Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite
Part 25
Länder |Zählungs-|Handel und Verkehr |periode | | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern | | | |sind | | | |männlich|weiblich -------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882 | 582885| 144777| 80,11 | 19,89 Deutschland | 1895 | 868042| 365005| 70,40 | 29,60 Oesterreich | 1880 | 131043| 31039| 80,86 | 19,14 Oesterreich | 1890 | 189281| 59246| 76,16 | 23,84 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 | 304605| 119115| 71,89 | 28,11 Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 | 497655| 228656| 68,52 | 31,48 Frankreich (Arbeiter u. | 1891 | 909310| 334038| 73,10 | 26,90 Angestellte) | | | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |1223919| 527073| 69,90 | 30,10 Angestellte) | | | | | England und Wales | 1881 | | | | England und Wales | 1891 | 638423| 12556| 98,07 | 1,93 Vereinigte Staaten | 1880 | 91502| 4803| 95,90 | 4,10 Vereinigte Staaten | 1890 | 127619| 10027| 92,72 | 7,28
Länder |Zählungs-|Persönlicher Dienst und |periode |Lohnarbeit wechselnder Art | |Männer |Frauen |Von 100 Arbeitern | | | |sind | | | |männlich|weiblich -------------------------+---------+-------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882 | 213746| 183836| 53,76 | 46,24 Deutschland | 1895 | 198626| 233865| 45,91 | 54,09 Oesterreich | 1880 | 495425| 501500| 49,70 | 50,30 Oesterreich | 1890 | 620301| 588169| 51,23 | 48,77 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 | | | | Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 | | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1891 | | | | Angestellte) | | | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896 | | | | Angestellte) | | | | | England und Wales | 1881 | 5728| 95826| 5,65 | 94,35 England und Wales | 1891 | 10097| 124253| 7,50 | 92,50 Vereinigte Staaten | 1880 |1715733| 70179| 99,60 | 0,40 Vereinigte Staaten | 1890 |1828265| 53096| 99,72 | 0,28
Länder |Zählungs-|Häusliche Dienstboten |periode | | |Männer|Frauen |Von 100 Arbeitern | | | |sind | | | |männlich|weiblich -------------------------+---------+------+-------+--------+-------- Deutschland | 1882 | 42510|1282414| 3,20 | 96,80 Deutschland | 1895 | 25359|1313957| 1,89 | 98,11 Oesterreich | 1880 |204288| 571594| 26,53 | 73,67 Oesterreich | 1890 | 31890| 424387| 6,99 | 93,01 Frankreich (nur Arbeiter)| 1881 |344229| 812320| 29,76 | 70,24 Frankreich (nur Arbeiter)| 1891 |226015| 699877| 24,30 | 75,70 Frankreich (Arbeiter u. | 1891 |226015| 699877| 24,30 | 75,70 Angestellte) | | | | | Frankreich (Arbeiter u. | 1896 |199746| 661732| 23,19 | 76,81 Angestellte) | | | | | England und Wales | 1881 | 66262|1230406| 5,11 | 94,89 England und Wales | 1891 | 58527|1386167| 4,06 | 95,94 Vereinigte Staaten | 1880 |159934| 876377| 15,43 | 84,57 Vereinigte Staaten | 1890 |226679|1231344| 15,50 | 84,50
Es zeigt sich dabei, daß in der Landwirtschaft die Frauenarbeit, mit Ausnahme von Deutschland und Oesterreich, wesentlich abgenommen hat, eine Abnahme, die sich für England und Amerika auch in den absoluten Zahlen ausdrückt. In der Industrie ist ihre Zunahme in Deutschland und Amerika eine raschere als die Männerarbeit, während sie in Oesterreich und Frankreich von dieser überrannt wird, obwohl eine absolute Zunahme stattfand. Ganz bedeutend rascher wächst dagegen die Frauenarbeit im Handel und Verkehr und zwar gilt das für alle Länder. Für die Lohnarbeit wechselnder Art hat überall eine Verschiebung zu Gunsten der Männer stattgefunden, die sich in Amerika sogar auf die absoluten Zahlen erstreckt. Die weiblichen Dienstboten dagegen haben, mit Ausnahme von Amerika, rascher zugenommen als die männlichen, die, wieder mit Ausnahme von Amerika, überall an Zahl bedeutend zurückgingen. Eine absolute Verminderung fand in Oesterreich und Frankreich auch für die weiblichen Dienstboten statt. Diese Darstellung illustriert aber noch nicht genau genug die Gestaltung der proletarischen Arbeit in den einzelnen Berufsabteilungen. Das prozentuale Verhältnis des Wachstums zeigt am besten die Tabelle.
Zunahme resp. Abnahme der Arbeiter und Arbeiterinnen.
| Landwirtschaft | Industrie | Handel und Verkehr | | | |-------------------+-------------------+------------------- | Auf 100 Länder |-------------------+-------------------+------------------- |männliche|weibliche|männliche|weibliche|männliche|weibliche |----------------------------------------------------------- | Arbeiter der ersten Zählungsperiode kommen in der zweiten ---------------+---------+---------+---------+---------+---------+--------- Deutschland | | | | | | 1882 bis 1890| 89 | 106 | 140 | 182 | 149 | 253 Oesterreich | | | | | | 1880 bis 1890| 119 | 175 | 131 | 130 | 144 | 191 Frankreich | | | | | | 1881 bis 1891| 114 | 94 | 116 | 101 | 163 | 192 Frankreich | | | | | | 1891 bis 1896| 176 | 100 3/10| 135 | 132 | 134 | 158 Vereinigte | | | | | | Staaten | | | | | | 1880 bis 1890| 105 | 92 | 113 | 176 | 139 | 209
|Lohnarbeit | |wechselnder Art | Dienstboten |-------------------+------------------- | Auf 100 Länder |-------------------+------------------- |männliche|weibliche|männliche|weibliche |--------------------------------------- | Arbeiter der ersten Zählungsperiode | kommen in der zweiten ---------------+---------+---------+---------+--------- Deutschland | | | | 1882 bis 1890| 108 | 127 | 60 | 103 Oesterreich | | | | 1880 bis 1890| 125 | 117 | 16 | 72 Frankreich | | | | 1881 bis 1891| -- | -- | 66 | 86 Frankreich | | | | 1891 bis 1896| -- | -- | 87 | 95 Vereinigte | | | | Staaten | | | | 1880 bis 1890| 106 | 76 | 142 | 141
Vergleichen wir diese Tabelle mit dem Wachstum der Bevölkerung, wie die Tabelle es wiedergiebt, so zeigt es sich, daß die proletarische Frauenarbeit in Industrie und Handel überall bedeutend rascher zugenommen hat als die Bevölkerung, daß die Landarbeiterinnen und die Dienstboten dagegen eine starke Abnahme zeigen, oder zum mindesten weit hinter dem prozentualen Wachstum der Bevölkerung zurückblieben. Die verschiedenartige Zusammensetzung innerhalb der weiblichen Arbeiterschaft während der letzten und der vorletzten Zählungsperiode giebt einen noch drastischeren Beweis dafür:
| | Von 100 Arbeiterinnen waren beschäftigt in | |------------------------------------------------- | | | |Handel | |Häusliche Länder |Zählungs-| Land- | | und |Lohnarbeit| Dienst- | periode |wirtschaft|Industrie|Verkehr|wechs. Art| boten -----------+---------+----------+---------+-------+----------+--------- Deutschland| 1882 | 51,08 | 12,37 | 3,29 | 4,17 | 29,09 " | 1895 | 45,16 | 18,70 | 6,90 | 4,42 | 24,82 Oesterreich| 1880 | 57,34 | 12,35 | 0,85 | 13,77 | 15,69 " | 1890 | 68,78 | 11,03 | 1,12 | 11,08 | 7,99 Frankreich | 1891 | 39,69 | 32,64 | 8,94 | -- | 18,73 " | 1896 | 34,69 | 37,58 | 12,29 | -- | 15,44 Vereinigte | 1880 | 19,56 | 32,84 | 0,24 | 3,44 | 42,92 Staaten | 1890 | 12,69 | 42,13 | 0,35 | 1,85 | 42,98
Die Verschiebung geht danach fast durchweg zu Gunsten der Handelsangestellten und der Industriearbeiterinnen vor sich.
In Bezug auf diese ist es nicht ohne Interesse, die Zählungen der Gewerbeaufsichtsbeamten zu Hilfe zu nehmen, obwohl sie immer nur einen beschränkten Kreis von Arbeitern umfassen. Nach den Berichten der deutschen Inspektoren hat sich die Zunahme der Industriearbeiterinnen folgendermaßen gestaltet:[467]
| Weibliche Arbeiter | Zählungs-|------------------------- periode |absolute | Zunahme |Zahl |--------------- | |absolut|Prozent ---------+---------+-------+------- 1895 | 739 755| | 1896 | 781 882| 41,127| 5,7 1897 | 822 462| 40,580| 5,2 1898 | 859 203| 36,741| 4,5 1899 | 884 239| 35,036| 4,1
Wir sehen daraus, daß zwar die Zunahme alljährlich eine sehr starke ist, daß sie aber von Jahr zu Jahr an Intensität abnimmt. Ein Schluß auf eine rasche Zunahme der männlichen Arbeiter läßt sich daraus nicht ziehen, obwohl ein Vergleich aus Mangel an statistischem Material nicht möglich ist. Die Wahrscheinlichkeit aber spricht dafür, daß auch das Tempo des Wachstums der männlichen Arbeiter sich verlangsamt hat, weil die industrielle Entwicklung gleichfalls ruhiger vorschreitet. Die entsprechenden Zahlen für Frankreich,--so vorsichtig sie auch wegen der mangelhaften Berichterstattung aufgenommen werden müssen,--sind besonders merkwürdig. Es zeigt sich nämlich, wie nachstehende Tabelle angiebt, daß dem starken Wachstum von 15% zwischen 1894 und 1896 in den nächsten zwei Jahren ein empfindlicher Rückschlag folgte:
| Weibliche Arbeiter | Männliche Arbeiter |--------------------------+-------------------------- Zählungs-|absolute Zu- resp. Abnahme|absolute Zu- resp. Abnahme periode |--------------------------+-------------------------- | Zahl |absolut | Prozent| Zahl |absolut | Prozent ---------+--------+--------+--------+--------+--------+-------- 1894 | 732760 | | | 1722183| | 1896 | 844911 | 112,151| 15,9 | 1828403| 106,220| 6,2 1898 | 812591 | -32,320| -3,9 | 1820979| -7,424| 0,4
Es zeigt sich aber auch, daß für die Männer, wenn auch nicht in genau demselben Maß, doch das gleiche gilt.[468]
Die proletarische Frauenarbeit wird nun aber keineswegs allein durch die soziale Schicht der Arbeiterinnen erschöpft. Es giebt zweifellos auch unter den Selbständigen eine große Zahl proletarischer Existenzen, die sich allerdings nur an der Hand einer eingehenden Betriebs- und Gewerbezählung annähernd feststellen lassen und diese liegt nur für Deutschland vor.[469] Wir müssen daher hierbei auf internationale Vergleichungen ganz verzichten. Wir können aber auch in Deutschland die Proletarier unter den Selbständigen nicht völlig erfassen, weil die Einteilung der Betriebe nach ihren Größenklassen uns daran verhindert: Sie werden nämlich nur in Alleinbetriebe und Betriebe von 2 bis 5, 6 bis 20, 21 und mehr Personen eingeteilt. Für unsere Zwecke müssen wir daher bei den Alleinbetrieben stehen bleiben, während Betriebe mit 2 Personen zweifellos noch einen proletarischen Charakter tragen. Um von der Verteilung, der Zu- resp. Abnahme der Frauen in den Alleinbetrieben ein klares Bild zu bekommen, muß die Zahl der Frauen in den Gehilfenbetrieben ihnen gegenübergestellt werden, wie es in folgender Tabelle geschieht:
Gewerbearten | Frauen | Ihre Zu-|Frauen in|Ihre Zu- |in Allein|resp. Ab-|Gehilfen-|resp. Ab- |betrieben| nahme |betrieben| nahme | 1895 |seit 1882| 1895 |seit 1882 ----------------------+---------+---------+---------+---------- Gärtnerei, Tierzucht | | | | und Fischerei | 708 | 285 | 17998 | 10505 Industrie, Bergbau, | | | | Baugewerbe | 443333 | -87753 | 1114986 | 479030 Handel, Verkehr, Gast-| | | | und Schankwirtschaft| 145165 | 42500 | 617115 | 385591
Wir sehen daraus, daß die weiblichen Leiter von Alleinbetrieben nur in der Industrie erheblich abgenommen haben, ein Umstand, der, wie wir aus der Zunahme der Arbeiter in den Gehilfenbetrieben sehen, nur auf die Verschiebung zu Gunsten des Mittel- und Großbetriebs zurückzuführen ist. Eine Betrachtung der Gewerbearten, in denen das weibliche Geschlecht besonders stark vertreten ist, erläutert das Gesagte noch deutlicher:
Gewerbearten |Frauen in|Zu- resp.||Frauen in|Zu- resp. |Allein- |Abnahme ||Gehilfen-|Abnahme |betrieben| ||betrieben| -----------------------+---------+---------++---------+--------- Strickerei und Wirkerei| 15472 | -2324 || 28164 | 14950 Häkelei und Stickerei | 6178 | -336 || 6049 | 3413 Spitzen-Verfert., | | || | Weißzeugstickerei | 7802 | -8737 || 11532 | 7017 Näherei | 185716 | -58183 || 28078 | 3848 Schneiderei | 89250 | 35227 || 84350 | 46746 Kleider- und | | || | Wäschekonfektion | 585 | -3886 || 35409 | 15946 Putzmacherei, | | || | künstl. Blumen | 12429 | -1150 || 28874 | 11213 Handschuh, Kravatten, | | || | Hosenträger | 3995 | -4109 || 7760 | 1754 Wäscherei, Plätterei | 66029 | -17662 || 27687 | 14057
Die Abnahme in den Alleinbetrieben wird fast überall durch die Zunahme in den Gehilfenbetrieben mehr als wett gemacht. Trotz dieser Konstellation, die im Interesse des Fortschritts wie in dem der Frauen selbst liegt, ist die Zahl der alleinstehenden Selbständigen immer noch eine außerordentlich hohe, wie aus folgender Tabelle hervorgeht:
|Von 100 |Von 100 Gewerbearten |selbständigen|selbständigen |Frauen sind |Männern sind --------------------------------+-------------+------------- Inhaber von Alleinbetrieben | 84,4 | 50,0 " " Gehilfenbetrieben | 15,6 | 50,0 " mit bis zu 5 Personen | 13,9 | 40,5 " " 6-20 Personen | 1,5 | 6,9 " " 21 und mehr Personen| 0,2 | 2,6
Aus diesen Ziffern ist die gedrückte Lage der erwerbthätigen Frauen mit aller Deutlichkeit zu ersehen: Fast alle selbständigen Frauen arbeiten allein, d.h. sie sind fast ausnahmslos Proletarierinnen. Das zeigt sich noch deutlicher, wenn wir ins Auge fassen, daß, während die männlichen Alleinmeister sich auf viele Gewerbe verteilen und häufig die Stellung kleiner Handwerker einnehmen, bei den Frauen davon kaum die Rede ist. Ueber ein Fünftel von ihnen finden wir in der Hausindustrie, zwei Fünftel in der Bekleidung und Reinigung, 18,8% im Handel, 11,3% in der Textilindustrie, 4,8% in der Gast- und Schankwirtschaft, 3,4 % in sonstigen Gewerben. Diese noch dazu auf so wenige Gewerbe sich konzentrierende Vereinzelung der Frauen ist ein schweres Hindernis auf dem Wege zu besseren Arbeitsbedingungen.
In der Landwirtschaft ist das äußere Bild ein ähnliches. Rechnen wir die Selbständigen, soweit sie ein Areal von unter 2 bis 5 ha bewirtschaften, zu den Proletariern, so sind von den selbständigen Landwirtinnen nicht weniger als drei Viertel Arbeiterinnen in unserm Sinne. Nachstehende Tabelle giebt die genaueren Zahlen:
Areal |Selbständige in der Landwirtschaft |Von je |------------------------------------|100 Selb- | Absolut | in Prozenten |ständigen | | |sind | Männer | Frauen | Männer | Frauen |weiblich ---------------+--------+--------+--------+---------+--------- unter 2 ha | 248209 | 177088 | 15,96 | 52,24 | 33,71 2 bis 5 " | 604562 | 74565 | 27,70 | 22,00 | 10,98 5 " 10 " | 501482 | 40059 | 22,98 | 11,82 | 7,40 10 " 50 " | 636275 | 41167 | 29,15 | 12,14 | 6,08 50 " 100 " | 62920 | 4182 | 2,88 | 1,23 | 6,23 100 und mehr ha| 28921 | 1918 | 1,33 | 0,57 | 6,21
Ueber die Zu- resp. Abnahme läßt sich leider nichts Genaueres, nach Geschlechtern gesondert, feststellen. Im allgemeinen aber kann, obwohl ein schwacher Rückgang der betreffenden Betriebe stattfand,--von 76,63% auf 76,51%,--angenommen werden, daß wenigstens die Zahl der selbständigen Inhaberinnen von Zwergbetrieben zugenommen hat; man kann darunter nämlich meist solche Frauen verstehen, die an den Grenzen der Industriestädte sogenannte "Lauben" besitzen, und hier im kleinsten Maß Gemüse, Blumen und Obst ziehen. Im Gegensatz zur Industrie, wäre diese Vermehrung von Alleinbetrieben freudig zu begrüßen, weil sie der Gesundheit der Frauen und Kinder zu Gute kommt. Auch im Handel, wo die von Frauen geleiteten Alleinbetriebe um 41% zugenommen, die von Männern geleiteten dagegen um 5% abgenommen haben, sind die Folgen keine schädlichen, die Ursachen aber sind dieselben, wie die für die steigende Erwerbsthätigkeit der Frauen überhaupt: Not, und die durch die Erträgnisse des männlichen Erwerbs nicht zu deckenden gesteigerten Bedürfnisse.
Wie sehr die Thatsache, daß das Haupt der Familie sie nicht allein ernähren kann, ins Gewicht fällt, beweist ein Blick auf eine andere Seite der Frauenarbeit: die Zahl der mithelfenden Familienangehörigen. Sie für alle Berufsabteilungen festgestellt zu haben, ist bisher allein das Verdienst der deutschen Berufsstatistik von 1895. Das Ergebnis ist, daß, während fast sämtliche männliche Arbeiter,--99,2%,--Berufsarbeiter sind, von den weiblichen mehr als ein Fünftel zu den helfenden Familiengliedern gehören. Das genauere Verhältnis ist, auch unter Bezugnahme auf die Größe der Betriebe, dieses:
|| Von 100 berufsmäßigen ||Von 100 mithelfenden || Arbeitern sind weiblich ||Familienangehörigen || in Betrieben ||sind weiblich in Betrieben Berufsarten ||--------------------------||--------------------------- ||bis 5 |6 bis 20|über 20 ||bis 5 |6 bis 20|über 20 ||Personen|Personen|Personen||Personen |Personen|Personen --------------++--------+--------+--------++---------+--------+-------- Landwirtschaft|| 14,3 | 25,6 | 19,9 || 76,5 | 85,6 | 85,7 Industrie || 9,8 | 15,2 | 19,9 || 84,4 | 77,9 | 44,2 Handel und || | | || | | Verkehr || 44,0 | 34,0 | 20,2 || 92,9 | 85,9 | 79,7 --------------++--------+--------+--------++---------+--------+-------- im ganzen || 18,9 | 19,5 | 20,0 || 90,2 | 82,0 | 56,0
Die Lehre, die sich aus dieser Tabelle ziehen läßt, ist außerordentlich wichtig für die Erkenntnis der proletarischen Frauenarbeit und dessen, was ihr Not thut, will man sie aus ihrer untergeordneten Stellung emporheben: in den kleinen Betrieben finden sich die wenigsten berufsmäßigen Arbeiterinnen,--besonders hervorstechend ist das Verhältnis in der Industrie,--und fast alle mithelfenden Familienangehörigen sind hier Frauen. Demnach bedeutet die Entwicklung des Großbetriebs eine Förderung der berufsmäßigen proletarischen Frauenarbeit, der jetzt noch, und zwar wesentlich in den Kleinbetrieben, eine große Zahl mithelfender weiblicher Familienmitglieder gegenüber steht. Gegenüber in jedem Sinn: denn diese in und durch die Familie ausgebeuteten Kräfte sind die natürlichen Feinde der aufstrebenden weiblichen Arbeiterschaft, sie helfen den Kleinbetrieb erhalten, und hindern die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ebenso wie die Erhöhung der weiblichen Arbeitsleistung, weil sie, statt ganz auf sich angewiesen zu sein, an der Familie einen Rückhalt haben.
Als allgemeine Ergebnisse unserer bisherigen Berechnungen läßt sich feststellen, daß die proletarische Frauenarbeit im allgemeinen in rascherem Tempo zugenommen hat, als die Männerarbeit und viel schneller gewachsen ist, als die weibliche Bevölkerung. Nur in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs kann von einem Verdrängen der männlichen Arbeiter die Rede sein. Unter normalen Verhältnissen zeigt sich dagegen, daß durch die Entwicklung der proletarischen Arbeitsgelegenheiten, besonders in der Industrie, die männlichen Arbeitskräfte großenteils erschöpft wurden und die Heranziehung weiblicher unausbleiblich ist. Sie erfolgt in um so stärkerem Maße, als Frauen zur Verfügung stehen. Bis jetzt allerdings bedeutet dieses Nachrücken der weiblichen Reservearmee zugleich ein Einrücken in untergeordnete Stellungen und Betriebsarten. Eine wirtschaftliche Entwicklung in nur annähernd ähnlichem Tempo wie die jetzige vorausgesetzt, ist aber nicht nur auf ein weiteres numerisches Wachstum der Frauenarbeit, sondern auch auf ihr Emporsteigen zu höherem wirtschaftlichen Wert zu rechnen. Das Wachstum an sich ist als nichts Unnatürliches anzusehen oder zu beklagen, es liegt vielmehr durchaus auf dem Wege normaler Evolution. Die schweren Schäden, die sie mit sich bringt, sind nicht die Folgen der Frauenarbeit überhaupt, sondern vielmehr die Folgen der Arbeitsorganisation und der Arbeitsbedingungen.
Aber nicht nur die Frage des Wachstums der Frauenarbeit und ihrer Position innerhalb der allgemeinen proletarischen Arbeit bedurfte eingehender Erörterung, auch ihre Verteilung auf die Berufsarten ist von ganz besonderem Interesse, und zwar wesentlich im Hinblick auf die Industrie. Folgende Zusammenstellung derjenigen Berufsarten, in denen die meisten Frauen beschäftigt sind, giebt Aufschluß darüber:
Die wichtigsten Frauenberufe in der Industrie.[470]