Die gefesselte Phantasie

Part 3

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nachtigall. Und ich bin ein Rasender. Und wenn Sie noch so weit gereist sind, in meinen Augen sind Sie doch nicht weit her.

wirt. Jetzt sei der Herr still, oder ich red’ aus einem andern Ton.

nachtigall. So stimmen Sie einen an! Ich red’ einmal aus dem F.

wirt. Ich sag’ drauf G. (Zeigt auf die Tür.)

nachtigall. Was G! Solche Buchstaben stoßen sie aus? Ah, jetzt muß ich als Harfenist andre Saiten aufzieh’n. schuster. So, jetzt geht er über’n Wirt auch.

wirt. Ich verbiet’ Ihm mein Haus ganz.

nachtigall. Das können Sie nicht ganz, weil Sie noch die Hälfte drauf schuldig sein. Übrigens sind Sie in meinen Augen ein braver Mann, aber Ihr Bier ist nichts nutz.

wirt. Weil Er seine Grobheiten nicht aufgibt, so geh’ Er gleich.

nachtigall. Weil ich meine Grobheiten nicht aufgib’, so bleib’ ich gleich. Allen Respekt vor meine verehrten Gäst’; aber meine Herren ich fordere Sie bei Ihrer Ehr’ auf, können Sie mir etwas Höfliches nachsagen?

alle. Nein, das ist wahr.

nachtigall. Sehen Sie, nur eine Stimm’. Ich bin ein gerader Mann, ich laß mich kerzeng’rad bei der Tür hinauswerfen, ich geh’ doch wieder herein; ich weiß schon warum; aber zwei Leirer in einem Wirtshaus tun nicht gut. Das ist ein Harfenist, der muß hinaus!

alle. Er muß hinaus!

nachtigall. Ich will sehen, wer mich aus dem Haus bringt.

21. Szene

(Die Kellerei verwandelt sich in eine finstre Wolke, aus der Vipria tritt.)

vorige. vipria

vipria (stark). Ich!

nachtigall. O Jegerl, der Mon-Mon!

(Sie verschwindet mit Nachtigall. Feuer strömt aus der Erde.)

alle (in Staunen). O Spektakel, was ist das?

(Heftiger Donnerschlag. Ein Blitzstrahl fährt schief über die Hinterwand und spaltet sie, so daß die untere Hälfte eine Art Dreieck bildet. Der obere Teil stürzt ein, und man sieht in lichter Ferne ganz im kleinen einen Wolkenwagen mit Nachtigall und Vipria schweben, während es vorne finster bleibt.)

(Die Kurtine fällt.)

(Ende des ersten Aufzuges.)

II. Aufzug

(Romantische Gegend vor dem kolossalen Palaste der Zauberschwestern. Zwei weiße Löwen liegen vor dem Eingange. Vipria sinkt unter leiser Musik mit Nachtigall in ihrem Wolkenwagen nieder, sie streiten noch während dem Niedersinken.)

1. Szene

vipria. nachtigall

nachtigall. Lassen S’ still halten, ich bleib’ einmal nicht.

vipria. Schweig!

(Der Wolkenwagen ist am Boden; Nachtigall springt erzürnt heraus.)

nachtigall. Wann ich aber nicht will! Da haben wir’s, jetzt geht s’ mit mir in einem Land nieder, wo ich gar nimmer z’Haus find’, da muß ich verhungern. Das ist eine unwirtbare Insel, wo soll ich da einen Wirt finden, der einen Harfenisten braucht?

vipria. Beruhige dich, ich werde schon deine Tafel besorgen.

nachtigall. Sie? Nun da hab’ ich schon gegessen, wenn ich das hör’. Sie führen mich nimmer an.

vipria. Die Zunge halt’ im Zaum, Räson nimm an.

nachtigall. Was Räson! Ich räsonier’ genug. Wie können Sie eine ordentliche Person sein? Sie kommen ganz allein ins Wirtshaus, wie ein Husar, packen mich auf und entführen mich, mich unschuldsvollen Mann, schamen Sie sich nicht?

vipria. Ich habe dich zu deinem Glück entführt.

nachtigall. So? Und da kommen Sie mit der Equipage? Da kommt man mit sechs Rappen, aber nicht mit sechs Raben; da muß einer ja rabiat werden.

vipria. Und doch werd’ ich dich hoch erheben.

nachtigall. Ich bedank’ mich für eine solche Erhebung, wenn ich in der Luft oben häng’, und fliegen die Raben um mich herum. Wollen Sie ein Rabenbratel aus mir machen?

vipria. Ein Bettler bist du jetzt, ein Krösus sollst du werden.

nachtigall. Ah, da muß ich bitten, jetzt heißt s’ mich gar einen Bettelmann? Haben Sie meine glänzenden Verhältnisse nicht bemerkt? Haben Sie nicht g’hört, wie mich der Wirt auf den Glanz hergestellt hat? Jetzt werden Sie gleich mit mir gehen und werden mich an ein’ Ort führen, wo ich Sie verklagen kann.

vipria. Den Löwen schenk’ ich dich zum Mahl, wenn du dich nicht in meinen Willen fügst.

nachtigall. Was für Löwen? (Sieht sich um und erblickt das Gebäude samt den Löwen; erzittert.) O sapperment, das sind zwei Bologneserl. (Auf einen Löwen deutend.) Das eine muß ein Weibel sein, sie kokettiert auf mich. Jetzt zieh’ ich andre Saiten auf. (Fällt auf die Knie.) Verehrteste, ich bin jetzt, was Sie wollen; ich bin ein Bettelmann, ein Bettelweib, eine ganze Bettelfamilie, wenn Sie befehlen; ich bitt’ gar schön, schenken S’ mir nur ein bissel mein Leben.

vipria. Steh auf! Gib Augen deiner blinden Furcht und sieh dich um im Vaterland der Blumen.

nachtigall (bleibt knien). Ich weiß es; ich bin voll Respekt; ein schönes Land, ich küss’ ihm die Hand, und blumenreich! Mir hat’s von weitem schon g’fallen, ich hab’s für ein großes Garteng’schirr g’halten.

vipria. Entzückt dich nicht der Wohlgeruch?

nachtigall. Das glaub’ ich, die Woll’ riecht sehr gut, das ganze Land ist ein völliger Pomadetiegel!

vipria (beiseite). Der Narr taugt ganz für meinen Plan. (Laut.) Steh auf! Dies Land ist nicht so unbewohnt, als du es wähnst, hier atmen Tausende, und über sie herrscht eine junge und eine schöne Königin.

nachtigall. Also zwei Königinnen? Eine junge und eine schöne? Nun, wenn die junge auch schön ist, und die schöne auch jung, da muß einem schon die Wahl weh tun. Das wär ein Glück, wenn ich da Harfenist werden könnt’.

vipria. O du bescheid’ner Wurm! An ihrer Seite wirst du herrschen, morgen schon.

nachtigall. Hören S’ auf, Sie Gspaßige, Sie foppen mich. Eine Kinigin soll ich erhaschen? Ein’ Kiniglhasen vielleicht.

vipria. Zum Werkzeug meiner Rache hab’ ich dich entführt. Noch heute abend wirst du hier ein Preisgedicht verfassen, wodurch die Hand der Herrscherin dir werden muß. Unter Tausenden wirst du das Beste liefern.

nachtigall. Das Beste liefern? Selt’ne Tugend eines Lieferanten.

vipria. Jetzt eilst du hin und meldest dich in jenem herrlichen Palast; dort gibst du vor, du wärest ein Minstrel, ein Sänger aus dem fernen Engelland, dir wär’ Apoll’ erschienen im Begeist’rungstraum und hätte dir befohlen, in dies Land zu segeln und der Dichtkunst Ehre hier zu retten, und eine Würde zu erringen, die deinem Geist gebührt und deinem Stolz.

nachtigall. Das wird ein ungeheurer Triumph werd’n mit dem zerrissenen Hut und dem g’flickten Rock.

vipria. Ein Wink von mir wird dich in goldene Kleider hüllen, und eine goldene Harfe schenk’ ich dir.

nachtigall. Ah, da werd’ ich eine goldene Schneid’ haben, da geben S’ acht. Das ist die neueste Erfindung in der Medizin, daß Gold die Nerven stärkt, und wie haben s’ das entdeckt?--Da haben s’ einen armen Teufel, der vor Hunger kaum mehr geh’n hat können, alle Säck’ voll mit Dukaten gefüllt, und auf einmal hat sich eine solche Kraft bei ihm geäußert, und er ist so impertinent geworden, daß er die schönsten Leut’ bei der Tür hinausg’worfen hat. Bums, haben s’ ihm das Gold wieder weggenommen, und er war wieder so miserabel wie vorher.

vipria. Ich will an dir erproben diese Kraft. Geh hin, du wirst dort viele Dichter treffen, doch lache ihres Spotts. Zu Hermione laß dich führen, so heißt die Königin, dort bläh’ dich auf, durch Prahlerei vermehr’ die Häßlichkeit, die dir Natur verlieh’n, damit dein Anblick ihre Heiterkeit vergifte, dann kehrst du schnell zurück und schlägst an dieses Tor; hier wirst durch fremde Phantasie du das Gedicht erschaffen, das dich zu Hermionens ew’ger Qual zum Herrscher stempelt ihres Reichs und ihrer halb verlosch’nen Reize.

nachtigall. An das Tor soll ich anklopfen, wo die zwei Hausmeister vor der Türe liegen? Das laß ich bleiben! Wenn einer unrecht versteht, so macht er statt der Tür den Rachen auf. Da geh’ der Aken hinein, ich nicht.

vipria. Den Löwen kümmert nicht die Maus. Geh hin, versuch’s, die Schwester öffnet dir.

nachtigall. Jetzt haben die zwei Löwen eine Schwester auch noch. Was ist zu tun? Hier zwei männliche Löwen, (Auf Vipria deutend.) dort ein weiblicher Tiger. Wer ist jetzt bissiger? Aufs Beißen geht’s einmal los. (Entschlossen.) ich halt’s mit die Löwen. Doch, vielleicht sind sie ebenso großmütig als ich kleinmütig bin. Mut, Richard Löwenherz! (Lauft hin, klopft schnell an und springt gleich wieder zurück.) Getroffen hab’ ich! Was ich getroffen hab’, das wird der Himmel wissen.

2. Szene

(Die Torflügel springen auf, Arrogantia tritt heraus.)

vorige. arrogantia

arrogantia. Wer wagt es, anzupochen hier?

nachtigall. So ist’s recht! Eine war nicht g’nug zu meiner

arrogantia. Was willst du, Übergang vom Affen zu den

nachtigall. Da haben wir’s! Ich hab’s ja g’wußt, der

vipria. Wie kannst du den beschimpfen, den mein Blick Qual, die Fortsetzung kommt auch noch heraus. Menschen? zweite Teil ist immer schlechter als der erste. aus Millionen sich zum Werkzeug hat erkoren?

nachtigall. Just mich hat’s erwischt; das ist ein solches Glück, als wenn der zehnte Mann erschossen wird. vipria. Hier stell’ ich dir den Helden dieses Tags, den künft’gen Schach der Insel, vor.

arrogantia. Welch eine herrliche Karikatur! Ha, ha, ha! Freund, du bist die schönste Mißgestalt, die ich erblickt noch hab’.

nachtigall. Ich bitt’ recht sehr, meine schöne Bella- Donna, Sie sind zu gütig. Nein, was die für eine Beschreibung von mir herausgibt, das ist schandvoll.

vipria. Was macht die Phantasie? Hat sie den Käfig nicht zertrümmert?

arrogantia. Verzweiflung hat in ihr gewütet, doch blickt sie ruhig jetzt um sich, und bald erglänzt ihr Aug’, bald spiegelt eine Träne sich in ihm.

vipria. Sie dauert mich, die arme Nachtigall.

nachtigall. Also da drin haben s’ auch eine Nachtigall? Auf die Letzt geh’n die herum und fangen die Nachtigallen zusamm’. O ich unglücklicher Nachtigall! Auf die Letzt komm’ ich in ein Vogelhaus und muß aus einem Nirschel saufen, und mir ist ein Maßziment zu klein.

vipria. Wie steht’s mit unserem Dichterschwarm? Wirkt ihre Gefangenschaft auf ihn?

arrogantia. Herrlich! Alle Dichter dieser Insel rennen in geistloser Verwirrung durcheinander; auch nicht ein Vers steht ihren hohlen Köpfen zu Gebot, seit sich die Phantasie daraus entfernt.

vipria. So komm, ich will der Phantasie verkünden, wodurch sie ihre Freiheit kann erringen. Unterdessen wird sich dieser im Palaste Hermionens zeigen. Berühre ihn mit deinem Pfeil!

arrogantia. Erglänze, Kies, und werd’ zum Edelstein, von außen wenigstens! (Sie berührt Nachtigall; er hat ein mit Gold gesticktes Staatskleid an.)

vipria (berührt einen Baum, es hängt augenblicklich eine gold’ne Harfe daran). Und ich schenk’ diese Harfe dir, geh hin und lasse sie erklingen; Durch Harfenton erfreutest du so manches trübeHerz, Doch heute bring’ ein fröhliches durch ihren Klang zum Schmerz! Erring’ durch sie das Preisgedicht, du Sänger froher Lust, Und bohr’ dadurch den Rachepfeil in Hermionens Brust!

(Beide ab in ihren Palast.)

3. Szene

nachtigall allein

nachtigall. Jetzt laufen s’ alle zwei davon und lassen mich allein da steh’n. Wenn ich nur ein Wort verstanden hab’ von der ganzen Schnatterei, so bin ich ein schlechter Mann. Ich weiß gar nicht, was s’ mit mir da wollen. Wann ich lieber in meinem Bierhaus wär’, mir wird mein Lungenbratel kalt, das ich ang’schafft hab’. Und tu ich nicht, was sie schaffen, so bringen s’ mich am Ende gar um, die zwei Bißgurn. Anzogen hätten s’ mich schön, es könnt’ was herausschauen; aber ich kenn’ mich nicht aus, mir bleibt der Verstand aus, und ich soll ein Preisgedicht machen! Um keinen Preis, das kann ich nicht. Lieder hab’ ich genug gemacht, ich war sehr liederlich--will ich sagen liederreich; aber andere Vers’, gerührte, die hab’ ich noch nie versucht.--Ach was, ich verlasse mich auf meine zwei Rabenschwestern. Ich geh’ jetzt einmal in den Palast und hol’ mir entweder einen tüchtigen Respekt oder tüchtige Schläg’ ab. Der Zufall ist ein kurioser Kerl, der hat schon manchen herausgeholfen.

Arie. Der Zufall, der sendet viel’ Vögelchen um Von zweierlei Gattung per se, Die flattern der Welt um die Nase herum Und bringen ihr Wohl oder Weh’. Die Glücklichen hab’n eine rote Bordur, Die Schlimmen sind schwarz wie ein Rab’, Doch streifen die roten auf blumiger Flur, Die schwarzen, die fliegen talab. Drum send’ mir, o Zufall, ich bitte dich fein, Ein rosiges Vögelchen heut’, Das flieg’ in den Saal meiner Zuhörer ’nein Und stimm’ sie zur Nachsicht und Freud’; Dann schwing’ ich die Harfe, erob’re die Braut Und führ’ sie im Jubel nach Haus. Doch ist sie mein Weibchen, dann rufe ich laut, Freund Zufall, jetzt pack’ dich hinaus! Die Treue darf nie bloß durch Zufall besteh’n, Der Zufall bringt oft ein’ Chapeau, Und Zufälle, die durch ein’ Dritten entsteh’n, Die machen nur selten uns froh, Doch stürbe mein Weibchen, fatale Geschicht’ Mein Wunsch wird es niemals zwar sein, Dann, glücklicher Zufall, vergesse mich nicht, Find’ mit einer andern dich ein.

(Geht ab.)

4. Szene

(Hermionens Palast.)

odi und alle Dichter der Insel stürzen herein

chor (zu Odi). Laß uns vor, eile hin, Rufe schnell die Herrscherin! Wir erdulden nicht die Qual, Sie verschieb’ die Dichterwahl!

odi. Seid ihr denn unsinnig geworden; hat das Dichten euch die Sinne verwirrt? ein dichter. Vorbei ist’s mit der Dichtkunst hoher Gabe, wir sind behext, uns fällt kein Vers mehr ein. Hermionen bitt’ hieher, wenn du ein Freund zu deinem Rücken bist.

alle. Ja, hörst du, Wicht!

odi (schreiend). Ich höre schon. (Für sich.) Du grobes Dichtervolk! (Geht ab.)

5. Szene

vorige. narr.

narr (eilt herein). Ist’s wahr, was ich gehört? Die Hypokrene ist vertrocknet, die Dichtkunst sitzt auf dürrem Sand? O weh, o weh, o weh!

alle. Hermione ist für uns verloren.

narr. Fällt euch denn gar nichts ein?

alle. Gar nichts.

narr. O arme Waisenkinder des Apoll’, ich will nach Deutschland reisen und bei unsern Dichtern eine Gedankenkollekte für euch machen.

6. Szene

vorige. distichon

distichon (verstört, rasch eintretend). Verrat! Verrat! Mein Geist hat sich empört!

narr. Dem Himmel sei gedankt, hier ist der Weisheitsmillionär.

distichon. O Brüder, stimmt in meine Klage ein! Apoll’ hat mich verflucht. Verzweiflung, nimm als Sohn mich an!

narr. Da kriegt s’ ein sauber’s Kind.

distichon. Verloren ist mein Geist, wo find’ ich ihn?

narr. Ich trommle ihn dir aus, dein Geist ist ein verlorner Schlüssel, dir geht er ab und andern nützt er nichts.

distichon. Gar, gar nichts fällt mir ein, und heut’ soll ich den Preis erringen!

narr (kniet sich nieder). O du Herkules aller Dichter, ich winde mich im Staube und bewundere deine Unwissenheit.

distichon (verzweifelnd sich vor die Stirne schlagend). O! hätte ich meine Gedanken in Spiritus aufbewahrt--

narr (ebenso). O! hätte ich meinen Witz an einen Eseltreiber verschenkt--

distichon. So dürft’ ich die Schmach nicht erleben, der Narr dieses Narren zu sein.

narr. So dürfte ich die Schand’ ihm nicht antun, an Euch ihn zu üben.

7. Szene

vorige. hermione

hermione (schnell). Wer ist’s, der mich begehrt? Was will die bunte Menge mir?

narr. Die Verzweiflung hält ihren Triumpheinzug hier.

hermione. Hier ist nicht euer Platz, im Tempel seh’n wir uns; zu flink war euer Geist.

distichon. O Königin! Laß mich zu deinen Füßen sterben!

hermione. Stirb im Gedicht, nicht in der Wirklichkeit, ein Distichon darf nur in Versen enden.

distichon. An Knittelversen werd’ ich noch ersticken. Unmöglich ist’s uns heut’, dich, hohe, zu besingen. Es ist, als hätten alle wir nur einen einz’gen hohlen Schädel, aus dem die Dummheit selbst mit einem ungeheuren Besen die Vernunft hinausgefegt. Ein Zauberkrampf zieht unser Hirn in einen Knau’l zusammen.

hermione. Bist du mein Hofpoet, was sprichst du so gemein?

distichon. Das ist das Schönste, was ich noch den ganzen Tag gesagt, ich kann nichts Edles denken mehr, und wo ich hinseh’, (Sieht auf den Narren.) seh’ ich ein Fratzengesicht.

narr. Ich auch.

distichon. Darum, o Herrscherin, verschieb’ den heut’gen Preis, wir können dich heut’ nicht erringen; laß uns bis morgen Zeit, wenn du nicht unbesungen aus dem Tempel eilen willst.

hermione. Die Furcht ist es, die euren Geist bestrickt. Wie wagt ihr’s zu behaupten, daß hier außer euch kein Dichter lebt? Bestraft sei euer Stolz, ich halte meinen Schwur, und ich erneu’ ihn hier: "Und wenn’s ein Bettler ist! Verse will ich klingen hören, Hermione heißt der Stoff, sieben ist der Stunde Zahl." Jetzt eilet hin und erjammert ein Gedicht, weil ihr zu feig es zu ersinnen seid!

distichon. So leb’ denn wohl, du stolze Dichterbraut! Kommt, ihr enterbten Söhne der lyrischen Muse, erleichtern wir durch Schimpfen unser edles Herz. Wir sind doch Genies, der Zeit zum Trotz, und wenn wir gar nichts wüßten, so wissen wir doch das. Wir finden uns im Tempel ein, vielleicht, daß sich die Zaubernacht in unsern Köpfen lichtet; dann brüllen wir die Verse gegen seine Kuppel, daß sie erzittert und unser eignes Echo uns den Preis entgegenruft.

(Läuft ab.)

alle. Ja, das wollen wir. (Ihm nach.)

narr. Jetzt haben s’ ihm’s geben! O ihr Verseverarmten, prosaischen Bettelhunde!

hermione. Das ist Apollos Werk. Amphio, nun hast du leichteres Spiel.

8. Szene

vorige. odi

odi. Gebieterin, ein Fremdling bittet um Gehör, er richtet viele Grüße von Apollo aus, der ihn gesandt. Er ist der schnellste Schwimmer, den das Meer je trug, in einer Nacht schwimmt er von England her. Es ist ein spaßiger Patron.

narr. Vielleicht Apollo selbst. hermione. Ist es ein schöner Mann?

odi. Von weitem hielt ich ihn für einen Pavian; in der Nähe magst du selbst ihn hier betrachten.

9. Szene

vorige. nachtigall mit der goldenen Harfe

nachtigall. Arie. Serviteur! Serviteur! Ist Ihnen allerseits ein’ Ehr.-- Ich bin ein fremder Dichtersmann, Das sieht mir jeder Narr gleich an, Und schwimme übers Rote Meer Als gold’ner Fisch aus England her.-- Apollo selbst ist mein Herr Vetter, Im Himmel lauf’ ich ab und zu, Und erst mit alle andern Götter Da bin ich gar auf du und du. Kurzum, ich bin hierher gekommen, Weil, wer ein Preisgedicht ersinnt, So hab’ die Nachricht ich vernommen, Am ersten Ruf die Braut gewinnt. Drum lach’ ich mir voll an den Buckel, Der Sieg, ich wette drauf, ist mein; Ich stiehl’ Fortunen ihre Kugel Und scheib’ als Dichter alle neun! Hab’ ich die Ehre, die Prinzessin Hermione zu betrachten?

hermione. So ist es, Freund, du hast dich nicht geirrt.

nachtigall. Bin ungemein erfreut! (Beiseite.) Ach, das ist eine liebe Person, wenn die meine Frau ist, schau’ ich vierzehn Tag’ kein’ andre an. (Zum Narren.) Und wie heißt dieser Herr?

narr. Ich heiße Muh.

nachtigall. Ein schöner Nam’, so leicht, so flüssig--eine jede Kuh kann ihn aussprechen.

narr. Ich hab’ ihn auch schon aus eines Esels Mund gehört.

nachtigall. Vielleicht ein Anverwandter der Prinzessin?

narr. Der Hofnarr bin ich hier.

nachtigall. Hofnarr? Fidonc! Da gehört er in den Hof hinunter, Freund, und nicht in den Saal herauf.

narr. Heut’ ist schon so ein Tag, wo alle Narren eingelassen werden, sonst wärst du auch nicht da.

nachtigall. Also wie steht’s mit uns, Verehrteste!

hermione. Mit uns? Du sprichst sehr kühn, mein Freund.

nachtigall. Ja, wer wird denn da viel’ Umständ’ machen! Wir werden heut’ abend Mann und Weib.

hermione (lächelnd). Weißt du das so gewiß?

nachtigall. Gar kein Zweifel! Sie sind der Preis, der ausgesungen wird, und ich der entsetzlichste der Dichter in der Welt, das merkt man gleich an der-- wie sagt man nur--nun an Verschiedenem.

narr. An der Ideenfülle hauptsächlich.

nachtigall. Das will ich hoffen; die gefüllten Ideen sind immer besser als die ungefüllten, das ist so wie mit den Krapfen. Übrigens hab’ ich als Dichter eine außerordentliche Leichtfertigkeit, ich hab’ schon über fünfhundert Trauerspiels geschrieben, und je mehr als ich schreibe, desto trauriger wird das Publikum.

hermione. Kennst du den Homer?

nachtigall. Nein! Aber den Humor kenn’ ich, und der soll mir auch Ihr Herz erobern. Auch darf man gar nicht glauben, daß ich ein armer Teufel bin, ich hab’ in England schöne Revenuen.

narr. Also nicht der arme Poet von Kotzebue?

nachtigall. Nein, der reiche, aber es sind nicht alle so reich. Es gibt geschickte Dichter, wenn sie den Mund auftun, machen sie sehr witzige Ausfälle, aber wenn sie den Sack aufmachen, fällt ihnen nie was heraus. Doch zur Sach’ jetzt! Mein Herr Vetter, ein g’wisser Apollo, ist mir die vorige Nacht im Traum erschienen, hat mir Ihre Hand versprochen und den heut’gen Abend zur Vermählung b’stimmt. Machen Sie also keine Umständ’ und fügen Sie sich in sein’ Willen. Meine Aufwartung hab’ ich g’macht, ich werd’ jetzt noch ein klein’s Jausenschlaferl machen, und dann fang’ ich zum Dichten an, daß der Rauchen auffliegt. Und eh die Sonne in das Meer noch plumpst, bin ich so glücklich, Ihr Gemahl zu sein. (Will ab.)

hermione. So lebe wohl; beweise bald, ob du ein Meister in dem Versbau bist.

nachtigall. Was Bau? Verzeihen Sie, da muß ich nochmal umkehren. Ein Baumeister bin ich nicht, das sag’ ich gleich.

hermione. Ist nicht die Dichtkunst mit der Baukunst formverwandt? Denn wie der Bauherr Stein an Stein aus edlem Marmor füget, so reihet der Poet Gedanken an Gedanken und bindet sie durch seines Witzes Mörtel.

nachtigall. Sie irren sich. Wissen S’ was für ein Unterschied ist zwischen einem Dichter und ein’ Baumeister? Wenn einem Dichter was einfallt, ist ’s ihm eine Ehr’, wenn aber einem Baumeister etwas einfallt, das ist eine schöne Schand’, das glauben Sie mir, der ich die Ehre habe mich zu empfehlen. (Ab.)

10. Szene

vorige ohne Nachtigall

hermione. Ein sonderbarer Mensch; ein Abenteurer ist’s, der hier sein Glück versucht; doch er erheitert mich.

narr. Wenn der den Preis gewinnt, dann gibst du unterm Preis dich weg.

hermione. Schweig’, Narr! Ein Dichter ist er nicht, doch besser scheinet sein Gemüt als deines zu sein, und seine Laune könnte deiner leicht gefährlich werden. Verlaß mich jetzt!

narr (für sich). So muß sogar ein Narr auf seiner Höhe zittern. O undankbare Welt! Da glaubt so mancher oft, er wär’ allein der Narr im Haus, da kommt ein and’rer her und sticht ihn wieder aus; und dieser and’re wird von einem andern Andern dann verdrängt, und so zerstreiten sich die armen Narren ums traur’ge Narrentum. Ein jeder möcht’ der größere sein, und jeder narrt sich selbst. O eitle Narretei, o närr’sche Eitelkeit! Ich wollt’, ich hätt’ brav Geld, dann mach’ ein Narr’n, wer will! (Ab.)

hermione (allein). Gemeiner Neid, der selbst den Weisen schändet oft. O Amphio, wie wird man dich beneiden, wenn dich die Myrte und der Lorbeer schmückt.

11. Szene

vorige. amphio verstört und bleich

amphio. O Hermione, find’ ich dich! Wenn du mich je geliebt, so blick’ mich gütig an!

hermione. Was quält dich, Amphio? Was führt dich jetzt hierher?

amphio (starr). Laß mich in deine Augen schau’n, ich bitte dich, so lang, bis sich mein Geist an ihrem Strahl entzündet.

hermione (sieht ihn verwundert an).

amphio. Ich danke dir. (Er macht das Spiel, als wollte er sich durch ihren Anblick zum Dichten begeistern, und vermag es nicht; er geht daher hoffnungsvoll einen Schritt von ihr und sagt, nachdenkend gegen Himmel schauend.) So--so--nun wird es gehen. (Immer unruhiger.) Flamm’ auf, Gemüt, flamm’ auf! (Verzweifelnd.) Es ist umsonst, sie ist für mich verloren! (Will ab.)

hermione. Wo willst du hin?

amphio. Ins Meer. (Lacht wild.) Ich will Neptun mich weih’n.

hermione. Doch seiner ungetreuen Tiefe nicht?

amphio. Sie ist nicht tiefer als mein Schmerz, und seinen Wellen kann ich nur vertrau’n, warum’s in ihren Grund mich reißt.

hermione. Bist du mein Amphio? Hermione sei der Stoff, sprach das Orakel heut’, und so besingst du mich?

amphio. So wisse denn, ich kann dich nicht besingen; mein Geist ist wüst, mein Herz ist kalt; seit du mich sprachst, bin ich nicht Amphio mehr.

hermione. Ermanne dich, dir fehlt Vertrau’n auf deine Kraft.