Part 9
Insoweit spricht sich der Unterschied zwischen Thier und Pflanze, besonders bei den =höheren= Gattungen, =klar= aus. Die einzelnen Gattungen der Thiere lassen unter einander wohl einen bedeutenden =Unterschied= in der =Menge= der vorhandenen Vorstellungen und in dem =Einflusse=, welche dieselben auf dessen Thätigkeit im Verhältnisse zu den Eindrücken der Aussenwelt, d. i. auf dessen Triebe nehmen, gewahren, so dass bei den minderen Rangordnungen die Triebe mehr =blind= wirken, und sich hierin deren Entwicklung mehr dem Entwicklungsgange der Pflanze nähert, die Eindrücke von Aussen auch bei niederern Stufen mehr den bei dem Pflanzenleben Statt findenden Assimilirungs-Prozessen gleichen, bei den höheren Gattungen aber ein blosses Assimiliren ohne Empfindung =seltener= wird, allein =weiter= lässt sich der Unterschied nicht mehr verfolgen, immer bleibt aber =dieses= Merkmal wesentlich, dass dort, wo eine Funktion =gehemmt= oder =befriedigt= wird, somit bei allen Aeusserungen der Lebensthätigkeit, Empfindungen =möglich= sind, welches bei der Pflanze =niemals= der Fall ist. Das Thier wird daher in =allen= Anregungen von Aussen, d. h. so oft es angeregt wird, immer als =animalisches=, niemals als blos =organisches= Wesen angeregt.
Dagegen aber darf man nicht übersehen, dass bei dem Thiere jene Erscheinungen, welche schon in der frühesten Kindheit bei dem =Menschen= eintreten, wozu insbesondere die =Sprache=, und das Bestreben der Nachahmung nicht nur =fremder Thätigkeit=, sondern des =Erzeugens der Produkte fremder Thätigkeit= gehören, =mangeln=, und zwar die erste und letzte dieser Erscheinungen =gänzlich=, und auch die zweite derselben, nämlich das Nachmachen =fremder Thätigkeit=, ist nur bei sehr =wenig= Thieren, und auch bei diesen in einem sehr unvollkommenen Grade vorhanden. -- Das Kind, indem es sich hinsetzt, eine Feder ergreift und etwas auf dem Papier kritzelt -- wie es etwa den Vater schreiben gesehen hat, -- will nicht blos sich =so bewegen= wie der Vater, sondern es will dabei =schreiben=, kurz es sind bei dieser Nachahmung =Vorstellungen= thätig, von welchen bei dem Affen, welcher etwa das Auge an ein Fernrohr hält, =gar keine Spur= zu gewahren ist.
Alle jene Aeusserungen der Thierwelt, wodurch, wie man behauptet hat, sich eine =wirkliche Intelligenz= kund gibt, sind an und für sich sehr =problematisch=, und erhalten ihre scheinbare Evidenz gewöhnlich erst durch die =mangelhafte Beobachtung=, und durch die absichtlichen oder unabsichtlichen Zugaben des Erzählers. Man darf nur nie vergessen, dass wenn das Thier keine Intelligenz besitzt, es auch durch die Afterprodukte der Intelligenz, =Vorurtheile=, =Irrthum= und dergleichen, nicht =gestört= wird. Die zwischen Eindruck und Trieb liegenden Vorstellungen sind viel =weniger zahlreich= und intensiv, es empfängt daher den Eindruck viel =reiner=, und reproduzirt seine Vorstellungen viel =richtiger= als der Mensch, daher die Möglichkeit eines Irrthums in Folge einer irrigen Reproduktion in viel geringerem Grade vorhanden ist, als bei dem Menschen, welcher, wie wir später darthun werden, weit =mehr= als dies bei den Thieren der Fall ist, durch =Vorstellungen= angeregt wird, welche mit seinem Triebe in =keiner= unmittelbaren Verbindung stehen.
§. 13.
_d._ =Vernünftig sinnliche= (animalische) =Wesen=. Der =Mensch=.
Obgleich der Mensch mit dem Thiere das Merkmal gemein hat, dass auch bei ihm sich der sinnliche Eindruck zur =Vorstellung= gestaltet, und durch diese =Vermittlung= seine Thätigkeit anregt, so gewahren wir doch an ihm Erscheinungen, welche er mit =keinem= Thiere gemein hat. Diese sind die =Sprache=, die Bestimmung seiner Thätigkeit =nicht blos= nach seinen =Trieben=, sondern nach Produkten einer Kombinirung von Vorstellungen, d. i. nach =Begriffen=, endlich diejenigen Erscheinungen, welche wir unter dem Ausdrucke =Sittlichkeit= verstehen, nämlich als Funktionen betrachtet, =Gewissen=, =Willen= und (sittliches und religiöses) =Gefühl=, als äussere Thätigkeit betrachtet, sittliches und religiöses Handeln, =Moral= und =Religion=, und als allgemeine Anlage betrachtet, =Vernunft=.
§. 14.
Dass das Thier keine =Sprache=, d. i. nicht die Gabe besitzt, sich durch Zeichen, welche der Vorstellung entweder nur =in einzelnen Theilen= entsprechen, oder nur =konventionell= als derjenige Ausdruck angenommen sind, durch welchen =bestimmte Vorstellungen= oder bestimmte Begriffe angedeutet werden, verständlich zu machen, bedarf wohl keines Beweises. -- Das Thier drückt durch Laute höchstens die Empfindung aus, von welcher es im Augenblicke erregt wird, dort aber, wo es die menschliche Sprache zu verstehen =scheint=, sind ihm die Worte nichts weiter, als ein =Laut=, welcher das erste Glied eines ihm bekannten _nexus causalis_ darstellt. Wenn man dem Pudel zuruft: wie spricht der Hund! so bellt er nicht etwa =darum=, weil er die Frage =versteht=, sondern weil ihm bekannt wurde, dass wenn er =nicht= bellt, er Schläge bekommt, oder einen guten Bissen, =wenn= er bellte, und ihm dieser _nexus causalis_ nach und nach geläufig wurde.
Ein Hühnerhund, welcher Rebhühner sieht, wedelt mit dem Schweife, weil es ihm so eingeprügelt wurde, und weil es überhaupt in =seiner Natur liegt=, zu wedeln, nicht als =Zeichen=. Dass der Gesang der Vögel ein ganz =unwillkürliches= Vonsichgeben von Tönen sei, ist längst anerkannt.
§. 15.
Was die Erscheinung betrifft, dass der Mensch nach =Begriffen= handelt, so ist sie eben so unbezweifelt richtig. Wir =nennen= nämlich =Begriffe= solche Kombinationen von Vorstellungen, in welchen dasjenige, welches ein Individuum mit dem andern =gemein= hat, festgehalten wird, die =Unterscheidungsmerkmale= aber verschwinden.
Dass nun der Mensch wirklich nach solchen Vorstellungen der =Gattung handle=, denen unmittelbar keine reelle Erscheinung der Aussenwelt entspricht, ist eben so ungezweifelt wahr; -- denn wir sehen, dass der Mensch =urtheile=, d. i. durch Kombination mehrerer Vorstellungen eine ganz neue gewinnt und =schliesst=, d. i. aus mehreren Urtheilen wieder ein =neues= Urtheil über das Vorhandensein einer Thatsache in der Aussenwelt entwickelt.
Wenn man nun gleich nicht absolut die Unmöglichkeit behaupten kann, dass das Thier nicht auch Gattungsbegriffe entwickeln, und durch deren Kombination auch ein gewisses Urtheilen und Schliessen ausüben könne, so sind =für= diese Möglichkeit doch so wenig und nur so zweifelhafte Erscheinungen vorhanden, dass man selbst hierin noch einen unendlichen Unterschied zwischen dem am vollkommensten organisirten Thiere und einem Kinde von etwa zwei Jahren, oder einem geistig höchst verwahrlosten Menschen zu bemerken im Stande ist, so dass man das Vermögen, =Begriffe= zu bilden, und =darnach seine Thätigkeit zu entwickeln=, immer noch als eine Eigenthümlichkeit der =menschlichen= Natur erklären muss.
§. 16.
Das neugeborne Kind zeigt weder =Sprache= noch =Begriffe= noch =Sittlichkeit=, sondern es ist ein blos =passives= Wesen, welches Eindrücke =empfängt=, und seine Lebensthätigkeit dadurch gewahren lässt, dass es bei erhaltenen Eindrücken, wenn sie der Individualität seines Lebens nicht entsprechen, Laute des =Schmerzes= von sich gibt. -- Bald aber steigert sich diese nur passive Thätigkeit zu einer =aktiven=, und wir =gewahren= nun =deutlich=, dass es nicht blos =vegetire=, sondern in die Reihe der animalischen Wesen gehöre.
Die =Sprache= ist in dem Zustande, in welchem =wir= uns derzeit befinden, bereits ein =Gegebenes=, doch können wir aus der Art und Weise, wie Kinder sich entwickeln, wenigstens bis auf einen =gewissen= Grad, auf die Art und Weise schliessen, wie sich die Sprache überhaupt =entwickelt= habe, denn jedes Kind bildet sich wenigstens bei Gegenständen, welche ihm besonders auffallen, und bei welchen es die sprachübliche Bezeichnung nicht sogleich erfährt oder wieder vergisst, seine =eigene= Bezeichnungsweise.
Es =ahmt= den Laut nach, den das Thier, was es sieht, von sich gibt, hält die Hände an den Kopf, wenn es z. B. einen Bock bezeichnen will u. s. w.
Dies setzt nun als nothwendige Bedingung voraus, dass es bereits Begriffe, d. h. Merkmale aufgefasst habe, welche einer =Gattung=, z. B. der der Thiere, im Allgemeinen zukommen, und dass es durch diese Angabe des individuellen =Unterschiedes= das Individuum bezeichnen will.
=Sprache= ist daher ohne Begriffsbildung =unmöglich=, so wie der =Ausdruck= derjenigen Vorstellung, welche wir =Begriffe= nennen, auf keine andere Art, als eben nur durch Sprache =möglich= ist, denn obwohl es nicht zweifelhaft sein kann, dass die Begriffsbildung früher vorhanden sein muss, als der Ausdruck durch Sprache Statt finden kann, so setzen sich doch beide zu ihrer Entwicklung nothwendig voraus, so dass es in der That nicht möglich ist, zu =unterscheiden=, welche von beiden Thätigkeiten sich früher =entwickle=, da ohne Sprache sich nur wenige Begriffe und diese nur sehr unvollkommen bilden können, wie wir dieses bei sehr =rohen= Völkern gewahren, und bei sehr =wenig= Begriffen die Sprache immer auf einer sehr geringen Entwicklungsstufe bleiben wird, wie wir dieses bei Menschen gewahren, welche einen ziemlichen Grad blödsinnig sind.
§. 17.
Was die =sittliche Anlage= betrifft, so wäre es wohl das Einfachste, sich auf die eigene Erfahrung eines jeden verehrten Lesers und auf das Zeugniss der Weltgeschichte zu berufen, welche Beispiele von sittlichen, d. i. solchen Handlungen in Menge liefert, welche sich nur durch die Voraussetzung dieser Anlagen des Menschen erklären lassen; allein diese Argumentation genügt nicht zu dem Zwecke dieses Aufsatzes, welcher die Aufgabe verfolgt, durch Anführung von solchen Thatsachen, welche Jedermann so nahe stehen, dass sie Jeden auch zur =unmittelbaren Anschauung= Desjenigen führen, was hier nachgewiesen werden soll, zu wenig, um dabei stehen bleiben zu können, ein richtiges Verständniss herbeizuführen.
Weit näher als diese übrigens =unbezweifelte= Wahrheit liegt für den Zweck dieses Aufsatzes die Betrachtung, dass jeder Mensch, selbst der unsittlich Handelnde, selbst das kaum noch zum animalischen Leben recht erwachte Kind seine Thätigkeit in der Art entwickelt, dass man einerseits das Bestreben wahrnimmt, ohne =physische Nöthigung= seine Thätigkeit zu äussern, anderseits das Bestreben in seiner Thätigkeit gewahrt, =einer fremden Autorität zu folgen=.
Der erste dieser Sätze bedarf keines Beweises, da es Jedermann bekannt ist, dass schon die kleinsten Kinder, und zwar diejenigen, welche viele geistige Anlagen haben, nicht am wenigsten =eigensinnig= sind; der zweite ist eben so bekannt, nur wird er nicht immer so klar =ausgesprochen=, er ist aber durchaus =wahr=, denn es ist bekannt, dass die sich entwickelnden Kinder den Worten ihrer Eltern =mehr= zutrauen, als ihren =eigenen Sinnen=, dass rohe oder schwachsinnige Leute eben so, gegen ihr eigenes Urtheil dem Willen anderer, welche eine gewisse Macht über sie ausüben, sich unterwerfen, und dass Leute von hellem Geiste nach =Grundsätzen handeln=; und was sind Grundsätze wohl anders, als die als wahr angenommenen Aussprüche einer =Autorität=, sei es nun die Autorität des =Lehrmeisters= oder die Autorität der =eigenen Erfahrung=, denn auch die Annahme, dass die Ergebnisse der eigenen Erfahrung =wahr=, d. h. der Objektivität der äusseren Erscheinungen entsprechend seien, setzt voraus, dass man diese Erfahrungen, und diejenige Funktion, welche daraus gewisse Folgerungen ableitet, als etwas =absolut Richtiges= genommen hat.
Dieses Erkennen und Annehmen =einer Autorität= ist es daher, welches den Beweis liefert, dass der Mensch das =unabweisbare= Bedürfniss habe, ein =Drittes=, welches weder in seinen =eigenen Funktionen=, noch in den ihn umgebenden =Erscheinungen= liegt, als das eigentliche =Prinzip= anzunehmen, welches seine Thätigkeit zu =leiten= bestimmt ist, und jeder Bestimmung seiner Thätigkeit zu =widerstreben=, welche =nicht= von diesem =Prinzipe= ausgeht.
Dieses Prinzip wirkt sonach in keiner Art =nöthigend= auf seine Thätigkeit, sondern der Mensch empfindet nur dann die seinem innersten Wesen entsprechenden Lebensgefühle, wenn er ohne allen Zwang seine Thätigkeit so äussert, wie es der =Autorität= entspricht, unter deren Einfluss er sich befindet.
Hieraus folgt nun, dass =Freiheit=, d. i. die Entwicklung seiner Thätigkeit ohne physischen Zwang, und zugleich das =Bedürfniss=, einer =höheren Autorität= zu gehorchen, -- ein Bedürfniss, welchem in der höheren Entwicklung des Menschen die =Religion= entspricht, das eigentliche =Element= der =menschlichen= Thätigkeit sei, ein Element, welches in der =Thierwelt= auch nicht einmal dem =Grade= nach vorkommt, sondern eben darum, weil es =Begriffe und Sprache= nothwendig voraussetzt, bei der Thierwelt gänzlich =mangelt=, oder höchstens in einer Art von =Analogie= vorkommt, in welcher der Hund den Menschen folgt und seinem Winke gehorcht, weil er durch den Einfluss des menschlichen Organismus auf den hundischen =physisch genöthigt= ist, diesem Einflusse zu gehorchen.
Es mag immerhin Fälle geben, wo der =eine= Mensch durch seinen überlegenen physischen und psychischen =Organismus= einen ähnlichen Einfluss auf =andere= Menschen ausübt, -- allein man übersehe dann auch nicht die andere Erscheinung, welche damit verbunden ist. Die Menschen werden ihm folgen, allein mit innerem =Widerstreben=, wie der Hund knurrend seinem Herrn folgt, wenn er ihn gegen seine Neigung ruft, denn sie fühlen, dass sie nicht =frei= sind, und werden ihre Freiheit wieder gewinnen, wenn die Uebermacht des Organismus, welcher sie leitete, gebrochen ist.
Ganz anders stellt sich die psychische Erscheinung in dem Falle dar, wo der Mensch seine Thätigkeit demjenigen Prinzipe gemäss entwickelt, welches wir das =Sittliche= nennen. Hier mangelt jede =physische= Nöthigung, und daher ist auch die Erscheinung, dass Jemand mit =innerem Widerstreben= sittlich handelt, undenkbar. -- Es gibt Fälle, wo die sittliche Handlung mit dem herbsten physischen oder geistigen Schmerze verbunden ist, allein das Gefühl, das gegen sein =inneres= Streben Bestimmtwerden, ist mit jeder sittlichen Handlung =unvereinbar=, wohl aber =kann= das Gegentheil, dass man mit innerem =Widerstreben unsittlich= handelt, eintreten, und tritt auch häufig ein, wie manche Arten von Erfahrungen, insbesondere die gerichtlichen, zur Genüge lehren; denn Niemanden wird die Thatsache unbekannt sein, dass selten Jemand eine verbrecherische Laufbahn mit grossen Verbrechen =beginnt=, sondern die ersten bösen Handlungen sind meistens =minder= erheblich, oder wenn mit =grösseren= Verbrechen von einem Individuum =begonnen= wird, so sind meistens solche Umstände vorhanden, welche auf die Bestimmung desselben zu der verbrecherischen That einen mächtigen =sinnlichen= Einfluss, und daher wenigstens eine Art von physischer Nöthigung ausüben[15].
[15] Ein Fall dieser Art ereignete sich vor einigen Jahren, wo ein sonst unbescholtener Bursche eine Uhr stehlen wollte; er wurde dabei ertappt, und wusste sich im Augenblicke nicht anders zu helfen, als den Anderen todt zu schlagen; ein gewandter Dieb würde sich wahrscheinlich anders aus der Sache gezogen haben.
§. 18.
Wenn wir jedoch uns nicht verbergen können, dass das Unterwerfen der Thätigkeit unter eine, von dem handelnden Menschen unabhängige, Autorität, dem Menschen angeboren, und dieses Bedürfniss ein mit =allen seinen Thätigkeiten= innigst verbundener Theil seines Wesens ist, so können wir uns doch auch die Ueberzeugung verschaffen, dass es gar keine =äussere= Erscheinung gibt, welche einen solchen Einfluss ausübte, dass sich =alle= Menschen derselben unterwerfen =müssten=, oder dass es auch nur =dem einzelnen Menschen unmöglich= wäre, sich derselben zu entziehen. Dennoch aber lehrt uns sowohl der Blick in unser eigenes Leben, als in das Leben der anderen Menschen, dass es in demjenigen Prinzipe, welches wir als eine Autorität anerkennen, welche unbedingte Unterwerfung fordert, =einen= Vereinigungspunkt gebe, welcher in =jeder= Autorität, welcher wir freiwillig zu folgen uns =bleibend= entschliessen können, aufzufinden ist, dieser Vereinigungspunkt ist die Idee des =Sittlichen= -- und in der That kann eine Autorität nur dann bleibend, auf den Menschen im =Allgemeinen= nur insoferne einwirken, als sie die Idee des Sittlichen, d. i. einer höheren, in der physischen Welt nicht sich aussprechenden =Weltordnung= darstellt.
Kein =Volk=, selbst kein =einzelner Mensch= ist ohne =alle= Religion, der einzelne Mensch kann =irreligiös handeln=, allein indem er es thut, fühlt er ein =Unbehagen=, das =Gewissen= regt sich, oder er =betäubt= sich, sei es nun durch physische =Genüsse=, =oder= durch das =Laster selbst=, ein Zustand, welchen man jedoch sehr irrig mit dem Ausdrucke bezeichnet, der Mensch sei zum =Thiere= herabgesunken, denn der Zustand des Thieres ist ein vollkommen =normaler= Zustand, jener des Menschen aber ist ein seinem eigenthümlichen Wesen vollkommen =entgegengesetzter=, somit nicht normaler Zustand, welcher mit einer am =Ende sichtbar= werdenden =Störung= seines Wesens enden muss, eine Folge, welche das Laster in mancherlei Gestalten, wie die Erfahrung lehrt, nicht selten begleitet, und sich dadurch kund gibt, dass die lange unterdrückte =Reue= endlich durchbricht, und =geistige Störungen= im Gefolge hat, oder dass die =physische= Natur der fortwährenden =Betäubung= endlich =unterliegt=, ohne dass dieses Unterliegen lediglich aus den physischen =Folgen= des Lasters immer erklärt werden kann.
§. 19.
So verschieden auch die Sitten und Lebensweisen der einzelnen Menschen und Völker sind, so stimmen doch alle darin =überein=, dass gewisse =Handlungen= des Menschen, sofern sie ein Ausdruck einer gewissen =Gesinnung= sind, =geachtet=, andere aber, eben weil sich eine =gewisse= Gesinnung darin ausspricht, =verachtet= werden, und zwar liegt die =verachtete= Gesinnung darin, dass der Mensch einen =augenblicklichen= Vortheil oder Nachtheil =höher= hält, oder doch zu =halten scheint=, als ein gewisses =Prinzip=, welches ihm =in diesem= Augenblicke wenigstens =keinen= Vortheil gewährt. Diese Ansicht liegt dem Begriffe der Ehre, so wie jenem der =Tugend= zu Grunde, nur in dem Prinzipe sind beide Begriffe verschieden, indem der Begriff von Ehre ein =äusseres= Verhalten in sich begreift, jenes der =Tugend= aber eine =innere= Stimmung ausdrückt, welcher kein äusserer Zustand geopfert werden darf.
§. 20.
In dem Zustande, in welchem =wir= leben, ist diejenige Form, in welcher wir die Sittlichkeit zu üben haben, so wie die Sprache, ein bereits =Gegebenes=, wir brauchen nicht mehr erst zu =erfinden=, wie wir unsere Thätigkeit zu äussern haben, damit sie auch sittlich sei, sondern Religion und Offenbarung entheben uns des Bestrebens, erst durch eigene Erfahrung darauf zu kommen, ob irgend eine Handlung sittlich sei oder nicht. Würde dieses glückliche Ereigniss für uns nicht vorhanden sein, so müsste wahrscheinlich jeder Mensch erst eine ungeheure Irrfahrt durch die Pfade des Lasters machen, ehe er dahin käme, zu wissen, was er eigentlich hätte thun sollen, und es bliebe dann mehr als zweifelhaft, ob das kurze menschliche Leben hinreichte, ihn aus dem Schlamme der Sinnlichkeit, in welchen er durch sein =unklares= Ringen nach einer seiner wahren Natur entsprechenden Thätigkeit versunken wäre, wieder zu erheben.
Dieser Fall tritt aber glücklicher Weise für uns nicht ein, sondern jeder erhält wenigstens =einige= Begriffe von dem, was er als sittlich zu betrachten hat, bereits in =klaren Worten= ausgesprochen von anderen Menschen mitgetheilt.
Ungeachtet dieses Umstandes können wir doch durch Beobachtung des kindlichen Alters uns eine ziemlich deutliche Anschauung von der Art und Weise verschaffen, wie die menschliche Natur die Anlage zur Sittlichkeit allmälig entwickle.
Das Kind ist, wenn es diese Welt betritt, ein scheinbar blos passives Wesen. Erst allmälig zeigt es, besonders bei schmerzhaften Eindrücken, Empfindungen, welche, wie bei dem Thiere, reproduzirt werden, und, wie man aus manchen unzweideutigen Erscheinungen schliessen muss, bei demselben eine anfangs undeutliche, jedoch immer klarer werdende Auffassung des Causalnexus zur Folge haben.
Das Kind, indem es einen äusseren Eindruck auffasst, kann ihn aber nicht anders als so auffassen, wie es ihm (dem Kinde) nach seiner Individualität, und daher nach der durch vorausgegangene Eindrücke bedingten Modifikation (Stimmung) seiner Lebensthätigkeit möglich ist, d. h. jeder Eindruck kann sich nur im Wege der Reproduktionsthätigkeit mit =jenen= Vorstellungen verbinden, welche bereits =vorhanden= waren.
Die ersten Vorstellungen, welche das Kind nun erhält, sind jene der =eigenen Empfindung=; diese werden sich daher mit allen Eindrücken verbinden, welche es erfährt, es wird daher diese Art Vorstellungen auf alle Gegenstände der Aussenwelt zu übertragen sich genöthigt finden, wodurch bei dem Kinde jene Erscheinung bedingt wird, welche wir wirklich gewahren, nämlich, dass dem Kinde alles =lebt=, d. i. nach seiner Vorstellung eben so Empfindung hat, wie das Kind selbst, denn die erste Empfindung ist die des eigenen Lebens.
Diese Erscheinung muss nun wohl auch bei dem =Thiere= eintreten, und tritt wohl auch ein, denn wir sehen, dass ein Hund einen Stock, an welchen er sich stösst, beisst, so wie das Kind den =Stuhl schlägt=, an dem es sich wehegethan hat; -- allein da der Organismus des Kindes zur Aufnahme =mehrerer= und =lebhafterer= Eindrücke geeignet, und dadurch eine weit umfassendere Reproduktion in der Vorstellungsthätigkeit bedingt ist, als beim Thiere, so tritt diese Erscheinung viel entschiedener hervor, als man dieses beim Thiere zu gewahren vermag.
Hiedurch ist nun offenbar eine viel öftere und lebhaftere Aeusserung der sympathetischen Triebe bedingt.
Dennoch kann es nicht fehlen, dass manche Eindrücke, z. B. jene, welche Zorn u. dgl. hervorbringen, von der Art sein werden, dass sie eine Anregung enthalten, =gegen= die sympathetischen Triebe zu handeln. -- Das Kind folgt diesem Eindrucke, und handelt wirklich =gegen= den sympathetischen Trieb, -- welcher dadurch auf einen Augenblick unterdrückt, sonach mit desto grösserer Stärke hervortritt; hiedurch wird nun das Kind jene Empfindung gewahren, welche mit der =Reue= beinahe identisch ist.
Aehnliches findet sich nun wohl auch bei =Thieren=, allein bei dem Kinde tritt hier noch ein Moment hinzu, der bei dem Thiere fehlt: dasjenige, was es empfindet, wird ihm durch seine Eltern etc. klar gemacht, so dass es zu dem =Begriff= gelangt, dass es etwas gethan habe, was es nicht hätte thun sollen, und dass das hiedurch entstandene unangenehme Gefühl der Reue eine Folge dessen sei, weil es einem augenblicklichen Eindruck gegen ein in ihm sich äussernden Gefühl gefolgt ist.
Von dieser Wahrnehmung ist allerdings noch ein unendlich weiter Schritt zur Auffassung des =sittlichen= Verhältnisses, denn kein einziges der, auf dem ihm bisher einzig nur möglichen Weg des sinnlichen Empfindens erlangten, Gefühle ist von der Art, dass es für sich allein zur Auffassung des Sittengesetzes führen könnte, allein hier kommt die bereits berührte Thatsache zu Hilfe, dass der Mensch das Bedürfniss fühlt, sich einer =Autorität= in seiner Thätigkeit zu unterwerfen.
Dass seine Thätigkeit eine =freie= sei, erfährt das Kind bei der ersten Empfindung der =Reue=, denn es empfindet dabei, dass es ihm möglich gewesen wäre, einer anderen Vorstellung als jener zu folgen, zu welcher es derjenige äussere Eindruck, dem es sich hingab, bestimmt hat. -- Es wird aber diese Empfindung in einem noch =höheren= Grade gewahren, wenn es jener Autorität =entgegenhandelt=, welche es anzuerkennen sich gedrungen fühlt.
Diese Autorität, nämlich jene der Eltern und Lehrer, wirkt nun auf dasselbe nicht blos als =unmittelbar= bestimmend, -- sondern vielfältig in der Art, dass dem Kinde gesagt wird: dies musst du thun, oder dies darfst du nicht thun, weil es überhaupt auch für =uns= (die Eltern) =selbst= geboten oder verboten ist.