Die fünf Waldstädte: Ein Buch für Menschen, die jung sind
Part 6
Und richtig wurde er am nächsten Tage unter die sechs Kandidaten eingereiht, aus denen der Schularzt als oberste und unwiderrufliche Instanz die zwei Glücklichen auswählen würde, die auf vier lange Wochen das unsägliche Glück haben sollten, in einem grünen Gebirgsdorf zu leben, fern von den engen Straßen und dumpfen Höfen der Großstadt.
Der kleine Trupp der sechs Buben machte sich auf den ziemlich weiten Weg zum Schularzt. Auch Moritz Cohn gehörte zu ihnen. Vornweg stelzte Karl Perschke mit seinem lahmen Bein. Wie ein Anführer zog er daher, überzeugt, daß ihn sein sichtliches Gebrechen zum Siege führen würde. Fritz Neumann prahlte mit den eiterigen Mandelentzündungen, die er hinter sich hatte.
»Das ist noch gar nichts,« warf Gottlieb Scharfenberger ein, »zweimal Diphtherie, einmal Scharlach und einen Leistenbruch, das soll mir erst mal einer nachmachen. Die Zahnkrämpfe gar nicht mitgerechnet.«
Dagegen kam sich allerdings Heinrich Menzel mit seinen lumpigen Masern und seinem Ziegenpeter gerader ärmlich vor.
»Der Max Scholz, der sollte erst gar nicht mitmachen,« sagte einer verächtlich, »er ist bloß zweimal übers Treppengeländer gefallen.«
»Aber einmal vom zweiten Stock herunter, und da hat der Kopp gelitten,« verteidigte sich Scholz.
»Ach was, Kopp! Kopp ist nicht so schlimm!«
»Ich hab auch was für mich,« dachte Moritz Cohn. »Ich bin der einzige Jude in der Schule, und ganz können sie unsere Religion auch nicht ausschließen. Wir müssen berücksichtigt werden!«
So zog der kleine Trupp dahin in Hoffen und Bangen, und keiner der vielen reichen Leute, die ihm begegneten, dachte daran, daß da sechs auszögen, um vier Wochen grüne Waldjugend zu suchen.
»Es gibt doch gute Leute,« meinte Scholz; »Leute, die für so was das Geld geben. Es kostet dreißig Mark pro Mann. Ein schweres Geld!«
»Oh,« sagte Moritz Cohn, »30 Mark for 'ne vierwöchige Sommerfrische is immer noch 'n reeller Preis!« ...
Sie kamen zum Arzt, wurden untersucht und über vielerlei gefragt, und endlich fällte der Mann mit der goldenen Brille den entscheidenden Spruch:
»In die Ferienkolonie werden mitgenommen: Gottlieb Scharfenberger und der Kleine da, der Heinrich Menzel.«
Heinrich entfuhr ein kleiner Freudenschrei, und der Arzt lächelte. Dann sagte er freundlich:
»Es tut mir ja leid, daß ich euch nicht alle sechs schicken kann. Am liebsten schickte ich die ganze Schule. Na, vielleicht kommt ihr anderen in einem der nächsten Jahre dran. Jetzt könnt ihr gehen.«
Draußen vor der Haustür sagte Moritz Cohn, der nicht mit »ausgehoben« worden war: »Der Mann is 'n Antisemit.«
Der Lahme aber fing in ohnmächtigem Zorn an zu heulen.
* * * * *
Der Mond schien in die Stube, in der Heinrich Menzel mit seinen Geschwistern schlief. So eng die Klause -- und doch vor dem träumenden Kinderauge die Welt so weit. Ein Waldtal stand vor der jungen Seele, wie es phantastische Bilder zeigen: himmelhohe Berge, ein klarblauer See, eine Sägemühle am silbernen Bach, im Hintergrund eine drohende finstere Burg.
»Du«, fragte ihn sein jüngerer Bruder, »ob es da auch Wölfe und Löwen gibt?«
»Du bist dumm,« sagte Heinrich im Tone aufgeklärter Leute, »Wölfe und Löwen gibt es nicht, aber Hirsche in Menge und gewiß auch Räuber und Wilddiebe.«
»Da würd' ich mich fürchten!« sagte der Kleine.
»Oh, ich fürchte mich gar nicht!« rief Heinrich und setzte sich im Bette auf.
Er reckte seine dünnen, schwachen Ärmchen, wie er an die Räuber und Wilddiebe dachte, die es möglicherweise im Gebirge gab, und beschloß, seine kleine braune Büchse mitzunehmen, die er von dem reichen Hauswirtssohn bekommen hatte. Die Büchse ging zwar nicht mehr los, weil die Feder schon zerbrochen war, als er sie bekam, aber gut würde es sich ausnehmen, wenn er sie auf dem Rücken trüge. Die Hasen, Füchse und Adler würden einen Schreck bekommen und schleunigst die Flucht ergreifen, und das würde ein Spaß sein. Augen würde er da machen -- oh! Wer sich nicht vor der Flinte fürchtete, sollte vor den Augen ein Gruseln bekommen!
Und dann konnte er mit dem Munde so täuschend einen Flintenschuß nachmachen, daß der Erfolg gewiß nicht fehlen konnte. Und fischen wollte er! Hechte fangen und Karpfen! Eine Schnur für die Angel besaß er schon; einen Stecken schnitt er sich aus dem Walde, und nur der Angelhaken fehlte. Aber der würde sich wohl finden; im schlimmsten Falle bog man eine Stecknadel krumm. Da würden aber die Hechte was zu zappeln haben! Blumen pflücken, Pilze sammeln, nach dem Hexenhause im Walde suchen und womöglich einen Räuber fangen helfen! -- Oh!
Wieder reckte er die dünnen Ärmchen, und in seiner Erregung sprang er aus dem Bett, öffnete weit das Fenster und schaute hinaus.
Die goldenen Sterne funkelten in die Kinderaugen; hinten am Horizont stand eine Wolke, die sah aus wie ein zerklüftetes Bergland. Die Firnen waren weiß vom Sternenlicht, und rundum der Himmel war wie dunkelgrünes Wiesenland. Ob dort drüben das liebe, gesegnete Land der Waldfreiheit war?
* * * * *
Zwei Tage vor der Abreise in den Sommeraufenthalt sagte der Lehrer in der Schule:
»Da also leider der kleine Heinrich Menzel an schwerer Lungenentzündung erkrankt ist, wird Moritz Cohn an seiner Statt in die Ferienkolonie mitgenommen.«
Moritz Cohn bedankte sich und dachte im stillen:
»Man soll also nie eine Sache voreilig aufgeben; 's kann immer noch werden.«
Moritz war ein ganz guter Junge. Anfangs beschloß er, Heinrich Menzel aufzusuchen; aber dann dachte er:
»Was sollste sagen? Daß der's leid tut? Das wird er nich glauben. Er wird bloß einen Gift auf der haben. Wirst ihm eine Ansichtskarte schicken, wenn se dort nich zu teuer sind.«
Im Fiebertraum war der kleine Heinrich immer in den Bergen. Er ging auf die Jagd, fischte, kämpfte mit Rittern und Räubern. Manchmal lachte er zwischen dem Röcheln und Stöhnen seiner Schmerzen selig auf.
Und einmal, als er einige Minuten unbewacht war, sprang er aus dem Bett, öffnete das Fenster, streckte die Arme aus und wollte hinaussteigen und mitten durch die Luft ins grüne Land wandern. Die Mutter erfaßte ihn noch, und es war ein Wunder, daß kein Rückschlag der Krankheit eintrat.
In der vierten Ferienwoche, als Heinrich schon auf dem Wege der Genesung war, bekam er einen Brief von Moritz Cohn:
Eulenhausen, den ...
Die Ansichtskarten sind hier schlecht und teuer. Den Briefbogen hat der Wirt umsonst hergegeben, und die 10 Pfennige auf die Marke kannst du mir einmal wiedergeben, wenn du wirst Geld haben.
Lieber Heinrich, Räuber und Hechte gibt es hier nicht. Es ist überhaupt nichts los, nichts wie lauter Buschwerk, Kühe, Stallmägde und Heuwiesen. Die anderen helfen auf dem Felde; ich bin zur Erholung hier. Ein paarmal war ich beim Kaufmann, welcher Krämer heißt. Es ist ein jammervolles Geschäft. 3 Mark 50 Pfennig Losung hat der Mann einmal auf den ganzen Tag gehabt. Ich wundere mich, wo er den Kredit hernimmt. Der Laden hat zwar eine gute Lage, aber Eulenhausen ist überhaupt kein Geschäftsort. Für Zucker nimmt der Mann bloß 2 Prozent, und wieviel wiegt er ein!
Lieber Heinrich, da du so gern nach Eulenhausen willst, so habe ich an meinen Vater geschrieben. Wir werden's machen! Ich habe mit dem Wirt gesprochen. 30 Mark bekommt er pro Mann (da kommt er gut auf seine Rechnung). Für dich wollte er auch 30 haben. Da habe ich ihn ausgelacht: »Spaß,« habe ich gesagt, »30 Mark, wo die Ferien vorbei sind, und es ist bloß die lumpige Nachsaison.« 12 habe ich ihm geboten. Er hat gelacht und hat noch hin- und hergeschmust, und für 15 will er's machen. Der Lehrer hat mich auch ein bißchen unterstützt. Aber mit der Ferienkolonie ist das nun vorbei, die zahlt nicht. Da macht's mein Vater. 15 Mark kostet es, mit Reisespesen 18 Mark. Da hat sich der Vater mit sechs anderen zusammengetan, von denen gibt jeder einen Taler. Du kannst also, wenn du gesund sein wirst, vier Wochen hierher kommen; im September ist noch das schönste Wetter.
Es grüßt dich Dein Freund
Moritz Cohn.
Selig lächelnd lag Heinrich Menzel mit dem Brief im Bette. Nun sollte er doch noch in sein geliebtes Waldtal! Er sollte dann ganz allein dort der Herr aller Berge sein ... Räuber und Hechte gäb's nicht? Oh, Moritz hat sie bloß nicht gesehen, hat den ganzen Tag beim Krämer gesteckt und zugesehen, was der einnimmt.
Die große Freude trat als Wundertäterin an Heinrichs Bett und machte ihn gesund.
»Ja,« sagte aber einmal Heinrichs Schwester nachdenklich, »wenn es 18 Mark kostet und wenn Moritz' Vater sich noch mit sechs anderen zusammengetan hat, von denen jeder einen Taler gibt, da hat er ja selber gar nichts gegeben!«
»Laß nur,« sagte Heinrich, »die Hauptsache ist: er macht's. Die Hauptsache ist: ich kann in den Wald!«
Gedeon.
Mein Onkel Eduard hatte zehn Kinder. Sein linker Nachbar, der Krämer Franzke, hatte auch zehn Kinder, und sein zweiter Nachbar, der Müller Seiffert, hatte auch zehn Kinder.
Die befreundeten Familien standen natürlich gegenseitig zu Paten. Im Winter brachten Müller und Krämer meinem Onkel je zwei geputzte Taler als Patengeschenk ins Haus; im Sommer trug mein Onkel in Begleitung des Krämers zwei Taler zum Müller, im Herbst in Begleitung des Müllers zwei Taler zum Krämer. So machten sich die Nachbarn gegenseitig »nobel«, und des Bedankens und Verwunderns ob der reichen Geschenke wollte immer gar kein Ende werden.
Gott ließ regnen und seine Sonne leuchten über all diese Gerechten. Die Kinder bekamen prompt der Reihe nach Masern, Scharlach und Diphtherie und wurden alle ebenso prompt wieder gesund. Alle Jahre wurde ein neuer Jungenanzug und ein neues Mädchenkleid für die beiden Ältesten und Größten gekauft, während sämtliche andere Garnituren um einen Jahrgang nach unten rückten. So ist es kein Wunder, daß, je kleiner die Kinder waren, desto unvorteilhafter sie gekleidet erschienen und deshalb eifersüchtig auf ihre Vorderleute Obacht gaben, ob sie ihnen die nächstjährige Gewandung auch nicht allzu sehr ruinierten.
Der ewig Neue, Strahlende, Moderne, Feine, Ungeflickte aber war Gedeon, der Älteste, der Kronprinz aus dem Hause meines Onkels. Eigentlich hieß er nicht Gedeon sondern August, aber er hatte sich den biblischen Heldennamen aus eigener Machtvollkommenheit beigelegt, und es hätte ihm den Titel niemand streitig zu machen gewagt. Selbst Vater und Mutter und der alte Kantor, ja sogar der Briefträger und der Gendarm nannten ihn Gedeon.
Gedeon war unbestritten der Beherrscher sämtlicher dreißig Kinder; der Älteste des Krämers war ein schwächlicher Knabe, der für die Herrschaft nicht in Betracht kam, und der Älteste vom Müller war von Gedeon besiegt und unterworfen, hörig gemacht worden.
Gedeon hatte eine so große Vorliebe für das Alte Testament, daß er nicht nur sich selbst, sondern auch jedem seiner Untertanen einen biblischen Namen beilegte.
Bei den Knaben spielten die Namen der Brüder Josephs und der kleinen Propheten eine große Rolle. Schwieriger war die Benennung der Mädchen. Eva, Rahel, Ruth, Sarah, Judith, Mirjam, Lea, Rebekka, alles war schon vorhanden; als daher des Müllers Jüngste, die im Kinderwagen saß und in sanfter Unschuld an einer Milchflasche sog, in das »Volk« aufgenommen werden sollte, kraute sich Gedeon, der Namengeber, verlegen hinter den Ohren und wußte keinen alttestamentlichen Mädchennamen mehr. Schließlich sagte er langsam: »Nun, vorläufig kann sie heißen: die makkabäische Mutter.«
Darauf erteilte er dem Neuling mit seinem hölzernen Schwerte den »Ritterschlag«, worauf die makkabäische Mutter die Milchflasche weglegte und erbärmlich zu schreien anfing.
* * * * *
In Ferientagen kam ich öfters in des Onkels Haus zu Besuch. Mein Vater behauptete zwar in einem schiefen Gleichnis, ich sei das elfte oder gar das einundreißigste Rad am Wagen, aber die Verwandten nahmen mich immer freundlich auf, ohne sich sonst weiter darum zu kümmern, was ich etwa äße oder tränke oder wo ich schliefe. Es kam vor, daß ich schon zwei oder drei Tage da war, ehe mich der Onkel bemerkte. Er hatte mich im Gewühl übersehen.
Als ich das erste Mal auftauchte, musterte mich Gedeon kritisch und unterzog mich einer Prüfung. Ich mußte über einen ziemlich hochgehaltenen Stock springen, was ich fertig brachte, dann befahl er mir, ohne Leiter auf eine Linde zu kriechen, was gänzlich mißlang. Auch die Aufgabe, der Länge nach über einen beladenen Düngerwagen wegzuspucken, erwies sich als zu schwer für mich. Zuletzt sollte ich dem bösen Kettenhunde den Saufnapf mit Wasser füllen, was ich eifrig ablehnte.
»Er kann nichts, und er hat Angst! Er ist ein Muttersöhnchen!« sagte Gedeon verächtlich und wandte mir den Rücken. Darauf wandten mir auch alle anderen den Rücken. Ich war ein Dummkopf; ich war ein Feigling. Ich hatte mich gesellschaftlich unmöglich gemacht. Nur die makkabäische Mutter nahm sich meiner ein wenig an, indem sie mich ihren Breilöffel ablecken lassen wollte.
Zwei Tage lang litt ich als Unzünftiger, dann beschloß ich, durch eine Tat von außergewöhnlicher Intelligenz meine Schneidigkeit darzutun. Einen schlimmeren Schimpfnamen als »Muttersöhnchen« gibt es für einen Jungen nicht. Am liebsten hätte ich abgestritten, je eine Mutter gehabt zu haben.
Nun hatte ich von Hause eine alte Schnupftabakdose mitgebracht, die ließ ich beim Krämer füllen. Im Kinderstaate ging alsbald die Mär von Mund zu Mund: »Er schnupft!« Das hörte auch der Autokrat Gedeon, und was ich gewollt hatte, geschah -- er suchte mich auf. Ich probierte gerade, auf einer starken Wagendeichsel auf einem Beine zu stehen, und fiel auf die Erde, als ich des Gewaltigen ansichtig wurde. Da lächelte er wieder verächtlich und hüpfte einmal höhnisch auf einem Beine die ganze Deichsel entlang, setzte sich aber doch zuletzt zu mir auf die Erde.
»Was kannst du eigentlich?« fragte er kalt.
»Ich hab' in Geographie ›gut‹ und im Aufsatz ›genügend plus‹,« sagte ich beklommen.«
Ob dieser Schulweisheit machte er nur eine maßlos verachtungsvolle Gebärde mit der Hand. Ich sah ein, daß ich mich da wieder greulich philisterhaft benommen hatte.
Darauf legte er mir eine Reihe von Fragen vor: ob ich boxen, angeln, kopfstehen, radschlagen, Sechsundsechzig spielen oder wenigstens mit den Ohren wackeln könne.
Nein, ich konnte von alledem nichts.
Gedeon runzelte finster die Stirn. Nie war ein Prüfungskandidat in ärgeren Nöten als ich.
Da platzte ich heraus:
»Ich kann schnupfen!«
Er sah mich etwas freundlicher an.
»Wenn man richtig schnupfen kann, darf man nicht niesen hinterher,« sagte er.
»Nein, nein, das darf man nicht,« beeilte ich mich beizupflichten.
»Zeig' mir die Dose!« befahl er dann. Ich reichte ihm die Dose hin und bat ihn, eine Prise zu nehmen. Das tat er, und darauf blickten wir uns an. Ich sah, daß Gedeon feuerrot im Gesicht wurde, daß seine Nase hundert Runzeln zog, die Muskeln zuckten, sich die Lippen fest aufeinander preßten, die Augen tränten, sich das Gesicht verzerrte, die ganze Gestalt bebte, und dann -- nahm ich eine Prise und platzte augenblicklich los und nieste siebzehnmal.
Als ich wieder geradestehen und keuchend Luft schöpfen konnte, stand Gedeon gelassen an die Wagendeichsel gelehnt und sagte:
»Du kannst nicht schnupfen! Ich habe nicht ein einziges Mal geniest!«
In diesem Augenblick fing ihm heftig an die Nase zu bluten.
Noch an demselben Tage wurde ich in das Volk aufgenommen. Ich war stolzer darauf als auf das beste Schulzeugnis, wenn ich auch gewünscht hätte, Gedeon hätte mir einen prächtigen und wohlklingenden Namen beigelegt. So aber hieß ich »Habakuk«.
* * * * *
Gedeon war ein Held, sein Kopf war immer voll kühner Pläne und eigener Gedanken. Gott weiß, was in ihm steckte: ein Napoleon oder ein Räuberhauptmann, ein grausamer Iwan oder ein Befreier wie Washington. Jedenfalls eine unbeugsame Herrennatur, ein Führer. Er irrte nie, er bat nie um Entschuldigung, er war nie unschlüssig, nie besorgt, alles Gelingen war ihm selbstverständlich, er nahm immer das beste und gab stets den Ausschlag. Holofernes, einer der Müllerjungen, versuchte einmal, eine Revolution gegen Gedeon anzuzetteln, gewissermaßen eine Art Konstitution einzuführen, dem Volke eine Mitregierung zu sichern. Die Folge war, daß ihn Gedeon sechs Stunden lang in einen leeren Schweinestall sperrte, worauf Holofernes und seine Sache der Lächerlichkeit verfielen.
Gedeons Taten sind unzählbar.
Einmal zur Herbstzeit befahl mir Gedeon, mit ihm beim geizigen Heinisch-Weber Pflaumen vom Baum zu stehlen. Vor dem Garten des Webers war der Fluß; Jenseits des Wassers stand des Webers Pflaumenbaum, diesseits an der Landstraße eine Linde. Wir erklommen also die Linde und rutschten auf einem Aste weit, weit hinaus bis über den Fluß. Ich hatte eine Todesangst vor einem Unglück, aber eine noch viel größere vor Gedeon. So ließ ich nichts merken und rutschte mit. Gedeon zog einen Ast des Pflaumenbaumes über das Wasser, pflückte die verbotene Frucht und gab mir davon. Ich aß standhaft, immer mit Grausen hinunter auf den Strom blickend, und sagte dann schüchtern:
»Gedeon, ich glaube, die Pflaumen zu Hause in unserem Garten schmecken doch besser.«
Da spuckte er einen Pflaumenkern in den Strom und sagte:
»Habakuk, du bist ein Schafskopf!«
In diesem Augenblick kam der Weber mit einem Knüppel aus dem Hause gelaufen; ihm folgte seine Gattin mit einem Besen. Ich riet zu schleuniger Flucht, aber Gedeon hielt mich mit eiserner Hand fest. Inzwischen rannten die empörten Pflaumenbesitzer über eine Brücke, kamen die Straße herauf, langten an der Linde an.
»Wart', ihr Kanaillen, -- kommt nur herunter -- kommt nur herunter! Hier bleiben wir stehen, und wenn's bis übermorgen dauert.«
Wir waren belagert. Kein Entrinnen möglich. Wir waren auf Gnade und Ungnade der bewaffneten Macht da unten verfallen.
»Heinisch,« rief Gedeon mit ernsthafter Miene hinunter, »Heinisch, ich sage Ihnen, es ist ein Kunststück, auf einer Linde Pflaumen zu pflücken!«
Heinisch geriet ob dieser neuen Frechheit in neue Wut und schwor, uns beide mausetot zu schlagen, wenn wir nur herunterkämen.
»Ich werde gleich kommen!« sagte Gedeon, kletterte bis auf den untersten Ast und fixierte von da die Webersleute:
»Also: wenn ich bis drei gezählt habe, springe ich runter und spring einem von Euch gerade auf den Schädel! Eins, zwei, dr--ei!«
Kreischend wichen die Weberleute beiseite, Gedeon langte mit eleganter Kniebeuge auf der Straße an und begab sich in mäßiger Eile von dannen.
Ich aber, ich armer Habakuk, saß nun verlassen und einsam in meiner belagerten Baum- und Stromfeste. Meine Gedanken und Gefühle will ich nicht schildern, sondern bloß angeben, daß ich schon nach drei Minuten fest überzeugt war, meine Position ließ sich nicht länger halten. So klomm ich langsam bis auf den untersten Ast und sagte schüchtern:
»Ach, Herr Heinisch, sind Sie nur nicht böse, ich komm jetzt auch runter. Wenn ich bis auf drei gezählt hab', dann komme ich. Eins, zwei, drei!« Und dann rutschte ich langsam den Stamm hinab.
Was soll ich sagen? Ich wurde gefangen genommen und barbarisch behandelt. Als ich wieder zu Gedeon kam, empfing er mich in höchster Ungnade. Auch er bekam ja sicher auf die Anzeige des Webers hin am nächsten Tage seine Prügel in der Schule. Das war ein unabwendbares Naturereignis. Was aber mir passiert war, das hielt Gedeon für ehrenrührig.
* * * * *
Gedeon übte über uns alle die volle Herrschaft aus; er war nicht nur unser König, er war auch der oberste Priester.
Seine geistliche Lieblingsbeschäftigung aber war das Eheschließen. Er hatte ein Gesetz aufgestellt, nach dem jede zehnjährige männliche und jede achtjährige weibliche Person seines Reiches ein Recht auf Verheiratung hatte. Dabei verfuhr er oft gewalttätig. Er bestimmte die Paare; er hatte seine eigene Frau Judith entlassen, weil sie ihm einen Riß im Jackenärmel so schlecht zugestopft hatte, daß die Mutter den Schaden bemerkte, er hatte diese Judith zwangsweise an des Krämers Nabuchodonosor verheiratet und diesem dafür die nadelfertige Esther abgenommen. Das Volk murrte zwar über solche Gewaltakte, aber zu einer Empörung kam es nicht.
Nun war wieder einmal die Osterzeit genaht, und ich hatte mich am Gründonnerstag als Feriengast im Hause des Onkels eingefunden. Aber noch ein zweiter Fremdling war da, ein liebliches neunjähriges Mägdelein aus Breslau, eine Verwandte der Müllerleute.
Dieses Mägdelein war etwas unendlich Feines. Es hieß Hildegard und war nie schmutzig. Es sprach hochdeutsch und hatte immer ein Taschentuch bei sich. Es hatte Spitzen am Wochentagskleide und sagte »bitte« und »danke!«, ohne daß es sich schämte. Es klopfte bei fremden Leuten sogar erst an die Tür an, ehe es eintrat, und tat noch mehr solch unerhörte Dinge. Und sein Vater war Postschaffner, das war noch mehr als Briefträger. Ja, es war vorauszusehen, daß Hildegard nach einem Jahr in die höhere Töchterschule gehen und alle fremden Sprachen lernen würde.
Am ersten Tage zogen sich alle Kinder von dem fremden Mädchen zurück. Eine große Scheu ergriff das Volk. Da stand die schöne Fremde einsam und richtete die großen blauen Augen in die Ferne, nach der sie Heimweh hatte.
Die makkabäische Mutter brach den Bann. In ihrer dreijährigen Zudringlichkeit redete sie die Feine an, und nun kamen alle anderen Mädchen und bildeten einen Hofstaat um die Prinzessin, und nach und nach suchten sich auch die Jungen durch Vorführung ihrer Kunststücke und Aufzeigen ihrer Reichtümer bei der »Neuen« in Gunst zu setzen. Nur Salmanassar beging eine Taktlosigkeit, indem er der Feinen als Geschenk einen alten Taschenkamm anbot, den sie ablehnte.
Gedeon allein hielt sich abseits. Er war schwer verwundert in diesen Tagen, daß neben ihm etwas auftauchen könne, das derart imponiere. Doch bald schüttelte er die Beklemmung von sich. Er versammelte das ganze Volk im Garten und führte alle seine Kunststücke vor, auch die Riesenwelle und sogar den Totensprung. Und ich bemerkte, daß er oft auf die Fremde sah, ob es ihr auch gefiele, ob sie auch staune. Die aber saß da mit ihrem stillen Gesichtchen, und am Schluß sagte sie nur:
»Ich habe einmal im Zirkus gesehen, daß eine Frau sich eine große Stange ganz frei auf die Brust setzte und ein Mann an der Stange hochkletterte und oben turnte. Und die Stange wurde nicht gehalten und fiel nicht um.«
Gedeon erbleichte. Aber dann sagte er: »O, das könnte ich auch, wenn ich nur eine Frau hätte, die sich die Stange auf die Brust stellt.«
Das Mädchen erzählte weiter vom Zirkus: viele abenteuerliche aufregende Dinge. Dann sagte sie, sie sei schon einmal im Theater und einmal sogar im Zoologischen Garten gewesen, erzählte von Tänzerinnen und Bären, vom Aschenbrödel und vom Kamel, von schönen Engelein und drolligen Affen, vom Königssohn und vom Nilpferd.
Das erstemal in seinem Leben fand Gedeon keine Worte, stand stumm unter seinem Volk, fühlte sich übertrumpft, gedemütigt von diesem kleinen Mädchen. Das erstemal sah das Volk mit einer gewissen Mißachtung auf ihn, auf seine Kenntnisse, auf seine Künste. Minutenlang stand er so still da, nur sein Kopf färbte sich rot. Und plötzlich ging er auf das Mädchen zu, schüttelte es an den Schultern und sagte: »Du -- du bist eine dumme Gans!« Und ging davon.
Eine Stunde später rief er abermals das Volk zusammen und sagte: »Wer noch einmal -- noch ein einziges Mal mit der spricht, den stoß ich aus, und der darf nie mehr mit uns sein!«
* * * * *
So tat er die Fremde in die Acht.