Die Frauenfrage Ihre Geschichtliche Entwicklung Und Wirtschaftl
Chapter 24
Als ein ganz moderner Beruf, dessen rapide Ausbreitung in die jüngste Zeit fällt, ist der der Verkäuferinnen anzusehen. Während die fachmännisch vorgebildeten weiblichen Handelsangestellten meist aus bürgerlichen Kreisen stammen, strömen dem Beruf der ungelernten Verkäuferinnen immer mehr Proletariertöchter zu. Diese Bewegung begann schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts, aber es blieb bei vereinzelten Fällen. Erst als Schichten der Arbeiter sich durch Bildung und höhere Lebenshaltung, infolge besserer Arbeitsbedingungen, aus den Massen emporhoben, konnten sie für ihre Töchter an Stellungen denken, die ein gewisses Maß von feinerer Lebensart erforderten, und, äußerlich betrachtet, einige Stufen höher standen, als die der Fabrik- oder Werkstattarbeiterin. Wer näher zusah, bemerkte freilich vor lauter Schatten kaum mehr das Licht: niedriger Lohn und Ausbeutung bis zum äußersten gingen meist Hand in Hand und das enorm rasche Anwachsen der Zahl der Verkäuferinnen war leider großenteils darauf zurückzuführen, daß sie sich Bedingungen unterwarfen, die jeder Mann mit Entrüstung von sich wies. Sie thaten es nicht nur aus einer gewissen naiven Unkenntnis dessen, was sie hätten beanspruchen können, sondern auch im scharfen Konkurrenzkampf gegen die vielen Mädchen aus dem Mittelstand, die, weil sie Anschluß an ihre Eltern oder ein eigenes kleines Einkommen hatten, mit jedem Lohn, der ihnen nur ein Taschengeld war, sich zufrieden gaben.
Die Zunahme der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert beschränkt sich auf die Industrie und den Handel. Sie ist hier wie dort eine rapide. Für die Industrie wird sie durch die großartige Entwicklung der Technik unterstützt, ja vielfach überhaupt erst durch sie ermöglicht. Das wachsende Mißverhältnis zwischen dem Einkommen der Männer und den Bedürfnissen der Familie trieb die Frauen zur Lohnarbeit; durch ihren massenhaften Eintritt in das Erwerbsleben übten sie jedoch wieder einen Druck auf die Löhne aller aus. Sie befinden sich demnach in einem Zirkel, aus dem ein Entrinnen unmöglich scheint.
Die Abnahme der proletarischen Frauenarbeit in der Landwirtschaft und im Hausdienst ist teils auf ökonomische Motive,--niedrige Löhne und lange Arbeitszeit,--teils auf psychologische,--das Freiheits- und Freudebedürfnis erwachender Individualitäten,--zurückzuführen, und bei oberflächlicher Betrachtung gewinnt man den Eindruck, als sei dem entstehenden Mangel an Arbeitskräften in beiden Berufsgebieten ebensowenig abzuhelfen, wie dem Ueberangebot in Handel und Industrie.
Die Erwerbsarbeit der Frauen war schon vor dem 19. Jahrhundert eine bekannte Erscheinung gewesen, aber sie bewegte sich im großen und ganzen in den Grenzen des Hauses und dessen, was man unter spezifisch weiblicher Arbeit verstand. Ihr massenhaftes Heraustreten aus dem Hause, ihr Zusammenströmen in den Betrieben der Großindustrie, ihre durch die Maschine bedingte veränderte Organisation, die die Frau von der Stellung eines gewissermaßen selbständigen Handwerkers, der seine Arbeit in all ihren Teilen allein ausführte, zur Teilarbeiterin und Bedienerin der Maschine herabsinken ließ, rief eine Umwandlung hervor, die einer Neuschöpfung gleich kam. Die moderne Proletarierin hat mit der Arbeiterin vergangener Zeiten nicht mehr viel gemein. Und sie hat vieles vor ihr voraus. Denn die Maschine, die sie in Not und Elend stürzte, hilft ihr auch, sich daraus zu befreien. Ohne sie wäre die Frau stets in ihrer allen Fortschritt hemmenden Vereinzelung geblieben. Durch sie wurde sie dem Heere der Proletarier eingegliedert, der reiche Strom ihrer Liebe und ihres Mitempfindens wurde über den Kreis der Familie hinausgeführt; sie lernte leiden mit ihren Arbeitsgenossen, und wird mit derselben Hingebung auch mit und für sie kämpfen lernen, mit der sie einst nur für ihr eigen Fleisch und Blut gekämpft hat.
5. Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach den letzten Zählungen.
Um ein klares Bild des gegenwärtigen Standes der proletarischen Frauenarbeit zu gewinnen, gilt es zunächst, ihre Ausbreitung zahlenmäßig festzustellen. Diesem Bestreben stellen sich jedoch große Schwierigkeiten entgegen: die Erhebungen der verschiedenen Länder sind, was ihre grundlegenden Prinzipien sowohl wie die Art ihrer Ausführung betrifft, so abweichend voneinander, daß eine Zusammenstellung internationaler Ergebnisse nicht zu unbedingt richtigen Resultaten führen kann. Selbst wenn wir uns im wesentlichen auf Deutschland, Oesterreich, Frankreich, England und die Vereinigten Staaten beschränken, haben wir es mit ganz ungleichartigen Zählungen zu thun. Schon der Begriff der Berufsthätigen überhaupt ist kein feststehender, Deutschland und Oesterreich zählen, zum Teil in hohem Maße, die mithelfenden Familienangehörigen dazu, während England z.B. sie vollständig ausscheidet. Ferner ist in Frankreich, England und Nordamerika die erste Voraussetzung einer Zählung der proletarischen Arbeit dadurch nicht erfüllt, daß die soziale Schichtung, d.h. die Einteilung der Berufsthätigen in Selbständige, Angestellte, Arbeiter u.s.w., ganz fehlt oder sehr unzureichend ist. Frankreich, das in den allerdings ungenügenden Zählungen von 1881 und 1891 die soziale Schichtung in Unternehmer, Angestellte und Arbeiter vorgenommen hatte, ist in der Zählung von 1896 davon abgegangen und hat Angestellte und Arbeiter unbegreiflicherweise wieder zusammengeworfen, sodaß sie, trotz ihrer sonstigen Vorzüge, für unseren Zweck nur mit Einschränkungen brauchbar ist. England kennt nur die Einteilung in Arbeitgeber, Arbeitnehmer und auf eigene Rechnung Arbeitende, und auch diese erst in der letzten Zählung von 1891, der von 1881 fehlt fast jede Einteilung, und nur die große Detaillierung der Arbeitszweige ermöglicht eine annähernd richtige Feststellung der proletarischen Arbeit. Dasselbe gilt für Nordamerika, wo die soziale Schichtung so gut wie vollständig fehlt und nur die Ausführlichkeit in der Darstellung der einzelnen Berufe darüber hinwegzuhelfen vermag. In Oesterreich, zum Teil auch in Deutschland, sind die letzte und die vorletzte Zählung nach so verschiedenen Prinzipien erfolgt, daß auch hier ein Vergleich schwer ist.
So hat man in Oesterreich neben den Selbständigen, Angestellten und Arbeitern eine vierte Schicht, die der Tagelöhner geschaffen, die bei internationalen Vergleichungen sehr störend wirkt, weil sie sich in dieser Form nirgends wiederfindet. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, daß der Begriff der "Selbständigen" ein sehr schwankender ist. Die deutsche Statistik versteht darunter sowohl die Besitzer landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, als jede Näherin oder Putzmacherin, die auf eigene Rechnung arbeitet. Die Betriebszählung hilft diesem Uebelstande zum Teil ab, und man kann wenigstens mit ihrer Hilfe die ausgesprochen proletarischen Existenzen aussondern. Unmöglich dagegen ist es in England, wo die Schicht der "auf eigene Rechnung Arbeitenden" die große Schneiderin, ebenso wie die arme Näherin umfassen kann; und in Frankreich wieder hat man die Kleinmeister (petits patrons), die früher besonders berechnet wurden, in der letzten Zählung ohne weiteres den Arbeitern zugezählt. Ganz abgesehen von all diesen Bedenken in Bezug auf die einzelnen Länder, gilt für alle das gleiche: daß nämlich gerade die proletarische Frauenarbeit in ihrem ganzen Umfang schwer zu erfassen ist; teils versteckt sie sich in fast unerreichbare Erden- und Häuserwinkel, teils sind die befragten Frauen selbst zu schwerfällig und unaufgeklärt, um genaue Antworten geben zu können. Die folgenden Tabellen, die auf Grund eines so unzureichenden Materials zusammengestellt wurden, machen daher nicht den Anspruch, den Stand der proletarischen Frauenarbeit unbedingt richtig wiederzugeben.
Eine Betrachtung der proletarischen Arbeit im Verhältnis zur Erwerbsthätigkeit überhaupt giebt den besten Begriff für ihre Bedeutung.
| | | || |Davon ||Auf 100 erwerbs- | Zähl |Erwerbs-|Davon ||Erwerbs-|waren ||thätige Männer | ungs-|thätige |waren ||thätige |Arbeite-||resp. Frauen Länder |periode| Männer |Arbei- ||Frauen |rinnen || kamen | | |ter || | ||Arbei-|Arbeite- | | | || | || ter | rinnen -----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+-------- | | | || | || | Deutschland| 1882 |13415415|8020114|| 5541517| 4408116|| 59,78| 79,55 " | 1895 |15531841|9295082|| 6578350| 5293277|| 59,85| 80,47 | | | || | || | Oesterreich| 1880 | 6823891|3670338|| 4688687| 3642864|| 53,79| 77,69 " | 1890 | 7780491|4363074|| 6245073| 5310639|| 56,07| 85,04 | | | || | || | Frankreich | 1881 |10496652|4376604|| 5033604| 3635802|| 41,69| 72,23 " | 1891 |11137065|4990635|| 5191084| 3584518|| 43,91| 69,05 | | | || | || | Verein. | 1880 |14744943|7053702|| 2647157| 2041466|| 47,84| 77,12 Staaten | 1890 |18821090|8735622|| 3914571| 2864818|| 46,41| 73,18 | | | || | || | England u. | | | || | || | Wales | 1891 | 8883254|5368965|| 4016230| 3113256|| 60,44| 77,51
Zunächst geht aus der Zusammenstellung hervor, daß die Frauenarbeit überhaupt einen ausgesprochen proletarischen Charakter hat: etwa drei Viertel aller erwerbsthätigen Frauen sind Arbeiterinnen. Wenn das übrigbleibende eine Viertel bisher in der Frauenbewegung allein zu Worte kam und sich mit seinen Wünschen in den Vordergrund zu drängen verstand, so ist dies ein Beweis mehr für die traurige Lage der Arbeiterinnen: sie bildeten jene große Armee der Stummen, denen die Not den Mund verschloß. Für ihre Zunahme scheint die vorstehende Tabelle nicht zu sprechen; nur in Deutschland und Oesterreich verschiebt sich der Anteil der Arbeiterinnen am weiblichen Erwerbsleben zu ihren Gunsten; in Frankreich und Nordamerika findet ein Rückgang statt, der sich für Frankreich sogar in den absoluten Zahlen ausdrückt. Diese frappierende Thatsache, die uns nur in Frankreich begegnet, wird durch die Zählung von 1896 berichtigt, da hier nur eine relative und zwar sehr geringfügige Abnahme zu konstatieren ist. Da sie jedoch, wie gesagt, Arbeiter und Angestellte zusammenrechnet, müssen beide Kategorien, um einen Vergleich zu ermöglichen, auch für 1891 zusammengezählt werden. Das Resultat ist folgendes:
| | | || |Davon ||Auf 100 erwerbs- | Zahl |Erwerbs-|Davon ||Erwerbs-|waren ||thätige Männer | ungs-|thätige |waren ||thätige |Arbeite-||resp. Frauen Land |periode| Männer |Arbei- || Frauen |rinnen || kamen | | |ter und|| |und An- ||Arbei-|Arbeite- | | |Ange- || |gestell-|| ter | rinnen | | |stellte|| |te || -----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+-------- | | | || | || | Frankreich | 1891 |11197065|5563898|| 5191084| 3735904|| 49,96| 71,97 " | 1896 |11725978|8290204|| 6152983| 4287006|| 70,61| 69,67
Was Amerika betrifft, so wird die Verschiebung in der Zusammensetzung der Erwerbsthätigen aus bürgerlichen und proletarischen Elementen durch die Zunahme der ersteren, infolge des starken geistigen Aufschwungs und der erheblich gesteigerten Anteilnahme der Frauen an bürgerlichen Berufen im Laufe des zehnjährigen Zeitraumes zur Genüge erklärt. Aber noch eine andere Thatsache springt aus der vorliegenden Tabelle ins Auge: Die enorme Vermehrung der proletarischen Frauenarbeit in Oesterreich; sie hat um fast zwei Millionen zugenommen und übersteigt die Zahl der männlichen Arbeiter um ca. eine Million--ein nirgends wiederkehrendes Verhältnis! So wenig Wert, der verschiedenen angewandten Methoden wegen, auf den Vergleich beider Zählungsresultate zu legen ist, so wichtig bleibt das Ergebnis der letzten Zählung, mit dem wir uns noch werden beschäftigen müssen. Hier sei nur darauf hingewiesen, daß es hauptsächlich dem Umstand der starken Erfassung der verheirateten arbeitenden Frauen entspringt und zweifellos Fehler schwerwiegender Art mit untergelaufen sind.
Die Frage des Wachstums der proletarischen Arbeit muß aber noch von anderen Seiten beleuchtet werden, und zwar zunächst im Vergleich mit dem Wachstum der Bevölkerung:
|Auf 100 männ- |Auf 100 weib- |Auf 100 |Auf 100 |liche Personen|liche Personen|Arbeiter |Arbeiterinnen Länder |der ersten |der ersten |der ersten |der ersten |Zählungs- |Zählungs- |Zählungs- |Zählungs- |periode |periode |periode |periode |kommen in der |kommen in der |kommen in der|kommen in der |zweiten |zweiten | zweiten |zweiten -----------+--------------+--------------+-------------+------------- Deutschland| 115 | 114 | 116 | 120 Oesterreich| 108 | 108 | 119 | 147 Frankreich | 101 | 102 | 114 | 99 Vereinigte | | | | Staaten | 126 | 124 | 124 | 140
Aus vorstehender Berechnung geht hervor, daß eine normale Zunahme der Arbeiter, d.h. eine, die der Zunahme der Bevölkerung entspricht, nur soweit die Männer in Betracht kommen und zwar bloß in Deutschland und Nordamerika stattgefunden hat. Die Zunahme der Arbeiterinnen ist überall eine anormale, sie übersteigt, mit Ausnahme von Frankreich, zum Teil, und wie in Oesterreich um ein Bedeutendes, die Zunahme der weiblichen Bevölkerung. In Frankreich ist die Differenz keine sehr große, ja es zeigt sich auch hier eine weit stärkere Zunahme der weiblichen Arbeiterschaft, als der weiblichen Bevölkerung, wenn wir der Berechnung die Zählungen von 1891 und 1896 zu Grunde legen.
|Auf 100 männ- |Auf 100 weib- |Auf 100 |Auf 100 Ar- |liche Personen|liche Personen|Arbeiter |beiterinnen Land |der Zählung |der Zählung |der Zählung|der Zählung |von 1891 kamen|von 1891 kamen|von 1891 |von 1891 |1896[463] |1896 |kamen 1896 |kamen 1896 -----------+--------------+--------------+-----------+----------- Frankreich | 100 | 100,35 | 151 | 115
Für England ist es unmöglich, den Fortschritt der proletarischen Frauenarbeit allein festzustellen, weil nur die letzte Zählung eine soziale Schichtung kennt. Betrachten wir die gesamte erwerbsthätige weibliche Bevölkerung über zehn Jahr in ihrem Verhältnis zur weiblichen Bevölkerung im allgemeinen, so kann von einer wesentlichen Vermehrung nicht die Rede sein: 1881 waren von je 100 weiblichen Personen über zehn Jahr 34,05 erwerbsthätig, 1891 dagegen 34,42. Aber auch der Prozentsatz der männlichen Erwerbstätigen hat sich nicht verschoben, er betrug in beiden Zählungsperioden 83%.[464]
Das Verhältnis der männlichen und weiblichen Arbeiter zu einander und seine Verschiebung im Laufe der Zeit muß gleichfalls einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Folgende Tabelle giebt Aufschluß darüber:
Länder |Zählungs-| | |Von |periode |Männer |Frauen |100 Arbeitern | | | |sind | | | | | | | |Männer|Frauen ------------------+---------+-------+-------+------+------ Deutschland | 1882 |8020114|4408116| 64,53| 35,47 " | 1895 |9295082|5293277| 63,65| 36,35 Oesterreich | 1880 |3670338|3642864| 50,19| 49,81 " | 1890 |4363074|5310639| 45,10| 54,90 Frankreich[465] | 1881 |4376604|3635802| 54,62| 45,38 " | 1891 |4990635|3584518| 59,36| 40,64 " | 1891 |5563898|3735904| 53,44| 46,54 " | 1896 |8290204|4287006| 65,86| 34,14 England und Wales | 1881 | -- | -- | -- | -- " " " | 1891 |5368965|3113256| 63,30| 36,70 Vereinigte Staaten| 1880 |7053702|2041466| 77,56| 22,44 " " | 1890 |8735622|2864818| 75,30| 24,70
Mit Ausnahme von Frankreich wäre der Eindruck eines Zurückdrängens der Männer durch die Frauen hiernach der vorherrschende, wenn nicht aus der Tabelle auf Seite 248 schon hervorgegangen wäre, daß thatsächlich die Zunahme der männlichen Arbeiter mit der Zunahme der Bevölkerung gleichen Schritt hält, ja sie zum Teil übersteigt. Es handelt sich also wohl um eine andere Zusammensetzung, nicht aber um einen Rückgang der männlichen Arbeiter. Interessant ist bei vorliegender Tabelle das Bild, das Frankreich bietet. Auch nach der neuesten Zählung scheinen die Frauen den Männern bedeutend nachzustehen. Ein Blick auf die absoluten Zahlen der männlichen Arbeiter bringt die Erklärung dafür: danach sollen die Angestellten und Arbeiter im Laufe von nur fünf Jahren eine Zunahme von fast drei Millionen erfahren haben! Das ist, angesichts der minimalen Zunahme der Bevölkerung, selbst dann eine Unmöglichkeit, wenn in Betracht gezogen wird, daß die Zählung von 1896 die Kleinmeister (petits patrons) den Arbeitern zugerechnet hat, und es kann als das Wahrscheinlichste angenommen werden, daß die Statistik von 1891 einen großen Teil der Arbeiter nicht erfaßte. Ist das der Fall, so würde die Zusammensetzung der Arbeiter nach Geschlechtern eine andere werden.
Die starke Zunahme der proletarischen Frauenarbeit wird fast immer mit einer Verdrängung der Männerarbeit in Zusammenhang gebracht. Zum Beweise dafür beruft man sich auf die oft beobachtete, im vorigen Abschnitt auch von uns angeführte Thatsache, daß durch die Einführung neuer, leichter zu handhabender Maschinen in gewissen Fabrikationszweigen Frauen an Stelle der Männer treten. Ganz abgesehen davon, daß es auch Maschinen giebt,--z.B. die Setzmaschine,--die ihrerseits wieder die Frauenarbeit verdrängen, zeigt es sich an der Hand der Statistik, daß im allgemeinen von einem Ersatz der Arbeiter durch Arbeiterinnen kaum die Rede sein kann, es sich vielmehr um Verschiebungen handelt. Die gegenteilige Behauptung ist auch eines jener auf ungenügender Kenntnis der Thatsachen beruhenden Schlagworte der Frauenbewegung. Folgende Tabelle diene zum Beweis dafür.[466] Es verblieben nämlich in der Stellung von berufslosen Familienangehörigen:
Von je 1000 Personen | Deutschland | Oesterreich in der Altersklasse |-----------------+----------------- |männlich|weiblich|männlich|weiblich --------------------------+--------+--------+--------+-------- unter 20 Jahr | 742 | 812 | 655 | 691 von 20-30 Jahr | 24 | 531 | 28 | 268 " 30-40 " | 9 | 743 | 11 | 340 " 40-50 " | 7 | 710 | 7 | 304 " 50-60 " | 10 | 632 | 8 | 267 " 60-70 " | 22 | 553 | 18 | 261 " 70 Jahr und darüber | 106 | 469 | 54 | 253
Daraus geht hervor, daß in den für die Berufsarbeit entscheidenden Altersklassen kaum 1% Männer zum Eintritt in den Erwerb übrig bleibt. Man kann annehmen, daß dieses eine Prozent großenteils aus jenen physisch und moralisch Kranken besteht, die überhaupt von der Berufsarbeit ausgeschlossen sind, daß daher fast alle verfügbaren Männer zur Arbeit herangezogen wurden. Anders steht es mit den Frauen. Ihr Anteil an der Berufsarbeit fällt wesentlich in das 20. bis 30. Lebensjahr, aber auch hier ist noch fast die Hälfte der Frauen erwerbslos und diese Erwerbslosigkeit steigert sich erheblich in den Jahren, wo Mutter- und Hausfrauenpflichten die Frauen in Anspruch nehmen. Erst in späteren Jahren, zu einer Zeit, wo der Rücktritt der Männer in die Reihen der Berufslosen beginnt, wächst wieder, infolge der großen Zahl von Witwen, der Anteil der Frauen am Erwerbsleben. Jedenfalls bleiben in allen Altersklassen noch viele erwerbsfähige Frauen verfügbar, und aus ihren Reihen nimmt besonders die Industrie die ihr nötigen, aus der Männerwelt nicht zu deckenden Arbeitskräfte. Infolgedessen wird auf absehbare Zeit hinaus die proletarische Frauenarbeit im Verhältnis stärker zunehmen als die Männerarbeit, ohne daß diese durch jene gefährdet wird. Diese Auffassung kann scheinbar durch den Hinweis auf die große Zahl der Arbeitslosen entkräftet werden. Aber nur scheinbar! Denn die Arbeitslosigkeit entspringt wesentlich dem Saisoncharakter zahlreicher Berufsarten, auch die mangelhafte Organisation des Arbeitsmarkts spielt dabei eine Rolle, und Männer und Frauen werden gleicherweise von ihr heimgesucht.
Die Betrachtung der proletarischen Frauenarbeit verlangt aber auch ein näheres Eingehen auf ihre Beteiligung an den einzelnen Berufsabteilungen. Sie gestaltet sich im Verhältnis zu den Männern folgendermaßen:
Länder |Zählungs-|Landwirtschaft |periode | | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern | | | |sind | | | |männlich|weiblich -------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882 |3629959|2251860| 61,71 | 38,29 Deutschland | 1895 |3239646|2388148| 57,57 | 42,43 Oesterreich | 1880 |1646317|2088985| 43,70 | 56,30 Oesterreich | 1890 |1962688|3652445| 34,95 | 65,05 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |1858131|1542407| 54,67 | 45,33 Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |2120799|1452924| 59,34 | 40,66 Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |2166351|1482772| 59,37 | 40,63 Angestellte) | | | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |3818509|1487123| 71,97 | 28,03 Angestellte) | | | | | England und Wales | 1881 | 807608| 40346| 95,26 | 4,74 England und Wales | 1891 | 734984| 24150| 96,82 | 3,18 Vereinigte Staaten | 1880 |2208400| 399309| 84,69 | 15,31 Vereinigte Staaten | 1890 |2316399| 363544| 86,43 | 13,57
Länder |Zählungs-|Industrie |periode | | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern | | | |sind | | | |männlich|weiblich -------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882 |3551014| 545229| 86,69 | 13,31 Deutschland | 1895 |4963409| 992302| 83,35 | 16,65 Oesterreich | 1880 |1193265| 449746| 72,63 | 27,37 Oesterreich | 1890 |1558914| 585692| 72,69 | 27,31 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |1869639|1161960| 61,67 | 38,33 Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |2146156|1173061| 64,72 | 35,28 Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |2262222|1219217| 64,98 | 35,02 Angestellte) | | | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |3048030|1611078| 65,42 | 34,58 Angestellte) | | | | | England und Wales | 1881 | | | | England und Wales | 1891 |3926934|1466130| 72,81 | 27,19 Vereinigte Staaten | 1880 |2878133| 690798| 80,65 | 19,35 Vereinigte Staaten | 1890 |4236760|1206807| 77,83 | 22,17