Die fünf Waldstädte: Ein Buch für Menschen, die jung sind
Part 9
Bei diesen Worten krümmte sich der Schneider zusammen, sagte, es käme ihm in den Leib, und verschwand im Gebüsch. Der Schuster hielt den linken Fuß vorgesetzt, um zur Flucht bereit zu sein, der Hutmacher aber warf sich heulend auf Wolfsklaue, packte ihn am Halse und schrie:
»Gib alles her! Gib alles her!«
»Was -- was ist -- was ist los --«
Wolfsklaue rieb sich die Augen. Er sah den Hutmacher über sich knien und schrie plötzlich ganz jämmerlich:
»O weh! O weh! Ich bin überfallen! Ich habe keine Waffen! Ich bin verloren! Wehe mir! Wehe mir!«
Pardauz, lag auch der Schuster über ihm her und rief dem Hutmacher zu:
»Mach Platz! Mach Platz! Ich will ihn auch würgen!«
Und nun traute sich auch der Schneider aus dem Gebüsch, kam vorsichtig näher und hielt den Pantoffel in der Hand, den Wolfsklaue, weil er mit den Beinen um sich schlug, verloren hatte.
So wurde Wolfsklaue besiegt. Stück um Stück nahmen ihm die drei Räuber ab, zogen ihn aus bis aufs Hemd. Dann zwangen sie ihn, an der Quelle seine hohle Hand zu füllen, mit ihnen anzustoßen, die nun der Reihe nach den Becher leerten, sich hinzulegen und von jedem zehn Stockhiebe aufzählen zu lassen. Am Schluß gaben sie ihm aus Gnade den schäbigen, geflickten Mantel des Schneiders um; er mußte gegen alle vier Himmelsrichtungen hin eine Verneigung machen und zu der Räuber Gaudium laut schreien: »Ich bin ein großer Esel«, und dann wurde er in die finstere Nacht hinausgejagt.
* * * * *
»Nun wollen wir die Beute teilen,« sagte der Hutmacher. »Ich für meinen Teil begehre nur die Hälfte all dieser Sachen; die andere Hälfte ist für euch beide.«
»Was?« höhnte der Schuster; »wenn drei teilen, wird wohl ein jeder ein Drittel bekommen.«
Der Hutmacher schüttelte den Kopf.
»Seit Wolfsklaue besiegt ist,« sagte er würdig, »bin ich euer Hauptmann.«
Die beiden anderen brachen in ein schallendes Gelächter aus.
»Lacht nicht!« begehrte der Hutmacher auf. »Wer hat den Gedanken gehabt, Wolfsklaue zu überfallen? Ich! Wer hat ihn tatsächlich überfallen? Ich!«
»Ich auch!« rief der Schuster, »und außerdem hatte er mir sein Schwert übergeben; ich hatte euch alle in meiner Gewalt.«
»Ja, wenn ich nicht die Pistole gehabt hätte,« meinte der Schneider; »eine Pistole ist flinker als ein Schwert.«
»Wenn du schießen könntest, du Tolpatsch!« höhnte der Schuster.
»Kannst du etwa fechten, du Dämlack?« zischte der Schneider.
Da fuhren sie sich in die Haare und prügelten sich. Der Hutmacher setzte sich indessen die Königskrone auf und zählte die Dukaten, die sie Wolfsklaue abgenommen hatten. Als das die beiden Kampfhähne sahen, ließen sie ab von einander und fragten: »Was tust du da?«
»Ich zähle mir die Hälfte der Beute ab,« sagte der Hutmacher in Gemütsruhe, »Daran werdet ihr zwei Dummköpfe nichts ändern.«
Da sahen sich der Schuster und der Schneider mit einem bedeutungsvollen Blicke an, und plötzlich stürzten sie sich auf den Hutmacher und überwältigten ihn. Sie drohten, ihn zu töten, wenn er ihnen nicht gänzlich gehorsam sei. Darauf prügelten sie ihn durch, zwangen ihn, seine hohle Hand an der Quelle zu füllen und mit ihnen am goldenen Becher anzustoßen, und jagten ihn dann in die Nacht hinaus. -- --
»Jetzt wollen wir zwei die Beute teilen,« meinte darauf der Schneider, »und es soll jeder seine Hälfte bekommen.«
»Jawohl,« sagte der Schuster; »aber da ich zuerst den Gedanken hatte, den Hutmacher zu überfallen, gebührt mir die größere Hälfte. Ich werde sie mir auswählen, und was übrig bleibt, sollst du erhalten.«
Damit bückte er sich zu den Schätzen nieder. Der Schneider aber griff blitzschnell nach der Pistole und dem Degen und rief:
»Laß alles liegen oder du bist ein Kind des Todes!«
Da erschrak der Schuster, und da der Schneider alles Ernstes drohte, ihn zu erschießen, entfloh er schreiend in den Wald.
So kam es, daß der Schneider, der größte Feigling unter allen, zuletzt ganz allein in dem Besitz der geraubten Reichtümer des Polenkönigs war.
* * * * *
Der Hutmacher und der Schuster waren sich im Walde begegnet und saßen sich grollend gegenüber. Plötzlich sahen sie Wolfsklaue daherkommen. Er ritt auf einem starken Ziegenbock und hatte einen Stecken in der Hand. Zuerst schien es, als ob er entfliehen wolle, aber dann kam er näher, grüßte demütig und sagte:
»Ich hoffe, edle Herren, daß ihr mir nichts mehr anhaben werdet. Denn sehet, ich bin ein geschlagener Mann. All mein Hab und Gut habe ich verloren; ich sitze jetzt auf einem Ziegenbock und habe einen Stecken als Waffe; ich muß also, da ich in meinem Räubergewerbe pleite geworden bin, ganz klein wieder von vorn anfangen.«
Da erzählten ihm die beiden, der Schneider sei eine Bestie, er habe sie beraubt und betrogen, und sie seien nun ebenso arm wie er.
»Man hätte es dem Schneider nicht angesehen, daß er ein so großer Held ist,« meinte Wolfsklaue nachdenklich. »Da er nun alles Geld und alle Waffen hat, ist es am besten, wir gehen hin und wählen ihn zu unserem Hauptmann.«
»Ich will lieber deinen Ziegenbock zu meinem Hauptmann wählen als den Schneider,« knirschte der Hutmacher.
»Nun, einen Hauptmann müssen wir haben,« lächelte Wolfsklaue, »und mein Ziegenbock wird die Wahl nicht annehmen. Er ist ein sehr gescheites Tier. Wählen wir also den Schuster!«
»Den Schuster?« schrie der Hutmacher. »Noch eher wählte ich den Schneider als den Schuster.«
Da saß ihm der Schuster auch schon an der Gurgel, und sie prügelten sich. Wolfsklaue aber setzte sich an den Wegrand, streichelte seinen Ziegenbock und sang mit fröhlicher Stimme:
»Im holden Waldesfrieden Da wird der Wandrer froh, Nichts Schönres gibt's hienieden, Trara, trara, hallo!«
Während er noch so fröhlich sang und die beiden anderen rauften, trat etwas Seltsames in Erscheinung. Das Araberroß kam daher; ganz langsam hob es die Beine wie in zierlichem Tanz und wandte den Kopf schelmisch bald hin, bald her. In den Zähnen aber trug es ein zappelndes Bündel von Purpur, himbeerfarbenem Samt und bernsteingelber Seide, auch fiel bei jedem Schritt ein kostbarer Orden klirrend auf den Waldboden. Neben dem Roß trabte die dänische Dogge, die trug das Schwert im Maule.
Als Roß und Hund bei Wolfsklaue ankamen, legten sie ihre Bürde vor ihm nieder. Da wickelte sich aus dem zappelnden Bündel erst eine Königskrone heraus, aus der unten nur die Stumpfnase und der Ziegenbart des Schneiders hervorschauten; dann kam der ganze Schneider zum Vorschein, und eine meckernde Stimme rief um Gnade.
»Nun also!« rief Wolfsklaue und nahm das Schwert an sich, »so sind wir ja alle wieder beieinander.
O, tut das Scheiden noch so weh, Ich weiß, daß ich dich wiederseh.«
Er blitzte mit den Augen.
Der Schneider, der Schuster und der Hutmacher warfen sich nun vor Wolfsklaue nieder und baten und wimmerten um Verzeihung.
Wolfsklaue sagte gar nichts. Er band den Schuster an den Halftergurt und den Schneider an den Schweif seines Rosses, legte den königlichen Schmuck wieder an, schwang sich auf das Roß und befahl dem Hutmacher, sich auf den Ziegenbock zu setzen, denn er verdiene eine Auszeichnung.
Dann ritt Wolfsklaue zwei Tage und zwei Nächte lang ohne zu rasten über das ganze Riesengebirge weg und kam mit seinen Gefährten in das Land Böhmen.
* * * * *
Diese Reise war für die drei, die nicht auf dem Pferde saßen, äußerst beschwerlich. Der Schuster mußte so rasch traben, daß ihm oft der Atem ausging, der Hutmacher saß auf dem Ziegenbock wie auf einem schlingernden Schiff, das in schwerem Sturm hin- und herstößt, bald hoch, bald niedrig geht und seinem Passagier sehr übel am Magen mitspielt, und der arme Schneider am Pferdeschwanze verlebte erst recht keine gute Zeit. Das Roß nahm in keinerlei Weise Rücksicht auf ihn. Das Schlimmste aber geschah, wenn sich dem Hengst eine Fliege in die Flanke setzte. Dann hob er den mächtigen Schweif und hieb ihn samt dem Schneider nach der Fliege, daß dem armen Kerl, der so durch die Luft sauste, Hören und Sehen verging.
Wolfsklaue aber pries die Annehmlichkeiten der Reise und die Schönheit des Gebirges und sang fröhliche Wald- und Wanderlieder.
Als sie nun nach Böhmen kamen, wurde endlich Rast gehalten. Die drei armen Hascher fielen wie tot auf das grüne Moos und schliefen drei Tage und drei Nächte lang. Dann weckte sie Wolfsklaue und sagte, plötzlich wieder sehr freundlich:
»Liebe Kameraden, es tut mir leid, euch in eurem kurzen Schlummer stören zu müssen; aber wir müssen nun endlich ausführen, was wir uns vorgenommen haben; wir müssen auf Taten ausgehen.«
»Herr,« meinte der Hutmacher, »ich bitte euch, gebt mir Urlaub. Ich will mein Räuberleben beenden. Ich kann ein wenig singen und Gitarre spielen; da will ich sehen, wie ich mich hierzulande durchschlagen kann.«
»Wäre noch schöner,« rief Wolfsklaue, »in Böhmen betteln und singen zu gehen, ist das Dümmste von der Welt; denn die Hälfte aller Böhmaken sind selbst Bettler oder Musikanten.«
»Ich,« sagte der Schneider, »möchte mich als Bauernknecht vermieten.«
»Und ich,« sagte der Schuster, »will wieder Stiefel machen.«
»Mensch, willst du wieder ein Verbrecher werden?« fuhr ihn Wolfsklaue an. »Willst du, daß die Menschheit erlahmt und lauter Hinker durchs Leben schreiten? Nein, nein, es wäre jammerschade um drei so verwegene Gesellen wie ihr seid. Ihr, die ihr sogar Wolfsklaue besiegt habt!«
Da schlugen die drei die Augen nieder. Wolfsklaue aber machte ihnen mit gedämpfter Stimme Mitteilung von einem großen Plan, durch dessen Ausführung sie alle zu unerhörtem Reichtum gelangen würden, und der außerdem sehr lustig und unterhaltsam sei.
Weiter drin in Böhmen sei ein herrliches Schloß, das berge so große Reichtümer, daß sich der Kaiser aus Wien daselbst fast alles Geld borge, dessen er bedürfe. Und das wolle etwas heißen! Sich zum Herrn dieses Schlosses zu machen, sei nun Wolfsklaues Ziel. Er vermöge das aber nicht allein, sondern bedürfe dazu der Hilfe seiner drei guten, lieben Freunde.
Die drei »guten lieben Freunde« schlugen wieder schamhaft die Augen nieder; aber Wolfsklaue klopfte sie vertraulich auf die Schultern und sagte in herzlichem Tone:
»Brüder, denkt nicht mehr an die alten Tage. Es waren Zeiten der Trübsal und der Prüfung. Sie sind nun vorüber, und eine bessere Zeit bricht für uns alle an. Kommt ein bißchen tiefer mit mir in den Wald hinein und seht, was ich mich herbeizuschaffen bemüht habe, indes ihr euch nach der langen beschwerlichen Reise ausruhtet.«
Da gingen sie mit ihm tiefer in den Wald und kamen in eine Räuberhöhle, von der man nichts anderes sagen kann, als daß sie höchst luxuriös war. Während der Fußboden mit echten und unechten Bärenfellen belegt war, hingen an den Wänden gerahmte und ungerahmte Bilder, die alle große Räuber- und Heldentaten darstellten und prachtvolle rote und grüne Farben hatten. Flinten, Schwerter und Spieße hingen an den Wänden, die ganz mit Edelsteinen besetzt waren, die kleineren stammten aus dem siebenjährigen, die größeren und wertvolleren aber aus dem dreißigjährigen Kriege. Der Raum wurde taghell beleuchtet von sieben Spitzbubenlaternen, die rubinrote Scheiben hatten, und in der Mitte der Höhle stand eine Tafel, da perlte in kristallenen Flaschen der köstlichste Branntwein, und auf goldenen und silbernen Tellern lagen Pökelfleisch und Sauerkraut.
Den drei Räubern liefen vor Rührung Tränen im Auge und das Wasser im Munde zusammen.
»Ach,« seufzte der Schuster, »ach, wenn wir bloß nicht wieder aus einer Wasserquelle trinken müssen!«
Diesmal aber kam's anders. Die Räuber aßen so reichlich und tranken so viel, daß sie nach der Mahlzeit auf den Bärenfellen einen Schlaf taten, der fünf Tage und fünf Nächte lang war, worauf sie sich lächelnd und gestärkt von ihrem Lager erhoben.
»Nun,« sagte Wolfsklaue, »wollen wir unsere große Tat vorbereiten. Das Schloß ist so wohl bewacht, daß es nur durch äußerste Klugheit und Tapferkeit gelingen wird, uns zu seinem Herrn zu machen. Mein Plan ist der, daß ich euch drei zunächst als meine geheimen Boten nach dem Schlosse absende.«
Alle drei Räuber machten abwehrende Handbewegungen und schüttelten heftig die Köpfe. Wolfsklaue lächelte.
»Ich schicke euch natürlich nicht so, wie ihr hier vor mir steht, sondern in einer geschickten Verkleidung, so daß euch sicher niemand erkennen wird, zumal ich euch eure Rollen gut einstudieren werde. Du, Hutmacher, hast eine schöne Stimme und spielst die Gitarre. Ich werde dir ein schönes Gewand besorgen, und du wirst als Minnesänger nach dem Schlosse ziehen. Dir, Schuster, schaut Tapferkeit und ritterlicher Mut aus den Augen; ich werde dich in der Kunst des Kämpfens unterweisen und dich ausstatten wie einen Ritter aus dem Morgenlande. Du, Schneider, bist ein pfiffiger und gewandter Geist, du wirst als handelnder Jude in das Schloß eindringen.«
Da versanken die drei in tiefes Nachdenken, bis schließlich einer fragte:
»Und du -- was wirst _du_ tun?«
»Ich komme nach euch, wenn ihr den Weg für mich geebnet habt. Alsdann erscheine ich als Prinz von Czernagora. Der Minnesänger muß den Rittern und Edelfrauen sehr viel von den Tugenden und der Schönheit dieses Prinzen vorsingen; der Ritter muß sich nach großen Heldentaten als den geringsten unter den Mannen jenes Prinzen bezeichnen; der Jude muß erzählen, daß der Prinz reich genug ist, ihm alljährlich für viele Millionen Edelsteine abzukaufen, und wenn dann der Prinz einzieht, das heißt, wenn ich komme, werden alle Herzen schon so in Achtung und Liebe für mich entbrannt sein, daß es mir ein leichtes sein wird, mich eines Tages als den Herrn und Gebieter der Burg ausrufen zu lassen.«
»Und was wird dann aus uns?« fragte der Hutmacher.
»Euch drei erhebe ich dann in den Adelstand und statte euch aus mit großen Gütern.«
Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang mußte Wolfsklaue noch reden, ehe er den dreien ihre vielerlei Bedenken aus dem Kopf geschlagen hatte und sie sich bereit erklärten, die ihnen zugedachten Rollen zu übernehmen.
Dann begann der Unterricht.
Der Schuster lernte reiten und kämpfen; der Hutmacher saß den ganzen Tag im Walde, klimperte auf einer Gitarre und sang zärtliche oder lobpreisende Lieder dazu; der Schneider ging mit einem Hausiererkasten von einem Baum zum anderen und bot ihnen mit artigen Bücklingen und überzeugenden Handbewegungen seine Waren an. Wolfsklaue war der Lehrmeister, gab alles an, überwachte alles, lobte oder tadelte und sorgte für alles, was die drei brauchten.
* * * * *
Eines Tages sagte Wolfsklaue zu dem Schuster:
»Jetzt reite aus. Glaube mir, daß dir kein Ritter im Morgen- und Abendland gleicht. Du bist ganz einzig in deiner Art. Reite dahin und verkündige den Ruhm des kommenden Prinzen von Czernagora.«
Der Schuster trug eine blitzende Rüstung, hatte eine Lanze in der Hand, die neun Ellen lang war, und saß auf einem prachtvollen Roß. Sein strohgelber Schädel war von einer schwarzen Perücke wohltuend überdeckt, und selbst sein Auge hatte etwas Kühnes bekommen.
So ritt er dahin. Wolfsklaue in der bescheidenen Tracht eines Dieners zeigte ihm den Weg. Er gab ihm noch einmal viel gute Lehren, sagte ihm, er solle mit tapferen Rittern sich im Turnierkampf messen und, wenn er gesiegt habe, ja nicht vergessen, zu sagen, daß er nur der bescheidenste aller Mannen des czernagorischen Prinzen sei.
Der Schuster sagte zu allem »Ja!« Im Innern aber dachte er:
»Daß ich ein Esel wäre, wenn ich gesiegt habe, mich als einen geringen Mann zu bezeichnen. Dann werde ich mich schon in anderem Lichte zeigen, und wer weiß, ob sie nicht mich selbst zum Herrn der Burg ausrufen.«
So kamen sie auf eine waldige Berghalde und sahen in der Ferne die leuchtenden Zinnen der Burg. Sie lag im hellen Sonnenlicht; dreizehn Türme und viele Erker schmückten sie gar herrlich; eine starke Mauer umgürtete ihre vielen Gebäude und Höfe, und vier Wallgräben zogen sich um sie her, davon war der erste mit Wasser, der zweite mit Tinte, der dritte mit Schwefelsäure, der vierte mit glühendem Blei gefüllt, so daß es für alle Feinde sehr mühsam war, die vier Gräben zu durchschwimmen.
Als der Schuster die Burg sah, wurde ihm übel. Aber Wolfsklaue gab ihm aus einem Fläschchen zu trinken, das einen ungeheuren Mut in die Adern des Schusters ergoß, und so zog er wohlgemut dahin, nachdem Wolfsklaue ihm glückliche Reise gewünscht hatte und umgekehrt war.
Von den dreizehn Türmen des Schlosses klangen die Hornsignale der Wächter, daß ein Fremder daherziehe. Der Schuster dachte: die blasen so niederträchtig laut, daß mir noch mein Roß scheu werden wird. Da sah er auch schon, wie sich auf den Söllern und Mauern der Burg hunderte von edlen Rittern, wunderschönen Edeldamen und allerhand Kriegsvolk ansammelte, um nach dem nahenden Fremdling auszuschauen. Der Schuster hob seine neun Ellen lange Lanze zum Gruß, und der Federbusch auf seinem Helm spielte im Winde. Er kam sich ganz herrlich vor, und alle Angst war verschwunden.
Da begegnete ihm auf einem Kreuzweg ein Reiter.
»Hallo,« dachte der Schuster, »das ist der rechte Mann, einen Waffengang mit ihm zu wagen und vor allem Volk auf der Burg meine Tapferkeit und Geschicklichkeit zu erweisen.« Er nahm also seinen Helm ab, machte eine Verneigung und sagte: »Entschuldigt, edler Herr, beliebt es vielleicht, Euch im ritterlichen Kampfe mit mir zu messen?«
Ein Gelächter erscholl von der Burg, und der Reiter lachte auch. Da faßte den Schuster ein wilder Zorn, er trieb sein Roß an, stürmte gegen den Reiter, hob die Lanze und bohrte sie tief -- in die Luft neben dem Reiter. Er selbst verlor ob des Anpralls das Gleichgewicht und purzelte in den Straßengraben.
Nun rasselte die Zugbrücke der Burg; Ritter und Damen eilten herbei, und die Ritter lachten so tief und schauerlich, daß es klang, wie wenn alte Wagen mit eisernen Rädern über spitze Steine fahren, oder wie wenn man mit klobigen Hämmern auf leere Fässer schlägt, und die Damen girrten und zwitscherten wie silberne Tauben in der Luft oder wie blaue Schwalben am Dachsims.
Das verdroß den Schuster; er arbeitete sich aus dem Graben heraus, verlor dabei seinen Helm und seine schwarze Perücke, stand mit seinem strohgelben Schädel da, machte ein dummes Gesicht und schrie:
»Ich bin der beste Ritter des Prinzen von Czernagora.«
O, wie rollten die Wagen, wie dröhnten die Fässer, wie girrten die Tauben, wie zwitscherten die Schwalben!
»Mit einem Knecht, mit einem waffenlosen, ganz gewöhnlichen Roßknecht hat er angebunden, und ist von ihm besiegt worden! Welch ein Spott, welch ein Spott!«
So lachte und höhnte es von allen Seiten.
Nun trat ein hoher Herr in königlichem Schmuck aus der Menge. Es war der Burgherr. Der sprach:
»Der Prinz von Czernagora ist mein Todfeind. Wenn dieser Mann zu seinen Rittern gehört und er sich von meinem Knechte hat werfen lassen, so nehmt ihn und bringt ihn ins Verließ. Wir werden Gericht über ihn halten.«
Schwapp -- lag der Schuster auf den Knien. Er warf seine Lanze von sich, hob bittend beide Hände auf und flehte:
»Seid gnädig, Herr, und glaubt ja nicht, daß ich ein tapferer Ritter sei. Nein, ich bin nur ein Schuster, ein Schuster aus Hirschberg, und wenn Ihr das nicht glauben wollt, so will ich Euch augenblicklich ein Paar Stiefel fertigen.«
»Das verhüte Gott,« sagte der Burgherr mit Ernst. »Nehmt ihn und führt ihn ins Verließ!«
So geschah es. Und als der Tag vergangen war und der Mond über die Waldberge wanderte, schien er auch durch eine winzige Mauerlucke in das bleiche Gesicht des Schusters, der in seinem feuchten Verließe saß und um den die Ratten und Mäuse tanzten, wie es nun einmal in den Burgverließen traurigerweise Mode ist.
* * * * *
Drei Tage darauf sagte Wolfsklaue zu dem Hutmacher:
»Nun singst du über alle Maßen schön und lieblich. Du kannst den Text, die Melodie und die Begleitung; also bist du über alle Nachtigallen des Waldes, die nur die Melodie können. Reite aus, edler Sänger, und verkünde auf der Burg die Schönheit und die Macht des Prinzen von Czernagora.«
Der Hutmacher stimmte seine Gitarre, setzte sich auf den zahmen Schimmel, den ihm Wolfsklaue besorgt hatte und zog gen die Burg. Als er ihrer ansichtig wurde, stimmte er die Gitarre aufs neue und sang ein schönes Weihnachtslied. Die Julisonne brannte ihm dabei auf den Rücken, und nach einiger Zeit dachte er sich: Die Leute werden meinen Gesang nicht hören, denn die Burg ist wohl noch gut eine Meile entfernt. Also ritt er auf seinem zahmen Schimmel noch etwa zwei Stunden lang vorwärts, und da er dadurch der Burg sichtlich näher gekommen war, stimmte er seine Gitarre und sang ein neues Lied:
»Ich bin ein Minnesänger Und komm aus Morgenland, Die schönsten Saitenklänger Rühr ich mit meiner Hand.«
Trara! Trara! fingen die Wächter auf den dreizehn Türmen an zu blasen, so laut und dröhnend, daß die nächsten dreizehn Strophen des Minnesängerliedes nicht einmal von dem zahmen Schimmel gehört werden konnten. So brach der Hutmacher schon nach der zwölften ab und fragte sich, ob er sich als Sänger über solch schmetternden Empfang eigentlich freuen oder ärgern solle.
Zunächst ärgerte er sich. Aber bald leuchteten seine Augen auf. Das Burgtor öffnete sich, und an die dreißig schöne Jungfrauen traten heraus. Sie waren alle weißgekleidet, trugen goldene Gürtel um die Hüften, grüne Kränze im Haar und lichtblaue Schleier darüber. In den Händen hielten sie Rosen und bunte Blumen.
Der Hutmacher stieg von seinem Roß und machte dreißig Verneigungen. Darob lächelten die holden Mädchen; dann stellten sie sich im Halbkreise auf und begannen mit glockenhellen Stimmen zu singen:
»Gegrüßt sei mit Blumen und Rosen, Du Ritter im Sängerkleid, Viel Frauenaugen sie kosen Die Stirne dir, von Musen geweiht. Da schläft wie in heiligen Schächten Der edlen Gedanken Gold, Da blüh'n wie in Wundernächten Die Märchenblumen so hold, Da ist das tiefe Verstehen, Das tiefste Erbarmen zu Haus, Da wohnt das geistige Sehen In Weiten und Zeiten hinaus, Da hat seine heimlichen Bronnen Der Schönheit gewaltiger Strom, Da hat sich der Herrgott ersonnen Der Menschheit heiligen Dom.«
O, war das noch ein Klang? War das noch eine Melodie? War das nicht wie ein Silberrieseln, das vom blauen Himmel heruntertaute? Die Mädchen standen in ihrer großen Schönheit wie Engel im reinen Licht, als sie das sangen.
Und der Hutmacher fiel mit dem Gesicht auf die Erde, bohrte seine Stirn tief in den Rasen und weinte bitterlich. Als die holden Mädchen erschreckt näher kamen, rief er:
»Ich schäme mich! Ich schäme mich! Schaut meine Stirn nicht an!«
»Ei warum denn nicht, du fremder Sänger?«
»Ich bin kein Sänger -- ich habe euch betrügen wollen -- ich bin nur ein Hutmacher und ein Räuber!«
Erschreckt standen die Jungfrauen zur Seite. Da kam der Burgherr und fragte strenge:
»Wer hat dich gesandt?«
»Der Prinz von Czernagora!« gestand der wimmernde Mann.
»Führt ihn in das Verließ!« befahl der Burgherr. Das geschah, und es nutzte gar nichts, daß sich die Mädchen bemühten, für den armen Tropf Fürsprache einzulegen.
* * * * *
Der Schneider übte sich gerade in der Hausiererkunst, indem er einem alten Tannenbaum durchaus ein Paar Hosenträger aufschwatzen wollte, als Wolfsklaue an ihn herantrat und sprach:
»Nun ist's Zeit, lieber Freund, daß du dir andere Kundschaft aussuchst. Ziehe hin nach dem Schloß, mache dich angenehm durch dein Benehmen und deine Waren, und erzähle vom Reichtum des Prinzen von Czernagora.«
»Sie werden mer derkennen,« sagte der Schneider in seinem jüdischen Dialekt.
»Nein, se werden der nich erkennen,« beschwichtigte ihn Wolfsklaue. »Ich sage dir, Schneider, du bist ein Itzig, wie er sein soll.«