Die Geschichte meines Lebens

Part 14

Chapter 143,623 wordsPublic domain

Mein Herz ist an diesem schönen Morgen voller Freude, weil ich viele neue Wörter sprechen gelernt habe und ich ein paar Sätze bilden kann. Gestern abend ging ich in den Hof hinaus und redete den Mond an. Ich sagte: O Mond, komm zu mir! Glauben Sie, daß sich der liebe Mond freute, als er mich sprechen hörte? Wie froh wird meine Mutter sein! Ich kann den Juni kaum erwarten, so sehnlich wünsche ich, zu ihr und zu meiner reizenden kleinen Schwester sprechen zu können. Mildred konnte mich nicht verstehen, wenn ich mit meinen Fingern buchstabierte, aber jetzt wird sie auf meinem Schoß sitzen und ich werde ihr viel erzählen, was ihr gefallen soll, und wir werden so glücklich miteinander sein. Sind Sie sehr, sehr glücklich, daß Sie so viele Menschen glücklich machen? Ich glaube, Sie sind sehr gütig und geduldig, und ich liebe Sie recht von Herzen. Meine Lehrerin sagte mir am Dienstag, Sie wünschten zu wissen, wie der Wunsch in mir aufstieg, mit meinem Munde zu sprechen. Ich will es Ihnen ausführlich erzählen, denn ich erinnere mich ganz genau daran. Als ich ein ganz kleines Kind war, pflegte ich die ganze Zeit über auf meiner Mutter Schoß zu sitzen, weil ich sehr furchtsam war und nicht gern allein blieb. Ich hielt fortwährend meine kleine Hand an ihr Gesicht, weil es mir Spaß machte, zu fühlen, wie sich ihr Gesicht und ihre Lippen bewegten, wenn sie mit anderen sprach. Ich wußte damals noch nicht, was sie tat, denn ich war in allem ganz unwissend. Als ich dann älter wurde, lernte ich mit meiner Wärterin und den kleinen Negerkindern spielen und bemerkte, daß sie ihre Lippen genau wie meine Mutter bewegten; daher bewegte ich auch die meinigen, aber das machte mich mitunter zornig, und ich schlug meine Spielgefährten oft heftig auf den Mund. Ich wußte damals noch nicht, daß dies sehr unartig war. Nach langer Zeit kam meine teure Lehrerin zu mir und lehrte mich, wie ich mich mit meinen Fingern verständlich machen könnte, und ich war glücklich und zufrieden. Als ich dann aber in die Schule nach Boston kam, traf ich mehrere taube Leute, die mit ihrem Munde sprachen wie alle anderen Leute, und eines Tages kam eine Dame, die in Norwegen gewesen war, zu mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von einem blinden und tauben Mädchen, das sie in jenem fernen Lande gesehen hatte und das sprechen und andere verstehen gelernt hatte, wenn sie zu ihr sprachen. Diese guten, fröhlichen Nachrichten entzückten mich über die Maßen, denn jetzt war ich überzeugt, daß ich es auch lernen würde. Ich versuchte Töne hervorzubringen wie meine kleinen Spielgefährten, aber Fräulein sagte mir, die Stimme sei etwas sehr Zartes und Empfindliches und ich würde sie schädigen, wenn ich unrichtige Töne ausstieße, und sie versprach mir, mich mit zu einer gütigen und klugen Dame zu nehmen, die mich lehren würde, sie richtig hervorzubringen. Diese Dame waren Sie selbst. Jetzt bin ich so glücklich wie die kleinen Vögel, denn ich kann sprechen, und vielleicht werde ich sogar singen lernen. Alle meine Freunde werden darüber erstaunt und erfreut sein.

Ihre Sie liebende kleine Schülerin

Helen A. Keller.

[18] Vergl. oben S. 57 ff.

Aus einem Briefe vom 14. Juli 1890 an den nachmaligen Bischof Brooks.

... Meine Eltern waren entzückt, mich sprechen zu hören, und ich war überglücklich, ihnen eine so frohe Ueberraschung bereiten zu können. Ich denke mir, es muß ein wohltuendes Gefühl sein, jedermann glücklich zu machen. Warum hält es der liebe Vater im Himmel manchmal für das beste, uns recht großes Leid zu senden? Ich bin stets glücklich, und dies war auch der kleine Lord Fauntleroy, aber des armen kleinen Jakeys Leben war voller Traurigkeit. Gott hatte Jakeys Augen kein Licht geschenkt, und sein Vater war nicht freundlich und liebevoll. Glauben Sie, daß der arme Jakey seinen Vater im Himmel deswegen mehr liebte, weil sein anderer Vater unfreundlich zu ihm war? Auf welche Weise hat Gott den Menschen verkündet, daß seine Heimat im Himmel ist? Wenn die Menschen Böses tun, Tiere quälen und Kinder unfreundlich behandeln, so ist Gott betrübt, aber auf welche Weise will er sie lehren, barmherzig und liebreich zu sein? Ich denke, er wird ihnen sagen, wie herzlich er sie liebt und daß er wünscht, sie möchten gut und glücklich sein, und dann werden sie ihren Vater, der sie so sehr liebt, nicht betrüben und wünschen, ihm in allem, was sie tun, zu Gefallen zu sein, und dann werden sie einander lieben und jedermann Gutes tun und gegen die Tiere freundlich sein.

Bitte, erzählen Sie mir alles, was Sie von Gott wissen. Es macht mich glücklich, viel von meinem liebenden Vater zu erfahren, der gut und weise ist. Ich hoffe, Sie werden Ihrer kleinen Freundin schreiben, wenn Sie Zeit haben.

Tommy Stringer, dessen Name in den Briefen der nächsten Zeit oft vorkommt, wurde im Alter von fünf Jahren blind und taub. Seine Mutter war tot und sein Vater zu arm, um ihn unterrichten zu lassen. Eine Zeitlang war er in dem allgemeinen Krankenhaus in Allegheni untergebracht. Von dort wurde er nach einem Armenhause geschickt, denn zu jener Zeit gab es in Pennsylvania keinen anderen Platz. Helen hörte von ihm durch einen Bekannten, der ihr schrieb, es sei ihm nicht gelungen, einen Gönner für Tommy zu finden. Sie wünschte, daß er nach Boston gebracht würde, und als man ihr mitteilte, es gehöre viel Geld dazu, ihm eine Lehrerin zu halten, antwortete sie: Wir wollen es zusammenbringen. Sie begann Beiträge unter ihren Bekannten zu sammeln und leerte selbst ihre Sparbüchse.

~Dr~. Alexander Graham riet, Tommy nach Boston zu schicken, und wirkte ihm einen Platz in dem Blindenkindergarten aus.

Inzwischen bot sich für Helen Gelegenheit, eine beträchtliche Summe zu Tommys Erziehung beizusteuern. Den Winter zuvor war ihr Hund Lioneß gestorben, und ihre Freunde faßten den Plan, Geld zu sammeln, um ihr einen neuen Hund zu kaufen. Helen bat, die Beiträge, die aus ganz Amerika und England zusammenflossen, auf Tommys Erziehung zu verwenden. In Anbetracht dieses neuen Zweckes wuchs der Fonds rasch an, und für Tommy war gesorgt. Er wurde am 6. April in den Kindergarten aufgenommen.

Helen hatte sich mit wahrem Feuereifer der Sache angenommen. So heißt es in einem Briefe vom 20. März 1891: Und nun möchte ich Ihnen mitteilen, was die Hundeliebhaber in Amerika zu tun im Begriffe stehen. Sie wollen mir Geld für ein armes taubstummes und blindes Kind schicken. Sein Name ist Tommy, und es ist fünf Jahre alt. Seine Eltern sind zu arm, um den kleinen Kerl in die Schule schicken zu können, und daher wollen die Herren, anstatt mir einen Hund zu schenken, dazu beitragen, Tommys Leben so strahlend und fröhlich wie das meinige zu machen. Ist dies nicht ein schönes Unternehmen? Die Erziehung wird Licht und Musik in Tommys Seele bringen, und dann muß er unbedingt glücklich sein. -- Und in einem anderen Briefe vom April 1891 heißt es: Ich wünschte, Sie könnten den kleinen Tom sehen, jenes blinde und taubstumme Kind, das soeben in unserem hübschen Garten eingetroffen ist. Er ist jetzt arm, hilflos und einsam, aber vor Ablauf eines Jahres wird die Erziehung Licht und Heiterkeit in Tommys Leben gebracht haben. -- Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 30. April: Sie werden sich freuen, zu hören, daß Tommy jetzt eine freundliche Dame zur Lehrerin hat und daß er ein hübscher, lebhafter, kleiner Bursche ist. Das Umherklettern gefällt ihm allerdings besser als das Buchstabieren, aber dies kommt daher, daß er noch nicht weiß, was für ein wunderbares Ding die Sprache ist. Er kann sich nicht denken, wie sehr, sehr glücklich er sein wird, wenn er uns seine Gedanken mitteilen kann und wir ihm sagen können, daß wir ihn schon so lange geliebt haben.

Auf Helens Bitte eröffnete Bischof Brooks eine öffentliche Sammlung für Tommy, die über 1600 Dollars einbrachte. Helen selbst schrieb Briefe an die Zeitungen und quittierte öffentlich über den Empfang des Geldes. Der vom 13. Mai 1891 datierte folgende Brief ist an den Herausgeber des »Boston Herald« gerichtet: Ich glaube, die Leser Ihrer Zeitung werden sich freuen, zu hören, daß soviel für den lieben kleinen Tommy getan worden ist. Er fühlt sich in der Tat im Kindergarten sehr glücklich, und lernt täglich etwas Neues. Er hat herausgefunden, daß die Türen Schlösser haben und daß kleine Hölzchen und Stückchen Papier sich ganz leicht in die Schlüssellöcher hineinstecken lassen; aber er scheint nicht halb soviel Lust zu haben, sie herauszunehmen wie hineinzustecken. Das Hinaufklettern an den Bettpfosten und das Abschrauben der Dampfventile gefällt ihm allerdings viel besser als das Buchstabieren, aber dies kommt daher, daß er noch nicht versteht, daß die Wörter ihm zu neuen, interessanten Entdeckungen verhelfen werden. Ich hoffe, daß gute Menschen fortfahren werden, für Tommy zu sorgen, bis der Fonds vollständig ist und die Erziehung Licht und Musik in sein kleines Leben gebracht hat.

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Im Mai 1892 gab Helen zum Besten des Blindenkindergartens einen »Tee«, der über 2000 Dollars einbrachte. Auf diese Veranstaltung bezieht sich folgender Brief vom 9. Mai 1892 an eine Freundin: Brauche ich Ihnen zu sagen, wie ich mich freute, zu hören, daß Sie sich für meinen »Tee« interessieren? Keinenfalls dürfen wir ihn aufgeben. Sehr bald werde ich weit fortgehen, in mein teures Elternhaus, in den sonnigen Süden, und der Gedanke würde mich für immer glücklich machen, daß das letzte, was meine teueren Freunde in Boston mir zuliebe getan haben, darin bestand, daß sie das Leben so vieler kleiner des Gesichts beraubter Kinder froh und glücklich zu machen halfen. Ich weiß, daß gütige Menschen gar nicht umhin können, liebevolle Teilnahme für die Kleinen zu hegen, die das herrliche Licht nicht zu erblicken vermögen, und es scheint mir, als müsse sich alle liebevolle Teilnahme in Handlungen werktätiger Hilfe äußern; und wenn die Freunde der kleinen hilflosen, blinden Kinder einsehen, daß wir für ihre Glückseligkeit sorgen, so werden sie bestimmt kommen und unserem »Tee« den Erfolg sichern, und ich bin fest davon überzeugt, ich werde das glücklichste kleine Mädchen auf der ganzen Welt sein.

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Von der Reise zum Niagarafall (s. oben S. 74) handelt folgender Brief Helens vom 13. April 1893 an ihre Mutter:

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... Herr Westerfelt[19] gab uns zu Ehren eine Nachmittags-Gesellschaft. Es kam eine große Menge Menschen. Einige von ihnen richteten sehr sonderbare Fragen an mich. Eine Dame schien überrascht zu sein, daß ich die Blumen liebte, da ich doch ihre schönen Farben nicht zu sehen vermöchte, und als ich sie versicherte, ich liebte sie trotzdem, antwortete sie: »Gewiß fühlen Sie die Farben mit Ihren Fingern.« Aber natürlich lieben wir die Blumen, nicht nur ihrer herrlichen Farbe wegen... Ein Herr fragte mich, was der Begriff Schönheit für mich bedeute. Ich muß gestehen, ich war für einen Augenblick verwirrt. Dann aber antwortete ich ihm, Schönheit sei eine Form der Güte -- und er verschwand.

[19] Der Leiter einer Taubstummenschule in Rochester.

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Ueber den Eindruck, den der Niagarafall selbst auf Helen machte, heißt es weiterhin:

Das Hotel stand so nahe am Flusse, daß ich sein Vorbeirauschen fühlen konnte, wenn ich die Hand an das Fenster legte... Du kannst Dir nicht vorstellen, was ich fühlte, als ich am Niagara stand, ehe Du nicht selbst die nämliche geheimnisvolle Empfindung gehabt hast. Ich konnte mir kaum denken, daß es Wasser sei, was ich mit ungestümer Wut zu meinen Füßen brausen und tosen fühlte. Es kam mir vor, als sei es ein lebendes Wesen, das einem furchtbaren Geschicke entgegeneilte. Ich wünschte, ich könnte den Wasserfall schildern, wie er ist, seine Schönheit und majestätische Größe, das furchtbare, unwiderstehliche Hinabstürzen des Wassers über den Hang des Abgrundes. Man fühlt sich in Gegenwart einer solchen ungeheueren Kraft hilflos und überwältigt. Ich hatte schon einmal dieses selbe Gefühl, als ich am Strande des Ozeans stand und seine Wogen gegen das Ufer anbranden fühlte. Ich glaube, auch Du hast diese Empfindung, wenn Du in der Stille der Nacht zu den Sternen aufblickst, nicht wahr?... Wir ließen uns 120 Fuß in einem Elevator nieder, um die furchtbaren Wogen und Wirbel in der tiefen Schlucht unterhalb des Falles zu beobachten.

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Ihren Besuch der Weltausstellung in Chicago schildert Helen in einem Briefe vom 17. August 1893. Es heißt darin unter anderem: Jedermann auf der Ausstellung war sehr freundlich zu mir... Fast alle Aussteller schienen gern bereit zu sein, mich auch die zerbrechlichsten Dinge berühren zu lassen, und sie erklärten mir alles in der liebenswürdigsten Weise. Ein Franzose, dessen Namen ich vergessen habe, zeigte mir die großen französischen Bronzen. Ich glaube, sie machten mir mehr Freude als sonst etwas auf der Ausstellung: so lebendig und wundervoll erschienen sie mir bei der Berührung..... Dann ging ich mit Professor Morse nach der japanischen Abteilung. Ich hatte keine Ahnung davon, was für ein wunderbares Volk die Japaner sind, ehe ich ihre höchst interessante Ausstellung sah. Japan muß in der Tat ein Paradies für die Kinder sein, nach der großen Menge von Spielsachen zu urteilen, die hier angefertigt werden.

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Ueber ihre Begegnung mit Mark Twain schreibt Helen Keller im März 1895 an ihre Mutter folgendes:

Lehrerin und ich verbrachten den gestrigen Nachmittag bei Herrn Hutton und waren sehr vergnügt dort!

Wir trafen Mr. Clemens (Mark Twain) und Mr. Howells dort. Ich hatte schon lange von ihnen gehört, aber nie hatte ich gedacht, daß ich die einmal sehen und mit ihnen sprechen sollte. ... Die beiden berühmten Schriftsteller waren sehr lieb und freundlich mit mir, und ich könnte nicht sagen, welcher von beiden mir lieber ist. Mark Twain erzählte uns viele unterhaltende Geschichten und brachte uns zum Lachen, bis wir weinten. Ich möchte nur, Du hättest ihn sehen und hören können. Er erzählte uns, daß er in einigen Tagen nach Europa gehen wolle, um seine Frau und seine Tochter Jeanne nach Amerika zurückzuholen, weil Jeanne, die in Paris studiert, in 3½ Jahren soviel gelernt hätte, daß wenn er sie jetzt nicht nach Hause brächte, sie bald mehr wüßte, als er selber.

Ich finde, »Mark Twain« ist ein sehr passender ~nom de plume~ für Herrn Clemens, denn er klingt so komisch und drollig und paßt gut zu seinen lustigen Geschichten, und seine nautische Bedeutung[20] weist auf die tiefsinnigen und schönen Sachen hin, die er geschrieben hat. Ich finde, er ist sehr schön -- -- --.

(Vgl. oben S. 141 ff. 182.)

[20] ~Mark twain~ = Ruf des Mississippi-Lotsen bei 2 Faden Tiefe.

Einen Besuch im Bostoner Museum schildert Helen in einem Briefe vom 3. Februar 1899. Sie schreibt darin: Vorigen Montag hatte ich ein äußerst interessantes Erlebnis. Eine Freundin nahm mich an diesem Tage mit nach dem Bostoner Kunstmuseum. Sie hatte mir schon vorher bei General Loring, dem Direktor des Museums, die Erlaubnis ausgewirkt, die Statuen berühren zu dürfen, namentlich die, welche meine alten Freunde aus der Ilias und der Aeneis darstellten. War dies nicht liebenswürdig? Während ich dort weilte, trat General Loring selbst ein und zeigte mir einige der schönsten Statuen, unter denen sich die Venus von Medici, die Athene vom Parthenon, Diana in ihrem Jagdkleide mit der Hand am Köcher und einer Hindin neben ihr, sowie der unglückliche Laokoon nebst seinen beiden Söhnen befanden, die sich in den furchtbaren Umschlingungen zweier riesiger Schlangen winden und unter herzzerreißendem Geschrei ihre Arme zum Himmel emporstrecken. Auch den Apollo vom Belvedere sah ich. Er hat soeben den Python erlegt und steht neben einem großen Marmorpfeiler, die schöne Hand triumphierend über den furchtbaren Drachen ausstreckend. O er ist einfach wundervoll! Venus entzückte mich. Sie sah aus, als sei sie soeben aus dem Schaume des Meeres emporgestiegen, und ihre Lieblichkeit wirkte auf mich wie ein himmlischer Gesang. Auch die arme Niobe sah ich mit ihrem jüngsten Kinde, das sich fest an die anklammert, während sie die grausame Göttin anfleht, ihr nicht auch den letzten Liebling zu töten. Ich weinte beinahe, so lebenswahr und tragisch war dies alles. General Loring zeigte mir auch in liebenswürdiger Weise eine Nachbildung einer der wundervollen Bronzetüren aus dem Baptisterium zu Florenz, und ich befühlte die schönen Pfeiler, die auf den Rücken grimmiger Löwen ruhen. So hatte ich, wie Sie sehen, einen Vorgeschmack des Genusses, den ich eines Tages haben werde, wenn ich Florenz besuche. Meine Freundin versprach mir, später eine Nachbildung der von Lord Elgin nach London gebrachten Parthenonskulpturen zu zeigen. Ich würde es jedoch vorziehen, die Originale an der Stelle zu sehen, für die sie von dem Genius bestimmt waren, nicht nur als Hymnus zum Preise der Götter, sondern auch als Denkmal für den Ruhm Griechenlands. Es scheint mir tatsächlich ein Frevel zu sein, solche geweihte Werke aus dem Heiligtume der Vergangenheit, in das sie gehören, zu entführen.

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Ebenso interessant wie das vorstehende Schreiben ist eine Aeußerung Helens in einem Briefe vom 2. Januar 1900 über ihre Empfindungen beim Orgelspiel. Es heißt darin: Am Sonntag gingen wir nach der Bartholomäuskirche... Nach dem Gottesdienste bat der Geistliche den Organisten Herrn Warren, die Orgel für mich zu spielen. Ich stand mitten in der Kirche, wo die von der großen Orgel erzeugten Luftschwingungen am stärksten sind, und fühlte die mächtigen Tonwogen gegen mich anbranden, wie die großen Meereswellen gegen ein kleines Schiff schlagen...

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Zum Schluß seien noch einige Aeußerungen Helens über Schicksalsgefährten von ihr angeführt. Am 5. Juni 1899 schreibt sie über Linnie Haguewood, ein taub-blindes Mädchen, das von einem Fräulein Dora Donald erzogen worden war, an Herrn William Wade (vergl. S. 78): Linnie Haguewoods Brief interessierte mich sehr. Er scheint mir auf Selbständigkeit und große Sanftmut des Charakters hinzuweisen. Sehr interessant sind ihre Aeußerungen über Geschichte. Ich bedauere, daß sie kein Gefallen daran findet; aber auch ich empfinde es bisweilen, wie dunkel, geheimnisvoll und selbst furchtbar die Geschichte alter Völker, alter Religionen und alter Regierungsformen in Wahrheit ist.

Nun, ich muß offen gestehen, ich liebe die Zeichensprache nicht und glaube auch nicht, daß sie den Taub-Blinden von großem Nutzen ist. Ich finde es sehr schwer, den raschen Bewegungen der Taubstummen zu folgen, und außerdem scheinen die Zeichen ein großes Hindernis für sie bei der Gewöhnung an einen freien, gewandten Gebrauch der Sprache zu sein. Es fällt mir bisweilen schwer, sie zu verstehen, wenn sie mit den Fingern buchstabieren. Im ganzen genommen erscheint mir, wenn sie nicht die Lautsprache erlernen können, das Fingeralphabet als das beste und bequemste Verständigungsmittel für sie. Jedenfalls bin ich fest davon überzeugt, daß die Taub-Blinden es nicht fertig bringen, die Zeichensprache einigermaßen gewandt zu handhaben.

Eines Tages traf ich einen tauben Norweger, der Ragnhild Kaata und ihre Lehrerin sehr genau kennt, und wir unterhielten uns über sie in sehr interessanter Weise. Er erzählte, sie sei sehr fleißig und heiter. Sie spinnt und beschäftigt sich viel mit weiblichen Handarbeiten, sie liest und führt ein angenehmes, nützliches Leben. Aber denken Sie, sie versteht sich nicht auf das Fingeralphabet. Sie liest gut von den Lippen ab, und wenn sie etwas nicht versteht, so schreiben ihre Bekannten es ihr in die Hand, und auf diese Weise unterhält sie sich mit Fremden. Ich kann nichts verstehen, was man mir in die Hand schreibt; daraus können Sie sehen, daß Ragnhild mir in einigen Punkten überlegen ist. Ich hoffe, ich werde sie einmal sehen.

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Am 9. Dezember 1900 schreibt Fräulein Keller an denselben Herrin:

... Im vergangenen Oktober hörte ich von einem ungewöhnlich geweckten taub-blinden Mädchen in Texas. Sie heißt Ruby Rice und ist, glaube ich, dreizehn Jahre alt. Sie hat niemals Unterricht erhalten; doch kann sie nähen und hilft anderen bei dieser Arbeit. Ihr Geruchssinn ist wunderbar fein ausgebildet. Wenn sie in einen Laden tritt, geht sie direkt auf die Schaukästen zu; ebenso kann sie ihre eigenen Sachen von fremden unterscheiden. Ihre Eltern wünschen möglichst bald eine Lehrerin für sie. Auch haben sie schon an Herrn Hitz über ihre Tochter geschrieben.

Ebenso kenne ich ein Kind in dem Taubstummen-Institut in Mississippi. Sie heißt Maud Scott und ist sechs Jahre alt. Fräulein Watkins, ihre Erzieherin, hat mir einen sehr interessanten Brief geschrieben. Sie teilte mir mit, daß Maud taub geboren ist und ihr Gesicht schon im Alter von drei Monaten verlor, sowie daß sie bei ihrer vor ein paar Wochen erfolgten Aufnahme in das Institut ganz hilflos war. Sie konnte nicht einmal gehen und konnte auch ihre Hände nur wenig gebrauchen. Als man versuchte, ihr das Aufreihen von Perlen beizubringen, sanken ihr die Händchen herab. Augenscheinlich ist ihr Gefühlssinn nicht entwickelt worden, und bis jetzt kann sie nur gehen, wenn jemand sie bei der Hand faßt; aber sie scheint ein außergewöhnlich gewecktes Kind zu sein. Fräulein Watkins fügt hinzu, daß sie sehr hübsch ist. Ich habe ihr geschrieben, daß, wenn Maud lesen lernt, ich ihr viele Erzählungen schicken werde. Das Herz tut mir weh bei dem Gedanken, wie gänzlich dieses liebe, süße kleine Mädchen von allem abgeschnitten ist, was im Leben gut und wünschenswert ist. Aber Fräulein Watkins scheint gerade die richtige Erzieherin für sie zu sein.

Vor kurzem war ich in New York und traf Fräulein Rhoades, die mir erzählte, sie habe Katie Mc. Gier gesehen. Sie sagte, das arme junge Mädchen spreche und bewege sich gerade wie ein kleines Kind. Katie spielte mit Fräulein Rhoades’ Ringen, zog sie ihr ab und sagte mit einem fröhlichen Lachen: Sie bekommen sie nicht wieder. Sie konnte Fräulein Rhoades nur verstehen, wenn diese von den einfachsten Dingen sprach. Sie wollte ihr einige Bücher schicken, konnte aber keins finden, das einfach genug für sie gewesen wäre! Sie sagte, Katie sei sehr sanft, sei aber in Bezug auf den eigentlichen Unterricht in betrübender Weise zurückgeblieben. Ich war sehr überrascht, all dies zu hören; denn nach Ihren Briefen zu urteilen, muß Katie ein sehr frühreifes Mädchen sein.

Vor ein paar Tagen traf ich Tommy Stringer auf dem Bahnhofe in Wrentham. Er ist jetzt ein großer, starker Junge und wird bald der Leitung eines Mannes bedürfen; denn er ist wirklich zu groß, als daß sich eine Dame noch mit ihm abgeben könnte. Er geht, wie ich höre, in die öffentliche Schule, und seine Fortschritte sollen ganz erstaunlich sein; aber in der Unterhaltung zeigt er dies bis jetzt noch nicht, denn diese beschränkt sich auf ja und nein.