Die fünf Waldstädte: Ein Buch für Menschen, die jung sind

Part 7

Chapter 73,747 wordsPublic domain

Das Mädchen war einsam, aber auch Gedeon war einsam. Mit finsterem Gesicht aß er den Osterbraten, mit finsterem Gesicht trug er seinen neuen Anzug, nachdem er dreimal an der Fremden vorübergegangen war und sie kein Wort über seine Leibeszier gesagt hatte. Friedlos wanderte Gedeon hin und her und landete immer und immer wieder in der Nähe des Mädchens. Selbst in der Nacht fand er keine Ruhe. Ich sah ihn einmal aufrecht in seinem Bette sitzen und hörte ihn mit sich selber sprechen. »Einen richtigen Feuerfresser hat sie gesehen? Einen Elefanten, der Trompete bläst? Ach, Unsinn!« Und warf sich um in sein Bett, saß aber bald wieder mit wachen Augen träumend da. Und sprach leise und schmerzlich zu sich: »Sie ist schöner als alle!« Und wieder nach einer Weile hörte ich etwas -- was ich nicht für möglich gehalten hätte -- hörte ich, daß Gedeon ingrimmig schluchzte.

Am nächsten Morgen erschien die Rebekka vom Müller und meldete, die Fremde wolle nach Hause. Es sei ihr bange, es gefalle ihr hier gar nicht. Gedeon geriet in große Erregung:

»Sie wird nicht fort -- sie darf nicht fort -- das werde ich ihr austreiben!«

* * * * *

Es war ein Wunder geschehen. Gedeon und die Fremde waren ausgesöhnt. Sie wanderten mit strahlenden Gesichtern durch den Garten, und Gedeon erweckte durch hundert Kunststücke im Herzen des Mädchens Liebe und Bewunderung. Am Nachmittag wurde sie in das »Volk« aufgenommen. Wir waren alle gespannt, wie die Neue heißen würde, da doch der Vorrat an Mädchennamen erschöpft war. So machte es einen tiefen Eindruck auf uns, als Gedeon dem schönen Kinde sein hölzernes Schwert auf die Schulter legte und mit glücklicher, ja, mit triumphierender Stimme sagte:

»Ich nehme dich auf in das Volk und nenne dich: die Königin von Saba.«

Holdselig lächelnd schaute das Mädchen zu dem Helden auf, und alles Volk neigte sich vor ihr.

Ein wenig später nahm mich Gedeon zur Seite und sagte:

»Ich werde die Königin von Saba heiraten!«

»Du hast doch schon die Esther!«

»Ach, die -- schaff' ich ab. Ich muß die Königin von Saba zur Frau haben, ich muß! Und wer was dagegen sagt, der --« Er runzelte die Stirn. Ich aber fand es unerhört, erst eine Judith laufen zu lassen und dann auch noch einer Esther den Laufpaß zu geben.

»Was werden aber die andern dazu sagen?«

Er machte eine verächtliche Miene.

»Das ist egal! Die Esther wirst du heiraten oder der Zebulon.«

Ich muß sagen, es empörte sich etwas in mir. Diese abgelegte Esther zu übernehmen, dazu hatte ich gar keine Lust. Doch wagte ich natürlich nicht, heftig zu widersprechen, sondern sagte nur:

»Es wäre mir am liebsten, wenn ich vorläufig noch ledig bleiben könnte.«

Er besann sich ein wenig und sagte dann: »Ja, du kannst mich mit der Königin von Saba trauen, und der Zebulon nimmt die Esther.«

Die Gattenpflichten waren ja in diesem Volke sehr leicht. Sie bestanden darin, der Gesponsin beim Lumpenmann einen Ring zu kaufen, sie gegen ihre Feinde zu beschützen und beim Spiel ihr Partner zu sein. Immerhin tat mir Zebulon leid, denn Esther war drei Jahre älter als er und noch dazu seine Schwester. Das kann man nicht gerade eine vorteilhafte Partie nennen. Zebulon weigerte sich auch, wurde aber von Gedeon durchgehauen und war dann zur Ehe bereit.

Mir fiel also das Amt zu, Gedeon und die Königin von Saba zu trauen. Es war eine saure Arbeit. Denn erstens waren mir die priesterlichen Gewänder, die sonst Gedeon trug, viel zu groß, und dann machte mir die Traurede viel Schmerzen. Es ist für einen Anfänger nicht leicht, gleich vor den Gewaltigen der Erde zu sprechen. Immerhin, ich nahm mich zusammen und stand würdevoll vor dem Altar, den Gedeon in einer großen Bodenkammer aufgebaut hatte. Der Hochzeitszug nahte. Die Braut trug einen wundervollen Schleier, den die Tante aufgesteckt hatte, Gedeon hielt effektvoll einen Zylinderhut in der Hand, den der Onkel geborgt hatte. Die andere Hochzeitsgesellschaft war weniger stilgerecht. Nabuchodonosor, der Trauzeuge war, hatte sich eine blaue Zuckerdüte auf den Kopf gesetzt, und die makkabäische Mutter, die als Brautjungfer fungierte, hatte sich den Gummilutscher mitgebracht. Einige Herren der Gesellschaft führten Säbel, Armbrust, Trommel oder Steckenpferd mit sich, und Ruben trieb mit seinem Bruder Lewy Allotria mit meiner Schnupftabakdose. Ganz aus der Art aber, war es, daß Salmanassar während der Trauung mit seinem Blaserohr nach dem Brautpaar Scheibe schoß.

Unter diesen Umständen ist es nicht leicht, eine ergreifende Predigt zu halten. Ich tat, was ich konnte.

»Geehrtes Brautpaar! Die Ehe stammt aus dem Paradiese. Da war Adam Bräutigam und Eva Braut.«

Hier blieb ich stecken. »Braut -- Braut --« wiederholte ich einige Male mit einem fatalen Lächeln.

»Jawohl Braut!« sagte Salmanassar im Hintergrunde.

Ich machte ein hilfloses Gesicht und eine ohnmächtige Handbewegung. Gedeon, der Bräutigam, zog eine wütende Miene.

»Weiter -- oder --«

Dieser Wüterich hätte sich sogar an der Geistlichkeit vergriffen. Die Angst half mir. Allerhand fiel mir ein, was ich in Traureden gehört hatte.

»Geehrtes Brautpaar, das ist eine feierliche Stunde.«

»Der Salmanassar schießt mit'm Blaserohr,« kreischte mir Sarah dazwischen.

»Schmeißt ihn raus!« rief der Bräutigam, indem er sich umwandte. Salmanassar flog hinaus.

»Eine feierliche Stunde!« wiederholte ich. »Die Ehe ist schwer.«

»Mit der Königin von Saba ist sie nicht schwer!« grollte der Bräutigam.

»Nein, nein, mit der ist sie nicht schwer!« gab ich ohne weiteres zu und fuhr fort: »Ihr sollt alles miteinander tragen, Freude und Leid. Ihr sollt euch eure Schwächen verzeihen, denn jeder Mensch hat Schwächen. (Der Bräutigam schüttelte heftig den Kopf.) Wenn ihr krank seid, sollt ihr euch pflegen, und eure Kinder sollt ihr fromm erziehen. Amen.«

Der Bräutigam zuckte die Achseln. Ich merkte, er war nicht zufrieden. Die Braut aber sagte laut: »Das hat er schön gemacht«, und da hellte sich auch Gedeons Gesicht auf, und ich konnte erleichterten Herzens die Zeremonie zu Ende führen, was mir über Erwarten gut gelang.

Das Hochzeitsmahl war nicht schlecht. Die Tante kochte Schokolade für alle, und Gedeon gab vier Zigarren zum Besten, die er um zehn Pfennig in der Stadt gekauft hatte. Zwei rauchte er selbst, eine bekam ich als Stolgebühren, und eine bekam Zebulon, der Zwangsmann der Esther, gewissermaßen als Trostpreis.

* * * * *

Gott weiß, was in ihm steckte, was Großes und Seltsames aus ihm geworden wäre, oder was Großes und Seltsames verdorben wäre in der Enge seiner äußeren Verhältnisse. Was ist ein Held unter Bauern, wenn es ihm bestimmt ist, auch ein armer Bauer zu werden, wenn rings auf eine edle Seele die Knechtschaft lauert?!

Und siehe, es wurde anders, als alle dachten.

Gedeon tat das Kühnste, was noch keiner aus dem Volke gewagt hatte, -- er küßte seine Frau. Und alle die jungen Männlein und Weiblein sahen zu und lachten nicht einmal.

Auf der Wiese, die am Flusse lag, wurde das Hochzeitsfest begangen mit Spiel und Tanz. Gedeon hatte seiner Braut einen Schneeglöckchenstrauß geschenkt, den trug sie an der Brust. Ein großer, weißer Strohhut lag auf ihren blonden Haaren und seine blauen Schleifen flatterten im Winde.

Die Wiese war gelbgrün, die ersten Blättlein standen an Baum und Strauch, der brausende Fluß sang sein rollendes Frühlingslied, hoch im Blauen war Lerchengesang.

Da streckte Gedeon seine starken Arme gen Himmel und fing laut und mächtig an zu schreien. Es war ein wilder, ein königlicher Schrei; Gedeon schrie vor Kraft und Glück.

Dann funkelten seine Augen, und er sagte zu seiner Braut:

»Paß auf, wenn ich zu den Soldaten geh, werde ich der alleroberste General. Oder ich geh auf die See!«

Nahm sie plötzlich und schwang sie im Kreise herum und schrie wieder laut dabei vor Kraft und Glück und Lebenslust.

Da löste sich dem Mädchen der Hut -- der Wind nahm ihn -- trieb ihn in den Fluß.

»Mein Hut! Mein Hut!«

»Ihr Hut, ihr schöner Hut!«

»Sei ruhig, ich hole ihn!« -- -- --

Dreißig Kinder standen am Ufer, als Gedeon in den Fluß sprang. Dreißig Kinder sahen freudig erregt zu, wie er dem Hut nachschwamm. Keines bangte um den Helden, dem alles gelang. Allen war es ein herrliches Schauspiel.

Seht, er hat den Hut, er hebt ihn triumphierend über das Wasser. Er schwimmt an den Rand, -- o, es hält schwer, -- die Strömung ist stark -- er ist in Kleidern -- aber er ist der Gedeon. --

Halt, jetzt hat er den Erlenzweig! Seht, er schleudert den Hut ans Ufer. Da liegt er auf dem Erlenbusch.

Er hat gesiegt, er hat gewonnen, wie er immer gewinnt. O, Königin von Saba, was sind deine Zirkuskünstler gegen den! In lachendem Stolz steht das ganze Volk am Ufer.

Aber jetzt -- jetzt bricht der Erlenzweig, an dem sich Gedeon emporziehen will, und er -- er treibt nach der Mitte des Flusses zurück --

O, laßt ihn nur, laßt ihn nur, es ist ja der Gedeon! Paßt nur auf, paßt auf, was noch Großes kommt!

Da fängt ein Mädchen plötzlich an zu weinen und sagt:

»Das Wehr! Müllers Wehr ist so nahe!«

»Das Wehr! Das Wehr! Gedeon! Gedeon!«

Und plötzlich schreien und weinen dreißig Kinder.

* * * * *

Wir konnten es lange nicht fassen, daß Gedeon tot sein sollte. Einer von uns sagte:

»O, das läßt er sich nicht gefallen!«

Er ließ es sich aber doch gefallen, ließ sich tragen und in den weißen Sarg legen. Und hielt ganz still.

Es ging viel in diesem Sarg verloren. Verloren? O, jetzt glaube ich wohl: es wurde viel in diesem Sarg gerettet.

Verwundert, scheu, standen wir um den toten Gedeon. Er hatte ein Gesicht, wie immer, wenn er unzufrieden war. Er war unzufrieden mit sich selbst, unzufrieden, daß er sich vor uns allen und vor seiner Königin von Saba als kein besserer Schwimmer gezeigt hatte. Wir gingen die Tage behutsam, scheu, furchtsam wie Diener, wenn ein strenger Herr schläft.

Erst als der Sarg geschlossen wurde und Gedeon nicht dagegen tobte, sich nicht gegen den Deckel stemmte, sondern sich geduldig einnageln ließ, da fingen wir alle bitterlich an zu weinen.

Der Verlust wurde uns klar, wir erkannten, daß unser König gestorben war, daß wir ein verwaistes, führerloses Volk waren.

Hotel Laubhaus.

Die Szene spielt in einem Laubhaufen, der nahe einer Kirchhofmauer liegt. Durch die braunen und roten Blätter fällt von draußen Sonnenlicht wie durch tausend bunte Fenster. -- In dem Laubhause wohnen: _Der Käfer._ -- _Die Fliege._ -- _Die Schnecke._ -- _Die Raupe._ -- Später kommt noch eine _Spinne_ und zuletzt der _Herbstwind_ dazu.

=Käfer= (träumerisch):

Nun wollen wir schlafen! Wie schön das rote Licht ist! Ich habe einmal in eine Schlafstube der Menschen gesehen, wo eine rote Ampel brannte. Das Licht war nicht schöner als dieses.

=Fliege= (mißmutig):

Dummer Junge, sei bloß still von den Menschen und den Lampen! Die Menschen fangen uns, und die Lampen verbrennen uns. (Zur Schnecke): Na, hab' ich da nicht sehr recht, Frau Nachbarin?

=Schnecke= (stolz):

Ich bin nicht Ihre Nachbarin! (Zur Raupe): Was meinen Sie, vergeben wir uns nicht etwas, wenn wir in demselben Lokal übernachten wie solches ... Geschmeiß?

=Raupe= (seufzend):

Da haben Sie recht, gnädige Frau! Aber was soll man machen? Es ist ja alles schon besetzt sonst! Das wenig saubere Bettzeug hier benutze ich ja bestimmt nicht. Ich puppe mich ein!

=Schnecke=:

Und ich zieh' mich in mein Privatzelt, das ich glücklicherweise immer bei mir habe, zurück und verschließe die Tür ... das ist ja ganz klar!

=Fliege= (heimlich):

So 'ne hochmütige, dicke Schachtel!

=Raupe=:

Den Käfer find' ich aber sehr nett. Er sieht aus wie ein Prinz!

=Schnecke= (mit fauler Stimme):

Ich mache mir nichts aus Prinzen. Sie imponieren mir nicht! (Gähnt.) Ach, ich bin so abgespannt! Ich kann auf keinen Fall mehr umziehen, und wenn ich hier noch so geniert bin. Es ist ein rechter Jammer für eine Dame von Stande.

=Raupe= (mit Bezug auf die Fliege):

Sehen Sie doch, gnädige Frau, diese gewöhnliche Person sucht sich wirklich das allerschmutzigste Blatt zum Bette aus.

=Schnecke=:

Ah, sie widert mich an! Ich kann gar nicht sagen, wie ich in so ordinärer Umgebung leide. Und mich fröstelt auch etwas. Das Beste ist, ich ziehe mich zurück.

=Raupe=:

Wie lange gedenken gnädige Frau zu schlafen?

=Schnecke= (schmerzlich):

Ach, nur fünf bis sechs Monate. Dann rufen mich schon wieder meine Pflichten. Gute Nacht, liebes Fräulein!

=Raupe= (sehr höflich):

Gute Nacht, gnädige Frau!

(Die Schnecke zieht sich zurück in ihr Zelt.)

=Käfer= (traurig):

Es ist noch goldener Sonnenschein draußen! Aber es ist kalt! Und alle Rosen sind tot! Der Tau auf der Wiese ist weiß und hart, und mich friert. Ach, der Sommer ist weit!

(Die Raupe sieht immer begeistert nach dem Käfer. Draußen tönt von fern herein Singen. Im Laubhause ist's ganz still. Da kommt plötzlich an einem grauen Seile eine Spinne herabgeturnt.)

=Fliege= (aufkreischend):

Ein Teufel! Eine Hexe! Eine Spinne!

=Käfer= (bebend):

Eine Spinne! Das ist mein Tod! Ich bin verloren!

=Raupe= (aufgeregt):

Besetzt! Besetzt! Es ist schon alles besetzt hier!

=Schnecke= (zur Tür heraus):

Was ist denn los? Was ist denn das für ein Skandal?

=Fliege= (jammernd):

Lassen Sie mich ein! Lassen Sie mich in Ihr Haus, liebste, gnädigste, herrlichste Frau Schnecke! Eine Spinne! Eine Spinne! O weh, o weh, o weh, o weh!

=Spinne= (mit lauter Stimme):

Ruhe, ihr feiges Gelichter! Ich freß Euch nicht! Ich bin viel zu satt. (Unheimlich.) Ich bin leider viel zu satt! Ich will hier bloß schlafen. Aber wer ausreißt, den ermurkse ich ... jawohl, den ermurkse ich!

=Schnecke= (für sich):

Ein laß ich keinen! Ich bin ohnehin beengt genug. Seht ihr zu! (Sie verriegelt die Tür.)

Nun greift eine bedrückende Stille Platz. Man hört nur, wie die Spinne ihre feinen Fäden zieht und ihre Knoten knüpft, wie die Beinchen der Fliege zittern und der Käfer rascher atmet. Allgemach beruhigen sich die Tiere, da sie die Spinne nicht weiter beachtet. Draußen aber ist das Singen deutlicher geworden und klingt jetzt ganz nahe vom Kirchhof her.

»Ein Kindlein ist gestorben Zur Herbsteszeit, Zu einem andern Frühling Zog es weit, weit ... Wir aber singen, wir singen Ein Lied ihm zur Ruh' Und decken den Sarg mit Erde Und weißen Astern ihm zu.«

=Raupe= (in staunender Frage):

Ein Kindlein ist gestorben?

=Käfer= (schmerzlich):

Ein süßes Menschenkindlein! Ich habe mit seinen weißen Fingern gespielt und bin einmal über seinen goldenen Scheitel gewandert. Und das starb vor drei Tagen, und das ist nun tot!

=Fliege= (leichthin):

Es wird schlafen wie wir, und im Frühling wird es wieder aufwachen.

=Käfer=:

Es schläft wohl länger ... es schläft viel länger!

Es entsteht eine lange Pause. Unterdes hat sich die Spinne ganz eingehüllt. Im Einschlafen summt sie:

»Der Star ist schwarz, und der Spatz ist grau, Ich bin eine kluge, fürsichtige Frau, Ich meide die Spatzen und Stare. Ich spinne Netze und stelle sie fein, Da geht mir junges Jagdwild hinein Im nächsten Jahre.«

=Fliege= (heimlich zu Raupe und Käfer):

Habt ihr's gehört? Habt ihr's gehört? Wenn sie aufwacht, frißt sie uns zum Frühstück!

=Raupe=:

Ich bin eher munter als sie und längst davon, wenn sie aufwacht. Ich werde Sie wecken, schöner Prinz!

=Käfer= (nickt freundlich)

=Fliege= (bettelnd):

Aber mich auch, mich auch, schönstes, bestes Fräulein Raupe! O bitte, bitte, werden Sie mich auch wecken, noch zur rechten Zeit wecken? Ich bin so langschläfrig!

=Raupe=:

Nur keine Sorge! Ich werde Sie auch wecken.

=Fliege= (erleichtert):

O, ich danke schön! O, dann ist alles gut, dann kann ich ruhig schlafen! ... Ach, ist das schön in meinem verfaulten Bettlein! Ich wollte, mir träumte von einem großen Düngerhaufen und von lauter Milch und Zucker! (Halb im Einschlafen): Und vergessen Sie nur das Wecken nicht, Fräuleinchen! (Fliege schläft ein.)

=Raupe= (schüchtern zum Käfer):

Kennen Sie mich nicht, Herr Prinz?

=Käfer=:

Ich kenne dich nicht, aber du bist schön!

=Raupe= (freudig):

Sie finden mich schön! Die Menschen sagen, ich sei häßlich.

=Käfer=:

Das ist nicht wahr! Du hast ein goldenes Kleid und grünseidene Haare ... Du bist schön!

=Raupe= (mit funkelnden Augen):

Und übers Jahr bin ich ein Falter und kann fliegen wie Sie, mein Prinz!

=Käfer=:

Du wirst ein Falter? Einer mit Sammetflügeln und Diamantsteinen? So ein lichter Himmelsvogel wirst du? O, dann treffen wir uns wieder bei den Lilien und Rosen!

=Raupe= (begeistert):

Und fliegen und trinken Honigwein und tanzen und leuchten ohne Ende!

=Käfer=:

Ohne Ende!

=Raupe=:

Und nun schlafen Sie wohl, mein Prinz!

=Käfer=:

Wohin willst du?

=Raupe=:

Einen häßlichen Arbeitskittel muß ich jetzt anziehen, indes ich mein Hochzeitskleid spinne. Häßlich dürfen Sie mich nicht sehen, Herr Prinz! Auf Wiedersehen bei den Lilien und Rosen ... mein schöner Prinz! (Sie verkriecht sich tief in einen Winkel des Laubhauses.)

=Käfer=:

Nun bin ich allein! Nun will ich auch schlafen! Ich wollte, mir träumte von dem jungen Menschenkinde, und ich wollte, es lebte und lachte. Oder ich träumte von dem jungen Falter und den Rosen. (Er legt sich auf ein goldenes Bettlein und schläft.)

Lange Pause. Dem feinsten Ohre nur ist ganz leises Atmen vernehmbar. Da kommt als getreuer Hausmeister der Herbstwind. Vorsichtig schlürft er leise durch die stillen Gänge des Laubhauses und horcht an allen Kammertüren. Wie er sich überzeugt hat, daß alles schläft, schleicht er zurück und schiebt draußen an den Blättern, wie an Türen und Fensterläden, bis das letzte Fensterlein verschlossen, die letzte Tür verriegelt ist.

Mein Roß und ich.

Erzählung aus der Zeit, da ich ein »Schlingel« war.

Ich ging nicht in die Schule -- ich _ritt_! Ich konnte mir das leisten, denn ich hatte ein Roß, das nicht rechnen konnte. Wenigstens kam es nie hinter die verzwickten Schliche der indirekten Regeldetri. Bei »zehnstündiger Arbeitszeit« arbeiteten nach Meinung meines Rosses die bekannten »sechs Arbeiter« an dem bekannten »Graben« immer zehnmal so lange als bei einstündiger.

Dieses Roß hieß Reinhold Sander, war zwei Jahre älter und zwanzigmal so stark als ich und im übrigen der gutmütigste Schuljunge von der Welt. Jeden Morgen erschien mein Roß in meiner großväterlichen Wohnung, stopfte sich schnell einen Apfel oder was etwa sonst Genießbares auf dem Fensterbrett lag, in die Hosentaschen, setzte mich auf seine Schultern und trabte mit mir zur Schule, wo es mich auf meinem Platz sänftiglich absetzte.

Dafür machte ich meinem Rößlein in der Rechenstunde die tadellosesten »Bruchansätze«.

Eines schönen Maimorgens ritt ich nun gerade zur Schule, stolz wie Darius zur Schlacht, als uns ein Mann begegnete, den sowohl mein Roß als ich nach dem ersten prüfenden Blicke als einen »Stadtklecker« einschätzten. Als »Stadtklecker« galt damals in meinem Feld-, Strauch- und Wiesendorfe ohne weiteres jeder städtisch gekleidete Mensch, der sich in seiner Gemarkung blicken ließ.

»Nanu, nanu,« machte der Fremdling verwundert und musterte uns, »wo geht die Reise hin?«

»In die Schule!« sagte ich und fuchtelte siegesgewiß mit meinem breiten Lineal wie mit einem Kriegsschwert.

»Aber Junge, warum gehst du denn nicht zu Fuß? Kannst du denn nicht laufen?«

»Besser wie Sie!« sagte ich frech. Der Fremdling erzürnte sich und schnauzte mein Roß an:

»Wirf doch den Bengel ab! Wirst dich doch nicht mit ihm abrackern!«

Mein Roß schüttelte die Mähne und stieß Dampf aus den Nüstern. Dann sagte es:

»Er läßt mich die Regeldetri-Aufgaben abschreiben, und überhaupt geht Sie das 'n Quark an.«

Nun raste der fremde Wandersmann und wollte mit seinem dünnen Spazierstock meinem Roß eins auf den sogenannten Bug geben. Das aber schlug nach hinten aus, schlug in eine Pfütze, bespritzte den Fremden von oben bis unten und setzte sich in Galopp mit mir.

Als wir ein Stück davon waren, sang ich mit lieblicher, heller Stimme: »Stadtklecker! Stadtklecker!« und mein Roß wieherte und wieherte deutlich auf den Text »Stadtklecker! Stadtklecker!«

An diesem Tage aber hatten wir in der ersten Stunde biblische Geschichte. Da ich zu Hause vergessen hatte, die »Bibel« zu lernen, wollte ich auf den Vorzug, sie vortragen zu dürfen, lieber verzichten und bat daher gleich nach Anfang der Stunde den Lehrer, »mal austreten« zu dürfen. Er brummte etwas von »ewigem Gelaufe« und ließ mich ziehen. Darauf trat ich dreiviertel Stunden lang »aus«. Als ich vermutete, daß die biblische Gefahr vorüber sei, näherte ich mich wieder behutsam der Schulstubentür und hörte da folgenden Meinungsaustausch.

»Es heißt nicht Frau Putiphar, es heißt Frau Potiphar!«

»Herr Schulinspektor!« hörte ich unseren Lehrer bescheiden einwenden, »bei uns in der katholischen Bibel schreibt sich die Frau mit u.«

Mir aber wurde plötzlich an der Schulstubentüre so beklommen zumute, daß ich meinte, jetzt müsse ich wirklich mal austreten. Also verschwand ich noch auf fünf Minuten nach dem Hofe, dann aber trieb mich mein Pflichtgefühl und eine düstere Ahnung nach dem Klassenlokal.

Heiliger Himmel, der plötzlich anwesende Kreisschulinspektor war tatsächlich unser »Stadtklecker«. Kaum erblickte er mich, so machte er auch schon den Finger krumm, winkte und sagte: »Komm mal her, du Schwede!«

»Wo warst du denn bist jetzt?« herrschte er mich an.

Ich sagte, ich sei nur schnell mal austreten gewesen.

»Schnell mal austreten -- so! Du Range! Und über eine halbe Stunde bin ich schon hier. Wo warst du so lange, Schlingel -- he?!«

Ich stotterte etwas von einer unheimlichen Bauchkrankheit, die ich hätte; er aber ergriff mich an den Ohren und begann in höchst lästiger und fataler Weise daran herumzuschrauben. Trotzdem hörte ich, wie mein Roß leise und zornig aufschnaubte, denn mein Roß liebte mich. Ich bekam noch eine ungewisse Anzahl von Ohrfeigen und konnte mich dann setzen.

Der Herr Schulinspektor hielt nun eine donnernde Strafrede über die Roheit von Dorfkindern Fremden gegenüber, was ich mit äußerer Zerknirschung und innerer Gleichgültigkeit anhörte.

Am Schlusse sagte er: »Der kleine Bengel dort ist zu faul, um in die Schule zu laufen; er reitet auf diesem langen starken Labander und läßt ihn dafür die Rechenaufgaben abschreiben.«

Ein vernichtender Blick traf unseren herzensguten Lehrer.

»Herr Schulinspektor, der Reinhold Sander ist einer meiner schwächsten Rechner, aber sonst ein guter Junge.«

Das alles galt nichts.

»Sander, komm mal raus an die Wandtafel. Nimm die Kreide und schreibe auf:

6 Arbeiter arbeiten über einem Graben von 175 ~m~ Länge, 1½ ~m~ Breite und ¾ ~m~ Tiefe 18 Tage bei täglich zehnstündiger Arbeitszeit. Wie lange arbeiten 25 Arbeiter an einem Graben von 300 ~m~ Länge, 1½ ~m~ Breite und ½ ~m~ Tiefe, wenn sie täglich nur 8 Stunden tätig sind?«

O, du armes Roß! Ich sah, wie seine Mähne sich sträubte, wie schwerer Atem durch seine Nüstern drang und seine Läufe zitterten.

Aber der Herr Kreisschulinspektor hatte seine Rechnung ohne den Telegraphen gemacht. Nämlich, wenn mein Roß an die Wandtafel gerufen wurde, galt folgende Telegraphie:

Ich setze meinen Schieferstift scharf wie zu einem Punkt auf die Schiefertafel (heißt: Reinhold, dieses »Glied« mußt du über den Bruchstrich setzen).

Ich mache einen quietschend langen Strich (heißt: das kommt unter den Bruchstrich).

Einmal Hüsteln heißt: jetzt mußt du »kürzen«.

Zweimal Hüsteln heißt: es läßt sich noch weiter »kürzen«.

Schneuzen bedeutet: die Sache ist falsch.

Kurzes Scharren bedeutet beifälliges »alles richtig!«

Das Wunder geschah: Reinhold Sander rechnete die schwere Aufgabe völlig richtig. Als der Herr Schulinspektor, der inzwischen weiter geprüft hatte, an der Tafel das richtige Resultat sah, war er verwundert und sagte zum Lehrer: »Aber, der Kerl kann ja rechnen!«

»Einer meiner schwächsten Rechner, aber sonst --«

»Schon gut, ich sehe, das Rechnen klappt!«