Part 15
Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 27. Dezember 1890 an eine bekannte Dame: Ein Herr in Philadelphia hat vor kurzem an meine Lehrerin über ein taub-blindes Kind in Paris, dessen Eltern Polen sind, geschrieben. Die Mutter ist Aerztin und, wie er sagt, eine prächtige Frau. Der kleine Knabe konnte zwei bis drei Sprachen sprechen, bevor er sein Gehör durch Krankheit verlor, und ist jetzt erst fünf Jahre alt. Armer kleiner Bursche, ich wollte, ich könnte etwas für ihn tun; aber er ist so jung, meine Lehrerin glaubt, eine Trennung von seiner Mutter würde von zu nachteiligen Folgen für ihn begleitet sein. Frau Thaw schrieb mir kürzlich einen Brief über die Möglichkeit, etwas für all diese Kinder zu tun. ~Dr.~ Bell meint, die gegenwärtige Volkszählung würde ergeben, daß sich allein in den Vereinigten Staaten mehr als tausend befänden, und Frau Thaw glaubt, wenn alle meine Freunde ihre Anstrengungen vereinigten, so würde es ein leichtes sein, mit Beginn dieses neuen Jahrhunderts der Wohltätigkeit eine neue Bahn zu eröffnen und die Rettung dieser unglücklichen Kinder zu bewirken.
Am 11. November 1901 wurde ~Dr.~ Howes hundertjähriger Geburtstag in Boston feierlich begangen. Am Tage vorher schrieb Helen Keller an ihren Verwandten ~Dr.~ Edward Everett Hale (vergl. oben S. 139) folgenden Brief:
* * * * *
Cambridge, 10. November 1901.
Meine Lehrerin und ich hoffen morgen der Feier der hundertsten Wiederkehr von ~Dr.~ Howes Geburtstag beiwohnen zu können; aber ich bezweifle es sehr, ob wir eine Gelegenheit finden werden, mit Ihnen zu sprechen. Daher schreibe ich Ihnen heut, um Ihnen zu sagen, wie erfreut ich darüber bin, daß Sie die Festrede halten werden; denn ich fühle es, daß Sie besser als sonst jemand, den ich kenne, die aus dem tiefsten Herzen kommende Dankbarkeit derer zum Ausdruck bringen werden, die ihre Bildung, ihre Stellung im Leben, ihr Glück dem verdanken, der den Blinden die Augen geöffnet und den Stummen die Lautsprache geschenkt hat.
Während ich hier in meinem Studierzimmer sitze, umgeben von meinen Büchern, mich der tröstenden und erhebenden Gemeinschaft mit den großen Weisen erfreuend, suche ich mir vorzustellen, was mein Leben wohl gewesen wäre, wenn es ~Dr.~ Howe nicht gelungen wäre, die große, ihm von Gott gestellte Aufgabe zu lösen. Hätte er nicht die Verantwortung für Laura Bridgmans Erziehung übernommen und sie aus dem Schlunde des Acheron zurück zu ihrem Menschentume geführt, würde ich dann heut eine Schülerin des Radcliffe College sein -- wer vermag dies zu sagen? Aber es ist nutzlos, über das zu grübeln, was in Bezug auf ~Dr.~ Howes große Leistung hätte sein können.
Ich glaube, nur diejenigen, welche jenem mehr dem Tode als dem Leben ähnlichen Dasein entronnen sind, von dem auch Laura Bridgman gerettet worden ist, können wissen, wie vereinsamt, wie in Dunkel gehüllt, wie durch die eigene Ohnmacht niedergedrückt eine Seele ohne Denken, ohne Glauben, ohne Hoffen ist. Worte sind zu schwach, um die Oede jenes Kerkers oder die Freude der Seele, die aus ihrer Haft befreit ist, zu schildern. Wenn wir die Dürftigkeit und Hilflosigkeit der Blinden vor dem Beginn von ~Dr.~ Howes Tätigkeit mit ihrer gegenwärtigen Brauchbarkeit und Unabhängigkeit vergleichen, so sind wir uns bewußt, daß sich große Dinge in unserer Mitte vollzogen haben. Physische Bedingungen haben hohe Mauern um uns errichtet, aber dank unserem Freunde und Helfer liegt uns die Welt nach oben offen; die Länge, die Breite, die Höhe des Himmels gehören uns.
Es ist ein erhebender Gedanke, daß ~Dr.~ Howes edles Unternehmen den ihm gebührenden Tribut der Liebe und Dankbarkeit in der Stadt erhalten soll, die der Schauplatz seiner unendlichen Mühen und seiner glänzenden Siege zum Besten der Menschheit gewesen ist.
Mit den herzlichsten Grüßen, denen sich meine Lehrerin anschließt, bin ich
in treuer Liebe
Ihre Freundin
Helen Keller.
Anhang
Von John Albert Macy
Nebst Briefen und Berichten
von
A. M. Sullivan.
Die Abfassung des Buches.
Schwierigkeit der Prüfung des mit der Schreibmaschine hergestellten Manuskriptes. -- Braillekopie. -- Revision mit Hilfe Fräulein Sullivans.
Man muß gestehen, Fräulein Kellers »Geschichte meines Lebens« erscheint gerade jetzt zur rechten Zeit. Die Entwickelung der Verfasserin ist im wesentlichen abgeschlossen, und was sie auch in Zukunft noch erreichen mag, es wird immer nur ein verhältnismäßig geringfügiger Zuwachs zu den Erfolgen sein, die sie schon jetzt aufzuweisen hat. Diese Erfolge liegen klar zutage, denn ihre Leistungen im Radcliffe College während der letzten beiden Jahre haben bewiesen, daß sie ihre Ausbildung so weit fortsetzen kann, als ob sie unter normalen Bedingungen studierte. Alle Zweifel, die Fräulein Keller etwa selbst gehegt haben mag, sind nun verstummt.
Um den Leser in den Stand zu setzen, Fräulein Kellers Aufzeichnungen von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu betrachten, sind einige Erläuterungen notwendig. In der Schilderung, die sie von ihren ersten Unterrichtsjahren entwirft, gibt sie keinen wissenschaftlich genauen Bericht über ihr Leben, nicht einmal über die wichtigsten Ereignisse darin. Sie kann im einzelnen nicht wissen, in welcher Weise sie unterrichtet wurde, und die Erinnerung an ihre Kindheit ist zum Teil eine idealisierte Erinnerung an das, was sie später von ihrer Lehrerin und anderen erfahren hat. Sie ist weniger imstande, sich auf Ereignisse zu entsinnen, die fünfzehn Jahre zurückliegen, als die meisten von uns sich ihre Kindheit ins Gedächtnis zurückrufen können. Aus diesem Grund wird man stellenweise einen Unterschied zwischen den Aufzeichnungen Fräulein Kellers und den Berichten ihrer Lehrerin finden.
Die Art und Weise, in der Fräulein Keller ihre Biographie geschrieben hat, legt deutlicher als alles andere Zeugnis von den Schwierigkeiten ab, die sie zu überwinden hatte. Wenn wir schreiben, so können wir das Fertiggewordene überlesen, seitenlang zurückblättern, einfügen, die Anordnung ändern; wir können sehen, wie sich die Sätze im Konzepte ausnehmen, und so das ganze Werk offensichtlich vor unseren Augen aufbauen, wie ein Architekt seine Pläne entwirft. Wenn Fräulein Keller die Schreibmaschine benutzt, so kann sie das Niedergeschriebene nur prüfen, wenn es ihr jemand mittels des Fingeralphabets vorliest.
Diese Schwierigkeit wird zum Teil durch die Benutzung der Braillemaschine gehoben, die ein für sie lesbares Manuskript liefert; da ihre Arbeit doch aber zuletzt in Schreibmaschinenschrift übertragen werden muß, und eine Braillemaschine etwas unbequem zu handhaben ist, so hat sie sich daran gewöhnt, sofort mit der Schreibmaschine zu arbeiten. Sie ist so wenig von ihrem Braillemanuskript abhängig, daß, als sie vor länger als Jahresfrist ihre Biographie zu schreiben begann und etwa hundert Seiten des Entwurfes nebst einzelnen Bemerkungen hiezu fertiggestellt hatte, sie aus Unachtsamkeit diese Anmerkungen vernichtete, ehe sie ihr Manuskript beendet hatte. Daher schrieb sie einen großen Teil ihrer Biographie mittels der Schreibmaschine nieder und verließ sich behufs der Zusammenstellung der einzelnen Episoden, die ihr Fräulein Sullivan vorlas, bei der endgültigen Ausarbeitung ganz auf ihr Gedächtnis.
Als sie im vergangenen Juli unter großer Ueberbürdung mit Arbeit das Schlußkapitel beendet hatte, begann sie das ganze Buch mit der Schreibmaschine umzuschreiben. Ein guter Freund von ihr, Herr William Wade, hatte für sie eine vollständige Braillekopie nach den Niederschriften angefertigt. Nun hatte sie zum ersten Male ihr gesamtes Manuskript auf einmal unter den Fingern. Sie bemerkte Mängel in der Anordnung der Abschnitte und Wiederholungen einzelner Redewendungen; ferner erkannte sie, daß ihre Biographie von selbst in kurze Kapitel zerfiel, und teilte sie demgemäß von neuem ein.
Teils infolge ihres Temperaments, teils infolge der Bedingungen, unter denen ihr Buch entstanden war, hatte sie mehr eine Reihe glänzender Einzelschilderungen als eine einheitliche Erzählung gegeben; in der Tat sind verschiedene Abschnitte ihrer Biographie kurze Aufsätze, die sie in ihren englischen Unterrichtsstunden geschrieben hatte, und die lose Verbindung zeigt mitunter ihren ursprünglichen Umfang an.
Bei der Reinschrift brachte Fräulein Keller mit Hilfe ihrer Brailleschreibmaschine Korrekturen und Ergänzungen auf besonderen Blättern zu Papier. Längere Korrekturen schrieb sie mittels der Schreibmaschine nieder und bezeichnete die Stellen, an die sie gehörten, durch Stichworte. Dann las sie das ganze Buch von ihrer Braillekopie ab und brachte während des Lesens noch Korrekturen an, die auf das Manuskript niedergeschrieben wurden, das dann in die Druckerei kam. Während dieser Revision erörterte sie Fragen, die auf Inhalt und Form Bezug hatten. Sie saß da, ließ ihre Finger über das Braillemanuskript gleiten, hielt dann und wann inne, um die Blätter, auf die sie ihre Notizen in Brailleschrift aufgezeichnet hatte, zu vergleichen, und las die ganze Zeit über laut, um ihre Zuhörer in die Lage zu versetzen, das Manuskript zu kontrollieren.
Sie hörte auf die Kritik genau so wie jeder andere Schriftsteller auf das Urteil seiner Freunde oder seines Verlegers hört. Fräulein Sullivan, die eine ausgezeichnete Kritikerin ist, machte ihr sowohl bei der Ausarbeitung wie bei der Revision vielfach Verbesserungsvorschläge. Man hat behaupten wollen, Fräulein Keller sei durch übereifrige Freunde zur Abfassung ihres Buches sowie zur Einfügung gewisser Dinge gedrängt worden. In Wahrheit haben die Ratschläge, die sie erhalten und befolgt hat, mehr zu Streichungen als zu Zusätzen geführt. Das Buch ist Fräulein Kellers ausschließliches geistiges Eigentum und der entscheidende Beweis für ihre selbständige Begabung.
Helen Kellers Persönlichkeit.
Körperliche Erscheinung. -- Lebhafte Gestikulation. -- Personengedächtnis. -- Vorliebe für Humor. -- Hartnäckigkeit im Verfolgen ihrer Ziele. -- Keckheit. -- Ungeeignet für psychologische Experimente. -- Liebe zur Geselligkeit. -- Verständnis für Musik. -- Interesse für die Tagesereignisse. -- Ueberraschend vollständige Weltkenntnis. -- Gefühlssinn nicht besonders fein entwickelt. -- Verständnis für Plastik. -- Wenig Orientierungssinn. -- Benutzung der Schreibmaschine. -- Fingeralphabet. -- Hochdruck und Braillesystem. -- Geruchssinn. -- »Sechster Sinn«. -- Zeitsinn. -- Eigenartige Uhren. -- Gesunde Auffassung der Dinge. -- Sittliche Reinheit. -- Abneigung gegen Tragödien. -- Warmes Empfinden und Aufrichtigkeit. -- Mangel an Eitelkeit. -- Beschäftigung mit Politik.
Mark Twain hat behauptet, die beiden interessantesten Charaktere des neunzehnten Jahrhunderts seien Napoleon und Helen Keller. Die Bewunderung, mit der die Welt auf die letztere geblickt hat, wird durch ihre Leistungen mehr als gerechtfertigt. Niemand vermag etwas Zutreffendes über sie auszusagen, was nicht bereits gedruckt ist, und alles, was ich tun kann, besteht darin, einiges Tatsächliche über Fräulein Kellers Entwickelungsgang mitzuteilen und die Angaben über ihre Persönlichkeit in einigen Punkten zu ergänzen.
Fräulein Keller ist groß und kräftig gebaut und hat sich stets einer guten Gesundheit erfreut. Sie scheint nervöser zu sein, als sie tatsächlich ist, weil sie mehr mit ihren Händen gestikuliert als die meisten Menschen englischer Zunge. Der eine Grund für diese Gewöhnung liegt bei ihr darin, daß sie sich ihrer Hände so lange Zeit als Verständigungsmittel bedient hat, daß sie von selbst die rasche Beweglichkeit des Auges angenommen haben und einen Teil von dem ausdrücken, was wir mit einem Blicke sagen. Alle tauben Menschen gestikulieren von Hause aus. In der Tat war man früher der Meinung, diese Unglücklichen könnten sich am leichtesten durch ein System von Gestikulationen, durch die von dem Abbé de l’Epée erfundene Zeichensprache verständlich machen.
Wenn Fräulein Keller spricht, so belebt sich ihr Antlitz und drückt alle Nuancen ihres Denkens aus, ihre Gesichtszüge werden sprechend und geben ihren Worten erst den rechten Nachdruck. Wenn sie jedoch mit einem näheren Bekannten spricht, so faßt sie mit der Hand rasch nach seinem Gesichte, um, wie sie sagt, „das Bewegungsspiel des Mundes zu sehen.“ Auf diese Weise ist sie imstande, den Sinn solcher halb ausgesprochenen Sätze zu verstehen, die wir unbewußt aus dem Tone der Stimme oder dem Ausdrucke des Auges ergänzen.
Ihr Personengedächtnis ist erstaunlich. Sie erinnert sich bei der Berührung von Fingern, die sie früher in der Hand gehalten hat, all der charakteristischen Muskelzusammenziehungen, die den Handschlag des einen Menschen von dem des anderen verschieden machen.
Vielleicht der kennzeichnendste Charakterzug Helen Kellers (und ebenso Fräulein Sullivans) ist der Humor. Schlagfertigkeit und die Neigung zu Wortspielen verleihen ihr eine Vorliebe für Bonmots und witzige Redewendungen. Doch ist ihr Humor von jener tieferen Art, die gleichbedeutend mit Mut ist.
Vor vierzehn Jahren setzte sie es sich in den Kopf, sprechen lernen zu wollen, und sie ließ ihrer Lehrerin nicht eher Ruhe, bis ihr diese die Erlaubnis gab, Unterricht darin nehmen zu dürfen, obgleich kluge, erfahrene Leute, sogar Fräulein Sullivan, die klügste von allen, dies als ein Experiment betrachteten, das unmöglich gelingen könne und nur danach angetan sei, sie unglücklich zu machen. Diese selbe Hartnäckigkeit war es, die sie bewog, die Universität zu besuchen. Nachdem sie ihre Examina bestanden und ihr Abiturientenzeugnis erhalten hatte, wurde ihr von dem Dekan des Radcliffe College und anderen das Universitätsstudium widerraten. Sie schob es daher ein volles Jahr auf. Sie fühlte sich aber nicht befriedigt, bis sie ihren Plan ausführte und die Universität bezog.
Ihr Leben ist eine Reihe von Anläufen gewesen, alles zu tun, was andere tun, und es ebensogut zu tun. Sie hat damit einen durchschlagenden Erfolg erzielt, denn bei dem Versuche, so zu sein wie andere, ist sie dahin gelangt, sich selbst völlig zu finden. Ihre Abneigung gegen Niederlagen hat ihren Mut entwickelt. Was ein anderer erreichen kann, das kann sie auch. Ihre Achtung für persönliche Tapferkeit gleicht der Verachtung des Knaben für den weinenden Spielgefährten, mit einem Anflug von jugendlichem Bramarbasieren. Sie unternimmt Fußwanderungen in die Wälder, kriecht durch das Unterholz, wobei sie zerkratzt und zerschunden wird; aber man kann sie nicht dahin bringen, zuzugeben, daß sie sich verletzt habe, und um keinen Preis bewegen, das nächstemal zu Hause zu bleiben.
Wenn man versucht, Experimente an ihr zu machen, zeigt sie eine zähe Willensbestimmtheit, jede Probe, der man sie zu unterziehen wünscht, zu bestehen, so widersinnig sie auch sein mag.
Wenn sie die Antwort auf eine Frage nicht weiß, so rät sie frisch darauf los. Fragt man sie nach der Farbe des Rockes, den man anhat (kein Blinder kann eine Farbe erkennen), so befühlt sie ihn und sagt: Schwarz. -- Ist er zufällig blau und sagt man ihr dies triumphierend, so ist sie imstande zu antworten: Danke. Ich freue mich, daß Sie es wissen. Wozu haben Sie mich dann überhaupt gefragt? --
Ihre spöttische, mutwillige Art macht sie zu einem sehr ungeeigneten Objekt für psychologische Experimente. Außerdem sieht Fräulein Sullivan auch nicht ein, warum Helen Keller wissenschaftliche Untersuchungen über sich ergehen lassen soll, und hat selbst nur wenig Experimente angestellt. Als ein Psychologe sie fragte, ob Helen im Schlafe mit ihren Fingern buchstabiere, entgegnete ihm Fräulein Sullivan, sie halte es nicht für der Mühe wert, aufzubleiben und Nachtwache zu halten, da derlei Dinge von so geringer Bedeutung seien.
Fräulein Keller ist eine Freundin von Geselligkeit. Wenn jemand, den sie berührt, über einen Scherz lacht, lacht sie mit, gerade als ob sie ihn gehört hätte. Wenn andere von Musik hingerissen werden, so erscheint, durch Sympathie hervorgerufen, ebenfalls auf ihren Zügen ein strahlender Ausdruck. In der Tat besitzt sie ein so feines Gefühl für die Gemütsbewegungen Fräulein Sullivans, daß sie sich derselben sofort anpassen kann, und so scheint sie auch zu wissen, was in ihrer Umgebung geschieht, selbst wenn die Unterhaltung ihr nicht in die Hand buchstabiert wird. In derselben Weise beruht ihr Verständnis für Musik teilweise auf Sympathie, obgleich sie sich an ihr auch um ihrer selbst willen erfreut.
Die Musik kann für sie vermutlich wenig mehr bedeuten als eine rhythmische Bewegung. Sie kann nicht singen oder Klavier spielen, obgleich sie, wie frühere Experimente beweisen, es mechanisch erlernen konnte, eine Melodie auf den Tasten abzuspielen. Ihre Freude an der Musik ist nichtsdestoweniger völlig echt, denn die Töne werden ihr durch das Gefühl vermittelt, indem die Luftwellen sie berühren. Teilweise rührt ihr Verständnis für den Rhythmus der Musik ohne Zweifel von den Schwingungen fester Körper her, die sie berührt; des Fußbodens oder, was wahrscheinlicher ist, des Pianokastens, auf dem ihre Hand ruht. Doch scheint sie auch die Bewegung der Luft selbst zu empfinden. Als die Orgel in der Bartholomäuskirche für sie gespielt wurde, (vergl. S. 171) erbebte das ganze Gebäude bei den mächtigen Pedaltönen, aber dadurch wird nicht im geringsten erklärt, was Helen empfand und worüber sie sich freute. Die Vibration der Luft sowie die anschwellenden Orgeltöne versetzten sie ebenfalls in gleichartige Schwingungen. Mitunter legt sie ihre Hand an den Kehlkopf eines Sängers, um das Zittern und Zusammenziehen der Muskeln zu fühlen, und hat davon einen wahrhaften Genuß. Niemand weiß jedoch genau, welcher Art ihre Empfindungen dabei sind. Es ist belustigend, in einer Zeitschrift aus dem Jahre 1895 zu lesen, daß Fräulein Keller den verschiedenen Komponisten eine gerechte und verständnisvolle Würdigung entgegenzubringen vermöge, da sie deren Musik im buchstäblichen Sinne des Wortes fühle; Schumann sei ihr Lieblingskomponist. Wenn sie den Unterschied zwischen Schumann und Beethoven kennt, so rührt dies daher, daß sie darüber gelesen hat, sich an das Gelesene erinnert und mit jemand, der sie danach fragt, über dieses Thema sprechen kann.
Fräulein Kellers Streben, es anderen in Bezug auf Intelligenz gleichzutun, hält sie auch betreffs der Tagesereignisse auf dem laufenden. Als ihre Erziehung systematischer wurde und sie sich mit Büchern beschäftigte, würde es für Fräulein Sullivan ein leichtes gewesen sein, sie zur Einkehr in sich selbst anzuhalten, wenn sie dazu geneigt gewesen wäre. Aber jedermann, der mit ihr zusammenkam, hat ihr sein Bestes gegeben, und sie hat es angenommen. Wenn im Laufe einer Unterhaltung der ihr zunächst Sitzende auch nur einen Augenblick aufhört, in ihre Hand zu buchstabieren, so erfolgt unausbleiblich die Frage: Worüber sprechen Sie jetzt? Auf diese Weise speichert sie die Bruchstücke aus der täglichen Unterhaltung normal beanlagter Menschen in sich auf, und ihre Einzelkenntnisse sind daher äußerst umfassend und genau. Auch spricht sie gut über die kleinen täglichen Ereignisse des Lebens.
Einen großen Teil ihres Wissens erwirbt sie sich auf unmittelbarem Wege. Wenn sie ausgeht, bleibt sie oft plötzlich stehen, von dem Geruche eines Strauches angezogen. Sie streckt ihre Hand aus, befühlt die Blätter, und empfindet an der Pflanzenwelt denselben Genuß wie wir, wenn sie die Blätter zwischen ihren Fingern hält, den Duft der Blüten einsaugt und wenn sie sich später wieder daran erinnert.
Befindet sie sich an einer neuen Oertlichkeit, namentlich einer interessanten wie den Niagarafällen, so ist ihr Begleiter, -- in der Regel ist es natürlich Fräulein Sullivan -- bemüht, ihr eine Vorstellung von den sichtbaren Einzelheiten beizubringen. Fräulein Sullivan, die das Innere ihres Zöglings kennt, wählt aus der Landschaft die wesentlichen Züge aus, die imstande sind, Helens innerer Anschauung der Außenwelt, die unseren Augen eine verwirrende Fülle von Einzelheiten darbietet, eine gewisse Klarheit und Bestimmtheit zu verleihen. Wenn ihr Begleiter ihr nicht genug Einzelheiten mitteilt, so stellt Helen selbst Fragen, bis sie sich das Landschaftsbild zu ihrer Befriedigung ergänzt hat.
Sie sieht nicht mit ihren Augen, wohl aber mittels der inneren Fähigkeit, zu deren Unterstützung uns die Augen gegeben sind. Wenn sie von einem Spaziergang zurückkehrt und mit jemand über diesen spricht, so sind ihre Beschreibungen zutreffend und lebendig. Eine auf Vergleichung beruhende Erfahrung, die sie aus schriftlichen Schilderungen und aus den mündlichen ihrer Lehrerin schöpft, schützt sie vor Irrtümern im Gebrauche der Bezeichnungen für Gehörs- und Gesichtseindrücke. Ihre Anschauung vom Leben ist in der Tat höchst farbenreich, und die Welt, wie Helen sie erblickt, ist unzweifelhaft ein wenig besser als in Wirklichkeit. Doch ist Fräulein Kellers Kenntnis von ihr durchaus nicht so unvollständig, wie man annehmen könnte. Gelegentlich setzt sie ihre Umgebung durch ihre Unkenntnis einer Tatsache in Erstaunen, die ihr zufällig niemand mitgeteilt hat; so wußte sie zum Beispiel bis zu ihrem ersten Seebade nicht, daß das Meerwasser salzig ist. Viele der vereinzelten Ereignisse und Tatsachen unseres täglichen Lebens gehen an ihr unbemerkt vorüber, aber sie hat eine genügende Kenntnis von der Welt, um sich eine im wesentlichen lückenlose Anschauung von ihr bilden zu können.
Der größte Teil ihres unmittelbaren Wissens geht auf ihren Gefühlssinn zurück. Dieser Sinn ist jedoch nicht so fein ausgebildet wie bei anderen Blinden. Laura Bridgman konnte die winzigsten, fast verschwindenden Unterschiede in der Stärke von Fäden wahrnehmen und fertigte wundervolle Spitzen an. Fräulein Keller versteht zu stricken und zu häkeln, aber sie hat Besseres zu tun. Bei ihren mannigfaltigen Gaben und Anlagen hat sie sich des Gefühlssinns nicht genügend bedient, um ihn allzuhoch über die normale Schärfe hinaus zu entwickeln. Ein Bekannter stellte eines Tages bei Helen Versuche mit verschiedenen Münzen an. Das Wiedererkennen nach Maßgabe ihres Gewichts- und Größenverhältnisses ging langsamer von statten, als er erwartet hatte. Aber man muß dabei bedenken, daß sie fast nie Geld in die Hände bekommt und, nebenbei gesagt, so von einer der schmutzigen und kleinlichen Einzelheiten des Lebens verschont bleibt.
Sie erkennt den Vorwurf und die allgemeine Idee einer sechs Zoll hohen Statuette. Etwas, was flacher ist, als ein Basrelief von einem halben Zoll Höhe ist für sie ein leeres Blatt, insofern es sich dabei um die Empfindung des Schönen handelt. Große Statuen, bei denen sie den Schwung der Linien mit der ganzen Hand verfolgen kann, gewähren ihr einen höheren ästhetischen Genuß. Sie bemerkt selbst, daß sie sie besser zu würdigen imstande ist als wir, weil sie die wirklichen Dimensionen zu erfassen und die körperliche Natur eines plastischen Werkes unmittelbarer zu empfinden vermag. Als sie das Museum der schönen Künste in Boston besuchte, stand sie auf einer Stehleiter und ließ beide Hände über die Statuen gleiten. Als sie ein Basrelief mit der Darstellung tanzender Mädchen befühlte, fragte sie: Wo sind die Sängerinnen? -- Nachdem sie diese gefunden hatte, sagte sie: Eine von ihnen schweigt. -- Die Lippen der Sängerin waren geschlossen.