Die fünf Waldstädte: Ein Buch für Menschen, die jung sind

Part 10

Chapter 103,521 wordsPublic domain

In der Tat sah der Schneider aus wie ein jüdischer Händler. Wochenlang hatte er sein Gesicht den Sonnenstrahlen aussetzen müssen und sich nicht mehr waschen dürfen, so daß er eine schöne dunkle Hautfarbe hatte; Wolfsklaue hatte ihm eine Perücke mit langen schwarzen Locken verschafft, ihn auch sonst ganz richtig ausstaffiert, ihm sogar den leutselig verschmitzten Blick solcher Händler einstudiert.

Nun übergab ihm Wolfsklaue zwei Kästen. In dem oberen waren allerhand billige, aber bunte und schön anzuschauende Gebrauchsgegenstände für das Dienstvolk; in dem unteren lagen prachtvolle Goldgeschmeide und herrliche Edelsteine in allen Farben und Größen für Ritter und Edelfrauen.

Der Schneider nahm Abschied und machte sich auf den Weg. Als er allein im Walde war, öffnete er den unteren Kasten, betrachtete die Kostbarkeiten und dachte bei sich:

»Was nutzt es mir, wenn ich diese schönen Dinge auf der Burg verkaufe? Der Prinz von Czernagora wird kommen und mir den Erlös abnehmen. Höchstens werde ich einen kleinen Profit behalten. Besser ist es, ich wandere nach Prag, verkaufe dort meine Waren und freue mich dessen, was ich dafür erhalte.«

Also machte sich der Schneider nicht auf den Weg nach der Burg, sondern marschierte auf der Landstraße gen Prag. Als er aber einen halben Tag gewandert war, kam ihm plötzlich Wolfsklaue entgegen. Der Schneider erschrak des Todes. Wolfsklaue aber lächelte und sagte:

»Schneider, du verläufst dich! Hier geht es nach Prag. Die Burg liegt dir genau im Rücken. Sei also so freundlich und kehre um. Ich werde dich begleiten, bis du durch die Burgpforte hineingegangen bist, damit du dich nicht noch einmal verirrst.«

Der Schneider knirschte innerlich vor Wut über diese Begegnung; äußerlich aber mußte er tun, als freue er sich sehr, daß er vom unrechten Weg abgebracht worden war, und mußte sich Wolfsklauens Begleitung gefallen lassen, der mit ihm ging, bis die Burg in Sicht war, und sich dann unter einem Baum auf die Lauer setzte.

So wanderte der Schneider den Talweg entlang der Burg zu. Auf einer Wiese sah er ein Mädchen stehen. Es war eine Gänsehirtin. An die ging er heran, lüftete seine Kappe und sagte:

»Scheens Freilein, woll'n Se vielleicht kaufen ä Paar hochfaine Strumpfbänder?«

Das Mädchen lachte mit seinem kirschroten Mund, daß man alle ihre schönen weißen Zähne sah, und sagte:

»Ich habe noch nie Strümpfe gehabt; ich gehe immer barfuß. Und ich habe noch nie einen Pfennig Geld in der Hand gehabt.«

»Dumme Gans!« brummte der Schneider und klappte den Kasten zu.

Da kam des Wegs eine Edeldame geritten. Sie war prächtig aufgeputzt, trug einen Falken auf dem Finger, und hinter ihr ritt ein Forstmann. Als sie den Schneider sah, hielt sie ihr Roß an und rief:

»Heda, Hebräer, was hast du Schönes in deinem Kasten?«

Der Schneider stürzte herbei, machte eine Verneigung, sah der Dame ins Gesicht und stotterte:

»Ich könnte Euch geben, gnädigste Frau Ferstin, ä sehr ä gutes Mittel gegen rote Nase.«

»Pfui!« schrie die Dame und sprengte davon. Der Forstmann aber hieb dem Schneider mit der Reitpeitsche den Buckel ganz jämmerlich voll und sagte:

»Ich werde dich lehren, du schmutziger Kerl, unsere Frau Burggräfin zu beleidigen. Ich schlag dich auf der Stelle tot!«

Der Unmensch hätte es vielleicht auch getan, wenn nicht die Burggräfin zurückgekommen wäre.

»Laß ihn am Leben,« rief sie, »laß ihn vorläufig am Leben! Er soll mir erst sagen, ob er meine Nase wirklich für rot hält.«

»Gnädigste Burggräfin,« wimmerte der Schneider, »Eure allerdurchlauchtigste Nase ist so weiß und stattlich wie die Schneekoppe im Winter.«

Das besänftigte die Dame.

»Ich will ihm Gnade widerfahren lassen,« sagte sie milde, »weil er seinen Irrtum eingesehen und ihn so poetisch widerrufen hat. Zeige er, was er im Kasten hat.«

Da öffnete der Schneider den unteren Kasten, und wie die Sonne hineinschien, blitzte und gleißte es von Diamanten, Rubinen, Saphiren und Opalen. Die Burggräfin sprang entzückt vom Pferde.

»Das ist das Schönste, was ich gesehen habe, das Allerherrlichste, das Allerwundervollste! Was soll dieser Stein kosten?«

Sie griff mit zitternder Hand nach einem Diamanten, der so groß war wie ein Gänseei.

»Gnädigste Burggräfin,« sagte der Jude; »den Stein habe ich abgekauft dem Kaiser von Persien selbst um die zehntausend Golddukaten. Er hatte gehabt gerade Ausverkauf, sonst hätt' ich ja beileibe den Stein nich gekriegt so spottbillig. Er is unter Brüdern wert ä Königreich. Aber da mer is mei Läben noch mehr wert als ä Königreich, und da mer hat geschenkt die Frau Burggräfin mei Läben, so schenk ich der Frau Burggräfin den Stein.«

Das Gesicht der Burggräfin wurde glühend rot wie die Sonnenscheibe. Aber dann machte sie eine hoheitsvolle Miene und sagte:

»Braver Mann, Ihr meint's gut. Aber als Burggräfin kann ich kein Geschenk von Euch annehmen; ich kann Euch den Stein nur abkaufen. Nehmt also diese fünf Gulden als Kaufpreis.«

»Auch recht,« sagte der Jude und steckte die fünf Gulden ein.

»Und nun,« sagte die Gräfin, »kommt mit auf die Burg. Wir wollen sehen, was Ihr sonst noch Schönes im Kasten habt.«

Sie übergab dem Forstmann ihren Falken, sagte, die Jagd sei für heute aus, und ritt langsam den Burgweg hinan, während der Schneider zehn Schritte weit hinter ihr herging. Als sie aber in einen dunklen Torweg kamen, winkte die Gräfin den Händler heran und raunte ihm mit hastiger Stimme zu:

»Habt Ihr wirklich ein gutes Mittel gegen -- gegen --«

Hier blieb sie stecken.

»Gegen was?« fragte der Schneider und tat unbefangen.

»Gegen -- gegen Nasenröte!« brachte sie mühsam heraus.

»Hier, Frau Burggräfin,« sagte der Jude wohlwollend und drückte ihr ein Büchslein Salbe in die Hand. »Ich verrat nix!« -- -- --

Auf der Burg wurde der Schneider von den Damen mit aufgeregtem Gezwitscher, von den Herren mit freundlichem Gebrumm und Gegrunz aufgenommen. Alle wollten die prachtvollen Steine sehen, jedes wollte wenigstens eines der köstlichen Stücke, die der Jude um ein Spottgeld abgab, für sich kaufen. Selbst der Burgherr kam und erstand einen funkelnden Rubin, der so groß wie ein Apfel war und einen prachtvollen Schmuck für einen Degengriff abgeben mußte.

In dieser Burg lebte aber wie in allen Burgen ein Alchimist. Dieser berühmte und gelehrte Mann hatte versprochen, aus Kupfer Gold zu machen und ein Lebenselixier zu brauen, das ewige Jugend verlieh. Er hatte zwar sein Versprechen noch niemals eingelöst, aber man konnte nicht wissen, ob er es nicht am ersten besten Tage tun werde. Er stand darum in hohem Ansehen.

Der Alchimist zog sich nun in seine Hexenküche zurück, kam nach einiger Zeit wieder und verkündete:

»Alles Geschmeide, das der Jude verkauft hat, und alle seine Steine sind unecht und ohne Wert.«

Da schrien die Männer, da schrien die Frauen vor Wut.

Der Schneider aber stand lächelnd da und sagte:

»Dieser Gelehrte ist ein Dummkopf. Meine Steine und mein Gold sind echt. Und wenn ihr mir nicht glaubt, so wartet, bis mein Herr, der Prinz von Czernagora, kommt, der wird es euch bezeugen.«

Kaum hatte der Jude den Namen des Prinzen von Czernagora ausgesprochen, so wurde er auch schon gepackt und flog ins Verließ. Die Goldgeschmeide und die Steine aber wurden in den Brunnen geworfen, wo sie liegen bis auf den heutigen Tag.

Nur der Burggraf behielt seinen Rubin, und die Burggräfin behielt das Büchslein mit der Nasensalbe.

* * * * *

So saßen die drei armen Hascher gefangen beieinander und waren in großer Betrübnis.

»Wenn ich mir's recht überlege,« sagte der Schneider, »so haben wir eigentlich in unserem Räuberberufe Pech gehabt.«

»Ein Hundeleben ist es,« knirschte der Hutmacher, »und wenn dieser Wolfsklaue nicht ein großer Schelm und Betrüger ist, so will ich mich hängen lassen.«

»Gehängt werden wir so wie so!« meinte der Schuster schwermütig.

Da kratzten sich alle drei am Halse, als ob sie etwas jucke.

Gegen Mitternacht begann ein Glöcklein zu läuten. Bang und schaurig gingen seine Klänge durch die stillen Hallen und Gänge der Burg und drangen bis ins Verließ. Da wußten die drei armen Hascher, daß ihr letztes Stündlein gekommen sei.

»Brüder,« sagte der Hutmacher, »wir müssen Abschied nehmen vom Leben. Wir wollen uns also in Liebe miteinander versöhnen und uns alles verzeihen, was wir einander angetan haben, damit auch Gott uns verzeihe.«

Sie fielen einander um den Hals, und ihre Tränen rannen heiß und schwer.

Da kamen auch schon die Schergen und schleppten sie hinauf in den Burghof. Dort stand unter einer großen Linde der Richtertisch. Ein Totenkopf lag darauf und ein Schwert. Der Burgherr saß auf dem hohen Richterstuhl, und um ihn herum im Halbkreis saßen sieben schwarz vermummte Männer. Der Nachtwind rauschte in dem Gezweig des großen Baumes, und die rotbrennenden Fackeln flackerten und warfen blutige Lichter über den Hof und das graue Gemäuer.

Der Burgherr erhob sich und sagte:

»Diese drei Schelme haben als Verräter und Betrüger in meine Burg eindringen wollen; sie sind gekommen als die Abgesandten meines Todfeindes, des Prinzen von Czernagora. Was dünkt euch, ihr ehrenwerten Richter, daß mit ihnen geschehen soll?«

»Sie sollen des Todes sterben!« sagten die Richter.

Da schlug der Burgherr mit dem Richtschwert dreimal auf den Tisch und bestätigte das Urteil:

»Sie sollen des Todes sterben!«

Darauf wurden die drei armen Hascher aus der Burg hinausgeführt in die dunkle Nacht. Das Glöcklein läutete, und eine Trommel schlug die dumpfe, einförmige Todesmusik. Bis zum Galgenberge ging es, da ragten drei Richtgerüste gegen den Nachthimmel auf. Die drei Räuber wurden gehängt, und der ganze Troß von der Burg kehrte augenblicklich um.

Nun zappelten die drei armen Hascher. Der kalte Angstschweiß rann von ihren Stirnen, und ihre Züge verzerrten sich. Noch läutete das Glöcklein. Ein Schwarm schwarzer Raben flatterte zu Häupten der Gehängten, und drei Eulen saßen am Boden, die glühten sie an mit unheimlich funkelnden Augen.

Plötzlich brach ein Roß aus dem Gebüsch. Wolfsklaue saß darauf. Er stieß ein höhnisches, teuflisches Gelächter aus, blökte den dreien die Zunge heraus und jagte davon.

Dann kam ein Zug von Männern. Der Müller mit seinen Knechten war es, den die Räuber einmal hatten überfallen wollen. Die Männer lachten verächtlich und zogen vorbei.

Der Polenkönig kam geritten mit siebzehn Kammerdienern und achtundfünfzig Soldaten, und er trug die Krone und den Mantel und hatte die himbeersamtne und bernsteingelbe Hose an.

Zuletzt kam ein alter Mann. Er hinkte, hatte ein närrisch kleines Hütlein auf dem weißhaarigen Kopf und zwei Buckel auf seinem Rücken. Er blickte die drei Gehängten an und sagte:

»Ehe ihr sterbt, will ich euch noch einmal danken dafür, daß ihr mich so schön ausstaffieret habt. Sehet die Stiefel, den Rock und den Hut, die ihr mir für gutes Geld gemacht habt!«

Da hoben die drei armen Hascher in ihrer schweren Todesnot mit der letzten Kraft bittend die Hände zu ihm hin. Er aber sagte:

»Würdet ihr brave und geschickte Handwerker werden, wenn ich euch von da oben herunterhelfen würde?«

Sie nickten, und es war schrecklich anzusehen, wie eifrig sie nickten.

Da besann sich der alte Mann noch ein wenig, dann zog er sich ächzend die Stiefel aus, legte umständlich den Rock ab und nahm langsam den Hut vom Kopf. Die drei Gehängten sahen ihm mit stieren, angsterfüllten Augen zu.

Endlich kletterte der Alte an dem Galgen hoch, löste die drei Ärmsten und ließ sie schwer ins Gras hinunterfallen. Dort lagen sie lange, halb bewußtlos und schwer röchelnd. Der Alte flößte ihnen ein wenig Wein ein, und als sie sich erholt hatten, gebot er ihnen, mitzukommen. Mit schwankenden Schritten und leise weinend gingen sie hinter ihm her. Sie wanderten lange und kamen ums Morgengrauen an einen Scheideweg. Drei Straßen führten dort hinaus ins Land. Da machte der Alte halt und sprach in großem Ernst:

»Ein neuer Lebensweg liegt nun vor einem jeden von euch. Wenn ihr auf diesen drei Straßen wandert, so wird jeder zu einem tüchtigen Handwerksmeister kommen. Bei diesem mag er in die Lehre treten. Er mag sich ja nimmer einbilden, je ein Meister gewesen zu sein, sondern demütig und treu ein Lehrling sein, der auch dann nicht murrt, wenn es einmal mehr Püffe und harte Worte gibt als gute Kost und faule Zeit. Drei Jahre beträgt die Lehrzeit. Haltet ihr sie aus, so ist euch geholfen; lauft ihr fort oder seid faul und frech, so werdet ihr, ehe die Sonne dreimal untergegangen ist, wieder am Galgen hängen. Geht in Frieden!«

Da wanderten die drei ein jeder seinen Weg, und der Alte stand da und sah ihnen nach, bis die Sonne aufging und sein ehrwürdiges Haupt verklärte.

* * * * *

Drei Jahre waren vergangen. Vor der Stadt Hirschberg lag ein kleiner Platz, darauf mündeten drei Wege. Von Osten her kam ein Mann, der trug sieben Paar Stiefel und Schuhe über der Achsel; von Süden her kam einer, der hatte auf einem Karren eine ganze Menge Kleider geladen; von Westen kam singend einer dahergeeilt, der führte in Beuteln und Schachteln sieben Hüte mit sich.

Und als sie alle drei auf den kleinen Platz kamen, blieben sie erst erschrocken stehen, fielen sich dann um den Hals und fingen an zu lachen und zu weinen vor lauter Freude.

»Hutmacher!« »Schneider!« »Schuster!« »Freund!« »Bruder!« »Kamerad!« so ging es in hellem Jubel durcheinander. --

»Nun, wie ist es euch inzwischen ergangen?« fragte endlich einer.

Da machten sie alle betroffene Gesichter und kratzten sich hinter den Ohren. Sie erzählten sich weiter nichts; es dachte sich jeder schon von selbst, wie es dem anderen ergangen war.

Aber gelernt hatten sie etwas, und die letzten Waren, die sie gefertigt hatten, durften sie nun als ihr Eigentum auf dem Markt von Hirschberg verkaufen, um einen Grund zu legen für ein neues Geschäft.

So zogen die drei fröhlich in Hirschberg ein und schlugen ihre Verkaufsplätze dicht nebeneinander auf. Sie waren voll der besten Hoffnung. Plötzlich aber erbleichten sie. Der Müller, den sie einmal hatten ausrauben wollen, kam auf sie zu und neben ihm ging der Ratspolizist.

»Es ist aus,« sagte der Schuster.

»Ja!« hauchte der Schneider.

Helden waren sie immer noch nicht geworden. Der Müller aber kam ganz freundlich näher, kaufte einen Anzug, ein paar Stiefel und einen Hut, bezahlte alles reichlich und pries laut die Ware. Der Ratspolizist nickte und sagte: ja, die drei seien berühmte Kaufleute aus Breslau, die kenne er schon lange. Der gutmütige Mann war leider inzwischen noch kurzsichtiger geworden.

Wie nun den dreien das Geld in der Tasche klang und der Müller ruhig von dannen ging, wurden sie wieder vergnügt, und es stand ihnen bald ein neues Glück bevor. Der Bürgermeister ging über den Markt, schimpfte, daß die Handwerker nichts Rechtes mehr leisteten und man kaum einen vernünftigen Stiefel oder Rock bekommen könne, und stieß plötzlich auf die drei, die ihm bescheiden ihre Waren anboten.

O, was machte da die Stadtobrigkeit für erstaunte und glückliche Augen!

Ja, rief der Bürgermeister, das sei noch echte Handwerkskunst. So etwas gäbe es weder zu Augsburg, zu Venedig, zu Nürnberg oder zu Lübeck, so etwas gäbe es nur in Hirschberg!

Und er kaufte Anzug, Stiefel und Hut und bezahlte die Hälfte des Preises, während er die andere schuldig blieb.

Nun zog ein Rittersmann auf edlem Roß langsam über den Markt. Die drei Handwerker erkannten mit Schrecken, daß es jener starke Reiter war, den sie einmal überfallen, der ihnen aber den Speck abgenommen und ihnen die Haut gegerbt hatte. Der Ritter kam heran und summte leise vor sich hin:

»Es ist so schön der Morgen Im frohen Sonnenlicht, Kein Kummer und keine Sorgen Drücken mein Herze nicht!«

Da glaubten sich die drei schon sicher erkannt; aber der Ritter machte seinen Einkauf, bezahlte gut und ritt davon, indem er laut sagte:

»Solch treffliches Handwerk soll man sich in der Welt suchen.«

Nun aber begann ein Sturm auf die Verkaufsstände der drei. Jeder wollte bei ihnen einen Anzug, ein paar Stiefel, einen Hut kaufen.

Da entstand ein Tumult auf der anderen Seite des Marktes. Der König von Polen zog in die Stadt ein. Er hatte siebzehn Kammerdiener und achtundfünfzig Soldaten bei sich. Aber er sah etwas schäbig aus. Die Krone und die Edelsteine hatte er aus Geldnot versetzen müssen, und die himbeersamtne und bernsteingelbe Hose war im Laufe der Jahre ein wenig fadenscheinig geworden. Trotzdem wurde er mit großer Ehrerbietung bewillkommnet. Er hörte aber kaum auf die Begrüßungsworte des Bürgermeisters und beachtete nicht die Bücklinge des Ratsdieners, welcher ihn für den Grafen Schaffgotsch hielt, sondern steuerte auf den Verkaufsstand der drei Freunde zu und wählte einen Federhut, einen Seidenmantel und ein Paar hirschlederne Stiefel. Er bezahlte zwar nicht, aber er stellte einen langen Schuldschein aus.

Nun schien das Glück der drei Handwerker gemacht zu sein. Aber noch einmal faßte sie ein tödlicher Schrecken. Der Burgherr, der sie einmal hatte hängen lassen, kam mit einem Troß reisiger Knechte daher. Da duckten sich die drei armen Hascher tief über ihre Tische, und jeder von ihnen preßte beide Hände vor die Kehle.

Der Burgherr aber erkannte sie nicht. Er pries ihre Ware, kaufte den ganzen Rest und sagte zuletzt:

»Bares Geld habe ich nicht bei mir; aber ich gebe euch diesen Rubin, der so groß ist wie ein Apfel. Verkaufet den kostbaren Stein und teilt euch in den Erlös.«

Dann ritt er von dannen. Die drei Handwerker seufzten tief und erleichtert auf. Der Schneider aber sagte leise:

»Brüder, den Stein kenne ich. Er ist leider falsch. Aber es genügt uns, wenn uns das Leben und die Freiheit bleibt.«

Wie erstaunten sie aber, als bald darauf ein Frankfurter Jude zu ihnen kam, ihnen den Rubin für einen hohen Preis abkaufte und auf des Schneiders ehrliche Einwendung sagte: nur ein Dummkopf könne den Rubin für unecht halten; es sei der schönste Stein, den es je gegeben.

Glückselig saßen endlich die drei in der Herberge und teilten friedlich miteinander den Gewinn des Tages. Es war so viel, daß jeder von ihnen ein Handwerksgeschäft gründen konnte, das alle Sorge zeitlebens von ihnen nahm.

Wie sie noch so dasaßen, kam zur Tür der alte Mann herein, der ihnen einst vom Galgen geholfen und sie auf den neuen Weg geleitet hatte. Er trug noch das winzige Hütlein, die schlechten engen Stiefel und den buckligen Rock; aber er war freundlich und sagte:

»Ich freue mich über euch. Nun folgt mir und kommt mit.«

Da gingen sie verwundert hinter ihm her. Er führte sie zur Stadt hinaus gegen die Berge hin und ging plötzlich so schnell, daß sie ihm nicht zu folgen vermochten. Aber sie sahen, daß er sich auf einen Straßenstein setzte.

Als sie aber nun näher kamen, saß nicht der alte Mann auf dem Straßenstein, sondern der Burgherr. Der lächelte ihnen zu, schwang sich auf ein Roß, das am Wegrande weidete, und sprengte eine Strecke weit davon. Dann machte er halt, drehte sich um und winkte ihnen mit der Hand.

Wie nun die drei herbeieilten, saß nicht mehr der Burgherr auf dem Roß; sondern der Ritter, an dem sie zuerst ihre Räuberkunst probiert hatten. Auch der Ritter sprengte schnell davon und verschwand hinter der nahen Wegbiegung.

Dort aber fanden ihn die drei nicht wieder, sondern der Müller trat ihnen entgegen, reichte ihnen die Hand und lachte.

Auch der Müller blieb nicht lange stehen, sondern verschwand in einem Wäldchen, aus dem gleich darauf auf einem prächtigen Araberrosse Wolfsklaue hervorritt.

»Kennt ihr mich nun?« fragte er, und seine Augen flammten schön und herrlich auf. Dann ritt er mit Windeseile gegen die Berge hin, verschwand im Wald und wurde wieder sichtbar, als er langsam und in feierlicher Größe den Kamm des Riesengebirges entlang ritt, der im roten Schimmer der untergehenden Sonne lag.

Da erkannten ihn die drei; da wußten sie, wer die Gestalten waren, die ihren seltsamen Lebenspfad gekreuzt, da wußten sie, daß es der Berggeist Rübezahl war, der gesunde Naturgeist, der alles Schlechte vernichtet und allem Guten aufhilft.

Und so war es und so ist es noch heute und wird es immer sein. Und darum muß auch zu allen Zeiten vom Rübezahl erzählt werden.

Paul-Keller-Bücher

»Es gibt in Deutschland und Österreich kaum einen zweiten Schriftsteller, der künstlerische Vornehmheit und die besondere Art volkstümlicher Herzlichkeit in Ernst und Humor so bedeutsam zu verbinden weiß, wie der Schlesier Paul Keller ...« (Kölnische Zeitung.)

Ferien vom Ich

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Die Insel der Einsamen

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Die fünf Waldstädte

Ein Buch für Menschen, die jung sind.

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22.--25. Auflage. Preis gebunden M. 3.50

Das Königliche Seminartheater und andere Erzählungen

Mit Bildern. 21.--26. Auflage. Preis gebunden M. 3.50

»Paul Keller ... einer der feinsinnigsten Poeten, die unser Vaterland sein eigen nennt ...«

(Literarisches Echo, Berlin.)

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.