Die fünf Waldstädte: Ein Buch für Menschen, die jung sind
Part 3
»Was für eine Stadt hat Ludwig?«
Die Mutter zog ihn an sich und sagte:
»Der liebe Gott kann ihm eine Stadt aufbauen aus lauter Gold.«
»Und hat er auch einen Berg und einen Turm darauf?« fragte ich beklommen.
»Er steht auf einem Berg, der höher ist als alle Berge, und er kann von da über die ganze Welt sehen.«
»Bis Berlin zum Kaiser?« fragte Heinrich verwundert.
»Bis Berlin zum Kaiser,« sagte die Mutter, »und -- bis zu uns dreien.«
»Sieht er uns jetzt gehen?«
»Ja, ich glaube, er sieht uns gehen.«
Da blies der Abendwind übers Feld, und ich fror.
* * * * *
»Dieser ist der Größte im Himmelreich!«
Der goldene Spruch stand über Ludwigs Marmorbild, das vor dem Heiland stand. Mit scheuer Ehrfurcht dachten wir an den Spielkameraden, der mit einem Kranz weißer Rosen um die Stirn in jenes ferne Land gewandert und nun dort ein Fürst und Herrscher war. Da habe ich oft auf der Adlerkoppe neben dem Aussichtsturm gelegen und hinaufgeschaut in das ewige blaue Land und im tiefsten Herzen gewünscht, daß ich auch einmal den Weg finden möge dorthin.
Oft pilgerten wir nach der heiligen Stadt. Ja, selbst der Förster kam manchmal mit; er stand dann ganz still und hielt seinen grünen Hut in der Hand. Meist war unsere gute Fee mit uns dort. Ich habe sie nie weinen sehen um ihr totes Kind. Ein ruhiges Leuchten war immer in ihren Augen. Und sie ging mit uns aus der heiligen Stadt freundlich nach Heinrichsburg, nach Ameisenfeld und zu der Donarseiche, und sprach mit friedlicher, fröhlicher Seele mit uns von allen wichtigen Dingen, die im Walde zu sehen waren.
Sie war selbst wie die Kinder, und darum hatte sie schon hier auf Erden ein Himmelreich im Herzen.
Meinem Freunde Heinrich und mir aber ist durch unser ganzes Leben der goldene Spruch aus der Heiligen Stadt nachgegangen:
»Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!«
Der kleine General.
Die Szene spielt am Weihnachtsabend in einem vornehm ausgestatteten Zimmer. Der kleine Hans liegt schwer krank im Bette. Die Mutter wacht bei ihm. Im Nebenzimmer steht der Christbaum. Eine rote Lampe verbreitet ein traumhaftes Licht. Auf dem Nachttischchen stehen zwölf Bleisoldaten.
=Hans= (richtet sich matt auf):
Mutter, ich möchte den Christbaum noch einmal sehen.
=Die Mutter=:
Wird dich nicht wieder das viele Licht stören, Hans?
=Hans=:
Ach, nein ... ich möchte ihn sehen. Zünde doch die Lichter noch einmal an, Mutter ... ja?
=Die Mutter=:
Gewiß, mein Kind, wie du willst ...
Sie geht ins Nebenzimmer und zündet die Weihnachtskerzen an. Es wird lichter im Gemach. Hans schaut mit großen, fiebernden Augen der Mutter zu. Die Mutter kommt zurück.
=Die Mutter=:
Gefällt dir der Baum, mein Goldjunge?
=Hans=:
Er ist schön ... er ist sehr schön! ... Es ist wohl viel Marzipan dran? ... Ich kann keines essen ... es schmeckt mir bitter ... Aber die Krone und der Engel! -- -- -- -- Ach, Mutter, mir tun die Augen weh ... lösch die Lichter aus ... bitte, bitte, lösch die Lichter wieder aus!
Die Mutter geht seufzend ins Nebenzimmer zurück und löscht die Weihnachtslichter aus.
=Hans=:
Ach, ist das schade! Die schönen, funkelnden Lichter! ... Nun ist er ganz finster, der Baum ...
=Die Mutter= (zurückkommend):
Ist es so gut?
=Hans=:
Ja, es ist gut so ... Ich freu' mich so über die Soldatensachen, Mutter.
=Die Mutter=:
Mein lieber Junge!
=Hans=:
Bring mir doch den Säbel und den Helm! Und einen Spiegel ... ja? Ich will mich gern sehen ...
=Die Mutter=:
Ja, ich hole sie! (Pause.) So, mein guter Hans, hier sind die Sachen!
=Hans=:
Stütz' mir den Rücken, ja ... ich will mich setzen, daß ich den Helm aufsetzen kann ... So ... ah, es geht schwer ... und jetzt ... jetzt den Säbel ... halt' mich fest, Mutter, fest ... ja so! ... Und jetzt noch den Spiegel ... Oh, oh, ... wie seh ich denn aus? ... Das bin ich doch nicht! Das ist ja ein ganz ... altes ... häßliches Gesicht!
=Die Mutter= (mit unterdrücktem Schluchzen):
Du wirst bald besser aussehen, lieber Hans!
=Hans= (mit tiefem, schmerzlichem Erstaunen):
Bin ich das wirklich?!
=Die Mutter= (tröstend):
Sieh doch den Helm ... er steht dir so schön ... mein kleiner, lieber Held ...
=Hans=:
Oh ... ich sehe aus ... wie der Tod ...
=Die Mutter= (läßt den Spiegel fallen):
Hans! ... Sprich nicht so, Hans ... das darfst du nicht ... das ist böse von dir ... entsetzlich böse ...
=Hans= (sinkt erschöpft zurück; ganz leise und matt):
Ich will nicht böse sein ... ich will gut sein ... und ich will auch nicht gern ... zum Tode ... ich möchte bei dir bleiben, Mutter ... bei dir ist's so schön ...
(Die Mutter setzt sich langsam am Bette nieder. Lange Pause.)
=Hans=:
Ich glaube ... daß ich heute sterben soll ...
=Die Mutter=:
Du sollst ja nicht so sprechen ... du wirst nicht sterben, Hans ... ich laß dich ja nicht sterben ... ganz bestimmt nicht ... ich verspreche es dir ... du weißt, ich halte immer, was ich verspreche ... ich lasse dich nicht sterben, mein Junge, mein Junge!
=Hans= (langsam):
Aber der Vater ist ja auch gestorben und der Großvater auch.
=Die Mutter=:
Sie waren älter als du, aber so ein Knabe stirbt nicht, nein, der stirbt nicht!
=Hans=:
Setz' dich auf den Stuhl, Mutter ... erzähl' mir vom Großvater ... wie es war, ehe er starb, ja?
=Die Mutter=:
Nein, nein, heute nicht, ein anderes Mal will ich dir's erzählen ...
=Hans=:
Heute, Mutter, heute! ... Wo gehst du hin? ...
=Die Mutter=:
Die Anna soll nach dem Arzt; ich warte schon so ...
=Hans=:
Er hat Einbescherung zu Hause; laß ihn, er hat jetzt nicht Zeit für mich.
=Die Mutter=:
Ich will doch schicken, ich komme gleich wieder ... Der Arzt kommt bestimmt ...
(Sie geht hinaus.)
=Hans= (schaut ihr scheu nach, dann wendet er sich an die Bleisoldaten):
Paßt auf, ihr blauen Jungen, paßt auf ... ich will euch was sagen ... Ich bin euer General ... Seht ihr meinen Degen und meinen Helm? ... Ich kommandier' euch! ... Jawohl! ... Und wenn der Tod kommt ... dann wollen wir mit ihm kämpfen ... tapfer, ihr Jungen ... er ... er darf uns nicht unterkriegen ... er nicht ... wir ihn ... wir müssen ihn unterkriegen ... Hört ihr? ... Versteht ihr? ... Wir ihn! ... Mein Großvater, der ist auch mit 12 Mann ... den Hügel hinauf ... gegen viele Franzosen ... bumm, schossen sie, bumm, bumm ... sechse fielen ... eine Kugel ... eine ganz kleine, blaue Kugel ... flog auch meinem Großvater in den Leib ... er machte sich nichts draus ... nein, gar nichts daraus aus der kleinen Kugel ... er stürmte weiter ... und erst, als er die Fahne hatte ... da ... da ... tat er sterben ... So, so müssen auch wir ... tapfer, ihr Soldaten, tapfer ... (er sinkt gänzlich erschöpft zurück).
=Die Mutter= (zurückkommend):
Da, Hans, bin ich wieder. Du liegst so still. Soll ich dir die Geschichte vom Großvater aus dem Kriege erzählen?
=Hans= (halb im Fiebertraum):
Nein, ich weiß sie; ich weiß sie gut ... Stell' meine Soldaten zurecht ... so mit den Flinten auf das Fenster zu! ... Dort herein wird er kommen ... ja, gewiß, dort zum Fenster herein kommt er! ...
=Die Mutter= (angstvoll):
Wer denn? Wer soll denn kommen? Das Fenster ist fest zu.
=Hans=:
Er kommt! Er kommt durch! Er kriecht durchs Glas! Es ist der Feind ... ja, der Tod ... der ist der Feind ...
=Die Mutter=:
O Gott, o Gott, wenn doch der Arzt ... Fürchte dich doch nicht, Hans, es kommt niemand, es kann niemand herein, ich stelle mich vor das Fenster ...
=Hans= (mit der Hand schlenkernd):
Nein, weg, Mutter, weg! Ich muß ihn gleich sehen, wenn er kommt ... ich muß aufpassen, ich bin ja der General ... Die Soldaten ... sieh mal die Soldaten, Mutter, sie wachsen ... sie werden groß ... groß wie die Riesen ... sie haben richtige Flinten ... o, er soll nur kommen ... gib meinen Degen ... weg, Mutter, weg vom Fenster ... wenn die Soldaten auf ihn schießen ... treffen sie dich! ...
=Die Mutter= (reicht ihm in höchster Angst die Medizin):
Trinke, Hans, trinke!
=Hans=:
Ich will nicht! ... Halt, doch ... ein Schluck ist gut ... Aah so! ... Gib den Soldaten auch ... aber geh nicht mehr zum Fenster ... Wenn er kommt, legen wir gleich los ... Achtung, ihr Soldaten ...
(Die Mutter hält Hansens Kopf, unausgesetzt wirre, qualvolle Gebetsworte murmelnd, der Kranke hält den fiebernden Blick lauernd nach dem Fenster gerichtet.)
=Hans= (jäh aufschreiend):
Da ist er ... da ist er ... der schwarze König! ... Der Tod! ... Oh ... oh, er schießt. Oh, er hat mich getroffen ... in die Brust ... mit einer Kugel ... Ich mach mir nichts draus ... Drauf, ihr Soldaten ... drauf ... schießen, stechen, hauen! ... Mein Säbel ... wart' ... ich bring dich um ... ich zerschlag dir den schwarzen Kopf ... ich ... jetzt ... jetzt hat er mich ... jetzt hab ich ihn ... laßt uns ... helft nicht ... ich nehm ihn allein ... ich brech ihm den Hals ... ich siege ... o du ... du schlechter Feind ... du hast meinen Vater ... meinen Großvater ... wart ... dein Hals, dein Blut ... ich reiß dir das Herz heraus ... ich hab's ... ich hab' dein Herz ... es hat Großvaters Blut getrunken -- -- -- -- Er ... er ... er ist tot ... der Tod ist tot! ... Der Tod ist tot ...
(Er fällt mit geschlossenen Augen zurück.)
=Die Mutter=:
Gott im Himmel, erbarme dich! Hans! Hans! Hans! (Schreiend:) Doktor! Doktor! Hilfe! Mein Sohn stirbt! Hilfe! O Gott ... Hilfe! Zu Hilfe ...
* * * * *
Einige Stunden später. Gegen Morgen.
=Der Arzt=:
Wollen Sie nicht ruhen, gnädige Frau?
=Die Mutter=:
Wie könnte ich heute ruhen?
=Der Arzt= (beugt sich über Hans):
Er schläft gut ... ich glaube bestimmt, nun ist er gerettet! Sein Lebensmut, sein Lebenstrotz haben ihn die schlimme Stunde überstehen lassen.
=Die Mutter= (schlicht, aber mit großer, stiller Freude):
Er hat den Tod besiegt!
Die Frau sinkt langsam am Bette auf die Knie. Draußen beginnen die ersten Weihnachtsglocken zu läuten. Aus dem Nebenzimmer dringt Tannenduft. Die Bleisoldaten stehen am Lager ihres siegreichen, heldenhaften Generals und präsentieren ihre Gewehre.
Der Schatz in der Waldmühle.
Andreas, der Waldmüller, ging im Großgarten um den starken Apfelbaum im Kreis herum, immer im Kreis herum. Dabei hielt er die Hände auf dem Rücken gefaltet, preßte die Lippen zu einem Spalt zusammen und bezeigte überhaupt eine ernste Haltung. Nach einiger Zeit kam der Mühlknecht Jakoble heraus, ging neugierig auf den Müller zu und fragte:
»Meister, warum geht Ihr denn immerfort so im Kreise herum?«
Ohne ein Wort zu sagen, holte der Müller aus und hieb dem Jakoble eine gewaltige Ohrfeige herunter. Da stellte sich Jakoble erschrocken beiseite, rieb sich die Backe und sagte bei sich selbst: »Es scheint, er will mir's nicht verraten, warum er so im Kreise herumgeht.« Und er schlich in die Mühle zurück und war ob des Vorfalls sehr betrübt.
Der Müller ging noch oft seine Runde; aber endlich blieb er stehen, seufzte tief und sprach: »Tausend und einmal! Und ganz schweigsam! Diesmal, wenn ich mich nicht verzählt habe, wird es endlich glücken.«
Dann setzte er sich unter den Baum ins Gras. Rundum blühten die herrlichen Löwenzahnblumen, und der Gartengrund war schön wie ein Königsmantel mit lauter Orden und bunten Knöpfen. Die Mailuft trug Tau und Blütenstaub auf ihren weichen Flügeln, und die Wassermühle sang ihr surrendes, friedliches Lied.
Des Müllers Gedanken gingen weit zurück in seinem Leben, zu dem Tage, da seine Frau begraben wurde, zu dem anderen, da sein einziges Kind, die Trudel, geboren wurde, schließlich über Soldatenzeit und dumme Jungenstreiche weiter zurück bis zu dem Tage der eigenen Geburt. Da hatte sein Vater zu seiner Mutter gesagt: »Johanna, wir sind arme Leute. Die Bauern sind geizig und unsere Mühle ist verschuldet; was fangen wir nun mit diesem Büblein an?« Die Müllerin hatte gesagt: »Zunächst wollen wir es Andreas taufen, das ist ein schöner und kräftiger Name, und dann wollen wir unsere reiche Base Dorette zu Gevatter bitten, die wird dem Jungen ein gutes Patengeschenk geben.«
Als nun der Tag der Taufe kam, erhielt das Büblein zwar den schönen und kräftigen Namen Andreas, das reiche Patengeschenk aber erhielt es nicht, wenigstens nicht in blanken Talern, wie es die Müllerleute erhofft hatten. Tante Dorette brachte nur ein winziges Holzkästlein, darin ein blanker Kupferdreier lag, und sprach:
»Dieses Kästlein müßt ihr in eurem Garten vergraben. Alsdann muß der Vater über dieselbe Stelle, wo der Kasten liegt, einen Apfelkern stecken. So wie der Baum wächst, so wird der Kasten und die Zahl der Dreier wachsen, und an dem Tage, wo das Bäumchen veredelt wird, werden sich alle Kupferdreier in Golddukaten umwandeln. Wenn dann der Kasten reif zum Heben ist, wird auf dem Apfelbaum ein Glöcklein läuten. Inzwischen müßt ihr fleißig und sparsam sein, dürft keinen Schnaps trinken und alle Wochen nur dreimal Fleisch essen. Auch muß das Büblein, sobald es größer geworden ist, immer an seinem Geburtstag tausend und einmal um den Baum herumgehen, darf aber dabei kein Wort sprechen.«
Der Müller hatte ein wenig geseufzt über das sonderbare und umständliche Geschenk, dann aber hatte er das Kästchen vergraben und das Körnlein gesteckt. Als aber die Base Dorette fort war, hatte er sich arg hinter den Ohren gekratzt, denn seine Frau hatte den grauen Steinkrug, in dem der Schnaps war, mit einer Axt zerschlagen. Damit, meinte der Müller, sei eine schöne Quelle des Trostes und der Labsal in der Mühle versiegt. Die Frau hielt auch fortan auf großen Fleiß und Sparsamkeit, und es kam nie öfter als dreimal in der Woche ein Fleischgericht auf den Tisch.
So hob sich der Wohlstand der Müllerleute. Das Bäumchen wuchs von Jahr zu Jahr, und als es der Müller mit eigener Hand veredelte, zitterte er. Sein Bub stand neben ihm und behauptete, ein feines Klingen vernommen zu haben.
»Das ist,« belehrte ihn sein Vater, »wie das Kupfer in das Gold umgesprungen ist.«
Die Zeit verging. Tante Dorette, Vater und Mutter starben, der Bub wurde groß, wurde selbst Müller, wurde fünfzig Jahre alt. Ein Glöcklein aber läutete auf dem Baum niemals.
* * * * *
Als der Müller jetzt noch so da saß und von seinem lang ausbleibendem Reichtum träumte, trat Reinhard, der Müllerbursch, in den Garten. Er war ein so schöner Bursch, daß er sicher ein Prinz gewesen wäre, wenn er einen König zum Vater gehabt hätte. Heute stak Reinhard nicht in seiner staubigen Müllertracht, sondern war sonntäglich gekleidet und hatte einen runden Hut mit einer Feder auf dem Kopf. Der Müller schaute ihn verwundert an und fragte:
»Wie bist du denn so herausgeputzt; ist es bei dir heut Sonntag?«
»Herr Meister,« sagte der Jüngling, indem er einen kleinen Kratzfuß machte, »bei mir ist heute der allergrößte Festtag. Denn nicht bloß, daß Ihr den Geburtstag habt, es ist auch heute der Tag gekommen, wo ich mir ein Herz fasse, Euch zu bitten, daß Ihr mir Eure herzliebe Trudel zur Ehefrau gebt.«
Der Müller schaute den Burschen erst einige Augenblicke schweigend an; dann sagte er ohne weitere Umschweife: »Reinhard, du bist verrückt!«
Diese Worte klangen dem Freiersmann gar nicht wie liebliche Musik in den Ohren, und er machte ein betrübtes Gesicht. Der Müller stand auf, reckte sich und sagte:
»Die Trudel soll's besser haben als ich. Sie soll nicht ihr Leben lang in diesem dunklen Waldwinkel sitzen. Der sollen bald schönere Tage kommen.«
»Ach, du lieber Gott,« seufzte der Bursche, »wie sollen ihr bessere Tage kommen, wenn Ihr mir sie nicht zur Frau gebt? Sie wird sich eben so sehr darum zu Tode grämen wie ich.«
Gegen solche Krankheit würde schon noch ein Kraut gewachsen sein, meinte der Müller, und da Reinhard grade so schön angezogen sei, habe er, der Meister, nichts dagegen, wenn der Bursch sein Ränzel nähme und über alle sieben Berge davonzöge. So -- und damit basta.
Darauf ging der Müller aus dem Garten. Als er an das Türchen kam, trat ihm Jakoble in den Weg und fragte gutmütig und neugierig:
»Meister, was habt Ihr denn so böse mit dem Reinhard gesprochen?«
Der Müller langte ihm eine Ohrfeige herunter und ließ ihn stehen. Da rieb sich Jakoble die Backe und meinte bei sich: »Er will mir nicht verraten, was er mit dem Reinhard gesprochen hat. Also werde ich den Reinhard selbst fragen.«
Und er fragte ihn und erfuhr das ganze Elend und Herzeleid.
* * * * *
Als es gegen Abend war und die müde Sonne sich gegen die Waldberge senkte, wanderte der junge Müllerbursch in die Fremde. Die Trudel gab ihm ein Stück das Geleit und weinte, und der Jakoble ging mit und weinte aus Freundschaft auch.
Es war so traurig im Walde. Die Vögel saßen am Wege und sangen: »Lebe wohl! Lebe wohl!« und die Bäume schüttelten die Köpfe, und ein Reh sah mit großen Augen aus dem Gebüsch, als wollte es verwundert fragen: »Ja, wo geht Ihr denn hin?«
Langsam gingen die drei; jeder Schritt wurde ihnen schwer, der Sand knirschte, und die alte Mühle sang im Tal.
Als die drei an den Kreuzweg kamen, mußte geschieden sein. Das Mädchen hatte den beiden Burschen von dem Aberglauben des Vaters erzählt und was er sich für törichte Hoffnungen mache auf einen großen Schatz, der gewiß nicht da sei. Und es schloß mit vielen Tränen:
»Wenn ich nun sterbe, so mag mich der Vater in einen Sarg legen und unter dem Apfelbaum begraben, dann hat er dort in einem Kasten seinen Schatz liegen.«
Bei diesen traurigen und kläglichen Worten fing auch Reinhard heftig an zu weinen. Das Jakoble aber zählte plötzlich mit Eifer die Knöpfe an seinem Anzuge ab und sprach immer dazu: »Mit ihr! Mit ihm! Mit ihr! Mit ihm!« Endlich rief er freudig aus:
»Reinhard, ich muß mit dir in die Fremde ziehen, denn erstens habe ich es an den Knöpfen abgezählt, und zweitens ist es auch wegen der vielen Ohrfeigen.«
Es wurde noch ein bißchen verhandelt und dann wurde beschlossen, daß Jakoble den Reinhard begleiten sollte auf der Reise in die weite Welt. Jakoble machte ein feierliches Gesicht bei diesem Beschluß, so feierlich, daß ihm die Ohren weit abstanden und die Kopfhaut hin- und herrutschte. Dann sprach er in väterlichem Tone:
»Trudelchen, weine nicht mehr. Denn wir bleiben dir treu, und in drei Jahren und drei Tagen kommen wir wieder.«
Darauf küßte Reinhard das Mädchen auf den Mund, und dann schieden sie voneinander, und dann ging die Sonne unter.
* * * * *
Reinhard und Jakoble wanderten miteinander in der Abenddämmerung dahin. Oftmals seufzte Reinhard tief und schmerzlich und sprach: »Ach, Jakoble, wenn du nicht da wärst, was sollte ich wohl anfangen?«
Da nickte Jakoble und erwiderte: »Ja, ja, was sollten wir wohl anfangen, wenn ich nicht da wäre!«
Es wurde finster, und die beiden wußten nicht, wohin sie kommen würden. Wenn man aber in der Welt nicht weiß, wohin man kommen wird, kommt man meist in eine Schenke.
So kamen auch die beiden in ein Straßengasthaus, wo es hoch herging. Bauern saßen drin und Fuhrleute, von denen manche so reich waren, daß sie zwei Pferde besaßen.
Was aber die Hauptsache war: in dem Gasthaus war ein Zauberkünstler anwesend. Er trug ein grün- und schwarzkariertes Gewand und auf dem Kopfe einen zinnoberroten Fez. Er stammte aus Hinterindien und hieß Kiutschitsufilutschi. Sein Vater war ein heidnischer Oberpriester und seine Mutter eine malaiische Göttertochter. Das alles hatte Kiutschitsufilutschi selbst gesagt. Als Reinhard und Jakoble eintraten, hörten sie den Zauberkünstler eben sagen:
»Jawoll, meine Herr'n, dat is nich so einfach wie Schnapstrinken. Diese Attraktion habe ick mal 'n Kaiser von Fedschir vorgemacht. Der wollte mir dabehalten und mir an seine Tochter verehelichen, und ick sollte mal da in der Jejend Kaiser werden, aber ick habe gesagt: Nee, Majestät, habe ick gesagt, is nich zu machen! Ick will man lieber wieder rüber nach Europa.«
Nach diesen Worten zog Kiutschitsufilutschi einem Bauern aus der roten dicken Nase wohl an die hundert Dukaten. Die Dukaten warf er in die Luft, wo sie spurlos verschwanden. Jakoble vergaß vor lauter Erstaunen eine Viertelstunde lang den Mund zuzumachen und hatte überhaupt einen so merkwürdigen Gesichtsausdruck, daß ihn Reinhard nach einiger Zeit anstieß und sagte:
»Jakoble, tu mir den Gefallen und putz dir wenigstens die Nase!«
Ehe Jakoble diesen Wunsch erfüllen konnte, stürzte der Zauberkünstler auf ihn zu und steckte ihm eine Schlange in den Mund. Jakoble verschluckte sich und war krebsrot vor Angst und Aufregung.
Dann fing der Zauberkünstler an, Abendbrot zu speisen. Die Bauern spendeten ihm einen mächtigen Krug Bier, und Kiutschitsufilutschi aß dazu einen Frosch, einen Spazierstock, ein Bierglas und ein Hufeisen. Endlich zündete er sich eine Zigarre an und blies statt Rauchringel Schweinsblasen in die Luft.
Jakoble nahm Reißaus. Reinhard fand ihn draußen vor der Tür, wimmernd vor Angst. Er beruhigte Jakoble und nahm ihn mit in die Schlafkammer. Dort fanden die beiden trotz ihrer müden Glieder lange nicht den erwünschten Schlummer. Den einen plagte die Sehnsucht im Herzen, den andern die Schlange im Magen. Und sie stöhnten und seufzten, denn wer schlafen will, dem müssen Herz und Magen in Sanftmut gewiegt sein.
Als es Mitternacht war und der Wind draußen lauter pfiff und in den Sparren des Holzwerks klapperte, öffnete sich die Tür, und Kiutschitsufilutschi trat ein. Jakoble tat einen Schrei und versuchte, an der Wand hochzuklettern, auch Reinhard richtete sich erschrocken auf. Aber der hinterindische Zauberer beschwichtigte die beiden und sagte:
»Haben Sie man keene Angst, meine Herr'n; ick will hier bloß 'n bißchen mit schlafen.«
Darauf ließ er sich seufzend neben den beiden nieder und nahm den Fez vom Kopfe. Der Mond schien durch die Dachluke und bestrahlte seine phantastischen Kleider. Ein schwerer Gram tat sich auf dem Gesicht des fremden Magiers kund, und endlich fuhr er drohend mit den Armen zur Höhe und sagte grollend:
»60 Pfennige, und das ist allens! Solche Duckmäuser!«
Es stellte sich heraus, daß der Hinterindier von den Bauern und Fuhrleuten für seine glänzenden Darbietungen nur vorbenannte Summe Geldes geerntet hatte. So war auch er ruhelos und ohne Schlummer, denn außer dem Herzen und dem Magen muß sich auch der Geldbeutel sicher und befriedigt fühlen, ehe der holde Schlaf auf die Wimpern eines irdischen Wanderers sinkt.
Jakoble, der etwas Mut gefaßt hatte, meinte schüchtern, der Zauberer könne sich doch die Goldstücke aus jeder Nase ziehen; worauf ihn Kiutschitsufilutschi halb mitleidig und halb zärtlich anblickte und zur Antwort gab:
»Können Sie mir vielleicht 'ne Mark pumpen?«
O ja, das könne er wohl, sagte Jakoble eifrig, fischte in seiner Hosentasche herum und übergab dem Zauberer eine Mark. Dieser war dankbar und machte gerührt Brüderschaft mit Jakoble, worauf alle drei sehr munter und aufgeräumt wurden.
Der Zauberer erklärte, er heiße »künstlerisch« Kiutschitsufilutschi und stamme »künstlerisch« von einem Oberpriester und einer Göttertochter ab. Sein »bürgerlicher« Name aber sei Heinrich Bimske, und seine »bürgerlichen Eltern« seien ehrsame Bäckersleute aus Rixdorf bei Berlin. Ursprünglich habe er das schöne und reinliche Gewerbe eines Barbiers betrieben, aber dann sei die höhere Magie über ihn gekommen; er sei weit in der Welt herum, von Kottbus bis Salzwedel habe er alle bedeutenden Orte bereist. Aber nun sei er wandermüde, und wenn es ihm je gelänge, zwei bis drei Taler Reisegeld zu erübrigen, wolle er zu seinen Eltern zurückkehren und nebst einem neuen Lebenswandel ein eigenes Barbiergeschäft anfangen.