Die Geschichte meines Lebens

Part 13

Chapter 133,595 wordsPublic domain

[Huntsville, Alabama, 12. Juli 1887.]

~Helen will write mother letter papa did give helen medicine mildred will sit in swing mildred did kiss helen teacher did give helen peach george is sick in bed george arm is hurt anna did give helen lemonade dog did stand up.

conductor did punch ticket papa did give helen drink of water in car

carlotta did give helen flowers anna will buy helen pretty new hat helen will hug and kiss mother helen will come home grandmother does love helen~

~good-by~

[Ohne Unterschrift.]

Im folgenden September zeigte Helen Fortschritte in Bezug auf vollständigere Satzkonstruktion und reicheren Gedankeninhalt.

_An die blinden Mädchen im Perkinsschen Institut in Boston._

[Tuscumbia, September 1887.]

~Helen will write little blind girls a letter Helen and teacher will come to see little blind girls Helen and teacher will go in steam car to boston Helen and blind girls will have fun blind girls can talk on fingers Helen will see Mr anagnos Mr anagnos will love and kiss Helen Helen will go to school with blind girls Helen can read and count and spell and write like blind girls mildred will not go to boston Mildred does cry prince and jumbo will go to boston papa does shoot ducks with gun and ducks do fall in water and jumbo and mamie do swim in water and bring ducks out in mouth to papa Helen does play with dogs Helen does ride on horseback with teacher Helen does give handee grass in hand teacher does whip handee to go fast Helen is blind Helen will put letter in envelope for blind girls~

~good-by

Helen Keller~

Ein paar Wochen später ist ihr Stil korrekter und gewandter. Ihre Ausdrucksweise ist besser geworden, obgleich sie immer noch den Artikel ausläßt und die Konstruktion mit »~did~« für das einfache Imperfektum gebraucht. Es ist dies eine Eigenart, die sich bei Kindern häufig findet.

_An die blinden Mädchen im Perkinsschen Institute._

[Tuscumbia, 24. Oktober 1887.]

~dear little blind girls~

~I will write you a letter I thank you for pretty desk I did write to mother in memphis on it mother and mildred came home Wednesday mother brought me a pretty new dress and hat papa did go to huntsville he brought me apples and candy I and teacher will come to boston and see you nancy is my doll she does cry I do rock nancy to sleep mildred is sick doctor will give her medicine to make her well. I and teacher did go to church Sunday mr. lane did read in book and talk Lady did play organ. I did give man money in basket. I will be good girl and teacher will curl my hair lovely. I will hug and kiss little blind girls mr. Anagnos will come to see me.~

~good-by

Helen Keller.~

Mit Beginn des nächsten Jahres wird Helens Ausdrucksweise bestimmter. Sie gebraucht mehr Adjektiva, auch Adjektiva der Farbe. Obgleich sie keine sinnliche Kenntnis von Farben haben kann, so vermag sie doch die Worte in verständiger, zutreffender Weise zu gebrauchen. Der folgende Brief enthält die Schilderung eines Picknicks im Walde und zeigt, in welcher Weise Fräulein Sullivan die Erholungsstunden zur Belehrung auszunutzen wußte.

_An Herrn Michael Anagnos._

Tuscumbia, Ala. 3. Mai 1888.

Lieber Herr Anagnos. Ich freue mich, heute an Sie schreiben zu können, da ich Sie sehr liebe. Ich war sehr glücklich, hübsches Buch und niedliche Bonbons und zwei Briefe von Ihnen zu erhalten. Ich werde Sie bald besuchen und viele Fragen über Länder an Sie richten, und Sie werden gutes Kind lieben.

Mutter macht mir hübsche neue Kleider, die ich in Boston tragen werde (~to wear in Boston~), und ich werde niedlich aussehen, um kleine Mädchen und Knaben und Sie zu besuchen. Freitag gingen Lehrerin und ich zu einem Picknick mit kleinen Kindern. Wir spielten Spiele und aßen Mittagbrot unter den Bäumen, und wir fanden Farne und wilde Blumen. Ich ging in die Wälder und lernte Namen von vielen Bäumen. Es gibt Pappel- und Zedern- und Fichten- und Eichen- und Eschen- und Hickory- und Ahornbäume. Sie werfen einen angenehmen Schatten, und die kleinen Vögel lieben es, sich auf den Bäumen hin- und herzuschaukeln und zu singen. Kaninchen hüpfen, und Eichhörnchen laufen, und häßliche Schlangen kriechen in den Wäldern. Geranien und Jasminrosen sind kultivierte Pflanzen. Ich helfe Mutter und Lehrerin sie jeden Abend vor dem Essen begießen.

Vetter Artur machte mir eine Schaukel in der Esche. Tante Ev. ist nach Memphis gegangen. Onkel Frank ist hier. Er pflückt Erdbeeren für das Mittagessen. Nancy ist wieder krank, neue Zähne machen sie unwohl. Adeline ist gesund, und sie kann am Montag mit mir nach Cincinnati gehen. Tante Ev. will mir eine Knabenpuppe schicken, Harry wird Nancys und Adelines Bruder sein. Kleine Schwester ist gutes Mädchen. Ich bin jetzt müde und will nach unten gehen. Ich sende Ihnen mit Brief viele Küsse und Liebkosungen.

Ihr Lieblingskind

Helen Keller.

Gegen Ende Mai reisten Frau Keller, Helen und Fräulein Sullivan nach Boston. Unterwegs blieben sie ein paar Tage in Washington, wo sie ~Dr.~ Alexander Graham Bell und den Präsidenten Cleveland besuchten. Am 26. Mai langten sie in Boston an und begaben sich nach dem Perkinsschen Institut; hier traf Helen mit den kleinen blinden Mädchen zusammen, mit denen sie das Jahr zuvor korrespondiert hatte.

(Vergl. Teil I S. 43.)

Im Juli besuchte Helen Plymouth. Der folgende, drei Monate später geschriebene Brief zeigt, wie gut sie sich ihres ersten Geschichtsunterrichts erinnerte. Der »Onkel Morrie« ist Herr Morrison Heady aus Normandy (Kentucky), der als Knabe das Gesicht und Gehör verloren hatte. Er hat einige Gedichte geschrieben, die gar nicht übel sind.

_An Herrn Morrison Heady._

Süd-Boston, Mass. 1. Oktober 1888.

Mein lieber Onkel Morrie! Ich hoffe, Du wirst Dich recht freuen, einen Brief von Deiner kleinen lieben Freundin Helen zu erhalten. Ich bin sehr glücklich, Dir zu schreiben, weil ich an Dich denke und Dich liebe. Ich lese schöne Geschichten in dem Buche, das Du mir geschickt hast, über Karl und sein Boot und Artur und seinen Traum und Rosa und das Schäfchen.

Ich bin in einem großen Boote gewesen. Es war wie ein Schiff. Mutter und Lehrerin und Frau Hopkins und Herr Anagnos und Herr Rodocanachi und viele andere Freunde gingen nach Plymouth, um sich viele alte Dinge anzusehen. Ich will Dir eine kleine Geschichte über Plymouth erzählen.

Vor vielen Jahren lebten in England viele gute Leute, aber der König und seine Freunde waren nicht lieb und sanft und geduldig mit den guten Leuten, weil der König nicht wollte, daß die Leute ihm ungehorsam waren. Die Leute wollten nicht gerne mit dem König in die Kirche gehen, sondern bauten für sich selbst sehr niedliche kleine Kirchen.

Der König war sehr böse auf die Leute, und sie waren traurig, und sie sagten: Wir wollen nach einem fremden Lande gehen, dort zu wohnen, und liebe teure Heimat und unartigen König verlassen. So legten sie alle ihre Sachen in große Kisten und sagten: Lebewohl. Sie tun mir leid, weil sie sehr weinten. Als sie nach Holland kamen, kannten sie niemand, und sie konnten nicht wissen, worüber die Leute sprachen, denn sie verstanden kein Holländisch. Aber bald lernten sie einige holländische Wörter, aber sie liebten ihre eigene Sprache und wünschten nicht, daß kleine Knaben und Mädchen sie vergaßen und komisches Holländisch sprechen lernten. So sagten sie: Wir müssen nach einem neuen Lande gehen weitweg und Schulen und Häuser und Kirchen bauen und neue Städte machen. So legten sie alle ihre Sachen in Kisten und sagten Lebewohl zu ihren neuen Freunden und segelten in einem großen Boote fort, um ein neues Land zu finden. Arme Leute waren nicht glücklich, denn ihre Herzen waren voller trauriger Gedanken, weil sie nicht viel von Amerika wußten. Ich denke, kleine Kinder müssen sich vor einem großen Ozean gefürchtet haben, denn er ist sehr stark und wirft ein großes Boot hin und her, und dann fallen die kleinen Kinder hin und zerschlagen sich ihre Köpfe. Nachher waren sie viele Wochen auf dem tiefen Ozean, wo sie keine Bäume oder Blumen und kein Gras sehen konnten, sondern nur Wasser und den schönen Himmel, denn die Schiffe konnten damals nicht schnell segeln, weil die Menschen noch nichts von Maschinen und vom Dampf wußten. Eines Tages wurde ein lieber kleiner Knabe (~a dear little baby-boy~) geboren. Sein Name war Peregrine White. Ich bin sehr traurig, daß der arme kleine Peregrine jetzt tot ist. Jeden Tag gingen die Leute auf Deck, um nach Land auszuschauen. Eines Tages war ein großes Geschrei auf dem Schiff, denn die Leute sahen das Land und waren voller Freude, weil sie sicher ein neues Land erreicht hatten. Kleine Mädchen und Knaben hüpften und klatschten in die Hände. Sie waren alle froh, als sie an einem großen Felsen Halt machten. Ich sah den Felsen in Plymouth und ein kleines Schiff wie die Mayflower und die Wiege, in der der liebe kleine Peregrine schlief, und viele alte Dinge, die in der Mayflower kamen. Es würde Dich freuen, Plymouth einmal zu besuchen und viele alte Dinge zu sehen.

Nun bin ich sehr müde, und ich will mich ausruhen.

Mit vieler Liebe und vielen Küssen von Deiner kleinen Freundin

Helen A. Keller.

Die fremdsprachigen Ausdrücke in den folgenden Briefen, von denen der erste während eines Besuches im Blindenkindergarten geschrieben wurde, hat Helen Monate zuvor kennen gelernt und in ihrem Gedächtnis aufbewahrt. Sie machte sich die Wörter zurecht und bediente sich ihrer, indem sie sie mitunter ganz sinngemäß gebrauchte, mitunter aber auch nur nach Papageienart wiederholte. Selbst wenn sie Wörter oder Gedanken nicht ganz verstand, so liebte sie sie dennoch niederzuschreiben. Auf diese Weise lernte sie Wörter, die einen Gesichts- und Gehörseindruck und mithin Vorstellungen bezeichnen, die außerhalb ihrer persönlichen Erfahrung liegen, richtig gebrauchen. »Edith« ist Edith Thomas.

_An Herrn Michael Anagnos._

Roxbury, Mass. 17. Oktober 1888.

~Mon cher Monsieur Anagnos.~

Ich sitze am Fenster, und die schöne Sonne bescheint mich. Lehrerin und ich kamen gestern in den Kindergarten. Es sind hier sieben kleine Mädchen, und alle sind blind. Ich bin traurig, daß sie nicht viel sehen können. Werden sie einst sehr gesunde Augen haben? Die arme Edith ist blind und taub und stumm. Sind Sie sehr traurig über Edith und mich? Ich werde bald nach Hause gehen, um meine Mutter und meinen Vater und meine kleine gute, süße Schwester wiederzusehen. Ich hoffe, Sie werden nach Alabama kommen, um mich zu besuchen, und ich will Sie in meinem kleinen Wagen zu einer Ausfahrt mitnehmen, und ich hoffe, Sie werden sich freuen, wenn Sie mich auf dem Rücken meines kleinen lieben Ponys sehen... Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, will ich in viele fremde und schöne Länder reisen. Ich werde sehr hohe Berge in Norwegen ersteigen und viel Eis und Schnee sehen. Ich hoffe, ich werde nicht fallen und mir den Kopf zerschlagen. Ich werde den kleinen Lord Fauntleroy[14] in England besuchen, und er wird sich freuen, mir sein großes und sehr altes Schloß zu zeigen. Und wir werden zu den Hirschen laufen und die Kaninchen füttern und die Eichhörnchen fangen. Ich werde mich nicht vor Fauntleroys großem Hunde Dougal fürchten. Ich hoffe, Fauntleroy wird mich mitnehmen, damit ich eine sehr freundliche Königin sehe. Wenn ich nach Frankreich gehe, will ich französisch sprechen. Ein kleiner französischer Knabe wird sagen: ~Parlez-vous français?~ und ich werde sagen: ~Oui, Monsieur, vous avez un joli chapeau. Donnez-moi un baiser.~ Ich hoffe, Sie werden mich mit nach Athen nehmen, um das Mädchen von Athen zu besuchen. Sie war eine sehr liebliche Dame, und ich will griechisch mit ihr sprechen. Ich will sagen: ~se agapo~ und ~pos echete~, und ich denke, sie wird sagen ~kalos~, und dann will ich sagen ~chaere~. Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mich bald zu besuchen und mich mit nach dem Theater zu nehmen. Wenn Sie kommen, will ich sagen ~Kale emera~, und wenn Sie nach Hause gehen, will ich sagen ~Kale nykta~. Nun bin ich zu müde, um mehr zu schreiben. ~Je vous aime. Au revoir.~

Von Ihrer kleinen Lieblingsfreundin

Helen A. Keller.

[14] Siehe S. 67. 107 ff.

_An Fräulein Evelina H. Keller._

[Boston, 29. Oktober 1888.]

Meine liebste Tante! Ich werde sehr bald kommen, und ich denke, Du und jedermann wird sehr froh sein, meine Lehrerin und mich wiederzusehen. Ich freue mich sehr, daß ich viel über viele Dinge gelernt habe. Ich studiere Französisch und Deutsch und Lateinisch und Griechisch. ~Se agapo~ ist griechisch und heißt: Ich liebe dich. ~J’ai une bonne petite soeur~ ist französisch und heißt: Ich habe eine gute kleine Schwester. ~Nous avons un bon père et une bonne mère~ heißt: Wir haben einen guten Vater und eine gute Mutter. ~Puer~ ist Knabe im Lateinischen und Mutter ist ~mother~ im Deutschen. Ich will Mildred viele Sprachen lehren, wenn ich nach Hause komme.

Helen A. Keller.

In einem Briefe an ein Fräulein Bennet, datiert Tuscumbia, den 29. Januar 1889, teilt Helen ihre astronomischen Kenntnisse mit. Es heißt darin unter anderem:

Ich habe in meinem Buche über Astronomen gelesen. Astronom kommt von dem lateinischen Worte ~astra~, das Sterne bedeutet, und Astronomen sind Männer, die die Sterne studieren und uns von ihnen erzählen. Wenn wir ruhig in unseren Betten schlafen, beobachten sie den schönen Himmel durch das Teleskop. Ein Teleskop gleicht einem sehr scharfen Auge. Die Sterne sind soweit entfernt, daß man ohne ganz vorzügliche Instrumente wenig von ihnen erzählen kann. Sehen Sie gern aus Ihrem Fenster und betrachten Sie die kleinen Sterne? Lehrerin sagt, sie kann die Venus von unserem Fenster aus sehen, und dies ist ein großer, schöner Stern. Die Sterne heißen die Geschwister der Erde.

Während des Winters arbeiteten Fräulein Sullivan und ihre Schülerin fleißig in Tuscumbia, und zwar mit gutem Erfolge, denn im Laufe des Frühjahrs nahm Helens Ausdrucksweise echt englisches Gepräge an. Seit dem Mai 1889 finden sich, abgesehen von einigen offenbaren Schreibfehlern, keine Verstöße gegen die Regeln der Sprache; sie gebraucht die Worte richtig und bildet fließende Sätze. So schreibt sie am 18. Mai 1889 in einem Briefe an Herrn Anagnos:

Sie können es sich nicht vorstellen, wie erfreut ich war, gestern abend einen Brief von Ihnen zu erhalten. Es tut mir sehr leid, daß Sie so weit fortgehen. Wir werden Sie sehr, sehr vermissen. Ich würde gern viele schöne Städte mit Ihnen besuchen. Als ich in Huntsville war, traf ich mit ~Dr.~ Bryson zusammen, und er erzählte mir, er sei in Rom, Athen, Paris und London gewesen. Er hatte die hohen Berge in der Schweiz erstiegen, schöne Kirchen in Italien und Frankreich besucht und viele alte Schlösser gesehen. Ich hoffe, Sie werden die Freundlichkeit haben, mir aus allen Städten, die Sie besuchen, zu schreiben. Wenn Sie nach Holland kommen, so grüßen Sie bitte die liebliche Prinzessin Wilhelmine herzlichst von mir. Sie ist ein liebes kleines Mädchen, und wenn sie alt genug ist, so wird sie Königin von Holland sein. Wenn Sie nach Rumänien kommen, so fragen Sie, bitte, die Königin Elisabeth nach ihrem kleinen kranken Bruder und sagen Sie ihr, daß ich sehr traurig bin, daß ihr geliebtes Töchterchen gestorben ist. Ich möchte gern Vittorio, dem kleinen Prinzen von Neapel, einen Kuß senden, aber Lehrerin sagt, sie fürchte, Sie könnten so viele Aufträge nicht behalten. Wenn ich dreizehn Jahre alt bin, so werde ich sie alle selbst besuchen.

Der folgende Brief an Helens französische Lehrerin enthält die Wiedergabe eines Märchens von Andersen (vergl. unten S. 327).

_An Fräulein Fannie S. Marrett._

Tuscumbia, 17. Mai 1889.

Mein liebes Fräulein Marrett! Ich muß an ein liebes, kleines Mädchen denken, das sehr heftig weinte. Sie weinte, weil ihr Bruder sie sehr geärgert hatte. Ich will Ihnen erzählen, was er getan hatte, und ich denke, Sie werden das kleine Mädchen von Herzen bedauern. Sie hatte eine sehr schöne Puppe zum Geschenk erhalten. O, es war eine reizende, zarte Puppe! aber der Bruder des kleinen Mädchens, ein großer Junge, hatte ihr die Puppe weggenommen und sie auf einen hohen Baum im Garten gesetzt und war dann davongelaufen. Das kleine Mädchen konnte die Puppe nicht erreichen und konnte ihr nicht herunterhelfen, und daher weinte sie. Auch die Puppe weinte und breitete ihre Arme zwischen den grünen Zweigen aus und machte ein ganz trauriges Gesicht. Bald würde die finstere Nacht kommen -- sollte da die Puppe die ganze Nacht ganz allein auf dem Baume sitzen? Das kleine Mädchen konnte diesen Gedanken nicht ertragen. »Ich will bei dir bleiben,« sagte sie zu der Puppe, obgleich sie nicht allzu beherzt war. Schon begann sie ganz deutlich zu sehen, wie die kleinen Elfen in ihren großen spitzigen Hüten durch die dunkelen Baumgänge tanzten und aus den Sträuchern hervorblickten; und sie schienen näher und näher zu kommen. Das kleine Mädchen streckte ihre Hände nach dem Baume aus, auf dem die Puppe saß, und die Elfen lachten und deuteten mit den Fingern auf sie. Wie erschrocken war das kleine Mädchen! Wenn man aber nichts Böses getan hat, so können einem diese sonderbaren kleinen Elfen kein Leid zufügen. Habe ich etwas Böses getan? Ach ja! sagte das kleine Mädchen. Ich habe über die arme Ente und ihr mit einem roten Lappen umwickeltes Bein gelacht. Sie hinkte, und darüber mußte ich lachen; aber es ist unrecht, über die armen Tiere zu lachen!

Ist das nicht eine traurige Geschichte? Ich hoffe, der Vater hat den unartigen Knaben bestraft...

Im Sommer war Fräulein Sullivan dreieinhalb Monate verreist. Folgender Brief Helens an sie legt Zeugnis von dem herzlichen Verhältnis ab, das zwischen Lehrerin und Schülerin bestand.

Tuscumbia, Ala. 7. August 1889.

Liebstes Fräulein! Ich freue mich sehr, Ihnen heut abend schreiben zu können, denn ich habe den ganzen Tag viel an Sie gedacht. Ich sitze auf der Piazza, und meine kleine weiße Taube sitzt auf der Lehne meines Stuhles und sieht mir zu, während ich schreibe. Ihr kleiner brauner Gefährte ist mit den übrigen Vögeln davongeflogen, aber Annie[15] ist nicht traurig, denn sie leistet mir gern Gesellschaft.

Der kleine Artur[16] wächst sehr schnell. Er hat jetzt ein kurzes Kleidchen an. Cousine Leila glaubt, daß er binnen kurzem gehen wird. Dann will ich seine weiche, dicke Hand in die meinige nehmen und mit ihm im hellen Sonnenschein spazieren gehen. Er wird die größten Rosen pflücken und auf die lustigsten Schmetterlinge Jagd machen. Ich will sehr sorgfältig auf ihn achtgeben, damit er nicht fällt und sich wehtut...

Ein Herr schenkte mir eine schöne Karte. Sie stellt eine Mühle an einem schönen Bache dar. Auf dem Wasser schwimmt ein Boot, und rings um das Boot wachsen duftende Lilien. Nicht weit von der Mühle liegt ein altes Haus, das ganz dicht von Bäumen umgeben ist. Auf dem Dach des Hauses sitzen acht Tauben, und auf der Schwelle liegt ein Hund...

Ich lese täglich in meinen Büchern. Ich liebe sie recht, recht, recht sehr. Ich wünschte, Sie kehrten bald zu mir zurück. Ich vermisse Sie recht, recht sehr. Ich kann vieles nicht verstehen, wenn mein liebes Fräulein nicht hier ist. Ich sende Ihnen fünftausend Küsse und mehr Liebe, als ich sagen kann.

Ihre dankbare kleine Schülerin

Helen A. Keller.

[15] So hatte Helen die Taube nach ihrer Lehrerin genannt.

[16] Helens jüngster Bruder.

Unter ihren Freunden zählt Fräulein Keller in ihrer Selbstbiographie auch den Dichter John Greenleaf Whittier auf (s. oben S. 138). Ihr erster Brief an ihn lautet folgendermaßen:

Boston, Mass. 27. Nov. 1889.

Teurer Dichter!

Ich glaube, Sie werden überrascht sein, einen Brief von einem kleinen Mädchen zu erhalten, das Sie nicht kennen, aber ich glaubte, es würde Sie freuen, zu hören, daß Ihre schönen Gedichte mich sehr glücklich machen. Gestern las ich »~In School Days~« und »~My Playmate~« und freute mich von Herzen darüber. Ich war sehr traurig, daß das arme kleine Mädchen mit den braunen Augen und den »goldenen Locken« sterben mußte. Es ist sehr angenehm, auf unserer schönen Welt zu leben. Ich kann die lieblichen Dinge nicht mit meinen Augen sehen, aber mein Geist kann sie alle sehen, und so bin ich den ganzen Tag über fröhlich.

Wenn ich in meinem Garten spazieren gehe, so kann ich die schönen Blumen nicht sehen, aber ich weiß, daß sie mich alle rings umgeben; denn ist nicht die Luft mit ihrem süßen Wohlgeruche angefüllt? Auch weiß ich, daß die zarten Glöckchen der Lilien ihren Genossinnen hübsche Geheimnisse zuflüstern, sonst würden sie nicht so glücklich aussehen. Ich liebe Sie von Herzen, denn Sie haben mich soviel Schönes über Blumen, Vögel und Menschen gelehrt. Nun muß ich Ihnen Lebewohl sagen.

Ihre Sie liebende kleine Freundin

Helen A. Keller.

_Aus einem Briefe an ~Dr~. Oliver Wendell Holmes_[17]

vom 1. März 1890.

... Ich lese jetzt eine sehr traurige Geschichte, »~Little Jakey~« mit Titel. Jakey war der lieblichste kleine Knabe, den Sie sich denken können, aber er war arm und blind. Als ich klein war und noch nicht lesen konnte, glaubte ich, daß jedermann stets glücklich sei, und zuerst machte es mich sehr traurig, als ich von Schmerz und großem Leide erfuhr; aber jetzt weiß ich, daß wir niemals lernen würden, tapfer und geduldig zu sein, wenn es nur Freude auf der Welt gäbe.

Ich beschäftige mich in der Zoologie jetzt mit den Insekten, und ich habe viel über die Schmetterlinge gelernt. Sie machen keinen Honig für uns wie die Bienen, aber viele von ihnen sind so schön wie die Blumen, auf denen sie ruhen, und erfreuen stets das Herz kleiner Kinder. Sie führen ein fröhliches Leben, flattern von Blume zu Blume und nippen die Tropfen Honigtau, ohne an den morgenden Tag zu denken. Sie sind genau wie kleine Knaben und Mädchen, wenn sie Bücher und Schule vergessen und durch die Wälder und Felder laufen, um wilde Blumen zu pflücken oder nach duftenden Lilien in die Teiche waten, glücklich im strahlenden Sonnenschein.

[17] Vergl. oben S. 137 ff.

_An Fräulein Sarah Fuller._[18]

Boston, Mass., 3. April 1890.

Mein liebes Fräulein Fuller!