Part 16
Am meisten bietet jedoch ihr tägliches Leben Gelegenheit, die Feinheit ihrer Sinne und ihrer Handfertigkeit zu beobachten. Sie scheint sehr wenig Orientierungssinn zu besitzen. Sie tastet ihren Weg mit ziemlicher Unsicherheit selbst in Zimmern entlang, mit denen sie ganz bekannt ist. Die meisten Blinden werden durch das Gehör unterstützt, sodaß man sie nicht mit diesen vergleichen kann, sondern billigerweise nur mit anderen taubstummen Blinden. Ihre Geschicklichkeit ist weder im Verhältnis zu normalen Personen, deren Bewegungen durch das Auge geleitet werden, noch, wie mir versichert wurde, zu anderen Blinden bemerkenswert. Sie hat keine einzige Fertigkeit ausgeübt, die den Gebrauch ihrer Hände erfordert haben würde. Als sie zwölf Jahre alt war, ließ ein Bekannter von ihr, der Künstler Albert H. Munsell, sie Versuche mit einer Wachstafel und einem Griffel anstellen. Er berichtet, sie habe sich ganz gut dabei angestellt und nach Modellen einige Umrißzeichnungen von Blättern und Rosetten angefertigt. Ihre einzige Beschäftigung, die Handfertigkeit erfordert, ist ihre Tätigkeit an der Schreibmaschine. Obgleich sie diese von ihrem zwölften Lebensjahre an benutzt hat, arbeitet sie an ihr eher sorgfältig als rasch. Sie schreibt mit angemessener Schnelligkeit und absoluter Sicherheit. Ihre Manuskripte enthalten selten Schreibfehler, wenn sie sie Fräulein Sullivan zum Durchlesen übergibt. Ihre Schreibmaschine weist keine besonderen Einrichtungen auf. Sie überzeugt sich von der Stellung der einzelnen Tasten zueinander durch eine gelegentliche Berührung des Außenrandes der Platte mit dem kleinen Finger.
Fräulein Kellers Verstehen des Fingeralphabets vermittelst des Gefühls scheint einigermaßen Verwunderung zu erregen. Selbst Leute, die Helen sehr gut kannten, haben in Zeitschriften von Fräulein Sullivans »geheimnisvoller telegraphischer Zwiesprache« mit ihrem Zögling gesprochen. Das Fingeralphabet ist das bei allen tauben Personen, die eine Erziehung genossen haben, übliche. Die meisten Wörterbücher enthalten eine bildliche Darstellung der Fingeralphabete. Der sehende Taube blickt auf die Finger seines Begleiters, aber es ist auch möglich, sie zu fühlen. Fräulein Keller legt ihre Finger leicht über die Hand dessen, der mit ihr spricht, und faßt die Worte so rasch auf, wie sie buchstabiert werden können. Wie sie erklärt, ist sie sich weder der einzelnen Buchstaben noch einzelner Wörter bewußt. Fräulein Sullivan und andere, die beständig mit Tauben zu tun haben, können sehr rasch buchstabieren -- schnell genug, um die Geschwindigkeit einer langsamen Lektüre zu erreichen, jedoch nicht, um jedem Worte eines raschen Gespräches folgen zu können.
Jedermann kann das Fingeralphabet in wenigen Minuten erlernen, nach Verlauf eines Tages langsam anwenden und nach einer beständigen Uebung von dreißig Tagen sich durch dasselbe mit Helen Keller oder einer anderen tauben Person verständigen, ohne auf die Bewegung der Finger zu achten. Wäre das Fingeralphabet allgemeiner bekannt und erlernten die Bekannten und Angehörigen tauber Kinder es zugleich mit diesen, so würden die Tauben der ganzen Welt glücklicher und besser unterrichtet sein.
Helen Keller liest mit Hilfe von Hochdrucken und den verschiedenen Arten der Brailleschrift. Das gewöhnliche Buch in Hochdruck ist mit römischen Lettern, sowohl kleinen wie großen, hergestellt. Diese Lettern sind von einfacher, viereckiger, rechtwinkliger Gestalt. Die kleinen Buchstaben sind ungefähr 3/16 Zoll hoch und erheben sich über die Blattfläche ungefähr um die Dicke eines Daumennagels. Die Bücher haben ein großes Format, ungefähr Lexikonformat. Das französische Elementarbuch von Ploetz umfaßt zum Beispiel vier Bände. Die Bücher sind nicht schwer, weil die Blätter mit der erhöhten Schrift nicht dicht übereinander liegen. Am meisten fällt Helens Blindheit ihren Bekannten auf, wenn die plötzlich im Dunkeln zu ihr kommen und das Rascheln ihrer Finger über die Buchseite hören.
Der geeignetste Druck für die Blinden ist die Brailleschrift, die verschiedene Abarten aufweist, leider nur zu viele -- die englische, die amerikanische, die New Yorker. Fräulein Keller liest sie alle. Die meisten Blinden mit Schulbildung verstehen verschiedene Systeme, aber es würde die Sache vereinfachen, wenn, wie Fräulein Keller vorschlägt, die englische Brailleschrift allgemein angenommen würde. Jedes Zeichen (entweder ein Buchstabe oder eine, der Brailleschrift eigentümliche Zusammenziehung mehrerer Buchstaben) besteht aus einer Anzahl von Punkten (zwischen 1 und 6 schwankend), die in verschiedenen Stellungen zueinander angeordnet sind. Fräulein Keller besitzt eine Brailleschreibmaschine, auf der sie ihre Notizen anfertigt und Briefe an ihre blinden Freunde schreibt. Diese Maschine hat sechs Tasten, und durch das Niederdrücken einer oder mehrerer von diesen zu gleicher Zeit (genau so wie man einen Akkord auf dem Klavier greift) bringt der Schreibende ein Zeichen in einem Bogen dicken Papiers hervor und kann halb so rasch schreiben wie auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine. Die Brailleschrift eignet sich vorzugsweise zur Herstellung einzelner Abschriften von Büchern.
Bücher für Blinde gibt es verhältnismäßig wenige.[21] Ihre Herausgabe erfordert große Kosten, und sie haben einen zu kleinen Abnehmerkreis, als daß das Geschäft für den Verleger gewinnbringend sein könnte. Es gibt jedoch verschiedene Anstalten mit besonderen Fonds zur Herstellung von Büchern in Hochdruck. Fräulein Keller ist glücklicher daran als die meisten anderen Blinden, da ihre Freunde so aufmerksam waren, eigens für sie Bücher herzustellen und sich Herren, wie zum Beispiel Herr E. E. Allen vom ~Pennsylvania Institute for the Instruction of the Blind~ bereit fanden, Ausgaben von Büchern, deren sie gerade bedurfte, zu veranstalten.
Fräulein Keller liest in der Regel nicht allzu schnell, sondern eher bedächtig, nicht weil sie die Worte weniger geschwind fühlte, als wir sie sehen, sondern weil sie es sich zur Gewohnheit gemacht hat, alles gründlich und gut zu tun. Wenn sie sich für eine Stelle interessiert oder sich dieselbe zu künftiger Verwendung einprägen will, so buchstabiert sie sich diese mit den Fingern der rechten Hand vor. Mitunter geht dieses Fingerspiel ganz unbewußt von statten. Auch spricht Helen in Geistesabwesenheit oft zu sich selbst mittels des Fingeralphabets. Wenn sie in der Halle oder der Veranda auf- und abgeht, so bewegen sich ihre Hände mit der Geschwindigkeit von Vogelflügeln.
Es gibt, wie mir versichert wird, ebenso ein auf dem Gefühl beruhendes Gedächtnis, wie ein auf dem Gesicht und Gehör beruhendes. Fräulein Sullivan erklärt, daß sowohl sie wie Fräulein Keller sich »in ihren Fingern« daran erinnerten, was sie gesagt haben. Wenn Helen Keller einen Satz in der Fingersprache buchstabiert, so macht dies auf ihren Geist denselben Eindruck, wie wenn wir etwas, das wir oft gehört haben, dadurch unbewußt lernen, daß wir uns den Klang des Gehörten ins Gedächtnis zurückrufen können.
Gleich jedem Tauben oder Blinden besitzt Fräulein Keller einen außerordentlich feinen Geruch. Als sie ein kleines Mädchen war, roch sie alles und erkannte an den verschiedenen Gerüchen, wo sie war, an welchem Hause sie vorüberkam u. s. w. Als ihr Intellekt zunahm, wurde sie weniger abhängig von diesem Sinne. In welchem Umfange sie bis jetzt Dinge an ihrem Geruche wiedererkennt, läßt sich schwer feststellen. Der Geruchssinn ist in Mißkredit gekommen, und ein Tauber spricht nur ungern von ihm. In Fräulein Kellers feinem Geruchssinn mag jedoch zum Teil eine Erklärung für jenes Wiedererkennen von Personen und Dingen zu finden sein, das man sich gewöhnt hat, einem besonderen Sinne zuzuschreiben, oder einer außergewöhnlichen Entwickelung der Fähigkeit, die wir alle zu besitzen scheinen, nämlich der Fähigkeit, anzugeben, wenn sich jemand in unserer Nähe befindet.
Die Frage nach einem besonderen »sechsten Sinne«, wie man ihn Fräulein Keller beigelegt hat, ist eine sehr heikle. Soviel ist sicher, sie kann keinen Sinn haben, den andere nicht auch haben können, und das Vorhandensein eines besonderen Sinnes ist weder ihr selbst noch ihrer Umgebung bekannt. Fräulein Kellers Wesen gibt ganz bestimmt keine Stütze für Geheimlehren und mysteriöse Theorien ab, und jeder Versuch, ihre Eigenart auf diese Weise zu erklären, scheitert an ihrer Normalität. Ihre Natur ist nicht geheimnisvoller und verwickelter als die jedes anderen Menschen. Alles, was sie ist, alles, was sie geleistet hat, läßt sich auf natürliche Weise erklären, bis auf die Züge, die sich in jedem Menschen vorfinden, ohne daß sie jemals erklärt werden können. Sie liefert offenbar keinen Beweis für die Existenz eines Geistes ohne Materie, das Dasein angeborener Ideen oder die Unsterblichkeit oder für sonst etwas, wofür sich nicht in jedem anderen menschlichen Wesen ein Beweis finden ließe. Philosophen haben festzustellen gesucht, welcher Art ihr Begriff von abstrakten Vorstellungen war, ehe sie sprechen lernte. Hatte sie irgendwelchen Begriff von solchen, so läßt sich diese Frage nicht mehr beantworten, denn sie kann sich nicht darauf entsinnen, und natürlich liegen auch keine Aufzeichnungen aus jener Zeit vor. Sie hatte keinen Begriff von Gott, ehe sie das Wort »Gott« gehört hatte, wie ihre eigenen Aussagen deutlich bekunden.[22]
Ihr Zeitsinn ist vortrefflich ausgebildet; ob er sich aber zu einer besonderen Begabung entwickelt haben würde, läßt sich nicht feststellen, denn sie besitzt seit ihrem siebenten Jahre eine Uhr.
Fräulein Keller besitzt zwei Uhren, die ihr zum Geschenk gemacht worden sind. Sie sind, glaube ich, die einzigen ihrer Art in Amerika. Die Uhr hat auf der Rückseite einen flachen goldenen Zeiger, der soweit von links nach rechts gedreht werden kann, bis er, mittels eines Stiftes innen im Gehäuse, an den Stundenzeiger anstößt, und so eine diesem entsprechende Stellung erhält. Die Spitze dieses goldenen Zeigers ragt über den Rand des Gehäuses vor, auf welchem elf erhöhte Punkte angebracht sind, der Griff vertritt die Stelle des zwölften. Diese Uhr -- eine gewöhnliche Uhr mit einem gewöhnlichen Ziffernblatt für den Sehenden, -- wird durch die beschriebene Vorrichtung zur Blinden-Uhr, mit einem (einzigen) erhöhten Zeiger und erhöhten Stundenziffern. Obgleich der sechzig Minuten entsprechende Zwischenraum zwischen den einzelnen Punkten weniger als einen halben Zoll beträgt, so liest Fräulein Keller die Zeit doch ziemlich genau ab. Man muß übrigens sagen, daß auch eine Uhr mit doppeltem Gehäuse, aber ohne Glas, einem Blinden hinreichende Dienste leistet, wenn dessen Gefühl fein genug ist, um die Stellung der Zeiger zu erkennen, ohne sie zu beschädigen.
Die feineren Züge von Fräulein Kellers Charakter sind so allgemein bekannt, daß man nicht viel Worte über sie zu verlieren braucht. Gesunder Menschenverstand, guter Humor und Phantasie machen ihre Auffassung der Dinge zu einer gesunden und schönheitserfüllten. Niemals ist von ihrer Umgebung ein Versuch gemacht worden, sie vor Illusionen zu bewahren oder ihr diese zu rauben. Als sie noch ein kleines Mädchen war, wurde eine ganze Menge unverständiger und taktloser Dinge, die über sie gesprochen worden waren, dank der weisen Wachsamkeit Fräulein Sullivans vor ihr nicht wiederholt. Jetzt, wo sie erwachsen ist, denkt niemand daran, weniger offen mit ihr zu sprechen, als mit jeder anderen intelligenten jungen Dame.
Ich glaube, sie ist das reinste menschliche Wesen, das je existiert hat... Die Welt ist für sie das, was ihr eigenes Bewußtsein ist. Sie hat nicht einmal gelernt, »moralische Entrüstung« zu zeigen, worauf viele so stolz sind.
Als vor einiger Zeit ein Polizist ihren Hund totschoß, den sie zärtlich liebte und der ihr täglicher Begleiter war, fand sie in ihrem verzeihenden Herzen keine Verurteilung für diesen Mann; sie sagte nur: „Wenn er nur gewußt hätte, was für ein guter Hund es war, so würde er ihn gewiß nicht erschossen haben. -- Vor langer Zeit wurde uns gesagt: ‚Vater vergib ihnen, denn die wissen nicht, was sie tun!‘“ --
Natürlich wird die Frage aufgeworfen werden, ob Helen Keller das sein würde, was sie heutzutage ist, wenn sie nicht vor jeder Berührung mit dem Schlechten behütet worden wäre. ... Ihre Seele ist weder durch verweichlichende und schmutzige Lektüre entnervt noch durch den leisesten Hauch von Gemeinheit befleckt worden. Infolgedessen ist ihr Geist nicht nur kräftig, sondern auch rein. Sie liebt edle Handlungen, edle Gedanken und den Charakter edler Männer und Frauen.
Sie zeigt noch jetzt eine kindliche Abneigung gegen Tragödien. Ihre Phantasie ist so rege, daß sie vollständig unter dem Einfluß einer Erzählung steht und in deren Welt lebt. Fräulein Sullivan schrieb 1891 in einem Briefe:
Gestern las ich ihr die Geschichte von Macbeth vor, wie sie von Charles und Mary Lamb erzählt wird. Sie geriet in heftige Erregung und sagte: Das ist ja schrecklich. Ich fürchte mich davor. -- Nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, fuhr sie fort: Ich glaube, Shakespeare hat dies deshalb so schrecklich dargestellt, damit man sehen soll, wie furchtbar es ist, unrecht zu tun. --
Von der realen Welt weiß sie mehr Gutes und weniger Schlechtes, als die meisten Menschen zu wissen glauben. Ihre Lehrerin behelligte sie nicht mit den kleinen Miseren des Lebens; aber von den bedeutenden Schwierigkeiten, die sich ihnen in den Weg stellten, wurde Fräulein Keller völlig in Kenntnis gesetzt, nahm teil an den Sorgen und dachte über die Lösung der Probleme nach. Sie ist logisch und duldsam, voller Vertrauen zu einer Welt, von der sie stets mit Güte behandelt worden ist.
Als sie einmal aufgefordert wurde, den Begriff »Liebe« zu definieren, antwortete sie: Mein Gott, das ist doch leicht; es ist das, was jeder gegen jeden anderen empfindet. --
Duldsamkeit, -- sagte sie einmal, als sie ihre Freundin Frau Laurence Hutton besuchte, ist die größte Geistesgabe; sie erfordert dieselbe Anstrengung des Denkens, die in körperlicher Hinsicht nötig ist, wenn man sich auf einem Zweirade im Gleichgewicht erhalten will. --
Sie besitzt eine umfassende, hochherzige Sympathie für alles und ein durch und durch ehrliches Wesen. Insofern sie sich offenkundig von anderen unterscheidet, ist sie auch weniger durch das Herkommen gebunden. Sie hat den Mut ihrer kühnen Metaphern und läßt sich von diesen himmelwärts erheben, während wir armen selbstbewußten Menschen sie für zu hoch halten, als daß wir sie in unsrer täglichen Unterhaltung anwenden könnten. Sie sagt stets genau das, was sie denkt, ohne Furcht vor der nackten Wahrheit, und dabei ist niemand taktvoller und gewandter im Umschreiben einer unangenehmen Wahrheit, um die Gefühle anderer so wenig wie möglich zu verletzen. Aber all die Aufmerksamkeit, die ihr seit ihrer Kindheit zu teil geworden ist, hat nicht vermocht, sie eitel auf sich selbst zu machen. Bisweilen nimmt sie einen geradezu salbungsvollen Ton an. Dann nennt ihre Lehrerin sie ihre kleine, unverbesserliche Sonntagsnachmittagspredigerin, und sie lacht dann über sich selbst. Oft jedoch sind ihre nüchternen Gedanken durchaus nicht lächerlich, denn ihr ernster Eifer reißt alle Hörer mit sich fort. Niemals ist die leiseste Spur einer falschen Sentimentalität in ihren Worten zu entdecken. Sie ist von allem, was sie sagt, so durchdrungen, daß selbst ihre Citate, die Wiederholungen dessen, was sie gelesen hat, den Eindruck eigener selbständiger Gedanken hervorrufen.
Ihre Logik und ihr warmes Empfinden halten sich stets ausgezeichnet die Wage. Ihr Empfinden ist von rascher und hilfsbereiter Art, wie sie es glücklicherweise so oft bei anderen angetroffen hat. Aber ihre Sympathien gehen weiter und beeinflussen ihr Urteil über politische und nationale Bewegungen. Sie war eine begeisterte Burenfreundin und schrieb einen geharnischten Artikel zugunsten der Unabhängigkeit der Buren. Als ihr die Waffenstreckung des tapferen kleinen Volkes mitgeteilt wurde, umwölkte sich ihr Antlitz, und sie verstummte für einige Minuten. Dann stellte sie klare, eindringliche Fragen nach den Bedingungen der Kapitulation und begann die letzteren zu erörtern.
Sowohl Herr Gilman wie Herr Keith, ihre beiden Lehrer, die sie für die Universität vorbereiteten, waren erstaunt über die Stärke des konstruktiven Denkens, die sie bei ihr wahrnahmen; ihre Leistungen in der reinen Mathematik waren ganz vorzüglich, obgleich sie niemals eine besondere Vorliebe für diese Wissenschaft gehabt zu haben scheint. Zu dem besten, was sie geschrieben hat, gehören, abgesehen von ihren phantasievollen dichterischen Ergüssen, ihre Examensarbeiten und ihre Abhandlungen über technische Fragen sowie einige Briefe, die sie zur Aufklärung von Mißverständnissen schreiben zu müssen glaubte und die Muster folgerichtigen Denkens und bestrickender Beredsamkeit sind. Sie ist Optimistin und Idealistin.
Ich hoffe, heißt es in einem ihrer Briefe, daß L. nicht allzu praktisch ist, denn in diesem Falle würde sie, fürchte ich, auf einen großen Teil des Lebensgenusses verzichten müssen. --
In das Tagebuch, das sie während ihres Aufenthaltes in der Wright-Humason-Schule in New York führte, trug sie unter dem 18. Oktober 1894 ein: Ich finde, daß ich während meines Schullebens hier und überhaupt im Leben viererlei zu lernen habe: klar zu denken ohne Uebereilung und Verwirrung, jedermann aufrichtig zu lieben, in allem mich von den höchsten Motiven leiten zu lassen und unverrückt auf den lieben Gott zu bauen. --
[21] Die Blindenanstalt in Steglitz bei Berlin besitzt eine Bibliothek von gegen 6000 Bänden in Blindenschrift, (die Bibel allein umfaßt 71 Bände!) die in Dresden eine solche von über 3000 Bänden. Wie reichhaltig diese Literatur ist, möge ein Blick auf das nachfolgende Autorenverzeichnis lehren, das noch dazu nicht einmal vollständig ist: E. M. Arndt Auerbach, Bauernfeld, Baumbach, Beecher-Stowe, Brentano, W. Busch, Chamisso, Dahn, Ebers, Ebner-Eschenbach, Eckstein, Eichendorff, Eschstruth, Fouqué, Freytag, Frommel, Ganghofer, Geibel, Gerok, Goethe, Grillparzer, Grimm, Gutzkow, Hammer, Hauptmann, Hebel, Herder, Heyse, Hillern, Franz Hoffmann, Horn, Ibsen, Jensen, Immermann, G. Keller, Kinkel, Kleist, Kögel, Körner, Kügelgen, Lavater, Lessing, Loti, Ludwig, Luther, Masius, C. F. Meyer, Moltke, Nathusius, Nieritz, Polko, Putlitz, Reinick, Reuter, Riehl, Rogge, Roquette, Rosegger, Rückert, Scheffel, Schiller, Schmid, Seidel, Shakespeare, Sophokles, Spitta, Spyri, Stifter, Stinde, Storm, Sturm, Sudermann, Tegnér, Tolstoi, Uhland, Vollmar, Walter v. d. Vogelweide, A. Weber, Wildenbruch, Wildermuth, I. Wolf. Auch das Nibelungenlied ist vertreten; in größerer Auswahl sind Lehr- und Erbauungsbücher vorhanden.
Anm. d. Uebers.
[22] Vergl. S. 291 ff. und 295 ff.
Helen Kellers Bildungsgang.
~Dr.~ Howe und Laura Bridgman. -- Helen Keller kein Objekt für psychologische Beobachtungen. -- Unwahre und übertriebene Berichte über ihre Fortschritte. -- Fräulein Sullivans Persönlichkeit. -- Helens Entwickelung nach Fräulein Sullivans Berichten. -- Psychologische und pädagogische Betrachtungen über Fräulein Sullivans Methode.
Es sind jetzt fünfundsiebzig Jahre verflossen, seit ~Dr.~ Samuel Gridley Howe erkannte, daß es ihm gelungen sei, sich durch Laura Bridgmans Finger einen Zugang zu ihrem Geiste zu eröffnen. Die Namen Laura Bridgman und Helen Keller werden stets zusammen genannt werden, und man muß zuvörderst einen Einblick in das gewinnen, was ~Dr.~ Howe für seinen Zögling getan hat, ehe man an eine Darstellung von Fräulein Sullivans Tätigkeit gehen kann. Denn ~Dr.~ Howe ist der große Pionier, auf dessen Wirken die Leistungen Fräulein Sullivans und anderer Lehrer von blinden Taubstummen unmittelbar beruhen.
~Dr.~ Samuel Gridley Howe war am 10. November 1801 in Boston geboren und starb ebendaselbst am 9. Januar 1876. Er war ein großer Philanthrop, der sich namentlich für die Erziehung aller mangelhaft Beanlagten, der Schwachsinnigen, der Blinden und der Taubstummen interessierte. Weit seiner Zeit voraus, befürwortete er mancherlei öffentliche Vorkehrungen zum Besten der Armen und Kranken, wegen deren er damals verlacht wurde, die aber seitdem praktisch durchgeführt sind. Als Leiter der Perkinsschen Blindenanstalt in Boston hörte er von Laura Bridgman und brachte sie am 4. Oktober 1837 nach der Anstalt.
Laura Bridgman war am 21. Dezember 1829 zu Hanover in New Hampshire geboren; sie war also beinahe acht Jahre alt, als ~Dr.~ Howe seine Versuche mit ihr begann. Im Alter von sechsundzwanzig Monaten hatte sie ein Scharlachfieber überstanden, durch diese Krankheit aber Gesicht und Gehör und außerdem den Geruch- und Geschmackssinn verloren. ~Dr.~ Howe war ein Experimentalforscher, erfüllt von dem Geiste des Transcendentalismus von Neuengland, dessen Hauptmerkmale starker Glaube und großartige Liebeswerke sind. Wissenschaft und Glaube im Verein veranlaßten ihn, zu versuchen, ob er sich nicht einen Weg in die Seele bahnen könnte, mit der seiner Auffassung nach Laura Bridgman ebenso geboren worden sei wie jedes andere menschliche Wesen. Sein Plan ging dahin, Laura mit Hilfe von erhaben geprägten Buchstaben zu unterrichten. Er klebte aus solchen Buchstaben bestehende Wörter an Gegenstände und ließ sie dieselben mit den Gegenständen und die Gegenstände mit den Wörtern vergleichen. Nachdem sie auf diese Weise gelernt hatte, erhaben geprägte Wörter mit Gegenständen zusammenzubringen, wie er sagt, fast in derselben Weise, wie ein Hund Kunststücke lernt, begann er die Wörter in ihre lautlichen Bestandteile aufzulösen und Laura zu lehren, ~k--e--y~, ~c--a--p~ zusammenzusetzen. Sein Erfolg überzeugte ihn davon, daß sich die Sprache durch Vermittelung des Gefühles dem Geiste des blinden und taubstummen Kindes beibringen läßt, das sich vor dem Beginn des Unterrichts in der Lage des kleinen Kindes befindet, das noch nicht sprechen kann; ja, ersteres befindet sich sogar in einer viel ungünstigeren Lage, denn das Gehirn hat sich jahrelang ohne seine natürliche Nahrung entwickelt.
Nachdem Lauras Unterricht zwei Monate hindurch nur unter Benutzung erhaben geprägter Buchstaben fortgesetzt worden war, sandte ~Dr.~ Howe eine der Lehrerinnen der Anstalt fort, um von einem Taubstummen das Fingeralphabet zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr unterrichtete sie Laura darin, und seit dieser Zeit wurde das Fingeralphabet als Verständigungsmittel im Verkehr mit ihr benutzt.
Nach ein bis zwei Jahren unterrichtete ~Dr.~ Howe Laura Bridgman nicht mehr selbst, sondern vertraute sie anderen Lehrern an, die sich unter seiner Leitung an die Aufgabe machten, ihr das Sprechen beizubringen.
Man kann gar nicht genug zum Lobe von ~Dr.~ Howes Unternehmen sagen. Als Forscher hatte er stets in erster Reihe wissenschaftliche Gesichtspunkte im Auge. Er vergaß niemals, seine Beobachtungen an Laura Bridgman in der Art jemandes niederzulegen, der in einem Laboratorium arbeitet. Die Folge davon ist, daß seine Berichte systematisch und sorgfältig abgefaßt sind.[23] Vom wissenschaftlichen Standpunkte aus ist es zu bedauern, daß es unmöglich war, eine so umfassende Darlegung von Helen Kellers Entwicklungsgang zu erhalten. Dieser Umstand an sich ist ein sprechender Beleg für den großen Unterschied zwischen Laura Bridgman und Helen Keller. Laura blieb stets ein Objekt für wissenschaftliche Forschung. Helen Keller machte so rasche Fortschritte, daß ihre Lehrerin Mühe hatte, den geistigen Bedürfnissen ihres Zöglings zu genügen, und weder Zeit noch Gelegenheit fand, wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen.