Die fünf Waldstädte: Ein Buch für Menschen, die jung sind
Part 5
»Das nehmt,« sagte der Zauberer; »ich glaube, ich blieb es Euch schuldig. Und dann nehmt noch diese drei Taler, setzt Euch auf die Eisenbahn und fahrt heim!«
* * * * *
Und der Müller fuhr wirklich nach Hause. Als er seiner Mühle ansichtig wurde, überfiel ihn heftiges Zittern aus Angst und Sorge, wie er da alles antreffen werde.
Plötzlich sah er das Jakoble. Es ging eben mit einer Sense aufs Feld.
»Jakoble! Jakoble!« schrie der Müller; »sag, bist du's? Sag, wo ist der Reinhard?«
Das Jakoble erschrak, erkannte den Müller und wollte Reißaus nehmen. Erst auf die klagenden Zurufe des alten Mannes kam er näher.
»Jakoble, sag mir, wo ist Reinhard? Sag mir, was ist aus meiner Trudel und meiner Mühle geworden?«
Da duckte sich Jakoble und sagte:
»Meister, gebt Ihr mir keine Ohrfeige?«
»Nie mehr!« sagte der Müller. »Nie mehr, liebes Jakoble.«
»So will ich Euch sagen: die beiden sind längst verheiratet, und es geht ihnen gut.«
»Sie sind -- sind verheiratet?«
»Ja! Ihr, Meister, seid den Weg nordwärts gegangen und habt uns nicht gefunden; aber die Trudel ist südwärts gegangen, und da saßen wir beide, als wir aus dem Gefängnis heraus waren, ganz nahe bei der Mühle. Und da haben sie sich halt geheiratet. Und zwei Kinder haben sie, und Geld haben sie auch.«
»So, so,« nickte der Müller. »Es ist gut. Nun wollen wir heimgehen.«
Sie gingen. Unterwegs blitzte dem Müller durch den Kopf, da alles gut gehe, müsse er sehen, daß er nun das Heft wieder in die Hand bekomme. Man könne ja nicht wissen, ob das Glöcklein auf dem Baume am Ende doch nicht noch einmal läute.
Drei Tage später bekam Jakoble wieder die erste Ohrfeige.
Der angebundene Kirchturm.
Der Kirchturm von Waldauendorf war schlechter Laune. Er hatte auch Ursache dazu. Was meint man, was einem alten, ehrwürdigen Kirchturm alles passieren kann? Angebunden hatten sie ihn wie einen Hund! Da waren solche schnippische Kerle aus der Stadt gekommen, hatten eine endlos lange eiserne Schnur hinter sich hergeschleppt, sie an Bäumen und Masten befestigt und schließlich auch den Kirchturm daran gebunden.
Also so etwas soll sich ein alter, ehrwürdiger Herr heutigen Tags gefallen lassen! Der Turm guckte mit seinen großen Augen, die als Wimper eine schöne Jalousie hatten, zornig auf die städtischen Knirpse, die einen mächtigen Haken in seine Seite schlugen und ein Porzellanhütchen daraufsetzten. Nun tut ja einem Kirchturm ein eingeschlagener Haken nicht mehr weh, als wenn andere Leute sich mit einer Stecknadel pieken. Auch das Porzellanhütchen hätte man sich gefallen lassen können wie einen schmucken Westenknopf.
Aber die Schnur! Daß er angebunden wurde, das ging gegen seine Ehre!
Der alte Herr, der als braver Kirchturm sonst sehr christlicher Gesinnung war, hatte plötzlich einen feindseligen Gedanken. Er lugte nach dem Waldrand hinüber und wünschte, die Schweden möchten kommen und die Frechlinge, die unten auf der Leiter hämmerten und bastelten, mit ihren Kanonen herunterschießen. Der Kirchturm kannte die Schweden. Erst neulich waren sie dagewesen; es konnte höchstens zwei- oder dreihundert Jahre her sein. Da hatten sie das Dorf beschossen, und auch dem Kirchturm steckten noch ein paar Kanonenkugeln in den Gliedern, wie einem Bauern, der zur Treibjagd war, die Schrotkörner. Damals hat der Turm die Schweden als die Feinde seiner Gemeinde gehaßt und ein halb zorniges, halb jubelndes Glockenlied gesungen, als sie endlich abziehen mußten. Aber jetzt wünschte er sie sich her. Die würden schon die bösen Buben, die ihn an die Leine legen wollten, vertreiben. Beim ersten Schuß würden sie ausrücken.
Natürlich, wie's so ist: braucht man einmal Schweden, sind sie nicht da. Die Männlein vollendeten ihr Werk und zogen mit einer anderen Schnur weiter durchs Dorf und in den Wald hinein. Der Kirchturm war nach zwei Seiten hin angebunden.
O Schmach! Was nutzte es ihm nun, daß er seit zehn Jahren einen sehr feinen hellgrauen Anzug besaß; was nutzte es, daß ihm der Herr Pfarrer neulich einen ganz neuen roten Hut versprochen; ja, was nutzte ihm sogar sein größter Stolz: daß er vor zwanzig Jahren eine richtig gehende Taschenuhr bekommen hatte? Die alte Sonnenuhr, die er einige hundert Jahre getragen, war schließlich etwas eingestaubt gewesen, und man hatte ihm eine Uhr mit richtigen Ziffern und Rädern gekauft. Da hatte er in seinem Stolz und seiner Freude den ganzen Tag darauf geschielt, wie spät es sei. Schöne Zeit war das!
Jetzt war alles dahin: sein Schmuck, seine Ehre, seine frohe Laune. Er war angebunden! -- -- --
Der Abend kam. Durch die Mauerluke des Turmes ging der Wind wie schluchzendes Atmen, und ein paar kalte Tropfen rannen über seine großen Augen.
Was hatte er seiner Gemeinde getan, daß sie ihm diese Schmach widerfahren ließ? Hatte er nicht freudig sein Lied gesungen zu ihren Festen? Hatte er nicht sein tröstendes Sprüchlein gesagt, wenn eine Seele am Scheiden war; hatte er nicht in wilden Sturmnächten, wie in den Blütenstunden des Mai Wache gestanden an ihren Gräbern; hatte er nicht als erster jedem Heimkehrenden, der aus der Fremde kam, einen Willkommensgruß zugewinkt? Und sein golden Kreuzlein hatte er über Hof und Haus, Feld und Wald gestreckt, wie einen immerwährenden Segen. -- -- --
Ein paar Tage vergingen. Wieder war es Abend.
Die Schulmagd kam, die Glocke zu läuten. Der Turm tat seine Pflicht: er sang seinen Abendsegen. Aber in seiner Stimme war ein Klang von Trauer und Herzeleid. --
Unten knarrte das Kirchhoftürchen.
Die junge Frau Annemarie kam. Sie ging schnell und aufgeregt. Ihre Blicke irrten über den Kirchhof. Und sie fiel vor dem großen Kreuz auf die Knie, das unter der Linde stand.
»Erbarm dich, Herr, erbarm dich! Laß mein Kind nicht sterben! Laß mein Kind nicht sterben!«
Sie wiederholte schluchzend immer dieselben Worte.
Der Kirchturm wußte Bescheid. In ein paar Tagen mußten seine Glocken klingen über einem kleinen Grab, und in sein Läuten würde sich lautes Mutterweinen mischen und der Gesang: »In der Blüte deiner Jahre ...«
Der Turm kannte das. Es war das alte Lied seit vielen, vielen hundert Jahren. Mütter weinen an den Gräbern am schmerzlichsten.
»Erbarm dich, Herr, laß mein Kind nicht sterben!«
Wieder ging die Kirchhofstür. Der alte Herr Kantor kam. Er war wohl der Annemarie nachgegangen.
»Der Arzt muß kommen!« sagte er zu ihr.
Sie blickte ihn an wie irr.
»Der Arzt? Ehe ein Bote in die Stadt kommt und den Arzt holt, ehe der Arzt kommt und das Kind untersucht, ehe er wieder nach der Stadt zurück ist und von dort die Medizin schickt, ist das Kind tot -- ist es tot!«
Da sprach der Kantor etwas, was der Turm durchaus nicht verstand; er sagte:
»Ich werde dem Arzt telephonieren!«
Und er zog die weinende Annemarie mit sich fort. -- -- --
Was wird er dem Arzt? Telephonieren? Was war das? Es ist wahr, das Gehirn des Kirchturms war schon ein bißchen morsch, und er mußte sich Mühe geben, Neues zu begreifen. Dafür war sein Herz gut und darum sein Gefühl unendlich fein geblieben.
O, was war das für ein wundersamer Abend! Der Kirchturm, der mit allen Sinnen spähend stillstand, hörte plötzlich die Stimme seines alten Kantors. Er schielte nach unten, nach dem Kirchhof, nach der Dorfstraße: der Kantor war nicht zu sehen. Seine Stimme klang etwas verschleiert, aber sie war doch deutlich genug, daß der Turm alles verstand. Das heißt, er verstand die Worte, der Sinn aber erschien ihm gänzlich konfus.
Also, der Kantor, der doch im Waldauendorfe war, sprach mit dem Arzt, der in der Stadt war; der Kantor erklärte den Zustand von Annemaries Kinde, und der Doktor sagte: jawohl, das sei Diphtherie, er werde sofort kommen und das Kind impfen, da werde es wohl wieder gesund werden.
So verdutzt war der Kirchturm noch nie gewesen in seinem langen Leben, und als eine Stunde später eine Fuhre mit dem Doktor wirklich durchs Dorf fuhr, bekam er Atembeschwerden und Herzbeklemmung.
Ehe der Arzt zurückfuhr, begleitete ihn der Kantor ein Stück die Dorfstraße hinunter, und der Turm hörte, was die beiden sprachen, als sie vorbeigingen:
»Es ist doch gut, daß Sie jetzt die elektrische Leitung haben,« sagte der Arzt; »bei dem Kinde war keine Zeit zu verlieren.«
»Ja,« sagte der Kantor, »in meinen jungen Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß man einmal einen Draht an meinen alten Kirchturm befestigen und daß ich durch diesen Draht über Berg und Tal sprechen können würde. Eine neue Zeit!«
»Keine schlechte Zeit!« sagte der Arzt.
Die Männer trennten sich; der Kirchturm schnappte nach Luft. Also die Schnur, an die er gebunden war, war ein Draht, und durch diesen Draht konnte man bis in die Stadt sprechen!
Der Turm dachte nach, daß ihm die Balken seines Gehirns knackten -- aber er kriegte nicht zusammen, wie das alles möglich sein könne.
Da faßte ihn tiefe Betrübnis. Er holte schwer Atem und sprach zu sich selbst:
»Wenn ich schon meine Gemeinde nicht mehr verstehe, wünschte ich, ich wäre tot. Vielleicht kommen die Schweden und erschießen mich, oder die Leute reißen mich weg und bauen einen neuen und klügeren Turm!«
So stand er traurig die ganze Nacht. Am nächsten Morgen aber hörte er aus dem Draht heraus die Stimme des Herrn Pfarrers. Der sprach mit einem Dachdeckermeister in der Stadt und bestellte tatsächlich den neuen roten Hut für den Turm.
»Wir müssen den alten Herrn schon etwas heraus putzen,« sagte der Pfarrer, »denn er ist ja im Nebenamt jetzt sogar Telephonbeamter geworden.«
Telephonbeamter! Da habt ihr's! Da ist man ein großes Tier und weiß es gar nicht, da ist man ein Beamter und hat keine blasse Ahnung von seinem Beruf! Aber das sollte jetzt anders werden! Telephonieren wollte der Turm, was das Zeug hielt.
Die gute Laune war plötzlich in goldenstem Maße wieder da. Der Turm sah nach seiner Taschenuhr. 9 Uhr! Wenn es der Dachdecker ebenso eilig hatte wie gestern der Doktor, konnte die Sache mit dem roten Hut also um 10 Uhr losgehen.
So schnell ging's nun nicht. Aber der Turm war immerfort in großem Glücksgefühl; er wußte, daß er nach wie vor seiner Gemeinde diente.
So mußte wohl auch auf den neuen Wegen der alte Gott regieren. Und hoch hob der Turm sein golden Kreuzlein über seine Gemeinde.
Ein Abenteuer auf der Themse.
Von meinem Freunde erzählt, dem die Geschichte passiert ist.
»Weißt Du, was die ~Oxford-Cambridge Boat Race~ ist? Nichts Genaues? Also eine Ruderwettfahrt in Achtern zwischen den Studenten der Universität Cambridge und Studenten von Oxford. Eine alte Sache. Schon seit 1829 im Schwange. Die Cambridger sind die Hellblauen und die Oxforder die Dunkelblauen. Natürlich wettet die Hälfte von London auf Hellblau, die andere Hälfte auf Dunkelblau. Die Damen tragen dunkel- oder hellblaue Toiletten, Hüte, Schleifen (natürlich die Farbe, die sie am besten kleidet); Herren tragen hell- oder dunkelblaue Krawatten, Kinder hell- oder dunkelblaue Fähnchen, die Droschkenkutscher hell- oder dunkelblaue Bänder an den Peitschen. Ein Volksfest, ein Rummel! Ganz London auf der Themse oder wenigstens an der Themse.
Also, ich stand damals mit einem großen Sportblatt in Verbindung, war reiselustig und fuhr extra von Berlin nach London, um an der ~Oxford-Cambridge Boat Race~ teilzunehmen und meinem Blatt Bericht zu erstatten. Ich wußte, daß der Statt der Studenten bei Putney, zwei Stunden oberhalb Londons, stattfand und hatte nach mancherlei Mühe einen Platz auf dem Pressedampfer bekommen, von dem aus das Schauspiel am besten zu beobachten war.
In London treffe ich einige Bekannte und mache mit ihnen eine lange Nacht. Als ich um fünf früh ins Hotel kam, fühlte ich mich ruhebedürftig und schlafe und schlafe und schlafe richtig bis dreiviertel zehn Uhr.
Punkt 10 Uhr aber fuhr der Pressedampfer vom Londoner Kai aus hinaus nach Putney. Ich erschrak. Heraus aus dem Bett und die Unterhose verkehrt anziehen war eins. Donnerwetter! Donnerwetter! So ein Lumpenkerl -- ich! Extra nach London gekommen, und nun -- wo sind die Strümpfe? -- Wenn bloß der Kragen nicht so blödsinnig eng -- Waschen? Verrücktheit! Ich wasche mich andermal wieder -- Himmel, da ist ja mein linker Schuh am rechten -- Portier! Portier! ~Waiter! Waiter!~ Einen Wagen! Ein ~cab~! Sofort!
Ich flog die drei Treppen hinab und stieß mir sechs Beulen, auf jeder Treppe zwei, saß im Wagen, versprach dem Kutscher eine königliche Belohnung. Der Kerl hatte hellblaue Peitschenschnüre, und ich trug eine dunkelblaue Mütze. Er ein Cambridger, ich ein Oxforder! Trotzdem fuhr er großartig. Ich ein Oxforder, o nein, ein Ochse, ein großer Ochse! Zu verschlafen! Kutscher, wir müssen, müssen, müssen zurechtkommen!
Und wir kamen zurecht. Ich konnte gerade noch den Pressedampfer abdampfen sehen. Ich streckte die Arme nach ihm aus, ich brüllte wie ein Stier hinter dem Schiffe her, dann setzte ich mich auf einen Straßenstein und knirschte vor Wut mit den Zähnen. Es war mir, als müsse ich den bummeligen Kerl, der das verschuldet hatte, beim Kragen kriegen und in der Themse elend ersäufen -- mich!
Extra von Berlin gekommen in dies blödsinnige Nest, wo die Dampfer so pünktlich abgehen, und jetzt, wo's da draußen losgeht, kauere ich hier wie ein trauriger Affe auf dem Straßenstein.
Müde erhob ich mich. Keine Möglichkeit, auf anderem Wege nach Putney zu kommen. Ein Boot? Unsinn, das kam gerade hinaus, wenn der Start längst vorüber war. So schlenderte ich in seltsamen Gefühlen und eigenartigen Selbstbetrachtungen den Kai entlang.
Da sah ich dicht an der Ufermauer einen stattlicher Dampfer liegen. Leer! Nur ein paar Bedienungsmannschaften lungerten träge herum, und der Kapitän spazierte auf Deck hin und her.
Ein Gedanke! Ein rettender Gedanke!
»Sir!« rufe ich dem Kapitän zu, »ich habe den Pressedampfer verpaßt, was mir äußerst unangenehm ist, und ich muß nach Putney, ich muß! Wollen Sie mich, mein Herr, auf Ihrem Schiff nach Putney fahren?«
»Aber sehr gern, mein Herr!« erwiderte er in freundlichstem Ton; »ich habe gerade Zeit, und es wird mir ein Vergnügen sein, Sie nach Putney zu fahren.«
Hurra!
»Und welches ist der Preis für den Extradampfer?«
»O, mein Herr, der Preis ist Nebensache. Steigen Sie nur ein!«
»Ja, ~my dearest~, so ungefähr möchte ich wohl ...«
»Steigen Sie nur ein, Sir, Sie werden sehr zufrieden sein. Indes vergeht sonst unnütz die Zeit.«
Das sah ich ein, und ich bestieg das Schiff, auf die Gefahr hin, daß mir hinterher der Mann eine riesige Summe abverlangte. Ich mußte doch nach Putney! Ein Kommandowort nach dem Maschinenraum, ein Signal, das Schiff setzte sich in Bewegung. Und ich war sein einziger Passagier! An einem solchen Tage, wo sonst alle Schiffe überfüllt waren! Ein freudiger Stolz, ein Gefühl großer Vergnügtheit ergriff mich.
Der Kapitän trat an meine Seite und sagte:
»Mein Herr, Sie werden gewiß das wundervolle bunte Leben und Treiben auf der Themse und an ihren Ufern, wie es gerade der heutige Tag bringt, beobachten wollen. Wir haben hier an Bord einen brillanten Auslugposten. Sehen Sie, hier, wo die Bordwand unterbrochen und durch ein schmales Geländer ersetzt ist! Stellen Sie sich hierher! Hier sehen Sie alles.«
Ich war dem liebenswürdigen Manne aufs äußerste dankbar, drückte ihm gerührt die Hand und stellte mich an den bezeichneten Platz.
Eine prachtvolle Aussicht! Eben kommt eine blumengeschmückte Gondel vorbei. Dunkelblaue Fahnen, alle Insassen mit dunkelblauen Abzeichen. Oxforder!
Da -- mit einem Male stutzen die Leute im Boot, betrachten mein Schiff, betrachten mich und -- brechen in ein schallendes Gelächter aus.
»O, Ihr lieben Oxforder! Ihr seht wohl meine dunkelblaue Mütze, seht, daß ich von Eurer Partei bin, ahnt, daß ich mir einen Extradampfer gechartert habe, um noch nach Putney zu kommen, und bringt mir diese jubelnde Ovation?! Seid bedankt, Freunde, seid bedankt!«
Und ich schwenke vergnügt meine dunkelblaue Mütze. Als die Leute das sehen, jubeln sie noch viel lauter. Entzückend, diese übersprudelnde Fröhlichkeit!
Da -- ein Boot mit Hellblauen! Die gegnerische Partei. Aber auch sie -- auch sie brechen ja in ein jubelndes, in ein schallendes Gelächter aus ...
Nanu!
Was haben die Kerle zu lachen?
Aha, das ist Hohn! Sie sehen, daß ein Dunkelblauer sich verspätet hat und ein Extraschiff nehmen mußte. Glaubt nur ja nicht, ihr dummen Kerle, daß ich mich über euch ärgere! Im Gegenteil, ich schwenke herausfordernd meine dunkelblaue Mütze und wundere mich nur, daß diese hellblauen Kunden so blödsinnig vergnügt weiter lachen. Na ja, die Hellblauen, von denen kann man alles erwarten.
Potz Blitz, was ist das dort drüben am Strande? Ein Menschenauflauf. Männer, Weiber, Kinder stürzen herbei, und alles zeigt auf mein Schiff und auf mich, der ich an seinem sichtbarsten Punkt stehe, und eine donnernde Lachsalve tönt vom Ufer herüber. Die Männer fuchteln mit den Armen, einzelne Frauen setzen sich platt auf die Erde und scheinen sich in Lachkrämpfen zu winden, Buben schlagen Purzelbäume vor Vergnügtheit, und immer neue Scharen strömen, nein, stürzen herbei und stimmen in das Gelächter ein.
Ich winke hinüber -- stürmischer Jubel! -- ich begucke und betaste bestürzt meinen Anzug -- zwerchfellerschütternde Heiterkeit, -- ich drehe mich verwirrt dreimal um meine Achse -- ein brüllendes Gewiehere -- ich reiße einen kleinen Spiegel aus meiner Tasche und betrachte mich -- die Leute wollen bersten!
»Um Himmels willen, Kapitän, was ist denn los?«
Er sieht mich mit freundlichem, unendlich wohlwollendem Gesichte an.
»Ein bißchen verrückt,« sagt er phlegmatisch.
»Was, ein bißchen verrückt? Total verrückt ist diese Gesellschaft!«
Ein zweites, drittes, viertes -- zehntes Boot fährt vorüber, und alle, alle, alle Insassen lachen, lachen, lachen ein wahnsinniges, tollhäuslerisches Gelächter.
Darüber werde ich völlig verwirrt. Ich drehe mich wie ein Kreisel, ich werfe die Arme wie Windmühlflügel, ich deute nach der Stirn, um die Leute auf ihren Geisteszustand aufmerksam zu machen.
Sie lachen, sie lachen Stürme!
»Kapitän, sagen Sie mir -- erklären Sie mir um Himmels willen -- das ist ja -- das ist ja --«
»~Boat race~,« sagte er schmunzelnd.
»Aber Mann, wenn auch heute Oxford-Cambridge-Tag ist, braucht doch dieses Volk nicht über einen anständigen Ausländer in ein so verrücktes --«
Ein Schrei. Ein »Seelenverkäufer«, in dem zwei Leute gesessen haben, ist gekentert. Die Kerle klammern sich an ihr Boot, kämpfen mit den Wellen und lachen, lachen, -- -- -- sie ersaufen beinahe und zeigen doch auf mich und lachen -- lachen --
Also -- irgend jemand mußte hier verrückt sein! Und da doch wahrlich nicht ganz London plötzlich toll geworden war, so war wahrscheinlich ich -- --
Ein Angler, der am Ufer sitzt, zieht eben einen Fisch aus dem Strom, sieht mich, kriegt augenblicklich Schreikrämpfe und fliegt samt Angelrute und Fisch kopfüber ins Wasser. Mich überläuft es siedendheiß. Ich zittere vor Aufregung.
Da -- ein Marineschiff kommt daher. Endlich ein ernstes Fahrzeug. Ein wildes, knallartiges Gelächter der Mannschaft samt den Offizieren ...
Also doch!! Elender Porter! Elender Brandy! Eine einzige Nacht, und ich bin -- -- o, es ist nicht zum Ausdenken! Vielleicht befinde ich mich gar nicht auf einem Schiff; vielleicht bilde ich mir das alles bloß ein! -- Aber hier stehe ich doch, hier halte ich doch das Geländer, hier ist doch die Themse!
»Es ist ein guter Tag heute!« sagt freundlich der Kapitän.
»Guter Tag?«
Ich fange an, einfach radzuschlagen und die Beine nach oben zu strecken.
Rundum dröhnt die Luft, knallt, prasselt, ächzt, stöhnt, heult es vor Gelächter. Am Strande, auf kleinen Booten, auf Segelschiffen, auf Dampfern, überall, überall diese entsetzlich lachenden Menschen. Ich drehe mich um die horizontale oder um die vertikale Achse wie eine Spule oder wie ein Flugrad. Mit einem Wort: ich rotiere.
Der Kapitän behält seinen menschenfreundlichen, wohlwollenden, zufriedenen Gesichtsausdruck. Unheimlich, grauenhaft ist meine Lage.
Da endlich sehe ich den Pressedampfer. Selbst in meinen Kinderjahren habe ich nicht an Zauberei geglaubt, jetzt aber bin ich felsenfest überzeugt, daß ich mich auf einem verhexten Schiffe befinde.
»Halt! Kapitän, halt! Ein Boot! Ich will da hinüber! Da auf den vernünftigen Pressedampfer. Verlangen Sie meinetwegen, was Sie wollen, nur lassen Sie mich von diesem blödsinnigen Schiff herunter!«
Dort -- dort sammeln sich die Hell- und Dunkelblauen zum Start. Die ganze internationale Pressegesellschaft sieht zu. Aber plötzlich verliert für sie die ~boat race~ alles Interesse, alle wenden sich meinem Schiff zu, und ein internationales Gelächter erdröhnt, untermischt mit Jubelrufen in aller Herren Sprachen.
Kalter Schweiß rinnt mir von der Stirn. Auch diese -- auch diese Internationalen! Nur mühsam fuchtele ich noch mit den Armen.
»Was bin ich Ihnen schuldig?« keuche ich.
»Nichts!« sagt der Kapitän.
»Nichts? Für einen Extradampfer -- nichts? Ach ja -- ich -- ich -- bin ja --«
»Im Gegenteil,« fährt der Kapitän fort, »meine Gesellschaft ist Ihnen zu großem Dank verpflichtet, und ich bedaure nur, daß es nicht möglich ist, Sie beständig für uns zu engagieren. Sie wären eine Goldgrube für uns. Bitte, behalten Sie dies zum freundlichen Andenken!«
Er gibt mir ein kleines Paket. Mir ist schon alles eins; ich nehme das Paket.
»Also nichts?« lallte ich.
»Nichts!« sagte er. »Im Gegenteil: tausend Dank!«
Endlich sitze ich in einem Boot, das mich nach dem Pressedampfer bringen soll, von dem unaufhörlich das Gelächter weiterdröhnt.
Wie ich etwas Distanz gewonnen habe, wage ich es, einen Blick auf das verlassene Zauber- und Gelächterschiff zu werfen.
Da sehe ich -- -- -- daß der ganze mächtige Schiffsrumpf mit schreienden Plakaten bedeckt ist.
Ein Reklameschiff ist es.
Und ich lese:
»Beechams Pillen! Beechams Pillen! Alle Krankheiten kommen aus der Leber! Und die Leber wird einzig geheilt durch Beechams Pillen! Wer an Cholera, Verstopfung, Gehirnschwund, Bartlosigkeit, Krätze, Triefaugen, Plattfüßen, Buckel, roter Nase, Hühneraugen oder Altweiberrunzeln leidet, nehme Beechams Pillen!!!«
Die Liste war noch viel länger, noch viel beleidigender.
Die Hauptsache aber:
Unter dem Auslugposten, auf dem ich gestanden und auf dem ich in der Erregung meine wilden Bewegungen mit den Händen und Beinen gemacht hatte, war eine Riesenhand mit nach oben gestrecktem Zeigefinger gemalt und daneben stand:
»Sehet diesen Mann! Er hat an sämtlichen Krankheiten gelitten, die an unserem Schiff verzeichnet stehen. Er hat Beechams Pillen genommen und ist kuriert worden. Seht seine freundlichen und kräftigen Bewegungen!«
* * * * *
Das kleine Paket, das mir der wohlwollende Kapitän zum Andenken überreicht hatte, enthielt eine Schachtel Beechams Pillen.
Die Ferienkolonisten.
»Durch die Güte freigebiger Menschen kann auch in diesem Jahre wieder eine Anzahl bedürftiger Kinder in die Ferienkolonie geschickt werden.«
Es gab einen Tumult in der Klasse, als der Lehrer das sagte. Doch er setzte bald einen Dämpfer auf die Freude.
»Pst! Wir haben 400 Kinder in der Schule, und davon dürfen wir nur sechs vorschlagen, von denen wieder der Schularzt nur zwei auswählt. Also, von den 400 Kindern unserer Schule können nur zwei in die Ferienkolonie mitgenommen werden.«
»Heißt 'n halbes Perzent,« brummte Moritz Cohn auf der hintersten Bank. Er beschloß, bei so schlechten Chancen auf dies Geschäft erst gar nicht zu reflektieren.
Anders Heinrich Menzel. Er saß ganz vorn, war der kleinste und schwächlichste von allen. Tagelang zerbrach er sich den Kopf, ob er zu den zwei Auserwählten gehören würde, betete inständig zum lieben Gott um diese Gnade, verfiel zuletzt sogar in Aberglauben, indem er Vaters alten Würfelbecher zum Orakel machte. Einen Wurf mit den drei Würfeln! Wenn es über 16 wären, würde es mit der Ferienkolonie glücken. Schon hatte er den Becher in der Hand, da setzte er die Schicksalszahl von 16 auf 14 herab.
Er warf 18!