Part 4
amphio. Betrogen bin ich durch die Phantasie, sie ist ein Weib. Hätt ich ihr nicht getraut!
hermione (empört). O könnt ich für dich dichten, um dir zu beweisen, wie schön ein Weib aus Liebe denken kann.
amphio. Sie ist erschöpft, sie hat sich selbst verbannt.
hermione. O lästre nicht! Sagst du nicht selbst durch dein Gedicht: Es ist die Phantasie ein tiefer Zauberbrunnen, Aus dem wir der Gedanken Nektar schöpfen; Es reichet vom Olymp bis in des Orkus tiefsten Schlund, Mit seinem Ring umschließet er die Welt, Und unausschöpfbar ist sein ewger Born; Denn alle Ströme der Verhältnisse Ergießen sich auf seinem Grund.
amphio. O Königin, warum hast du den kühnen Schwur gewagt? Es hätte des Gedichtes nicht bedurft; nur deine Liebe braucht ich zu erringen, den wisse, daß-- doch nein, nun ists zu spät, du wirst des Siegers Braut, und mein Geheimnis laß ich mit mir untergehn.
hermione. O halt! Noch hab ich einen Hoffnungsstrahl. Wie du, so klagen alle meine Dichter, vielleicht, daß es ein Spuk der bösen Zauberschwestern ist. Drum Mut, denn in dem Tempel des Apolls muß dieser Zauber schwinden. Freude, Amphio, mir sagts mein Herz.
amphio. Das Elend hascht nach jedem Hoffnungswahn, so will ich mein Vertrauen mit deinem Hoffen denn vermählen und einen Sohn erwarten, der Erfüllung heißt.
hermione. Ich will noch vor dem Fest schnell das Orakel fragen, mehr darf ich nicht für unsere Ruhe tun. Nicht mir gehör ich an, nein, ich gehör Apoll! Mein höchst Vertraun setz ich auf ihn, den Weltbestrahlenden; denn eine Ahnung hat er mir in meine Brust gelegt, daß mich ein andrer nicht erringen darf als du. Darum erwart ich in dem Tempel dich. Mut, Amphio, die Götter sind uns nah! Vertrau auf ihren Schutz! (Ab.)
amphio (allein). Nun wohl, ich will mein Glück dem letzten Augenblick vertraun; und konnte mich die Phantasie, die hohe, täuschen, dann laß mich ziehen aus dir, Welt, in der das Edle trügt und nur Gemeines sich bewährt. (Ab.)
verwandlung
(Gemach im Palaste der Zauberschwestern. An der Seite ein griechisches Schreibepult auf einer Stufe.)
12. Szene
arrogantia und vipria treten rasch ein
vipria. Wo bleibt der Tropf?
arrogantia (sieht durch das Fenster). Hier kommt er schon.
vipria. Jetzt bring die Phantasie! (Arrogantia ab.)
13. Szene
vipria. nachtigall
nachtigall. Da bin ich schon, ich hab meine Sachen prächtig gemacht. Nun, wie schauts jetzt mit dem Gedicht aus, machen wirs zusammen gschwind! Ich kanns gar nicht erwarten. Die Königin ist schön, da sind Sie nichts dagegen. Ich bin in sie verliebt, ich kanns gar nicht erwarten, bis ich König bin.
14. Szene
vorige. arrogantia. phantasie
arrogantia (zerrt die Phantasie in Ketten herein, die Flügel sind ihr abgeschnitten). Hier bring ich sie, sie hat entwischen wollen, als ich ich den Käfig öffnete.
vipria. Wo hast du deine Flügel?
arrogantia. Ich hab sie ihr beschnitten.
vipria. Das hast du klug gemacht. (Höhnisch.) Wo wolltest
phantasie (ebenso). Ich hab zum Geier fliegen wollen, du denn hin, du Täubchen, du? weils bei der Eule mir mißfiel.
arrogantia. Ich will auf Kundschaft mich begeben; mache mit ihr, was du willst! (Ab.)
15. Szene
vorige ohne arrogantia
vipria (zu Nachtigall). Durch diese wirst du das Gedicht hier schreiben; das ist die Phantasie.
nachtigall. Ah! das freut mich, daß ich die Ehr hab, kennenzulernen. (Heimlich zu Vipria.) Was ist denn das, die Phantasie?
vipria. Es ist der Geist, der im Gehirn der Dichter tobt. nachtigall. Also die springt den Dichtern im Gehirn herum? Dann ists kein Wunder, wenns bei ihnen
rappelt. Drum sagt man, die Dichter sind närrische Köpf!
vipria. Ich schmied sie dir an diesen Schreibtisch an. (Sie hängt die Fessel der Phantasie in einen Ring, der an der Seite des Schreibepultes angebracht ist, ein, so daß die Phantasie an der Seite des Tisches gegen die Mitte der Bühne auf der breiten Stufe sitzt, doch ja nicht etwa auf dem Boden.) Sei stolz darauf! Kein Dichter kann sich dessen rühmen, daß sie als Sklavin ihm gedient. Was sie dir vorsagt, zeichne emsig auf, als schriebst du Diamanten hin! Hermione ist der Name des Gedichts, den schreibst du oben hin.
nachtigall. Also ich bin ein Dichter, der nur schreibt, ohne daß er was denkt? Da bin ich nicht der einzige. Und sie ist die, die für die Dichter alle denkt?
vipria. So ists.
nachtigall. Das muß a Marter sein! Drum schaut s so mager aus.
16. Szene
vorige. arrogantia
arrogantia (ängstlich). Hermione ist auf dem Wege zu den zwei Orakelpriestern, um vor der Wahl noch das Orakel zu befragen, warum die Geistesnacht auf ihren Dichtern ruht. Wenn das geschieht, ist unser Plan vereitelt.
vipria. Das muß verhindert werden! Komm, wir verwandeln diese beiden Priester schnell in Stein und setzen uns an ihre Stelle hin. In der Gestalt des Affriduro frag ich dich, und du sprichst als Stimme des Orakels aus: Apollo habe einem Fremdling seine Gunst geschenkt, den Hermione wählen muß. (Zu Nachtigall.) Unterdessen bleibst du hier und schreibest dein Gedicht, doch bevor die Stunde halb verfließt, findst du dich in dem Tempel ein und trägst es mit der Harfe vor; wenn es auch schlecht ausfällt, das beste ist es doch, weil es das einzge ist. (Zur Phantasie.) Du halte deinen Schwur, begeistre ihn, so viel in deiner Macht es steht. (Zu Nachtigall.) Laß sie nicht frei, wenn du dein Leben liebst, und will sie dir nicht dienen, zwinge sie, du bist ihr Herr. (Beide ab.)
17. Szene
die phantasie. nachtigall
phantasie (für sich). O Amphio, welch schrecklich Los! Ich kann dich nicht erretten.
nachtigall (setzt sich an den Tisch). Jetzt werden wir halt schauen, daß wir was zusammen dichten. Das wird ein Arbeit werden.--Also: Hermione.--Und eine rote Tinte haben s mir hergestellt. Das wird ein blutiges Gedicht. Also gschwind anfangen!--Kommt was oder nicht?
phantasie (seufzt). Ach!
nachtigall. Ach? Ist denn das ein schöner Gedanken? Ach! Da wird einem völlig bang dabei. (Ungeduldig.) Nu, weiter um ein Haus! Ich komm nicht von der Stell. Nu? (Er rüttelt sie.)
phantasie. Was willst du, Tropf? Die Phantasie muß frei sein, wenn sie dichten soll. Nie wird sie dir in Fesseln dienen.
nachtigall. Was ist das für ein Diskurs? Wo ist denn ein Stock? (Nimmt einen Thyrsusstab von einer Draperie.) Da liegt er jetzt auf dem Tisch. Jetzt, wie nicht ordentlich phantasiert wird, wird er wo anders aufgelegt.
phantasie (lacht verzweiflungsvoll). Ha, ha, ha!
nachtigall. Wie dumm als sie lacht!
phantasie (wie wahnsinnig). Einst war ein goldnes Vögelein, Das nannt sich Phantasie.
nachtigall. Was ist denn das? Die phantasiert ja ohne Hitz?
phantasie (fährt wild auf). Ich duld es nicht!
nachtigall (tunkt ein und schreibt schnell). Nu, endlich einmal!
phantasie. Ihr Blitze! stürzt herab--
nachtigall (schreibt schnell nach). Jetzt gehts drauf los.
phantasie. Und euren glühnden Kuß--
nachtigall (wie oben). Holla, hast es nicht gsehen.
phantasie. Drückt auf die freche Stirn!
nachtigall. Die freche Stirn--Nicht gar so gschwind, ich komm nicht nach.
phantasie (toll). Du Schafskopf, schweig!
nachtigall (stutzt, ohne zu schreiben). Was ist das für ein Vers?
phantasie. Willst du ihn zweimal hören?
nachtigall. Was die alles zusammdiktiert?--Was hab ich denn da gschrieben? (Liest das Geschriebene.) "Ich duld es nicht, ihr Blützer stürzt herab und euren glühenden Fuß drückt auf den frechen Stier--(Pause.) Du Schafskopf schweig!" Was ist denn das für eine Phantasiererei? Da phantasier ich ja besser, wenn ich das Nervenfieber hab?
phantasie. Zu gut für dich, gemeiner Wicht!
nachtigall. Das Weibsbild halt mich für einen Narren. Die Zeit vergeht; ich bring nichts zsamm. Wenn nur die zwei Schwestern von Prag da wären. Die ganze Sach ist schon dumm angstellt; ein andrer hat die Phantasie im Kopf, und ich habs bei den Füßen da. Wie soll da was herauskommen? Ich krieg schon alle Hitzen. (Er zieht den Rock aus.) O Himmel, was ist das für ein Marter um einen Dichter, dem nichts einfallt. Du mußt mir helfen, oder ich verzweifle.
phantasie. Du zwingst mich nicht, du feiger Tropf!
nachtigall. Das ist eine boshafte Person. Ich bring s um, ich schneid ihr den Kopf ab und nimm ihr die Gedanken heraus. (Läuft zu dem Tisch.) Ich setz mich nochmal nieder. (Liest den Titel.) Hermione!--Diktier weiter! (Boshaft in den Tisch trommelnd.) Hermione--sie hört mi halt nit an; ich fahr durch die Luft. Jetzt hab ich die Gedanken von allen Dichtern in der Welt (Auf die Phantasie zeigend.) in diesem Binkel da beisamm und ich hab von dem ganzen Gedicht noch nichts fertig als das einzge Wort: Hermione; da kann ich doch den Preis nicht kriegen damit? Ich verzweifel.
phantasie. Ha, ha, ha! Das freut die Phantasie.
nachtigall (wütend). Jetzt lachts mich aus; ich werd noch wahnsinnig. (Kniet sich vor ihr nieder.) Ich beschwöre dich bei allen Sternen, phantasier!
phantasie (kniet auch). Ich dich bei allen Sonnen, laß mich frei!
nachtigall. Ich beschwöre dich bei allen griechischen und walachischen Dichtern, phantasier!
phantasie. Ich bau dir eine Welt aus glücklichen Gedanken, laß mich frei!
nachtigall. Ich kann ja nicht. Hab doch Barmherzigkeit! (Weint.)
phantasie (weint). Du unempfindlich Tier!
nachtigall (weinend). Jetzt fangt s zu weinen an. Jetzt sind wir alle zwei im Wasser. Wenn s nur in Versen weinte, um des Himmels Willen--die helle Prosa lauft ihr übers Gsicht.--(Ein sanftes Glöcklein läutet in der Ferne.) Jetzt muß ich fort, jetzt läuten s siebene im Apollosaal! Du, gfreu dich, wenn ich wieder komm! O Todesschweiß, du stehst mir an der Stirn! Ich weiß kein anders Mittel--ich kann ein Lied von der schönen Magellona, das änder ich um und sing statt: Mageroni, Hermioni, und wanns nicht gfallt, ich schieß mich tot, ich häng mich auf, ich bring mich viermal nacheinander um! Ich Dummkopf ohne alle Phantasie! (Rennt verzweifelnd ab.)
18. Szene
phantasie allein
phantasie. Quodlibet.
(Die Musik beginnt, es schlägt dreiviertel auf sieben, die Phantasie springt ängstlich auf.)
Ha! Was ist das? die Stunde tönt, Und Amphio ist verloren!
(Ängstlich.)
Wenn, Apoll, du mich nicht rettest, Werd ich noch des Wahnsinns Raub!
(Trauernd.)
Durch den Äther, durch die Lüfte Schwebt ich leichten Flugs dahin!-- Ihr ungetreuen Flügel, nur einen Augenblick Wünscht ich euch zu besitzen, ihr wärt mein höchstes Glück!-- Entsetzlich! Entsetzlich! Wenn Phantasie so weit es bringt, Daß sie ein Quodlibet gar singt. Doch mir leuchtet am Himmel ein tröstendes Licht, Ich fleh zu den Göttern, sie täuschen uns nicht!--
(Kniet.)
O Jupiter! der du mich einst aus deinem Hauptgebarst, Der du mir stets ein gütger Vater warst,-- Kannst du die Tochter hier gefesselt sehn? O, schleudre deinen Blitz und laß mich untergehn! O Jupiter! Erhöre mich! Höre mich!
(Ein Blitzstrahl fährt herab und zertrümmert ihre Fessel.)
Ha, ich bin frei, hohen Dank euch ihr Götter! Ha, wie durchströmt mich dies freudige Sein! Fort sind von mir jetzt die lästigen Ketten! Schnell hin zu Amphio, ihn zu befrein! Amphio, halt! Amphio, halt! Die Phantasie ist frei!
(Sie wirft einen griechischen Mantel der Zauberschwestern um und eilt ab.)
verwandlung
Das Innere des Apollotempels. Im Hintergrunde die Statue des
Apoll. Im Vordergrunde ein Seitenthron, worauf sich Hermione
befindet. Neben ihr Hofleute; ihr gegenüber die Schar der
Dichter. Dem Thron gegenüber sitzt auf dem hervorragenden Postamente einer Säule Amphio in verzweifelnder Attitüde.
Volk. Vipria, Arrogantia als Opferpriester verkleidet. Mehrere Priester des Apollo.)
19. Szene
alle dichter.
Chor. Vergebens winkt des Preises Glück, Die Phantasie kehrt nicht zurück; Und beschämt gestehen wir Unsre Geistesohnmacht hier.
vipria (im Tone des Affriduro). Verhüll dein Antlitz, hohe Muse! Hermione, hör das Unerhörte an: Alle Dichter deines Landes erklären laut, daß sie nicht fähig waren, ein Gedicht zu deinem Lob zu schreiben, und selbst Apollos hehrer Anblick sie nicht kann dazu begeistern.
amphio. Hörst du es, Nemesis?
hermione. Sind das die Weisen meines Landes, die gelehrten Männer?
distichon. Verzeih, o Königin! Gelehrsamkeit allein verfasset kein Gedicht. Wissen ist ein goldener Schatz, der auf festem Grunde ruht; doch in das Reich der holden Lieder trägt uns nur der Phönix Phantasie.
hermione (sieht auf Amphio). So lebt auf Flora keiner mehr, der Hermionens Ehre retten kann?
narr. In einem Lobgedicht gewinn ich keinen Preis, ich bin zum Schimpfen auf die Welt gekommen.
hermione (steht auf). So hebt die Feier auf!
arrogantia. Halt ein! Noch tönt die siebente Stunde nicht! Du kennest des Orakels Spruch: Ein Fremdling wird es sein!
hermione. Auch das Orakel ist bezaubert.
vipria. Lästre nicht. (Für sich.) Wo bleibet der Verräter nur?
20. Szene
vorige. nachtigall
nachtigall (von innen). He, he! Halt ein! Ein Gedicht! Ein Gedicht! (Stürzt atemlos herein.) Halt ein! Ein Gedicht und auch ein Dichter, alle zwei sind da!
alle. Was ist das?
vipria. Wie? Du hast ein Gedicht?
nachtigall. Ein schreckliches Gedicht!
narr. Mich trifft der Nervenschlag.
alle. So lies es vor!
distichon. Ja, lies!
nachtigall. Das kann ich nicht. Das hab ich nicht
gelernt. Ich sings, weil ich ein Sänger bin aus Engund
Schottenland. Merkt auf! Mein ist der Preis!
narr. Das wird was Schönes werden.
nachtigall (stellt sich in die Mitte, spielt mit der Harfe und singt). Liebe Leutchen, kommt zu mir, Will euch etwas singen, Ich will Hermionen hier Schnell ein Loblied bringen. Jeder, der sie nur erblickt, Liegt in Liebesbanden, Selbst der Weise wird berückt, Habt ihr mich verstanden?
chor. Wie gemein! Wie gemein! Was sind das für Verse?
nachtigall. Zeigt sie sich im Blumenreich, Atmet alles Wonne,
Alle Blümchen rufen gleich: Servus Hermione! Wandelt auch in finstrer Nacht, Ganz ohne Laterne, Ihre Äuglein voller Pracht Leuchten wie zwei Sterne.
chor. Ha, ha, ha! Ha, ha, ha! Das ist nur zum Lachen.
nachtigall. Und der lieben Vöglein Zahl Ist ihr recht gewogen, Auch ein alte Nachtigall Kommt herbeigeflogen; Kurz, ihr holder Nam erschallt Laut in jeder Zone, Selbst die Bären in dem Wald Brummen: Hermione!
chor. Hört den Wicht! Solch Gedicht Wagt er hier zu singen!
hermione. Bin ich zum Spotte dieses Narren hier geworden? Soll ein Gedicht das sein?
distichon. Das heißt Apoll gelästert; schleppt zum Tempel ihn hinaus!
alle. Hinaus mit ihm!
vipria. Halt ein! Erfüllen mußt du, Hermione, deinen Schwur. Er hat das beste dir gebracht, er werde dein Gemahl!
hermione. Unmöglich!
alle. Verräterei! Zu schlecht ist sein Gedicht.
vipria. Wer spricht ein besseres hier? Ich fordere nochmal auf.
amphio (leise). Wehe mir! (Allgemeines Schweigen.)
vipria. Dies Schweigen spricht dein Urteil aus. arrogantia (winkt; es donnert). Und Apoll bestätigt es.
nachtigall. Jetzt donnerts gar wegen mir.
vipria. Wagt ihrs zu widersprechen?
alle (langsam). Nein, er werde ihr Gemahl!
amphio. Entsetzliches Geschick!
narr. Je dummer der Mensch, je größer sein Glück.
hermione. So ist denn keine Rettung mehr?
nachtigall (trippelt kindisch). Ich werd König! Ich werd König!
21. Szene
vorige. die phantasie
phantasie (tritt ein, im Mantel gehüllt, ergreift Amphios Hand; leise ihm ins Ohr). Amphio, die Phantasie ist frei, nur dich begeistert sie.
amphio (springt auf, plötzlich inspiriert). Halt ein! Ich rett des Tempels Ehre hier, wage ein Gedicht. Zu kostbar ist der Preis, ich entreiß ihn dir.
alle. Apoll, wir preisen dich.
amphios gedicht. Die Nacht zieht fort ins ewig finstre Heimatsland, Die Welt umkränzt ihr Haupt mit Phöbus Strahlenband, Und wie Auror die Erd in Purpur hüllt, Entdeckt sie einen Jügling, gramerfüllt. Ein Königssohn ists, der die Nacht durchweint Und seines Auges Tau mit dem des Morgens eint. Aurora grüßt ihn sanft und strahlt ihm Trost ins Herz, Da fleht er zum Apoll, gibt Worte seinem Schmerz. Im Wunderland, das meines Vaters Reich begrenzt, Wo die Natur im tausendfarbgen Schmuck erglänzt, Thront meiner heißen Liebe Königin. Mit zartem Reiz vereint sie hohen Sinn, Es haben sich die anmutsvollen Musen Zum Sitz erkoren ihren holden Busen, Und wie sich Daphne einst dem Dichtergott entwand, So reichet sie nur einem Dichter ihre Hand. Darum, Apoll, magst du nur schnell die Muse senden, Soll Amors bittre Qual nicht bald mein Leben enden! So jammert er und fluchet seinem Leben; Da faßt sein Herz ein namenloses Beben, Mit seinem Schmerz fühlt er die Freude ringen, In Wolken hört er Harmonien klingen, Es schwebt die Phantasie auf Rosennebel nieder Und schwingt im Morgenstrahl ihr glänzendes Gefieder. "Mich hat Apoll gesandt, ihn rühren deine Leiden, Vertauschen wirst du sie mit Hymens Götterfreuden." So spricht die Phantasie, ergreifet seine Hand Und schwebt mit ihm nach Hermionens Land. Zwei kühne Aars, durchsteuern sie die Lüfte Und rauschen nieder in das Reich der Düfte. Dort wandelt sich der Prinz zum stillen Hirten um Und sucht durch Poesie zu gründen seinen Ruhm. Ihn sieht die Königin; er weiht ihr sein Gedicht, Da faßt sie ein Gefühl, ihr Herz erklärt sichs nicht, Es kämpft ihr Stolz, sie will den Kühnen hassen, Doch Eros spricht: "Du darfst ihn nimmer lassen." Ein Preisgedicht läßt sie im Land verkünden, Nur mit dem Sieger will sie sich verbinden. So wie der Fels im Meer trotzt sturmbewegten Wellen, Will des Geliebten Geist auf gleiche Prob sie stellen. Schon harrt das Volk, da kommt der Hirt heran, Trägt Wahrheit vor, nicht was die Dichtung sann, Dann tritt er auf und fordert seinen Lohn: Die Hand der Königin und Floras Thron. Wagt kühn den Kauf und schließt mit ihr den Herrscherbund, Denn wißt, ich bin der Sohn des Königs von Athunt.
alle (freudig). Heil dem Sohn des Königs von Athunt! es lebe unser neuer Herrscher!
zauberschwestern. Verdammt! distichon. Das Gedicht hat eine Menge Fehler.
hermione (stürzt in Amphios Arme). O Amphio! Mein Prinz! O nehmt mein Herz, mein Reich und meinen ewgen Dank!
nachtigall. Jetzt steh ich frisch.
amphio (stürzt zu den Füßen der Phantasie). Nur ihr gebühret unser Dank.
alle. Wer ist das?
phantasie (wirft den Mantel ab). Ich bin die holde Phantasie, die euch nicht retten konnte, bis mich Jupiter befreit, weil ich gefangen in den Händen eurer Zauberschwestern war.
vipria und arrogantia (verwandeln sich schnell in ihre wahren Gestalten um).
arrogantia. Ihr triumphiert zu früh!
vipria. Noch atmet Vipria und ihre Zauberwut! Dem Tod send ich als Braut dich zu. So stürz denn dieser Tempel ein, und unter seinem Schutt begrab dich ewge Hochzeitnacht!
(Es wird Nacht, zwischen dem Tempel und Meere sinken finstre Wolkenschleier ein. Donner und Blitz. Die Statue des Apoll samt dem Opferaltar versinkt.)
Warum trotzen diese Hallen? Wer verhindert ihren Sturz?
(Heftiger Donnerschlag, die Bühne wird licht, der Nebel verrinnt zu beiden Seiten, man hat die vorige Aussicht auf das Meer. Apollo mit den Sonnenrossen will soeben in den Schoß der Thetis sinken; der Sonnenwagen gleitet noch auf der Oberfläche des Meeres.)
alle. Weh uns!
22. Szene
vorige. apollo
apollo. Wer wagt es, meinen Tempel zu zerstören?
alle. Apoll! die zauberschwestern. Weh uns, er selbst!
apollo (steigt aus und tritt vor).
phantasie (sinkt zu seinen Füßen). Um Schutz fleht dich die Phantasie für deine Insel an. Zwei Zauberinnen rasen hier; gefangen nahm man mich.
apollo. Wer hats gewagt, die Phantasie zu fesseln?
phantasie. Diese hier.
apollo. Der Orkus strafe sie dafür! (Die Zauberschwestern versinken.)
narr. Jetzt haben sies überstanden.
apollo (zu Hermione). Ich war es selbst, der Amphio dir bestimmt. Das Orakel ist erfüllt, dein Land hat einen Herrscher aus dem Hause von Athunt; von mir gesendet war die Phantasie.
alle. Heil Apoll dir!
apollo. Mein Tempel ist zerstört, baut einen neuen auf und heiligt ihn der Phantasie; sie wird vereint mit mir in Zukunft eure Insel hier beschützen, die auch von heute an die Dichterinsel heißt.
nachtigall. Den Namen kriegt s nicht wegen mir.
narr. Ich such mir jetzt ein Land, wo lauter Narren sind.
nachtigall. Und ich schau, daß ich eine Nachtigalleninsel find.
apollo. Wer ist der Fremdling hier?
nachtigall. Jetzt kommt er über mich, das wird a schöne Wäsch.
distichon. Aus England ein Minstrel.
nachtigall (kniet nieder). Und Harfenist aus Wien, die Rabenschwestern haben mich entführt.
hermione. Ich nehme ihn zum zweiten Narren auf.
nachtigall. Ich küss die Hand.
narr. Den Kerl bring ich um.
nachtigall. Ich bin der singende und das der redende, ich hoff, daß man mit beiden wird zufrieden sein.
apollo (zur Phantasie). Die bunten Flügel hat man dir geraubt, dich werden künftig goldne zieren! Zu
Amphios Vater sei dein erster Flug, bericht des Sohnes Glück dem König von Athunt!
phantasie (tritt vor). Ein Schlußwort spricht die Phantasie, O lohnt mit Nachsicht ihre Müh! Wenn sie auch Kleines euch gebar, So denkt--daß sie gefesselt war.
apollo. Die Götter wachen über euer Los, Mir winkt die Nacht, ich sink in Thetis Schoß.
(Er geht zurück und steigt in den Sonnenwagen, mit welchem er langsam untersinkt. Eine allgemeine Abendröte verbreitet sich über die ganze Bühne. Die Meereswellen erglänzen mit roter Folie und der Chor dauert solange, bis Phöbus ganz im Meere ist. Die Hinterkurtine, welche reinen Horizont vorstellt, hebt sich bei dem Sinken des Sonnenwagens, und es präsentiert sich auf ihr die Abendröte.)
chor. Sink hinab, du heißer Tag Und vergolde dir dein Grab, Doch zum schönern Lebenslauf Strahle morgen neu herauf!
(Der Vorhang fällt.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die gefesselte Phantasie, von Ferdinand Raimund.
End of Project Gutenberg's Die gefesselte Phantasie, by Ferdinand Raimund