Die Frauenfrage Ihre Geschichtliche Entwicklung Und Wirtschaftl
Chapter 28
Ledig ||Verheiratet||Verwitwet ||Geschieden ||Unbekannt -----------++-----------++-----------++-----------++------------ Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab- |Proz.||Ab. | Proz. solut| ||solut| ||solut| ||solut| ||solut| -----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+------ 70921|88,7 || 6775| 8,5 ||2011 | 2,5 || 36 | -- || 244| 0,3
Der Wert der vorliegenden Tabelle wird dadurch noch mehr eingeschränkt, daß in der früheren Zählungsperiode von fast einem Drittel aller Arbeiterinnen der Familienstand unbekannt blieb. So sehr daher auch der Augenschein dafür spricht, daß die Verheirateten und die Verwitweten zugenommen haben, so ist dies Resultat doch mit Vorsicht aufzunehmen, da die hohe Zahl der Arbeiterinnen unbekannten Familienstandes im Jahr 1885 bis 1886 einen genauen Vergleich von vornherein ausschließt.
Für England sind wir auf noch unsicherere Zahlen angewiesen. Eine Zählung des Familienstandes in Verbindung mit der Berufsthätigkeit und der sozialen Schichtung wurde weder 1881 noch 1891 im Zusammenhang mit dem Zensus vorgenommen. Trotzdem ist der Versuch gemacht worden, auf Grund seiner Ergebnisse den Familienstand der Arbeiterinnen festzustellen.[479] Zwei Angaben der Erhebungen bildeten die Anhaltspunkte für die Untersuchung: Die Zahl aller ledigen und die Zahl aller berufsthätigen Frauen. In den Orten, wo die Zahl der Ledigen, wohl bemerkt, aller Ledigen, die Zahl der Berufsthätigen übertraf, gab die Differenz zwischen beiden Zahlen die Minimalzahl der verheirateten berufsthätigen Frauen an. Wenn auch dabei betont wird, daß es sich um Minimalzahlen handelt, so sind selbst diese von vornherein problematisch, weil doch ohne weiteres einzusehen ist, daß nirgends alle Ledigen berufsthätig sind. Aber selbst abgesehen davon, sind die Resultate der Untersuchung, die eine Abnahme der verheirateten Arbeiterinnen konstatieren, höchst fraglicher Natur. Nur neunzehn Städte sind von 61 mit über 50000 Einwohnern in Betracht gezogen worden, und die einzelnen Berechnungen weisen in ihrer Methode beträchtliche Fehler auf.[480] Wir können uns daher nicht auf sie stützen und müssen die Frage des Familienstandes der englischen Arbeiterinnen offen lassen.
Wie gestaltet sich nun der Familienstand je nach den Berufsabteilungen?
Folgende Tabelle beantwortet die Frage:
| | Von 1000 Arbeiterinnen waren in der | |-------------------------------------------------- Länder |Zählungs-| | | |periode |Landwirtschaft | Industrie | Handel | |-------------------------------------------------- | | |ver-|ver- | |ver-|ver- | |ver-|ver- | |ledig|wit-|hei- |ledig|wit-|hei- |ledig|wit-|hei- | | |wet |ratet| |wet |ratet| |wet |ratet -----------+---------+-----+----+-----+-----+----+-----+-----+----+----- Deutschland| 1895 | 671 | 91 | 238 | 751 | 81 | 168 | 763 | 36| 201 Oesterreich| 1890 | 419 | 63 | 518 | 663 | 96 | 241 | 511 | 201| 288 Frankreich | 1896 | 714 | 88 | 199 | 629 | 74 | 297 | 340 | 232| 428
Das Bild, das sie uns vorführt, ist kein einheitliches. Den stärksten Prozentsatz verheirateter Frauen weist Deutschland und Oesterreich in der Landwirtschaft, Frankreich dagegen in der Industrie auf. Stärker als die Ledigen sind die Verheirateten in der Landwirtschaft Oesterreichs und im Handel Frankreichs vertreten, wo in beiden Fällen auch die Verwitweten einen ungewöhnlich hohen Prozentsatz aufweisen. Die meisten Verwitweten zählt Deutschland dagegen in der Landwirtschaft. Die meisten Ledigen zeigt der Handel in Deutschland, die Industrie in Oesterreich und die Landwirtschaft in Frankreich.
Was die Zusammensetzung der Arbeiterinnen je nach ihrem Familienstand, ihrem Beruf im Verhältnis zu früheren Zählungen betrifft, so kann hierbei nur Deutschland in Betracht kommen, weil die anderen Staaten keine so eingehende Berechnungen besitzen. Die folgende Tabelle kennzeichnet die Lage in Deutschland:
| 1882 | 1895 | |--------------------------+--------------------------| | | nicht | | nicht | |verheiratet | verheiratet |verheiratet | verheiratet | --------------+------------+-------------+------------+-------------| Landwirtschaft|414189|18,39|1877671|81,61|567542|23,76|1820606|76,24| Industrie | 69215|12,69| 476014|87,31|166338|16,76| 825964|83,24| Handel | 24380|16,89| 119997|83,11|73212 |20,08| 291713|79,92|
Die Zunahme der verheirateten Arbeiterinnen in Landwirtschaft und Industrie ist eine raschere gewesen als die der ledigen. Für die Landwirtschaft kann angenommen werden, daß eine stärkere Erfassung der mithelfenden Ehefrauen zu dem Resultat beigetragen hat. Die Zunahme der Verheirateten in der Industrie dagegen läßt sich nicht nur, wie es stets und fast ausschließlich geschieht, daraus erklären, daß zur Befriedigung der Bedürfnisse der Familie der Verdienst des Mannes allein nicht mehr ausreicht, sondern auch aus der Zunahme der Arbeiterinnen überhaupt. Es ist klar, daß, je mehr die Zahl der Arbeiterinnen wächst, die Männer desto mehr darauf angewiesen sind, bereits erwerbsthätige Frauen zu heiraten. Sie thun es um so lieber, als die Erwerbsarbeit der Frau eine beachtenswerte Mitgift ist; immer weniger häufig tritt daher die Arbeiterin mit der Heirat aus ihrem außerhäuslichen Beruf in das Haus und das Familienleben zurück. Das alte Ideal des Familienlebens, dessen typisches Bild Schiller in seiner Glocke gezeichnet hat, verblaßt mehr und mehr, nur denjenigen schwebt es noch vor, die in der Erwerbsarbeit der Ehefrauen etwas unbedingt Widernatürliches sehen. Im Volksbewußtsein ist sie das nicht mehr. Und mit Recht. So wenig wie die Frauenarbeit überhaupt eine beklagenswerte Erscheinung innerhalb der sozialen Entwicklung ist, so wenig ist es die Arbeit der Ehefrauen. Verderblich wirkt auch sie nur durch die Bedingungen, unter denen sie vor sich geht.
Gerade in Bezug hierauf ist es notwendig, festzustellen, in welchen Berufsarten der Industrie die meisten verheirateten Frauen thätig sind. Nach den letzten Zählungen für Deutschland, Oesterreich und Nordamerika,--die Ergebnisse für Frankreich liegen im einzelnen noch nicht vor,--zeigt sich folgendes:
Deutschland
| von 100 | Arbeiterinnen Berufsarten | des betreffenden | Berufs sind | verheiratet ----------------------------+----------------- Fleischerei | 40,92 Ziegelei | 30,01 Bäckerei | 29,45 Weberei | 25,30 Tuchmacherei | 24,94 Zubereitung v. Spinnstoffen | 24,88 Tabakfabrikation | 24,72 Lohnarbeit wechselnd. Art | 19,55 Bleicherei, Appretur | 18,59
Oesterreich
| von 100 | Arbeiterinnen Berufsarten | des betreffenden | Berufs sind | verheiratet ---------------------------------+------------------ Verarbeitung von Eisen und Stahl | 34,50 Verfertigung von Maschinen | 33,98 Textilindustrie | 28,49 Industrie der Nahrungsmittel | 24,77
Vereinigte Staaten
| von 100 | Arbeiterinnen Berufsarten | des betreffenden | Berufs sind | verheiratet ----------------------+------------------ Wäscherei | 31,60 Häusliche Dienste | 26,78 Putzmacherei | 17,66 Tabakfabrikation | 16,53 Bäcker und Konditoren | 12,95 Baumwollenweber | 12,59 Kleiderkonfektion | 12,23 Schuhmacher | 11,36
Daraus geht hervor, daß die verheirateten Arbeiterinnen besonders in der Textilindustrie beschäftigt sind.
Nachstehende Tabelle bringt einen noch stärkeren Beweis dafür:[481]
|Land |Zählungs-|Von 100 Industriezweige | | jahr |Arbeiterinnen | | |waren | | |verheiratet | | | --------------------+-------------------------+---------+------------- |Massachusetts | 1885 | 14,9 |Lancashire and Cheshire | 1894 | 22,2 |Burnley | | 30,3 |Blackburn | | 29,4 Baumwollindustrie |Stockport | | 26,3 |Oldham | | 23,2 |Bolton | | 12,6 |Wigan | | 5,7 --------------------+-------------------------+---------+------------- |Massachusetts | 1885 | 14,6 |England | 1894 | 24,5 Streichgarnindustrie|Gloucestershire und | | | Somersetshire | 1894 | 37,4 |Sächsische Bezirke | | | Krimmitschau und Werdau| 1892 | 31,3
Am wertvollsten für die Beurteilung der Arbeit verheirateter Frauen je nach den Berufsarten sind die Ergebnisse der Untersuchungen der deutschen Gewerbeinspektoren für das Jahr 1899.[482] Danach verteilen sich die Ehefrauen einschließlich der Verwitweten und Geschiedenen in folgender Weise auf die verschiedenen Industriezweige:
|Verheiratete |Von 100 |Arbeiterinnen|verheirateten Industriezweige | |Arbeiterinnen | |in dem betr. | |Industriezweig | |beschäftigt. --------------------------------+-------------+-------------- Bergbau-, Hütten-, Salinenwesen,| | Torfgräberei | 1333 | 0,58 Industrie der Steine und Erden | 19475 | 8,49 Metallverarbeitung | 10739 | 4,68 Industrie der Maschinen, | | Instrumente und Apparate | 4493 | 1,99 Chemische Industrie | 4380 | 1,91 Industrie der forst- | | wirtschaftlichen Nebenprodukte| 1162 | 0.51 Textilindustrie | 111194 | 48,49 Papierindustrie | 11049 | 4,82 Lederindustrie | 2063 | 0,86 Industrie der Holz- | | und Schnitzstoffe | 5635 | 2,46 Industrie der Nahrungs- und | | Genußmittel | 39080 | 17,04 Bekleidungs- und | | Reinigungsgewerbe | 13156 | 5,74 Baugewerbe | 141 | 0,06 Polygraphische Gewerbe | 4770 | 2,08 Sonstige Industriezweige | 664 | 0,29 --------------------------------+-------------+-------------- Im ganzen: | 229334 | 100,00
Fast die Hälfte aller verheirateten Arbeiterinnen Deutschlands sind danach in der Textilindustrie beschäftigt. Ganz besonders interessant dabei ist, daß die Berufszählung von 1895 allein 38506 verheiratete und verheiratet gewesene Frauen in der Textilhausindustrie zählte, die höchste Zahl der hausindustriellen Ehefrauen überhaupt; ihnen zunächst steht, wie nach den Ergebnissen der Gewerbeinspektorenberichte, die Berufsgruppe der Bekleidung und Reinigung mit 24366 Ehefrauen in der Hausindustrie. Da in der gesamten Hausindustrie 71005 verheiratete Frauen gezählt wurden,--48 % aller weiblichen Hausindustriellen,--so sind 89 % von ihnen allein in der hausindustriellen Textilindustrie und in der Bekleidung und Reinigung thätig. Wir sehen daraus wieder, daß die Frauen, speziell die verheirateten, an das Haus gebundenen Frauen, den Fortschritt der Industrie zu höheren Arbeitsprozessen merklich aufhalten. Wir sehen aber auch im allgemeinen, daß die verheirateten Arbeiterinnen sich noch intensiver, als die Arbeiterinnen überhaupt, in wenige Berufsgruppen zusammendrängen.
Wenn es auch nicht möglich war, für eine Reihe von Ländern das Wachstum der Arbeit verheirateter Frauen festzustellen, so läßt sich aus den fast überall gleichen Vorbedingungen,--gesteigerte Bedürfnisse und Zunahme der Frauenarbeit überhaupt,--der Schluß ziehen, daß jedenfalls von einem Rückgang nicht die Rede sein kann und die Zunahme voraussichtlich sogar eine raschere sein dürfte, als die der ledigen Arbeiterinnen.
Aber auch das Wachstum der Arbeit der Witwen, Geschiedenen und Eheverlassenen ist der Erwägung zu unterziehen. Ist es auf größere Not allein zurückzuführen? Meiner Ansicht nach nicht. Die Arbeiter heiraten häufiger als früher,--im Jahre 1882 waren in Deutschland 40, im Jahre 1895 41 % verheiratet;--da nun nichts die Kräfte der Männer früher erschöpft als die proletarische Arbeit, und sie, bei der kolossalen Entwicklung, vor allem der Industrie immer mehr Männer--also auch kränkliche und schwache--in Anspruch nimmt, so muß die Zahl der verwitweten Proletarierinnen rasch zunehmen. Noch ein anderer Umstand kommt hinzu: die Zunahme der Scheidungen, sei es mit sei es ohne Hilfe der Gerichte. Die Erwerbsarbeit des weiblichen Geschlechts hat diese Entwicklung zweifellos unterstützt. Weder ist die Frau in dem Maße wie früher einfach infolge der täglichen Notdurft ihrer selbst und ihrer Kinder an den Mann als den Ernährer gefesselt, noch fühlt er selbst ihr gegenüber ein so starkes Verantwortlichkeitsgefühl wie einst. Auch das mag guten Seelen als eine sehr bedenkliche Folge der Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit erscheinen, während es, von einem höheren Standpunkt aus betrachtet, der Erneuerung der Ehe die Wege bahnt. Je selbständiger das Weib dem Manne gegenübersteht, desto freier wird sie dem Zuge ihres Herzens folgen können.
Die ganze Entwicklung der Frauenarbeit, wie sie uns aus den trockenen Zahlen entgegengetreten ist, muß jedem, der nicht blind ist oder sein will, das Eine klar vor Augen führen: keine andere Erscheinung in der Neuzeit wirkt so revolutionierend wie sie. Ohne sie würde die Neugestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, wie die Arbeiterklasse sie anstrebt, eine Illusion bleiben. Denn sie legt die Axt an die Wurzeln der alten Gesellschaft. Sie verwandelt das Weib, dieses konservativste Element im Völkerleben, zu einem strebenden und denkenden Menschen; sie allein ist seine große Emanzipatorin, die sie aus der Sklaverei zur Freiheit emporführt.
6. Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart.
Die Großindustrie.
Die Arbeit, die Befreierin des Weibes! Welcher Mensch, der heute die Arbeit der Proletarierin betrachtet, sieht nicht vielmehr in ihr eine Sklavenkette, schwerer, einschneidender als die irgend eines Galeerensträflings? Es sind die Arbeitsbedingungen, die sie dazu gestalten.
Die Grundlage der Existenz des Arbeiters ist der Preis, für den er seine Arbeitskraft verkauft, der Lohn. Um zu erkennen, wie sich die Bestreitung der notwendigen Lebensbedürfnisse zu den Einnahmen verhält, müßte man sich auf eingehende, nach Staaten, nach Stadt- und Landbezirken, nach allen Zweigen der verschiedenen Industrien, und sogar nach Jahreszeiten differenzierte Untersuchungen stützen können. Das ist leider unmöglich. Nicht nur, daß die vorhandene Lohnstatistik statt genauer Einzelangaben, meist Durchschnittszahlen oder approximative Bestimmungen enthält, sie ist auch bisher so wenig gepflegt worden, daß ihre Ergebnisse, vom streng wissenschaftlichen, Standpunkt aus, kaum als der Ausgangspunkt unumstößlicher Erkenntnisse gelten können. Noch schlimmer steht es um die Feststellung der Ausgaben für die notwendigen Lebensbedürfnisse. Was an Angaben darüber zu finden ist, erscheint um so unzuverlässiger, als der Begriff des Notwendigen keineswegs feststeht. Und doch müßte die Statistik der Lebensbedürfnisse die selbstverständliche Ergänzung der Lohnstatistik sein, da die bloße Angabe der Höhe der Löhne uns über die Lage des Arbeiters nicht im mindesten aufklärt. Er kann z.B. in einem Dorfe Süd-Frankreichs von demselben Lohn auskömmlich leben, bei dem er etwa in Paris Not leiden müßte. Aber nicht nur die Verschiedenheit der Lebensmittel- und Wohnungspreise kommen in Betracht, sondern auch das verschiedene Lebensniveau der Arbeiter. Und dabei käme es nicht nur auf Vergleiche etwa zwischen dem mit voller Zufriedenheit tagaus tagein Polenta essenden Italiener und dem Maschinenbauer Englands an, der an eine reichliche Fleischkost gewöhnt ist, sondern auf viel feinere und eingehendere zwischen den Arbeiterschichten desselben Landes: was der eine nicht im mindesten vermißt, das ist dem anderen schon eine schwer empfundene Entbehrung.
Für unseren Zweck wird die Sachlage nun noch schwieriger. Denn zur Beurteilung der Arbeiterinnenlöhne wäre es neben den genannten Gesichtspunkten notwendig, sie mit den Männerlöhnen zu vergleichen, und zwar nicht im allgemeinen, sondern im einzelnen, indem die beiderseitige Arbeitsleistung mit in Anschlag gebracht wird. Es giebt zwar Versuche der Art, sie sind aber unzulänglich. Nehmen wir z.B. an, daß unter der Rubrik Papierkartons Männer- und Frauenlöhne verglichen werden, so ist das Resultat nichts als eine wenig wertvolle Durchschnittszahl; es könnte nur dann Wert haben, wenn sowohl die Art der Kartons, wie die der daran geleisteten Arbeit präzisiert würde. Auch genauere Bezeichnungen, wie etwa Herrenwestenstepperei, reichten noch nicht aus, da es zur Beurteilung der Lohnhöhe von männlichen und weiblichen Arbeitern darauf ankäme, welche Sorten Westen gesteppt werden. Aber noch ein anderes kommt hinzu: Die Lage der Arbeiterinnen kann nur dann ganz richtig beurteilt werden, wenn sich feststellen läßt, ob ihr Lohn wirklich die Grundlage ihrer Existenz bildet, oder nur die Ergänzung eines anderen Einkommens ist, etwa durch die Arbeit des Mannes, des Vaters etc. Auch das ist nur in gewissem Umfang möglich.
Alle diese Einschränkungen vorausgeschickt, können wir uns daher nur auf Untersuchungen stützen, die den Wert von Stichproben haben, ohne über das ganze Gebiet volle Klarheit zu verschaffen.
Was bei der Betrachtung der Frauenlöhne zunächst in die Augen fällt, ist ihre Niedrigkeit und die Seltenheit, mit der sie sich steigern. Die deutsche Untersuchung von 1876 konstatierte Wocheneinnahmen von Fabrikarbeiterinnen von 1,80 Mk. an; solche von 3 bis 6 Mk. kamen sehr häufig vor, während solche von 12 bis höchstens 19 Mk. schon als eine große Seltenheit bezeichnet wurden.[483] Um dieselbe Zeit wurde für die Textilindustrie am Niederrhein festgestellt, daß besonders tüchtige Arbeiterinnen wohl 6 bis 13 Mk. verdienen könnten, die weniger tüchtigen aber bei 5 bis höchstens 10 Mk. dauernd stehen blieben.[484] Aber auch in jüngster Zeit gehören Löhne der Art keineswegs zu den Ausnahmen. So erreichten in Stuttgart die Hälfte aller Arbeiterinnen nur einen Wochenverdienst bis zu 9 Mk.[485], und in der Berliner Papierwarenindustrie traf für 56 % dasselbe zu.[486] In Wien haben sich bei Gelegenheit der Frauenarbeits-Enquête ähnliche Verhältnisse herausgestellt. In der Papier- und in der Textilindustrie wurden die niedrigsten Wochenlöhne mit 1 fl. 50 kr. angegeben, während 4 bis 5 fl. für die gesamte Industrie als der erreichbare Durchschnittslohn angesehen wurde.[487] In Fabriken Böhmens fanden sich sogar Frauenlöhne von 1 fl. wöchentlich, und über die Hälfte der Arbeiterinnen verdienten 2 fl. 25 kr. bis 3 fl. 25 kr.[488] Für Frankreich wurden Jahreseinnahmen der Fabrikarbeiterinnen von 100, 140 und--am häufigsten--250 frs. festgestellt.[489] Italien weist in der Seiden- und Baumwollindustrie Wochenlöhne von 4,80 frs., in der Trikotwarenfabrikation solche von 3,60 frs. auf.[490] In England, wo im allgemeinen die Lage der Arbeiterinnen eine bessere zu sein scheint, ist das Niveau, bis zu dem sie herabsinkt, immer noch ein sehr tiefes. So verdienten z.B. in den Schneiderfabriken Dudleys und in den Cigarettenfabriken Liverpools 44 % der Arbeiterinnen unter 6 sh. wöchentlich; von den Fabrikarbeiterinnen der großen Industriestadt Bristol verdienten 30 % unter 8 sh., 33 % 8 bis 12 sh., nur 7 % 15 bis 18 sh. und nur 3 % über 18 sh. die Woche.[491] In Nordamerika, wo der Durchschnittsfrauenlohn in 22 großen Städten 5,24 $ beträgt, sind Jahreseinnahmen von 75 bis 150 $ trotzdem gar nichts Seltenes.[492] Dabei muß, wie überhaupt bei allen Enqueten über Frauenarbeit, besonders denen mittelst Fragebogen, in Betracht gezogen werden, daß nur die intelligentesten, die eigentlichen Elitearbeiterinnen,--im vorliegenden Fall nur 7 % aller Befragten,--antworten und richtig antworten. Die große Masse wird nicht erfaßt.
Aber wie gesagt, selbst wenn wir eine unendliche Zahl von Lohntabellen besäßen, sie würden nichts als eindruckslose Zahlen für uns bleiben, wenn wir ihnen nicht die entsprechenden der Männerlöhne gegenüberstellen könnten. Es fehlt nun zwar nicht an Material dafür, es erweist sich nur bei näherer Betrachtung zum großen Teil als unzureichend. So findet sich z.B., daß in den oberelsässischen Spinnereien in den achtziger Jahren die männlichen Arbeiter 1,80 Mk. bis 4 Mk. täglich verdienten, die weiblichen 1,70 Mk. bis 2 Mk., und dieser Unterschied beginnt sogar schon bei den arbeitenden Kindern; die männlichen Geschlechts verdienten 40 Pf. bis 1,20 Mk., die weiblichen nur 30 Pf. bis 1 Mk. am Tage. Für die Webereien galt das gleiche: während die Tageseinnahmen der Männer 3,30 Mk. zu betragen pflegten, erreichten die Frauen im besten Fall einen Lohn von 2,40 Mk.[493] In den Mannheimer Fabriken wurde festgestellt, daß 56 % der Männer 15 bis 25 Mk. in der Woche verdienten, 71 % der Frauen dagegen nur 8 bis 10 Mk.; 1-1/2 % der Männer konnten sogar auf einen Verdienst von über 35 Mk. rechnen, während nur 0,08 % Frauen die höchste Einnahme von 30 bis 35 Mk. erreichten.[494] Nach einer Zusammenstellung für Großbritannien, die sich auf 110 Fabriken mit 17430 Arbeitern bezieht, und für Massachusetts, die 210 Fabriken mit 35902 Arbeitern umfaßt und im ganzen 24 verschiedene Industrien in sich schließt, gestalten sich die Lohnverhältnisse für beide Geschlechter folgendermaßen:[495]
|Grossbritannien|Massachusetts |---------------+-------------- | Männer| Frauen|Männer| Frauen --------------------------------------+-------+-------+------+------- | $ | $ | $ | $ Durchschnittlicher höchster Wochenlohn| 11,36 | 4,10 | 25,41| 8,57 " niedrigster " | 4,72 | 2,27 | 7,09| 4,62 " Wochenlohn | 8,26 | 3,37 | 11,85| 6,09