, die Peitsche zu gebrauchen, denn, sagt sie, „~poor horses will cry~“. Eines Morgens war sie sehr betrübt, als sie fand, daß einem der Hunde ein großes Stück Holz am Halsbande angebunden war. Wir erklärten ihr, dies sei geschehen, damit Pearl nicht fortlaufe. Helen drückte tiefes Mitgefühl dabei aus und suchte im Laufe des Tages bei jeder Gelegenheit Pearl auf, um ihm die Last tragen zu helfen.

Ihr Vater schrieb ihr im vergangenen Sommer, daß die Vögel und Bienen ihm alle seine Weintrauben auffräßen. Zuerst war sie ganz empört darüber und meinte, die kleinen Tiere seien „~very wrong~“; sie schien sich aber zu beruhigen, als ich ihr erklärte, die Vögel und Bienen seien hungrig und wüßten nicht, daß es egoistisch sei, alle Früchte aufzuzehren. In einem kurze Zeit darauf geschriebenen Briefe wiederholte sie das von mir Gesagte fast wörtlich.

Sie macht immer größere Fortschritte in der Aneignung der Sprache, je umfassender ihre Kenntnisse werden. Als diese noch gering waren, blieb ihr Wortschatz naturgemäß beschränkt; je mehr sie aber von der sie umgebenden Welt kennen lernt, desto zutreffender wird ihr Urteil, desto eindringender, lebhafter und schärfer ihr Verstand und desto fließender und logischer die Sprache, in der sie ihre regen Gedanken ausdrückt.