Die Geschichte meines Lebens

Part 19

Chapter 193,673 wordsPublic domain

Helen macht von Tag zu Tag, ja beinahe von Stunde zu Stunde Fortschritte. Alles muß jetzt einen Namen haben. Bei allen unseren Ausgängen fragt sie voller Eifer nach den Bezeichnungen für die Dinge, die sie nicht zu Hause gelernt hat. Sie wird nicht müde mit Buchstabieren und will jeden, dem sie begegnet, das Alphabet lehren. Sobald sie das betreffende Wort kennt, wendet sie ihre früheren Zeichen und Pantomimen nicht mehr an, und das Erlernen eines neuen Wortes bereitet ihr das lebhafteste Vergnügen. Auch bemerken wir, daß ihre Züge von Tag zu Tag ausdrucksvoller werden. -- Ich habe mich dazu entschlossen, Helen augenblicklich noch nicht regelmäßigen Unterricht zu erteilen. Ich behandle sie genau wie ein Kind von zwei Jahren. Es kommt mir widersinnig vor, zu verlangen, daß ein Kind zu einer bestimmten Zeit in ein bestimmtes Zimmer geht und bestimmte Lektionen hersagt, wenn es noch nicht über einen genügenden Wortschatz verfügt. Ich fragte mich: Wie lernt ein normales Kind sprechen? Die Antwort lautete einfach: Durch Nachahmung. Das Kind kommt mit der Fähigkeit, zu lernen, auf die Welt und lernt von selbst, vorausgesetzt, daß es ihm an dem erforderlichen äußeren Anreize nicht fehlt. Es sieht, wie andere bestimmte Dinge tun, und versucht, sie ebenfalls zu tun. Es hört andere sprechen und versucht selbst zu sprechen. Lange bevor es sein erstes Wort spricht, versteht es, was man zu ihm sagt... Diese Erwägungen weisen mir den richtigen Weg, Helen das Sprechen beizubringen. Ich muß ihr in die Hand sprechen, wie wir dem kleinen Kinde in das Ohr sprechen. Ich nehme an, daß sie dieselbe Assimilations- und Nachahmungsgabe besitzt wie ein normales Kind. Ich werde in vollständigen Sätzen zu ihr sprechen und ihr, wenn nötig, die Bedeutung durch Gesten und ihre beschreibenden Zeichen klarmachen, aber nicht versuchen, ihre Aufmerksamkeit auf +nur+ einen einzigen Gegenstand zu lenken. Ich will alles tun, was in meinen Kräften steht, um Helen anzuregen und anzuspornen, und geduldig das Ergebnis abwarten.

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24. April 1887.

Die neue Methode bewährt sich vorzüglich; Helen kennt jetzt die Bedeutung von mehr als hundert Wörtern und lernt täglich neue hinzu, ohne im geringsten auf die Vermutung zu kommen, sie verrichte eine besondere Heldentat. Sie lernt, weil sie nicht anders kann, genau wie der Vogel fliegen lernt. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie »fließend spricht«. Wie ihre kleine Cousine drückt sie ganze Sätze durch einzelne Worte aus. „Milch“, mit einer Handbewegung bedeutet: „Gib mir mehr Milch“; „Mutter“, begleitet von einem fragenden Blick, bedeutet: „Wo ist Mutter?“ „Gehen“ bedeutet: „Ich möchte ausgehen.“ Buchstabiere ich ihr aber in die Hand: „Gib mir etwas Brot,“ so reicht sie mir das Brot, und wenn ich ihr sage: „Hole deinen Hut, wir wollen spazieren gehen,“ so gehorcht sie augenblicklich. Die beiden Worte: „Hut“ und „spazieren gehen“ würden dieselbe Wirkung ausüben; wird aber der ganze Satz mehrmals am Tage wiederholt, so muß er sich mit der Zeit dem Gehirne einprägen, und Helen wird ihn allmählich selbst anwenden.

Wir beschäftigen uns mit einem kleinen Spiele, das nach meiner Meinung für die Entwickelung des Intellekts höchst nützlich ist und zugleich den Zweck einer Sprachlektion erfüllt. Es ist eine Art Versteckspiel. Ich verstecke irgend etwas, einen Ball, eine Spule oder dergleichen, und wir suchen danach. Als wir vor zwei bis drei Tagen mit dem Spiele begannen, benahm sich Helen ziemlich ungeschickt. Sie suchte an Stellen nach, wo es unmöglich gewesen wäre, den Ball oder die Spule zu verstecken. Wenn ich z. B. den Ball versteckte, so suchte sie unter ihrer Schreibtafel. Versteckte ich die Spule, so suchte sie in einer Schachtel, die nicht länger als einen Zoll war. Sie gab auch bald das Spiel auf. Jetzt kann ich ihr Interesse daran eine Stunde und länger rege erhalten, und sie zeigt mehr Intelligenz und oft große Geschicklichkeit beim Finden der Gegenstände. Heute früh versteckte ich einen Zwieback. Helen suchte überall, ohne ihn finden zu können. Plötzlich kam ihr ein Gedanke, sie lief auf mich zu und öffnete meinen Mund, um ihn gründlich zu untersuchen. Als sie hier nichts fand, deutete sie auf meinen Magen und fragte: ~Eat~?, was bedeuten sollte: Haben Sie ihn vielleicht gegessen?

Freitag begegnete uns ein Herr auf der Straße, der Helen einige Bonbons gab, die sie aufaß bis auf ein kleines Stückchen, das sie in ihr Schürzentäschchen steckte. Nach Hause gekommen, traf sie ihre Mutter und sagte aus eigenem Antriebe: ~Give baby candy.~ Frau Keller buchstabierte ihr in die Hand: ~No--baby eat--no.~ Helen näherte sich der Wiege, faßte Mildred in den Mund und deutete auf ihre eigenen Zähne. Frau Keller buchstabierte: ~Teeth~. Helen schüttelte den Kopf und buchstabierte: ~Baby teeth--no, baby eat--no~, womit sie natürlich sagen wollte: Schwesterchen kann nicht essen, weil es keine Zähne hat.

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8. Mai 1887.

Nein, ich brauche kein Kindergartenmaterial mehr. Ich habe anfangs meinen kleinen Vorrat von Perlen, Karten und Strohhalmen benutzt, weil ich nicht wußte, was ich sonst tun sollte; aber die Zeit für sie ist jetzt auf alle Fälle vorüber.

Ich beginne allen ausgeklügelten pädagogischen Systemen zu mißtrauen. Sie scheinen mir auf der Voraussetzung aufgebaut zu sein, daß jedes Kind eine Art Idiot ist und im Denken unterwiesen werden muß, während es, wenn es sich selbst überlassen bleibt, mehr und besser denken wird, wenn es auch nicht so in die Augen fällt. Laßt es nach seinem Belieben gehen und kommen, laßt es reale Gegenstände berühren und seine Eindrücke selbständig ordnen, anstatt daß es im Zimmer an einem kleinen runden Tische sitzt, während eine Lehrerin mit sanfter Stimme ihm sagt, es möge eine steinerne Mauer aus seinen Holzklötzchen bauen, einen Regenbogen aus farbigen Papierstreifen herstellen oder Bäume aus Strohhalmen in Blumentöpfe aus Perlen pflanzen. Solcherlei Unterricht füllt den Geist mit künstlichen Assoziationen an, die erst ausgerottet werden müssen, ehe das Kind seine Gedanken aus eigener Anschauung entwickeln kann.

Helen lernt Adjektiva und Adverbien so leicht wie sie Substantiva gelernt hat. Die Vorstellung geht stets dem Worte voran. Sie hatte Zeichen für »klein« und »groß« lange, bevor ich zu ihr kam. Wollte sie einen kleinen Gegenstand haben und wurde ihr ein großer gegeben, so schüttelte sie den Kopf und hob ein Stückchen von der Haut ihrer einen Hand zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen hoch. Wollte sie etwas Großes bezeichnen, so spreizte sie die Finger beider Hände so weit wie möglich und näherte die Hände einander, als wolle sie einen großen Ball auffangen. Eines Tages ersetzte ich diese Zeichen durch die Wörter ~small~ und ~large~; sofort wendete sie die Wörter an und verschmähte von nun ab die Zeichen. Ich kann ihr jetzt sagen: Bringe mir ein großes Buch, einen kleinen Teller, gehe langsam die Treppe hinauf, laufe rasch und gehe langsam. Heute morgen gebrauchte sie die Konjunktion ~and~ zum ersten Male. Ich befahl ihr, die Tür zuzumachen, und sie fügte hinzu: ~and lock~.

Vor ein paar Minuten kam sie in großer Aufregung die Treppe heraufgestürmt. Ich konnte mir zuerst gar nicht erklären, was geschehen war. Sie buchstabierte immerwährend ~dog--baby~, indem sie dabei der Reihe nach auf ihre fünf Finger deutete und an ihnen saugte. Mein erster Gedanke war, einer von den Hunden habe Mildred verletzt, aber Helens strahlendes Gesicht beschwichtigte meine Furcht. Es half nichts, ich mußte mit ihr hinunter. Sie führte mich in einen Schuppen, und hier in der Ecke lag einer von den Hühnerhunden mit fünf kleinen niedlichen Jungen! Ich lehrte Helen das Wort ~puppy~, ließ sie die Hündchen alle befühlen, während sie saugten, und buchstabierte ~puppies~. Sie interessierte sich sehr für das Nährgeschäft und buchstabierte mehrmals die Wörter ~mother-dog~ und ~baby~. Helen bemerkte, daß die Augen der Hündchen geschlossen waren, und sagte ~Eyes--shut. Sleep--no~, womit sie sagen wollte: Die Augen sind zwar geschlossen, aber die Hündchen schlafen nicht. Sie deutete der Reihe nach auf jedes Hündchen und dann auf ihre fünf Finger, und ich lehrte sie das Wort ~five~. Dann hielt sie einen Finger in die Höhe und sagte: ~Baby~. Ich begriff, daß sie von Mildred sprach, und buchstabierte: ~One baby and five puppies~. Dann bemerkte sie, daß eins von den Hündchen kleiner war als die anderen, und buchstabierte ~small~, indem sie zu gleicher Zeit das entsprechende Zeichen machte; ich buchstabierte ~very small~. Sie verstand augenscheinlich, daß ~very~ die Bezeichnung für den neuen Begriff sei, der in ihren Kopf gelangt war, denn auf dem ganzen Rückwege nach Hause gebrauchte sie das Wort ganz richtig. Ein Stein war »~small~«, ein anderer »~very small~«. Als sie ihre kleine Schwester anfaßte, sagte sie: ~Baby--small. Puppy--very small.~

Seit ich Helen keinen regelmäßigen Unterricht mehr erteile, finde ich, daß sie viel rascher lernt. Ich bin überzeugt, daß die Zeit, die ein Lehrer darauf verwendet, sich zu vergewissern, ob das Kind seine Lektion auch behalten habe, so gut wie weggeworfen ist. Meines Erachtens ist es viel richtiger, anzunehmen, daß das Kind tue, was in seinen Kräften steht, und daß die ausgestreute Saat zur rechten Zeit schon Frucht tragen wird.

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16. Mai 1887.

Wir unternehmen jetzt jeden Morgen unmittelbar nach dem Frühstück weite Spaziergänge. Auf dem ganzen Wege stellt Helen unaufhörlich Fragen an mich. Wir machen auf Schmetterlinge Jagd und fangen ab und zu einen. Dann setzen wir uns unter einen Baum und sprechen über ihn. Später lassen wir ihn frei, falls er die Lektion überlebt hat; aber in der Regel werden sein Leben und seine Schönheit auf dem Altar der Lernbegierde geopfert, obgleich er in einem anderen Sinne für immer fortlebt; denn hat er sich nicht in lebendige Gedanken verwandelt? Es ist wunderbar, wie Wörter Gedanken erzeugen! Jedes neue Wort, das Helen lernt, scheint das Bedürfnis nach weiteren zu erwecken. Ihr Geist wächst infolge seiner rastlosen Tätigkeit. Gewöhnlich gehen wir um die Zeit des Mittagessens nach Hause, und Helen erzählt ihrer Mutter voller Eifer alles, was sie gelernt hat.

Dieser Wunsch, zu wiederholen, was ihr gesagt worden ist, deutet auf einen unverkennbaren Fortschritt in der Entwickelung ihres Intellektes hin und ist ein unschätzbarer Ansporn zur Aneignung der Sprache. Ich bitte alle ihre Bekannten, sie zu Mitteilungen über ihr Tun und Treiben zu ermuntern und soviel Teilnahme und Vergnügen wie nur möglich an ihren kleinen Erlebnissen zu zeigen. Dies befriedigt ihr kindliches Bedürfnis nach Anerkennung und hält ihr Interesse an den Dingen aufrecht. Ebenso bildet es die Grundlage der wirklichen Unterhaltung. Helen macht zwar noch manche Fehler und verwechselt Wörter und Redensarten miteinander; aber dies tut auch ein hörendes Kind. Ich bin sicher, diese Schwierigkeiten werden sich von selbst geben. Der Antrieb zum Sprechen ist das wichtigste. Ich füge hier und da ein Wort, manchmal einen Satz ein und erinnere sie an das, was sie ausgelassen oder vergessen hat. So nimmt ihr Wortschatz rasch zu, und die neuen Wörter bringen neue Vorstellungen hervor, und diese sind der Stoff, aus dem Himmel und Erde geschaffen sind.

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Meine Aufgabe nimmt alle meine Kräfte und mein Interesse von Tag zu Tag ausschließlicher in Anspruch, schreibt Fräulein Sullivan am 22. Mai 1887. Helen ist ein wunderbares Kind, so voller Lernbegierde und Lerneifer. Sie kennt jetzt gegen dreihundert Wörter und eine große Menge alltäglicher Redensarten, und es sind noch nicht drei Monate her, seit sie ihr erstes Wort lernte. Es ist ein seltenes Glück, das Entstehen, das Wachsen und die ersten schwachen Betätigungen eines lebenden Geistes zu beobachten; ich genieße dieses Glück, und noch mehr, es ist mir vergönnt, diesen herrlichen Intellekt zu wecken und zu leiten.

Wenn ich mich für diese große Aufgabe nur besser eignete! Ich fühle mich ihr täglich weniger gewachsen. Mein Geist steckt voller Pläne; nur kann ich sie leider nicht in die Tat umsetzen. Sie sehen, mein Geist ist undiszipliniert, ich irre plan- und ziellos umher. O wenn ich nur jemand hätte, der mir helfen könnte! Ich brauche einen Lehrer genau so gut wie Helen. Ich weiß, daß die Erziehung dieses Kindes das Hauptereignis meines Lebens sein wird, wenn ich nur die Kraft und Ausdauer habe, sie zu vollenden. Eins ist mir klar geworden: Helen muß Bücher benutzen lernen, wir müssen sie beide benutzen lernen, und dabei fällt mir ein -- wollen Sie die Freundlichkeit haben, Herrn Anagnos zu bitten, mir die Psychologien von Perez und Sully zu besorgen? Ich glaube, sie werden mir nützlich sein können.

Wir halten jetzt jeden Tag Leseübungen ab. In der Regel nehmen wir eins der kleinen Lesebücher mit auf einen hohen Baum, der in der Nähe des Hauses steht, und verwenden eine bis zwei Stunden auf das Aufsuchen von Wörtern, die Helen schon kennt. Wir betreiben es als eine Art Spiel und sehen zu, wer die Wörter rascher finden kann, Helen mit ihren Fingern oder ich mit meinen Augen, und sie lernt soviel neue Wörter, wie ich ihr mit Hilfe der ihr bereits bekannten erklären kann. Gleiten ihre Finger über Wörter, die sie kennt, so schreit sie vor Vergnügen auf und herzt und küßt mich voller Freuden, namentlich wenn sie glaubt, sie sei die Siegerin. Später setze ich die neuen Wörter im Rahmen zu kleinen Sätzen zusammen, und manchmal ist es möglich, sie zu einer kleinen Geschichte von einer Biene, einer Katze oder einem kleinen Knaben zu gestalten. Ich kann sie jetzt heißen die Treppe herauf- oder hinuntergehen, Gegenstände wegtragen oder bringen, sitzen, stehen, gehen, laufen, liegen, kriechen, sich herumwälzen oder klettern; sie ist über Tätigkeitswörter entzückt; daher macht es überhaupt keine Mühe, ihr die Verben beizubringen. Sie ist auf die Aneignung eines Satzes so stolz wie ein Feldherr, der die Streitkraft des Feindes gefangen genommen hat.

Eine von Helens alten Gewohnheiten, die am festesten gewurzelt und am schwersten zu bekämpfen ist, ist ihre Sucht, Gegenstände zu zertrümmern. Wenn sie irgend etwas auf ihrem Wege findet, so schleudert sie es zur Erde, gleichviel, was es ist: ein Glas, ein Krug oder gar eine Lampe. Sie besitzt eine große Menge Puppen, und jede von ihnen ist in einem Anfall von Wut oder Langeweile zerbrochen worden. Eines Tages hatte ihr ein bekannter Herr eine neue Puppe aus Memphis mitgebracht, und ich wollte versuchen, ob ich es nicht Helen begreiflich machen könnte, daß sie sie nicht zerbrechen dürfe. Ich ließ sie die Bewegung machen, als schlüge sie den Kopf der Puppe auf den Tisch auf, und buchstabierte ihr in die Hand: ~No, no, Helen is naughty. Teacher is sad~ -- und ließ sie den bekümmerten Ausdruck meines Gesichtes fühlen. Dann ließ ich sie die Puppe liebkosen, auf die getroffene Stelle küssen und zärtlich in ihren Armen wiegen, buchstabierte ihr dabei in die Hand: ~Good Helen, teacher is happy~ -- und ließ sie das Lächeln auf meinem Gesichte fühlen. Sie machte diese Bewegungen mehrmals und gab dabei auf jede Kleinigkeit acht; dann stand sie einen Augenblick ganz still mit bekümmertem Gesichtsausdruck, der sich aber plötzlich aufhellte, buchstabierte. ~Good Helen~ -- und verzog ihr Gesicht zu einem breiten, künstlichen Lächeln. Dann trug sie die Puppe die Treppe hinauf, legte die in das oberste Fach des Kleiderschrankes und hat sie seitdem nie wieder berührt.

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2. Juni 1887.

Das Wetter ist drückend heiß. Wir schmachten förmlich nach Regen. Wir sind alle in großer Sorge um Helen. Sie ist sehr nervös und aufgeregt. Sie kann des Nachts nicht schlafen und leidet an Appetitlosigkeit. Es ist schwer zu raten. Der Arzt sagt, ihr Geist sei zu rege; wie sollen wir sie aber vom Denken abhalten? Sie beginnt zu buchstabieren, sobald sie aufwacht, und fährt damit den ganzen Tag lang fort. Wenn ich nicht mit ihr sprechen will, so buchstabiert sie in ihre eigene Hand und unterhält sich augenscheinlich auf das lebhafteste mit sich selbst.

Ich gab ihr meinen Braillestift in der Meinung, das mechanische Einstechen von Löchern in das Papier würde sie zerstreuen und ihren Geist beruhigen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand, daß die kleine Hexe Briefe schrieb! Ich hatte keine Ahnung davon, daß sie wußte, was überhaupt ein Brief sei. Sie ist öfters mit mir nach der Post gegangen, wenn ich Briefe besorgte, und ich glaube, ich habe ihr manches aus dem Inhalt meiner Briefe an Sie mitgeteilt. Auch wußte sie, daß ich ab und zu »Briefe an blinde Mädchen« mit dem Braillestift schrieb, aber ich glaubte nicht, daß sie irgend eine klare Vorstellung davon habe, was ein Brief sei. Eines Tages brachte sie mir einen Bogen, den sie über und über mit Löchern bedeckt hatte, wollte ihn in einen Umschlag stecken und nach der Post tragen. Sie sagte: ~Frank--letter~. Ich fragte sie, was sie denn an Frank geschrieben habe. Sie entgegnete: ~Much words. Puppy motherdog--five. Baby--cry. Hot. Helen walk--no. Sunfire--bad. Frank--come. Helen--kiss Frank. Strawberries--very good.~--

Helen liest fast ebenso eifrig, wie sie spricht. Ich finde, sie versteht den Inhalt ganzer Sätze, indem sie die Bedeutung der ihr unbekannten Wörter aus dem Zusammenhang errät.

Als ich eines Abends zu Bette ging, fand ich Helen fest eingeschlafen, während sie ein großes Buch fest in ihren Armen hielt. Sie hatte offenbar gelesen und war dabei eingeschlafen. Als ich sie am nächsten Morgen danach fragte, antwortete sie: ~Book--cry~ und ergänzte dies durch Zittern und andere Zeichen von Furcht. Ich lehrte sie das Wort ~afraid~, und sie sagte: ~Helen is not afraid. Book is afraid. Book will sleep with girl.~ Ich erklärte ihr, daß sich das Buch nicht fürchte und in seinem Schranke schlafen müsse und daß »~girl~« nicht im Bett lesen dürfe. Sie sah mich ganz verschmitzt an und begriff offenbar, daß ich ihre List durchschaut hatte.

Und nun zum Schluß noch eins, das nur für Ihre Ohren bestimmt ist. Eine innere Stimme sagt mir, daß mein Unternehmen über alles Wünschen und Träumen hinaus von Erfolg gekrönt sein wird. Wären nicht einige Umstände dabei, die einen solchen Gedanken im höchsten Grade unwahrscheinlich, ja widersinnig machen, so möchte ich glauben, Helens Erziehung werde an Interesse und Wunderbarkeit ~Dr.~ Howes Leistung übertreffen. Ich weiß, meine Schülerin besitzt bedeutende Anlagen, und ich glaube, daß ich imstande bin, sie zu entwickeln und auszubilden. Ich kann Ihnen nicht angeben, auf welche Weise ich zu dieser Ueberzeugung gelangt bin. Ich hatte kurz zuvor noch keine Ahnung, wie ich zu Werke gehen sollte; ich tappte vollständig im Dunkeln umher; aber nunmehr weiß ich es, und ich weiß, daß ich es weiß. Ich kann mir keine klare Rechenschaft darüber ablegen; wenn sich aber Schwierigkeiten erheben, so bin ich weder ratlos noch im Zweifel. Ich weiß, wie ich ihnen entgegenzutreten habe; ich scheine Helens individuelle Bedürfnisse zu ahnen. Es ist wunderbar.

Schon erregt Helen die allgemeine Aufmerksamkeit. Niemand kann sie sehen, ohne einen tiefen Eindruck von ihr zu erhalten. Sie ist ein außergewöhnliches Kind, und das Interesse der Oeffentlichkeit an ihrer Erziehung wird ebenfalls ein außergewöhnliches sein. Daher wollen wir recht vorsichtig in Bezug auf alles sein, was wir über sie sagen oder schreiben. Ich will Ihnen ohne jeden Rückhalt schreiben und Ihnen alles berichten, aber nur unter einer Bedingung, nämlich der, daß Sie mir versprechen, meine Briefe niemand zu zeigen. Meine herrliche Helen soll nicht zu einem Wunderkinde gemacht werden, sofern ich es verhüten kann.

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5. Juni 1887.

Helen interessiert sich sehr für einige kleine Hühnchen, die sich heut morgen ihren Weg in die Welt pickten. Ich gab ihr ein Ei in die Hand und ließ sie fühlen, wie die Hühnchen tschip-tschip riefen. Ihr Erstaunen, als sie das zarte Geschöpf im Innern des Eies fühlte, läßt sich nicht in Worte fassen. Die Henne war sehr nett und erhob keinen Einspruch gegen unsere Untersuchungen. Außer den Hühnchen haben wir noch verschiedenen anderen Familienzuwachs erhalten -- zwei Kälber, ein Füllen und eine Anzahl komischer kleiner Schweine. Sie würden lachen müssen, wenn Sie mich sähen, wie ich ein quiekendes Ferkel in meinen Armen halte, während Helen es am ganzen Leibe betastet und zahllose Fragen stellt -- Fragen, die keineswegs leicht zu beantworten sind. Nachdem sie beobachtet hatte, wie die Hühnchen aus dem Ei kommen, fragte sie: ~Did baby pig grow in egg?~ ~Where are many shells?~ Helens Kopfumfang beträgt 21½ Zoll, der meinige 22½; Sie sehen, ich bin ihr nur um einen Zoll voraus!

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12. Juni 1887.

Das Wetter ist nach wie vor heiß. Helen ist ungefähr dieselbe geblieben -- bleich und hager. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie wirklich krank ist. Ich bin überzeugt, die Hitze und nicht die natürliche, vielversprechende Regsamkeit ihres Geistes ist schuld an ihrem Zustande. Selbstverständlich werde ich ihr Gehirn nicht überbürden. Wir werden tagtäglich von Leuten überlaufen, die bereit sind, die Verantwortlichkeit für die Welt zu übernehmen, wenn sich der liebe Gott eine Versäumnis zuschulden kommen läßt. Sie erklären uns, Helen »strenge sich zu sehr an«, ihr Geist sei zu lebhaft (genau dieselben Leute glaubten noch vor ein paar Monaten, sie besäße überhaupt keinen), und erteilen uns allerhand unmögliche und widersinnige Ratschläge.

Augenblicklich unterweise ich Helen in der Quadratschrift. Die Beschäftigung lenkt sie etwas ab und nötigt sie zum Stillsitzen, was bei dieser erschlaffenden Hitze sehr wünschenswert ist. Sie hat eine völlige Manie für das Zählen. Sie hat alles im Hause gezählt und ist jetzt dabei, die Wörter in ihrer Fibel zu zählen. Hoffentlich wird es ihr nicht in den Sinn kommen, die Haare ihres Hauptes zählen zu wollen. Könnte sie sehen und hören, so würde sich ihre überschüssige Energie in einer Weise entladen, die vielleicht ihr Gehirn nicht so übermäßig belasten würde, obgleich ich andererseits glaube, daß auch das normale Kind sein Spiel ziemlich ernst nimmt.

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15. Juni 1887.

In der vergangenen Nacht hatten wir ein prächtiges Gewitter, und es ist heut viel kühler. Wir fühlen uns alle erfrischt, als hätten wir eine Dusche genommen. Helen läuft herum wie ein Wiesel. Sie wollte wissen, ob im Himmel geschossen würde, wenn sie den Donner fühlte, und ob die Bäume und Blumen allen Regen auftränken.

Sie kennt jetzt vierhundert Wörter, abgesehen von zahlreichen Eigennamen. Sie kann rasch bis dreißig zählen, und sieben von den Buchstaben der Quadratschrift sowie die Wörter, die sie aus ihnen bilden kann, schreiben... Sie erkennt sofort jeden wieder, mit dem sie einmal zusammengetroffen ist. Im Gegensatze zu Laura Bridgman liebt sie Herrengesellschaft, und wir bemerken, daß sie sich leichter mit Herren befreundet als mit Damen.

Sie ist stets bereit, alles, was sie hat, mit ihrer Umgebung zu teilen, wobei oft nur sehr wenig für sie selbst übrig bleibt. Sie hält sehr auf ihre Kleidung, liebt sich zu putzen und ist ganz untröstlich, wenn sie ein Loch in einem Kleidungsstück entdeckt. Abends will sie durchaus ihre Haare zu Locken gedreht haben, selbst wenn sie so müde ist, daß sie kaum stehen kann.

3. Juli 1887.