Die Geschichte meines Lebens

Part 18

Chapter 183,575 wordsPublic domain

Sie war sehr unruhig, als ich heut morgen zu schreiben begann. Sie stellte sich hinter mich, legte ihre Hand auf das Papier und steckte sie ins Tintenfaß. Diese Kleckse hier sind ihr Werk. Schließlich erinnerte ich mich an die Kindergartenperlen und wies Helen an, sie aufzureihen. Zuerst nahm ich zwei Holzperlen und eine Glasperle und ließ sie dann die Schnur und die beiden Oeffnungen der Perlen befühlen. Sie nickte und begann sofort die Schnur mit hölzernen Perlen zu beziehen. Ich schüttelte den Kopf, nahm sie alle ab und ließ sie die beiden Holzperlen und die eine Glasperle befühlen. Sie prüfte sie nachdenklich und begann von neuem. Diesmal reihte sie zuerst die Glasperlen und dann die beiden Holzperlen auf. Ich nahm sie wieder ab und zeigte ihr, daß zuerst die beiden Holzperlen kommen müßten und dann erst die Glasperle. Sie hatte keine weitere Mühe damit und reihte die Perlen rasch aneinander, leider nur allzu rasch. Als sie fertig war, knüpfte sie die beiden Enden der Schnur zusammen und legte sie um ihren Hals. In der nächsten Schnur hatte ich den Knoten nicht groß genug gemacht, und die Perlen fielen fast so rasch wieder herunter, wie Helen sie aufgereiht hatte; sie löste aber selbst die Schwierigkeit, indem sie die Schnur durch eine Perle zog und letztere festknüpfte. Ich fand dies sehr geschickt. Sie unterhielt sich mit den Perlen bis zum Mittagessen und legte mir ab und zu die Ketten zur Begutachtung vor.

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Montag nachmittags.

Heute früh hatte ich einen heißen Kampf mit Helen zu bestehen. Obgleich ich mich mit aller Kraft dagegen sträubte, gewaltsame Mittel zur Anwendung zu bringen, so fürchte ich doch, dies wird sich auf die Dauer nicht umgehen lassen.

Helens Benehmen bei Tische ist entsetzlich. Sie greift mit ihren Händen auf unsere Teller und nimmt davon weg, und wenn die Schüsseln herumgegeben werden, so greift sie hinein und nimmt sich, was ihr beliebt. Heut früh wollte ich ihr nicht erlauben, mit der Hand auf meinen Teller zu fassen. Sie beharrte bei ihrem Vorsatz, und es folgte nun ein sehr heftiger Auftritt. Natürlich verließ die übrige Familie voller Verlegenheit das Zimmer. Ich verschloß die Türe zum Speisezimmer und setzte mich wieder zu meinem Frühstück hin, obgleich mich die Speisen beinahe anwiderten. Helen lag schreiend und mit Händen und Füßen um sich schlagend auf dem Fußboden und suchte meinen Stuhl unter mir fortzuziehen. So verging eine halbe Stunde; dann stand sie auf, um zu sehen, was ich tat. Ich zeigte ihr, daß ich aß, ließ sie aber nicht mit der Hand auf den Teller fassen. Sie kniff mich, und ich schlug ihr jedesmal, wenn sie dies tat, auf die Hand. Dann ging sie um den ganzen Tisch herum, um zu sehen, wer da sei, und war ganz erstaunt, als sie außer mir niemand fand. Nach ein paar Minuten kam sie zu ihrem Platze zurück und begann ihr Frühstück mit den Fingern zu verzehren. Ich gab ihr einen Löffel, den sie aber auf den Fußboden warf. Ich zerrte sie von ihrem Stuhle herunter und zwang sie, ihn aufzuheben. Endlich gelang es mir, sie auf ihren Stuhl zurückzubringen; ich drückte ihr den Löffel in die Hand und nötigte sie, damit zu essen. Nach einigen Minuten fügte sie sich und beendete ruhig ihr Frühstück. Darauf hatten wir einen anderen Zwist über das Zusammenfalten ihrer Serviette. Als sie mit ihrem Frühstück fertig war, warf sie das Tuch zur Erde und lief zur Tür. Als sie diese verschlossen fand, begann sie wieder mit den Füßen auszuschlagen und zu schreien. Es dauerte eine volle Stunde, ehe ich sie dazu bringen konnte, ihre Serviette zusammenzulegen. Dann ließ ich sie in den warmen Sonnenschein hinaus und begab mich nach meinem Zimmer, wo ich mich ganz erschöpft auf das Bett warf. Ich weinte mich ordentlich aus und fühlte mich darauf besser. Ich glaube, ich werde noch mehr solcher Kämpfe mit der jungen Dame zu bestehen haben, ehe sie die beiden wesentlichen Dinge lernt -- die einzigen, die ich ihr beibringen kann -- Gehorsam und Liebe.

Gott befohlen, meine Liebe! Aengstigen Sie sich nicht um mich. Ich will mein Bestes tun und das übrige der Macht anheimstellen, die das vollbringt, was uns zu leisten unmöglich ist. Frau Keller ist mir sehr sympathisch.

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Tuscumbia, Alabama, 11. März 1887.

Seit ich das letztemal schrieb, sind wir, Helen und ich, nach einem kleinen Gartenhause, das nicht weit von Ivy Green, dem Familienhause, entfernt liegt, umgezogen und leben hier ganz für uns allein. Ich sah sehr bald ein, daß mit Helen im Schoße ihrer Familie, die ihr stets in allem den Willen gelassen hat, absolut nichts anzufangen sei. Sie hat jedermann tyrannisiert, ihre Mutter, ihren Vater, die Dienerschaft, die kleinen Negerkinder, die mit ihr spielten, und niemand ist ihr je bis zu meiner Ankunft ernstlich entgegengetreten, mit Ausnahme ihres Bruders James, der dies ab und zu getan hat, und wie alle Tyrannen hält sie an diesem ihrem angestammten Rechte von Gottes Gnaden, alles zu tun, was ihr beliebt, mit Zähigkeit fest. Als ich sie zu unterrichten begann, hatte ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie wollte um keines Haares Breite nachgeben, ohne es auf einen verzweifelten Kampf ankommen zu lassen. Im guten konnte ich gar nichts von ihr erreichen. Selbst zu den einfachsten Dingen wie zum Kämmen ihres Haares, zum Händewaschen, zum Zuknöpfen ihrer Schuhe mußte sie mit Gewalt angehalten werden, und natürlich war ein peinlicher Auftritt die Folge. Die Angehörigen fühlten natürlich Neigung, sich einzumischen, namentlich ihr Vater, der es nicht ertragen kann, sie weinen zu sehen. So waren sie alle gewillt, des lieben Friedens halber nachzugeben. Ich sah klar ein, daß jeder Versuch, sie im Gebrauch der Sprache oder in sonst etwas zu unterrichten, zwecklos sei, solange sie nicht gelernt habe, mir zu gehorchen. Ich habe viel darüber nachgedacht, und je reiflicher ich mir die Sache überlege, desto fester bin ich davon überzeugt, daß Gehorsam das Tor ist, durch welches das Wissen, ja sogar die Liebe ihren Einzug in die Seele eines Kindes halten. Wie ich Ihnen schon schrieb, glaubte ich anfangs nur Schritt für Schritt vorgehen zu dürfen. Ich hatte mir vorgenommen, mir die Liebe und das Vertrauen meines kleinen Zöglings durch dieselben Mittel zu gewinnen, die ich in Anwendung gebracht haben würde, wenn sie hätte sehen und hören können. Aber bald fand ich, daß mir kein Weg zu ihrem Herzen offen stand. Sie nahm alles, was ich für sie tat, als selbstverständlich hin, wehrte meine Liebkosungen ab, und es war mir schlechterdings unmöglich, mir ihre Zuneigung zu erwerben.

Ich hatte eine freie, offene Aussprache mit Frau Keller und setzte ihr auseinander, wie schwer es für mich unter den obwaltenden Umständen sei, etwas mit Helen zu beginnen. Ich erklärte ihr, daß meiner Meinung nach das Kind mindestens für einige Wochen von der Familie getrennt werden und daß Helen mir gehorchen lernen müsse, ehe ich irgend etwas anderes unternehmen könne. Nach einer langen Pause antwortete mir Frau Keller, sie wolle sich die Sache überlegen und hören, was ihr Gatte zu dem Plane meinte. Der Hauptmann Keller willigte gegen mein Erwarten sehr rasch ein, und ich beeilte mich, die Vorkehrungen zum Umzuge so bald wie möglich zu treffen.

In der neuen Wohnung zeigte sich Helen anfangs sehr ungebärdig und ließ sich am ersten Abend erst nach einem erbitterten zweistündigen Kampfe zu Bett bringen. Am nächsten Morgen war sie ruhiger, litt aber offenbar an Heimweh. Sie spielte mehr als sonst mit ihren Puppen und behandelte diese mit großer Zärtlichkeit, wollte aber nichts von mir wissen.

Helen kennt jetzt verschiedene Wörter, hat aber weder eine Ahnung von ihrem Gebrauche, noch weiß sie, daß jedes Ding einen Namen hat. Ich glaube jedoch, daß sie leicht und schnell lernen wird. Wie erwähnt, ist sie außerordentlich lebhaft und geschäftig und in ihren Bewegungen ebenso rasch wie unstet.

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13. März 1887.

Sie werden sich freuen, zu hören, daß mein Experiment einen guten Ausgang nimmt. Weder gestern noch heut habe ich mit Helen die geringste Mühe gehabt. Sie hat drei neue Wörter gelernt, und wenn ich ihr die Gegenstände gebe, deren Bezeichnung sie gelernt hat, so buchstabiert sie diese unverzüglich; sie scheint aber froh zu sein, wenn der Unterricht vorüber ist.

Wir machten heut früh einen fröhlichen Spaziergang im Garten. Helen wußte augenscheinlich, wo sie war, sobald sie die Buchsbaumhecken berührte, und machte mehrere Zeichen, die ich nicht verstand. Ohne Zweifel waren es Bezeichnungen für die verschiedenen Mitglieder der Familie in Ivy Green.

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20. März 1887.

Mein Herz jauchzt heute vor Freude. Ein Wunder hat sich ereignet. Das Licht des Verständnisses ist im Geiste meines kleinen Zöglings aufgegangen, und siehe da, alles hat ein verändertes Ansehen gewonnen.

Das kleine wilde Geschöpf von vor vierzehn Tagen hat sich in ein artiges Kind umgewandelt. Helen sitzt, während ich schreibe, mit heiterem und fröhlichem Gesichte neben mir und häkelt eine lange Spitze aus roter schottischer Wolle. Sie hat in vergangener Woche nähen gelernt und ist sehr stolz auf ihre Fertigkeit. Als sie die Spitze so lang gemacht hatte, daß sie über das Zimmer hinwegreichte, so klopfte sie sich selbst auf den Arm und legte das erste Werk ihrer Hände zärtlich an ihre Wange. Sie läßt sich jetzt von mir küssen und setzt sich, wenn sie besonders guter Laune ist, kurze Zeit auf meinen Schoß, erwidert aber meine Liebkosungen noch nicht. Der große Schritt, -- der Schritt, auf den es ankommt -- ist geschehen. Die kleine Wilde hat ihre erste Lektion gehorsam genommen und findet die Sache ganz ergötzlich. Es entsteht für mich jetzt die dankbare Aufgabe, die schöne Intelligenz, die sich in der Kindesseele zu regen beginnt, zu leiten und zu bilden.

Auch andere bemerken schon die Veränderung, die mit Helen vorgegangen ist. Ihr Vater besucht uns jeden Morgen und jeden Abend und ruft, wenn er sie ihre Perlen eifrig aneinanderreihen oder auf ihrer Nähkarte horizontale Stichreihen machen sieht, voller Verwunderung aus: Wie ruhig sie ist! Als ich kam, waren ihre Bewegungen so unstet, daß man stets fühlte, sie habe etwas Abnormes, ja beinahe Krankhaftes an sich. Auch habe ich bemerkt, daß sie viel weniger ißt, ein Umstand, der ihren Vater so sehr beunruhigt, daß er sie durchaus wieder nach Hause nehmen will. Er behauptet, sie leide an Heimweh. Ich bin damit nicht einverstanden, doch fürchte ich, wir werden unser kleines Bauer sehr bald verlassen müssen.

Gestern ließ ich während der Unterrichtsstunde einen kleinen Negerknaben hereinkommen, und zeigte auch ihm die Buchstaben. Dies machte Helen großes Vergnügen und stachelte ihren Ehrgeiz an, sich vor Percy hervorzutun. Sie freute sich, wenn er einen Fehler machte, und ließ ihn den Buchstaben mehrere Male wiederholen. Wenn es ihm gelang, sie zufriedenzustellen, klopfte sie ihm so kräftig auf seinen wolligen Kopf, daß ich glaubte, er habe die Fehler absichtlich gemacht.

Hauptmann Keller brachte eines Tages »Belle« mit, einen Hühnerhund, auf den er sehr stolz ist. Er war begierig, ob Helen ihren alten Spielkameraden wiedererkennen würde. Helen badete Nancy gerade und bemerkte anfangs den Hund gar nicht. Für gewöhnlich fühlt sie den leisesten Schritt und streckt die Arme aus, um sich zu vergewissern, ob sich jemand in ihrer Nähe befindet. Belle schien es nicht sehr eilig zu haben, Helens Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich glaube, sie ist mitunter von ihrer kleinen Herrin recht rauh behandelt worden. Der Hund war aber kaum eine halbe Minute im Zimmer, als Helen herumzuschnobern begann, die Puppe in die Badewanne warf und im Zimmer umherfühlte. Sie stolperte über Belle, die am Fenster lag. Sie erkannte sofort den Hund, denn sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an sich. Dann setzte sich Helen neben das Tier und begann sich an seinen Pfoten zu schaffen zu machen. Wir konnten uns für den ersten Augenblick ihr Verhalten nicht erklären; als wir aber bemerkten, daß sie die Buchstaben ~d--o--l--l~ mit ihren Fingern bildete, wußten wir daß sie Belle das Buchstabieren beizubringen suchte.

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28. März 1887.

Helen und ich sind gestern nach Hause gekommen. Ich bedauere, daß wir nicht noch eine Woche bleiben durften; aber ich glaube, ich habe die Gelegenheit, die mir in den letzten vierzehn Tagen geboten war, nach besten Kräften ausgenützt, und hoffe nicht, mit Helen in Zukunft noch ernstliche Mühe zu haben. Die größten Hindernisse, die sich einem Fortschreiten in den Weg stellten, sind gebrochen. Ich glaube, »nein« und »ja«, begleitet von einem Schütteln oder Nicken des Kopfes sind für Helen +so+ greifbare Tatsachen geworden wie Wärme und Kälte oder der Unterschied zwischen Schmerz und Behagen. Und ich werde auch dafür sorgen, daß die Lektion, die sie unter soviel Kummer und Schmerz gelernt hat, nicht wieder vergessen wird. Ich werde mich zwischen meine Schülerin und die übergroße Nachsicht ihrer Eltern stellen. Ich habe Herrn und Frau Hauptmann Keller erklärt, sie dürften in keinerlei Weise meine Anordnungen durchkreuzen. Ich habe mein Bestes getan, um ihnen klarzumachen, wie furchtbar sie sich an Helen versündigten, wenn sie ihr in allen Dingen ihren Willen ließen, und habe darauf hingewiesen, daß die Versuche, dem Kinde beizubringen, es könne nicht alles nach seinem Willen gehen, notwendig für dieses selbst wie für seine Lehrerin von schmerzlichen Empfindungen begleitet seien. Sie versprachen, mir freie Hand zu lassen und mich nach Kräften zu unterstützen. Die unverkennbaren Fortschritte, die ihr Kind gemacht hat, haben ihnen größeres Vertrauen zu mir eingeflößt. Natürlich ist es hart für sie. Ich begreife, daß es ihnen wehtut, zu sehen, wie ihr unglückliches kleines Kind bestraft und gezwungen wird, gewisse Dinge gegen seinen Willen zu tun. Nur wenige Stunden nach meiner Unterredung mit Herrn und Frau Hauptmann Keller (und sie hatten mir in allem beigepflichtet) setzte sich Helen bei Tisch in den Kopf, die Serviette nicht zu benutzen. Offenbar wollte sie probieren, was nun geschehen würde. Ich versuchte mehrmals, ihr die Serviette um den Hals zu legen, jedesmal aber riß sie sich das Tuch ab, warf es zur Erde und begann endlich den Tisch mit den Füßen zu bearbeiten. Ich nahm ihr den Teller weg und stand auf, um sie aus dem Zimmer zu führen; da aber schlug sich der Hauptmann ins Mittel und erklärte, er werde es unter keinen Umständen zugeben, daß eins seiner Kinder nichts zu essen bekäme.

Nach dem Abendessen kam Helen nicht mehr in mein Zimmer, und ich sah sie vor dem Frühstück am nächsten Morgen nicht wieder. Sie saß auf ihrem Platze, als ich herunterkam. Sie hatte sich ihre Serviette unter das Kinn gesteckt, anstatt, wie es ihre Gewohnheit war, sich das Tuch auf dem Rücken festzustecken, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese Neuerung; als ich keine Einsprache dagegen erhob, schien sie erfreut zu sein und streichelte sich selbst. Als sie das Eßzimmer verließ, ergriff sie meine Hand und streichelte sie ebenfalls. Ich war begierig, was sie zu tun beabsichtigte, und beschloß, der Gewöhnung an Zucht und Sitte etwas nachzuhelfen. Ich ging nach dem Eßzimmer zurück und holte mir eine Serviette. Als Helen zum Unterricht heraufkam, legte ich alle Gegenstände in gewohnter Weise auf den Tisch; nur der Kuchen fehlte, von dem ich ihr ein Stückchen zur Belohnung zu geben pflegte, wenn sie ein Wort recht rasch buchstabiert hatte. Helen bemerkte dies sofort und machte das entsprechende Zeichen für »Kuchen«. Ich zeigte ihr die Serviette, band sie ihr um den Hals, riß sie dann ab und warf sie zur Erde und schüttelte dabei den Kopf. Dies tat ich mehrmals hintereinander. Helen verstand mich vortrefflich, denn sie schlug sich ein paarmal derb auf die Hand und schüttelte gleichfalls mit dem Kopfe. Inzwischen begann der Unterricht. Ich gab ihr einen Gegenstand in die Hand, und Helen buchstabierte das betreffende Wort. Mit einem Male hielt sie inne, als ob ihr ein Gedanke durch den Kopf schösse, und griff nach der Serviette, die sie sich rasch um den Hals knüpfte, wobei sie ihr Zeichen für »Kuchen« machte. Ich nahm dies für ein Versprechen, daß, wenn ich ihr etwas Kuchen gebe, sie ein artiges Kind sein wolle, und gab ihr ein größeres Stück als gewöhnlich; Helen war darüber sehr erfreut und klopfte und streichelte sich selbst voller Befriedigung.

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3. April 1887.

Wir bringen fast unsere ganze Zeit im Garten zu, wo alles sproßt und blüht und grünt. Nach dem Frühstück gehen wir hinaus und sehen den Leuten bei ihrer Arbeit zu. Helen liebt es, zu graben und im Schmutze herumzuspielen wie jedes andere Kind. Heut früh pflanzte sie ihre Puppe in die Erde und deutete mir an, sie erwarte, die Puppe werde so groß werden wie ich.

Um zehn Uhr gehen wir hinein und reihen einige Minuten lang Perlen auf. Helen kann sie schon in sehr verschiedener Weise zusammenstellen und denkt sich öfters selbst neue Arten aus. Dann überlasse ich es ihrer Wahl, ob sie nähen, stricken oder häkeln will. Stricken lernte sie sehr schnell und fertigt jetzt einen Waschlappen für ihre Mutter an. In der vergangenen Woche machte sie ihrer Puppe eine Schürze und kam damit so gut zustande wie jedes andere Kind ihres Alters. Um elf Uhr haben wir Turnen. Sie kennt alle Freiübungen mit und ohne Hanteln. Die Stunde von zwölf bis eins wird zur Erlernung neuer Wörter benutzt. Sie dürfen aber nicht glauben, daß dies die einzige Zeit ist, in der ich mit Helen buchstabiere; ich buchstabiere ihr im Gegenteil alles, was wir den ganzen Tag über tun, in die Hand, obgleich sie bis jetzt noch keine Ahnung hat, was das Buchstabieren eigentlich bedeutet. Nach dem Mittagessen ruhe ich eine Stunde, und Helen spielt mit ihrer Puppe oder tummelt sich im Hofe mit den kleinen Negern umher, die vor meiner Ankunft ihre beständigen Spielgefährten waren. Später geselle ich mich zu ihnen, und wir machen dann die Runde durch die Wirtschaftsgebäude. Wir besuchen die Pferde und Maultiere in ihren Ställen, suchen nach Eiern und füttern die Truthühner. Oft gehen wir, wenn das Wetter schön ist, von vier bis sechs Uhr spazieren oder besuchen Helens Tante in Ivy Green oder ihre Verwandten in der Stadt. Helen hat einen stark entwickelten Geselligkeitstrieb; sie liebt es, Menschen um sich zu haben und ihre Bekannten zu besuchen, zum Teil allerdings, wie ich glaube, weil diese stets einige Leckerbissen für sie übrig haben. Nach dem Abendessen gehen wir in mein Zimmer und vertreiben uns die Zeit mit allerlei Beschäftigungen bis um acht, dann ziehe ich das kleine Fräulein aus und bringe es zu Bett. Helen schläft jetzt bei mir. Frau Keller wollte mir eine Wärterin für sie geben; ich glaube aber, es ist besser, ich bin ihre Wärterin, als daß ich eine dumme, faule Negerin zu beaufsichtigen habe. Außerdem ziehe ich es vor, daß Helen ganz allein auf mich angewiesen ist, und ich finde es viel leichter, sie bei allen sich bietenden Gelegenheiten zu unterrichten als zu festgesetzten Stunden.

Am 31. März fand ich, daß Helen achtzehn Substantiva und drei Verba kannte. Hier eine Liste dieser Wörter. Die mit einem Kreuz bezeichneten sind Wörter, nach denen sie selbst fragte: ~doll~, ~mug~, ~pin~, ~key~, ~dog~, ~hat~, ~cup~, ~box~, ~water~, ~milk~, ~candy~, ~eye~ (×), ~finger~ (×), ~toe~ (×), ~head~ (×), ~cake~, ~baby~, ~mother~, ~sit~, ~stand~, ~walk~. Am 1. April lernte sie die Substantiva ~knife~, ~fork~, ~spoon~, ~saucer~, ~tea~, ~papa~, ~bed~ und das Verbum ~run~.

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5. April 1887.

Ich muß Ihnen heut morgen eine Zeile schreiben, denn es hat sich etwas sehr Wichtiges zugetragen. Helen hat den zweiten großen Schritt in ihrer Erziehung getan. Sie hat gelernt, daß jedes Ding einen Namen hat und daß das Fingeralphabet der Schlüssel zu allem ist, was sie zu wissen verlangt.

Die Wörter ~mug~ und ~milk~ machten Helen mehr Mühe als alle übrigen. Sie verwechselte die Substantiva mit dem Verbum ~drink~. Sie kannte das Wort für trinken nicht, sondern half sich damit, daß sie die Pantomime des Trinkens machte, so oft sie ~mug~ oder ~milk~ buchstabierte. Als sie sich heute früh wusch, wünschte sie die Bezeichnung für Wasser zu erfahren. Wenn sie die Bezeichnung für etwas zu wissen wünscht, so deutet sie darauf und streichelt mir die Hand. Ich buchstabierte ihr ~w--a--t--e--r~ in die Hand und dachte bis nach Beendigung des Frühstücks nicht mehr daran. Dann fiel es mir ein, daß ich ihr vielleicht mit Hilfe dieses neuen Wortes den Unterschied zwischen ~mug~ und ~milk~ ein- für allemal klarmachen könnte. Wir gingen zu der Pumpe, wo ich Helen ihren Becher unter die Oeffnung halten ließ, während ich pumpte. Als das kalte Wasser hervorschoß und den Becher füllte, buchstabierte ich ihr ~w--a--t--e--r~ in die freie Hand. Das Wort, das so unmittelbar auf die Empfindung des kalten über ihre Hand strömenden Wassers folgte, schien sie stutzig zu machen. Sie ließ den Becher fallen und stand wie angewurzelt da. Ein ganz neuer Lichtschein verklärte ihre Züge. Sie buchstabierte das Wort ~water~ zu verschiedenenmalen. Dann kauerte sie nieder, berührte die Erde und fragte nach deren Namen, ebenso deutete sie auf die Pumpe und das Gitter. Dann wandte sie sich plötzlich um und fragte nach meinem Namen. Ich buchstabierte ihr »~teacher~« in die Hand. In diesem Augenblick brachte die Amme Helens kleine Schwester an die Pumpe; Helen buchstabierte »~baby~« und deutete auf die Amme. Auf dem ganzen Rückwege war sie im höchsten Grade aufgeregt und erkundigte sich nach dem Namen jedes Gegenstandes, den sie berührte, sodaß sie im Laufe weniger Stunden dreißig neue Wörter ihrem Wortschatz einverleibt hatte.

~P. S.~ Ich konnte meinen Brief gestern abend nicht mehr zur Post geben und will daher noch eine Zeile hinzufügen. Helen stand heute früh wie eine strahlende Fee auf. Sie flog von einem Gegenstande zum anderen, fragte nach der Bezeichnung jedes Dinges und küßte mich vor lauter Freude. Als ich gestern abend zu Bett ging, warf sich Helen aus eigenem Antrieb in meine Arme und küßte mich zum ersten Male, und ich glaubte, mein Herz müsse springen, so voll war es vor Freude.

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10. April 1887.