Die fünf Waldstädte: Ein Buch für Menschen, die jung sind
Part 8
Und er machte für den Lehrer eine gute Note ins Protokoll. Die Stimmung des Schulgewaltigen schlug überhaupt sichtlich zum Besseren um und ehe er um ½11 ging, schraubte er mein Roß und mich nur noch einmal ganz leise und zärtlich an den Ohren und schied dann in Gnaden.
Als um 12 Uhr die Schule aus war, bestieg ich mein Roß und ritt als ein Sieger heimwärts. Die kleinen Blessuren, die ich erlitten hatte, taten meinem Triumph keinen Eintrag. Ich streichelte mein treues Roß, und als wir ein Stück das Dorf hinauf waren, sangen wir in der Freude unseres Herzens gemeinsam: »Stadtklecker! Stadtklecker!«
Auf einmal -- wie wenn wir den Rübezahl gerufen hätten und der fürchterliche Berggeist plötzlich vor uns stünde, tauchte der Schulinspektor aus einem Seitengäßchen auf. Wir hatten geglaubt, der Mann sei längst nach der Stadt zurück, und nun war er noch in der evangelischen Schule gewesen und noch im Dorf.
Den bösen Geist sehen und vom Pferde fallen war eins. Der Herr Schulinspektor tobte. Da aber viele Feldarbeiter vorbeigingen und schmunzelten, fühlte er, daß er keine günstige Rolle spiele, wenn er sich mit uns beiden in einen Straßenkampf einließe, und herrschte uns also an:
»Marsch nach der Schule zurück! Dort werdet ihr dem Herrn Lehrer sagen, was ihr getan habt. Er wird euch augenblicklich bestrafen. Ich gehe jetzt hier ins Wirtshaus, um meine Sachen zu holen. In einer Viertelstunde seid ihr vor dem Gasthaus. Wehe euch, wenn ihr meinen Befehl nicht ausführt!«
Wir gingen nach der Schule zurück. Ja, ich muß es eingestehen, ich ging zu Fuß. Heimlich schlichen wir nach der Schulstube. Die war ganz leer. Aber der Lehrer bemerkte uns bald.
»Was wollt ihr denn noch?«
Da stotterte ich, ich hätte mein Lineal vergessen. Das Lineal war das wichtigste aller meiner Schulutensilien, denn erstens brauchte ich es als Waffe und zweitens fürs Freihandzeichnen.
»Geht nur nach Hause!« sagte der Lehrer.
Da glaubte ich, wir sollten ihm gehorchen und ihm weiter keinen Kummer machen, und wir gingen. Meinem Roß war dabei nicht ganz wohl. Aber draußen belehrte ich es über meinen Feldzugsplan, und wir gingen also zum Gasthaus, vor dessen Tür wir ein jämmerliches Geheul anfingen. Ich weinte bitterlich, und mein Roß strich sich fortwährend mit seinen Vorderhufen den Bug.
Der Herr Schulinspektor kam erschreckt herausgestürzt.
»Na, heult nicht so! Ihr macht mir ja das ganze Dorf rebellisch. Der Lehrer hat euch wohl etwas zu stark gezüchtigt?«
Wir heulten noch lauter.
»Jungens, seid still! Daß er euch so stark bestrafe, wollte ich ja nicht. Na, hört doch schon auf mit eurem Geheule! Es sind doch Leute im Gasthaus. Was sollen die sich denn denken?«
Mein Roß schrie förmlich.
Dem Schulinspektor war die Sache furchtbar peinlich; denn er hatte sein Amt erst angetreten und wollte nicht in den Ruf eines Kinderquälers kommen.
Da schenkte er uns 10 Pfennige, sagte, wir seien ja sonst nette Kinder, auch fleißig in der Schule, hätten ihm Freude gemacht; da sollten wir also in Zukunft ein höflicheres Straßenbenehmen an den Tag legen, jetzt sofort ruhig nach Hause gehen und uns für die 10 Pfennige was kaufen.
* * * * *
Die 10 Pfennige nahm das Roß in Verwaltung und kaufte am Nachmittag drei Zigarren dafür. Jeder rauchte eine, die dritte rauchten wir zusammen. Wir saßen dabei auf unserem Windmühlberg, sahen nach der Kreisstadt hinüber und sangen aus vollen Lungen: »Stadtklecker! -- Stadtklecker!«
Die Räuber aus dem Riesengebirge
Drei ehrbare Handwerker aus dem Riesengebirge, ein Schuster, ein Schneider und ein Hutmacher, beschlossen eines Tages, Räuber zu werden; denn ach, ihre Geschäfte gingen schlecht! Machte der Schuster ein Paar Stiefel, so kam sein Kunde nach ein oder zwei Tagen angehinkt, schimpfte, daß ihm alle Zehen zerquetscht und die Fersen zerrieben seien, schlug dem Meister die Stiefel um den Kopf und verlangte sein Geld zurück. Nähte der Schneider mit Sorgfalt und viel Geschicklichkeit einen Anzug, so wies ihm sein Kunde bei der Ablieferung mit rauhen Worten nach, daß das eine Hosenbein weit wie ein Mehlsack, das andere eng wie ein Pfeifenrohr sei, und daß der Rock hinten zwei Buckel mache, wie das Fell eines Trampeltiers. Maß der Hutmacher einem ein recht fesch Hütlein an, so saß es ihm am Ende auf dem Wirbel wie eine Hanswurstkappe oder fiel ihm in die Stirn bis über die Spitze des Kinnbartes herab.
So sagten eines Tages die drei Meister zueinander: »Das Handwerk hat keinen goldenen Boden mehr. Man kann tun, was man will, das Publikum ist nicht zufrieden. Es gibt nichts als Zank und Streit. Wir wollen uns also nach einer friedfertigeren Beschäftigung umsehen.«
Darauf beschlossen sie, Räuber zu werden, und meinten, dabei ihr gutes Auskommen zu haben. Sie wuschen sich nun sechs Wochen lang nicht mehr, kämmten ihr Haar nicht mehr und zogen ihre ältesten Kleider an. Darauf nahmen sie von ihren Freunden Abschied, sagten, sie möchten sie nur in gutem Andenken behalten, zogen in den Wald und wurden Räuber.
Zwei Tage und zwei Nächte saßen sie unter dunklen Bäumen und lauerten, ob jemand des Weges daherkommen würde. Es kam aber niemand, und die Räuber froren und langweilten sich. Zum Glück hatten ihnen ihre Freunde Essen und Trinken mitgegeben, sonst hätten die armen Kerle Not leiden müssen.
Am zweiten Tage gegen Abend meldete der Schneider, der als Kundschafter ausgeschickt worden war: es ziehe ein starker Mann daher. Er sei groß wie ein Riese und habe einen Knüppel in der Hand. Man könne nicht wissen, was er im Schilde führe.
Da versteckten sich die drei Räuber hinter die Brombeerhecken und atmeten auf, als der starke Kerl vorbei war. Der Hutmacher aber, welcher der Klügste von ihnen war, sprach:
»Auf diese Weise werden wir auch keine guten Geschäfte machen!« Und er hielt eine Rede, und alle drei beschlossen, den nächsten Wandersmann zu überfallen, sei es auch, wer es sei.
Wie nun der Morgen in hellgoldener Pracht über den Bergen aufging, kam der Schuster angerannt und sagte: ein einzelner Reiter komme den Talweg herauf. Es sei wohl ein reicher Ritter, denn er habe eine Feder auf dem Hut und trage ein seidenes Wams. Er sei schon ganz nahe. Das Schlimme sei nur, daß er ein Schwert an der Seite trage; man könne also nicht wissen, was er im Schilde führe.
»Schwert oder nicht Schwert,« brüllte der Hutmacher so mutig, zornig und laut, daß die Luft dröhnte; »wir müssen ihm am Kreuzweg auflauern und ihm seine Habe abnehmen. Der Schneider wirft dem Pferde eine Schlinge um den Hals, der Schuster zieht den Ritter vom Roß herunter, und ich packe ihn dann von hinten!«
In diesem Augenblick wieherte ein Pferd, und die drei Räuber rannten so schnell als möglich nach dem nahen Kreuzweg. Als nun der Ritter ankam, sprangen sie ihm mit einem fürchterlichen Geschrei entgegen.
Und was nun kam, geschah alles blitzschnell. Der Ritter entriß dem Schuster die Schlinge und warf sie ihm selbst um den Hals, er zog den Schneider zu sich aufs Roß hinauf und packte den Hutmacher von hinten am Halswirbel. Darauf stieg er gelassen vom Roß herab, nahm auch den Schuster mit hinunter und legte alle drei Räuber sacht, aber bestimmt auf die Erde, mit den Nasen in den aufgeweichten Boden hinein. Dann befahl er ihnen, nur recht still zu liegen, da sie ja nicht wissen könnten, was er im Schilde führe, räumte ihnen die Taschen aus, was sie da noch an Wurst, Speck und Tabak hatten, zählte jedem mit der flachen Klinge seines biegsamen Degens zwanzig ansehnliche Streiche auf den Hosenboden, stieg dann wieder zu Roß und ritt langsam davon, indem er mit fröhlicher Stimme sang:
»Es ist so schön der Morgen Im frohen Sonnenlicht, Kein Kummer und keine Sorgen Drücken mein Herze nicht!«
Als der Ritter um die nächste Waldecke verschwunden war, hob der Hutmacher die Nase aus dem Schlamm, nieste kräftig und sagte:
»Unser Anschlag ist fehlgegangen!«
Nun erhoben sich auch die beiden anderen, gaben dem Hutmacher recht und waren allesamt äußerst betroffen.
»Wir werden uns nach einem friedfertigeren Gewerbe umsehen müssen,« klagte der Schuster. Sie wußten aber keines, denn es waren kümmerliche Zeitläufte.
So saßen sie am Kreuzwege und fingen schließlich alle drei an bitterlich zu weinen.
* * * * *
Plötzlich fuhren sie zusammen, denn es kam ein Mann gegangen.
»Der Ritter!« schrie der Schneider und wollte entfliehen. Doch der Fremdling war schon da. Er führte das Roß des Ritters am Zügel und trug seine Kleider und Waffen; aber es war der Ritter nicht.
Der Fremde machte erstaunte Augen, als er die drei sitzen sah, und fragte:
»Was sitzt ihr drei armen alten Frauen hier und weinet?«
»Wir sind keine alten Frauen,« schluchzte der Schuster, »wir sind Männer. Junge Männer!«
»I der Dauz,« rief der Fremdling erstaunt, »junge Männer seid ihr! Wer hätte das gedacht! Aber sagt mir, warum weinet ihr?«
»Weil es uns so schlecht geht,« heulte der Schneider.
»Schlecht geht? Wieso? Wie kann es einem jungen Mann schlecht gehen? Sehet mich an! Ich bin ein Räuber. Mir geht es gut. Werdet auch Räuber, und es wird auch euch gut gehen!«
»Wir sind ja Räuber!« sagte der Hutmacher kleinlaut.
Da lachte der Fremde so laut, daß sich das Roß aufbäumte und dem Schneider einen Tritt auf die Schulter gab.
»Ach, ihr seid Räuber? O, welch ein Spaß! Welch eine Überraschung! Warum aber habt ihr euch alsdann den reichen Rittersmann entgehen lassen, der vor einer Stunde hier vorbeizog? Seht mich an; ich bin ein einzelner Mann und habe dem Ritter alles abgenommen, was er besaß.«
Der Schneider log, sie hätten den Ritter leider nicht gesehen; sonst hätten sie ihn schon ordentlich ausgeraubt, denn sie seien tapfere Leute, und von alten Weibern sei keine Rede.
»Nun,« sagte der Fremde, »wenn ihr meine Kollegen seid, so sollt ihr wenigstens mit mir frühstücken.«
Er packte nun die Wurst und den Speck aus, den der Ritter vordem den dreien abgenommen hatte, und lud zum Mahle ein. Der Fremde aß aber fast alles selbst, und dem Schneider, dem Schuster und dem Hutmacher blieb nicht viel mehr als von der Wurst die Haut und von dem Speck die Schwarte. Die lagen ihnen schwer im Magen.
Während des Frühstücks erzählte der Fremde, er heiße Wolfsklaue und habe in den italienischen Abruzzen, im ungarischen Bakonywald und im Böhmerwald seine Studien gemacht. Neulich habe er sein Meisterstück gemacht, und nun wolle er hier im Riesengebirge das Räubergewerbe auf eigene Faust betreiben. Wenn es den dreien recht sei, sollten sie in seine Dienste treten; er nehme nicht mehr als die Hälfte der Beute für sich; die andere Hälfte solle den dreien überlassen sein.
Da schlugen sie ein und wurden fröhlich.
* * * * *
»Kameraden,« sagte nun Wolfsklaue, »wenn wir rechte Räuber sein wollen, genügt es nicht, daß wir hier am Kreuzweg sitzen und heulen oder Wurst und Speck essen, sondern wir müssen auf Taten ausgehen.«
O, da stimmten die drei anderen bei. Jahrelang, sagten sie, sehnten sie sich schon danach, mal etwas Ordentliches zu tun zu bekommen. Taten! Das sei so etwas für sie!
»Gut,« sagte Wolfsklaue, »hört mich also an. Weit im Gebirge drin wohnt ein Müller, der ist so steinreich, daß er sich alle Tage mit Seife wäscht und seine Kühe mit Apfelsinen füttert. Den wollen wir ausrauben.«
»Den wollen wir!« stimmten die drei freudig bei.
»Ja, aber die Sache ist nicht so leicht. Der Müller ist ein starker Kerl und hat vier Knechte; auch sind er und seine Leute wohlbewaffnet mit Dolchen, Pistolen und Totschlägern. Überdies hat er zwei Bluthunde.«
»Muß es nun grade der Müller sein?« fragte der Schneider.
»Jawohl. Denkt doch an sein vieles Geld. Die Sache bedarf nur der nötigen Schlauheit. Hört mich an! Ich stecke euch in Getreidesäcke und verkaufe euch dem Müller als Korn und Gerste. Er schafft euch in seine Mühle. In der Nacht schlüpft ihr aus den Säcken heraus, öffnet mir die Tür, und alles andere laßt ihr mich besorgen. Ich habe nicht umsonst in Böhmen mein Meisterstück gemacht.«
Auf diesen Plan gingen die drei ein, und am nächsten Morgen schon standen der Schuster, der Schneider und der Hutmacher als Säcke auf dem Getreidemarkt in Hirschberg.
Es war ein warmer Tag und viel Volk beisammen. Damit nun die Säcke nicht um die Gestalten schlotterten, waren sie mit Heu ausgestopft.
»Ich schwitz mich tot,« sagte der Hutmacher in seinem Sack.
»Mensch, halt dein Maul,« knirschte Wolfsklaue, »oder du verrätst uns. Schwitze im stillen!«
Nun kam ein Hund gegangen, schnubberte an dem Sacke, in dem der Schneider steckte, und fing ein wütendes Gebell an. Der Schneider erbebte; er erkannte den Hund an der Stimme; oft genug hatte er dem Köter früher einen Fußtritt gegeben. Jetzt mußte er es sich gefallen lassen, daß der Hund sich wie rasend in den Sack verbiß und ihn umriß. Alles Volk lachte.
Eine Stunde später kam der Ratspolizist. Er hatte im Auftrage der hohen Obrigkeit einzelne Säcke zu öffnen und zu prüfen, ob sie auch gutes, gesundes Korn enthielten.
»Wir sind verloren,« dachte der Schuster, als der Polizist gerade den Sack öffnete, in dem er steckte.
Zum Glück war der Polizist sehr kurzsichtig. Als er nun die Nase tief in den Sack steckte und des Schusters strohgelben Schädel sah, sagte er befriedigt:
»Ich habe lange kein Korn von so schöner goldener Farbe gesehen.«
Und er band den Sack wieder zu. Der reiche Müller, der in der Nähe stand, hatte das lobende Urteil gehört, und da die Säcke groß und prall waren, kaufte er sie um einen guten Preis und ließ sie auf seinen Wagen laden.
»Das war Zeit,« seufzte der Schneider; »ich habe schon das Zittern in den Beinen!«
»Ich schwitz mich tot!« stöhnte der Hutmacher.
»Ich schwitze so,« sagte der Schuster, »daß der Schweiß sicher schon durch den Sack dringt. Es ist wenigstens gut, daß wir jetzt liegen!«
Nun kam der Müller, befühlte die Säcke und sagte: »Oho, sie sind ja feucht! Wenn ich nur kein dämpfiges Korn gekauft habe. Es scheint bei der Ernte nicht ordentlich ausgetrocknet zu sein. Peter, lade das andere Korn auf und laß uns heimfahren!«
Der Knecht lud nun noch etwa zehn Säcke auf und warf sie mit Wucht auf die drei Räuber, welche angstvoll ihr letztes Stündlein gekommen glaubten. Sie seufzten, stöhnten, ja schrieen zuweilen, und es war nur gut, daß der Wagen, der sich in Bewegung gesetzt hatte, so laut knarrte, daß von den Angstrufen nichts zu hören war.
Der Weg von Hirschberg bis zur Mühle betrug sechs Stunden. Es war eine so schreckliche Fahrt, daß der Schuster bei sich meinte, fast sei es weniger arg, ein Paar Stiefel zu machen, als ein solch heißes und drückendes Abenteuer zu erleben. Und die beiden anderen hatten ähnlich düstere Gedanken.
Endlich ging auch dieser Schmerzensweg zu Ende. Der Wagen hielt; die Säcke wurden abgeladen. Steif standen die drei Räuber, ohne sich zu rühren. So zerschlagen und zerschwitzt sie sich fühlten, freuten sie sich doch, daß bis jetzt alles glatt abgelaufen war, und hofften auf gute Beute und auf die Zufriedenheit ihres Herrn und Meisters Wolfsklaue.
Ach, es kam anders.
»Hm! Dieses Korn scheint wirklich ganz dämpfig zu sein,« sagte der Müller; »sieh mal, Peter, die Säcke sind naß, wie wenn sie aus dem Wasser gezogen wären. Da bin ich betrogen worden. Am besten ist es, wir schaffen das Zeug bald weg. Schütte es augenblicklich in die große Schrotmühle; wir machen Schweinefutter daraus!«
Wie der Schneider etwas von der Schrotmühle und vom Schweinefutter hörte, schrie er laut auf vor Angst, warf sich um und rollte durch den Hof. Von den anderen beiden Säcken begann der eine zu hüpfen, der andere um Hilfe zu schreien. Der Peter schrie, der Müller schrie, die anderen Knechte kamen gesprungen und schrieen, die Bluthunde heulten, und es ward ein großer Lärm.
Das Ende vom Liede war, daß die Säcke geöffnet und die drei Räuber herausgezogen wurden. Triefend von Schweiß, mit angstverzerrten Gesichtern und schlotternden Beinen standen sie da, und als einer der Knechte rief:
»Die haben sich einschleichen wollen; das sind Räuber!« ging ein toller Lärm an. Der Schuster, der Schneider und der Hutmacher bekamen so viel Prügel, wie nie drei Räuber oder sonstige schlichte Bürger Prügel bekommen haben. Halb totgeschlagen wurden sie endlich zum Tore hinausgeworfen. Dort blieben sie anfangs wie betäubt liegen; dann krochen sie, hinkten sie, schleppten sie sich in den Wald hinein.
Dort trafen sie Wolfsklaue.
Als er hörte, was vorgefallen war, sprach er ihnen erst sein Bedauern aus, dann hieb er sie noch einmal durch, indem er sagte:
»Ein richtiger Räuber darf nicht zucken und mucken, auch wenn er zu Schweinefutter gemahlen werden soll.«
* * * * *
Wochenlang kühlten sich die Räuber ihre brennenden Gebeine. Sie lagerten sich ins weiche Moos und legten sich gegenseitig Salben und kühlende Kräuter auf. Wolfsklaue erschien nur alle drei Tage bei ihnen, brachte ihnen einige Stücke harten Brotes, das sie sich im Wasser des Baches aufweichen mußten, und tat sich selbst bei Braten und Wein lecker. Manchmal erzählte er von seinen Taten; Schlösser hatte er ausgeraubt, reisende Kaufleute überfallen und andere einträgliche Geschäfte gemacht. So strotzten seine Finger von funkelnden Ringen; er hatte in jeder der sechs Taschen seiner rotseidenen Weste eine Uhr stecken und eine Kette daran und trug in jeder Hand zwei Spazierstöcke mit silbernen Knäufen. Jedesmal kam er auf einem anderen Roß angeritten, die immer aus Arabien stammten; die gestickten Decken waren aus Persien, das Lederzeug aus England, die Beschläge aus Italien. Aus Deutschland war nichts, das wäre zu gewöhnlich gewesen.
Während nun die drei armen Kerle ihre Brotrinden aßen und sich von Zeit zu Zeit den abheilenden und darum juckenden Buckel krauten, hielt Wolfsklaue schwelgerische Mahlzeiten, funkelte mit seinen Ringen, zog seine Uhren auf und putzte seine goldenen Ketten mit einem Lederlappen.
Die drei armen Hascher sahen mit gierigen Augen zu. Und eines Tages, als Wolfsklaue wieder ganz aufdringlich geprahlt und die drei sehr schlecht behandelt hatte, sagte der Hutmacher, als sie wieder allein waren:
»Brüder, das halte aus, wer da wolle! Es ist schlimmer als ein Hundeleben! Was hat uns Wolfsklaue dagelassen? Nichts! Nicht einmal die Knochen von seinem Wildbret. Die hat er seiner dänischen Dogge gegeben. Es macht mir keinen Spaß mehr, ein so armer Teufel zu sein; ich will lieber so reich sein wie Wolfsklaue und werde das in drei Tagen erreichen.«
Der Schneider fragte den Hutmacher freundlich, ob er etwa Kopfschmerzen habe und am Gehirn leide; aber der Hutmacher verneinte das und sagte, er sei kein bißchen verrückt, sondern er habe im Gegenteil einen großartigen Plan.
Erst nach Mitternacht, als der Mond schon untergegangen war, und das kleine Holzfeuer, um das die drei saßen, erlosch, gab der Hutmacher seinen Plan kund.
»Überfallen müssen wir ihn!«
»Wen?«
Der Hutmacher zog das linke Ohr des Schneiders und das rechte des Schusters dicht an seinen Mund und flüsterte:
»Ihn -- Wolfsklaue!«
Da rissen die beiden ihre Ohren los und sprangen in die Höhe. Sie schüttelten sich vor Entsetzen.
Aber als die Sonne aufging, hatte des Hutmachers große Redekunst über alle Besorgnisse gesiegt, und es war ausgemacht, das nächste Mal Wolfsklaue zu überfallen, sobald er seine Waffen abgelegt hatte und seine Dogge in den Büschen verschwand, um nach Wildfährten zu spüren. --
Der dritte Tag erschien; aber Wolfsklaue erschien nicht. Da bekamen die drei Angst, er möge am Ende von ihrem Anschlag Wind bekommen haben.
»Man kann bei ihm nie wissen, was er im Schilde führt!« sagte der Schneider besorgt. Die beiden anderen schwiegen und sahen bedrückt vor sich hin. Es war ganz still im Walde. Kein Laut rührte sich. Nur die Magen knurrten von Zeit zu Zeit im Dreiklang, oder ein Schluchzer oder Seufzer kam aus einem bärtigen, verwilderten Räubermunde.
Am vierten Tage erschien Wolfsklaue. Er trug eine flimmernde Königskrone auf dem Kopf, ein ganzes Bündel von Spazierstöcken mit goldenen, silbernen und demantenen Knäufen unter dem linken Arm, unter dem rechten hatte er ein Szepter gequetscht, und in der Hand hielt er eine goldene Kugel. Von seinen Schultern fiel ein Purpurmantel, der mit Edelsteinen übersäet und so lang war, daß er den halben Waldweg entlang schleifte. Um den Hals trug er so viel goldene Ketten, daß sich unter der Last sein Nacken krümmte; seine Brust und sein Bauch waren wie ein Spiegel, weil dort gar so viele Orden blitzten, sein rechtes Hosenbein war aus himbeerrotem Sammet, sein linkes aus bernsteingelber Seide, an dem rechten Fuß hatte er einen Stiefel von Elenleder, an dem linken einen perlengestickten Pantoffel.
Der Schneider, der Schuster und der Hutmacher sprangen ob des wunderbaren Anblicks in die Höhe und fielen dann platt auf die Nasen.
»Guten Tag, meine Herren,« sagte Wolfsklaue freundlich und lüftete die Krone; »ich freue mich, euch so wohl zu sehen. Ihr habt euch jedenfalls hier gut unterhalten. Ich habe inzwischen ein kleines Geschäft erledigt. Ich hatte eine Zusammenkunft mit dem Könige von Polen. Ihr seht, daß ich mir einige kleine Andenken mitgebracht habe. Es war wirklich sehr nett!«
Er winkte dem Hutmacher, ihm vom Pferde zu helfen, gürtete sich sein Schwert ab, das er dem Schneider übergab, nahm seine Pistole aus dem Gürtel und gab sie dem Schuster, raffte schließlich seinen Purpurmantel zusammen und legte sich auf die Erde.
»Aber anstrengend ist es, meine Herren, sehr anstrengend! Ihr glaubt gar nicht, wie müde ich bin! Siebzehn Kammerdiener und achtundfünfzig Soldaten habe ich erst entfernen müssen, ehe ich mit Se. Majestät unter vier Augen reden konnte. Gebt mir doch mal die Flasche aus der Satteltasche. Es ist alter Malvasier drin. Und füllt eure hohlen Hände dort am Brünnlein, und dann wollen wir mal auf meine Gesundheit trinken.«
Es geschah alles, wie Wolfsklaue es wünschte. Die drei armen Hascher füllten ihre Hände an der Quelle, und dann mußten sie mit der Hand an Wolfsklaues goldenem Becher anstoßen und »Zur Gesundheit!« sagen.
»Ah, das schmeckt? Nicht wahr?« fragte Wolfsklaue, als sie getrunken hatten. »Ein bißchen schwer ist der Trank; aber wie Feuer geht er durch die Adern. Nun, lassen wir es uns wohl sein! Einen Sieg, wie den meinen, muß man feiern. Ich denke, wir trinken noch ein Schöpplein!«
Wieder mußten die drei armen Hascher ihre hohlen Hände an der Quelle füllen und mit Wolfsklaue anstoßen.
»Wohl bekomm es!« sagte Wolfsklaue; »es geht nichts über einen guten Trunk. Man wird so fröhlich dabei.«
Der Hutmacher hustete sehr laut und sagte, er habe sich verschluckt.
»Immer hübsch langsam trinken,« mahnte Wolfsklaue; »immer alles mit Maßen! Ich möchte wohl noch einen dritten Becher; aber ich sehe, ihr habt schon genug, und ich bin auch müde. Ich will ein wenig schlafen. Ihr drei möget Wache stehen und mich wecken, wenn der Morgen graut. So hat jeder sein Vergnügen. Gute Nacht!«
Er schlief ein. Die Krone rutschte ihm tief in die Stirn herab, er legte das himbeersamtne Hosenbein über das bernsteingelbe, faltete die Hände auf seinem dicken, ordengeschmückten Bauche und schnarchte bald laut und tief.
Die drei anderen Räuber schauten sich an. Der Schneider wischte sich den Mund ab; der Schuster klagte, das kalte Wasser sei ihm in seine hohlen Zähne gekommen; der Hutmacher sah finster vor sich hin. Auch das Roß hatte sich gelegt, sich mit den Zähnen die schwere persische Seidendecke zurechtgezupft, so daß es nicht frieren konnte und schlief auch ein. Die große dänische Dogge verschwand im Walde, um zu wildern.
Die Nacht brach herein; der Mond verbarg sich hinter den Wolken. Da runzelte der Hutmacher die Stirn, blitzte die beiden anderen mit den Augen an und sagte leise:
»Jetzt, jetzt ist's Zeit!«