Part 4
_Caesar_ wird als einziger Gewährsmann ausdrücklich genannt. Diese seine Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als unrichtig erkannt. Die Kelten, die früher auch rechts vom Rhein saßen, wurden vielmehr von den Germanen überall zurückgedrängt. _Herzynischer Wald_ das ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe Alb. _Helvetier_ bald darauf in der Nordschweiz, _Bojer_ damals in Böhmen (Beheim), _Aravisker_ um Stuhlweißenburg, _Osen_ in Oberungarn; diese beiden pannonische Stämme. Von den Osen ist es Kap. 43 ausdrücklich bezeugt; die Worte _Germanorum natione_ können nur auf den Wohnsitz gedeutet werden. _Treverer_ um Trier, wahrscheinlich Gallier, _Nervier_ an der Sambre, _Vangionen_ um Worms, _Triboker_ bei Hagenau, _Nemeter_ um Speyer, _Ubier_ 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt; ihr Hauptort wird die _colonia Agrippinensis_, der Geburtsort der Agrippa, Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die Stifterin der Kolonie (Köln!).
_29_
_Bataver_ im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.) bleibt das Freundschaftsverhältnis zu den Römern. _Mattiaker_ um Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind. _Über die alten Grenzen_ endgültig durch den Bau des Grenzwalls (_limes_), der, von Domitian begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder Kehlheim über Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km lang. Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle (darunter die Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche Mauer. _Zehntland_ (_agri decumates_, nur hier erwähnt) römisches Staatspachtland am mittleren Neckar.
_30_
_Weiter hinaus_ über das Zehntland hin. _Chatten_ = Hessen. Sie sind, außer den Friesen, nach Grimm „der einzige deutsche Volksschlag, der mit behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie in der Geschichte zuerst erwähnt werden“. Ihnen widerfährt hier unter allen Stämmen das größte Lob.
_32_
_Usipier_ (Usipeter) und _Tenkterer_, immer gemeinsam genannt, vom Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.
_33_
_Brukterer_ zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); später zurückgedrängt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind übertrieben. Alle diese Stämme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk später die _Chamaver_ werden, damals nördlich der Lippe bis zum Zuydersee. _Angrivarier_, an der Weser, später als Angern ein Hauptstamm der Altsachsen.
_34_
_Im Rücken – vorn_: die Völker mit dem Gesicht zur See. _Dulgubiner_ in der Gegend von Hannover (?), _Chasuarier_ an der Haase, Friesen zwischen Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel. _Seen_ besonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt; so entstehen förmliche Inseln. _Römische Flotten_: Drusus Germanicus (12 v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutet Kap. 1. _Säulen des Herkules_ wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der römische Herkules gemeint. _Niemand versucht_: nach Drusus Germanicus jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).
_35_
Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel (Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts geneigt. _Chauken_ am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Müllenhoff sind es vielleicht überhaupt nur andere Friesen, „Chauken“ ein Ehrenname. Im Bogen hätten sie die Chatten an der Weser treffen müssen, eine wahrscheinlich unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel.
_36_
_Zur Seite_ östlich. _Cherusker_ in der Umgebung des Harzes, früher noch weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren Kampf gegen die Römer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde. Arminius, der „Befreier Germaniens“, besiegt auch Marbod, den König der Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurückgedrängt, innere Zwistigkeiten, Kämpfe mit den Chatten wüten, vom Frieden des Tacitus ist keine Rede. Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker übertrieben. Nur ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die späteren Sachsen? _Fosen_ in der Wesergegend.
_37_
_Kimbern_: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem großen Zuge stoßen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640 der catonianischen Ära] nach der Gründung der Stadt – Tacitus hält sich an die runde Zahl –) auf die Römer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius Scaurus, gleichfalls geschlagen und getötet, hatte kein eigenes Heer, und Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist 98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis für die Abfassung der „Germania“ im gleichen Jahre. _Arsaces_ begründet im 3. Jahrh. v. Chr. das große Partherreich, lange neben Rom die einzige östliche Großmacht; Crassus wird 53 v. Chr. von den Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet. _Selbst dem Caesar_: Augustus. _Nero_ ist Tiberius. _Rüstungen des C. Caesar_: Caligula; er läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40 n. Chr.); später feiert auch Domitian einen höchst sonderbaren Triumph. In den Bürgerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der Nordwestgermanen.
_38_
_Nunmehr_ eröffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden, auch die nichtgermanischen Stämme zu den Sueben. Aber schon die Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und Nordgermanen. _Sueben_ wortgleich mit „Schwaben“. _Stammeszeichen_: der Knoten, ohne Band, an der rechten Schläfe über dem Ohr ist durch Bilder bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wären nach Baumstark im letzten Satz des 43. Kapitels Kennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die Männer, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn über dem Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den „Vornehmen“.
_39_
Müllenhoff hält den Namen _Semnonen_ für hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der Germanen. Der besonders großartige Kultus ist denn auch der des Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, ein Zusammenschluß!) an den rätischen Limes und erobern von da ab das jetzt noch alemannisch-schwäbische Gebiet. Der Vers _auguriis – sacram_ im Deutschen durch „Zeichen – weihten“ wiedergegeben. Vgl. die allgemeine Einleitung!
_40_
_Langobarden_ an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren ins Alföld (ihr „Feld“) und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht auch Mecklenburg; die Angeln gehen später nach England. Nicht genannt sind die Sachsen, damals in Holstein. _Nerthus_ nicht etwa Hertha (eine falsche Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (_magna mater Idaea_) bezeichnet, weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und Wagen reinigt. _Insel_ sicher nicht Rügen, ebenso der See nicht der Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte Erfindung ist. _Wenn man es glauben darf_: also kein Götterbild (Kap. 9).
_41_
_Wie noch zuvor_: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau. _Hermunduren_ zwischen Harz und Erzgebirge, südwärts bis zum Main, vielleicht sogar zur Donau. Die gute Ausnahme bei den Römern deutet nicht gerade auf unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches dürfen den Strom nur an bestimmten Stellen unter Aufsicht überschreiten. _Kolonie_ ist _Augusta Vindelicorum_ (Augsburg). _Elbe_: man dachte sich wohl die Moldau oder Eger oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren römische Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe nur noch vom Hörensagen.
_42_
_Varisten_ am Fichtelgebirge, _Markomannen_ in der großen „Mark“ zwischen Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein suebisches Volk. Marbod führt sie nach Böhmen, wo schon vorher, vielleicht mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet ein mächtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den Cheruskern zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. Später, unter Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg der Römer (Vorspiel der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Böhmen slavisch, die Markomannen sind nach Bayern gerückt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, geblieben (Bayern und Deutschösterreicher). _Quaden_ wahrscheinlich mit den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren und Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen nach Spanien. _Stirnwehr_ gegen Rom. _Tudrus_ wahrscheinlich ein Quadenkönig.
_43_
_Noch weiter ab_: nördlich und östlich der Markomannen und Quaden, um das schlesische Gebirge. _Eisen_, das bei den Germanen so selten ist, verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien. _Gebirge_ der östliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. _Lugier_ oder Lygier die Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier, Kap. 2), der alle hier genannten Stämme und wohl auch die nicht genannten Burgunder umfaßt. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, Müllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur Weichsel, heißen später Vandalen, eine Nebenform von „Vandilier“. Ihre Wanderung führt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. _In Frauentracht_: nur der Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem Namen des Königsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet, „Männer mit Frauenhaar“; das Königsgeschlecht aber nennt sich nach dem Brüderpaar „Kastor und Pollux“, einer alten indogermanischen Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: „Alken“ und „Hasdingi“ soll zusammenhängen. Das Totenheer und die straffere Königsherrschaft leitet die Steigerung ein, die allmählich in das Reich des Märchens hinüberführt. _Goten_, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; später in Südrußland, wo sich in der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist bekannt. _Rugier_ und _Lemovier_ damals an der Ostsee zwischen Weichsel und Oder, die Rugier später an der österreichischen Donau.
_44_
In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte Vorstellung hatte. _Suionen_ sind Schweden, Skandinavien gilt als Insel. Schiffe, ähnlich den hier beschriebenen, noch heute bei den Norwegern als Scherenboote gebaut. _Reichtum_: Geldgier führt zur Entartung, und Entartete lassen sich einen unumschränkten Herrscher gefallen. Aber der schwedische König, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafür Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschränkte Macht. Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap. 40). Vielleicht haben Südgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das Mißverständnis verschuldet. Steigerung gegenüber der Königsmacht der Goten!
_45_
_Jenseits_ nördlich. _Starr_: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eine θάλασσα πεπηγυῖα, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne! _Der Erdkreis_ ist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, daß man ihre Rosse und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende Sonne erklingt nach altem Glauben. „Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!“ (Faust). _Nun denn_: der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend über. Die _rechte_ Küste ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. _Ästier_ sind die Litauer; erst später geht der Name auf die finnischen Esthen über. Das Folgende zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen sind; die Ähnlichkeit mit der britannischen Sprache wohl nur zufällig. _Bernstein_, ein uralter Schmuck, wird über die „Bernsteinwege“ zu Land und zur See nach Südeuropa gebracht. Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, daß von den Enden der Welt kostbare Schätze kommen, bei Herodot. _glesum_: Glas, das Glänzende. _Landtiere_: Martial nennt die Viper. _Sitonen_ östlich von den Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotisches _qêns_, Weib, _queen_): daher der Bericht über die Frauenherrschaft. Höhepunkt der Steigerung: Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschränkter regiert, immer märchenhafter bis zur Frauenherrschaft.
_46_
_Peuciner_ ein anderer Name für die Bastarner, das östlichste Germanenvolk (von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumündung), auch das zuerst, schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte. _Veneter_ Wenden, das germanische Wort für Slaven. _Fennen_: Finnen. Die Schilderung bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. Die _Hellusier_ sollen „Hirschartige“, die _Oxioner_ „Ochsenartige“ sein, vielleicht nach den Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.
Druck der Spamerschen Buchdruckerei, Leipzig
BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Wörter.
Variationen bei Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht.
Korrektur eines offensichtlichen Druckfehlers:
Seite 45: „Göttinen“ geändert in „Göttinnen“