Die Frauenfrage Ihre Geschichtliche Entwicklung Und Wirtschaftl
Chapter 17
Länder |Zählungs-|Gesamtbevölkerung|Erwerbsthätige |Von 100 |periode | |Bevölkerung |Männern resp. | | | |Frauen sind | | | |erwerbsthätig | |-----------------+----------------+------+------ | |Männer |Frauen |Männer |Frauen |Männer|Frauen -----------+---------+--------+--------+--------+-------+------+------ Vereinigte | | | | | | | Staaten | 1880 |25518820|24636963|14744942|2647157| 57,78| 10,74 Vereinigte | | | | | | | Staaten | 1890 |32067880|30554370|18821090|3914571| 58,69| 12,81 England u. | | | | | | | Wales | 1881 |12639902|13334537| 7783656|3403918| 61,58| 25,53 England u. | | | | | | | Wales | 1891 |14052901|14949624| 8883254|4016230| 63,20| 26,87 Frankreich | 1881 |18656518|18748772|10496652|5033604| 56,26| 26,84 Frankreich | 1891 |18932354|19201031|11137065|5191084| 58,82| 27,03 Deutschland| 1882 |22150749|23071364|13415415|5541527| 60,56| 24,02 Deutschland| 1895 |25409191|26361123|15531841|6578350| 57,19| 24,94 Oesterreich| 1880 |10819737|11324516| 6823891|4688687| 63,07| 41,40 Oesterreich| 1890 |11689129|12206284| 7780491|6245073| 66,56| 51,16
Die Zunahme der Männer- und der Frauenarbeit für den Zeitraum von 1880-1890 stellt die folgende Tabelle dar:
Länder | Männer | Frauen |---------------------+--------------------- |absolute|Zunahme |absolute|Zunahme |Zunahme |in Prozenten|Zunahme |in Prozenten ------------------+--------+------------+--------+------------ Vereinigte Staaten| 4076148| 27,64 | 1267414| 47,88 England und Wales | 1099598| 12,38 | 612312| 15,22 Frankreich | 640413| 6,10 | 157480| 3,11 Deutschland | 2116426| 15,78 | 1036833| 18,71 Oesterreich | 956600| 14,02 | 1556386| 33,19
Betrachten wir die Frage auch noch von einer anderen Seite, indem wir feststellen, wie sich die Zahl der weiblichen Erwerbsthätigen zu der der männlichen in den bezüglichen Zählungsperioden stellt, so kommen wir zu folgendem Resultat:
Länder |Zählungs-|Die erwerbstätige |Von 100 |periode |Bevölkerung |Erwerbstätigen | | |waren | |--------------------------+-------------- | |im ganzen|Männer |Frauen |Männer|Frauen ------------------+---------+---------+--------+-------+------+------- Vereinigte Staaten| 1880 | 17392099|14744942|2647157| 84,78| 15,22 " " | 1890 | 22735661|18821090|3914571| 84,10| 15,90 England u. Wales | 1881 | 11187574| 7783656|3403918| 69,59| 30,41 " " " | 1891 | 12899484| 8883254|4016230| 68,09| 31,91 Frankreich | 1881 | 15540256|10496652|5033604| 67,59| 32,41 " | 1891 | 16328149|11137056|5191084| 68,20| 31,80 Deutschland | 1882 | 18956932|13415415|5541517| 71,24| 28,76 " | 1895 | 22110191|15531841|6578350| 70,25| 29,75 Oesterreich | 1880 | 11512578| 6823891|4688687| 59,27| 40,67 " | 1890 | 14025564| 7780491|6245073| 55,47| 45,53
Aus der Betrachtung der vorhergehenden drei Tabellen lassen sich folgende Schlüsse ziehen: Die erste Tabelle zeigt, daß die Frauenarbeit im Verhältnis zur gesamten weiblichen Bevölkerung durchschnittlich um 2,86 Proz., die Männerarbeit dagegen nur um 2,39 Proz. gewachsen ist. Betrachten wir diese Tabelle näher, so ergiebt sich jedoch, daß der Prozentsatz der Zunahme der Frauenarbeit wesentlich auf das Resultat Oesterreichs zurückzuführen ist, wo die weibliche Erwerbsthätigkeit um 9,76 Proz. zugenommen haben soll, während die betreffende Zahl für Amerika,--das das schnellste Wachstum der Frauenarbeit aufweist,--2,07 Proz., für England 1,34 Proz., für Frankreich 0,19 Proz. und für Deutschland 0,92 Proz. aufweist. Da diese abnorm hohe Zunahme der österreichichen Frauenarbeit, der wir an anderen Stellen wieder begegnen werden, sich auf keinerlei besondere wirtschaftliche Ursachen zurückführen läßt, so müssen wir annehmen, daß entweder die Zahlung von 1880 nicht alle weiblichen Erwerbsthätigen umfaßt hat, oder die von 1890 bedeutende Fehler, sei es in der Aufnahme sei es in der Berechnung, enthält. Schalten wir deshalb, um eine richtigere Durchschnittszahl zu gewinnen, Oesterreich hier aus, so stellt sich die Zunahme der Frauenarbeit im Verhältnis zur gesamten weiblichen Bevölkerung auf 1,13 Proz., und die Zunahme der Männerarbeit auf 2,11 Proz. Dies Ergebnis, das zunächst die Gegner der Erwerbsthätigkeit der Frau sehr beruhigen dürfte, ist jedoch im wesentlichen auf den großen Frauenüberschuß zurückzuführen. Als Beweis dafür dient Amerika, dessen weibliche Bevölkerung an Zahl hinter der männlichen zurückbleibt und wo die weiblichen Erwerbsthätigen im Verhältnis zu ihr um 2,07 Proz., die männlichen dagegen nur um 0,91 Proz. zugenommen haben.
Ein klares Bild des Wachstums der Frauenarbeit gewinnen wir aus der nächsten Tabelle auf S. 172. Mit Ausnahme von Frankreich, dessen eigentümliches Bild im Stillstand der Bevölkerung seine Ursache hat und dessen besonders langsam wachsende Frauenarbeit vielleicht auf den größeren Wohlstand der Bevölkerung zurückzuführen ist,--wenn nicht die Unvollkommenheit der Zählung einen Teil der Schuld trägt,--zeigt es sich, daß die Erwerbsthätigkeit des weiblichen Geschlechts in den betreffenden Ländern in weit rapiderem Tempo zunimmt, als die des männlichen. Vergleichen wir sie mit dem Wachstum der Bevölkerung, so zeigt sich, daß, während die männliche Bevölkerung durchschnittlich um 13,77 Proz., die männlichen Erwerbsthätigen um 15,18 Proz. zunahmen, die weibliche Bevölkerung um 13,46 Proz. und die weiblichen Erwerbsthätigen um 23,62 Proz. gewachsen sind. Aus diesen Zahlen spricht deutlich der Notstand, unter dem das weibliche Geschlecht zu leiden hat und der es in Scharen in den Kampf um Arbeit treibt. Noch drastischer wird dies Verhältnis durch die dritte Tabelle auf S. 172 beleuchtet, die zeigt, in welchem Verhältnis die Geschlechter an der Erwerbsthätigkeit beteiligt sind. Wieder mit Ausnahme Frankreichs, das aber gegenüber den hohen Zahlen anderer Länder wenig ins Gewicht fällt, wächst der Anteil der Frau am Erwerbsleben. Wir sehen auch, wie sehr er von der Zahl der alleinstehenden Frauen abhängig ist: in Amerika ist er außerordentlich gering, in England sehr hoch und in raschester Zunahme begriffen. Da nun, wie wir oben darstellten, nicht nur die Menge der Alleinstehenden stetig wächst, sondern auch die verheirateten Frauen immer mehr zur Arbeit genötigt werden, so ist an eine Abnahme der Frauenarbeit, die etwa gar durch äußere Maßregeln herbeigeführt werden soll, überhaupt nicht zu denken. Sie kann allenfalls von einem Zweig der Erwerbsarbeit in den anderen gedrängt werden, ihre Entwicklung aber ist eine gesetzmäßige, deren aufsteigende Tendenz unverkennbar ist.
Für den gegenwärtigen Zweck der Untersuchung ist es nun notwendig, aus dem Bereich der weiblichen Erwerbsthätigkeit den Kreis herauszuschälen, der die bürgerlichen Berufe umfaßt. Dabei kann man nicht bei den liberalen Berufen stehen bleiben und stößt deshalb auf große Schwierigkeiten. Handelt es sich doch hauptsächlich darum, die Zahl von erwerbsthätigen Frauen festzustellen, die aus der Bourgeoisie hervorgegangen sind und hierfür fehlen, da an eine Feststellung der sozialen Herkunft der Erwerbsthätigen, trotz ihrer Wichtigkeit, bisher so gut wie gar nicht gedacht wurde, fast alle statistischen Anhaltspunkte. Obwohl die Erfahrung mit einiger Sicherheit lehrt, daß Lehrerinnen, höhere weibliche Beamte, weibliche Aerzte und Gelehrte aller Art aus bürgerlichen Kreisen stammen, so steht das für Handelsangestellte, Krankenpflegerinnen, Wirtschafterinnen, Schauspielerinnen u. dgl. keineswegs fest, vielmehr setzen sich diese Berufe aus Gliedern bürgerlicher und proletarischer Schichten zusammen. Eine Untersuchung, die auf Grund des Materials, das dem Berliner Hilfsverein für weibliche Angestellte zur Verfügung steht, angestellt wurde[329], verbreitet einiges Licht über diese Frage, soweit sie den kaufmännischen Beruf betrifft. Danach stellt sich heraus, daß 84 Proz. des kaufmännisch gebildeten, also des Aufsichts- und Bureaupersonals, und 66 Proz. der Verkäuferinnen bürgerlichen Kreisen entstammen. Dieses Resultat läßt sich jedoch nicht ohne weiteres auf die Gesamtheit der Handelsangestellten anwenden, weil der genannte Verein ihre Elite umfaßt und das Verhältnis in den Provinzstädten und unter den Nichtorganisierten ein anderes sein dürfte. Wir glauben der Wahrheit nahe zu kommen, wenn wir,--soweit die Zählungen der verschiedenen Länder das zulassen,--die Verkäuferinnen aus dem Kreis der bürgerlichen Frauenarbeit ganz ausscheiden, dagegen das kaufmännisch gebildete Personal vollständig dazurechnen; der Prozentsatz unter ihm, der etwa aus proletarischen Schichten stammt, dürfte durch den der Verkäuferinnen ersetzt werden können, der ihre Herkunft aus bürgerlichen Kreisen darstellt. Eine weitere Schwierigkeit bildet die Frage der selbständigen erwerbsthätigen Frauen. Ein großer Prozentsatz von ihnen kann nicht zu denen gerechnet werden, die sich aus eigner Kraft emporarbeiteten und wirklich selbständige Leiterinnen ihrer Unternehmungen sind; sie sind vielmehr durch Erbschaft in deren Besitz gekommen und sind keineswegs die leitenden Kräfte; ihre Zu- resp. Abnahme ist daher vom Standpunkt der Frauenfrage völlig belanglos. Um so bedeutsamer wäre es jedoch, ließe es sich ermöglichen, diejenigen unter ihnen statistisch festzustellen, die als selbständig Erwerbsthätige in unserem Sinne gelten können. Das ist aber beinahe unmöglich: nur Künstler, Photographen, Zeichner, Apotheker und Chemiker können ohne weiteres berechnet und in die Kategorie der bürgerlichen Erwerbsthätigen einbezogen werden; im allgemeinen vermögen wir nur, und zwar wesentlich auf Grund der amerikanischen und englischen Verhältnisse, anzunehmen, daß die Zahl der selbständigen Frauen aus eigner Kraft in steter Zunahme begriffen ist. Leichter schon wäre es, wenn dabei die Betriebszählungen zu Grunde gelegt werden, die proletarischen Existenzen unter den Selbständigen von den bürgerlichen zu sondern.
Noch schwerer als bei der Betrachtung der einzelnen Länder gestaltet sich die Feststellung der in bürgerlichen Berufen thätigen Frauen für eine internationale Vergleichung, weil die Methoden, nach denen die Berufe eingeteilt werden, gar zu verschiedene sind. Teils werden, wie in Amerika und England, die sozialen Schichten nicht scharf genug auseinandergehalten, teils Berufe zusammengeworfen, wie z.B. die der Hebammen und Krankenpflegerinnen, die getrennt aufgeführt werden müßten.
Nach alledem steht es fest, daß die statistische Umgrenzung der bürgerlichen Frauenarbeit keinen Anspruch auf vollkommene Genauigkeit machen kann, trotzdem aber ein im allgemeinen richtiges Bild von ihr geben dürfte. Teilen wir sie in 38 Berufsarten ein, so stellt sie sich nach den Ergebnissen, die ich den letzten offiziellen Berufszählungen entnommen habe, folgendermaßen dar.
Berufe |Deutsch- |Oester- |Frankreich|England |Vereinigte |land | reich | | u. Wales |Staaten -----------------------+----------+---------+----------+-----------+---------- 1. Beamte und | \ | | | |\ Bureauangestellte | } | | | | } im Staatsdienst | } | 865 | 445 | 8546 | } 2. Beamte und | } 1852 | | | | } 4875 Bureauangestellte | } | | | | } im Gemeinde- | } | | | | } und Kommunaldienst | / | 357 | 387 | 5165 |/ 3. Polizeibeamte, | | | | | Gendarmerie | | | | | und Wachtdienst | -- | 10 | -- | -- | 279 4. Post-, Telegraphen-| | | | | und Telephonbeamte | 2499 | 2703 | 5211 | 4356 | 8474 5. Eisenbahnbeamte | 382 | 605 | 3767 | 849 | 1438 6. Geistliche | -- | -- | -- | 4194[335]| 1143 7. Kirchen- und | | | | | Anstaltsbeamte | 430 | 2715 | -- | -- | -- 8. Aerzte, Chirurgen |\ | | | | und Zahnärzte | } | 37 | 870 | 446 | 4894 9. Krankenpflegerinnen| }72837 | | | | und Hebammen |/ [330] | 14623 |13475[333]| 53057 | 41396 10. Tierärzte | -- | -- | -- | 2 | 2 11. Advokaten | -- | 6[332]| -- | -- | 208 12. Bureaubeamte | | | | | bei Advokaten | -- | | | | und Notaren | [331] | 102 | 389 | -- | -- 13. Professoren | | |\ |\ | an Universitäten | | | } | } | und Lyceen | -- | -- | }68448 | }144393 | 695 14. Lehrer | 66181 | 21417 |/ |/ | 245371 15. Privatgelehrte |\ |\ |\ | 42 |\ 16. Schriftsteller | } | } | } |\ | } 2725 und Redakteure | } 410 | } | } 391 | } 660 |/ 17. Journalisten |/ | } 332 |/ |/ | 888 18. Stenographen und | | } | | | Maschinenschreiber | 436 |/ | -- | 127 | 21270 19. Bibliotheks-, | | | | | Museums- | | | | | und Privatbeamte | 865 | 572 | -- | 240 | -- 20. Architekten | -- | 20 | -- | 19 | 22 21. Ingenieure | -- | -- | -- | -- | 124 22. Maler und Bildhauer| 839 | 337 | \ 3818 | 3032 | 10815 23. Musiker |\ |\ | / | \ 19111 |\ 34519 24. Musiklehrer | } | } | 4888 | / |/ 25. Schauspieler | } 8976 | }2586 | | | und Sänger |/ |/ | 5301 | 3696 | 3949 26. Theaterbeamte | 195 | 1074 | -- | -- | -- 27. Chemiker | 92 | 42 | \ 657 | 27 | 39 28. Apotheker | 60 | 134 | / | 160 | 734 29. Photographen | 208 |\ | -- | 2496 | 2201 30. Zeichner, | | } | | | Musterzeichner, | | } 156 | | | Graveure, | | } | | | Modelleure | 114 |/ | -- | -- | 346 31. Agenten | 195 |\ 1809 | 91 | 765 | 4875 32. Handelsreisende |\ |/ | -- | 165 | 611 33. Buchhalter | } |\ | \94003 | 50 | 27772 34. Handelskommis | }11987 | }8138 | / [334] | 17859 | 64219 35. Bankbeamte |/ |/ | 1135 | 249 | 217 36. Verwalter, | | | | | Wirtschaftsbeamte | | | | | und Rechnungsführer| | | | | in landschaftlichen| | | | | Betrieben | 17170 | 1001 | 16766 | -- | --[336] 37. Technisch gebildete| | | | | Beamte in | | | | | industriellen | | | | | Betrieben | 5099 | 2094 | -- | 748 | --[337] 38. Andere freie Berufe| -- | 177 | -- | -- | 479 -----------------------+----------+---------+----------+-----------+---------- Summa: | 190827 | 61382 | 220042 | 269454 | 484580
Wir sehen aus dieser Tabelle, daß die relativ größte Anzahl bürgerlicher Frauen als Lehrerinnen, Handelsangestellte und Krankenpflegerinnen thätig sind. Wo sie, wie in Amerika, Zugang zu allen wissenschaftlichen Berufen haben, scheint ihre Neigung sie am meisten der Medizin und der Theologie zuzuführen. Bei dieser Berufswahl kommen die ursprünglichsten und durch die Erziehung der Jahrtausende gefestigten Begabungen ihres Geschlechts zum Ausdruck, als deren Grundzug die in jeder unverdorbenen Frau ruhende Mütterlichkeit anzusehen ist. Sie wirkt in der Lehrerin, die statt der eigenen fremde Kinder erzieht, in der Aerztin und Krankenpflegerin, der Missionarin und Predigerin. Und der Sinn für Ordnung, die von dem Augenblick der ersten festen Ansiedelung an geübte Kunst der Haushaltung kommt in dem Talent des weiblichen Geschlechts für den kaufmännischen Beruf wieder zum Ausdruck. Seiner Begabung entsprechen auch die öffentlichen Anstellungen, die ihr gerade dort in immer erweitertem Maße zugeteilt werden, wo man bereits Erfahrungen über die Befähigung der Frauen zum Staats- und Gemeindedienst gemacht hat: In England und Amerika werden Frauen hauptsächlich im Bureaudienst, als Erzieher, Armenpfleger, Armenhaus-, Sanitäts- und Gewerbe-Inspektoren verwendet.
Um aber zu einer richtigen Würdigung der Zahl bürgerlich erwerbsthätiger Frauen zu kommen, muß sie mit der Zahl der in denselben Berufen thätigen Männer verglichen werden. Dabei ergiebt sich nach der neuesten Zählung für die betreffenden Länder als Resultat:
Länder Von 100 Erwerbstätigen in bürgerlichen Berufen sind
Männer Frauen
Deutschland 88,34 11,46 Oesterreich 87,77 12,23 Frankreich 78,02 21,98 England 77,67 22,33 Vereinigte Staaten 81,25 18,75
Die Berechnung zeigt, daß die geringste Beteiligung der Frauen am bürgerlichen Erwerbsleben dort zu finden ist, wo der Zugang dazu ihnen am meisten erschwert wird, und die höchste da vorhanden ist, wo nicht nur die Berufe ihnen offen stehen, sondern wo zu gleicher Zeit ein starker Frauenüberschuß konstatiert wurde. Wo, wie in Amerika, ein Männerüberschuß besteht, ist, trotz der Zulassung der Frauen zu allen Erwerbsgebieten, ihr Anteil daran ein geringerer.
Der Eindruck dieses Momentbildes verschiebt sich jedoch wesentlich, sobald wir das Wachstum der bürgerlichen Frauenarbeit einer Betrachtung unterziehen. Folgende Zusammenstellung giebt Aufschluß darüber:
Erwerbstätige in bürgerlichen Berufen:
Länder |1880 resp. |1890 resp. | Absolute |Prozentuale |1881 und 1882|1891 und 1895 | Zunahme der |Zunahme der |-------------+--------------+--------------+------------- |Männer|Frauen|Männer |Frauen| Männer|Frauen|Männer|Frauen -----------+------+------+-------+------+-------+------+------+------ Deutschland|808213|118070|1474072|190827| 665859| 72757| 82,32| 61,61 Oesterreich|276070| 41693| 440288| 61328| 164218| 19690| 59,52| 47,22 Frankreich |660459|196296| 781052|220042| 120593| 23746| 18,26| 10,79 England |605245|168656| 936970|269454| 331725|100798| 54,81| 59,47 Verein. | | | | | | | | Staaten |992736|229451|2099513|484580|1106777|255129| 89,69|111,19
Sie zeigt deutlich, daß die Zunahme der bürgerlichen Frauenarbeit in England und Amerika, wo eine große Ausbreitungsmöglichkeit für sie besteht, eine weit raschere ist, als die der Männer.
Eine nach dieser Hinsicht interessante Zusammenstellung, die wir hier wiedergeben, und die sich über zwei Jahrzehnte erstreckt, liegt für Amerika vor:[338]
Von 100 Erwerbstätigen in Amerika waren
Berufe 1870 1880 1890 Männer Frauen Männer Frauen Männer Frauen
Künstler und Kunstlehrer 89,90 10,10 77,36 22,64 51,92 48,08 Musiker und Musiklehrer 64,07 35,93 56,75 43,25 44,46 55,54 Professoren und Lehrer 33,73 66,27 32,21 67,79 29,16 70,84 Buchhalter und Kommis 96,53 3,47 92,90 7,10 83,07 16,93
Es handelt sich eben um einen allgemeinen Notstand, der die Frauen in rapidem Tempo in die sich ihnen öffnenden Berufe drängt, und es läßt sich daraus schließen, daß dasselbe Verhältnis sich in anderen Ländern zeigen wird, wenn die verschlossenen Thüren sich auch dort ihnen öffnen. Vor allem aus der prozentualen Zunahme der Lehrerinnen und Handelsangestellten in Deutschland und Oesterreich läßt sich unschwer der Beweis dafür erbringen:
Oesterreich Deutschland Zunahme der Zunahme der Männer Frauen Männer Frauen Lehrer 42,14 44,62 24,79 48,84 Handelsangestellte 115,81 126,66 80,60 279,21
Wir stehen somit zweifellos der Thatsache eines raschen Wachstums der bürgerlichen Frauenarbeit gegenüber. Dafür spricht auch der Umstand, daß jeder offenen Stelle eine erschreckend große Zahl Bewerberinnen gegenüberstehen, die natürlich dort den größten Umfang annimmt, wo die arbeitsuchenden Frauen die geringste Auswahl unter den Berufen haben. Nach einer in Frankreich angestellten Untersuchung[339] bewarben sich bei einer Konkurrenz allein im Seine-Departement über 8000 Frauen um 193 offene Schulstellen; für 200 Stellungen, die die Post ausgeschrieben hatte, meldeten sich gegen 5000 Frauen; bei der Bank von Frankreich, die jährlich höchstens 25 Stellen neu zu besetzen hat, stellten mehr als 6000 Arbeitsuchende sich vor; der Crédit Lyonnais zählte für ca. 80 Stellen 700 bis 800 Bewerberinnen und im Magasin du Louvre pflege im Durchschnitt 100 sich auf eine offene Stelle zu melden. Diese Zahlen zeigen nicht nur, daß das Problem der Arbeitslosigkeit für die Mädchen aus bürgerlichen Kreisen vielfach in demselben Grade besteht, wie für die Proletarierinnen, sie sprechen auch für die wachsende Not, die sie zur Erwerbsarbeit treibt. Ein weiterer Beweis dafür ist die rasche Zunahme der weiblichen Studenten. An den preußischen Universitäten, die sich bekanntlich sehr ablehnend gegen sie verhalten, haben sie trotzdem vom Jahre 1895 bis 1899 von 117 bis auf 414 zugenommen; an den Schweizer Universitäten beträgt die Zunahme von 1890 bis 1900 184 zu 1026.[340] Diese Zahlen würden noch bedeutend höher sein, wenn nicht das Studium und der Eintritt in einen gelehrten Beruf große finanzielle Opfer forderte, die bis jetzt in erster Linie nur den Söhnen gebracht worden sind. Bei den Frauen gilt es meist, möglichst rasch zum Erwerb zu gelangen, daher wählen sie Berufe deren Vorbereitung nicht zu viel Zeit und Geld erfordert. Und das ist einer der proletarischen Züge in der bürgerlichen Frauenbewegung. Noch ein anderer, bedeutungsvollerer sei an dieser Stelle erwähnt: die Berufsarbeit verheirateter Frauen. Ihr Verhältnis zu den alleinstehenden Frauen ist folgendes:
Auf 100 Erwerbsthätige in bürgerlichen Länder Berufen kommen verheiratete Frauen
Deutschland 15,02 Oesterreich 36,22 Vereinigte Staaten 8,92