Part 3
Noch weiter ab von uns schließen sich Marsigner, Kotiner, Osen und Burier im Rücken an die Markomannen und Quaden. Von diesen erinnern Marsigner und Burier in Rede und Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner verraten durch ihre gallische, die Osen durch ihre pannonische Sprache, daß sie keine Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, die sie ertragen. Einen Teil davon haben ihnen die Sarmater, einen anderen – als einem Fremdvolk – die Quaden auferlegt: dabei fördern die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach, noch obendrein Eisen! Alle diese Völker aber halten wenig Flachland besetzt, meist Hochwald, Gipfel und Höhenzüge. Denn mitten durch Suebien zieht als Scheidewand ein Gebirg in geschlossener Kette; und auf der anderen Seite wohnen sehr viele Völker, von denen namentlich die Lygier, mehrere Stämme umfassend, weithin verbreitet sind. Es genügt, die bedeutendsten zu nennen, die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und Nahanarvaler. Bei den Nahanarvalern weist man einen uralt-heiligen Hain. Darin waltet ein Priester in Frauentracht; aber die Götter, die sie nennen, sind nach römischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung der Gottheit; ihr Name ist „Alken“. Es gibt von ihnen kein Bild, keine Spur führt zu fremden Bräuchen; aber als Brüder werden sie und als Jünglinge verehrt. Die grimmen Harier helfen, obzwar den zuvor aufgezählten Völkern ohnehin überlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon wilden Erscheinung zudem durch wohlbedachte Künste nach. Sie schwärzen die Schilde und überfärben sich den Körper; finstere Nächte wählen sie zum Kampf. So jagen schon die gespenstischen Schreckgestalten eines Totenheeres Grausen ein, und kein Feind widersteht dem unerhörten, gleichsam höllischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem Anprall die Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von Königen, und etwas straffer als andere Germanenstämme, geleitet, doch nicht so, daß ihre Freiheit bedroht wäre. Dann dicht daran, gegen das Meer, die Rugier und Lemovier. All dieser Völker Merkmal ist, daß sie runde Schilde und kurze Schwerter haben und Königen gehorchen.
_44_
Folgen die Stämme der Suionen, mitten im Ozean, reich an Mannen und Waffen und auch zur See gewaltig. Sie haben Schiffe von besonderer Gestalt, derart, daß jedes Ende Vorderteil sein kann und immer zum Landen bereit ist. Auch bedienen sie keine Segel und fügen die Ruder nicht reihenweise an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf manchen Flüssen, und setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts, bald links ein. Bei diesem Volk steht auch der Reichtum in Ehren, und so beherrscht es ein einziger, gegen den schon kein Einspruch mehr statthat, kraft unwiderruflichen Rechts auf Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, wie bei den anderen Germanen, jedem zum Gebrauch freigegeben, sondern ein Wächter hält sie verschlossen; es ist ein Sklave. Denn da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde das Meer; und Waffen in müßigen Händen führen gar leicht zum Mißbrauch. Einen Adeligen allerdings oder Freien, ja auch nur einen Freigelassenen als Waffenhüter zu bestellen, wäre dem König kein Vorteil.
_45_
Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, starr und fast unbewegt. Daß es den Erdkreis abgürtet und schließt, darf man wohl glauben, weil sich dort der letzte Glanz der sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhält, so hell, daß davor die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, der aufsteigenden Sonne Klingen zu hören und ihr Rossegespann und ihr Strahlenhaupt zu erkennen. Damit sind wir, wenn die Sage recht hat, am Ende der Welt.
Nun denn – rechts schlägt das suebische Meer an die Küste der Ästierstämme. Diese haben die Bräuche und das Aussehen der Sueben, ihre Sprache steht der britannischen näher. Sie verehren eine Göttermutter. Als Zeichen dieses Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist Schutz und Schirm gegen alle Gefahr und behütet den Gläubigen auch im Feindesgewühl. Selten haben sie Waffen von Eisen, oftmals Keulen. Korn und andere Früchte bauen sie sorgfältiger, als sonst germanische Lässigkeit zugibt. Aber sie suchen auch im Meer und sind unter allen Völkern die einzigen, die den Bernstein (sie nennen ihn _glesum_) an seichten Stellen und am Strande selbst sammeln. Doch haben sie, rechte Barbaren, sein Wesen und seine Entstehung weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag lange umher wie anderer Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht nach Schmuck schuf ihm seinen Namen. Sie selber gebrauchen ihn nicht; sie sammeln die rohen Stücke, bringen sie unbearbeitet zu Markt und wundern sich über den gezahlten Preis. Indes erkennt man ihn als Baumharz, weil häufig kleine Landtiere, auch geflügelte, durchschimmern, die sich in der flüssigen Masse fangen und, wenn sie dann hart wird, eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen Ländern im Osten, wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, mögen also wohl auch auf den Inseln und Küsten des Westens merkwürdig ergiebige Haine und Wälder sein: ihre Säfte werden von den Strahlen der nahen Sonne ausgepreßt und rinnen noch flüssig den kurzen Weg hinab ins Meer; die Gewalt der Stürme treibt dann das Harz hinüber ans andere Gestade. Prüft man den Stoff des Bernsteins im Feuer, so entzündet er sich wie ein Kienspan und nährt eine qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich wieder zu einer Art Pech oder Harz.
An die Suionen reihen sich die Stämme der Sitonen, sonst ähnlich und nur dadurch unterschieden, daß ein Weib sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen nicht nur die Freiheit, sondern noch die Knechtschaft entartet.
_46_
Hier endet denn Suebien. Ob ich nun die Stämme der Peuciner und der Veneter und Fennen zu den Germanen oder Sarmatern rechnen soll, weiß ich nicht recht. Die Peuciner zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen in Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches Wesen. Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen träge; und Wechselheiraten haben auch schon zu sarmatischer Mißgestalt geführt. Die Veneter haben viel von sarmatischer Lebensweise angenommen: alles Wald- und Bergland, das sich zwischen Peucinern und Fennen erhebt, durchstreifen sie in räuberischen Haufen. Doch zählt man sie eher noch als Germanen, weil sie feste Wohnungen haben, Schilde tragen und gern als schnelle, rüstige Fußgänger auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern, die auf ihren Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen sind ein erstaunlich wildes, abstoßend armes Volk. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein Heim; Kräuter sind ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden ihre Lagerstätte. Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil Eisen mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd muß gleicherweise Männer wie Frauen ernähren: diese ziehen überall mit und heischen ihren Teil von der Beute. Ihre Kinder haben keine andre Zuflucht vor Regen und wildem Getier als ein Schutzdach von verflochtenen Zweigen. Dahin kehren auch die Erwachsenen zurück, dort bergen sich die Alten. Aber glücklicher dünkt sie dieses Los, als hinter dem Pfluge zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und fremdes Gut ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekümmert um Menschen, unbekümmert um Götter haben sie das Schwerste erreicht, selbst auf Wünsche verzichten zu können.
Darüber hinaus beginnt das Reich der Fabel. So sollen Hellusier und Oxionen Menschenköpfe und menschliches Antlitz haben, aber Leib und Glieder von Tieren. Das ist unverbürgt, und ich will es nicht weiter verfolgen.
INHALT DER GERMANIA
Allgemeiner Teil (1–27)
_Das Land und seine Bewohner_ (1–5): Grenzen und Grenzströme (1) – Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) – Frühe Besuche aus der Fremde? (3) – Körperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) – Natur und Erzeugnisse des Landes (5).
_Leben und Sitten der Germanen_ (6–27): Waffen, Kriegswesen (6) – Könige, Fürsten, Priester, Sippen, Frauen (7) – Frauen im Kampf, heilige Frauen (8) – Götter (9) – Lose, Vorzeichen (10) – Ratsversammlung (11) – Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) – Wehrhaftmachung, Gefolge (13) – Gefolge im Krieg (14) – Fürsten und Gefolge im Frieden (15) – Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) – Kleidung (17) – Ehe (18) – Frauen und Kinder (19) – Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) – Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) – Leben im Hause, Trinkgelage (22) – Getränke, Speisen, Trunksucht (23) – Waffentänze, Würfelspiel (24) – Sklaven (25) – Ackerbau (26) – Bestattung; Übergang zum besonderen Teil (27).
Besonderer Teil / Die einzelnen Völkerschaften (28–46)
_Grenzvölker_ (28, 29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer, Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) – Germanen, die zu den Römern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29).
_West- und Nordwestgermanen_ (_Nicht-Sueben_, 30–37): Chatten (30, 31) – Usipier und Tenkterer (32) – Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) – Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) – Chauken (35) – Cherusker (36) – Kimbern, Kimbern- und spätere Germanenkriege (37).
_Sueben_ (38–45): Ihre Haartracht (38) – Semnonen (39) – Langobarden und Nerthusvölker (40) – Hermunduren (41) – Varisten, Markomannen und Quaden (42) – Ost- und Nordostgermanen (43, 44) – Ende der Welt, Ästier, Bernstein, Sitonen (45).
_Mischvölker im Osten_: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht mehr Germanen) und
_Fabelreich_: Hellusier und Oxionen (46).
ANMERKUNGEN DES ÜBERSETZERS
Was ist dieses Buch, gewöhnlich „Germania“ genannt, das die Insel-Bücherei hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift für den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk.
Eine Schilderung, und als solche das älteste Buch von den deutschen Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es so vieles weiß und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon früh, Griechen und Römer über die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der Insel „Thule“ (Island?) und an die Küste der Nordsee; die Nachrichten des Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die ältesten römischen Quellen sind spärlich auf uns gekommen. Erst Cäsars Kriege in Gallien und seine Aufzeichnungen darüber bringen größere Klarheit; deutlich sondern sie, zum erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im 104. Buch seiner Römischen Geschichte) finden konnte, ist längst verloren; verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus über die Germanenkriege und seine Fortsetzung durch den älteren Plinius. Erhalten aber des Plinius _Historia naturalis_, die Geschichte des Velleius Paterculus und die Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit sie in der vom Mittelalter aufgezeichneten _Tabula Peutingeriana_ nachwirkt.
Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten, Händler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der Wissenschaft unschätzbar geworden, zumal da es immer mehr durch fortgesetzte Forschungen und besonders Grabungen bestätigt wird. Aber auch jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer als Mensch, als Mann, als Künstler. Und die Größe seines Geistes und seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen haben als der bloße Inhalt.
Dennoch dankt man es wohl einem Bedürfnis des Tages. Es war im Jahre 98 nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie wollte zeigen, wer diese gefährlichsten Feinde Roms seien, und daß der Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und an nichts anderes; daß es insbesondere falsch sei, außer an den Schutz des Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man darf annehmen, daß der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die Schrift billigte.
Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch spricht viel für diese Annahme des großen Müllenhoff. Tacitus schildert nur – und schildert als Künstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des Volkes, dann, vom Nächsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in „romantische“ Ferne verlierend, seine einzelnen Stämme und Landschaften, bis er im Märchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, gerät. Jeder Absatz ist durch das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals siegen nüchterne Angaben über den beziehungsreichen Bildner des Werkes, über den Meister.
Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altrömischen Sinn. Dabei verbittert und ergrimmt über seine feile, alle Freiheit erdrückende Zeit, unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend und von jener Sehnsucht erfüllt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die Germanen herauf: darum schildert er dieses kühne, furchtbare und lichte Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und über kurz oder lang siegreiche Feinde sind. Denn das römische Reich, dem er angehört, steht vor dem Ende. Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben.
So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola verheiratet, hielt er sich während der Verfolgungen unter Domitian fern. Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben.
Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode hervortretend, mit dem _Dialog_ über die Redekunst und ihren Verfall. Es folgte die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters _Agricola_ und, noch im gleichen Jahre 98, die _Germania_. Dann die _Historien_, eine Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und die _Annalen_, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten beiden Werke sind nichts weniger als vollständig erhalten. In ihnen erst erschließt sich Tacitus ganz, „_le plus grand peintre de l’antiquité_“, wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist noch lange nicht vorüber. Freilich muß man, nach einer Anmerkung Lichtenbergs, „sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen“.
* * *
Die „Germania“ wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen, und bringt die „Germania“ und den „Dialog“ 1455 nach Italien. (Die Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster gefunden worden.) Später kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der Schrift lautet einmal „_De origine, situ, moribus ac populis Germanorum_“, ein andermal „_De origine et situ Germanorum_“. 1469 schon wird die „Germania“ gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Müllenhoff (_Germania antiqua_, 1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der Bearbeitung von Schwyzer (1912).
Diese unsere Übersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht von dem Künstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den Gehalt seines Wesens für Deutsche wieder lebendig zu machen.
Sie lehnt sich fast überall an den Text von Schweizer-Sidler an; die Deutung und namentlich die folgenden Erläuterungen beruhen (von anderen Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf der ausführlichen Erklärung der Germania, die Müllenhoff im 4. Band seiner Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen Übersetzungen wurden alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle neuen und neu aufgelegten; von älteren namentlich die von Bötticher und Bacmeister.
Den Herren Dr. Friedrich Löhr, Sekretär des Archäologischen Instituts in Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Münchner Universität, schuldet der Übersetzer für freundliche Ratschläge besonderen Dank.
ERLÄUTERUNGEN
_1_
Die römische Provinz _Rätien_ reicht nördlich bis zur Donau (Ries!), östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht genannt; weiter zwischen Donau und Save _Pannonien_. _Sarmater_ in Osteuropa, etwa von der Weichsel an, _Daker_ in Siebenbürgen. _Gebirge_ die Karpathen. _Ein Kriegszug_: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.? _Abnoba_ Schwarzwald.
_2_
Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig überzeugend. _Asien_, _Afrika_, _Italien_ die römischen Südprovinzen. _Tuisto_ (Zwist!) ist zweigeschlechtig, _Mannus_ Mann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen der _Marser_ (Merseburg) und _Gambrivier_ verschwinden bald; sind es, wie _Sueben_ und _Vandilier_ (Ostgermanen), Kultverbände? Die _Tungrer_ (Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch: „Rufer im Streit“ oder „Nachbarn“?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, mit anderen „Germanen“ über dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten sich dann wirklich so genannt (Müllenhoff). „Eine verzweifelte Stelle!“ (Grimm.)
_3_
_Herkules_ wohl _Donar_; _barditus_ ist nicht genügend erklärt. _Ulixes_ (Odysseus) der Schwanenritter? _Asciburgium_ Asberg bei Mörs im Rheinland. _Griechische Schrift_ verwenden die Kelten.
_5_
Tacitus selbst erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker (bei Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber waren auch die ältesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen Orten, die Sage!). Die erwähnten römischen Münzen, Silberdenare, wurden bis zum Jahre 54 v. Chr. geprägt; später hat sich der Feingehalt verschlechtert!
_6_
Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke, nicht vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde zuwenden würde. Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am linken Fuß (Schweizer-Sidler). Der _Keil_ kehrt seine Spitze dem Gegner zu.
_7_
_Könige_ und _Fürsten_ haben gleiche Befugnis, Fürst ist der König eines kleineren Gebietes. Der König wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewählt. Königtum und Fürstenherrschaft gehen geradezu ineinander über. Im Osten sind Könige häufiger. Der König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung mehrerer Heere wird ein König zum _dux_ gewählt (Müllenhoff).
_8_
_Die Brüste entblößend_: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehören. _Veleda_ zuletzt gefangen nach Rom gebracht. _Machten_ ... _Göttinnen_ wie die römischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten.
_9_
_Mercurius_ (besonders als Totenführer): Wotan (_dies Mercurii_ = _Wednesday_). Mars: Tiu, Ziu (_dies Martis_ = _Tuesday_). _Herkules_: Donar. Diese drei Götter nennt noch ein Taufgelöbnis des 8. Jahrh. _Isis_: vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen _Liburner_ hatten leichte Schiffe.
_10_
_Wilder Fruchtbaum_: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch Pferde auch bei Persern und Slaven.
_11_
_Nächte_ noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, _Fortnight_. _In Waffen_ noch jetzt „Spießbürger“. _Jeder_: Müllenhoff folgert aus dem grammatischen Sinn, daß nur _rex vel princeps_ reden durften, nicht jeder Teilnehmer. Aber jedesfalls _licet accusare_ usw. (Kap. 12).
_12_
_Am Körper Geschändete_: widernatürliche Männer, aber wohl auch „entehrte“ Frauen, für die sich Todesstrafe noch lange erhält. Dieses Versenken ist eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich. _Frevel – Schandtat_: das germanische Rechtsbewußtsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat, ohne List, leichter hin. _Die Fürsten bestimmt_ nämlich aus der Zahl der vorhandenen Fürsten. _Recht sprechen_ ist römische, nicht germanische Auffassung; nach dieser leitet der Fürst (später Gaugraf) nur die Volksverhandlung, der _Rat_ macht den Urteilsvorschlag, der _Beistand_ gibt das „Vollwort“: sie „finden“ das Recht, der entsendete Richter tut nur den Spruch.
_15_
_Brustschmuck_ (_phalerae_) ähnlich den Orden (oder wie Medaillons?). _Geld_: römische Kaiser (Caligula, Domitian) schließen um Geld mit den Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.
_16_
_Vielleicht_: in Wirklichkeit aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade wortreich und gewöhnlich.
_17_
_Kleid_ die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen, trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang herabwallende Kleidung bis zu den Füßen. Ihre _Kleidung_ läuft oben nicht in Ärmel aus wie in Rom. Die germanischen Männer wiederum hatten Ärmel, wenn auch kurze. Das Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz läßt die Brust zum Teil sichtbar werden.
_18_
_Umworben werden_ von den Familien der Mädchen. _Mitgift – Geschenke_: Tacitus merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt; _Mitgift_ ist der Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen für den Übergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln der _confarreatio_, der strengen altrömischen Ehe.
_19_
_Schauspiel_ das römische Theater mit seinem mehr als eindeutigen Getriebe.
_20_
Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.
_22_
_Eröffnet es noch_: die Römer halten sich selbst da zurück. Überhaupt ist in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel römischer Sitten (Passow). Die Römer stehen früh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen Tisch, dürfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor Abend trinken.
_23_
_Getränk_ Bier. _Ufergrenze_ wohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau dulden keinen Wein, weil die Händler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.
_25_
Tacitus denkt hier nur an die „Hintersassen“; es gibt aber auch Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der Freigelassenen in Rom.
_26_
_Besser verhütet_: Müllenhoff und Baumstark können diesen Satz nur durch Flüchtigkeit erklären. Die folgende Schilderung der Anbauverhältnisse, von allen Seiten her erläutert, ist nach Müllenhoff übersetzt. _Nicht in vier Zeiten_: sondern in Winter und Sommer. So zählen sie auch, also nach halben Jahren. Doch ist _Herbst_ ein altgermanisches Wort; nur brachte die Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.
_27_
Übergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.
_28_