Die Friedensburg bei Leutenberg
Part 4
In dem letzten dieser Zimmer hat eine Falltür zu gruseligen Wahngebilden verführt. Mißliebige Gäste sollen hier meuchlings versenkt und in das mit Stacheln versehene Burgverlies gestürzt worden sein. Wer sehen kann und will, sieht: von hier führte eine schmale Treppe hinunter zum Trompeterchor am Festsaal und von da zu einem Raum ebener Erde und endlich zu der tiefer liegenden Kirche. Da diese in älteren Zeiten Brauhaus gewesen war, wird die schmale Treppe auch als Verbindung zum Kornboden gedient haben. Sie blieb dann beibehalten für den Verkehr der Dienerschaft und konnte jederzeit betreten werden, ohne daß Herrschaftszimmer zu durchschreiten waren.
Die Dachgeschosse des alten wie des neuen Baues waren durch Schadenfeuer oft heimgesucht worden, die ausgebauten Giebelstuben dienten als Heim für Dienerinnen.
Im großen Schloßhof führt eine Spitzbogentür jetzt zu den großen Kellern, eine zweite, rundbogige zur Küche, die mit Butter- und Mehlgewölben in Verbindung stand. Dann folgte ein großer Raum, früher als Kelter-, später als Backraum benutzt, und in der Ecke nach dem Ilmtal zu befand sich die Junker- oder hintere Kirchstube, die an die Empore der Kirche anstieß.
Schon unter der Gräfin Elisabeth wird erwähnt, daß das frühere Brauhaus Kirche geworden war, aber in Unordnung lag. Der Ausbau dieses Raumes sollte Amilie Antonies Dank für den wiedererlangten Frieden werden. Trotz der Furcht vor der Türkengefahr, die auf das tägliche Leben drückte, betreibt die Gräfin zwei Jahre hindurch lebhaft die Arbeiten, bis am 1. Advent 1664 der Hofprediger Roth die feierliche Einweihung vornehmen kann. Verwüstet und verwahrlost liegt auch heute wieder dieser Raum da. Aber er vermittelt die Stimmung des siebzehnten Jahrhunderts, ähnlich wie ein zermürbtes Pergament uns Geist und Form aus längstvergangenen Zeiten fühlbar nahebringt. Vorbildliches Handwerk in Stein- und ganz besonders in Eisenarbeit zeigt die Eingangstür vom Süden her. Wenn die Sonnenstrahlen durch die Baumwipfel huschen und mit Licht und Schatten um die altersgraue Tür und das junge Grün spielen, ist Weihestimmung gegeben. Der Altertumsfreund sucht im Boden der Terrasse und am Gemäuer die Spuren der Vorbauten und Aufgänge, die einst hier standen.
Der Fußboden des Kirchschiffes war mit glasierten Ziegeln ausgelegt. Die Tischlerarbeit am Gestühl und an den Brüstungen der Emporen bewegt sich in breiten Barockformen, die Bildschnitzerei ist gutgemeinte Leistung. Wenn sie nicht vom Standort des hohen Kunstgewerbes bewertet wird, legt sie Zeugnis ab von Geschmack und Geschick ehrlicher heimatlicher Meister. Dann ist auch die Kanzel in ihrer Formensprache, vom Moses, der sie trägt, bis zum triumphierenden Christus, der sie krönt, ein Geistesdenkmal, genau wie ein Kirchenlied jener Zeit, das uns in manchen Zügen befremden mag, aber doch immer wieder anzieht.
Dann rauschen die Hofdamen herein und betreten ihren Stand neben dem Engel, dann sitzen die Dienerinnen jede abgemessen auf dem ihr zukommenden Platz, dann wacht der gestrenge Oberhofmeister von der Empore aus über die Seinen, und hoch oben schauen die Köpfe der Küchenjungen über die Brüstung. Eben haben die Gräfinnen in ihrer Empore die hohen Lederstühle erreicht und schauen hinüber zur Kanzel und zur Sakristei. Da nickt die Perücke des Herrn Organisten zwischen den Prospektpfeifen »des Positivs mit dem Brustwerklein«, dann klingt es: »Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte!«
An der Wand, die zur gräflichen Empore aufsteigt, ist eine Ahnenprobe angebracht, nicht ein Stammbaum, wie die meisten Besucher es sich erklären. Der Stammbaum würde von einem Ahnenpaare ausgehen und dessen Nachkommen anführen. Die Ahnenprobe hier ging von Amilie Antonie aus und stieg bis zu sechzehn standesgemäßen Voreltern auf. Studiosus Büchner aus Leutenberg hat Wappen und Inschriften 1748 noch vollständig gesehen und nachgezeichnet.
Sechs größere Bilder zierten die Kirche: 1. die vier Evangelisten, 2. die Taufe Christi, 3. der gute Hirt, 4. der Einzug in Jerusalem, 5. das kananäische Weib, 6. das samaritanische Weib. Sie sind verschwunden.
Ein Sandstein mit schönen Schriftzügen ist hinter dem Altar in die Wand eingelassen: ~In solius Dei vere sancti honorem sacram hanc aedem extruxit illustris comes et domina domina Aemilia comes in Schwartzburg et Honstein nata comes in Oldenburg et Delmenhorst etc. Vidua. Jovae humiliter confidens.~ (Zur Ehre Gottes, des allein wahrhaft heiligen, errichtete dieses geweihte Haus die erlauchte Gräfin und Herrin Frau Amilie, Gräfin in Schwarzburg und Honstein, geborene Gräfin in Oldenburg und Delmenhorst usw. Witwe. Dem Ewigen in Demut vertrauend.)
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Sie war die Letzte ihres Stammes.
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Die Künstler und Handwerker in der Leutenberger Kapelle sind zum Teil dieselben, die die Stadtkirche in Rudolstadt hatten ausschmücken helfen. Als Maler haben mitgearbeitet Jakob Martini, Johann Heinrich Siegfried und Adam Förtsch. Die Orgel lieferte Wolfgang Bartholomäus Albrecht: wie schade, daß sein Werk verschwunden ist! Schloß Gehren besitzt noch ein liebliches kleines Instrument aus derselben Zeit. Als Glockengießer wird Hiob Breitinger genannt. Daneben quittiert Hans Rosa über einen Betrag. Er gehört der Volkstedter Glockengießerfamilie an, die nach Apolda übersiedelte. Eisenarbeiten leisteten Hans Bühl und der Hofschmied Ahmann, Holzarbeiten Asmus Valtin Fleck, Glaserei Christoph Möller. Außer ihnen bestätigen noch den Empfang von Zahlung Jakob und Gabriel Fleck, Andreas Schrött, Nikol Schmiedigen, Philipp Hofmann und Barthol Methfessel ohne nähere Angaben ihrer Lieferungen.
In harter Arbeit war dieses kleine Friedensdenkmal entstanden. Ganze Dörfer und Güter lagen verlassen, Häuser standen verwahrlost, Mittel und Mut fehlten, lichtscheues Raubgesindel schlich durch die Flur. Pest, Pocken und Masern wüteten, Aberglaube blühte, neue Kriegsqual drohte von Osten her. Die Landesmutter in Leutenberg, durch die Schule der Leiden gegangen, mit klarem Blick, mit warmem Herzen, mit festem Vertrauen, wies ihrem Hause und Lande den Weg zum Aufstieg.
Das schwerste Schicksal ihrer Familie sollte sie nicht mehr erleben. Im Jahre 1672 erlagen drei ihrer Töchter innerhalb kurzer Zeit der Masernseuche.
Amilie Antonie war nicht weltfremd. Treuherzig klingt ihre Sprache, wenn sie die kleinen Angelegenheiten des Tages verhandelt: »Haben zwei dage auch wider gewider gehabet, so genedich voruber gangen, aber zu Gleimen, wo es schloßen alß die hiener eiher geworffen, hat es denen ihr getrehde zuschlagen, gott helfe, das es sich den armen leiden wider vorhole.« Sie schickt ihren Töchtern »ein ieder ein paar hendischgen, weil der herbest nicht weit ist. Es sein auch 3 hornnebfchgen hierbei zu entfangen. Gott laß euch wol bekommen«. Sie ist sich den hochgelehrten Töchtern gegenüber bewußt, daß ihre eigene Schreibart unvollkommen bleibt, und setzt unter einen Brief die Bitte: »Nach dem leßen ins feuhr!«
Nach zärtlichem Abschied von den Ihrigen gab sie am 4. Dezember 1670 den Geist auf. Mit fürstlichen Ehren erfolgte die Überführung der Leiche nach Rudolstadt. Am 14. Februar 1671 verfaßte Johann Georg Roth ihr das »Ehrengedächtnis«, und am 1. März wurde sie in der Gruft unter der Stadtkirche beigesetzt.
Sichtbare Erinnerungen an Amilie Antonie sind vorhanden in Gemälden. Ein Brustbild der Gräfin ist von Rudolstadt als Leihgabe auf die Friedensburg zurückgekommen. Es könnte der Erscheinung nach dasselbe sein, das Jeremias Heider im November 1644 gemalt hat, und ist in Auffassung und Darstellung einem zweiten verwandt, das auf der Heidecksburg bewahrt wird. Aus ihrem Delmenhorster Erbe stammen die sechs Bilder von der Hunosage, ebenfalls in Rudolstadt. Andere Zusammenhänge werden sich noch erschließen lassen. In der Münzkunde sind die Sterbetaler bekannt, die Graf Albert Anton zur Erinnerung an die Mutter prägen ließ.
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Nach dem Tode der Gräfinmutter bewahrten ihre Kinder dem Schlosse Leutenberg ein dankbares Andenken. Sophie Juliane, Gelehrte, Dichterin, Apothekerin und tüchtige Wirtschafterin, starb am 14. Februar 1672 in Rudolstadt. Briefe, die sie empfangen hat, sind erhalten geblieben. Ludämilie Elisabeth, in der Geschichte des Kirchenliedes hochgeschätzt, Braut des Fürsten Christian Wilhelm von Sondershausen, verschied am 12. März. Christiane Magdalene war ihr an demselben Tage vorangegangen. Die jüngste, Maria Susanna, lebte bis 1688. Sie scheint musikalisch tätig gewesen zu sein, bei ihrer Bestattung führte der Hofkapellmeister Erlebach eine von ihr komponierte Abschiedsarie auf.
Die Pflegetochter Amilie Juliane, seit 1665 dem Grafen Albert Anton vermählt, nimmt eine ehrenvolle Stellung in der Geschichte des Kirchenliedes ein. Kaum wird sich ein evangelisches Gesangbuch finden, in dem nicht ihr Sterbelied: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!« enthalten ist. Mit der Friedensburg und ihren Bewohnerinnen steht sie in stetem Gedankenaustausch. Sie begleitet alle Ereignisse dort mit regem Anteil, gibt Aufträge an Künstler weiter, holt Ratschläge für die Apotheke ein und weiß in der Bevölkerung Bescheid. Der alte getreue Magister in Königsee steht hoch in Ehren, über die Fortschritte ihres Söhnchens müssen die Basen immer auf dem laufenden bleiben.
Malerei, Dichtkunst und Glaubensleben sind seltsam vereinigt auf den Bildern, zu denen sie ihre Maler begeistert.
Graf Albert Anton baut die letzten Räume vom Obergeschoß im Leutenberger Schloß noch aus, vermutlich entsprechend den Absichten der verstorbenen Mutter. Dann läßt er die Zimmer, die sie hauptsächlich benutzt hat, als Erinnerungsräume mit Wandgemälden ausstatten. Es sind biblische Vorgänge, für unser Gefühl manche eigenartig befremdend, andere wieder anziehend dargestellt. Auf alle Fälle sollten sie als ehrenwerte Zeugnisse des Barockgeschmacks geschont werden.
Von den Hofmalern dieser Zeit ist nur einer in der Überlieferung bekannt geblieben, nämlich Seyfarth Lammers, 1647–1711. Von ihm stammen unzweifelhaft die jüngeren Bilder, besonders die Szenen aus den Türkenkriegen mit der Jahresangabe 1698. Sie sind lebhaft in der Bewegung, reich in der Erfindung und wirkungsvoll in der Perspektive. Gute Bildnisse weisen die Szenen aus Davids Leben auf, David mit Jonathan und David mit dem Haupte des Goliath, sowie eine Freundschaftsgruppe bestehend aus zwei jugendlichen Gestalten. Sie alle spielen auf Ereignisse aus dem Leben Albert Antons an.
Von den Ölgemälden, die im Rudolstädter Schloß auf Lammers zurückzuführen sind, stellt eines die Kinder der Leutenberger Gräfin im Jünglings- und Jungfrauenalter dar. Ein anderes ist eine große Kreuzigungsgruppe, ein ideales Erinnerungsbild an das Leutenberger Jahr 1668. Am Fuße des Kreuzes sind alle die Personen vereinigt, die dem Grafen Albert Anton im Leben besonders nahestanden. Außer seinem Vater und seinem Lehrer Ahasverus Fritsch: seine Gattin mit zwei Kindern, seine Mutter und seine vier Schwestern.
Über das Schloß Leutenberg schweigen die Jahrzehnte. Nur vereinzelte Nachrichten sind erhalten über die Unternehmungen, die früher vom Schlosse aus verwaltet wurden. Das Schwefel-, Alaun- und Vitriolwerk in Leutenberg, das seit 1580 bestand, wird 1683 an eine Gewerkschaft verkauft. Über das Messingwerk Grünau schließt Albert Anton 1691 einen Vertrag mit Otto Wilhelm von Günderode auf Weitisberge.
Noch einmal wurde, von 1726 bis 1732, die Friedensburg Herrensitz, als Prinz Wilhelm Ludwig von Schwarzburg den Wunsch hegte, sein Leben in der Stille zuzubringen. Er hatte unter dem Prinzen Eugen an den Türkenkriegen in Ungarn teilgenommen und war dann Oberst eines sächsischen Infanterieregiments in Freiberg gewesen. In Leipzig verheiratete er sich mit Henriette Karoline Gebauer, mit der er die Familie von Brockenburg gründete. Als er den Wohnsitz in Leutenberg aufgab, bezog er seine Güter in Gräfinau, Bücheloh und Geilsdorf.
Ein großes Reiterbild im Schlosse Rudolstadt erinnert an ihn.
Auch aus dem achtzehnten Jahrhundert kommt nur geringe Kunde über das Schloß Leutenberg und seine Umgebung auf uns. Der Glockenturm der Stadtkirche wird 1716 erneuert, 1749 wird die Kaplanei erbaut. Das Erbbegräbnis der Grafen verursacht Ausbesserungsarbeiten, die Dächer auf der alten Kapelle und auf dem Vorhaus zu den herrschaftlichen Ständen läßt Fürst Johann Friedrich 1749 wiederherstellen.
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Geistliche und weltliche Behörden erhalten von ihm den Auftrag, alles zu sammeln, was sich auf die Geschichte von Burg und Stadt bezieht. Daraufhin stellt der Amtmann Kriebel 1754 eine »Historische Nachricht von der Herrschaft Leutenberg« zusammen. »Da man von Leutenberger Nachrichten gar zu sehr bloß ist«, werden »die Kästen, in welchen archivische Nachrichten sein mögen«, aus der Kirche auf das Rathaus gebracht, es findet sich jedoch wenig Wertvolles darin. Kriebels Bericht faßt aber alles gewissenhaft zusammen.
Über den landwirtschaftlichen Betrieb der Güter kommen vereinzelte Angaben zum Vorschein, das Messingwerk Grünau verursacht 1755 Nachfrage, ob es weiterbetrieben oder als Hammerwerk eingerichtet werden soll.
Am 16. Juni 1760 holte der Kammerdiener und Hofmaler Johann Christoph Morgenstern »59 Porträts mit schwarzen Rahmen, 7 historische Stücke mit weiß und goldenen Rahmen, 6 Stücke Hunoische historische Gemälde, 6 dazu gehörige historische Tafeln, 3 einzelne historische Stücke, 1 Porträt in Lebensgröße und 4 Küchenstücke« aus Leutenberg nach Rudolstadt. Sie waren zum Teil zerbrochen und sollten wiederhergestellt werden. Sie sind, wenigstens eine Anzahl von ihnen, noch vorhanden, mehrere auch gut erhalten, andere gehen ihrer Deutung und Auffrischung entgegen. Sie besitzen als kultur- und heimatgeschichtliche Denkmäler hervorragende Bedeutung.
Über die Friedensburg erstattet der Landbaumeister Schellenschläger am 6. September 1763 ausführlichen Bericht. Sämtliche Fenster sind fast durchweg ruiniert, die Schieferbedachung ist aber noch ohne Hauptfehler, auch am Mauerwerk noch kein Schade. Es sei zu bedauern, wenn das Schloß verfallen sollte. Vom Dachboden bis unten hinaus muß der Schutt von Ofen, Kalk und Strohgeniste ausgeräumt werden. Der Schieferdecker Kaupert soll jährlich zweimal das Dach besteigen. Im Stallgebäude sind einige Kleibefelder herzustellen, Waschhaus und Reithaus sind abzutragen.
Die Schloßuhr aus dem Turm mit der Wendeltreppe wird 1783 an die Gemeinde Unterloquitz für 20 Taler verkauft.
Bei Stadtbränden 1726, 1734 und 1796 mag die Burg wiederum Zufluchtstätte für Obdachlose gewesen sein. In ganz großem Umfange wurde sie als solche in Benutzung genommen, als Leutenberg im Jahre 1800 vollständig niederbrannte.
Am 7. Mai brach ein Schadenfeuer aus und sprang von einem Schindeldach zum andern, bis in zwei Tagen fast alle Häuser in Asche gelegt waren. Nur zwei von ihnen blieben unversehrt. Entsetzlich war die Not der Bewohner, die auf den Dörfern Unterschlupf suchen mußten. Großes Verdienst erwarb sich der Amtmann North in der Fürsorge für die Obdachlosen. Damit die Behörden ihre Arbeit rasch wiederaufnehmen konnten, richtete er Diensträume im Schlosse ein. Er selbst, sein Sekretär Frosch und noch andere Beamte erhielten dort auch Notwohnung. Bis unter das Dach war das Schloß plötzlich wieder besetzt. Für das dritte Stockwerk mußte eine besondere Nottreppe angelegt werden. Zimmereinrichtungen ließ Fürst Ludwig Friedrich aus Schwarzburg und Paulinzelle kommen, bewegliche Gegenstände überwies er den Beamten als Eigentum, alles Niet- und Nagelfeste wurde in das Inventar Leutenberg überschrieben.
Am 2. Dezember trug er nach einem Besuche auf dem Schlosse in sein Tagebuch ein, es sei alles recht schön geworden. Er war Fürst im friderizianischen Geist, und in der Art, wie er das Leben anschaulich erfaßte und verarbeitete, Zeit- und Gesinnungsgenosse Goethes. Sein Skizzenbuch zeigt drei Landschaftsaufnahmen von Leutenberg und zwei kleine Zeichnungen nach Gestalten aus den Wandgemälden des Schlosses.
Ein und ein halbes Jahr dauerte der Notzustand auf der Burg. Dann war die Stadt neu erstanden mit breiter angelegter Hauptstraße.
Im neunzehnten Jahrhundert wurde es ganz still auf der Burg. In das Torwächterhäuschen zog der Schieferdecker Frech ein, er hatte die Aufgabe, die Dächer in gutem Stand zu halten. Sohn und Enkel von ihm führten familientreu diesen Dienst bis heute fort.
Blitzschläge trafen die Burg mehrmals, Schadenfeuer versetzten die Bürger noch öfter in Schrecken und Not, ein großer Brand verursachte 1865, daß der Markt und seine Umgebung neue Gestalt erhielten.
Die eingesessene Bevölkerung ging ihrem Gewerbe nach, stieg wohl gelegentlich zur Burg hinauf, erfuhr aber wenig von deren Vergangenheit. Rohe Hände richteten sinnlos Zerstörung an. Dann nahm der Rentamtmann Truppel, ein hochbegabter und selbstloser Heimatfreund, das Schloß in Schutz und Pflege. Er fertigte Zeichnungen und Pläne an, die er als Mappenwerk dem Fürsten Georg widmete.
In breiterer Öffentlichkeit wurde Stadt und Burg wieder genannt, als Fürst Friedrich Günther seinen Kindern Sizzo und Helene 1860 den Titel Prinz und Prinzessin von Leutenberg beilegte.
Fürst Günther und seine Gemahlin Anna Luise hielten und halten das Haus ihrer Ahnen hoch in Ehren.
Künstler wie Ernst Liebermann und Adolf Männchen begeisterten sich an dem eigenartigen Zauber, den die Burg ausströmt.
Seit einigen Jahrzehnten wird Leutenberg als Erholungsort immer mehr aufgesucht, und immer stärker erhebt sich die Frage nach geschichtlicher Auskunft über die Burg und ihre Bewohner. Die Friedensburg hat dabei das Schicksal anderer Burgen erfahren: was an Kenntnis der Vergangenheit fehlte, ersetzte man durch schwärmerische Gemütsdichtung. Das hängt uns heute noch an, und wir sollten diese Neigung uns durch nüchterne Prüfung ersetzen oder mindestens ergänzen. Der deutsche Burgherr im guten Mittelalter war Grundbesitzer. Deutsches Erwerbsleben beruhte auf der Landwirtschaft. Als dieser Betrieb für eine einzelne Familie zu groß wurde, entstand das Lehenswesen. Der Burgherr gewährte Schutz und empfing als Gegenleistung Naturalabgabe oder Dienst durch Arbeitskraft. Wer sich heute das Alltagsleben in einer Burg zu einem Gedankenbild aufbauen will, soll sich die Einzelzüge dazu auf einem großen Gutshof suchen.
Wer Freude empfindet am Sehen und Sinnen, dem tritt Menschenwerk und Natur in lieblichem Verein entgegen. Aus den launischen Schieferschichten sind die Platten gebrochen, die das trotzige Mauerwerk bilden, an jede Biegung des Untergrundes schmiegt es sich an. In dem Kalkverputz der Wände haben Wind und Wetter ein feines Spiel von silbernen und goldenen Tönen erzeugt. Regen hat klobiges Balkenwerk fahl verwaschen, Sonne hat zierliche Zimmermannskunst mit roter Glut überhaucht. Gelbe Algen und braune Moose wuchern auf dem blauen Schieferpanzer. Aus allen Ritzen und Fugen grünen und blühen Kräuter, Stachelbeerbüsche nicken im Lufthauch, über dunklen Holderbüschen flattert das lichte Gewand der Birke. Aus Tannendüster und Buchenlust hat der Wald einen Mantel um den jähen Berghang gewoben.
Graf Balthasar und seine Ahnen haben Ostmark geschützt. Gräfin Amilie Antonie hat treue Sitte gewahrt, als Europa in welsches Wesen versank. Deutsche Geschichte im engen Rahmen der Heimat!
Inhaltsverzeichnis
Vorwort Seite 5
Balthasar, 1453–1525 14
Johann Heinrich, 1496–1555 29
Philipp, 1540–1564 32
Das Schloß als Witwensitz 33
Elisabeth, 1568–1617 37
Amilie Antonie, 1614–1670 41
Zu den Bildern
1. Die Friedensburg von Südost. Waldgrünes Thüringland! (J. V. von Scheffel, Im Lager vor Akkon). – 2. Torwächterhäuschen. – 3. Burghof nach Westen. – 4. Burghof nach Osten. – 5. Kaufbrief 1326. – 6. Auf dem Wendel. – 7. Ausschnitt aus dem großen Wandbild. – 8. Lagerszene von S. Lanzmers (F. Freiligrath, Zelte, Posten, Werdarufer!).
Zwei Anlagen zu Seite 46 und zu Seite 8
Zu Seite 46
~In monumenta generosorum comitum Schwarzburgensium et Leutenbergensium, patris, filii et nepotum, qui in familia fuerunt ultimi.~
~Hoc generosa loco comites Schwarzburgia condit Leutenbergiacae gentis alumna domus, Quos generis propiore sui sub fine supremos Ultimus ex ista stirpe creavit avus. Cognitus in Bavaros animosis Balthasar armis, Preses in Heidecca cum ditione fuit, Cujus consiliis usus Fridericus in aula est, E septem Sao providus ille viris. Quem moriens habuit comitem quoque mortis, agresti Rustica cum mota est seditione cohors. Natus Joannes Henricus filius illi, Nec patris consilio nec pietate minor. Sancta Palestinae juvenis qui regna secutus Auratae rediit nobilitatis eques. Saxonicae factus quoque consiliarius aulae, Fautor evangelii tunc orientis erat, Fautor et Aonidum, quarum se docta facetus Saepe jocabatur philtra bibisse senex. Junctus Anhaldino mediator foedera pacis Inter Mauricium Parthenopemque tulit. Arbiter Islebiae juvit simul acta Lutheri, Mutua lis comitum cum dirimenda fuit. Octo pater postquam natorum funera vidit, Extremum Glauchae clausit et ipse diem. Mortuus Henricus cum Balthasar atque Gerhardus Et cum Siggardo fratre Philippus erat. Moesta Rutenorum domus est miserata Brigittam, Margaridam Lunae castra professus Otho. E quibus Alberti nimium miserabile fatum Addictum studiis dum fera parca rapit. Jamque adeo matris spes una sed ampla Philippus, Qui genus assereret, prole superstes erat, Qui patris insistens vestigia justus in omnes Que pius in Christi templa scholasque fuit. Quod duce Stigelio musas cum fratre secutus Ornasset veris cor juvenile bonis, Cum celebri notus fama per castra, per aulas Facta tueretur gentis avita suae, Conjugium subiit dignatus principe sponsa Brunsviacae stirpis, quae Catharina fuit. Sed sine prole illum morientem Lipsia vidit, Lustra sub aetatis quinque peracta suae. Usque adeo nihil est generi durabile nostro, Sola dei bonitas fine paterna caret.~
Zum Gedächtnis der edeln Grafen von Schwarzburg und Leutenberg, des Vaters, des Sohnes und der Enkel, die in ihrer Familie die letzten waren.