Die Geschichte meines Lebens

Part 20

Chapter 203,440 wordsPublic domain

Heute früh entstand ein großer Lärm unten im Erdgeschoß. Ich hörte Helen schreien und eilte hinunter, um zu sehen, was der Grund davon war. Ich fand sie in fürchterlicher Aufregung. Ich hatte gehofft, ein solcher Auftritt würde sich nie wieder ereignen. Sie war die letzten zwei Monate so artig und folgsam gewesen, daß ich glaubte, ich hätte den Leuen gebändigt, aber er schien nur geschlummert zu haben. Jedenfalls zauste, kratzte und biß sie jetzt Viney wie eine wilde Katze. Es scheint, als habe die Dienerin den Versuch gemacht, Helen ein Glas, das diese mit Steinen füllte, wegzunehmen, aus Furcht, sie könne es zerbrechen. Helen widersetzte sich; Viney versuchte, es ihr mit Gewalt aus der Hand zu reißen, und ich fürchte, sie hat das Kind geschlagen oder sonst etwas getan, was diesen außergewöhnlichen Wutausbruch veranlaßte. Als ich Helen bei der Hand nahm, begann sie zu weinen. Ich fragte sie, was geschehen sei, und sie buchstabierte: ~Viney--bad~ und begann sie mit erneuter Heftigkeit zu schlagen und mit den Füßen zu stoßen. Ich hielt ihr die Hände fest, bis sie sich beruhigt hatte.

Später kam Helen zu mir ins Zimmer; sie sah sehr traurig aus und wollte mich küssen. Ich antwortete: „~I cannot kiss naughty girl~,“ worauf sie buchstabierte: „~Helen is good, Viney is bad.~“ -- Ich erwiderte: „Du hast Viney gestoßen und getreten und ihr weh getan. Du bist sehr unartig gewesen und ich kann unartiges Mädchen nicht küssen.“ -- Sie stand einen Augenblick ganz still, und man sah es, daß in ihrem Innern ein Kampf vor sich ging. Dann versetzte sie: ~Helen did (does) not love teacher. Helen do love mother. Mother will whip Viney.~“ Ich sagte ihr, sie täte besser, nicht mehr über den Vorfall zu sprechen oder an ihn zu denken. Sie erkannte, daß ich sehr betrübt war, und wollte sich an mich anschmiegen; ich hielt es aber für das beste, ihr einen besonderen Platz anzuweisen. Bei Tisch war sie sehr bekümmert, daß ich nicht aß, und machte den Vorschlag, die Köchin solle Tee für mich bereiten. Aber ich sagte ihr, mein Herz sei traurig, und ich hätte keine Lust zu essen. Sie begann zu weinen und zu schluchzen und klammerte sich an mich an.

Sie war sehr aufgeregt, als wir nach oben gingen, und ich versuchte daher, ihre Aufmerksamkeit auf ein sonderbares Tier, ein Gespensterkrebschen (~stick-bug~), zu lenken. Es ist dies das sonderbarste Geschöpf, das ich je gesehen habe -- ein kleines Reisigbündel, das in der Mitte zusammengeschnürt ist. Ich wollte nicht glauben, daß es lebendig wäre, bis ich es sich bewegen sah. Und selbst dann glich es eher einem mechanischen Spielzeug als einem lebenden Wesen. Aber Helen, das arme, kleine Ding, konnte ihre Aufmerksamkeit nicht konzentrieren. Ihr Herzchen war voller Betrübnis und sie wollte darüber sprechen. Sie fragte: „~Can bug know about naughty girl? Is bug verv happy?~“ Dann schlang sie ihre Arme um meinen Hals und sagte: „~I am good to-morrow. Helen is good all days.~“ -- „Willst du Viney sagen, daß es dir leid tut, daß du sie gekratzt und mit den Füßen gestoßen hast?“ -- Sie lächelte und antwortete: „~Viney not spell words.~“ -- „Ich will Viney sagen, daß es dir sehr leid tut. Willst du mit mir gehen und Viney suchen?“ -- Sie war dazu bereit und ließ sich von Viney küssen, obgleich sie ihre Liebkosungen nicht erwiderte. Seitdem ist sie außergewöhnlich sanft, und über ihre Züge ist eine Lieblichkeit -- eine Seelenschönheit ausgegossen, die ich bisher an ihr nicht wahrgenommen

habe.

* * * * *

31. Juli 1887.

Helen schreibt mit Bleistift schon ganz vorzüglich. Ich lehre sie das Braille-Alphabet, und sie ist ganz entzückt darüber, daß sie imstande ist, Wörter herzustellen, die sie selbst fühlen kann.

Ihre Entwickelung ist jetzt soweit vorgeschritten, daß sie nach allem fragt. Was? warum? wann?, namentlich warum? -- so geht es den ganzen Tag über, und je mehr ihre Intelligenz wächst, desto dringender werden ihre Fragen. Ich entsinne mich, wie lästig ich immer das ewige Fragen der Kinder meiner Bekannten fand, aber jetzt weiß ich, daß diese Fragen von dem zunehmenden Interesse des Kindes an den Ursachen der Dinge herrühren. Das »Warum« ist das Tor, durch das es die Welt des Denkens und der Ueberlegung betritt. ~How does carpenter know to build house? Who put chickens in eggs? Why is Viney black? Flies bite -- why? Can flies know not to bite? Why did father kill sheep?~ Natürlich stellt sie viele Fragen, die nicht so verständig sind wie diese. Ihr Denken geht nicht logischer vor sich als das von Durchschnittskindern. Im ganzen gleichen ihre Fragen denen, die ein aufgewecktes Kind von drei Jahren stellt; aber ihre Wißbegierde ist äußerst groß, -- ihre Fragen fallen nie lästig, obgleich sie mein geringes Maß von Kenntnissen und meinen Scharfsinn auf eine harte Probe stellen.

Vorigen Sonntag bekam ich einen Brief von Laura [Bridgman]. Sagen Sie ihr, bitte, meinen herzlichsten Dank dafür, und teilen Sie ihr mit, daß Helen ihr einen Kuß schickt. Ich las den Brief beim Abendessen, und Frau Keller rief aus: Sie sehen, Fräulein Annie, Helen schreibt schon jetzt beinahe ebensogut! -- Es ist wahr.

* * * * *

21. August 1887.

Wir haben eine herrliche Zeit in Huntsville verlebt. Jedermann war über Helen entzückt und überschüttete sie mit Geschenken und Küssen. Am ersten Abend lernte sie die Namen aller Leute im Hotel, gegen zwanzig, glaube ich. Am nächsten Morgen waren wir erstaunt, zu finden, daß sie sich ihrer aller erinnerte und jeden einzelnen, mit dem sie am Abend zuvor zusammengetroffen war, wiedererkannte. Sie lehrte die Kinder das Alphabet, und mehrere von ihnen lernten mit ihr sprechen. Eines der Mädchen lehrte sie Polka tanzen, und ein kleiner Knabe zeigte ihr seine Kaninchen und buchstabierte ihr deren Namen in die Hand. Sie war ganz entzückt darüber und gab ihrer Freude dadurch Ausdruck, daß sie den kleinen Burschen herzte und küßte, was ihn in große Verlegenheit setzte.

Seit ihrer Rückkehr spricht sie unaufhörlich von ihren Erlebnissen in Huntsville, und wir bemerken einen ganz entschiedenen Fortschritt in der Geläufigkeit, mit der sie spricht. Seltsamerweise scheint ein Ausflug auf den Gipfel des Monte Sano, eines schönen Berges nicht weit von Huntsville, auf sie einen tieferen Eindruck gemacht zu haben als alles übrige. Sie erinnert sich an alles, was ich ihr darüber mitgeteilt habe, und wiederholte, als sie ihrer Mutter davon erzählte, genau die Worte und Redewendungen, die ich in meiner Beschreibung gebraucht hatte. Zum Schluß fragte sie ihre Mutter, ob sie auch gern ~very high mountain and beautiful cloud-caps~ sehen wolle. Ich hatte diesen letzteren Ausdruck (»Wolkenmützen«) nicht gebraucht, und sagte ihr nun: Die Wolken berühren die Berge sanft wie schöne Blumen. -- Sie sehen, ich mußte Worte und Bilder gebrauchen, mit denen sie durch den Gefühlssinn vertraut war. Aber es erscheint kaum möglich, daß bloße Worte jemand, der nie einen Berg gesehen hat, auch nur den leisesten Begriff von dessen Höhe verschaffen können, und ich kann nicht absehen, wie jemand imstande sein sollte, zu wissen, welcher Art der Eindruck war, den sie erhalten hatte, oder worauf das Vergnügen beruhte, das sie empfand, als ihr davon erzählt wurde. Alles, was wir wissen, ist nur, daß sie ein gutes Gedächtnis, eine lebhafte Phantasie und Assoziationsvermögen besitzt.

28. August 1887.

Ich wünschte, es würde nichts Neues mehr geboren. Kleine Hunde, kleine Kälber und kleine Kinder erhalten Helens Interesse an dem »Warum« und »Wozu« der Dinge auf dem Siedepunkte. Die eines Tages erfolgte Ankunft eines neugeborenen Kindes in Ivy Green bot Gelegenheit zu einer Unmenge von Fragen über die Herkunft der Kinder und der lebenden Wesen im allgemeinen. ~Where did Leila get new baby? How did doctor know where to find baby? Did Leila tell doctor to get very small new baby? Where did doctor find Guy and Prince~ (Hündchen)? ~Why is Elizabeth Evelyn’s sister?~ u. s. w., u. s. w. Diese Fragen wurden zuweilen peinlich, und es war mir klar, daß irgend etwas geschehen müsse. War es für Helen natürlich, solche Fragen zu stellen, so war es meine Pflicht, sie zu beantworten. Es ist meines Erachtens ein großer Fehler, Kinder mit falschen Angaben und Unsinn abzuspeisen, wenn ihr zunehmendes Beobachtungs- und Unterscheidungsvermögen in ihnen den Wunsch rege macht, Auskunft über gewisse Dinge zu erhalten. Von Anfang an hatte ich es mir zum Prinzip gemacht, alle Fragen Helens nach meinem besten Wissen in einer ihr verständlichen Weise und dabei wahrheitsgemäß zu beantworten. Warum sollte ich diese Fragen abweichend behandeln? fragte ich mich. Ich konnte, abgesehen von meiner kläglichen Unwissenheit in betreff der großen Tatsachen, auf welchen unsere physische Existenz beruht, keinen Grund dafür erblicken. Es gibt in dieser weltabgeschiedenen Gegend keine lebende Seele, die ich hierbei oder bei einer anderen pädagogischen Schwierigkeit um Rat fragen könnte. Das einzige, was ich in solchen Fällen tun kann, ist frisch darauf loszugehen und aus meinen Mißgriffen zu lernen. Aber hier glaube ich keinen Mißgriff begangen zu haben. Ich nahm Helen und mein botanisches Lehrbuch mit auf den Baum hinauf, auf dem wir oft lesen und studieren, und erzählte ihr in einfachen Worten die Geschichte des Pflanzenlebens. Ich erinnerte sie an das Getreide, die Bohnen, die Wassermelonenkerne, die sie im Frühjahr eingepflanzt hatte, und sagte ihr, daß das hohe Korn im Garten, die Bohnen und die Wassermelonenranken aus diesen Samenkörnern entstanden seien. Ich erklärte ihr, wie die Erde die Samenkörner warm und feucht erhält, bis die kleinen Blättchen stark genug sind, um sich an das Licht und an die Luft zu drängen, wo sie atmen und wachsen und blühen und weitere Samenkörner hervorbringen, aus denen wiederum andere Pflanzen, ihre Kinder, emporwachsen. Ich zog einen Vergleich zwischen dem Pflanzen- und dem Tierleben und sagte ihr, die Samenkörner seien genau solche Eier wie die Hühnereier und Vogeleier, die die Mutterhenne warm und trocken erhält, bis die kleinen Hühnchen ausschlüpfen. Ich machte ihr verständlich, daß alles Leben aus einem Ei komme. Die Vogelmutter legt ihre Eier in ein Nest und hält sie warm, bis die kleinen Vögelchen auskriechen. Die Fischmutter legt ihre Eier dorthin, wo sie feucht und sicher sind, bis die kleinen Fische ausschlüpfen. Ich erklärte ihr, sie könne das Ei als die Wiege des Lebens bezeichnen. Dann erzählte ich ihr, daß andere lebende Wesen wie der Hund und die Kuh und auch die Menschen ihre Eier nicht legten, sondern ihre Kinder in ihrem eigenen Leibe ernährten. Ich hatte keine Schwierigkeit, ihr klarzumachen, daß, wenn Pflanzen und Tiere nicht Nachkommen derselben Art hervorbrächten, sie bald aufhören würden zu existieren und daß dann bald alles in der Welt aussterben würde. Ueber die geschlechtlichen Funktionen ging ich so leicht wie möglich hinweg. Ich suchte ihr jedoch einen Begriff davon zu geben, daß die Liebe die große Fortpflanzerin des Lebens sei. Das Thema war schwierig und mein Wissen unzulänglich; aber ich freue mich, vor meiner Verantwortung nicht zurückgeschreckt zu sein, denn so stockend und unzureichend meine Erklärung auch gewesen sein mag, sie berührte verwandte Saiten in der Seele meines kleinen Zöglings, und die Leichtigkeit, mit der Helen die großen Tatsachen des physischen Lebens begriff, bestärkte mich in der Meinung, daß im Kinde bei seiner Geburt die gesamten Erfahrungen des Menschengeschlechts schlummernd vorhanden sind. Diese Erfahrungen sind wie photographische Negativs, bis die Sprache sie entwickelt und die Erinnerungsbilder hervorbringt.

* * * * *

4. September 1887.

Helen bekam heute morgen einen Brief von ihrem Onkel, dem ~Dr.~ Keller. Er lud sie ein, ihn einmal in Hot Springs zu besuchen. Der Name Hot Springs interessierte sie, und sie stellte mehrere Fragen, die darauf Bezug hatten. Sie kannte kalte Quellen, deren es mehrere in der Nähe von Tuscumbia gibt; unter ihnen befindet sich eine sehr starke, von der die Stadt ihren Namen hat. Tuscumbia bedeutet in der Sprache der Indianer »Starker Quell«. Aber sie war darüber erstaunt, daß heißes Wasser aus der Erde kommen sollte. Sie wünschte zu wissen, wer unter der Erde Feuer angemacht habe, ob es wie das Feuer in den Oefen sei und ob es die Wurzeln der Pflanzen und Bäume verbrenne.

Sie war über den Brief sehr erfreut, und nachdem sie alle erdenklichen Fragen an mich gerichtet hatte, nahm sie ihn mit zu ihrer Mutter, die nähend in der Vorhalle des Hauses saß, und las ihn ihr vor. Es war spaßhaft, sie zu sehen, wie sie den Brief vor ihre Augen hielt und die Sätze mit ihren Fingern herbuchstabierte, genau wie ich es getan hatte. Später versuchte sie ihn Belle (dem Hunde) und Mildred vorzulesen. Frau Keller und ich beobachteten diese Bemutterungskomödie von der Tür aus. Belle war schläfrig und Mildred unaufmerksam. Helen sah sehr ernst aus und zog ein paarmal, wenn Mildred versuchte, ihr den Brief wegzunehmen, die Hand ungeduldig zurück. Endlich stand Belle auf, schüttelte sich und wollte fortgehen, aber Helen packte sie am Nacken und nötigte sie, sich wieder hinzulegen. Inzwischen hatte Mildred den Brief ergriffen und kroch mit ihm davon. Helen fühlte auf dem Fußboden nach ihm; als sie ihn aber nicht fand, hatte sie augenscheinlich Mildred im Verdacht; denn sie stieß den leisen Ton aus, mit dem sie ihr Schwesterchen zu rufen pflegt. Dann erhob sie sich und stand eine Weile ganz still, als lausche sie mit ihren Füßen auf Mildreds »tapp, tapp«. Als sie erkannt hatte, aus welcher Richtung das Geräusch kam, eilte sie rasch auf die kleine Uebeltäterin zu und fand sie, wie sie an dem kostbaren Briefe herumkaute! Das war zuviel für Helen. Sie riß ihr den Brief weg und schlug ihr auf die Händchen, daß es nur so klatschte. Frau Keller nahm das Kind auf den Arm, und als es ihr gelungen war, es zu beruhigen, fragte ich Helen: Was hast du Baby getan? Sie sah ganz verlegen aus und zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Dann sagte sie: ~Wrong girl did eat letter. Helen did slap very wrong girl.~ Ich erwiderte ihr, Mildred sei noch sehr klein und wisse nicht, daß es unrecht sei, den Brief in den Mund zu stecken.

~I did tell baby, no, no, much times~, lautete Helens Antwort.

Ich entgegnete: Mildred versteht deine Finger nicht, und wir müssen sehr liebevoll mit ihr sein.

Sie schüttelte den Kopf. ~Baby -- not think. Helen will give baby pretty letter~, und damit lief sie die Treppe hinauf und brachte einen sauber zusammengefalteten Braillebogen mit, auf den sie einige Worte geschrieben hatte, und gab ihn Mildred mit den Worten: ~Baby can eat all words.~

* * * * *

18. September 1887

Helen ist ein wunderbares Kind. Ich habe mir alles aufgezeichnet, was sie in der vergangenen Woche gesagt hat, und dabei gefunden, daß sie über sechshundert Wörter kennt. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, daß sie sie stets richtig gebraucht. Mitunter zeigt sich in ihren Sätzen ein vollständiger Wirrwarr, aber dieser findet sich bei allen Kindern, wenn sie den Versuch machen, ihre halbfertigen Vorstellungen mit Hilfe willkürlicher Sprachformen auszudrücken. Sie besitzt den richtigen Sprachtrieb und zeigt große Gewandtheit bei dem Anpassen des Ausdrucks an ihre Gedanken.

In der letzten Zeit hat sie großes Interesse an Farben bewiesen. Sie fand in ihrem Lesebuche das Wort »~brown~« und wollte seine Bedeutung wissen. Ich sagte ihr, ihr Haar sei braun, worauf sie fragte: ~Is brown verv pretty?~ Nachdem wir im ganzen Hause umhergegangen waren und ich ihr die Farbe jedes Gegenstandes, den sie berührte, angegeben hatte, schlug sie vor, nach den Hühnerställen und den Scheunen zu gehen; ich sagte ihr jedoch, sie müsse bis morgen warten, ich sei sehr müde. Wir saßen in der Hängematte; aber für die Ermüdete war hier an kein Ausruhen zu denken. Helen wollte durchaus »~more colour~« kennen lernen. Ich möchte gern wissen, ob sie eine unbestimmte Vorstellung von Farben -- einen Erinnerungseindruck von Licht und Ton besitzt. Es scheint, als müsse ein Kind, das bis zu seinem neunzehnten Monat sehen und hören konnte, etwas von seinen ersten Eindrücken zurückbehalten haben, und sei dies auf noch so undeutliche Weise. Helen spricht viel von Dingen, die sie durch das Gefühl nicht hat wahrnehmen können. Sie stellt viele Fragen über den Himmel, Tag und Nacht, das Meer und die Berge. Sie hat es gern, wenn ich ihr mitteile, was ich auf Bildern sehe.

Aber ich scheine den Faden meiner Erzählung verloren zu haben. ~What colour is think?~ lautete eine der rastlosen Fragen, die sie an mich richtete, während wir uns in der Hängematte hin- und herschaukelten. Ich sagte ihr: Wenn wir froh sind, so sind unsere Gedanken heiter; sind wir aber unartig, so sind sie traurig. Rasch wie der Blitz antwortete sie: ~My think is white, Viney’s think is black~. Sie sehen, sie glaubte, die Farbe unserer Gedanken entspräche unserer Hautfarbe.

* * * * *

3. Oktober 1887.

Ich hoffe, die kleinen Mädchen werden sich über Helens Brief[25] freuen. Sie hat ihn ganz allein geschrieben.

Sie spricht viel über das, was wir tun werden, wenn sie nach Boston geht. Eines Tages fragte sie: ~Who made all things and Boston?~ Sie sagt, Mildred würde nicht mitgehen, weil ~baby does cry all days~.

* * * * *

25. Oktober 1887.

Helen hat gestern einen zweiten Brief an die kleinen Mädchen geschrieben,[26] und ihr Vater hat ihn an Herrn Anagnos geschickt. Sie hat jetzt begonnen, die Pronomina aus eigenem Antriebe anzuwenden. Heute früh sagte ich zu ihr: ~Helen will go upstairs~. Sie lachte und antwortete: ~Teacher is wrong. You will go upstairs.~ Dies ist ein weiterer großer Fortschritt. So ist es stets. Was ihr gestern Mühe machte, fällt ihr heut äußerst leicht, und die Schwierigkeiten von heut sind morgen ein überwundener Standpunkt.

Es ist ein Genuß, die rasche Entwickelung von Helens Geist zu beobachten. Ich zweifle daran, ob irgend ein Lehrer jemals eine Aufgabe vor sich hatte, die sein Interesse so ausschließlich in Anspruch nahm. Es muß mir bei meiner Geburt ein glücklicher Stern geleuchtet haben, und ich beginne jetzt seinen wohltätigen Einfluß zu empfinden.

* * * * *

Oktober 1887.

Bevor dieser Brief in Ihre Hände gelangt, haben Sie wahrscheinlich schon Helens zweiten Brief an die kleinen Mädchen gelesen. Ich weiß es, der Fortschritt, den sie in der zwischen den beiden Briefen liegenden Zeit gemacht hat, muß unglaublich erscheinen. Nur wer täglich mit ihr verkehrt, kann sich eine Vorstellung von den raschen Fortschritten bilden, die sie in der Beherrschung der Sprache macht. Sie werden aus ihrem Briefe entnehmen, daß sie viele Pronomina ganz richtig gebraucht. In der Unterhaltung gebraucht sie selten eins falsch oder läßt es aus. Ihre Leidenschaft, Briefe zu schreiben und ihre Gedanken auf das Papier zu werfen, wird von Tag zu Tage stärker. Sie erzählt jetzt Geschichten, in denen die Phantasie eine bedeutende Rolle spielt. Ebenso beginnt sie jetzt einzusehen, daß sie nicht wie andere Kinder ist. Eines Tages fragte sie: ~What do my eyes do?~ Ich sagte ihr, ich könne die Gegenstände mit meinen Augen sehen und sie mit ihren Fingern.

Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, entgegnete sie: ~My eyes are bad!~ dann verbesserte sie dies in ~my eyes are sick.~

* * * * *

Einige interessante Ergänzungen zu den Briefen finden sich in dem von Fräulein Sullivan für den offiziellen Jahresbericht des Perkinsschen Instituts für 1887 verfaßten zusammenhängenden Ueberblick über Helens bisherige Entwickelung. Nach Erwähnung der Szene am Brunnen (s. oben S. 225) heißt es weiter:

Demnächst kamen die örtlichen Präpositionen an die Reihe. Helens Kleid wurde +in+ eine Truhe gelegt und dann +auf+ diese, und ich buchstabierte ihr dann diese Präpositionen in die Hand. Den Unterschied zwischen ~in~ und ~on~ lernte sie sehr bald, obgleich es einige Zeit dauerte, ehe sie diese Wörter in selbständig gebildeten Sätzen gebrauchen konnte. Wenn es irgend möglich war, führte sie die Lektion mimisch durch; und es machte ihr großes Vergnügen, +auf+ dem Stuhle zu stehen oder +in+ den Kleiderschrank gestellt zu werden. In Verbindung mit dieser Lektion lernte sie die Namen der Familienmitglieder und das Wort ~is~. ~Helen is in wardrobe, Mildred is in crib, Box is on table, Papa is on bed~ sind Beispiele von Sätzen, die von ihr Ende April gebildet wurden.

Nunmehr folgte eine Lektion über Adjectiva. Ich nahm einen großen, weichen Ball aus Wolle und eine Bleikugel. Helen begriff den Größenunterschied sofort. Als sie die Kugel in die Hand nahm, machte sie ihr gewöhnliches Zeichen für klein (s. S. 229); dann nahm sie einen wollenen Ball und machte das Zeichen für groß. Ich setzte die Adjectiva ~large~ und ~small~ an die Stelle dieser Zeichen. Dann wurde ihre Aufmerksamkeit auf die Härte der Kugel und die Weichheit des Balles gelenkt, und sie lernte die Adjectiva ~soft~ und ~hard~. Ein paar Minuten später befühlte sie den Kopf ihrer kleinen Schwester und sagte zu ihrer Mutter: ~Mildred’s head is small and hard.~ Demnächst suchte ich ihr den Unterschied zwischen »schnell« und »langsam« klarzumachen. Sie half mir eines Tages Wolle wickeln, zuerst rasch und dann langsam. Dann sagte ich zu ihr mittels des Fingeralphabets: ~Wind fast~ oder ~wind slow~, indem ich ihr dabei die Hände hielt und zeigte, wie sie es machen sollte. Am nächsten Tage buchstabierte sie mir während der Turnübungen in die Hand: ~Helen wind fast~ und begann rasch zu gehen. Dann sagte sie: ~Helen wind slow~ und paßte ihre Bewegungen wiederum den Worten an.