Part 16
Wir sehen hier die verschiedenartigsten Entwicklungen bei einem im Wesentlichen gleichen Organismus, denn es ist bekannt, dass die Verschiedenheit der organischen Beschaffenheit zwischen einem normalen Menschen und einem (nur nicht verkrüppelten) Dummkopf beinahe Null ist, im Vergleiche mit der ungeheuren Verschiedenheit zwischen irgend einem Menschen und irgend einem Thiere, und eben so sehen wir, dass es beinahe keine Anlage gibt, in welcher ein Mensch etwas geleistet hat, in welcher nicht auch =jeder Andere etwas= leisten könnte. Es ist freilich ein gewaltiger Unterschied zwischen einem Gemälde eines _Raphael_ und einem Fratzengesichte, welches irgend ein Stümper, der nichts besseres zu Wege bringt, an eine Wand mit Kohle hinzeichnet, allein Beide kommen doch darin überein, dass zu beiden die Gabe der Nachahmung gehört, ohne welche es unmöglich bleibt auch nur ein Fratzengesicht aufzuzeichnen.
Dass endlich der Mensch im Stande sei, seine stärksten Triebe, ja selbst jenen der Erhaltung seines Lebens, einer Vorstellung zu opfern, ist eine Thatsache, deren Exemplifikation sich Jeder aus seiner geschichtlichen Erinnerung zu geben vermag.
§. 62.
Noch auffallender ist der Unterschied in der Art und Weise, wie der Mensch der Befriedigung gewisser Triebe entgegengeht, und hier tritt insbesondere die Aeusserung des Geschlechtstriebes entgegen.
Das Thier geht hier mit der entschiedensten Unmittelbarkeit zu Werke, es sucht sich ein Geschöpf seiner Gattung und befriedigt damit seinen Trieb mit Gewalt, wenn das andere die Befriedigung nicht gutwillig gestattet, und kümmert sich auch nicht darum, ob es dem anderen angenehm oder unangenehm ist, wie man dieses beim Hornvieh sehen kann, wo es sich ereignet, dass ein schwerer Stier einer Kuh das Rückgrath abdrückt, und er doch von seiner Bemühung nicht eher ablässt, als bis sie am Boden liegt und nicht mehr aufstehen kann.
Bei dem naturgemäss Entwickelten, d. h. weder in stumpfer Roheit aufgewachsenen, noch moralisch verdorbenen Menschen ist die erste thätige Aeusserung des erwachenden Geschlechtstriebes die Geschlechts=liebe=, welche sich aber oft so sonderbar äussert, dass man Mühe hat, die =wahre= Veranlassung in ihren Aeusserungen aufzufinden. Nicht selten geschieht es, dass beide Theile gar nicht daran denken, dieses Motiv als die Veranlassung ihrer wechselseitigen Zuneigung zu vermuthen; man nennt das Gefühl, welchem man sich hingibt, Freundschaft, Hochachtung, und sucht die Zuneigung des anderen Gegenstandes auf jede andere Weise eher, als auf diejenige zu gewinnen, welche das bezeichnete Motiv klar an den Tag legte.
In der That lässt sich auch nicht verkennen, dass durch diese Art und Weise, wie sich der erwachende Geschlechtstrieb in vielen Fällen ausspricht, der Entwicklung des Sittlichkeitsgefühles vortrefflich gedient ist, denn der Mensch lernt Selbstbeherrschung und aufopfernde Hingebung dadurch mehr und besser üben, als er bis dahin noch wahrscheinlich in den wenigsten Fällen Veranlassung hatte, er fühlt sich selbstständig, weil er nicht mehr blos seinen eigenen Empfindungen, sondern für ein anderes Wesen zu leben fühlt.
Diese Art der Aeusserung des Geschlechtstriebes ist aber auch die, jedem unverdorbenen Menschen natürliche, weil sie sich in der That bei jedem unverdorbenen Menschen findet, wo sie sich aber findet, es unverkennbar ist, dass der Mensch gerade in dieser Art Entwicklung seines Wesens vielleicht die grösste Seligkeit empfindet, deren er auf Erden fähig ist, es ist das Paradies der Unschuld; ehe sie zum vollen Bewusstsein erwacht ist, denn in diesem Zustande, wo der Mensch Alles, was sein durch den erwachenden Trieb aufgeregtes Lebensgefühl Schönes und Erhabenes in seiner Phantasie erzeugt, auf den geliebten Gegenstand überträgt, ist ihm dasjenige goldene Zeitalter gegeben, in welchem die Gottheit noch sichtbar auf Erden wandelte. Es ist freilich ein Traum, dem Erwachen folgen muss, allein so viel ist gewiss, wenn die Liebe einmal sieht, so hat sie aufgehört =Liebe= zu sein.
§. 63.
Diese Thatsachen, deren Wahrheit zu tief in dem menschlichen Gefühle gegründet ist, als dass man sie im Ernste bezweifeln könnte, wären nun entschieden unmöglich, wenn der Mensch gleich dem Thiere lediglich auf eine seinen Trieben unmittelbar entsprechende Thätigkeit angewiesen wäre, sie beweisen vielmehr[35], und zwar sowohl in ihrer verderblichen, als in ihrer den sittlichen Zustand befördernden Erscheinung, dass die Lebensthätigkeit des Menschen so konstituirt sei, dass die Thätigkeit des Organismus desselben von dessen Vorstellungsthätigkeit bedeutend =überwogen= werde, und dass daher das eigentliche Leben des Menschen ein =geistiges=, ein =Leben in der Vorstellungsthätigkeit= sei.
[35] Hätte der Mensch Kunsttriebe gleich den Insekten, so wäre es mit allen Werken des menschlichen Geistes vorbei, denn er müsste dann seinen Kunsttrieben obliegen und könnte nicht mehr und nicht weniger leisten, als eben sein Trieb ihm eingibt, da er eben ein Trieb ist und somit alles Nachdenken ausschliesst. Man würde produziren wie man schläft, von selbst, ohne sich im Mindesten um das =Wie= zu bekümmern.
Diese Wahrheit findet sich aber auch bestätigt, wenn man den =Organismus= des Menschen selbst betrachtet.
Der bei dem Menschen, im Vergleiche mit allen Thiergattungen, am meisten ausgebildete Theil ist das =Nervensystem=, also gerade derjenige organische Theil, welcher der Vorstellungsthätigkeit zuverlässig am =nächsten= steht, dagegen aber gibt es kein einzelnes Sinneswerkzeug eines Menschen, welches nicht von jenem einer bestimmten Thiergattung =übertroffen= würde. -- Alle Sinneswerkzeuge eines normal organisirten Menschen sind aber wieder so beschaffen, dass sie, wie bereits im §. 61 bemerkt wurde, nicht nur einer Ausbildung fähig sind, welche jener der hierin am besten begabten Thiergattungen =nahe= kommt, sondern dass diese Ausbildung einzelner Sinne ohne =Nachtheil=, ja sogar mit gleichzeitiger Entwicklung auch der =übrigen= Sinne Statt finden kann. Als Beispiel möge der feine Geruch- und Gehörsinn der Wilden und der hohe Grad von Gelenkigkeit dienen, welchen die Jugend unserer Zeit in orthopädischen Instituten etc. erwirbt, ohne dass man noch ein Beispiel erlebte, dass ein Jüngling, dessen Körperkräfte auf diese Art entwickelt wurden, dadurch an irgend einem Sinne oder gar in seinen =geistigen= Funktionen schwächer geworden sei, wohl aber dürfte es eben nicht schwer sein, Beispiele vom Gegentheile aufzufinden[36].
[36] Man eifert sehr gegen die materiellen Tendenzen unseres Zeitalters. Ich lasse es natürlich dahingestellt sein, ob es vernünftig ist, gegen die Tendenz des Zeitalters zu eifern, da das Zeitalter selbst sich um unseren Tadel oder unser Lob nicht bekümmert, und man überhaupt über die Richtung, in welcher man =fährt=, immerhin etwas schwer urtheilen kann, wenn man selbst im Wagen sitzt. Dreierlei Wahrheiten, die denn doch nicht ganz unvorteilhaft für die Sittlichkeit des Zeitalters zeugen, sind jedoch in eben diesem materiellen Zeitalter zum Bewusstsein der Menschen gelangt, an deren zwei man früher nicht dachte, die dritte aber fast vergessen hatte. -- Die ersten sind die Nothwendigkeit des Strebens nach Mässigkeit (Mässigkeitsvereine) und der Abstellung der Thierquälerei, die letzte die Erkenntniss, dass auch der Körper des Menschen entwickelt werden müsse, wenn der ganze Mensch etwas taugen soll. -- In diesen drei Wahrheiten liegt nach meiner unmassgeblichen Meinung ein besseres Zeugniss für die Moralität des gegenwärtigen, und eine Hoffnung für die künftigen Jahrhunderte, welche eine bedeutende Dosis Weltschmerz -- die gerechte Geissel Derjenigen, welche den Egoismus des gegenwärtigen Zeitalters repräsentiren -- aufwiegt. -- „Das Leben,” sagt _Jean Paul_, „ist eine bittere Frucht, man greife es nur mit Presse und Zange an und es hat den süssesten Kern.”
Ebenso begegnet man der Erfahrung, dass der Mensch im Stande ist, die Thätigkeit der am meisten in gewissen Beziehungen begabten Thiere, sofern ihre Organe, wie etwa jene der Insekten, nicht gar zu verschieden sind, beinahe zu erreichen, nicht einmal der Biegsamkeit der menschlichen Stimme zu gedenken, durch welche er vermag, die Laute der Thiere, vom Miauen der Katze bis zum Schlag der Nachtigall, oft täuschend nachzuahmen, eine Fähigkeit, welche, im Vorbeigehen gesagt, nicht wenig zur Bildung der menschlichen Sprache beigetragen haben mag, sobald einmal der Mensch das Bedürfnis fühlte, seine Vorstellungen Anderen mitzutheilen.
Mit dieser Bildungsfähigkeit aller Organe des Menschen ist es nun entschieden nicht zu vereinbaren, dass ein einzelnes Organ die übrigen überragte, denn wäre dieses der Fall, so könnten wir nicht =willkürlich= das eine oder das andere der menschlichen Organe in so hohem Grade ausbilden, wie es wirklich geschieht. Es folgt daher, dass die Organe des Menschen und daher auch die ihren Aeusserungen entsprechenden Triebe so im =Gleichgewichte= stehen, dass der Mensch nicht zur Entwicklung gewisser =einzelner= Triebe bestimmt sei, sondern seine Bestimmung in dem =Resultate= der Kombination seiner Triebe durch die =Vorstellungs=thätigkeit liege.
Bei keinem =Thiere= finden wir endlich die Erscheinung des =Wahnsinns=, wir finden sie aber bei dem =Menschen=, und zwar insbesondere in jenem Falle, wo irgend eine Funktion (z. B. die Geschlechtsfunktion bei dem _furor uterinus_) eine übermässige Stärke erlangt, und also ein Theil des menschlichen Organismus aus seiner coordinirten Stellung zu den übrigen heraustritt. Dennoch dürfte der bei dem Furor erregte Trieb an Stärke schwerlich jenem, welchen ein Thier zur Brunstzeit empfindet, gleichkommen[37].
[37] Hat man schon die Erscheinung des Wahnsinnes bei einem Kinde gefunden? Ich bin nicht sachverständig genug, um diese Frage zu beantworten, doch erinnere ich mich nie, von einer solchen Erscheinung gehört zu haben.
Es erhellt daher, dass ohne gänzliche Zerrüttung des menschlichen Sein's die Beschaffenheit keines =einzelnen= Organes sich so gestalten kann, dass es sich zum Triebe in der Weise entwickle, wie dieses bei dem Thiere der Fall ist, und dass daher selbst der physische Organismus des Menschen so eingerichtet ist, dass alle dessen einzelne Theile in einem, der Bestimmung des Menschen, ein =geistiges= Leben zu führen, entsprechenden Verhältnisse stehen, welches Verhältniss, wo es gestört ist, jedenfalls eine Anomalie, entweder durch eine fehlerhafte ursprüngliche Anlage oder durch den Zustand der Krankheit, bildet.
§. 64.
Bereits bei §. 32 wurde der Satz ausgesprochen, dass der Mensch in seiner irdischen Laufbahn nur =ein= Wesen, d. i. ein vollkommenes in allen seinen den verschiedenen Aeusserungen desselben entsprechenden Anlagen innig verbundenes =Ganzes= sei, ja dass die Annahme von verschiedenen Anlagen =desselben= Menschen nicht in der objektiven Beschaffenheit des =Subjektes=, sondern nur in der subjektiven Vorstellung des =Beobachters= desselben gegründet sei, welcher, um sich die Uebersicht des Ganzen zu erleichtern, gewisse Abstufungen festsetzen muss.
Aus dieser Ansicht folgt nun auch die Nothwendigkeit, den Satz, an dessen Richtigkeit übrigens ohnehin Niemand zweifelt, hier besonders auszusprechen, dass auch =kein einzelnes= Organ des Menschen ein =für sich= bestehendes Ganzes, sondern nur immer ein Theil jenes Wesens sei, welches wir =Mensch= nennen, und sich daher nur für den =dritten= Beobachter als ein =Theil= jenes Wesens ausspricht, weil es eine besondere Verrichtung übt, welche nur =dieses=, nicht aber ein anderes Organ zu leisten im Stande ist. -- Nur das Auge übt die Funktion des =Sehens=, nur das Ohr jene des =Hörens=, allein es lässt sich nicht sagen, das =Auge= sieht, oder das =Ohr= hört, sondern, wenn man nicht figürlich sprechen will, so muss man sagen: der =Mensch= sieht =mittelst= des Auges, der Mensch hört =mittelst= des Ohres u. s. w., welches mit anderen Worten so viel sagen will, als: er entwickelt Vorstellungen, die einer Empfindung entsprechen, welche in dem Angeregtwerden durch äussere Eindrücke =mittelst= des Auges, des Ohres u. s. w. entstanden sind.
Jeder mögliche =neue= Eindruck, welchen der Mensch durch die Sinne erhält, trifft nun auf =alle= durch die früheren Eindrücke veranlassten, noch =vorhandenen= Vorstellungen, und bildet mit diesen ein =neues= Ganzes, wodurch daher in dem ganzen Wesen des Menschen nothwendig eine =Veränderung= entsteht.
Diese Veränderung gibt sich nun durch jene Erscheinung kund, welche wir =Ideenassociation= nennen, und bezüglich deren uns die Erfahrung lehrt, dass jeder Eindruck, dessen sich der Mensch bewusst wird, somit jede Empfindung eine =eigene= Ideenassociation zur Folge hat.
So richtig diese Erfahrung ist, so wenig darf man sich dadurch verleiten lassen, diese Erscheinung als etwas =Selbstständiges= zu betrachten, sondern sie ist, von Fall zu Fall, eine Wirkung der =Gesammtthätigkeit= eines Menschen, auf welche jedes =einzelne= (physische) =Organ= so gut seinen Einfluss hat, als auf die entstandene Empfindung selbst. Der etwa an Kopfschmerzen leidende Mensch empfindet bei dem Lärme einer Trommel etwas Anderes, als der Gesunde, der blosse Anblick einer Trommel wird ihm daher eine andere Ideenassociation erregen, als wenn er gesund wäre u. s. w.
Die Richtigkeit dieser Ansicht ergibt sich aber noch mehr daraus, wenn man erwägt, welche =Rückwirkung= die Ideenassociation auf die physischen Organe hat, denn es gibt bekanntlich Nachrichten, die im Stande sind, einen Gesunden krank und einen Kranken gesund zu machen. Es ergibt sich daher, dass es sehr irrig wäre, anzunehmen, dass an der Ideenassociation nicht auch die =körperlichen= Organe ihren wesentlichen Antheil haben, dass daher die =Ideenassociation selbst=, wie jeder andere Zustand, eine Veränderung im =Gesammtleben= des Menschen sei.
Hieraus ergibt sich nun der weitere Satz, dass bei jedem Eindrucke, welchen der Mensch erfährt, sich eine =doppelte= Wirkung in Bezug auf das Individuum als Ideenassociation aussprechen wird, nämlich nach der Art und Weise, wie er das =Organ= affizirt, welches denselben aufnimmt, und auf welche =Disposition des Gesammtlebens=, d. i. auf welche allgemeine =Stimmung= er in dem Augenblicke trifft, als er aufgenommen wird, insbesondere aber, welche =Vorstellungen= bei seinem Eintritte bereits =vorhanden= oder auch =nicht= vorhanden sind[38].
[38] Die Ideenassociation ist eines der wichtigsten Momente, welche auf die Stimmung des Menschen einwirken, allein es ist nicht das =einzige=, denn ausser dem Zustande der Krankheit können physische Eindrücke vorhanden sein, welche einen mächtigen Einfluss auf die allgemeine Stimmung ausüben, ohne dass es der Mensch gewahrt. Manche That, im Zorne verübt, würde unterblieben sein, wenn sich das Subjekt statt in einem von Tabakqualm erfüllten Lokale in freier Luft befunden hätte. -- Wo es sich also um Erforschung der Stimmung eines Menschen zur Ausmittlung des Umstandes handelt, ob er zurechnungsfähig war, müssen =alle= Umstände, daher auch solche =Neben=umstände berücksichtigt und bezüglich ihres Einflusses gewürdiget werden, welche auf die Stimmung der physischen Organe von Einfluss waren.
Da sich nun die Handlungsweise des Menschen nach diesen beiden Momenten, nämlich nach der Beschaffenheit des wirklich vorhandenen äusseren Eindruckes und nach der Stimmung richten kann, in welcher er aufgenommen wird, so ergibt sich, dass, um das Verhältniss der Handlungsweise zu einem dritten Gegenstande, z. B. zu einem Strafgesetze, zu beurtheilen, es unumgänglich nothwendig ist, über die =Stimmung= des Menschen in dem =Augenblicke=, als irgend ein =äusserer Eindruck= eine gewisse Handlungsweise bei ihm hervorbrachte, im Klaren zu sein, um dadurch die Gewissheit zu erlangen, welche Vorstellungen auf seine Thätigkeit wirkten, und welche etwa bei einem Andern gewirkt hätten, bei diesem Individuum aber =nicht= vorhanden waren.
Zur Ausmittlung dieses Verhältnisses ist nun insbesondere die Betrachtung gewisser Gemüthszustände vom objektiven Gesichtspunkte geeignet.
Ich erlaube mir zu diesem Ende über folgende Gemüthszustände, nämlich über
=Affekte= und =Leidenschaften= und =Schwärmerei=
Einiges zu sagen, Zustände, welche in der Regel nicht unter die Krankheiten gehören.
Dieser Darstellung folgen einige Bemerkungen über Blödsinn und Dummheit, weil diese Zustände nur zum Theile in die Kategorie von Krankheiten gehören.
Diesen folgen einige Worte über einige wirkliche krankhafte Zustände, nämlich _monomania_ und fixe Idee, ferner Melancholie und _mania occulta_, weil, ungeachtet diese Zustände zu den entschieden krankhaften gehören, es doch in einzelnen Fällen zweifelhaft sein kann, ob und wiefern ihr blosses Vorhandensein die Strafbarkeit in Bezug auf eine bestimmte That aufzuheben geeignet sei; endlich Einiges über verstellte Gemüthszustände und Berauschung.
Bei jedem dieser Zustände habe ich mich bemüht, so viel es mir möglich war, die besondern Modificationen anzugeben, welche der juridische Zweck einer solchen Erhebung erfordert, um zu einem, dem Zwecke dieser Erhebung entsprechenden Resultate zu gelangen, welcher Darstellung sodann einige im gleichen Sinne gesprochene Worte über verstellten Wahnsinn und über den Hang zu gewissen Verbrechen folgen.
A. Affekte.
§. 65.
Das Wort Affekt, zu deutsch =angeregt sein= (nicht Anregung), bedarf in diesem allgemeinen Sinne keiner Erklärung. Gewöhnlich wird es jedoch in einem engeren Sinne genommen, wo es das spezielle, sich durch gewisse Aeusserungen kund gebende =Angeregtsein eines bestimmten Triebes=, eines animalische Wesens bezeichnet, wo dann dieser Begriff durch die Benennung der Aeusserung der Empfindung des in solcher Art angeregten Individuums näher bestimmt wird. Man unterscheidet auf diese Art einen Affekt des Schreckens, des Zornes, der Furcht, der Freude etc.
Es wäre nun wohl eine vergebene Mühe, die charakteristischen Merkmale aufzusuchen, wodurch sich die einzelnen Affekte von einander unterscheiden, denn Jedem steht frei, die Zahl dieser Benennungen nach Gutdünken zu vermehren oder zu vermindern, die Wissenschaft, wenigstens die Rechtskunde, wird dabei weder gewinnen noch verlieren, so wenig als die Heilkunde dadurch gewinnen oder verlieren wird, wenn man mehr oder weniger Krankheitsformen, welche aber alle auf dieselbe Weise geheilt werden, aufstellt, wenn man nur in erster Beziehung das charakteristische Merkmal des sich äussernden =speziellen Triebes= nicht aus dem Auge verliert.
Damit nämlich ein Trieb sich so entschieden äussere, dass man ihn von seiner Aeusserung mit Bestimmtheit zu erkennen vermag, muss nothwendig vorausgesetzt werden, dass dieser Trieb mehr als =andere= Triebe angeregt gewesen sei, und dass daher das =Gleichgewicht der Funktionen gestört wurde=.
Diese Erscheinung ist nun, und zwar auf zweierlei Art, möglich, nämlich dadurch, dass ein Trieb in seiner natürlichen Aeusserung =gehemmt= und dadurch zu einer sonst =nicht normalen Stärke= gebracht wurde, oder dass ein der =natürlichen Entwicklung= des Triebes entgegenstehendes Hinderniss plötzlich =aufgehoben= wird.
In dieser Rücksicht lassen sich die Affekte, jedoch ohne viel Gewinn für die Wissenschaft, in angenehme und unangenehme, und je nachdem das Hinderniss plötzlich oder allmälig eintritt oder gehoben wird, in erregende und deprimirende eintheilen u. s. w.
Wichtiger als diese Eintheilungen wird es für den Zweck der richterlichen Erhebung sein, das =Vorhandensein= des Affektes und dessen =Einfluss auf den Willen= des Individuums zu bestimmen, zu welchem Behufe folgende Bemerkungen nicht überflüssig sein dürften.
§. 66.
Wenn wir diejenigen Erscheinungen betrachten, welche man als Affekte bezeichnet, so finden wir, wie bereits im vorigen Paragraph angegeben wurde, als gemeinschaftliches Merkmal eine Empfindung eines =angeregten Triebes=, d. i. (laut §. 10) das Bewusstwerden der =Befreiung= oder der =Hemmung= eines sich äussernden Triebes durch einen =äusseren Eindruck=. Der Affekt gehört also in das Gebiet der =Vorstellung=, und kann sich daher nur nach den Gesetzen der Vorstellungsthätigkeit äussern, d. h. er wird und =muss= auf die äussere Thätigkeit =reagiren=.
Die einzige Art und Weise, wie die Vorstellung eines angeregten Triebes auf die äussere Thätigkeit reagiren kann, ist nun der Natur der Sache nach, dass er diese zur Befriedigung, wo diese möglich ist, und zur Hinwegräumung des Hindernisses, wo ein solches vorhanden ist, antreibt. -- Die eine oder die andere Wirkung =muss= also erfolgen, und wo sie nicht erfolgt, kann dieses Nichterfolgen nur darin seinen Grund haben, weil Vorstellungen vorhanden waren, welche hinlängliche Stärke besitzen, um diese Wirkung des Affektes zu =beseitigen=.
=Mangeln= aber solche Vorstellungen, so ist es ganz =undenkbar=, dass der Affekt sich nicht =gerade so= äussern sollte, wie es nothwendig ist, um, und zwar auf dem möglich =kürzesten= Wege, zu seiner, d. i. des angeregten Triebes, =Befriedigung= zu gelangen.
Soll daher eine im Affekte begangene That strafbar sein, so muss vor Allem nachgewiesen werden, dass bei dem Menschen, welcher die That beging, wirklich zur Zeit der Begehung der That Vorstellungen =vorhanden= waren, welche genug Stärke besessen haben, ihn von der Hingebung an den Einfluss seines Affektes abzuhalten, wenn er nur =gewollt= hätte.
Dieser Beweis ist auch in dem Falle, wo das wirkliche Eintreten eines Affektes nachgewiesen wird, meistens gar nicht schwierig, es wolle daher der verehrte Leser wegen der Konsequenzen, welche daraus etwa hervorgehen, dass die Motivirung einer That durch den Affekt hier so zu sagen als ein Grund der Straflosigkeit dargestellt wird, sich immerhin einstweilen beruhigen, und mit Aufgebung aller Besorgnisse weiter lesen.
§. 67.
Zur Richtigstellung des Umstandes, ob wirklich bei dem Individuum, welches eine bestimmte Handlung verübte, Vorstellungen vorhanden waren, welche hinreichend stark waren, ihn von der Begehung der That abzuhalten, wenn er ihrem Impulse hätte folgen =wollen=, hat man nun zwei Anhaltspunkte, nämlich _a_) die durch die Beschaffenheit der menschlichen Natur =überhaupt= bedingte Stimmung in Bezug auf die vollbrachte That; _b_) die durch die =individuellen= Verhältnisse des betreffenden Subjektes bedingte Stimmung desselben in gleicher Beziehung.
In erster Beziehung darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass der Mensch, wie dies bei §. 20 erwähnt ist, immer ein =ganzes=, nicht ein getheiltes Wesen ist, dass daher kein Eindruck denkbar ist, der nicht sein =ganzes= Wesen affizirte. Wenn daher irgend ein Eindruck auf ihn wirkt, so kann dieser wohl eine bestimmte Funktion besonders anregen, immer bleibt jedoch der =ganze= Mensch angeregt, er wird daher immer als =Mensch=, niemals als =Thier= empfinden, und es werden daher seine Affekte ebenfalls immer die =Affekte eines Menschen=, niemals die Affekte eines Thieres sein.
Zu den charakteristischen Merkmalen der Menschheit gehören nun einerseits =deutlichere= und =lebhaftere= Vorstellungen, somit eine viel lebhaftere und reichlichere Ideenassociation, und wie bei §. 20 nachgewiesen wurde, darunter die jedenfalls sehr lebhafte Vorstellung des Vorhandenseins der =sittlichen Freiheit=; es ist daher nur im =Ausnahmsfalle=, dessen Möglichkeit im folgenden Paragraph näher erörtert wird, denkbar, dass der Mensch auch im Affekte =ohne= das Bewusstsein der sittlichen Freiheit handle.