Part 17
Fräulein Sullivan erkannte gleich von Anfang an, daß der Unterricht Helen Kellers interessanter und von größerem Erfolg begleitet sein würde als der Laura Bridgmans, und erklärte in einem ihrer Briefe, es sei durchaus notwendig, Aufzeichnungen über den Entwickelungsgang ihrer Schülerin zu machen. Aber weder ihr Temperament noch ihre Vorbildung gestatteten ihr, ihren Zögling zum Gegenstand von Experimenten oder Beobachtungen zu machen, die für die Entwickelung des Kindes keinen praktischen Wert besaßen. Sobald etwas erledigt, ein bestimmtes Ziel erreicht war, blickte die Lehrerin nicht mehr zurück, um den Weg, den sie gegangen war, zu beschreiben. Die Erklärung der Tatsache war unwesentlich im Vergleich zu der Tatsache selbst und der Notwendigkeit, weiterzueilen. Es liegen auch noch zwei weitere Gründe für die Unvollständigkeit von Fräulein Sullivans Aufzeichnungen vor. Erstens war in ihren Augen das Schreiben stets eine schwere Aufgabe, und dann wurde sie auch schon bald durch die Willkür, mit der man ihre ersten Angaben benutzt hatte, von weiteren Veröffentlichungen abgeschreckt.
Als sie zum ersten Male aus Tuscumbia an Herrn Michael Anagnos, ~Dr.~ Howes Schwiegersohn und Nachfolger in der Leitung der Perkinsschen Anstalt, über ihre erzieherische Tätigkeit geschrieben hatte, begannen die Bostoner Zeitungen sofort, übertriebene Berichte über Helen Keller zu veröffentlichen. Fräulein Sullivan protestierte dagegen. In einem Briefe vom 10. April 1887, kaum fünf Wochen nach dem Beginn des Unterrichts, schrieb sie an eine Freundin:
... schickte mir eine Nummer des Boston Herald, die einen törichten Artikel über Helen enthält. Wie völlig albern ist es, zu sagen, daß Helen „schon fließend spricht“! Nun, ebensogut könnte jemand sagen, daß sich ein zweijähriges Kind fließend unterhält, wenn es sagt: ~Apple give~ oder ~Baby walk go~. Ich glaube allerdings, daß wenn Sie ein Kreischen, Krähen, Wimmern, Lallen und Schreien nebst gelegentlichen Schluckanfällen mit zur Unterhaltung rechnen, die als fließend, ja sogar als beredt gelten könnte. Dann macht es mir auch Spaß, von den sorgfältigen Vorbereitungen zu lesen, denen ich mich unterzogen hätte, um mich für die große Aufgabe fähig zu machen, die meine Freunde mir anvertraut hätten. Ich bedaure nur, daß diese Vorbereitungen sich nicht auch auf den Gebrauch des Fingeralphabets erstreckten; ich würde mir dann eine Menge Mühe erspart haben. --
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Am 4. März 1888 schreibt sie in einem Briefe:
Ich bin in der Tat herzlich froh, daß ich nicht alles kenne, was über Helen und mich selbst gesprochen und geschrieben wird. Ich versichere Sie, ich erfahre genug und übergenug. Fast jede Post bringt irgend eine alberne -- geschriebene oder gedruckte -- Auslassung. Die Wahrheit ist nicht sensationell genug, um die Zeitungen zufriedenzustellen; daher übertreiben sie und bringen lächerliche Ausschmückungen an. Eine Zeitung behauptet, Helen löse geometrische Aufgaben mit Hilfe ihres Baukastens. Ich erwarte, demnächst zu hören, daß sie eine Abhandlung über die Entstehung und die Zukunft der Planeten geschrieben hat! --
Im Dezember 1887 erschien der erste Bericht des Direktors des Perkinsschen Institutes, der sich mit Helen Keller beschäftigt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan, einer Bitte Herrn Anagnos’ widerwillig nachgebend, eine Schilderung ihrer Tätigkeit. Diese ist neben den ebenfalls in dem Bericht veröffentlichten Auszügen aus ihren Briefen die erste zuverlässige Quelle über Helen Keller. Ueber diesen Bericht schrieb Fräulein Sullivan in einem Buche vom 30. Oktober 1887:
Haben Sie schon den Aufsatz gelesen, den ich für den »Bericht« geliefert habe? Herr Anagnos war ganz entzückt von ihm. Er meint, Helens Fortschritte seien „gleich von Anfang an ein Siegeszug“ gewesen und weiß über ihre Lehrerin viel Schmeichelhaftes zu sagen. Ich glaube, er neigt zu Uebertreibungen; jedenfalls ist seine Sprache zu begeistert, und ganz einfache Tatsachen werden in einer Weise vorgebracht, daß sie den Leser allerdings in Erstaunen setzen müssen. Ohne Zweifel erscheint ihm die Tätigkeit der letzten paar Monate im Lichte eines Siegeszuges, aber man beachtet dabei selten, wie langsam und mühevoll die Schritte sind, mittels deren man auch den unbedeutendsten Erfolg erreichen muß. --
Da Anagnos der Leiter des großen Instituts war, so hatten seine Aeußerungen mehr Gewicht als die von Fräulein Sullivan erwähnten Tatsachen, auf die sich seine Behauptungen stützten. Die Zeitungen wurden von Anagnos’ Ton angesteckt und übertrieben maßlos. Nach Ablauf des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit sah Fräulein Sullivan sich und ihre Schülerin als den Mittelpunkt einer erstaunlichen Legendenbildung. Die Erzieher der ganzen Welt wollten ihre Meinung sagen, trugen aber größtenteils nichts zur Klärung der Sachlage bei. Es erhoben sich eine Menge Streitfragen, die jetzt sehr belustigend zu betrachten sind. Taubstummenlehrer bewiesen ~a priori~, daß das, was Fräulein Sullivan geleistet hatte, unmöglich sei, und ihren Angaben wurde mit Mißtrauen begegnet, weil sie von Anagnos’ phrasenhafter Beredsamkeit umkleidet waren. So hatte Helen Kellers Geschichte, die schon bei nüchternem Vortrage unglaublich war, das Mißgeschick, in übertriebenen Schilderungen in die Welt posaunt zu werden und begegnete natürlich entweder unverständiger Leichtgläubigkeit oder ungläubiger Feindseligkeit.
Im November 1888 erschien ein anderer Bericht des Perkinsschen Instituts mit einem zweiten Beitrage von Fräulein Sullivan, und dann wurde jahrelang nichts Offizielles mehr veröffentlicht, bis Anagnos im November 1891 seinen letzten Bericht erstattete, der Mitteilungen über Helen Keller enthielt. Für diesen Bericht verfaßte Fräulein Sullivan die ausführlichste und umfangreichste Abhandlung, die sie je geschrieben hat, und hier erschien auch der »Frostkönig«, von dem in einem späteren Kapitel ausführlich die Rede sein wird (s. S. 323 ff.[24]). Jetzt entbrannte der Kampf heftiger als je.
Da Fräulein Sullivan fand, daß andere Leute viel mehr von Helen Keller zu wissen schienen, als sie selbst, so schwieg sie und hat zehn Jahre lang geschwiegen, abgesehen von ihrem Beitrage für das erste »~Volta Bureau Souvenir of Helen Keller~« und die Abhandlung, die sie auf Wunsch ~Dr.~ Bells im Jahre 1894 für die in Chautauqua abgehaltene Versammlung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen verfaßte. Als ~Dr.~ Bell und andere ihr erklärten, was von einem unpersönlichen Standpunkte aus unzweifelhaft richtig ist, daß sie es der Sache der Erziehung schuldig sei, niederzuschreiben, was sie wisse, antwortete sie sehr treffend, sie schulde ihre ganze Zeit und ihre ganze Kraft ihrem Zöglinge.
Obgleich Fräulein Sullivan sich mehr darüber amüsiert als ärgert, wenn jemand, und wäre es selbst einer ihrer näheren Bekannten, in einem Artikel Irrtümliches über sie und Fräulein Keller berichtet, so sieht sie doch ein, daß Helens Buch alle Auskünfte enthalten muß, die die Lehrerin zur Zeit erteilen kann, und erteilte daher ihre Zustimmung zur Veröffentlichung von Auszügen aus Briefen, die sie während des ersten Jahres ihrer Erziehungstätigkeit geschrieben hatte. Diese Briefe waren an Frau Sophia C. Hopkins gerichtet, die einzige Freundin, an die Fräulein Sullivan stets schrieb, wie es ihr ums Herz war. Frau Hopkins war zwanzig Jahre lang Pflegerin im Perkinsschen Institute gewesen und vertrat während der ganzen Zeit, in der Fräulein Sullivan Schülerin der Anstalt war, Mutterstelle an dem Mädchen. In diesen Briefen haben wir einen beinahe allwöchentlichen Bericht über Fräulein Sullivans Tätigkeit. Manche Einzelheiten hat sie übergangen, da sie sich immer mehr daran gewöhnte, hauptsächlich die allgemeinen Gesichtspunkte zu betonen. Viele sind der Ansicht gewesen, daß jeder Versuch, Prinzipien in ihrer Methode zu finden, weiter nichts sei als eine spätere Theorie, die man Fräulein Sullivans Tätigkeit unterschoben habe. Aber aus diesen Briefen geht hervor, daß sie sich über ihr Tun und Lassen klare Rechenschaft abgelegt hat. Sie war ihre eigene Kritikerin, und trotz ihrer späteren Erklärung, die sie in ihrer bescheidenen Zurückhaltung abgegeben hat, daß sie keine bestimmte Methode befolgt habe, erkannte sie doch im Verfolg ihrer Aufgabe mit der höchsten Klarheit gewisse Erziehungsprinzipien, die nicht allein für den Unterricht der taubstummen, sondern aller Kinder überhaupt von hervorragendem Werte waren. Die Auszüge aus ihren Briefen und Berichten bilden einen wichtigen Beitrag zur Pädagogik und rechtfertigen vollauf das Urteil ~Dr.~ Daniel C. Gilmans, der ihr 1893, als er Rektor der John Hopkins-Universität war, schrieb:
Ich habe soeben... Ihren höchst interessanten Bericht über die verschiedenen Wege gelesen, die Sie bei der Erziehung Ihrer wunderbaren Schülerin eingeschlagen haben, und ich hoffe, Sie werden mir gestatten, daß ich Ihnen meine Bewunderung für die Weisheit ausdrücke, die Ihre Schritte geleitet hat und ebenso für die Liebe, von der Ihr ganzes Wirken erfüllt ist.
Fräulein Anne Mansfield Sullivan war in Springfield in Massachusetts geboren. In früher Jugend erblindete sie fast gänzlich und wurde am 7. Oktober 1880 im Alter von vierzehn Jahren in das Perkinssche Institut aufgenommen. Später erhielt sie ihr Gesicht teilweise wieder.
Anagnos sagt in seinem Berichte vom Jahre 1887: Sie mußte auf der niedrigsten und elementarsten Stufe beginnen, zeigte aber sofort beim ersten Anlauf, daß sie die Kraft und Fähigkeit in sich hatte, die den Erfolg verbürgen... Sie hat schließlich das Ziel erreicht, nach dem sie so unermüdlich strebte. Die goldenen Worte, die ~Dr.~ Howe aussprach, und das Beispiel, das er gab, gingen ihr in Fleisch und Blut über und unterstützten sie auf ihrer segensvollen Laufbahn, und jetzt steht sie ihm als seine würdige Nachfolgerin in einer der geachtetsten Abteilungen seines Unternehmens zur Seite... Fräulein Sullivan besitzt die höchste Begabung.
Im Jahre 1886 legte sie ihr Lehrerinnenexamen am Perkinsschen Institut ab. Als sich Hauptmann Keller mit der Bitte um eine Lehrerin an den Direktor wandte, empfahl dieser Fräulein Sullivan. Die einzige Frist, die ihr zur Vorbereitung für ihre schwere Aufgabe blieb, dauerte vom August 1886, in dem Hauptmann Keller geschrieben hatte, bis zum Februar 1887. Während dieser Zeit las sie ~Dr.~ Howes Berichte. Ferner wurde sie durch den Umstand unterstützt, daß sie während der sechs Jahre ihres Schullebens mit Laura Bridgman in einem Hause gewohnt hatte. Erst durch ~Dr.~ Howes Wirken an Laura Bridgman wurden Fräulein Sullivans Erfolge möglich; aber sie war es, die die Mittel und Wege entdeckte, den blinden Taubstummen die Sprache beizubringen.
Man darf nicht vergessen, daß Fräulein Sullivan ihre Aufgabe zu lösen hatte ganz ohne vorausgegangene Erfahrung und ohne die Unterstützung eines anderen Lehrers. Während des ersten Jahres ihrer Tätigkeit, in der sie ihre Schülerin sprechen lehrte, blieben beide in Tuscumbia, und als sie nach dem Norden kamen und das Perkinssche Institut besuchten, wurde Helen Keller hier nicht regelrecht als Schülerin aufgenommen und unterstand auch nicht den Anstaltsgesetzen. Die Annahme, Fräulein Sullivan habe Helen Keller „unter der Leitung des Herrn Anagnos“ erzogen, ist falsch. In den drei Jahren, während deren Fräulein Keller und Fräulein Sullivan zu verschiedenenmalen Gäste des Perkinsschen Institutes waren, erhielt Fräulein Sullivan von den Lehrern der Anstalt keine Unterstützung, ja der Direktor Anagnos konnte sich nicht einmal des Fingeralphabets mit Geläufigkeit bedienen. Der letztere schrieb in dem Bericht des Perkinsschen Instituts vom 27. November 1888: Auf mein dringendes Ersuchen kam Helen in Begleitung ihrer Mutter und ihrer Lehrerin in der letzten Maiwoche nach dem Norden, und alle drei blieben mehrere Monate als unsere Gäste bei uns... Wir gestatteten Helen mit Freuden die Benutzung unserer Bibliothek von Hochdruckbüchern, unserer Sammlung von ausgestopften Tieren, Muscheln, Modellen von Blumen und Pflanzen und unserer sonstigen Apparate zur Unterweisung der Blinden durch den Gefühlssinn. Ich zweifle nicht, daß sie viel Vergnügen daran gefunden und großen Nutzen davon gehabt hat. Mag aber Helen zu Hause bleiben oder andere Teile des Landes besuchen, ihre Erziehung steht stets unter der unmittelbaren Leitung und der ausschließlichen Kontrolle ihrer Lehrerin. Niemand hat Einfluß auf Fräulein Sullivans Unterrichtsplan oder nimmt an ihrer Aufgabe teil. Sie genießt völlige Freiheit in der Wahl ihrer Mittel und Methoden zur Vollendung ihres großen Werkes, und soviel wir aus ihren Erfolgen entnehmen können, macht sie einen höchst umsichtigen und taktvollen Gebrauch von diesem Vorrechte. Was ihre kleine Schülerin auf diesem Wege geleistet hat, ist weithin bekannt, und ihre erstaunliche Begabung erregt allgemeine Bewunderung; aber nur diejenigen, die mit den Einzelheiten des großen Unternehmens vertraut sind, wissen, daß der Erfolg zum großen Teile der Intelligenz, der Klugheit, dem Scharfblicke, der unermüdlichen Ausdauer und dem unbeugsamen Willen ihrer Erzieherin zu verdanken ist, die das Kind aus der Tiefe der immerwährenden Nacht und des ewigen Schweigens gerettet hat und über den einzelnen Phasen seiner geistigen und sittlichen Entwickelung mit mütterlicher Sorgfalt und begeisterter Hingebung wacht.
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Im folgenden sollen nun Fräulein Sullivans Briefe und die wichtigsten Stellen aus ihren Berichten in chronologischer Reihenfolge wiedergegeben werden. Der erste Brief ist vom 6. März 1887 datiert, drei Tage nach ihrer Ankunft in Tuscumbia.
... Es war halb sieben Uhr, als ich in Tuscumbia ankam. Frau Keller und Herr James Keller warteten auf mich. Die Fahrt nach dem Landhause, das ungefähr eine Meile von der Station entfernt lag, war sehr angenehm. Ich war überrascht, in Frau Keller eine Frau von sehr jugendlichem Aussehen, nicht viel älter als ich selbst, möchte ich glauben, anzutreffen. Hauptmann Keller kam uns auf dem Hofe entgegen und bot mir ein fröhliches Willkommen und einen herzlichen Händedruck. Meine erste Frage war: „Wo ist Helen?“ Ich versuchte mit aller Kraft meine Aufregung zu unterdrücken, denn ich zitterte so stark, daß ich mich kaum auf den Füßen halten konnte. Als wir uns dem Hause näherten, sah ich ein Kind an der Tür stehen, und Hauptmann Keller sagte: „Dort ist sie. Sie hat den ganzen Tag gewußt, daß wir jemand erwarteten, und sie ist ganz ungebärdig geworden, seit ihre Mutter nach dem Bahnhof ging, um Sie abzuholen.“ -- Kaum hatte ich meinen Fuß auf die Treppenstufen gesetzt, als sie mit solcher Gewalt auf mich zustürzte, daß ich zu Boden gestürzt wäre, hätte Hauptmann Keller nicht hinter mir gestanden. Sie befühlte mir Gesicht und Kleid, und ebenso meine Reisetasche, die sie mir aus der Hand nahm und zu öffnen versuchte. Sie ging nicht gleich auf, und Helen fühlte sorgfältig nach dem Schlüsselloch. Als sie es gefunden hatte, wandte sie sich zu mir und bewegte die Hand, als drehe sie einen Schlüssel herum, indem sie auf die Tasche deutete. In diesem Augenblick kam ihre Mutter herbei und machte Helen durch Zeichen klar, daß sie den Koffer nicht berühren dürfe. Sie wurde rot, und als ihre Mutter versuchte, ihr den Koffer aus der Hand zu nehmen, geriet sie in heftigen Zorn. Ich lenkte ihre Aufmerksamkeit ab, indem ich ihr meine Uhr zeigte und sie ihr in die Hand gab. Sofort legte sich der Sturm, und wir gingen zusammen die Treppe hinauf. Hier öffnete ich die Tasche und sie durchsuchte dieselbe sofort eifrig, wahrscheinlich in der Erwartung, etwas zum Essen zu finden. Bekannte hatten ihr vermutlich Zuckerwerk in ihren Koffern mitgebracht, und sie erwartete, solches auch in dem meinigen zu finden. Ich deutete auf eine Truhe, die im Hausflur stand, dann auf mich und nickte mit dem Kopfe, um ihr verständlich zu machen, daß ich eine Truhe hätte; dann machte ich das Zeichen, das sie für essen gebraucht hatte, und nickte wieder. Sie verstand mich sofort und rannte die Treppe hinunter zu ihrer Mutter, um ihr durch ausdrucksvolle Zeichen zu verstehen zu geben, daß sich Zuckerzeug für sie in einer Truhe befände. Sie kehrte nach wenigen Minuten zurück und half mir meine Sachen wegräumen. Es war zu komisch zu sehen, wie sie sich meinen Hut aufsetzte, ihren Kopf kokett erst nach der einen, dann nach der anderen Seite drehte und in den Spiegel blickte, genau als ob sie sehen könnte. Ich hatte einigermaßen erwartet, ein blasses, zartes Kind vor mir zu sehen -- ich glaube, ich entnahm diese Vorstellung ~Dr.~ Howes Schilderung von Laura Bridgman bei ihrer Aufnahme in das Institut. Aber Helen zeigte keine Spur von Blässe oder Zartheit. Sie ist groß, stark, von blühender Gesichtsfarbe und in ihren Bewegungen so ungezügelt wie ein junges Füllen. Sie hat keine jener nervösen Gewohnheiten, die bei blinden Kindern so deutlich erkennbar sind und einen so traurigen Eindruck hinterlassen. Ihr Körper ist wohlgebildet und kräftig, und Frau Keller erzählt mir, sie sei seit ihrer Krankheit, die sie des Gesichts und Gehörs beraubt habe, auch nicht einen einzigen Tag unpäßlich gewesen. Sie hat einen schöngeformten Kopf, der ganz gerade auf ihren Schultern sitzt. Ihr Gesicht ist schwer zu beschreiben. Es ist intelligent, entbehrt aber der Beweglichkeit, der Seele, oder wie man sich sonst ausdrücken will. Ihr Mund ist groß und fein geschnitten. Man bemerkt auf den ersten Blick, daß sie blind ist. Ein Auge ist größer als das andere und steht auffallend vor. Sie lächelt selten; in der Tat habe ich sie seit meiner Ankunft erst ein- oder zweimal lächeln sehen. Sie zeigt kein anschmiegendes Wesen und sträubt sich sogar gegen Liebkosungen, ausgenommen ihrer Mutter gegenüber. Sie ist von sehr raschem Temperament und höchst eigenwillig, und niemand außer ihrem Bruder James hat den Versuch gemacht, sie zu zügeln. Die schwerste Aufgabe, die ich vor mir habe, besteht darin, sie zu zügeln und in Zucht zu halten, ohne ihren Geist zu brechen. Ich will zuerst langsam vorgehen, und ihre Liebe zu gewinnen suchen. Ich werde keinen Versuch machen, sie nur durch Kraft zu besiegen, aber gleich von Anfang an auf einem vernünftigen Gehorsam bestehen. Ein Umstand, der jedermann auffällt, ist Helens unermüdlicher Tätigkeitstrieb. Sie steht keinen Augenblick still. Sie ist bald hier, bald dort, kurz überall. Ihre Hände sind mit allem beschäftigt, aber nichts vermag ihre Aufmerksamkeit längere Zeit zu fesseln. Ein liebes Kind, dessen rastloser Geist im Dunkeln umhertappt. Ihre ungeschickten, unbefriedigten Hände zerstören alles, was sie berühren, weil sie nicht wissen, was sie sonst mit den Gegenständen anfangen sollen.
Sie half mir meine Truhe auspacken, als diese ankam, und war entzückt, als sie die Puppe fand, die die kleinen Mädchen ihr schickten. Ich hielt dies für eine gute Gelegenheit, sie das erste Wort zu lehren. Ich buchstabierte langsam ~d--o--l--l~ in ihre Hand, deutete auf die Puppe und nickte mit dem Kopfe, was ihr Zeichen dafür zu sein scheint, daß ihr etwas gehöre. Wenn jemand ihr etwas gibt, so deutet sie zuerst auf den Gegenstand, dann auf sich und nickt mit dem Kopfe. Sie machte ein ganz verwundertes Gesicht und befühlte meine Hand und ich wiederholte ihr nun die Buchstaben. Sie ahmte sie vortrefflich nach und deutete auf die Puppe. Dann nahm ich die Puppe, in der Absicht, sie ihr zurückzugeben, wenn sie die Buchstaben gemacht hätte; sie glaubte aber, ich wolle sie ihr wegnehmen, geriet augenblicklich in Aufregung und versuchte die Puppe an sich zu reißen. Ich schüttelte den Kopf und versuchte die Buchstaben mit Hilfe ihrer Finger zu bilden; aber sie wurde immer ungebärdiger. Ich zwang sie auf einen Stuhl und hielt sie dort fest, bis ich ganz erschöpft war. Dann fiel es mir ein, es sei nutzlos, den Kampf fortzusetzen -- ich mußte etwas tun, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Ich ließ sie los, verweigerte ihr aber die Puppe. Ich ging die Treppe hinunter und holte einen Cake (sie ist eine große Freundin von Süßigkeiten). Ich zeigte ihn ihr und buchstabierte ihr ~c--a--k--e~ in die Hand, wobei ich ihr den Cake entgegenhielt. Natürlich bekam sie Lust auf ihn und wollte ihn an sich nehmen; ich buchstabierte jedoch das Wort zum zweiten Male und tätschelte ihr die Hand. Sie machte rasch die Buchstaben, und ich gab ihr den Kuchen, den sie eiligst aufaß, weil sie wohl glaubte, ich würde ihn ihr wieder wegnehmen. Dann zeigte ich ihr die Puppe und buchstabierte abermals das Wort, indem ich ihr die Puppe entgegenhielt wie vorhin den Kuchen. Sie machte die Buchstaben ~d--o--l~, ich fügte das noch fehlende ~l~ hinzu und gab ihr die Puppe. Sie rannte sofort mit ihr die Treppe hinunter und konnte den ganzen Tag nicht dahin gebracht werden, in mein Zimmer zurückzukehren.
Gestern gab ich ihr auf, an einer Nähkarte zu arbeiten. Ich machte die erste Reihe senkrechter Stiche, ließ Helen die Karte befühlen und darauf achten, daß auf ihr mehrere Reihen kleiner Löcher angebracht waren. Sie begann eifrig zu arbeiten, vollendete die Karte in wenigen Minuten und machte dies wirklich ganz sauber. Ich wollte nun versuchen, ihr ein anderes Wort beizubringen und buchstabierte ihr ~c--a--r--d~ in die Hand. Sie machte ~c--a~ nach, dann hielt sie nachdenklich inne, machte das Zeichen für essen, deutete nach unten und schob mich auf die Tür zu, womit sie meinte, ich solle nach unten gehen und ihr einen Cake holen. Sie sehen, die beiden Buchstaben ~c--a~ hatten ihr ihre »Lektion« vom Freitag in das Gedächtnis zurückgerufen -- nicht daß sie irgend eine Ahnung davon hatte, daß cake die Bezeichnung für den betreffenden Gegenstand sei, sondern es war, wie ich glaube, eine einfache Ideenassociation. Ich beendete das Wort ~c--a--k--e~ und erfüllte Helens Wunsch, worüber sie sehr erfreut war. Dann buchstabierte ich ~d--o--l--l~ und begann nach der Puppe zu suchen. Sie verfolgt mit ihren Händen jede Bewegung, die man macht, und wußte sofort, daß ich mich nach der Puppe umsah. Sie wies nach unten, was bedeuten sollte, die Puppe befinde sich im Erdgeschoß. Ich machte das Zeichen, das sie gebraucht hatte, als sie wünschte, ich solle ihr den Cake holen, und drängte sie auf die Tür zu. Sie schritt vorwärts, dann zögerte sie einen Augenblick und kämpfte offenbar mit sich, ob sie gehen sollte oder nicht. Sie entschied sich dafür, mich hinunterzuschicken. Ich schüttelte den Kopf, buchstabierte ihr das Wort ~d--o--l--l~ mit größerem Nachdruck in die Hand und öffnete ihr die Tür; aber sie weigerte sich hartnäckig zu gehorchen. Sie hatte ihren Cake noch nicht aufgegessen, und ich nahm ihn ihr weg, indem ich ihr bedeutete, daß wenn sie mir die Puppe brächte, ich ihr den Cake zurückgeben würde. Sie stand längere Zeit ganz still, das Gesicht wie mit Blut übergossen, dann siegte ihr Verlangen nach dem Cake, sie lief die Treppe hinunter und brachte mir die Puppe; natürlich gab ich ihr den Cake, konnte sie aber nicht bewegen, wieder in mein Zimmer zu kommen.