Part 12
Auch in den »Rivals« habe ich ihn gesehen. Einst spielte er mir, als ich ihm in Boston, wo er auftrat, einen Besuch machte, die packendsten Szenen der »Rivals« vor. Das Empfangszimmer, in dem wir saßen, diente als Bühne. Er und sein Sohn setzten sich an den großen Tisch, und Bob Acres schrieb seine Herausforderung. Ich verfolgte alle seine Bewegungen mit den Händen und erhielt einen Eindruck von der Komik seiner seltsamen Gebärden, den ich nie erhalten hätte, wenn mir alles nur in die Hand buchstabiert worden wäre. Dann erhoben sich beide, um das Duell auszufechten, und ich folgte den schnellen Stößen, dem Parieren der Degen und dem Zittern des armen Bob, als ihm allmählich der Mut entsank. Dann gab sich der große Schauspieler einen Ruck und zog seine Mundwinkel herunter -- und im Nu befand ich mich in dem Dorfe Falling Water und fühlte Schneiders rauhes Haupt an meinem Knie. Herr Jefferson rezitierte die schönsten Szenen aus »Rip van Winkle«, in denen die Träne dem Lächeln dicht auf dem Fuße folgt. Er bat mich, ihm, soweit es mir möglich sei, die Gestikulationen und das Spiel anzugeben, die ich zu beobachten wünschte. Natürlich habe ich keine Ahnung von dramatischem Spiel, und ich konnte nur aufs Geratewohl Andeutungen machen; aber mit meisterhafter Kunst paßte er das Spiel den Worten an. Rips Seufzer, als er murmelt: „Wird denn ein Mann so rasch vergessen, wenn er fort ist?“, die Verdutztheit, mit der er Hund und Gewehr nach seinem langen Schlafe sucht, und seine komische Unentschlossenheit betreffs der Unterzeichnung des Vertrages mit Derrick -- all dies schien aus dem Leben selbst gegriffen zu sein, das heißt, aus dem idealen Leben, in dem sich die Ereignisse nach unseren Wünschen richten.
Ich erinnere mich meines ersten Theaterbesuches noch sehr gut. Es war vor zwölf Jahren. Die kleine Schauspielerin Elsie Leslie war in Boston, und Fräulein Sullivan nahm mich zur Aufführung von »~The Prince and the Pauper~« mit. Nie werde ich den Wechsel von Heiterkeit und Trauer vergessen, der in dem hübschen kleinen Stück herrschte, oder das wunderbare Kind, das in ihm auftrat. Nach Beendigung der Vorstellung durfte ich hinter die Kulissen gehen und sie in ihrem Königsgewande betasten. Es würde schwer gewesen sein, ein lieblicheres oder liebenswürdigeres Kind zu finden als Elsie, wie sie mit ihren auf die Schultern herabfallenden goldenen Locken dastand, mit einem strahlenden Lächeln um den Mund, ohne die geringste Spur von Befangenheit oder Ermüdung, trotzdem sie vor einer zahllosen Zuschauermenge gespielt hatte. Ich lernte damals eben sprechen und hatte mir vorher ihren Namen so oft wiederholt, bis ich ihn ganz deutlich aussprechen konnte. Man kann sich mein Entzücken denken, als sie die wenigen Worte, die ich zu ihr sprach, verstand und mir sofort die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte.
Ist es nun nicht wahr, daß mein Leben mit all seinen Beschränkungen in vielen Punkten dem Leben der großen Welt gleicht? Alles besitzt sein Wunderbares, selbst Dunkelheit und Stille, und ich lerne mich unter allen Umständen mit meiner Lage bescheiden.
Manchmal allerdings befällt mich ein Gefühl der Vereinsamung wie ein kalter Nebel, wenn ich allein bin und vor dem geschlossenen Tore des Lebens wartend sitze. Da drinnen ist Licht und Musik und heitere Geselligkeit; aber mir ist der Eintritt verwehrt. Das Schicksal versperrt mir schweigend, erbarmungslos den Weg. Gern würde ich wegen seines unabwendbaren Beschlusses mit ihm hadern, denn mein Herz ist noch ungebärdig und leidenschaftlich; aber meine Zunge will die bitteren, nutzlosen Worte, die sich auf meine Lippen drängen, nicht aussprechen, und sie sinken in mein Herz zurück wie unvergossene Tränen. Unermeßliches Schweigen lagert über meiner Seele. Dann naht sich die Hoffnung mit einem Lächeln und flüstert mir zu: „Auch im Selbstvergessen liegt Genuß.“ Und so versuche ich das Licht in anderer Augen zu meiner Sonne, die Musik in anderer Ohren zu meiner Symphonie, das Lächeln auf anderer Lippen zu meinem Glücke zu machen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Beglückendes Gefühl der Freundschaft. -- Bischof Brooks. -- Kein Verlangen nach dem Jenseits. -- Henry Drummond. -- ~Dr.~ Oliver Wendell Holmes. -- Whittier. -- ~Dr.~ Edward Everett Hale. -- ~Dr.~ Alexander Graham Bell.-- Charles Dudley Warner. -- Mark Twain u. a. -- Schlußwort.
Ich wollte, ich könnte in dieser Skizze die Namen aller derer aufführen, die zur Erhöhung meines Glückes beigetragen haben! Teils würde man sie in den Annalen unserer Literatur aufgezeichnet finden, vielen Herzen teuer, während andere den meisten meiner Leser völlig unbekannt sein dürften. Aber der Einfluß ihrer Persönlichkeit wird, obgleich nichts von ihm verlautet, in dem Dasein derer, die durch ihn gebildet und veredelt worden sind, eine unvergängliche Rolle spielen. Das sind Festtage in unserem Leben, wenn wir Menschen begegnen, die auf uns wirken wie ein schönes Gedicht, Menschen, deren Handschlag voller unausgesprochener Sympathie ist und deren milde, reiche Naturen unserem ungestümen, ungeduldigen Gemüte eine wunderbare Ruhe mitteilen, die im innersten Kerne ihres Wesens göttlichen Ursprunges ist. Die Rastlosigkeit, die Erbitterung, die Qual, die uns verfolgt haben, verschwinden wie böse Träume, und wir erwachen, um die Schönheit und Harmonie von Gottes wirklicher Welt mit neuen Augen zu erblicken und mit neuen Ohren zu vernehmen. Die leeren Förmlichkeiten, die unser Alltagsleben ausfüllen, gewinnen plötzlich eine höhere, tiefere Bedeutung. Mit einem Worte, in der Nähe solcher Freunde fühlen wir, daß alles gut ist. Vielleicht haben wir sie nie zuvor gesehen, und vielleicht werden sich unsere Lebenspfade nie wieder kreuzen, aber der Einfluß ihrer ruhigen, milden Naturen wirkt wie ein kühlendes Bad auf unsere Unzufriedenheit, und wir spüren die von ihm ausgehende heilkräftige Erquickung, wie der Ozean die Bergströme spürt, die seine Fluten erfrischen.
Ich bin oft gefragt worden: „Werden Sie von den Leuten nicht belästigt?“ Ich verstehe nicht ganz, was dies heißen soll. Ich glaube, die Besuche beschränkter und neugieriger Menschen, namentlich die der Zeitungsberichterstatter, sind stets unbequem. Auch liebe ich Leute nicht, die sich im Gespräch zu meinem Standpunkt herabzulassen bemühen. Sie gleichen denen, die, wenn sie neben uns hergehen, sich bemühen, ihre Schritte zu verkürzen, um sie den unsrigen anzupassen; die Heuchelei wirkt in beiden Fällen gleich erbitternd.
Die Hände der Menschen führen für mich eine beredte Sprache. Die Berührung mancher Hände ist eine Beleidigung. Ich bin Leuten begegnet, die so bar aller Lebensfreude waren, daß, wenn ich ihre eisigen Fingerspitzen berührte, es mir vorkam, als reiche ich einem Nordoststurm die Hand. Es gibt andere, deren Hände gleichsam Sonnenstrahlen an sich tragen, so daß mir ihre Berührung das Herz erwärmt. Es braucht nur der Druck einer Kinderhand zu sein; aber für mich liegt darin ebensoviel erquickender Sonnenstrahl wie für andere in einem Liebesblicke. Ein herzlicher Händedruck oder ein freundlicher Brief macht mir stets Freude.
Ich habe viele Freunde in der Ferne, die ich nie gesehen habe. In der Tat sind ihrer so viele, daß ich oft außer stande bin, ihre Briefe zu beantworten; ich wünsche ihnen jedoch hier zu sagen, daß ich ihnen stets für ihre gütigen Worte dankbar bin, so unzulänglich auch die Anerkennung meinerseits ausfallen mag.
Ich rechne es zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens, viele bedeutende Männer kennen gelernt zu haben und mit ihnen in persönliche Berührung gekommen zu sein. Nur wer Bischof Brooks kennt, vermag zu ermessen, wie wertvoll seine Freundschaft für die ist, die sie besitzen. Als Kind liebte ich es, auf seinen Knien zu sitzen und meine kleine Hand auf seine große zu legen, während Fräulein Sullivan mir in die andere seine herrlichen Worte über Gott und das Jenseits buchstabierte. Ich hörte ihm mit kindlichem Staunen und Entzücken zu. Mein Geist konnte dem Fluge des seinigen nicht folgen, aber er lehrte mich wahren Lebensgenuß, und ich verließ ihn nie, ohne einen erhebenden Gedanken mit mir davonzutragen, der an Schönheit und Tiefe der Bedeutung zunahm, je mehr ich heranwuchs. Als ich einst über die große Menge der Religionen verwirrt war, sagte er zu mir: „Es gibt nur eine Weltreligion, Helen -- die Religion der Liebe. Liebe deinen himmlischen Vater von ganzem Herzen und mit ganzer Seele, liebe jedes Kind Gottes, so innig du es nur kannst, und erinnere dich daran, daß das Gute eher Aussicht auf Verwirklichung besitzt als das Böse, und du hast den Schlüssel zum Himmelreich.“ -- Und sein Leben bildete ein treffliches Beispiel zu dieser großen Wahrheit. In seiner edlen Seele standen Liebe und das umfassendste Wissen im Bunde mit dem Glauben, der zur Erkenntnis geworden war. Er erblickte
Gott in allem, was erhebt, befreit und tröstet, So auch in allem, was uns niederdrückt.
Bischof Brooks lehrte mich kein besonderes Glaubensbekenntnis oder Dogma; allein er prägte meinem Geiste zwei große Ideen ein -- die Eigenschaft Gottes als Vater und die der Menschen als Brüder -- und setzte mir auseinander, daß diese Wahrheiten allen Glaubensbekenntnissen und Kulturformen zugrunde liegen. Gott ist die Liebe, Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder; daher werden sich die dunkelsten Wolken dereinst zerteilen, und obgleich das Recht mit Füßen getreten werden kann, so soll das Unrecht doch nicht triumphieren.
Ich bin hier auf Erden zu glücklich, um viel an das Jenseits zu denken, abgesehen davon, daß ich mich erinnere, daß geliebte Freunde im Himmelreich meiner warten. Trotz der Reihe von Jahren scheinen sie mir doch so nahe zu sein, daß ich mich keinen Augenblick wundern würde, wenn sie meine Hand ergriffen und zärtliche Worte sprächen, wie sie dies vor ihrem Hinscheiden zu tun pflegten.
Seit Bischof Brooks’ Tode habe ich die Bibel von Anfang bis zu Ende gelesen, ebenso einige philosophische Werke über Religion, unter ihnen Swedenborgs »Himmel und Hölle« und Drummonds »~Ascent of Man~«; ich habe jedoch kein Glaubensbekenntnis oder System gefunden, das mich mehr befriedigt hätte als Bischof Brooks’ Religion der Liebe. Ich kannte Herrn Henry Drummond persönlich, und bei der Erinnerung an seinen kräftigen, warmen Händedruck ist es mir, als erteilte er mir seinen Segen. Er war der angenehmste Gesellschafter, den man sich denken kann. Er besaß ein so reiches Wissen und war so geistvoll, daß er jedermann mit sich fortriß.
Ich erinnere mich noch sehr gut meines ersten Zusammentreffens mit ~Dr.~ Oliver Wendell Holmes. Er hatte Fräulein Sullivan und mich eingeladen, ihn eines Sonntagnachmittags zu besuchen. Es war zu Beginn des Frühjahrs, kurz, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir wurden sofort nach der Bibliothek gewiesen, wo wir ihn in einem großen Armstuhl bei einem offenen Feuer, das im Kamin glühte und prasselte, sitzen fanden, in Erinnerungen vergangener Zeiten versunken, wie er sagte.
„Und zugleich in das Rauschen des Charlesflusses“, -- fügte ich hinzu.
„Ja,“ -- antwortete er, „der Charlesfluß erinnert mich an viele glückliche Stunden.“ -- Es herrschte ein Geruch von bedrucktem Papier und Leder in dem Raume, der mir sagte, daß es voller Bücher sei, und ich streckte unwillkürlich meine Hand aus, um sie zu suchen. Ich ergriff eine schöne Ausgabe von Tennysons Gedichten, und als mir Fräulein Sullivan gesagt hatte, was es für ein Buch sei, begann ich zu rezitieren:
~Break, break, break On thy cold gray stones, O sea!~
Aber ich hielt plötzlich inne. Ich fühlte Tränen auf meiner Hand. Ich hatte meinen geliebten Dichter zum Weinen gebracht und war ganz untröstlich darüber. Er nötigte mich in seinen Armstuhl und brachte mir verschiedene interessante Dinge zum Befühlen, und auf seine Bitte deklamierte ich ihm auch »~The Chambered Nautilus~«, das damals mein Lieblingsgedicht war. Später besuchte ich ~Dr.~ Holmes noch öfters und lernte in ihm sowohl den Menschen wie den Dichter lieben.
An einem schönen Sommertage, nicht lange nach meiner ersten Begegnung mit ~Dr.~ Holmes, besuchten Fräulein Sullivan und ich Herrn Whittier in seinem stillen Heim am Merrimac. Seine Ritterlichkeit und seine gewählte Ausdrucksweise gewannen ihm sofort mein Herz. Er besaß einen Band seiner Gedichte in Hochdruck, aus dem ich »~In School Days~« las. Er war entzückt, daß ich die Worte so gut aussprechen konnte, und sagte, es sei ihm nicht schwer gefallen, mich zu verstehen. Dann richtete ich einige Fragen betreffs des Gedichtes an ihn und las seine Antwort ab, indem ich ihm meine Finger auf die Lippen legte. Er erklärte, er selbst sei der kleine Knabe in dem Gedicht, der Name des Mädchens sei Sally gewesen und noch mehr dergleichen, was ich aber vergessen habe. Ich deklamierte auch »~Laus Deo~«, und als ich die Schlußworte sprach, legte er mir die Statue eines Sklaven in die Hände, von dessen zusammengekrümmter Gestalt die Ketten abfielen, gerade so wie sie von Petrus’ Gliedern abfielen, als der Engel ihn aus dem Kerker herausführte. Später gingen wir in sein Studierzimmer, und hier schrieb er ein Autogramm[12] für meine Lehrerin nieder und drückte ihr seine Bewunderung über das, was sie getan hatte, aus, indem er zu mir sagte: „Sie ist deine geistige Befreierin“. Dann geleitete er mich bis zur Gartenpforte und küßte mich zum Abschiede zärtlich auf die Stirn. Ich versprach ihm, ihn im folgenden Sommer wieder zu besuchen; er starb aber, ehe ich mein Versprechen erfüllen konnte.
~Dr.~ Edward Everett Hale ist einer meiner allerältesten Freunde. Ich kenne ihn seit meinem achten Lebensjahre, und meine Liebe zu ihm hat zugenommen, je älter ich wurde. An seiner weisen, liebevollen Teilnahme haben Fräulein Sullivan und ich uns in den Tagen der Prüfung und Trübsal aufgerichtet, und seine starke Hand hat uns über manche steile und steinige Strecke unseres Pfades hinweggeholfen, und was er für uns getan hat, das hat er für tausend andere getan, die schwierige Aufgaben zu erfüllen haben. Er hat die alten Schläuche des Dogmas mit dem neuen Wein der Liebe gefüllt und den Menschen gezeigt, was es heißt, zu glauben, zu leben und frei zu sein. Was er gelehrt hat, das haben wir in seinem Leben auf das schönste ausgedrückt gefunden -- Vaterlandsliebe, Güte dem geringsten seiner Brüder gegenüber und ein aufrichtiges Verlangen, sich über das irdische emporzuschwingen. Er ist ein Prophet und Herzenskündiger gewesen, ein mächtiger »Täter des Worts«, der Freund seines ganzen Geschlechtes -- Gott segne ihn!
Meine erste Begegnung mit ~Dr.~ Alexander Graham Bell habe ich schon erwähnt. Seitdem habe ich viele glückliche Tage mit ihm in Washington und auf seinem schönen Landsitz im Innern von Cape Breton Island verlebt, in der Nähe von Baddeck, dem durch Charles Dudley Warners Buch berühmt gewordenen Dorfe. Hier habe ich in ~Dr.~ Bells Laboratorium oder auf den Feldern am Ufer des großen Bras d’Or viele genußreiche Stunden zugebracht, in denen er mir von seinen Experimenten erzählte und ich ihm bei dem Steigenlassen von Drachen half, mittels deren er die Gesetze, die die Luftschiffahrt der Zukunft beherrschen werden, zu ergründen hofft. ~Dr.~ Bell hat bedeutende Leistungen auf vielen wissenschaftlichen Gebieten aufzuweisen und besitzt die Gabe, alles, was er in die Hand nimmt, interessant zu machen, selbst die verwickeltsten Fragen. Man hat bei ihm das Gefühl, daß, wenn man nur ein wenig mehr Zeit hätte, man auch ein Erfinder sein könnte. Dazu hat er eine humoristische und eine poetische Seite. Seine Hauptleidenschaft ist seine Liebe zu Kindern. Nie ist er so durchaus glücklich, als wenn er ein kleines taubstummes Kind in seinen Armen hält. Seine Arbeiten zum Besten der Taubstummen werden fortleben und noch über künftige Generationen von Kindern Segen verbreiten, und wir lieben ihn ebenso für das, was er selbst geleistet, wie für das, wozu er andere angeregt hat.
In den zwei Jahren, die ich in New York verlebte, hatte ich oft Gelegenheit, mit hervorragenden Männern zu sprechen, deren Namen ich oft gehört, mit denen ich aber niemals zusammenzutreffen gehofft hatte. Zum größten Teile lernte ich diese in dem Hause meines lieben Freundes Herrn Laurence Hutton kennen. Es war eine große Vergünstigung, ihn und die liebe Frau Hutton in ihrer reizenden Villa besuchen zu dürfen, ihre Bibliothek zu besichtigen und die herrlichen Empfindungen und glänzenden Gedanken zu lesen, die begabte Freunde für sie niedergeschrieben hatten. Man hat mit Recht gesagt, Herr Hutton besitzt die Fähigkeit, aus jedem die besten Gedanken und die zartesten Empfindungen herauszulocken. Man braucht nicht die Erzählung »~A Boy I Knew~« zu lesen, um ihn zu verstehen -- den mit dem reinsten, kindlichsten Gemüt begabten Mann, den treuen Freund in allen Lebenslagen, der sowohl das Leben der Hunde wie das seiner Mitmenschen liebevoll verfolgt.
Frau Hutton ist eine aufrichtige, bewährte Freundin. Vieles, was ich für das Beste und Wertvollste halte, verdanke ich ihr. Oft hat sie mir während meines Universitätsstudiums mit Rat und Tat beigestanden. Wenn ich meine Lebensaufgabe schwer und entmutigend finde, so schreibt sie mir Briefe, die mich wieder froh und tapfer machen; denn sie gehört zu denen, von denen wir lernen können, daß die Erfüllung einer mühevollen Pflicht die Erfüllung der nächsten einfacher und leichter macht.
Herr Hutton führte mich bei vielen seiner literarischen Freunde ein, von denen die bedeutendsten Herr William Dean Howells und Mark Twain sind. Auch mit Herrn Richard Watson Gilder und Herrn Edmund Clarence Stedman traf ich zusammen. Auch Herrn Charles Dudley Warner lernte ich kennen, den reizendsten Erzähler und liebenswürdigsten Freund, dessen Gutherzigkeit so umfassend war, daß man von ihm in Wahrheit sagen konnte, er liebte alle lebenden Wesen und seinen Nächsten wie sich selber. Einmal stellte mir Herr Warner den Dichter der Wälder, -- Herrn John Burroughs, vor. Sie waren alle liebenswürdig und sympathisch, und ich wurde mir des Zaubers ihrer Persönlichkeit ebenso bewußt, wie ich früher die Schönheit ihrer Abhandlungen und Gedichte bewundert hatte. Ich konnte nicht Schritt halten mit all diesen Schriftstellern, wie sie von einem Gegenstand zum anderen übersprangen und sich in tiefsinnige Disputationen einließen oder in der Unterhaltung ihren Witz glänzen ließen. Ich glich dem kleinen Ascanius, der mit seinen trippelnden Füßchen den heroischen Schritten seines Vaters Aeneas auf seinem Lebenswege, der ihn mächtigen Geschicken entgegenführte, folgte. Aber sie teilten mir viel Interessantes mit. So erzählte mir Herr Gilder von seinen Reisen im Mondschein durch die weite Wüste zu den Pyramiden, und in seinem Briefe, den er mir schrieb, drückte er unter der Unterschrift seinen Stempel so tief in das Papier hinein, daß ich ihn fühlen konnte. Dies erinnert mich daran, daß ~Dr.~ Hale seinen Briefen an mich einen persönlichen Zug verlieh, indem er seine Unterschrift in Brailleschrift gab. Von Mark Twains Lippen las ich ein paar seiner prächtigen Erzählungen ab. Er hat seine eigene Art, zu denken, zu sprechen und zu handeln. Ich fühle das Zwinkern seines Auges in seinem Händedrucke. Eben dadurch, daß er seine cynische Weisheit in einer unsagbar drolligen Weise vorbringt, erweckt er die Empfindung, daß sein Herz voll des tiefsten, innigsten Mitgefühls ist.
Es gibt noch eine Menge anderer interessanter Leute, mit denen ich in New York zusammengetroffen bin: Frau Mary Mapes Dodge, die beliebte Herausgeberin vom »~St. Nicholas-Magazine~«, und Frau Riggs (Kate Douglas Wiggin), die anmutige Verfasserin von »~Patsy~«. Ich erhielt von ihnen Geschenke, bei deren Auswahl das Herz mitgesprochen hat, Bücher mit ihren eigenen Gedanken, seelenvolle Briefe und Photographien, die ich mir immer und immer wieder beschreiben lasse. Allein mir fehlt der Raum, hier aller meiner Freunde zu gedenken, und in der Tat gibt es in Bezug auf sie Dinge, die sich hinter Cherubsschwingen bergen, Dinge, die zu heilig sind, um in kalte Druckschrift umgesetzt zu werden. Nur mit innerem Widerstreben habe ich soeben von Frau Laurence Hutton gesprochen.
Ich will noch zwei weitere befreundete Personen erwähnen. Die eine ist Frau William Thaw in Pittsburgh, die ich oft auf ihrem Landsitze in Lyndhurst besucht habe. Sie ist stets damit beschäftigt, jemand glücklich zu machen, und all die Jahre über, die meine Lehrerin und ich sie kennen, haben wir stets bei ihr großmütige Hilfe und weisen Rat gefunden.
Auch meinem anderen Freunde bin ich zu tiefem Danke verpflichtet. Er ist wegen seiner mächtigen Hand, mit der er große Unternehmungen leitet, weit und breit bekannt, und seine bewundernswerten Eigenschaften haben ihm die allgemeine Achtung erworben. Freundlich zu jedermann tut er unausgesetzt in der Stille und unbemerkt Gutes. Wiederum berühre ich den Kreis geachteter Namen, die ich nicht nennen darf, aber ich möchte gern seine Hochherzigkeit und seine rege Teilnahme an meinem Geschick hervorheben, die es mir möglich gemacht haben, die Universität zu besuchen.
So haben meine Freunde mein Leben zu dem gemacht, was es ist. Auf tausenderlei Art haben sie meine Gebrechen in herrliche Vorrechte verwandelt und mich in den Stand gesetzt, heiter und glücklich in dem von meinen körperlichen Mängeln geworfenen Schatten zu wandeln.
[12] ~With great admiration of thy noble work in releasing from bondage the mind of thy dear pupil, I am truly thy friend, John G. Whittier.~ (Mit der größten Bewunderung für dein edles Werk der Befreiung des Geistes deiner lieben Schülerin von der Knechtschaft bin ich dein aufrichtiger Freund John G. Whittier.)
Zweiter Teil.
Helen Kellers Briefe
1887-1901.
Briefe (1887-1901).
(Auswahl.)
Erste Schreibversuche. -- Zwei Briefe an die blinden Mädchen im Perkinsschen Institut. -- Brief an Herrn Anagnos mit der Schilderung eines Picknicks im Walde. -- Brief an Onkel Morrie über den Ausflug nach Plymouth. -- Brief an Herrn Anagnos mit einigen französischen und griechischen Redensarten. -- Brief an Tante Eveline Keller mit Übersetzungen von griechischen, französischen, lateinischen und deutschen Redensarten und Wörtern. -- Brief mit astronomischen Angaben. -- Briefe an Herrn Anagnos über seine Reise nach Europa. -- Brief mit Wiedergabe des Inhalts eines Andersenschen Märchens. -- Brief an Fräulein Sullivan. -- Brief an Whittier. -- Brief an ~Dr.~ Holmes. -- Brief an Fräulein Sarah Fuller. -- Brief an den nachmaligen Bischof Brooks. -- Brief über Tommy Stringer. -- Brief über die Reise nach dem Niagarafall. -- Brief über den Besuch der Weltausstellung in Chicago. -- Brief über ein Zusammentreffen mit Mark Twain. -- Brief über den Besuch des Bostoner Museums. -- Brief über den Eindruck, den das Orgelspiel auf Helen Keller gemacht hat. -- Stellen aus verschiedenen Briefen über Leidensgefährten. -- Brief an ~Dr.~ Hale, geschrieben am Vorabend der Howefeier.
Fräulein Sullivan begann Helen Keller am 3. März 1887 zu unterrichten. Dreieinhalb Monate, nachdem dieser das erste Wort in die Hand buchstabiert worden war, schrieb sie mit Bleistift folgenden Brief:
_An Helens Cousine Anna (Frau George T. Turner)._[13]
[Tuscumbia, Alabama, 17. Juni 1887.]
~helen write anna george will give Helen apple simpson will shoot bird jack will give Helen stick of candy doctor will give mildred medicine mother will make mildred new dress~
[Ohne Unterschrift.]
[13] Die ersten Äußerungen Helens sind englisch wiedergegeben worden, weil der in ihnen enthaltene eigenartige Reiz in der Übersetzung vollständig verwischt werden würde. Auf die beiden Briefe an die blinden Mädchen im Perkinsschen Institute wird im dritten Teil (S. 248) Bezug genommen, weswegen sie hier im vollständigen Wortlaute mitgeteilt werden. -- Das Faksimile der dem Buche vorangeschickten eigenhändigen Widmung Fräulein Kellers gewährt eine Vorstellung von ihrer Handschrift, wie sie jetzt ist.
_An Frau Kate Adams Keller._