Die Fürstin

Part 3

Chapter 32,425 wordsPublic domain

Du sollst alles haben, meine wilde Katze. Meine Preise will ich dir geben, die silbernen Pokale, die Bilder und die Spitzen, meine Figuren will ich dir schenken. Nichts soll mir noch sein. Heute Nacht will ich den Eindruck deines Bildes mit meinen Blicken in den Baum schleudern, daß es, unsäglich gehoben, wie ein zuckender Stern den Himmel durchbricht.

Aber ich werde dich nicht besitzen.

Du . . . . mein Blut . . . . Mein Blut ist wie ein Büffel auf der Steppe im Frühling nach dir, Ich will es dumpf machen. Ich will die Herzklappe schließen, daß sie anschwillt. Ich will es ertragen.

Ich will lächeln, und die Zunge in den Hals zurückstoßen, daß ich ersticke am eigenen Atem, der nach deinem Munde rauscht. Fieber wird mich ausbrennen -- ich aber will deine Hand halten ruhig und selig wie ein Kind die Schnur seines Drachen, der groß und schön in einem flockigen Abend steht.

Ich will mein Blut züchtigen, daß es nicht weiter fließt wie bis an die Handgelenke. Mögen Katarakte in meine Knie stürmen, du wirst nicht sehen, wenn sie aufgewühlt stehn.

Denn es gibt einen Tag, der bleiben muß: aufgerissen und kühn über jeder Umarmung . . . . gibt einen Tag der bleiben muß. Freude stirbt in jeder Umarmung: Unendliche Freude unseres staunenden Lachens am ersten Tage wird darin sterben. Aber wir hatten zu viel Traurigkeit, wir hatten zu viel einsame Nächte voll Wahnsinn, du hast mich gefürchtet, und ich haßte dich, wir brauchen diese Zeit.

Seligkeit soll einwachsen, Fürstin, in unsere Seele zuerst und sicher wieder, bis sie klar darin schwebt wie eine Kuppel in Kathedralen, wie ein Dolch in deinem gerundeten Wappen. Darum Fürstin will ich mein Blut niederwerfen, wie Moses die Amalekiter hinschlug, indem er die Hand hochstieß, senkrecht in den Himmel.

Dies ist mehr -- und ich weiß es brennend und stärker aus vielen Umarmungen -- als morgen schon die brünstige Nacht mit dir: daß ich später über allen Rausch hinweg, der komme, nur die reine unendlich große Luft der Ewigkeit dieser zwei Tage spüre, wenn ich an dich denke, wie ich es tat, als ich nach Hause ging und deinen Brief fand, der dich ansagte wieder . . . . und als die Schatten noch unbeknospter Birken in Mond und Dämmerung auf den Asphalten froren . . . . wie es steht in mir tänzerisch und steil auf der hochgerissensten Welle: Wie du auf der Alten Mainbrücke standest. Wasserruch dich umspannte, letzte Sonne, als der Fluß, ruhiger verströmend, dich plötzlich liebte, Horizont aufbrach um dich, gelb und ungeheuer, und dich mit wilden Schreien die Mildheit hundert weißer Möven umflatterte . . . . und dann wie du durch den Laternenabend Würzburgs neben mir gingst in der fließenden Schönheit deines fürstlich grünen Kleides, und, die ich dir in einem Wagen am Ufer gekauft habe, die glasgoldenen Kugeln von zwei Apfelsinen in den Händen, strahlend wie deine eigenen Brüste über die Kaiserstraße trugst.

TRAUM

DIES erste ging rasch vorüber, wir waren durch Wald gefahren, der Wagen hielt. Wir steigen aus. Die Pferde rennen weiter. Nun ist es Sommer.

Die silbrige Allee dreht um. In gelber Sonne leuchtet mit Spiegelscheiben das französische Landhaus. Syringen und Springbrunnen sind darum gezogen. Die Fürstin lächelt aus braunem Gesicht, und ihr Lächeln wirft alles zurück, die Zeit und die Schmerzen. Wir sind da. Ich reiße sie hinein.

In ihren Gelenken schaukelt Liebe, sie berauscht die Luft. Sie gleitet durch die Räume. Ihre Finger weisen, zeigen, deuten, Wände, Bilder, die Vasen, sie lächelt vor Sehnsucht, das braune Gesicht strahlt in wildem Schein auf, ihr federndes Bewegen zündet bunte Abenteuerlichkeit in die Landschaft. Da stürzen die Munde zusammen.

Hier ist ein Sommer, den wir durchleben wollen. Ganz über dem Horizont steht blauer duftender Himmel gespannt über den Mähnen der blonden Weizenfelder, und er wird noch zärtlicher um ihre Fremdheit, die mit Goldregen die Bläue verblaßt, und sich versträhnt dem dunklen Duft des Flieders. Die Fenster stehen weit gegen die Landschaft.

Dann kam der Traum:

In dieser ersten Nacht, wo Tau durch die Monddämmerung spann im Park, träumte ich, daß ich die Fürstin suche, und im Schlaf war die Gegend verändert im Grund. Ich war in einer Stadt mit alten Giebeln, durch die eine Straße lief mit schräger enger Front. Die Häuser erhielten Höhe mit großen Baracktoren, mit Erker und vermooster Skulptur und gestaffeltem Dachzug. Dennoch schien eins dem andern gleich. Eine Luft lag dick und dumpf in der Straße. Die Fenster schienen blind und reglos. Kein Geräusch, kein Ton durchdrang die Luft. Selbst meinen Schritt hörte ich nicht.

Ich trat in eine Torfahrt, die Fürstin zu suchen, da schien sie mich vertraut und freundlich aufzunehmen. Ich sah mich um. Da kam es mir, daß ich sie oft mit ihr durchschritten hatte, und Rührung durchlief mich tief. Durch einen schmalen Hof an Seitenflügeln hinunterschreitend, hörte ich Wasser, es war, als laufe ein Fluß hinter dem Gebäude. Ich trat ein. Sieben Kinder mit hellen Haaren umringten mich, aber sie kannten die Fürstin nicht, als ich danach fragte. Dennoch durchsuchte ich alle Zimmer, ich verschonte nichts, aber ich fand sie nicht und stand mit einemmal neu auf der Straße.

In der Schwüle war eine leichte Bewegung, ich begriff sie nicht und horchte erstaunt. Dann aber merkte ich, daß die großen Scheiben der Läden Falten hatten und sich im Kreise drehend in die Straße hineinschlugen und zurückebbten. Ich blieb stehen und besah die Häuser alle nachdenklich.

Dann nahm ich ein anderes Haus und trat hinein, und stieg ohne Pause auf einer immer gedrehten Treppe. Es liefen viele Gänge strahlenförmig davon aus. Aber ich ließ sie hochmütig und schlug eine kleine Seitenloge ein und wußte nun sofort an der Tönung der Wände, am Geruch der Geländer, ich wußte es wie im Irrsinn, hier sei die Fürstin, und Freude brach mir aus dem Gesicht.

Ich sah eine Tür und drückte die Klinke auf und trat ein. Das Zimmer stand voll mit Gerät. Doch ich lächelte. Ich hatte geirrt in der Handlung. Ich war zu sehr voll Sehnsucht. Meine Hände kannten eine bessere Tür.

Es war eine schwarze Eichentür im Seitenkorridor. Vor ihr blieb ich lange stehen, den Kopf in die Handmulden gesenkt. Dann trat ich ein. Ein gelblich brauner Vorhang schloß das Zimmer ab von der Welt. Die Luft war alt und bang, aber ich war nicht zu täuschen, ich roch einen Duft, der ihrem glich. Ihre kupfrige Tunika hing über einem Bügel. Ich näherte mein Gesicht, ich ließ es hineinfallen und wühlte die Hände hinein und schluchzte vor Sehnsucht. Ich roch sie wieder. Wie entflammte mein Herz daran!

Die Wände waren durchbrochen mit Kassetten aus hellem Stein. Darüber waren grelle fremde Seiden gespannt. Auf einem Sockel stand ein Faun in obszöner Haltung. Das einzige Fenster hing über meinem Kopf und siebte die Sonne. In meinem Rücken hingen alle ihre Bilder, die Vasen, die geliebten Wände, ich drehte mich nicht um, denn ich wußte nicht, ob mein Herz nicht brach.

Dann stand ich auf und ging hinaus. Ich sah mich nicht um: »nicht den Faun, nicht die Wand, nicht die Tunika« flüsterte mein Blut. »Sie« stammelte es. So kam ich auf die Straße. Der Himmel war schwerrot, glatt mit Email übergossen und schleuderte Abglanz in die Fenster, die Läden, die Gehsteige und die kleinen Pfützen, die wie Ballone funkelten. Nun ging ich in Haus um Haus.

Aber jedes glich dem andern, und bald war ich so verwirrt, daß ich mich selbst im Bilde sah, verrückt vor Suchen und geschlagen von der Sehnsucht. Da erscholl der Ton einer Laute.

Nun lächelte ich und trat in ein rötliches Haus ohne Zögerung. Voll Sicherheit stieg ich zum Giebel. Dann ging ich langsam wieder herunter und horchte angespannt. In der zweiten Etage streifte ich eine Tür, und als ich vorüber war, drehte ich um, und unnennbar voll Gewißheit ging ich auf ein Papier zu, das daran klebte. Meine Augen waren aufgesogen von dem Weiß, das ihren Namen tragen würde. Ich war so voll von Sicherheit, daß ich die Augen schloß im Übermut, und durch die Lider sah ich ihren Namen blau und schräg auf den Karton gemalt, ihren wilden berauschenden Namen, den ersten großen herrschenden Buchstaben und die steifen in Leidenschaft erstarrten der anderen . . . . und vortretend, die Lider gesperrt, las ich einen fremden russischen Namen, gleichgültig wie Eis. Allein ich lächelte. Sicherheit verließ mich nicht.

Die Tür stand im Spalt, und ich sah hinein. In der Ecke hockte ein häßlicher brauner Kerl, ich kannte ihn nicht. Mitten aber, mitten stand die Fürstin und schlug die Balalaika. Das hatte ich immer schon gehört.

Aber als mein Blick sie begehrte, und mein Bein schon federte im Sprung, traf mich durch die Luft ein Schlag, ich stand gelähmt. Es kam von ihr, ich fühlte es, denn nur sie hatte diese fremde Macht über mein Hirn. Ich wandte mich um, und zu einem blauäugigen Kind, das hinter mir stand, gewendet, fragte ich: »Man tritt nicht ein . . . .«. Aber das Kind schaute vor sich hin ohne Antwort.

Da ging ich grad und langsam bis ans Ende des Ganges. An einem Fenster mit grünen Glaskacheln sicherte ich den Revolver ruhig und besinnungslos und wartete, an die Wand gelehnt.

Bald brach die Musik ab. Die Fürstin trat aus dem Zimmer, bog und ging das entgegengesetzte Stück des Gangs. Ihre Röcke, aufgebauscht mit Lilien auf weißem Grund, wölbten sich über den Hüften schwach bewegt. Immer war ein Raum zwischen ihrem Leib und ihren Kleidern, durch jedes Gewand sah ich ihre eigentliche Form. Aber wie sie ging so, schoß ich nicht nach ihr, ich konnte nichts tun wie sie ansehen und vergehen vor Wünschen. Ist dies die Frau, gegen die ich schwach bin, fragte ich staunend verwirrt, doch schon verging meine Wut, denn ich sah glänzend im Schatten der Stiegen beim Wenden ihr Profil.

Hinter ihr ging der Braune und seine Gestalt, noch häßlich wie ein Affe aber stark wie ein Tier im Zimmer, zog gebeugt mit paralytischen Beinen hinter ihr her, und ein süßlicher Geruch wie von Leichen strömte langsam von ihm den Gang herauf.

Es schien dunkel im Gang, als ich mich umsah. Schmerz saß in allen Ecken. Das Kind hockte nun spielend auf dem schrägen Dach eines Nachbarhauses und warf glitzernde Kugeln in die Luft.

Langsam ging ich die Treppe hinunter, die Lippen redend: »Es war nicht die Fürstin . . . . Es war nicht die Fürstin . . . .« Aber es war doch die Fürstin, und ich belog mich nur.

Auf der Straße aber begann mein Herz zu tanzen vor Furcht, daß ich sie nicht fände und zwänge, ich sprang, die Fäuste in den Schläfen, in einen Laden, durcheilte ihn und erblickte eine Tür. Das Licht hing lang und glänzend in ihrem Spalt. Das Zimmer war halb weiß und wieder blau und von einem magischen Leuchten erfüllt. Drei Menschen bewegten sich darin gegeneinander mit weit über Sichtbares hinausgehender Bewegung.

Einer war der Russe Aphroditi, ihn erkannte ich sofort, der Tänzer mit der anarchischen Seele. Er trug ein blaues Kleid, ungegürtet, das bis zu den Knien reichte und den Hals frei ließ. Es war, als folge er einer grausamen unsichtbaren Musik. In den Händen schwang er weiße Callas immer nach demselben Satz. Die beiden anderen waren Frauen, eine kannte ich nicht.

Aber die andere war die Fürstin. Diesmal sah ich sie deutlich.

Ich sah den roten Stern unter ihrer linken Achsel. Sie hatte ein Pantherfell um die Taille geschlungen, sonst war sie nackt. Ihre Brüste hoben sich breit und rund und an den Spitzen ein wenig gereckt nach oben. Eine hohe Mütze aus weißem ungeborenen Lämmerfell krönte als Helm ihr Haar. Sie sprang tanzend vor und zurück, die Lippen berauscht geöffnet, wild und schäumend, die braunen Muskeln unter ihrem Knie ballten sich und entwirrten sich wieder, ihr Auge flammte, die goldenen Brauen glühten. Das war die Fürstin. Ich kannte jede Spur ihres Körpers.

Da sprang unter meiner Begierde die Lähmung, ich schrie. Aber Aphroditi, gegen die Wand gestellt, ließ die Callas fallen unter dem Schrei, und neigte seinen Kopf auf die seitliche Schulter. Dann legte er seine linke Hand mit dem Rücken wider die Wand und schlug einen Dolch hinein bis ans Heft. Aber es kam kein Blut.

Da riß ich die Tür auf, nun war sie mein, aber die Tür schien aus Erz. Die Luft dahinter im Zimmer wurde unerträglich blau. Da schlug ich dröhnend meine Hand durch die Planken. Ich schlug hindurch. Ich hatte sie zerhauen.

Aber wie ich auf der Schwelle stand, war alles umsonst. Das Gesicht der Fürstin verwandelte sich auf der Oberfläche, der tolle große Zug der Nase und des Mundes vertauschte sich. Ich sah mit meinen Augen wie ihr Kopf sich formte in ein unbekanntes freches Gesicht, und indem das Herz in Wut und Schmerz zersplitterte, wie die Fremde, kokottenhaft in Aphroditis Arm sich schaukelnd, im Pas de l'ours die Hüften schwenkend, einen schlechten Schieber begann.

Ich hatte sie beinahe gehabt. Ich wollte sie ganz haben und ruhte nicht.

Zornig und verächtlich ging ich hinunter auf die Straße. »Ich will sie haben, ich will sie haben,« so trommelte mein Herz und alles war mir gleich, ich war im Fieber, ich nähme sie als Hure, ich will sie haben, nichts anderes wußte mein Herz. Das Rot über den Dächern war drückend und dunkel geworden. Es glühte zwischen den schwarzen langen Linien der Häuser heraus. Ich spürte keine Hitze, aber Druck. Plötzlich mußte ich wenden . . . . da sah ich unten auf der Straße sehr fern, das Fell über die Achsel nachlässig gelegt, im Autodreß die Fürstin, über das Pflaster gehend, leicht ein wenig sich wiegend, königlich und süß in den Hüften.

Ich wollte rufen, ich hob die Arme. Aber sie waren Blei. Die Stickluft drang in die Kehle, dies ist der Tod, blitzte mein Hirn, der Himmel stand im Bersten . . . . und in dem Augenblick, als die Fürstin, mit dem Fell spielend, leichthin auf den blauroten Horizont zugehend, fast den Rand des Gewölks erreichte und abbog, riß eine brüllende Explosion alles auseinander . . . .

Da erwachte ich. Entsetzt.

Die Augen aufgerissen spähte ich in Dunkelheit. Aber die Sommerlandschaft stand mit mildem Silber in dem Raum, und Duft von Flieder zog durch das Zimmer. Aber noch war ich irr. Ich riß sie herüber, und sie erwachte in meinen Arm hinein, »du,« rief ich stammelnd: »ich habe dich . . . . ich habe dich.« Und noch halb im Schlaf erwachte ihr gelöster Mund in meinem, und mit der warmen Nähe ihres Leibes hielt ich wieder unendliches Dasein mit sanftem Herzschlag erdonnernd an meiner Brust. Ich wurde ruhig wie ein Tier, und, die Glieder an ihren gelöst, mit schwindendem Grauen darüber, daß feindlich irgendwo ein Schicksal Ungeheures außerhalb der Macht meiner Arme zu halten vermöchte, mit schon entfernt sich flüchtendem Gefühl des Traums, dem Augenblick unsterblich hingegeben, schlief ich hinein in ihren besitzenden Kuß.

GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG