Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite

Part 16

Chapter 163,271 wordsPublic domain

Schon die bloße Beobachtung lehrt, daß die Familien der unteren Bevölkerungsschichten weit mehr mit Kindern gesegnet sind, als die der oberen, und Untersuchungen, die in Frankreich besonders genau vorgenommen wurden, bestätigten es. So stellte Bertillon für 20 Arrondissements von Paris den Zusammenhang zwischen der Wohlhabenheit und der Geburtenhäufigkeit fest und fand, daß auf je 1000 Frauen zwischen 15 und 50 Jahren der sehr armen Bevölkerung durchschnittlich 108, der armen 95, der wohlhabenden 72, der sehr wohlhabenden 65, der reichen 53 und der sehr reichen 34 jährliche Geburten kamen[309]; es hat sich ferner ergeben,--und das ist angesichts des allgemeinen Rückgangs der französischen Bevölkerung besonders bemerkenswert,--daß ihr Zuwachs in der Hauptsache dem Kinderreichtum der armen Bauern der Bretagne und der Berg- und Fabrikarbeiter der Departements Nord und Pas-de-Calais zu verdanken ist.[310] Leider geben die betreffenden Untersuchungen über das Geschlecht der Kinder keinen Aufschluß, dagegen hat man in Sachsen für einen zehnjährigen Zeitraum und eine Zahl von fast 5 Millionen Kindern auf ca. 1 Million Mütter festgestellt, daß die fruchtbarsten Frauen die meisten Knaben zur Welt bringen.[311] So vorsichtig solche Einzelergebnisse auch aufzunehmen sind, so läßt sich doch vielleicht, da die Erfahrung und der allgemeine Volksglaube sie unterstützt, der Schluß daraus ziehen, daß die kinderreichen unteren Bevölkerungsschichten im Vergleich zu den oberen mehr Knaben erzeugen, daß also der Frauenüberschuß in den bürgerlichen Kreisen ein größerer ist als in den proletarischen. Noch ein anderes kommt hinzu: wir finden z.B. innerhalb Deutschlands, das bekanntlich einen großen Ueberschuß an Frauen besitzt, ganze Landstriche, wo das männliche Geschlecht überwiegt, so kommen in Westfalen 958, im Rheinland 998 und in Elsaß-Lothringen 989 Frauen auf 1000 Männer.[312] Für die Verheiratbarkeit der Töchter der Bourgeoisie ist diese Thatsache jedoch ohne jede Bedeutung, denn es stellt sich heraus, daß der Männerüberschuß lediglich auf die starke Industriebevölkerung und die vielen Soldaten zurückzuführen ist. Ein ähnliches Verhältnis weist Nordamerika auf, dessen Männerüberschuß--953 Frauen auf 1000 Männer--auf den ersten Blick zu der Annahme verführt, als müßte seine Frauenbewegung anderen als wirtschaftlichen Ursachen--etwa rein ethischen und humanitären, wie viele behaupten wollen--entsprungen sein. Dabei wird jedoch außer acht gelassen, daß die große Zahl der Männer der Einwanderung zu verdanken ist und daß diese Einwanderer zum größten Teil Handwerker, Landleute, Arbeiter sind[313], also auch hier die Annahme nicht unberechtigt ist, daß, trotz des allgemeinen Männerüberschusses, in der Bourgeoisie ein Frauenüberschuß besteht und die Verheiratbarkeit auch hier eine beschränkte bleibt.

Nach alledem scheint es klar zu sein, daß, selbst wenn auf der ganzen Erde eine annähernde Gleichheit der Geschlechter festgestellt werden könnte, die bürgerliche Frauenfrage dadurch noch nicht gelöst sein würde, und die von Eduard von Hartmann nicht unrichtig bezeichnete Jungfernfrage auch in solchen Ländern besteht, wo ein Ueberschuß an Männern konstatiert wurde.

Die Frage kompliziert sich aber noch dadurch, daß eine Gegenüberstellung der Geschlechter allein nicht genügt, um die Verheiratbarkeit festzustellen, sondern die Gegenüberstellung der Heiratsfähigen dazu notwendig ist. Berechnen wir zunächst beide Geschlechter nach gleichen Altersstufen und nehmen wir, um nicht zu tief greifen zu müssen, 20 Jahre als untere und 40 Jahre als obere Altersgrenze an, so ergiebt sich folgendes[314]:

Auf 1000 männliche im Alter von 20-40 Jahren treffen weibliche Personen:

Deutschland 1034 Oesterreich 1047 Schweiz 1080 Niederlande 1029 Belgien 987 Dänemark 1102 Schweden 1096 England und Wales 1093 Schottland 1104 Irland 1062 Frankreich 1003

Aber auch diese Tabelle vermag den Kern der Sache noch nicht zu treffen. Denn, da das Heiratsalter der Männer in den meisten Ländern erst mit dem 25. Jahre beginnt und später schließt, als das der Frauen[315], so müßte man, um zu einem genaueren Resultat zu kommen,--obwohl auch das, infolge der großen Verschiedenheit des Altersaufbaus der Heiratenden, je nach den Nationalitäten, nicht unbedingt sicher sein kann,--die Männer im Alter von 25-45 Jahren den Frauen von 20-40 Jahren gegenüberstellen Leider müssen wir uns hierbei nur auf die Resultate weniger Länder beschränken, weil die Bevölkerung nicht durchweg, wie es wünschenswert wäre, nach fünfjährigen Altersperioden berechnet wird Das Ergebnis ist dieses[316]:

Männer Frauen Auf 1000 Männer Länder 25-45 Jahre 20-40 Jahre kommen Frauen

Deutschland 6229564 7272025 1167 Oesterreich 3147188 3638396 1154 Frankreich 5420922 5743177 1069

Auch abgesehen von den in die Augen springenden Zahlenverhältnissen ist es klar, daß bei dem bestehenden Altersaufbau der Heiratenden die _Verheiratbarkeit des weiblichen Geschlechts immer eine unvollkommene bleiben muß, weil es stets mehr Frauen über 20 als Männer über 25 Jahren giebt_.

Nun handelt es sich aber nicht allein darum, wie viel Frauen durch die Heirat eine Versorgung finden können, sondern vielmehr darum, welcher Prozentsatz von ihnen thatsächlich heiratet.

Die letzten Zählungen ergaben folgende Anzahl verheirateter Frauen:

Länder Zählungsperiode Zahl der Verheiratete Prozent Frauen Frauen 15 u. darüber

Deutschland 1895 16531748 8398607 50,80 Oesterreich 1891 9353260 4022202 43,00 Frankreich 1891 12359544 7656679 61,95 England 1891 9848981 4916449 41,71 Vereinigte Staaten 1890 19602178 11126196 56,76

Wir sehen daraus, daß zur Zeit der betreffenden Zählung circa die Hälfte heiratsfähiger Frauen ledig, verwitwet oder geschieden waren. Diese Thatsache hat die bürgerliche Frauenbewegung vielfach als Agitationsmittel zu verwenden gesucht, indem sie alle alleinstehenden erwachsenen Frauen als solche betrachtet wissen wollte, die auf den Erwerb angewiesen sind. Das aber ist ein Trugschluß. Denn ganz abgesehen davon, daß ein großer Teil der Ledigen noch bei den Eltern lebt und von ihnen versorgt wird, ein anderer, wenn auch ein viel kleinerer, durch eigenes Vermögen, Pension oder dergleichen sich erhält, kann ein beträchtlicher Prozentsatz der Mädchen noch darauf rechnen, zu heiraten, um so mehr, als sie nicht nur auf die ledigen Männer sondern auch auf die Witwer zählen können, die bekanntlich sehr häufig zu einer zweiten Ehe schreiten. Man kommt daher der Zahl der wirklich Uebriggebliebenen viel näher, wenn man nicht die Unverheirateten im allgemeinen ins Auge faßt, sondern nur diejenigen, die das Alter der Verheiratbarkeit überschritten haben. Da sich auf Grund verschiedener Berechnungen ergeben hat, daß für Frauen, die das vierzigste Lebensjahr überschritten haben, die Heiratswahrscheinlichkeit eine sehr geringe ist, so können wir die ledig Bleibenden von dieser Altersgrenze an zusammenstellen. Das Ergebnis ist dies:

Länder Unter 100 weibl. Personen von 40 und mehr Jahren sind ledig

Deutschland 10,7 Oesterreich 15,6 Frankreich 12,7 Großbritannien und Irland 14,0 Belgien 17,6 Niederlande 13,5 Schweiz 18,3

Damit aber können wir uns keineswegs beruhigen, denn nicht nur, daß es bis zu vierzig Jahren noch eine große Zahl Mädchen giebt, die nicht heiraten, oder sagen wir lieber, die nicht geheiratet werden, wir müssen vielmehr, bei der Betrachtung der Ursachen der Frauenbewegung, nicht die Ledigen allein, sondern die Alleinstehenden im allgemeinen berücksichtigen. Da die Frauen im Durchschnitt früher heiraten als die Männer, eine längere Lebensdauer haben als sie und schwerer zum zweiten Male heiraten, so ist es natürlich, daß es eine große Zahl Witwen giebt, zu denen die geschiedenen Frauen noch hinzukommen. Die genauen Zahlen sind folgende:

Länder Frauen Auf 100 Frauen über 15 Jahren sind Witwen

Deutschland 2208579 13,36 Oesterreich 1001136 10,70 England 1124310 11,40 Frankreich 2060778 16,67 Vereinigte Staaten 2226510 11,30

Wir müssen aber auch noch einen anderen Umstand in Betracht ziehen, der gerade für die bürgerliche Frauenfrage von Wichtigkeit ist: die späten Heiraten. Nach einer preußischen Statistik[317] heiraten Mädchen in bürgerlichen Berufen durchschnittlich erst mit 28 Jahren, und wenn dem gegenüber auch behauptet werden kann, daß die Berufsthätigkeit die Heirat hinausschiebt, so muß andererseits doch auch betont werden, daß die späten Heiraten zur Berufsarbeit zwingen. Daher können auch, soweit nur die Bourgeoisie in Frage kommt, die verheirateten Frauen nicht ohne weiteres zu denen gerechnet werden, die niemals dem Erwerb nachgingen, weil thatsächlich viele von ihnen vor der Ehe darauf angewiesen waren.

Auf Grund der bisherigen Erörterungen sind wir zu dem Resultat gekommen, daß eine große Zahl von Frauen nicht heiraten können, weil es an Männern fehlt und noch mehr nicht heiraten, weil die Heiratslust der ledigen Männer keine große, ist. Für die künftige Entwicklung der Frauenfrage, der bürgerlichen insbesondere, ist es nun aber von größter Bedeutung, ob eine Aussicht vorhanden ist, daß zwei ihrer Ursachen,--der Frauenüberschuß und die Heiratsunlust der Männer,--verschwinden oder in ihren Wirkungen abgeschwächt werden können. Da entsteht zunächst die Frage, aus welcher Wurzel beide entspringen.

Die feststehende Thatsache eines Knabenüberschusses bei der Geburt, 106 Knaben auf 100 Mädchen, hat viele[318] zu der Annahme verführt, als bestände ein Naturgesetz des Gleichgewichts der Geschlechter. Wir haben gesehen, daß schon die verschiedene Verteilung und Altersgliederung der Geschlechter dem widerspricht. Für den vorhandenen Frauenüberschuß ist jedoch der Hauptgrund in den verschiedenen Absterbeverhältnissen der Geschlechter zu suchen.[319] Die Sterbeziffern haben sich für das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts folgendermaßen gestaltet[320]:

Setzt man die männliche Sterbe- Männer Frauen ziffer = 100, so ergeben sich für die weibliche Sterbeziffer:

Italien 26,2 25,6 98 Frankreich 23,6 21,6 92 Schweiz 21,3 19,5 91 Belgien 21,9 19,8 90 Niederlande 20,8 19,2 92 Deutschland 25,0 22,5 90 Oesterreich 29,8 26,8 90 Ungarn 33,7 32,2 96 England und Wales 20,6 17,8 89 Schottland 19,6 18,7 95 Irland 18,4 18,5 100,6 Schweden 17,8 16,7 91 Norwegen 18,3 16,5 91 Dänemark 19,7 18,3 93 Finland 22,2 20,4 92 Massachusetts 20,7 19,0 92 Connecticut 20,5 18,7 91 Rhode Island 20,4 19,0 93 Japan 21,7 21,1 97

Die größere Sterblichkeit der männlichen Säuglinge vor den weiblichen, die längere Lebensdauer der Frauen im allgemeinen,--auf 100 gestorbene Mädchen im Alter bis zu 5 Jahren sterben etwa 114 Knaben, auf 100 gestorbene Frauen im Alter von 60 bis 80 Jahren sterben gegen 108 Männer,--scheint für die stärkere Lebenskraft der Frauen zu zeugen. Von einschneidenderer Bedeutung jedoch ist es, daß die Männer sowohl als Soldaten wie als Erwerbsthätige im allgemeinen größeren Gefahren ausgesetzt sind, als die Frauen und daß sie infolge ihrer Lebensweise,--geschlechtlichen Excessen, Alkoholgenuß u. dergl.,--zerstörenden Krankheiten leichter unterworfen werden. Unter den gegenwärtig herrschenden wirtschaftlichen Verhältnissen, die die Intensität des Kampfes ums Dasein steigern und sittlich korrumpierend auf Reiche und Arme wirken, ist daher an eine Abnahme der Sterblichkeit der Männer nicht zu denken, dagegen ist bei der Zunahme der weiblichen Erwerbsthätigkeit eher eine Annäherung der Sterbeziffern beider Geschlechter möglich.

Was ihre Heiratsziffern, deren Zu- resp. Abnahme betrifft, so stellen sie sich folgendermaßen dar[321]:

Auf 100 Einwohner heirateten

1841/50 1881/90

Schweden 7,27 6,26 Norwegen 7,78 6,52 Dänemark 7,87 7,33 Finland 8,15 7,32 England 8,05 7,47 Niederlande 7,41 7,08 Belgien 6,79 7,07 Deutsches Reich 8,05 7,77 Westösterreich 7,71 7,50 Galizien 9,54 8,50 Frankreich 7,94 7,38

Man kann auf Grund dieser Statistik nachweisen, daß sich die Heiratsziffer überwiegend im Rückgang befindet. Umfassen die Berechnungen kürzere Zeiträume, so sind natürlich auch die Differenzen geringer, ja es zeigen sich zuweilen, wie z.B. in Deutschland, nur Schwankungen. Es ist aber ein Fehlschluß, daraufhin ein durchschnittliches Gleichbleiben der Heiratsfrequenz behaupten zu wollen[322], und es ist verkehrt, den Töchtern der Bourgeoisie dieses Gleichbleiben gewissermaßen als Tröstung vorzuhalten. Nicht nur, daß das Heiratsalter der Männer in bürgerlichen Kreisen sich immer weiter hinausschiebt,--in Preußen beträgt es bei den Berufslosen durchschnittlich 41, bei den öffentlichen Beamten 33 Jahr,--und die Heiratsfrequenz infolgedessen notwendig sinkt, ihre Heiratslust ist auch in ständiger Abnahme begriffen. Leider läßt sich das statistisch nicht feststellen, da es fast ganz an einer Einteilung der Heiratenden nach sozialen Schichten fehlt.[323] Nach einer Berechnung über die Bevölkerung Kopenhagens kommen auf 100 Männer in bürgerlichen Berufen nur 51,94% Verheiratete resp. verheiratet Gewesene, während auf diejenigen in proletarischen Berufen 62,40% kommen[324]; über die Abnahme der Heiratsfrequenz in der Bourgeoisie findet sich aber auch hier nichts, sie läßt sich jedoch mit einiger Sicherheit auf Grund der allgemeinen Entwicklungstendenz behaupten.[325] Wo eine Schwankung, wo eine Steigerung der Heiratsziffern zu finden ist, dürften sie allein auf Rechnung der größeren Heiratsfrequenz im Proletariat zu setzen sein, während die Eheschließungen in der Bourgeoisie sich in stetiger Abnahme befinden. Und hier stoßen wir wieder auf einen wesentlichen Unterschied zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenfrage: der Proletarier heiratet früh und leicht--sogenannt leichtsinnig--, weil die Frau in der Ehe keine "Versorgung" sucht, ihre Arbeitskraft, d.h. die Möglichkeit, sich selbst zu versorgen, ist sogar meist die gesuchteste Mitgift; der Mann aus bürgerlichen Kreisen heiratet spät und schwer, weil die ganze Last der Bestreitung des Familienlebens allein auf seinen Schultern ruht, falls er keine reiche Frau findet. Aber auch da, wo das Einkommen des Mannes ihm die Erhaltung einer Familie leicht machen würde, nimmt die Heiratslust ab. "Ein gewisses Maß des höheren Wohlbefindens wirkt in der Neuzeit nicht mehr ehefördernd"[326], im Gegenteil: der Junggeselle, der sich ein bequemes Leben schaffen kann, scheut sich, es aufzugeben. Und die praktischen Erwägungen über die Möglichkeit, eine Familie auf dem gleichen gesellschaftlichen Niveau zu erhalten, sind um so gewichtiger, je mehr der Mann seine Liebesempfindung in hundert kleinen Passionen und Verhältnissen verzettelt hat, je unfähiger er also ist, in erster Linie einem Zuge des Herzens zu folgen, hinter den alle Bedenken von selbst zurücktreten. Der moderne junge Mann der bürgerlichen Kreise--mag er Beamter, Offizier, Schriftsteller, Künstler oder Kaufmann sein--hat aber gewöhnlich nur ein Einkommen, das kaum ihm persönlich ein standesgemäßes Leben sichert, und es gehört mit zu jener Masse verschrobener Ehrbegriffe, daß die Aufrechterhaltung eines solchen Lebens unbedingt notwendig ist. Sein Junggesellenleben, das ihm besonders in der Großstadt in jeder Beziehung bequem gemacht wird, ist für ihn angenehmer und billiger, als es das eheliche Leben sein würde, das ihm überdies, wenn er Umschau hält unter seinen verheirateten Bekannten, höchst selten verlockend erscheinen wird. Auch seine Herzensbedürfnisse kann er für wenig Geld befriedigen; setzt er Kinder in die Welt, so kosten sie ihm nicht so viel, als eheliche kosten würden, er trägt keine Verantwortung für ihr Fortkommen und sie haben so gut wie keine Rechte an ihn. Wenn er überhaupt heiratet, so geschieht es nicht selten erst zu einer Zeit, wo er auf den bitteren Grund der genossenen Freuden gestoßen ist und der Ruhe und Pflege bedarf. Doch auch für sittlich ernst denkende Männer der bürgerlichen Kreise, die gern heiraten möchten, wird die Eheschließung immer mehr erschwert. Ihr Einkommen steht meist zu den Bedürfnissen in größtem Mißverhältnis; ihr Beruf selbst erschwert häufig die Familiengründung, indem er Reisen und häufigen Ortswechsel nach sich zieht und ihr Fortkommen darin von ihrer leichteren Beweglichkeit abhängig ist. Aber die Schuld,--wenn überhaupt gegenüber den Ergebnissen wirtschaftlicher Entwicklungen von Schuld gesprochen werden kann,--an dem Rückgang der Heiratsfrequenz trifft nicht allein die Männer.

In der Bourgeoisie, besonders in der des Mittelstandes, die von fortschrittlichen Ideen am schwersten berührt wird, ist die Erziehung der Töchter im allgemeinen durchaus dazu angethan, gerade die besten Männer vom Heiraten abzuschrecken: sie können weder geistig gleichstehende Gefährtinnen, noch gute Hausfrauen und Mütter werden; sie sind Dilettantinnen in allen Dingen, von ihren oberflächlichen Schulkenntnissen und traurigen künstlerischen Betätigungen an bis in ihr niedergetretenes Gefühlsleben hinein. Sie sind für den Mann Luxusgegenstände, nicht viel anders als es die Haremsfrauen für die Muhamedaner sind, und sie sind nicht dazu angethan, den Trieb zur Ehe zu erhöhen.

Bei den gesteigerten Ansprüchen, die die Erziehung der Söhne an den Geldbeutel des Vaters macht, bei der wachsenden Schwierigkeit für sie, sich selbst zu erhalten, auch wenn sie ganz bescheiden leben,--ein preußischer Leutnant ist oft zehn Jahre lang auf ein Monatsgehalt von 75 bis 97 Mark[327], und unbesoldete Referendare sind oft bis zum 30. Lebensjahr ganz auf ihre Eltern angewiesen,--bleibt für die Mitgift der Töchter immer weniger übrig, und ihre Heiratsaussichten schwinden mehr und mehr, während ihre Ansprüche schon unwillkürlich durch die Gewohnheit des Lebens im elterlichen Hause gesteigerte sind. Wird ihr Vater pensioniert, oder ihre Mutter wird Witwe, so steht die bitterste Not vor der Thür. Einige Zahlen mögen zur Illustration dienen: Ein preußischer Hauptmann erhält eine Pension von 1033 bis höchstens 4000 Mark jährlich, ein Stabsoffizier kann schon mit 2300 Mk. jährlich pensioniert werden; das Witwengeld schwankt zwischen dem Mindestbetrag von--216 Mk. und dem Höchstbetrag von 3000 Mk. jährlich, den aber nur die Witwe eines Generals erhält, die an ein Jahreseinkommen von 10 und 20000 Mk. gewöhnt war[328]; das Waisengeld beträgt 1/5 der Witwenpension, ist also auch nicht entfernt ausreichend, die Kinder, entsprechend der sozialen Schicht, der sie angehören, zu erziehen. In demselben Verhältnis bewegen sich die für Beamte, deren Witwen und Waisen festgesetzten Pensionen. Weisen wir noch darauf hin, daß auch der kaufmännische Mittelstand sich in einer keineswegs beneidenswerten Lage befindet, da er mehr und mehr vom kaufmännischen Großbetrieb zurückgedrängt wird, so erklärt sich daraus zum großen Teil die abnehmende Verheiratbarkeit der Töchter, und ihr zunehmendes Eindringen in die Erwerbsarbeit.

So ist vorauszusehen, daß der Rückgang der Heiratsfrequenz, der in der Hauptsache auf wirtschaftliche Ursachen zurückzuführen ist, die Zunahme der auf Erwerb angewiesenen alleinstehenden Frauen sich auch in Zukunft weiter entwickeln, und der wesentliche Ausgangspunkt der Frauenbewegung, insbesondere der bürgerlichen, bleiben wird. Es ist jedoch nicht der einzige.

Die Zeichen beginnen sich zu mehren, wonach nicht nur die unversorgte, sondern auch die durch die Ehe versorgte Frau der Bourgeoisie eine Berufsthätigkeit zu suchen gezwungen ist, ebenso wie die Proletarierin, wenn auch oft aus anderen Gründen als sie. Dabei will ich derer nicht gedenken, die, um ihr Wirtschafts- oder ihr Toilettengeld zu erhöhen, der Arbeiterin Schmutzkonkurrenz machen, sondern vielmehr jener, deren brachliegende Kräfte nach Bethätigung verlangen. Ihre Zahl steigt, je mehr die Industrie sie als Hausfrau und die Schul-Erziehung sie als Mutter entlastet. Der Gasherd, die elektrische Beleuchtung, die Zentralheizung, die Dampfwäschereien sind schon heute wichtige Faktoren im Emanzipationskampf der Frau, denen in den verschiedensten Formen eine unbegrenzte Entwicklung bevorsteht. Die Kindergärten, der öffentliche Schulunterricht, die zunehmende Neigung, heranwachsende Kinder auf Jahre hinaus Instituten anzuvertrauen, die sie womöglich von dem geistig und körperlich korrumpierenden Einfluß der Städte fernhalten, geben der Mutter ein gut Stück der freien Verfügung über ihre Zeit zurück, das sich dadurch noch vermehrt, daß die Berufsarbeit und die politischen Interessen des Mannes ihn immer mehr aus dem Hause führen. Ueber diese Dinge mag man denken, wie man will, mag ihnen freundlich oder feindlich gegenüberstehen,--ableugnen lassen sie sich nicht und auf ihnen beruht ein weiterer Fortschritt der Frauenbewegung, neben einer unausbleiblichen weiteren Zersetzung des traditionellen Familienlebens. Die unbeschäftigten Gattinnen und Mütter haben die Wahl, ihre Zeit mit Vergnügungen totzuschlagen oder sie mit nützlicher Thätigkeit auszufüllen. Die besten unter ihnen suchen nach Arbeit. Zunächst fanden sie sie in Wohlthätigkeitsvereinen; mit der wachsenden Erkenntnis entwickelt sich dann aus dem oft recht schädlichen Wohlthun eine ernstere soziale Hilfsarbeit, die schließlich zu dem Wunsche nach einer geregelten Berufsthätigkeit führt. So läßt sich mit Recht behaupten, daß die Frauenbewegung mit der Lösung der Jungfernfrage, nicht, wie Eduard von Hartmann behauptet, aus der Welt geschafft sein würde, daß vielmehr der Kampf um Arbeit auch der verheirateten Frauen der Bourgeoisie, der sich eben erst im Anfangsstadium befindet, ihr eine sehr lange Dauer sichert, eine um so längere, als das steigende Mißverhältnis zwischen Bedürfnissen und Einnahmen sie schon zu nötigen anfängt, für den Erwerb zu arbeiten.

Es hat sich gezeigt, daß die Zunahme der alleinstehenden Frauen, die Abnahme der Heiratsfrequenz und die wirtschaftliche Not als Ursachen der Frauenbewegung in allen Ländern anzusehen sind. Gleiche Ursachen werden notwendig gleiche Wirkungen hervorbringen. Das Vordringen der Frau in alle Erwerbsgebiete haben wir aus dem geschichtlichen Ueberblick ihres Kampfes um Arbeit kennen gelernt. Es handelt sich nun darum, festzustellen, in welchem Tempo es fortschreitet, und wie sich dieses Tempo im Vergleich zur Männerarbeit darstellt. Sehen wir zunächst von der Unterscheidung in bürgerliche und proletarische Arbeit ab, so ergiebt sich für nachbenannte Staaten folgendes Verhältnis der erwerbsthätigen Bevölkerung zur Gesamtbevölkerung: