Die Fürstin

Part 2

Chapter 23,858 wordsPublic domain

Pfaue sprangen in die Bäume und schlugen drohend unerhörte Räder gegen den geröteten Westen und schrien vor Sehnsucht. Gegen die Gatter wuchsen aus den Zwingern weiße Bären, brüllend, wie Gekreuzte und bissen unter größer werdendem Mond in die Eisen. Über den Teichen lag Stille und über den Ufern stelzten schwärmerisch erregte Flamingos.

Plötzlich schrie der Elefant. Die Stille wuchs wie Herzschlag über den Garten. Dann aber erhob sich mit einem Ton die Stimme des ganzen Gartens. Tiere schrien in den Frühling, denen Blut durch die Kehlen sott. Sie schrien nach dem Mond in der Dämmerung immer lauter vor Wildheit und Sehnsucht, es war ein toller Abend, Fürstin, der ganze Tierkreis qualmte um uns vor Schweiß und Begierde, der Dampf schob sich in unsere Nüstern.

Du hattest die Lider halb geschlossen. Du lachtest, als das Blut des Raubzeugs auf uns stürzte, und ich begehrte dich wie ein Wolf mit den Zähnen.

Du fuhrst mit zwei trabenden Pferden hinweg die Allee hindurch, die Hufe klopften noch durch den Nebel, als ich dich blitzhaft Entflohene nicht mehr erblickte.

Am Morgen brach ich bei dir ein, holte dich funkelnden Fasan aus hellem Boudoir, auf meinen Armen rolltest du, Copra, ich trug dich hinunter über die Treppen in das schmale Auto, wir blitzten glühend durch die Stadt, durchsausten den Wald. Wir hörten die hellen Glocken über die Wasser bellen, ich hob dich auf das Verdeck.

Unser Dampfer war weiß und porzellanen, er weidete sich in dem Morgen, seine Kajüten waren eitel, seine Rahen flammten. Wir fuhren den Rhein hinunter voll von Licht.

Nie sah ich von meinen vielen Frauen eine herrlicher als dich: wie du standest! Braun, meine jüdische Fürstin, groß bis an meinen Scheitel, von der Loire durchsüßt und den Atem der Steppen in den Nüstern, auf dem Verdeck mitten in Sonne. Die Hände hattest du groß und frech in schmalen Taschen vor deinem Geschlecht. Deine Lenden flossen vor Linien seidenweich durch die Luft. Die Wage der Hüften wiegte über dem Springbrunn der beiden Schenkel und den tanzenden Feigen deiner Kniee.

Du zogst die Schultern leicht in gewölbte Bogen und sahst ruhig nach den Ufern. Aber dein Gesicht war von Bräune so wild, daß die Yachten um uns heulten vor Sehnsucht. Glitten Dampfer uns grüßend vorüber, schrien die Sirenen in den Morgen. Die Wellen stoben toll herauf in deine Höhe. Wind überstürzte dich, tödlich schöne Säule jüdischen Fleisches, Fürstin.

Als dein Tuch fiel, kniete ein dunkeler Matrose, und eine Flamme stand zwischen seinen Brauen.

Dein Blut war mächtig, daß der Strom hinter uns hinblich und die Scharen der Burgen ausgelöscht hinter die Sonne krochen, daß der Ansturm der Ufer abriß wie ein Schuß. Du tilgst die Gegend hinweg.

Stolz zwischen den weißen Frauen der Passagiere bist du nicht mehr die Fürstin, du wächst über sie hinaus. Ich habe dir einen anderen Namen gegeben, Durchlaucht, in fließende Seide Gehüllte, aber ich sollte dich Debora nennen.

Denn du stehst -- und meine Augen flammen es nach wie Sonnen -- aufgereckte Richterin auf dem Gebirge Ephraim. Uraltes Blut wandelt sich zurück in deine Figur. Die eisernen Wagen rollen hinter dir über den Horizont. Heere fallen nieder vor dir betäubt und preisend, deren Haar eine Flamme aufgeht über den Palmenstädten, Triumph singend aus tosender Kehle über den Posaunen, Schluchten füllend mit deiner Stimme wie eine Wolke, braun und inbrünstig von donnernder Gottheit durchraste im Mond über Juda stehende nackte Tigerin.

Vor dir rollen aus dem Gebirge die Ströme der Heere in die Ebene. Nacken gefällter Könige siehst du lächelnd, irr der Mund zur Seite gezogen. Sie stellen die Lade vor dich. Sie erschauern in ihren Knochen, und tausend Streitwagen brausen aus den Tälern in die Ebene hinein.

Feuriger als die dunkle Sonne Europas steht über dem Steuer gepflanzt auf dem Fluß der Strahlenschleuder deines visionären leicht gewölbten Leibes weißflammend in seiner Figur.

Da bricht in die mystische Geburt Asiens das Lauern deines schrägen Augenlides. Ich flüstere »Ghetto«, und dein Haß sticht in mich wie eine Klinge, ich badete in deinem Haß und schwor gegen den Wind, daß er zum Stürmen steige, aber der Wind war feig und lag an deinem Fuß wie ein Reh.

Du trugst lehmrote Tücher um dich mit Schwefelsternen am Abend auf unserem Balkon. Wir tranken dunkelen Wein, der schäumte und dann tanztest du aus dem Zimmer auf die Veranda, auf der der Mond schon nach dir griff. Da riß ich die Tücher von dir. Diese furiose Entkleidung! Es war eine Löwin, die ich umarmte.

Aber allein, indem das Dunkel des Raumes dich von mir abschloß, tanztest du die Sprünge deines uralten Blutes. Deine Schultern bogen sich über den Achseln, der Rhein hing weiß gespannt unter dir mit einem hellen metallenen Ton, strahlend hob sich der Bogen deines Halses, schön und gezogen wie von stolzen Kamelen, um deren Kehlen goldene Spangen liegen. Und als du umtratst, und der Mond deinen Bauch traf und entfachte, da wurde ich wahnsinnig, Fürstin, und du tanztest, mesopotamische Königin, goldgelb gefleckt die Weichen wie eine Tigerin, über die Zacken des Gebirges Ephraim, und ich raubte dich auf meine Arme, wie rochst du nach Narden und schriest.

Dein Fuß ist chinesisch, deine Wade aber steht schon voll Wollust.

Deine Zunge ist voll Unzucht wie eine gierige Posaune. Ich will deinem Mann das Hirn über seinem Titel einschlagen, denn deine Schenkel sind dunkel verstrickt und stärker als Nacken der Stiere. Dein wilder Leib schäumt über und läßt mich irren an Gott. Du lächelst, die der Mond salbte, im Feuerregen der Küsse, dein Mund zerfleischt meinen Arm, deine gelösten Lippen wirbeln von feuchten Worten, deine Zähne sind spitz wie von Haien und die Sonne deines Leibes scheint toll in die Dunkelheit. Deine Brüste heben sich brausend unter meinem Mund wie heiße Quellen, und dein Hals erhebt sich und singt wirr wie im Fieber.

Siehe alles ist Jordan draußen und die Luft starrt von Posaunen, tausend eiserne Wogen rollen donnernd über dem Halbkreis rötlich umflammten Gebirges. Alles tönt Ephraim bis in die Ebene.

Schlanke Tänzerin Gottes, mit den üppigen Lenden im Feuer der Berufung, Aufgerichtete, Rasende mit den Hüften, Königin langen Blutes, Dein Mund singt heiser wie ein Wolf und glüht wie ein Stern.

Nie sah ich Hände, lang, braun und selten wie deine. Blaues Haar deiner Schläfen liegt um meine Kehle geschlungen und mein Mund saugt aus dem Eindruck der Kissen den Geruch deines Fleisches zurück, das dampft und scharf ist wie von den Tieren der Wüste. Die goldenen Siegel deiner schweren Brauen zucken vor Licht. Über uns rennt das rote Segel des Mondes. Auf den Spitzen deiner Finger glühen dunkle Flammen. Mein Herz schauert wild vor dir.

Hinter deiner heißen Stimme liegt eine, weich und flaumig bis zum Rasen der Verzückung, und wenn du den großen Nacken zurückwirfst und jauchzend leis erstöhnest, dann jagen wir im Spiel deiner Hüfte beide auf donnerndem Wagen über die Ebene vor zuckendem Gebirge Ephraim, Wind des Sieges glüht über die Stirnen, und die Signale Jahwes, deine Haare, flammen wie eine heilige Meute hinter uns.

Deine Haut ist braun mit silbernem Flaum und glatt wie deine Zunge. Dein Gang ist fürstlicher als dein Name. Alle Augen grüßen dich auf abendlich festlichen Promenaden: Königin der Avenue Wagram und der großen Revuen, auf den Dämmen über dem blauen Meer mit den Fahnen, in der hellen Schönheit der Korsos und Blumenwagen. Ich aber dämpfe dein Blut.

Lachst du, weil mein Pyjama weiß im Mond schimmert wie eines Pierrot . . . . Diese Nacht tobt mit roten Lawinen im Rhein.

Ich sollte dich Debora nennen.

Aber ich habe dich JAEL genannt.

Weil es wild klingt wie eine geschmeidige Löwin und inbrünstig wie das metallene Schreien der Hörner, und weil ich nicht weiß, wenn ich auf den Kratern deiner Brüste schlafe, ob du mir nicht durch mein Hirn einen Nagel in meinen Schlaf schlägst, bernsteinäugiger Panther von Libanon.

DIE ABENTEUERLICHE NACHT

IN einer Nacht früher entdeckten wir schweigend den befestigten Hof, zerschlugen ein Fenster, stürmten ihn und standen vor jener endlosen Flucht von Zimmern.

Nun, wo Nebel geschichtet liegt zwischen mir und der Fürstin, wo wir leiden, nun lebe ich tagelang mit wenigen der Kameraden auf dem Hof. Die Einsamkeit weicht immer tiefer vom Himmel ab und rückt über das Ried gegen uns an. Nachts kommen weiße große Katzen durch den Mond gegen die sieben Akazien vor dem Tor.

Ganz ferne Bauern nur manchmal heben die Hand über die Brauen und sehen abgeschatteten Gesichts nach den Streifenden. Rasch aber vermählen sich ihre Bewegungen wieder dampfender Erde und erntendem Gerät.

Hier ist das Paradies. Wir werden innig mit den Tieren. Auf den Dämmen laufend, sehe ich vom Hof Kommende, vom Hof Gehende und alle haben mehr als menschliche Anmut, wenn sie die Gräben überspringen, die die Landschaft wild zerschneiden, und in Schilf schon eingetaucht wieder auf langen Dämmen hingehen, näher dem Himmel als je. Abends sitzen wir auf der runden Mauer und sehen, wie die herbstweißen Leiber der Weiden sich vor den Horizont ordnen und riesenhaft lohen.

Morgens zieht Nebel in die Gegend und Rehe nahen der Mauer und weichen nicht. Um meinen Gang an den Kanälen schwirren Fasane, rostrote Leiber ängstend zwischen dem Zuckflug der schmalen Flügel und ein Pfeifen im Mund, das die Stille erst wieder sanft macht.

Hier sind nur Tiere. Und selbst die Hasen laufen in Bogen um uns herum und halten die Ohren weich an den Hals gelegt. Wir haben das Ried überschwemmt, aber wir rühren nicht an diesen Frieden. Wir neigen uns zu dem Tier und das Tier verwächst unserer Bewegung. Die weiße Blume der Rehin leuchtet uns zu. Weihe kreisen mit stillen Flügen um unseren Kopf.

Abends durch den silbernen Nebel kommt verklärt von milden Scheinen ein Hirsch über die Altrhein-Brücke, und geht auf uns zu über die hölzerne Planke, die hinter ihm am Ende sich unirdisch schon verengt.

Einmal nur machten wir eine menschliche Revolte gegen die Paradiesischkeit und liefen in einem Umzug mit Gekreisch und Musik bis zur Fähre. Zurückkehrend, steht unser Hof, halb zugewachsen von fern durch Schilf und Weide und geschwungene Landschaft saftiger Kanäle, überschnitten von Dämmen, vor einem lodernden Herbsthimmel, erstarrt mit den Fenstern, und dunkelnd schwingen sich seine weißen Schorne drohend in den Raum wie Flammen aus Erz. Jedes Tier schweigt um das kubische Gebäude, und die lange Flucht der Diele, durch die schon Salier schritten, liegt in blauen Schwefelschatten. Schon stürzt wieder über noch flackernde Stimmen die Einsamkeit durch den klösterlichen Garten auf den Hof.

Wir streuten uns über das Land, wir tranken in quellender Landschaft wie lüsterne Wölfe Kuhmilch aus den Eutern, schwammen zum Gassengefunkel der Nacht über den Rhein in kleine Bergstädte, wir zechten durch umbuschte Dörfer und machten Prasserei mit den Verwaltern auf großen Gütern. Nachts im Innenhof, glänzend vor Tauluft, und Gestirne fremd über dem Haupt, badeten wir unter donnernder Brunnenflut.

Irgendeiner nahm einen Kienspan und lief nackt durch die welken Blätter um die runde Riesenmauer, und andere folgten, stumm vor Jagen.

Lang vorbereitet erschien die abenteuerliche Nacht, wo alles weiß glühte mit ungeheuerer Innigkeit.

Große Schwärme von Raben schwangen in langen Kreisen um die halbe Scheibe des schon ausgedunkelten Himmels, aber die andere Hälfte war von Lichtern irr überschüttet, und die geisterhaften Züge wilder Enten schwammen durch das Geflacker sanft im Strom dahin.

In dieser Nacht tanzten die rötlichen Mäuse in stillen Wirbeln durch mein großes helles Zimmer, und durch die zerbrochenen Fenster legte sich die buschreiche Landschaft in einer Welle vor mich hin, und da wuchs meine Sehnsucht und ich lag stundenlang im Fieber.

Und als ich glühte und wirr vor Leidenschaft die Landschaft begehrte und den Mond, da schrie die Elster in der Hofplatane entsetzlich, und die schmale hündinhafte Hüfte der Holopainen rührte an mein Blut.

Aber ich kannte sie kaum mehr und flüsterte »Angelique« und mein zur Seite fallender Blick traf den ihren. Und die Gegend wurde undurchsichtiger hinter ihr und ihr rötliches Haar ward blaß in Blondheit und die Augen schwammen ihr weißer.

»Was willst du?« rief ich und fluchte auf die Elster.

»Die Abende von Passy«, sagte sie, und Zucken lief um ihren slavischen Mund. Aber sofort kam die Lippe in springendes Reden und wölbte sich kühl: »Einmal beim Erwachen war deine Hand, die mich hielt, so groß, daß ich umsank vor Liebe. Das war, als du im Pharuskegel der Autolaternen Jainikoff in den Mund hiebst und mein finnischer Imatra erbrauste. Es füllt meine Tage. Es füllt meine Nächte.«

Ihr Mund wurde bitter.

»Ich muß mein Herz noch härter machen«, sagte ich und hatte kein Mitleid.

Da losch ein silberner Strahl über ihr Gesicht und ihre Hüften glitten fast unbewegt aber erregend, und sie wies auf ihre herrlichen Beine: »Auch sie gelten dir nicht mehr, mit denen ich durch die schreienden Cabarets des Montmartre vor dir tanzte, die du küßtest vergehend, nachdem sie auf den Bütten aller Cafés geglüht?«

Da wurde mein Mund sehr zornig über ihr Quälen und ich schäumte. Aber sie richtete den Blick lang auf ihn, bis er sich ruhiger legte.

Doch war es schon nicht mehr die Tänzerin, sondern es war in schlanker Fülle eine andere, es war Ylona, und hob sich mit fordernder Lippe gegen mich:

»Du tust Unrecht.«

»Ja,« sagte ich, »weil ich bereit bin, es tausendmal zu büßen.«

»Dies hilft mir nicht.«

Aber ich sagte ihr, daß sie sich selber helfe und tänzerisch sich bewege über die dünne gläserne Kuppel des Leides.

Da wurde ihr Gesicht mild und mondwarm und sie sagte: »Du bist noch nicht so weit.«

Ich sah sie an.

Sie sagte langsam: »Mein neuer Pelz ist schön, doch freut er mich nicht. Ich sehe viele Umarmungen. Sie stoßen mir ins Herz. Ich sehe fette Aale in den Ladenscheiben. Ich weiß niemand, dem ich sie sende. Viele Männer begehren mich. Ich möchte mich keinem geben. Und gebe ich mich einem, ist es nutzlos für mein Blut. Es gibt nichts, das meiner Sehnsucht nah käme. Denn du bist wie ein Gesetz darüber und du hast an all den Dingen keinen Teil.«

Doch da schrie ich:

»Glaubst du, es quäle nicht, daß jedes Glück dasteht, schon zusammengehauen von dem neuen. Weißt du mein Herz, das inbrünstig begehrt zu halten und das der Taktschlag seines Angriffs weiter reißt. Alles rinnt aus den Händen, deren Wille es ist, nichts zu tun als zu halten. Aber sie greifen nur. Uns ist kein Bett, kein Stuhl. Unser Blut schreit Heimat, aber es strömt in bunte Ergriffenheit. Wir haben keine wartende Brust. Wir haben den Fluch der Zerrissenen aus der Sehnsucht und müssen verzückt Irrende sein.«

»Du hast den Glauben nicht«, sagte sie.

Aber mein Herz wies lachend auf seine Wunden, und es schien vor mir selbst, gepflanzt über der Landschaft.

So sah ich es selber wie aus Kristall weiß erstrahlend mit sieben Dolchen, und blutiges Harz quoll daraus.

Und Zorn überfiel mich. Und ich wies auf die Sehnsucht, die mein Herz quälte: »Weißt du nicht, daß ich in Wirrungen lebe, wilder wie die euren, und in Schmerzen, die eure übersteigen. Daß ich euch alle vergaß, und zerquetscht vor Sehnsucht streite um die Fürstin.«

Und meine Augen tränten über, und ich sah den entfernten Leib der Fürstin wieder vor alle Dinge geschoben:

»Wem ist bestimmt, glücklich zu sein? Sieh, wie wir alle umeinander in Zuckungen liegen. Aber es lebe das ungeschlagene Herz.«

Jedoch der Zorn um die Fürstin überwand mich vor Ylonas Augen und ich starb fast vor Schmerz, und nichts hatte Wert mehr in dieser Sekunde gegen ihren Leib. Und zusammensinkend, flüsterte ich, und rief ihr Bild aufs heftigste vor meine Augen:

»Ich habe wenig Lust an anderen Frauen, die Fasane und die runde Mauer und die Rehin sind ohne Belang. Mich stört die inbrünstige Glut der sterbenden Weiden. Mein Ruhm ist Lächerlichkeit, gemessen an deinem Knie. Alles wilde Tun ist irrer Weg und du nur bist Ziel, bist die Sehnsucht.«

Wieder sah ich mich selber gestürzt in die Landschaft, und fern im weißen Licht kniete Ylona auf der Ebene, und hinter ihr wuchsen wie lichtere Flammen andere zu einer riesigen Kette über die Ebene, und alle schrien ihr Leid sich in die Gesichte und wurden langsam ruhig und still.

Aber als ich mit zurückkehrendem Blick den Ylonas traf, härtete ich mein zuckendes Herz und ich sagte ihr, daß mir nicht bestimmt sei, an Sehnsucht zu sterben. Und daß ich über die Leiden springend vieles tun wolle. Daß zahlreiche Frauen auf mich warteten, daß ich Ehren geil erstrebe, Fahrten unendlich unternähme und strahlende Großherzoginnen besäße, stürbe auch darunter weg das Herz vor Trauer wie eine abgebissene Frucht.

Da sah sie mich an und lächelte.

Und ihr Lächeln ward so irr und süß, daß ich wild erschrak, und, Höllen ahnend, die ich nicht kannte, die Sehnsucht aufschoß gegen die Einsamkeit.

Aber sie tat ihr Lächeln nicht weg, und da hielt ich es nicht mehr aus.

Ich stand auf.

Ich ging hinüber in den Saal.

Mit bronzener Reiterpauke, die Großen Friedrichs Regimenter in die Schlacht gedröhnt, begann ich den Umzug. Starr und zeremoniell. Feierlich paukte ich durch den endlosen Gang und jedes Zimmer.

Und jedes Bewohner schloß sich an.

Einer nach dem andern in weißen Kleidern gingen wir durch die Flure und Räume, jedes Gesang war wilder und irrer in dieser Nacht.

Die Dunkelheit der Fenster lag blind gegen die Mondnacht. Landschaft glühte vergehend in magischem Weiß. Aus Giebel und Gebälk brach ein schreiender Eulenschwarm. Fledermäuse warfen sich entsetzt in den Zug.

Da kamen wir durch die niedere Tür in den Garten. Unser Lärmen schwoll an und warf sich verschlingend in die starre Helligkeit der Nacht.

Tiere nahten sanft erschreckt. Die Landschaft bog sich im Mond unter den Pauken. Große weiße Katzen glitten über den Hof an die Mauer, und unser langsamer Zug, starr in weißen Pyjamas begann seinen grauenhaften Gang in die landschaftliche Nacht.

Alles schwieg feindlich beseelt, und von uns keinem kam aus der Sprache ein Ton.

Dies war die weiße abenteuerliche Nacht, die, voller Erscheinung wie zwischen zauberhaften milden Eisbergen hinschreitend, wir noch gespenstischer mit Reitertrommeln uns unter die Füße schlugen, bis endlich süßer Morgen mit Silberrot uns befreiend gegen die gebogenen Stirnen prallte.

BRIEF

MEIN Mund ist voll von Pfeifen, meine Stirn brennt vor Sonne, mein Zimmer wälzt sich in Licht. Rasend vor Musik ist der Raum, er ist wie ein großes Tier, das ich liebe um seiner starken Flanken und seiner schmalen Treue, die mich nicht tröstet, und der ich mich nie hingab in der übelen Zeit . . . . O als dein Brief kam, ward Morgen irgendwie in meiner Müdigkeit, mein Bett hob sich um mich weiß und glänzend, und es ward ein blitzschneller Spalt in meinem Schlaf, und ich sah deinen Brief, Fürstin, und lachte. Und schlief ein in mein Lachen hinein. Ja, es ward Morgen, eine kleine glühende Spanne nach zwei Nächten, die ich nicht schlief.

Sieh, ganz ist mein Mund voll Pfeifen. Wie war unser erster Tag wieder, wie war unser Tag neulich voll Lachen.

Das Futter deines Briefes ist herausgefallen, ich habe es gepackt, als es in Stufen nach dem Boden schwebte. Ich habe es gepackt und zerrieben vor Freude und dann habe ich es geglättet und geküßt und verbrannt.

Du . . . unser Tag . . . als wir über die Brücke gingen. Keines sagte: Ich habe dich viele Monate nicht gesehen. Nein. Niemand sagte: Ich habe Unendliches gelitten.

Röte nur ging rauschend über den Himmel. Türme und Kuppeln schwammen strahlend und dunkel gebildet über die Glut des Abends. Wind riß die letzte Sonne durch unser Haar.

Wir sprachen nicht Fürstin, nur unsere Augen überwanderten den Himmel und unsere Munde bebten vor Stummheit. Plötzlich aber blieben wir stehen: Du hast ein grünes Kleid . . . . Du hast einen hellen Hut. -- -- Staunen faßte uns wie Kinder. Wir waren wie auf Inseln eine Begegnung. Du hast ein grünes Kleid . . . . O wie war unser Tag voll Gelächter.

Das waren die alten Häuser am Main, auf die die Sonne noch einmal Strudel von Licht stürzte, daß sie erbebten. Das waren alte Pappeln und viele Fischernetze. Das waren viele Dinge, über die wir hätten weinen mögen vor Sehnsucht, aber wir standen im Wind und lachten.

Wir saßen im Dom zwischen armen Leuten und den bösen mittleren Bedrückten, eingekeilt, du Fürstin, mit den schönen Hüften. Wie strahlte uns die dunkle Ecke von Holz und das Fenster und das rote Licht.

Auch hast du gekniet, einmal, es war eine Verzückung, meine Fingerspitzen rauschten vor Seligkeit, ich hätte dich trösten können.

Du warst königlicher geworden. Es war mit jedem Schritt, als ob du groß durch eine Wüste kämest. Und die Stille um dich war wie das verknirschende Geheul einer betäubenden Menagerie.

Wie waren deine Schenkel stolz und wild. Immer war es: ich müsse ein Wort sagen, platzend von Kraft und überreif von Süßigkeit . . . . ich habe die Tigerin wieder . . . . deine Flanken leuchten . . . . dein Auge ist wirr meine Katze unter der goldenen Welle der Braue . . . . ich bin im Wahnsinn vor Glück -- -- -- und als müsse ich lächelnd mit meinen Händen über deine braunen Wangen hinunterfahren über deine Hüften, bis an die Knie, an deren Rundheit meine Finger vergehen vor Besitz.

Wie warst du schön, Fürstin, als das Zimmer deines Hotels dich umgab und die Spiegel und deine Ringe, ich weiß es kaum noch, Sonne flammt in Strudeln um meinen Tisch. Du hattest viele köstliche Decken, Batik und Blutrot flossen ineinander.

Deine Brust aber schwebte leuchtend unter der Bluse wie das Elfenbein der Psalmen. Wie war dieser Tag dunkeläugig vor Staunen, süß von Gelächter.

Aber ich habe dich nicht geküßt.

Doch noch höher riß uns wie dieser Rausch die Stunde in dem großen Saal mit blitzendem Silber, dem Weiß, den Lichtern und der Musik von tausend redenden Menschen . . . . alles um dich wie ein Wirbel, der dich schmückte, geschart. Als wir einen schönen Fisch zwischen uns teilten, und du den burgundischen Wein zwischen dem inneren Rosa deiner langen Hände hieltest, der wie Wachs war und Öl und nach Erde schmeckte, herb und herbstlich.

Wir redeten, und unsere Silben liefen wie Schlittschuhläufer atemlos aufeinander zu und trafen sich maßlos beseelt in einem endlosen Baum von Verzückung. Traum und Schmerzen schwellten mich, als wir damals unter Menschen gingen, um allein zu sein.

Und vergiß nicht den Fischerjungen, der uns den Weg am Ufer zeigte, die flötenhafte Nächtlichkeit der Marienkapelle, und daß ich einmal nach deiner Hand haschte.

Es war. Es war Ewigkeit. Auch dies.

Du hast mir, als der Haß zwischen uns ausbrach, du hast mir vor drei Monaten einmal ins Gesicht geschlagen.

Kein Mann vergißt das.

Wie ist dein Gang nun königlich.

Deine Augen, in denen Gefahr ist, und über denen ein ewiges Losschnellen hängt, sind mit Güte verdunkelt. Wie groß sind sie.

Als der Bahnhof mit dir entschwebte, als ich fuhr an diesem Tage und deinen abgewendeten Rücken sah, der sich von mir bewegte, von Rührung unsagbar überlaufen, und ich dein Gesicht dahinter ahnte, verzückt vor Seligkeit, Tränen hineingenietet, da fiel die Finsternis gelöschter Laternen wie prallender Regen auf die Halle, die zurücksank.

Aber mein Herz war leuchtend wie ein Säbel. Ihm blieb die Dunkelheit fern. Einmal schon Fürstin, einmal schon warfen uns Züge auseinander, und Traurigkeit stürzte über mein Herz an den Seen. Nun aber schaut es stiller in die Welt.

Ich werde dich, die ich besaß wie keine, ich werde dich auch noch nicht küssen, wenn du morgen kommst.

Blumen will ich an dein Bild heften an der Wand. Freude soll dich schwellen, wenn du hereintrittst. Vieles will ich dir schenken.