Part 8
Eben so gibt es Gemüthsstimmungen, welche an und für sich =nicht= unnatürlich, sondern im Gegentheile gerade das Produkt einer Thätigkeit des Geistes sind, die für den Menschen sehr =ehrenvoll= ist, dabei aber ihn zu äusseren Thätigkeiten veranlassen, welche für den Dritten, welcher von dem, welches in dem Innern des Erstern vorgeht, keine Ahnung hat, wie ein Produkt des Wahnsinnes erscheinen. -- So soll Ritter _Gluck_, als er auf freiem Felde den Furientanz zur „Iphigenia auf Tauris” komponirte, von einigen Bauern eingefangen und auf das Amthaus geführt worden sein, weil er während des Komponirens taktmässige Sprünge machte.
Was =Laune= vermag, ist so ziemlich allgemein bekannt. Es ist dies der Zustand, in welchem den Menschen die Lust anwandelt, sich in dem Diorama seiner Phantasiegemälde einmal =wirklich= zu ergehen. Ich kannte persönlich einen jungen Mann, welcher, als ihm von seinen Eltern eine Parthie Kerzen geschickt wurden, die ihm zu seinen winterlichen Studien dienen sollten, nichts Eiligeres zu thun hatte, als die Läden zu schliessen und sich mit Verwendung des ganzen Vorrathes eine splendide Beleuchtung zu verschaffen. Der junge Mann war übrigens in seinem Fache ausgezeichnet, und nichts weniger als geisteszerrüttet.
Die Regel bleibt jedoch immer, dass der Mensch dasjenige, welches er gethan hat oder thun werde, auch beschlossen habe oder beschliessen werde, dass er daher für alle ihm möglicher Weise erkennbaren Folgen seiner Handlungen verantwortlich, und wo ein Strafgesetz auf eine solche Folge eine Strafe setzt, auch strafbar bleibe. -- Hat ein Mensch keine Handlung begangen, welche in diese Kategorie gehört, so ist -- sein Geisteszustand mag wie immer beschaffen sein -- von einer strafrechtlichen Untersuchung und daher auch von keiner Erhebung des Irrsinnes im Wege des Strafverfahrens die Rede; erst wenn er eine solche Handlung begangen hat, tritt das Strafverfahren ein, und dieses wird zum Zwecke haben, zu erheben, ob er dasjenige, welches er =gethan=, auch beschlossen, oder aber aus =bösem Vorsatze= gehandelt habe.
Obwohl nun die Rechtsverletzung, welche der Mensch begangen hat, schon an und für sich eine Irregulärität, nämlich eine Abweichung von den Regeln der Sittlichkeit oder des Rechtes ist, denen er als vernünftiger Mensch gehorchen soll, so wird hierdurch die Voraussetzung, dass ein Mensch aus bösem Vorsatze, und daher strafbar, gehandelt habe, nicht ausgeschlossen.
Von der andern Seite lässt sich nicht verkennen, dass eine irreguläre Thätigkeit im Aeussern auch durch eine Irregulärität der =innern= Funktionen entstanden sein kann. Wo also diese Möglichkeit des Ursprunges einer äusseren irregulären Thätigkeit durch eine irreguläre innere Funktion nicht schon durch die richterliche Erfahrung sogleich von selbst =zerfällt=, muss das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein dieses letzten Umstandes =besonders= nachgewiesen werden.
Es ist daher im Strafrechte gerade das Verhältniss zwischen der =inneren= zur =äusseren= Thätigkeit, welches durch die gerichtliche Erhebung =ausgemittelt=, und dadurch richtiggestellt werden muss, ob die in Frage stehende irreguläre äussere Thätigkeit =nur= durch die Irregulärität im =Innern= veranlasst sei, oder von welchem Einflusse die sonstigen nicht normalen inneren Thätigkeiten des Menschen darauf gewesen sind.
Der Umstand, dass von Jemand wegen Störungen im Innern schädliche Handlungen zu =besorgen= sind, gehört nicht in das =Strafrecht=.
§. 9.
Um nun hier nicht irre zu gehen, und sich nicht durch eine Aufstellung verschiedener Begriffe Missverständnisse zu bereiten, muss man sich vor Allem klar machen, was man sich unter den =inneren Funktionen= eigentlich denke, denn wenn der eine etwa unter Vernunft dasjenige sich denkt, was der andere Verstand nennt u. s. w., so kann man unmöglich zurecht kommen.
Ueberhaupt haben die Benennungen der Schule den Nachtheil, dass man sehr leicht verführt wird zu vergessen, dass sie eben nur =Benennungen=, und insofern nichts Reelles sind. -- Man spricht von Gedächtniss, Einbildungskraft etc., vergisst aber dabei, dass diese Eintheilung doch nur von gewissen wahrgenommenen Thätigkeiten =abstrahirt=, nicht aber durch =eigene= Wahrnehmungen in der Art gewonnen sind, als ob man die Funktion =wirklich= gesehen hätte.
Bei der Unmöglichkeit, in die Tiefen des menschlichen Geistes, und überhaupt in das Innere der schaffenden Natur einzudringen, kann ein, blos aus der =Zusammenstellung von Definitionen= gewonnenes Urtheil eben so unrichtig sein, als wenn man von einer Maschine, welche in einem Kasten so verschlossen ist, dass man nur hie und da ein Kammrad, dort ein Zahnrad oder eine Schraube erblickt, während die bewegende Kraft unsichtbar bleibt, ihre Thätigkeiten nach Aussen in der Art so eintheilen wollte, dass man sagte, dies ist ein Produkt des Zahnrades, dies des Kammrades u. s. w. Es ist falsch, denn alles ist nur Produkt =der bewegenden Kraft=, =modifizirt= durch die Räder, die zunächst nach Aussen wirken, aber auch =diese= Wirkung nicht ohne Hilfe der =übrigen= Räder äussern würden.
Die Funktion des Gedächtnisses setzt eben so jene der Einbildungskraft etc. voraus, als die Bewegung des =Stundenzeigers= bei einer Uhr das Rad voraussetzt, welches den Minutenzeiger treibt. -- Was ist aber eine Maschine, im Vergleiche mit dem Körper des Menschen, und was ist die Zusammensetzung einer Maschine im Vergleiche mit der Genesis und der Entwicklung der unbedeutendsten Pflanze, wie erst mit jener des Menschen!
Definitionen sind in jeder Wissenschaft unentbehrlich, weil man ohne sie keine grössere Zahl von Erscheinungen übersehen kann, zu einem =Mehreren=, nämlich zu einer Benützung als etwas =Selbstständigen= sind sie in dem Masse =weniger= tauglich, als es sich um die =empirische= Anwendung handelt. Der Jurist kann und muss sich an Definitionen halten, denn er muss die Gerechtigkeit handhaben, d. h. sorgen, dass keine Ungerechtigkeit begangen wird. Eine Ungerechtigkeit ist aber bei bestehenden =positiven= Gesetzen =nur= dasjenige, welches gegen den =ausdrücklichen Inhalt der Gesetze verstösst=.
Dem Richter ist daher das =Gesetz= die =Grundlage= seiner Wirksamkeit, und die Thatsachen sind das =Zufällige=, was ihn nur insofern berührt, als richtiggestellt werden kann, dass dieses =Zufällige= die Merkmale habe, welche sich unter das positive Gesetz subsummiren lassen.
Ganz anders ist die Stellung des Arztes oder eines anderen eine praktische Wissenschaft Uebenden. -- Der =Arzt= behandelt nicht deswegen einen =Kranken= auf diese und keine andere Weise, weil ihn seine =Wissenschaft= zur Behandlung auffordert und ihm diese oder jene Behandlungsweise =vorschreibt=, sondern weil eine =Krankheit vorhanden=, und ihm keine =zweckmässigere= Art und Weise der Behandlung bekannt ist die Krankheit zu heilen, als jene, welche ihm die Wissenschaft lehrte. Hat ein Arzt durch gemachte Erfahrungen, oder sonst auf irgend eine Weise die Ueberzeugung erlangt, dass eine andere, als die von der Wissenschaft als die richtige gelehrte Behandlungsweise =zweckmässiger= sei, so wird er mit vollem Rechte diese =letztere= anwenden, und eben so wird er sich dadurch, dass etwa die in Behandlung stehende Krankheit alle Merkmale habe, welche etwa in der wissenschaftlichen Definition in Bezug auf eine gewisse Krankheitsform enthalten sind, nicht irre machen lassen, und seine Behandlungsart ganz anders einrichten, als es das Lehrbuch vorschreibt, wenn er sich von der Mangelhaftigkeit des Systems überzeugt hat.
Der Arzt hat also kein =anderes= Gesetzbuch, als die =Natur=, in =dieser= muss er zu lesen verstehen, oder seine Bestimmung ist verfehlt, und da die Natur ihre Produktionen nach einem =unendlichen= Plane erzeugt, daher nicht nach =bestimmten Kategorien= arbeitet, so sind für den Arzt Definitionen nichts weiter als =gewisse Merkzeichen=, die er sich in das Buch der Natur einlegt, um zu wissen, =wie weit er gelesen hat=, die aber bei fortgesetztem Studium nothwendig auch ihre Bedeutung verlieren.
Da nun Definitionen in dem medizinischen Studium überhaupt weder =vollständig=, noch von =besonderem Werthe= in der =Anwendung= sein werden, in dem Falle aber, wo es sich um die Anwendung medizinischer Erfahrungen auf =Gesetze=, somit gerade =auf Definitionen= handelt, sich doch die Nothwendigkeit ergibt, diese Erfahrungen in einer Art auszudrücken, womit dieselben mit den gesetzlichen Definitionen in =Verbindung= gebracht werden können, und diese Nothwendigkeit insbesondere dort, wo es sich um Beurtheilung des Irrsinns in gerichtlichen Fällen handelt, im hohen Grade vorhanden ist, so bleibt nichts übrig, als die Natur mit dem Bestreben zu betrachten, gewisse =Momente= zu erhaschen, welche sich mit einem solchen =Ausdrucke= wiedergeben lassen, dass darauf die =gesetzlichen= Definitionen entweder unmittelbar angewendet werden können, oder man doch durch Vermittlung dieser Momente zwischen den minder definirbaren Momenten der Naturproduktion, und den gesetzlichen Definitionen =Anhaltspunkte= zu gewinnen im Stande ist.
§. 10.
Wenn wir nun die uns umgebende Natur mit dem Bestreben betrachten, nach dem Verhältnisse der einzelnen Gegenstände zur Aussenwelt eine Eintheilung dieser Gegenstände zu treffen, so gewahren wir, zwar nicht im Allgemeinen scharf gesondert, aber doch im Vergleiche einzelner Gegenstände mit anderen, folgende Abstufungen:
_a._ =Unorganische Körper.= Das Verhältniss, in welchem sich gewisse Körper zur Aussenwelt befinden, ist nämlich in der Art gestaltet, dass jede uns bemerkbare Einwirkung der Aussenwelt sich an denselben dadurch darstellt, dass sie die =Form= solcher Körper ganz oder zum Theile =vernichtet=. -- Z. B. aus einem Würfel werden zwei Polygone, oder aus einem Stück Eisen wird Eisenoker -- somit ist die vorige Form vernichtet. Diese Körper geben den Begriff der Materie, welche die alte Schule in vier Elemente theilte. Wo jedoch kein =Vernichten= der Form eintritt, dort gewahren wir auch =gar keine= Einwirkung durch die Aussenwelt.
_b._ =Organische Wesen.= Die =Pflanzen=. Auch hier ist die Materie der Hauptbestandtheil, auch hier tritt bei vielen Eindrücken der Aussenwelt eine Vernichtung der Form, oder gar keine Spur eines Eindruckes ein, bei gewissen Eindrücken findet aber nur eine =Veränderung= der Form, =ohne= Aufhebung derselben Statt. Die Pflanze =wächst=, wenn sie begossen wird, sie hört aber, obwohl sie dadurch eine =Veränderung= in ihrer Form erleidet, nicht auf, dieselbe =Species= einer Pflanze zu bleiben, zu welcher sie früher gehörte. Hier ist daher nicht mehr ein blos passives =Zerstörtwerden= durch die Aussenwelt, sondern ein aktives =Reagiren=, wenigstens gegen gewisse Eindrücke bemerkbar, es ist eine =Veränderung durch Assimilirung= zu gewahren, die in der vorigen Klasse gänzlich mangelt.
_c._ =Animalische Wesen.= Die Erscheinungen der beiden vorigen Gattungen sind vorhanden, ausserdem bewirken Eindrücke =gewisser= Gattung auch noch die besondere Erscheinung, dass durch den Eindruck eine Thätigkeit entsteht, welche wohl dem Verhältnisse entspricht, in welchem sich der Eindruck machende Gegenstand zu dem Individuum nach dessen eigenthümlicher Beschaffenheit befindet, ohne deswegen eine =unmittelbare= Folge des Eindruckes zu sein. -- Das vom Feuer beschädigte Thier verbrennt nicht, es =flieht= aber das Feuer. Es übt daher eine Thätigkeit, welche nicht aus der Berührung des Feuers =folgt=, sondern lediglich dem =Eindrucke= entspricht, welchen das Feuer auf dessen =Individualität= gemacht hat. Diese Verbindung zwischen Eindruck und Thätigkeit können wir daher nach dieser Wahrnehmung, und nach der Analogie unserer eigenen Erfahrungen an uns selber, nicht anders bezeichnen, als mit einem =Bewusstwerden= der, durch den äusseren Eindruck in dem Individuum hervorgebrachten =Veränderung=, mit einem Worte, durch das Eintreten der =Empfindung des Erregtseins=, d. h. einer durch einen äusseren Eindruck hervorgebrachten =Veränderung= in seinem =Gesammtleben=, es mag diese Veränderung nun wie z. B. ein Brandmahl Jedermann bemerklich sein, oder nur darin bestehen, dass irgend ein Glied desselben mehr, als es früher der Fall war, und auch nur eine Sekunde lang, erhitzt ist.
Dies Vorhandensein einer Empfindung lässt daher =zwei= Momente unterscheiden, nämlich das =Erregtsein= des Individuums, und die =Vorstellung= des Erregtseins, d. i. das =Bewusstsein= der Nothwendigkeit, sich entweder dem Eindrucke =hinzugeben=, oder sich demselben zu =entziehen=, denn die Beobachtung lehrt uns, dass, wo ein Erregtsein =ohne= Vorstellung Statt findet, z. B. bei der ordnungsmässig vor sich gehenden Funktion des Athmens, des Verdauens etc., obgleich diese Funktion immer mit äusseren Eindrücken, z. B. mit dem Einwirken der Luft, mit den genossenen Nahrungsmitteln etc. in Verbindung steht, auch =keine= Empfindung davon da ist, und nur dann, wenn die Vorstellung einer Hemmung, oder einer besondern Befriedigung eintritt, diese Thätigkeit erst =empfunden= wird.
Je grösser die Kapazität eines animalischen Wesens für Empfindungen ist, auf einer desto höheren Stufe in der Rangordnung der thierischen Wesen befindet sich dasselbe, oder richtiger zu sagen, wir gewahren bei Thieren, welche in ihrer Thätigkeit sich dadurch von dem Pflanzenleben =entfernen=, dass wir ihnen die Fähigkeit zuerkennen müssen, sich =mehr= nach Vorstellungen zu bestimmen, als andere, auch einen =feineren=, zur Aufnahme von Veränderungen durch äussere Eindrücke weit =empfänglicheren Organismus=, als bei anderen.
Auf der untersten Stufe, z. B. bei Polypen, gewahren wir sehr =wenig= Organe, ihre Entwicklung und Erhaltung ist mehr =vegetativ= als selbstthätig. Eine Stufe höher treffen wir bei den =Insekten= entweder nur die Funktionen der Ernährung und der Fortpflanzung, oder die sogenannten =Kunsttriebe=, welche eigentlich nichts anderes sind als ein Entwickeln einer ganz =unbewussten=, und daher mehr =vegetativen= als =animalischen= Thätigkeit. Die =Raupe= spinnt sich ein, weil sie sich des animalischen Saftes nicht anders entledigen kann, dessen sie sich entledigen muss. -- An der =Biene= bleibt der Blüthenstaub, indem sie ihre Nahrung auf Blumen sucht, =ohne ihr Zuthun= kleben, sie ist an die Königin, wie =der Baum mit den Wurzeln an die Erde= gebunden, und geht, wenn die Königin stirbt, zu Grunde, =wie eine Pflanze=, deren Wurzel abgeschnitten ist, -- sie =muss= also, wie sie ihre Nahrung geholt hat, =zur Königin fliegen=, streift dort ihren Blüthenstaub =von selbst= ab, und gibt eben so =unwillkürlich= den Honigsaft von sich. -- Sie kriecht durch das noch weiche Wachs, und die =Form ihres Körpers= bildet die Form der Zelle.
Aehnliches geschieht, obwohl mit einer geringeren Vollkommenheit, bei höheren Klassen der Thiere, z. B. bei Vögeln[14] bei dem Bau ihrer Neste, oder bei dem Biber, dem Dachse u. s. w.; nur bemerken wir dabei die sehr auffallende Erscheinung, dass die Kunsttriebe in dem Masse =abnehmen=, je vollkommener der Organismus ist; eine Erscheinung, welche zu der Ansicht berechtigt, welche ich mir eben auszusprechen erlaubte, dass die Thätigkeit, welche diese Kunsttriebe erzeugt, noch =unter= der Region der Empfindung, somit noch unter der Region der Vorstellung steht, und bei dem Thiere erst dann eine Empfindung, d. i. eine Vorstellung erzeugt, wenn sie gehemmt wird.
[14] Es zeigt immer von einer mangelhaften und oberflächlichen Beobachtung, wenn man den Bau der Thiere gar zu wunderbar findet. -- Ja freilich: wenn =wir= mit unseren Händen ein =Vogelnest= bauen müssten, ging es uns übel, besonders wenn wir es zusammen=flechten= müssten. Ich habe selbst einmal in einem Gartenhause einem Paare zahmer Gimpeln zugesehen, wie sie ihr Nest bauten. -- Die erste Schwierigkeit war, -- nicht für die Vögel, sondern für mich, -- ihnen ein Materiale zu liefern, welches ihnen zusagte. Endlich fand ich ein solches in dem faserigen Gewebe, welches eine Kokusnuss umhüllte. -- Ich legte ihnen davon hinein, und sie trugen einen Haufen davon zusammen. Wie der Haufe grösser wurde, stellte sich das Weibchen in die Mitte, und drehte sich schnell herum. Die Fäden wirrten sich ineinander, in der Mitte war die bekannte Höhlung auf diese Art hergestellt, und das Nestchen vollkommen fertig gemacht. Die ganze Thätigkeit des Vogels war die allereinfachste von der Welt. -- Noch weniger Ueberlegung entwickeln aber die Bienen, es ist daher die Ansicht, nach welcher man den Bienen Sinn für Geometrie zuschreibt, beiläufig eben so richtig, als ob man Jemanden, dessen Gebiss so geformt ist, dass er in ein Butterbrod eine Ellipse oder eine Parabel beisst, einen =Geometer= nennen wollte.
§. 11.
So wie nun jede Empfindung ein =Verändertwerden= der Individualität des Geschöpfes nothwendig voraussetzt, so gewahren wir auch, dass mit der Einwirkung, welche diese Veränderung bewirkte, =nicht= auch die =Veränderung selbst= verschwindet, sondern dass wenigstens derjenige Theil dieser Veränderung, welcher in Hervorbringung einer =Vorstellung= bestand, bleibend ist, und zwar um so =mehr= bleibend, je =stärker= die Veränderung, d. i. die =Erregung= des Individuums war, und je =vollkommener der Organismus= des Thieres ist.
Diese Erscheinung gibt sich dadurch kund, weil wir deutlich gewahren, dass das Thier bei wiederholtem Eintreten gewisser Momente, welche an und für sich noch keineswegs ein besonderes Erregtsein bedingen, aber einem gewissen Zustande des Erregtseins =vorangegangen= sind, schon eine solche Thätigkeit =anwendet=, wie sie dem, diesen Momenten erst =folgenden= Eindrucke entspricht. Der Hund lauft dem Gemache zu, wo gespeist wird, wenn er die Teller klingeln hört; er flieht, wenn sein Herr den Stock ergreift u. s. w.; es muss daher nothwendig die =Reproduktion= des früheren Eindruckes Statt finden, welcher dem nun vorhandenen gefolgt ist. -- Derlei Thätigkeiten sind nun wohl in =vielen= Fällen ganz =richtig= angebracht, und insofern lässt es sich sagen, dass das Thier den _nexus causalis_, d. i. die Folge gewisser Erscheinungen =richtig= aufgefasst habe. -- Es lässt sich aber auch nicht verkennen, dass das Thier auch bei Eindrücken, welche mit jenen, die einem bestimmten früheren Ereignisse vorangingen, nur =Aehnlichkeit= haben, zuweilen eine solche Thätigkeit äussert, welche jenem Ereignisse entspricht, obgleich diese Eindrücke keineswegs jenes Ereigniss wirklich bedingen; z. B. lauft der Hund, welcher durch den Schuss eines Gewehres erschreckt wurde, davon, wenn nur ein Stock in eine ähnliche Richtung wie ein Gewehr gebracht wird. Es folgt daher, dass das Thier seine Thätigkeit nur nach der Reproduktion des =früheren Eindruckes=, nicht nach der Auffassung des =Zusammenhanges= von zwei Begebenheiten, =als Ursache und Wirkung=, bestimme.
Eben so finden wir aber auch, dass das Thier bei dem Wiedervorkommen mancher schon früher vorhanden gewesenen Eindrücke zuweilen =nicht= diejenige Thätigkeit äussert, welche dem nun kommenden Ereignisse entspricht, sondern bei einem Eindrucke entweder ganz unthätig bleibt, oder etwas beginnt, zu welchen das dem Eindrucke folgende Ereigniss =keine= Veranlassung gibt, woraus folgt, dass bei den Thieren sowohl ein =richtiges=, als ein dem objektiven Eindruck =nicht= entsprechendes, somit =unrichtiges= Reproduziren Statt finde.
Da also diese Reproduktion sowohl eine =richtige= als eine =unrichtige=, d. h. eine dem Causalnexus, von welchem der gegenwärtige Moment das erste Glied ausmacht, zuweilen =entsprechende=, oder auch zuweilen =nicht= entsprechende sein kann, so folgt, dass zuweilen die vorausgegangenen Vorstellungen =gerade so reproduzirt= werden, =wie= sie vorausgegangen sind, zuweilen aber eine =Vermischung= dieser Vorstellungen Statt gehabt haben muss.
Die =erste= Art der Reproduktionen =nennen wir= die Funktion des =Gedächtnisses=, die =zweite=, jene der =Einbildungskraft=, eine Unterscheidung, welche =für uns=, zum Behufe der Darstellung psychischer Funktionen, von entschiedenem Werthe ist, welche aber nicht =so weit= getrieben werden darf, dass man darunter =zwei verschiedene Funktionen= als vorhanden annimmt, denn =dazu= mangelt offenbar =jede= begründete =Erfahrung=.
Der Umstand, dass wir jedoch auch in manchen Fällen, ungeachtet des wiederkehrenden, einem bestimmten vorhergegangenen Ereignisse entsprechenden Eindruckes, welcher eine Thätigkeit zur Folge hatte, =keine= den reproduzirten Vorstellungen entsprechende Thätigkeit entstehen sehen, berechtigt zu der Voraussetzung, dass in einem solchen Falle entweder =gar keine= Reproduktion vorhanden war, oder dass die wirklich vorhandene =zu schwach=, oder doch zu sehr mit =anderen= reproduzirten Vorstellungen =verbunden= war, um eine =bestimmte= Thätigkeit zu veranlassen, denn wir sehen die Thätigkeit =eintreten=, wie die jener Erregung vorhergegangenen Momente sich =vermehren=, woraus folgt, dass die Reproduktion in genauer Verbindung mit den äusseren Eindrücken stehe.
Damit wir aber annehmen können, dass bei einem Geschöpfe ein Bestimmen der Thätigkeit nach einer Vorstellung möglich sei, muss nothwendig vorausgesetzt werden, dass dasselbe schon vermöge seiner =eigenthümlichen Beschaffenheit thätig=, d. h. so eingerichtet sei, dass sein eigenthümliches Wesen gewisse äussere Eindrücke =bedürfe=, andere aber =fliehe=, dort aber, wo diese Eindrücke grösstentheils =mangeln=, oder grösstentheils seiner Individualität entgegen sind, nothwendig in seiner Individualität =zerstört= werden müsse, eine Voraussetzung, welche die Erfahrung so unbedingt bestätigt, dass jede Nachweisung überflüssig scheint.
Da nun viele dieser Eindrücke, deren das Thier nothwendig bedarf, von der Art sind, dass sie nothwendig =Empfindung=, und daher auch =Vorstellungen= erzeugen =müssen=, so lässt sich daher, in Bezug auf die animalischen Wesen als charakteristisches Merkmal zu dem Zwecke unserer Darstellung Folgendes aussprechen:
Animalische Wesen unterscheiden sich von unorganischen und blos organischen Wesen dadurch, =dass die Thätigkeiten derselben, sofern sie durch äussere Eindrücke veranlasst sind, nur durch Empfindungen und die Reproduktion der mit den Empfindungen verbundenen Vorstellungen möglich erscheinen=, dass daher die Aeusserung der =Vorstellungsthätigkeit= ein =nothwendiges= Merkmal des Verkehres des animalischen Lebensprinzipes =mit der Aussenwelt= darstellt.
So weit nun das animalische Lebensprinzip gewisse Eindrücke zu seiner individuellen Existenz =bedarf=, oder solche, zur Vermeidung der Vernichtung seiner individuellen Existenz =fliehen=, d. h. ihnen =widerstreben= muss, =nennen wir= diese Aeusserung =Trieb=, und in Bezug auf die verschiedenen einzelnen Aeusserungen =Triebe=, ohne jedoch auch mit dieser Benennung =eine besondere, für sich= bestehende =Funktion= des Thieres bezeichnen zu wollen, es lässt sich daher auch das charakteristische Merkmal des animalischen Lebens damit ausdrücken, dass das =Leben= des Thieres in einem =Bestimmen des Triebes= durch =Empfindungen=, d. i. durch =Vorstellungen= der durch äussere Eindrücke Statt findenden, oder Statt gefundenen Erregung bestehe.
§. 12.