Part 21
Ich hielt nun die Zeit für gekommen, sie gedruckte Wörter lesen zu lehren. Ein Pappstreifen, auf dem in erhöhten Buchstaben das Wort ~box~ gedruckt war, wurde auf den betreffenden Gegenstand gelegt und derselbe Versuch bei einer großen Menge anderer Dinge wiederholt; aber Helen begriff nicht sofort, daß das auf den Gegenstand gelegte Wort diesen selbst bezeichne. Dann nahm ich einen Bogen mit dem Alphabet und legte ihren Finger auf den Buchstaben ~A~, indem ich zugleich mit meinen Fingern ihr ~A~ in die Hand buchstabierte. Sie bewegte ihren Finger von einem gedruckten Buchstaben zum anderen, sowie ich ihr den einzelnen Buchstaben in die Hand buchstabierte. Sie lernte alle Buchstaben, große und kleine, an einem Tage. Dann nahm ich die erste Seite der Fibel vor und ließ sie das Wort ~cat~ befühlen, indem ich es ihr zu gleicher Zeit mit meinen Fingern zubuchstabierte. Sie verstand mich sofort und bat mich ~dog~ und viele andere Wörter aufzusuchen. Auch war sie sehr enttäuscht, weil ich ihren Namen in dem Buche nicht finden konnte. Damals hatte ich noch keine Sätze in Hochdruck, die sie hätte verstehen können; aber sie konnte stundenlang dasitzen und jedes Wort in ihrem Buche befühlen. Stieß sie auf eines, das ihr bekannt war, so nahm ihr Gesicht einen wahrhaft strahlenden Ausdruck an, und ihre Züge wurden von Tag zu Tag sanfter und ernster. Um diese Zeit sandte ich ein Verzeichnis der ihr bekannten Wörter an Herrn Anagnos, und er hatte die große Güte, sie für Helen in Hochdruck herzustellen. Frau Keller und ich schnitten mehrere Bogen mit gedruckten Wörtern auseinander, sodaß Helen die Wörter zu Sätzen aneinanderreihen konnte. Dies machte ihr mehr Vergnügen als alles, was sie bisher getan hatte, und die so gewonnene Uebung erleichterte ihr das Erlernen des Schreibens. Es hielt nicht schwer, ihr klarzumachen, daß sie dieselben Sätze, die sie jeden Tag mit Hilfe der Pappstreifen bildete, auch mit Bleistift auf Papier schreiben könne, und sie begriff sehr bald, daß sie sich nicht auf die schon erlernten Redewendungen zu beschränken brauche, sondern jeden Gedanken, der ihr durch den Kopf ging, damit ausdrücken könne. Ich legte ihr eine von den Schreibtafeln, wie sie von den Blinden benutzt werden, zwischen die Bogen Papier auf dem Tische und ließ sie ein Alphabet der quadratischen Buchstaben, wie sie sie schreiben konnte, befühlen. Dann führte ich ihr die Hand und half ihr den Satz bilden: ~Cat does drink milk.~ Als die damit fertig war, war sie überglücklich und brachte ihn freudestrahlend ihrer Mutter, die ihn ihr in die Hand buchstabierte.
Tag für Tag bewegte sie nun ihren Bleistift in denselben vorgezeichneten Linien auf dem Papier entlang, ohne auch nur einen Augenblick die geringste Ungeduld oder Ermüdung zu verraten.
Da sie nunmehr gelernt hatte, ihre Gedanken schriftlich auszudrücken, unterrichtete ich sie in der Brailleschrift. Das Erlernen des Systems machte ihr Freude, da sie bald entdeckte, sie könne jetzt selbst lesen, was sie geschrieben habe. Ganze Abende kann sie still am Tische sitzen und niederschreiben, was ihr in das lebhaft arbeitende Gehirn kommt, und es fällt mir selten schwer, zu lesen, was sie geschrieben hat.
Ihre Fortschritte im Rechnen sind gleichfalls bedeutend. Sie kann mit großer Schnelligkeit bis zur Summe von hundert addieren und subtrahieren, und in der Multiplikation kennt sie das Einmaleins bis zur Fünferreihe. Kürzlich beschäftigte sie sich mit der Zahl vierzig; als ich zu ihr sagte: Dividiere sie durch zwei, antwortete sie unverzüglich: zwanzigmal zwei ist vierzig. Später sagte ich: Nimm drei fünfzehnmal und zähle, was herauskommt. Ich wünschte, sie sollte Gruppen von je drei Steinen bilden und glaubte, sie würde sie dann zählen müssen, um herauszubekommen, wieviel fünfzehnmal drei ist. Aber sie buchstabierte mir sofort die Antwort zu: Fünfzehnmal drei ist fünfundvierzig.
Als ihr einmal gesagt wurde, sie sei weiß und eine der Dienerinnen schwarz, folgerte sie, daß alle, die eine ähnliche Lebensstellung innehätten, von derselben Farbe seien, und wenn sie nach der Farbe eines Dienstboten gefragt wurde, antwortete sie stets: schwarz. Als die einmal nach der Farbe jemandes gefragt wurde, dessen Stand ihr unbekannt war, schien sie nicht recht zu wissen, was sie sagen sollte, und entgegnete endlich: blau.
Obgleich ihr niemals etwas vom Tode oder vom Begräbnis gesagt worden war, so legte sie doch, als sie zum erstenmal in ihrem Leben mit ihrer Mutter und mir einen Kirchhof betrat, auf dem wir uns die Blumen ansehen wollten, ihre Hand auf unsere Augen und buchstabierte wiederholt: ~Cry--cry.~ Ihre Augen füllten sich in der Tat mit Tränen. Die Blumen schienen ihr keine Freude zu machen, und sie war ganz still, während wir dort blieben.
Als sie bei einer anderen Gelegenheit mit mir spazieren ging, schien sie sich der Anwesenheit ihres Bruders bewußt zu sein, obgleich wir noch weit von ihm entfernt waren. Sie buchstabierte mir wiederholt seinen Namen in die Hand und lief nach der Richtung, aus der er kam.
Beim Spazierengehen oder Reiten gibt sie oft die Namen der Personen, denen wir begegnen, sofort an, sobald wir sie bemerken.
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13. November 1887.
Wir nahmen Helen mit in den Zirkus und verlebten ein paar köstliche Stunden! Das Zirkuspersonal interessierte sich sehr für Helen und tat alles, was in seinen Kräften stand, um ihr ihren ersten Zirkusbesuch zu einem denkwürdigen Ereignis zu machten. Sie durfte die Tiere berühren, wenn dies ohne Gefahr geschehen konnte. Sie fütterte die Elefanten, kletterte auf den Rücken des größten von ihnen und setzte sich auf den Schoß der »orientalischen Prinzessin«, während der Elefant majestätisch im Kreise herumschritt. Sie betastete einige junge Löwen. Sie waren so niedlich wie Kätzchen, aber ich sagte ihr, sie würden wild und grimmig, wenn sie älter würden. Sie sagte zu dem Wärter: ~I will take the baby lions home and teach them to be mild.~ Der Bärenwärter ließ einen seiner riesigen schwarzen Pflegebefohlenen sich auf die Hinterfüße aufrichten und uns seine mächtige Tatze entgegenstrecken, die Helen höflich schüttelte. An den Affen hatte sie ihre helle Freude, sie legte ihre Hand auf den Hauptdarsteller, während er seine Kunststücke machte, und lachte herzlich, als er seinen Hut vor dem Publikum abnahm. Ein kleiner schlauer Bursche stahl ihr das Haarband, und ein andrer suchte ihr die Blumen vom Hute zu reißen. Ich weiß nicht, wer sich köstlicher amüsierte, die Affen, Helen oder die Zuschauer. Einer der Leoparden leckte ihr die Hände, und der Giraffenwärter hob sie in seinen Armen so hoch empor, daß sie die Ohren der Tiere anfassen und sehen konnte, wie groß die Giraffen selbst waren. Sie betastete auch einen griechischen Streitwagen, und der Lenker würde sie gern in der Arena herumgefahren haben, aber sie fürchtete sich vor den vielen schnellen Pferden. Die Kunstreiter, Clowns und Seiltänzer freuten sich alle, wenn das kleine blinde Mädchen ihre Kostüme befühlte und ihren Bewegungen mit den Händen folgte, sofern dies möglich war, und sie küßte sie alle, um ihnen ihre Dankbarkeit zu zeigen. Einige von ihnen weinten, und sogar der Menschenfresser aus Borneo war gerührt von ihrem lieblichen Gesichtchen. Seitdem hat sie von nichts anderem gesprochen als vom Zirkus. Um ihre Fragen zu beantworten, war ich genötigt, viel über Tiere zu lesen.
12. Dezember 1887.
Ich kann mir kaum vorstellen, daß Weihnachten vor der Türe steht, trotzdem Helen von nichts anderem spricht. Wissen Sie noch, wie glücklich wir das Fest voriges Jahr verlebten?
Helen kennt jetzt die Zeiteinteilung, und ihr Vater will ihr eine Uhr zu Weihnachten schenken.
Wie jedes hörende Kind, das ich kenne, wünscht auch Helen fortwährend, daß man ihr Geschichten erzähle. Ich habe ihr die Geschichte von dem kleinen Rotkäppchen so oft erzählen müssen, daß ich fast glaube, ich könnte sie von rückwärts her aufsagen. Sie liebt Geschichten, über die sie weinen muß -- ich glaube, es geht uns allen so -- es ist so angenehm, sich traurig zu fühlen, wenn man keinen besonderen Grund hat, traurig zu sein. Ebenso lehre ich Helen kleine Gedichte und Verschen. Sie prägen ihrem Gedächtnis Gedanken in schöner Form ein. Auch glaube ich, daß sie die Entwickelung aller Anlagen des Kindes fördern, weil sie die Phantasie anregen. Natürlich lasse ich mich nicht darauf ein, alles zu erklären. Wenn ich es täte, würde kein Raum für das freie Spiel der Phantasie bleiben. Zuweit gehende Erläuterungen lenken die Aufmerksamkeit des Kindes auf Wörter und Sätze, sodaß es ihm unmöglich wird, den Gedankengang im ganzen aufzufassen.
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1. Januar 1888.
Es ist etwas Großes, das Bewußtsein zu haben, daß man einigen Nutzen auf der Welt stiftet, daß man jemand notwendig ist. Der Umstand, daß die Sorge für Helen fast in jeder Hinsicht auf mir allein ruht, macht mich stark und glücklich.
Die Weihnachtswoche war auch hier eine sehr geschäftige. Helen ist zu allen Kindergesellschaften eingeladen, und ich begleite sie zu so vielen, wie ich irgend kann. Ich wünsche, daß sie Kinder kennen lernt und möglichst viel mit ihnen verkehrt. Verschiedene kleine Mädchen haben das Buchstabieren mit den Fingern erlernt und sind sehr stolz auf ihre Leistung.
Sonnabend begann es nach dem Mittagessen zu schneien; wir machten einen fröhlichen Spaziergang durch den Garten und sprachen viel über den Schnee. Sonntag morgen war die ganze Gegend verschneit, und Helen, die Kinder der Köchin und ich warfen uns mit Schneebällen. Nachmittags war alles geschmolzen. Es war der erste Schnee, den ich hier gesehen habe, und er erregte mir etwas Heimweh. Die Weihnachtszeit hat Stoff zu vielen Lektionen geliefert und Helens Wortschatz um eine große Menge neuer Ausdrücke bereichert.
Wochenlang taten wir nichts, als daß wir über Weihnachten sprachen, lasen und Geschichten erzählten. Natürlich mache ich keinen Versuch, sämtliche neuen Wörter zu erklären; auch versteht Helen die kleinen Geschichten, die ich ihr erzähle, nicht ganz; aber die beständige Wiederholung prägt die Wörter und Sätze dem Gedächtnis ein, und nach und nach wird ihr der Sinn schon klar werden. Meines Erachtens ist es widersinnig, zum Zwecke des Erlernens der Sprache »Konversation« zu treiben. Dies wirkt auf Schüler und Lehrer gleich verdummend und geisttötend. Das Sprechen soll natürlich vor sich gehen und dem Gedankenaustausch dienen. Hat das Kind aus sich selbst nichts mitzuteilen, so erscheint es nicht der Mühe wert, von ihm zu verlangen, es solle abgerissene trockene Sätze über »die Katze«, »den Vogel«, »einen Hund« an die Wandtafel schreiben oder mit seinen Fingern abbuchstabieren. Es ist von Anfang an mein Bestreben gewesen, mit Helen persönlich zu sprechen und sie anzuhalten, mir nur das zu erzählen, was sie wirklich interessiert, und Fragen nur zu dem Zwecke zu stellen, um zu erfahren, was sie wirklich zu wissen wünscht. Wenn ich bemerke, daß sie mir gern etwas erzählen möchte, daß ihr aber die nötigen Worte dazu fehlen, so ergänze ich das Nötige, und so gelangen wir vollständig zu unserem Ziele. Helens Eifer und Interesse helfen ihr über viele Hindernisse hinweg, die unübersteiglich sein würden, wenn wir uns damit aufhielten, alles zu erklären und zu definieren.
Es war rührend, zu sehen, wie sich Helen über ihr erstes Weihnachtsfest freute. Selbstverständlich hängte sie ihren Strumpf auf -- sogar zwei, denn einen hätte Santa Claus übersehen können -- und lag lange Zeit wach, stand auch mehrere Male auf, um zu sehen, ob sich nichts ereignet habe. Als ich ihr erklärte, Santa Claus käme nicht eher, als bis sie eingeschlafen sei, schloß sie ihre Augen und erwiderte: ~He will think, girl is asleep.~ Am Morgen wachte sie von der ganzen Familie zuerst auf und lief zum Kamine, um nach ihren Strümpfen zu sehen, und als sie fand, daß Santa Claus beide Strümpfe gefüllt habe, tanzte sie ein Weilchen vor Freude herum; dann aber wurde sie ganz still und kam zu mir, um mich zu fragen, ob Santa Claus sich auch nicht geirrt und geglaubt habe, es seien zwei kleine Mädchen da, und ob er wiederkommen und die Geschenke wieder abholen würde, wenn er seinen Irrtum erkannt hätte. Der Ring, den Sie ihr geschickt haben, steckte in der Spitze des Strumpfes, und als ich ihr erzählte, Sie hätten ihn Santa Claus für sie gegeben, erwiderte sie: ~I do love Mrs. Hopkins.~ Sie hatte eine Truhe und Kleider für Nancy bekommen und erklärte sofort: ~Now Nancy will go to party.~ Als sie den Braillegriffel und das Papier entdeckte, sagte sie: ~I will write many letters, and I will thank Santa Claus very much.~ Offenbar war jedermann, namentlich Herr und Frau Hauptmann Keller, tief bewegt bei dem Gedanken an den Unterschied zwischen dieser glücklichen Weihnachtsfeier und der im vorigen Jahre, da ihr kleines Mädchen noch keinen bewußten Anteil an dem Feste genommen hatte. Als wir die Treppe herunterkamen, sagte Frau Keller zu mir mit Tränen in den Augen: Fräulein Annie, ich danke Gott jeden Tag meines Lebens dafür, daß er Sie uns gesandt hat; aber erst heute früh habe ich so recht erkannt, was für ein Segen Sie für uns geworden sind. Hauptmann Keller ergriff meine Hand, vermochte aber nicht zu sprechen. Aber sein Schweigen war beredter als Worte. Auch mein Herz war voller Dankbarkeit und heiliger Freude.
Eines Tages stieß Helen auf das Wort ~grandfather~ in einer kleinen Geschichte, und sie fragte ihre Mutter: ~Where is grandfather?~ womit sie ihren Großvater meinte. Frau Keller antwortete: ~He is dead.~ Helen fragte: ~Did father shoot him?~ und fügte hinzu: ~I will eat grandfather for dinner.~ Bis jetzt steht ihre einzige Kenntnis vom Tode in Verbindung mit eßbaren Dingen. Sie weiß, daß ihr Vater Rebhühner, Hirsche und anderes Wildbret schießt.
Heute morgen fragte sie mich nach der Bedeutung von ~carpenter~, und diese Frage lieferte uns den Stoff für unsere Unterrichtsstunde. Nachdem wir über die verschiedenen Gegenstände, die die Zimmerleute anfertigen, gesprochen hatten, fragte sie mich: ~Did carpenter make me?~ und buchstabierte rasch, ehe ich antworten konnte: ~No, no, photographer made me in Sheffield.~
In Sheffield war einer der großen Hochöfen angeblasen worden, und wir fuhren eines Abends hinüber, um uns einen Guß anzusehen. Helen fühlte die Hitze und fragte: ~Did the sun fall?~
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26. Januar 1888.
Hoffentlich haben Sie Helens Brief erhalten. Denken Sie sich, die kleine Spitzbübin hat es sich in den Kopf gesetzt, nicht mehr mit Bleistift schreiben zu wollen. Sie sollte heut morgen an Onkel Frank schreiben, hatte aber keine Lust dazu und sagte: ~Pencil is very tired in head. I will write Uncle Frank braille letter.~ Auf meinen Einwand, Onkel Frank könne doch die Brailleschrift nicht lesen, erwiderte sie: ~I will teach him.~ Ich setzte ihr auseinander, Onkel Frank sei alt und könne die Brailleschrift nicht so leicht erlernen. Sofort antwortete sie jedoch: ~I think Uncle Frank is much old to read very small letters.~ Endlich brachte ich sie dazu, einige Zeilen zu schreiben, aber sie brach die Bleistiftspitze sechsmal ab, ehe sie fertig wurde. Ich sagte zu ihr: Du bist ein unartiges Mädchen, aber sie entgegnete: ~No, pencil is very weak.~ Ich glaube, ihr Widerwille gegen das Schreiben mit Bleistift läßt sich leicht daraus erklären, daß sie soviel zur Probe für Bekannte und Fremde hat schreiben müssen. Sie wissen, wie widerwärtig dies den Kindern im Institut ist. Es ist mühsam, weil es so langsam von statten geht und sie nicht lesen können, was sie geschrieben haben, um die Fehler zu verbessern.
Helen interessiert sich immer mehr für Farben. Als ich ihr sagte, Mildreds Augen seien blau, fragte sie: ~Are they like wee skies?~ Bald nachdem ich ihr gesagt hatte, eine Nelke, die ihr geschenkt worden war, sei rot, warf sie ihre Lippen auf und sagte: ~lips are like one pink.~ Ich kann mir nicht denken, daß die Eindrücke von Farben, die sie während der ersten achtzehn Monate ihres Lebens, in denen sie sehen und hören konnte, erhalten hat, gänzlich verschwunden sein sollen. Alles, was wir gesehen und gehört haben, bleibt an irgend einer Stelle des Gedächtnisses haften. Es mag zu unbestimmt und verworren sein, um deutlich wiedererkannt zu werden, aber es ist nichtsdestoweniger vorhanden wie die Landschaft, die wir bei hereinbrechender Dämmerung aus dem Gesicht verlieren.
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10. Februar 1888.
Gestern abend kamen wir nach Hause. Wir haben eine köstliche Zeit in Memphis verlebt, aber ich kam wenig zur Ruhe. Nichts als Aufregung vom frühen Morgen bis zum späten Abend -- Ausflüge, Einladungen zu Tisch, Besuche und alles, was drum und dran hängt, wenn man ein lebhaftes, unermüdliches Kind wie Helen stets um sich hat. Sie sprach unaufhörlich. Ich weiß nicht, was ich hätte tun sollen, wenn nicht einige junge Leute gelernt hätten, sich mit Helen zu unterhalten. Sie erleichterten mir meine Aufgabe soviel wie möglich. Aber selbst so habe ich niemals eine ruhige halbe Stunde für mich gehabt. Immer hieß es: Ach, Fräulein Sullivan, kommen Sie doch, bitte, her und sagen Sie uns, was Helen meint -- oder: Fräulein Sullivan, wollen Sie nicht die Güte haben, dies Helen auseinanderzusetzen. Wir können es ihr nicht verständlich machen. -- Ich glaube, die halbe weiße Bevölkerung von Memphis sprach bei uns vor. Helen wurde gehätschelt und geliebkost, daß ein Engel dadurch hätte verwöhnt werden können; aber ich glaube nicht, daß es möglich ist, sie zu verwöhnen; sie hat dafür ein viel zu naives Empfinden.
Es gibt viele gute Geschäfte in Memphis, und ich habe alles Geld ausgegeben, das ich bei mir hatte. Eines Tages sagte Helen: ~I must buy Nancy a very pretty hat.~ Sie besaß einen Silberdollar und ein Zehncentstück. Als wir in dem Laden waren, fragte ich sie, wieviel sie für Nancys Hut ausgeben wolle. Sie antwortete rasch: ~I will pay ten cents.~ Auf meine Frage, was sie mit dem Dollar machen wolle, erwiderte sie: ~I will buy some good candy to take to Tuscumbia.~
Wir besuchten die Börse und ein Dampfboot. Für dieses letztere interessierte sich Helen ungemein und ließ sich alles zeigen von der Maschine an bis zur Flagge auf dem Top.
~Dr.~ Bell schreibt in einem Briefe an Hauptmann Keller, daß Helens Fortschritte in der Geschichte der Taubstummenerziehung ganz beispiellos seien, und sagt viel Artiges über ihre Lehrerin. ~Dr.~ Edward Everett Hale beruft sich auf seine Verwandtschaft mit Helen und scheint auf seine kleine Nichte sehr stolz zu sein.
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5. März 1888.
Ich konnte meinen Brief gestern nicht beenden. Fräulein Eva half mir bei der Anfertigung eines Verzeichnisses der Wörter, die Helen gelernt hat. Wir bekamen eine Zahl von 900 heraus. Ich hatte Helen am 1. März ein Tagebuch eingerichtet. Ich weiß nicht, wie lange sie es fortführen wird. Meines Erachtens ist es ein ziemlich törichtes Unternehmen. Augenblicklich macht es ihr aber großen Spaß. Sie scheint es zu lieben, alles niederzuschreiben, was sie weiß. Am Sonntag trug sie folgendes ein:
Ich stand auf, wusch mir Gesicht und Hände, kämmte mein Haar und pflückte drei Veilchen für Lehrerin und aß mein Frühstück. Nach dem Frühstück spielte ich kurze Zeit mit Puppen. Nancy war ungezogen. Ungezogen ist schreien und mit den Füßen stoßen (~Cross is cry and kick~). Ich las in meinem Buch von großen, wilden Tieren. Wild ist sehr ungezogen und stark und sehr hungrig (~Fierce is much cross and strong and very hungry~). Ich liebe wilde Tiere nicht. Ich schrieb Brief an Onkel James. Er wohnt in Hotsprings. Er ist Doktor. Doktor macht krankes Mädchen gesund. Ich bin nicht gern krank (~I do not like sick~). Dann aß ich mein Mittagbrot. Ich esse sehr gern viel Eiskreme (~I like much icecream very much~). Nach dem Mittagessen fuhr Vater auf Zug nach Birmingham. Ich hatte Brief von Robert. Er liebt mich. Er sagt: Liebe Helen, Robert freute sich, einen Brief von lieber, süßer, kleiner Helen zu bekommen. Ich werde kommen und dich besuchen, wenn die Sonne scheint. Frau Newsum ist Roberts Frau. Robert ist ihr Mann. Robert und ich werden laufen und springen und hüpfen und tanzen und schaukeln und von Vögeln und Blumen und Bäumen sprechen, und Jumbo und Pearl werden mit uns gehen. Lehrerin wird sagen: Wir sind dumm. Sie ist spaßhaft. Spaßhaft macht uns lachen (~Funny makes us laugh~). Natalie ist gutes Mädchen und schreit nicht. Mildred schreit. Sie wird in vielen Tagen ein hübsches Mädchen sein und mit mir laufen und spielen. Frau Graves macht kurze Kleider für Natalie. Herr Mayo ging nach Duckhill und brachte viele hübsche Blumen nach Hause. Herr Mayo und Herr Farris und Herr Graves lieben mich und Lehrerin. Ich gehe bald nach Memphis, um sie zu besuchen, und sie werden mich herzen und küssen. Thornton geht zur Schule und macht sein Gesicht schmutzig. Knabe muß sehr sorgsam sein. Nach dem Abendessen spielte ich Balgen mit Lehrerin im Bett. Sie begrub mich unter den Kissen, und dann wuchs ich sehr langsam wie ein Baum aus der Erde empor. Nun will ich zu Bett gehen.
Helen Keller.
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16. April 1888.