Die Frauenfrage: ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite

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Chapter 13,057 wordsPublic domain

Die Frauenfrage

ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite

Von Lily Braun

Leipzig

Verlag von S. Hirzel

1901

Meinem Mann und meinem Sohn.

Vorwort.

Auf Grund vieljähriger Arbeit habe ich den Versuch unternommen, die Frauenfrage in ihrem ganzen Umfang einer Darstellung zu unterziehen. Meinen Ausgangspunkt bezeichnet das für ihr Verständnis entscheidende Moment der wirtschaftlichen Lage der Frau. Von welcher Seite man auch das weitverzweigte Problem betrachte, die realen Existenzbedingungen des weiblichen Geschlechts innerhalb der Gesellschaft bilden für die Vergangenheit wie für die Gegenwart den orientierenden Ariadnefaden, ohne den das Urteil fehl gehen muss. Nur indem man die ökonomischen Thatsachen nach der ihnen zukommenden Bedeutung wertet, erschließt sich der Zusammenhang der Frauenfrage mit der sozialen Frage, deren integrierender Bestandteil sie ist.

Mein Buch giebt zunächst eine gedrängte Geschichte der Entwicklung der Frauenfrage und der Frauenbewegung von den ältesten Zeiten bis zum 19. Jahrhundert. In eingehender Darstellung behandelt es sodann die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, schildert die ökonomische Lage der Frau in den wichtigsten Kulturländern, bespricht die sozialpolitische Gesetzgebung, kritisiert sie, stellt die Grenzen ihres Einflusses fest und wirft einen Ausblick auf die Bedingungen, unter denen eine organische Lösung der Frauenfrage möglich ist.

Dem vorliegenden Band, der ein in sich abgeschlossenes Ganzes bildet, wird ein zweiter folgen, der die zivilrechtliche und öffentlichrechtliche Stellung der Frau, die psychologische und ethische Seite der Frauenfrage zum Gegenstand hat.

Wie weit mir die Aufgabe gelungen ist, steht dahin, und wird sachkundige Kritik entscheiden. Eines aber darf ich geltend machen: daß die Darstellung auf einem umfassenden Studium der Litteratur, insbesondere auch, soweit es sich um die Ermittelung der thatsächlichen Zustände handelt, auf der Benutzung der amtlichen Statistiken, staatlichen wie privaten Enqueten, kurz so weit als möglich auf quellenmäßigen Untersuchungen beruht.

_Berlin_, Oktober 1901.

Lily Braun.

Inhalt.

Vorwort

ERSTER ABSCHNITT.

Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert.

_Erstes Kapitel_: Die Frauenfrage im Altertum

Die Periode des Mutterrechts.--Die Blutgemeinschaftsfamilie und die Schwägerschaftsverbände.--Die Entwicklung zur Monogamie.--Die Gesetzgebung in Bezug auf die Frauen.--Platos und Aristoteles' Stellung zur Frauenfrage.--Die Frauenfrage im römischen Reich.--Die Stellung der Frauen bei den Germanen.

_Zweites Kapitel_: Das Christentum und die Frauen

Christus und die Frauen.--Das kanonische Recht.--Die römisch-katholische Kirche in Bezug auf die Frauenfrage.--Die Nonnenklöster und ihre Bildung.--Die Folgen der Reformation für das weibliche Geschlecht.

_Drittes Kapitel_: Die wirtschaftliche Lage der Frauen

Die hörigen Frauen in Burgen und Klöstern.--Die Prostitution im Mittelalter.--Das zünftige Handwerk und seine Stellung zur Frauenarbeit.--Weibliche Genossenschaften und Beginenkonvente.--Der Ausschluß der Frauen aus den Zünften.--Die Anfänge der industriellen Entwicklung.

_Viertes Kapitel_: Die Stellung der Frauen im Geistesleben

Frauenbildung in der italienischen Renaissance.--Die berühmten Frauen Spaniens.--Christine de Pisan und die Bildung der Frauen Frankreichs.--Der erste deutsche Vorkämpfer der Frauenbewegung.--Die gelehrten Frauen und ihre Neigung zur Mystik.--Die Erziehungspläne Mary Astells.--Die "gelehrten Frauenzimmer" des 18. Jahrhunderts.--Die französische Salondame.--Rousseaus Einfluß auf die Frauen.

_Fünftes Kapitel_: Die Frauen im Zeitalter der Revolution

Die französischen Frauen in Philosophie und Politik.--Die Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation in Amerika.--Talleyrand und das Recht der Frauen auf Bildung.--Die französischen Arbeiterinnen und ihre Forderungen.--Die Frauenvereine während der Revolution.--Olympe de Gouges.--Auflösung der Frauenvereine durch den Konvent.--Condorcets Verteidigung der Frauenrechte.--Mary Wollstonecraft.--Hippels "bürgerliche Verbesserung der Weiber".

ZWEITER ABSCHNITT.

Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage.

_Erstes Kapitel_: Der Kampf um Arbeit in der bürgerlichen Frauenwelt

Anfänge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt beruflicher Arbeit: Fénelons Reform der Mädchenerziehung.--Basedow und Karoline Rudolphi über die Erziehung der Töchter.--Die Erziehungsreform in England und Amerika.--Der Einfluß der Klassiker auf deutsche Frauenbildung.--Das Eindringen der Frauen in bürgerliche Berufssphären: in Amerika,--in England,--in Frankreich,--in Deutschland.--Die Anfänge der deutschen Frauenbewegung.--Die Bestrebungen für Frauenbildung und Frauenarbeit in neuester Zeit: in den Vereinigten Staaten,--in England,--in Frankreich,--in Rußland,--in Schweden,--in Dänemark,--in Holland und Belgien,--in der Schweiz,--in Italien,--in Spanien und Portugal,--in Oesterreich,--in Deutschland.

_Zweites Kapitel_: Die treibenden Kräfte der bürgerlichen Frauenbewegung

Das numerische Uebergewicht des weiblichen Geschlechts über das männliche.--Das Verhältnis der Knaben- und Mädchengeburten in bürgerlichen und proletarischen Familien.--Die Verheiratbarkeit nach den Altersstufen.--Statistik der verheirateten und der ledigen Frauen--Der Knabenüberschuß bei der Geburt.--Die größere Sterblichkeit der Männer.--Der Rückgang der Heiratsziffern und seine Ursachen.--Statistik der erwerbsthätigen Frauen.--Statistik der Frauenarbeit in bürgerlichen Berufen.--Die verheirateten Frauen in bürgerlichen Berufen.--Die wirtschaftliche Lage der Lehrerinnen.--Die Löhne der Handelsangestellten.--Die Bühnenkünstlerinnen und die weiblichen Journalisten.

_Drittes Kapitel_: Die bürgerliche Berufsthätigkeit von prinzipiellen Gesichtspunkten

Der Unterschied der Geschlechter in Bezug auf die Körperkräfte.--Das weibliche Gehirn.--Der Einfluß der Geschlechtsfunktionen auf die Berufsthätigkeit.--Mutterschaft und Frauenarbeit.--Die Zerstörung der Weiblichkeit durch die Berufsthätigkeit.--Der Unterschied der Geschlechter in Bezug auf die geistige Befähigung.--Das weibliche Genie und seine Zukunft.

_Viertes Kapitel_: Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit

Die technische Revolution im Anfang des 19. Jahrhunderts.--Die Zunahme der Frauenarbeit infolge der Einführung der Maschinen.--Der Kampf der Arbeiter gegen die Maschine.--Der Kampf der Männer gegen die Frauenarbeit.--Die Entwicklung der modernen Hausindustrie.--Frauenlöhne um die Mitte des 19. Jahrhunderts.--Arbeiterwohnungen.--Die sanitären Zustände in den ersten Fabriken.--Die Lage der Landarbeiterinnen um die Mitte des 19. Jahrhunderts.--Die Entwicklung der Dienstbotenfrage.--Proletarische Frauenarbeit im Handel.

_Fünftes Kapitel_: Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach den letzten Zählungen

Das numerische Verhältnis der proletarischen Frauenarbeit zur bürgerlichen.--Das Wachstum der proletarischen Arbeit im Verhältnis zum Wachstum der Bevölkerung.--Das numerische Verhältnis der männlichen zu den weiblichen Arbeitern.--Die Frauenarbeit nach Berufsabteilungen, ihre Zu- resp. Abnahme.--Das Tempo des Wachstums der Frauenarbeit in der Industrie.--Die proletarische Frauenarbeit in Alleinbetrieben.--Die mithelfenden Familienangehörigen.--Die Verteilung der Frauenarbeit in der Industrie je nach den Berufsarten.--Die Statistik der Hausindustrie: in Deutschland,--in Oesterreich,--in Frankreich,--in Belgien--Die Abnahme der häuslichen Dienstboten.--Die Altersgliederung der Arbeiterinnen.--Der Familienstand der Arbeiterinnen.--Die Zunahme der Arbeit verheirateter Frauen.

_Sechstes Kapitel_: Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart

_Die Großindustrie_: Die Löhne der Fabrikarbeiterinnen.--Verhältnis der Frauen- zu den Männerlöhnen.--Differenzierung der Arbeit nach Geschlechtern.--Die Ursachen der Erwerbsarbeit verheirateter Frauen.--Das Verhältnis des Lohnes zu den Lebensbedürfnissen.--Die Arbeitszeit der Fabrikarbeiterin.--Der Einfluß der Fabrikarbeit auf die Gesundheit der Frau.--Der Einfluß der Fabrikarbeit verheirateter Frauen auf die Familie.

_Hausindustrie und Heimarbeit_: Die Textil-Hausindustrie.--Die Lage der Arbeiterinnen in absterbenden Hausindustrien.--Die Dezentralisation des Großbetriebes und ihr Einfluß auf die Frauenarbeit.--Die Lage der Nadelarbeiterinnen.--Das Sweating-System.--Die sanitären und sittlichen Folgen der Hausindustrie.--Die Existenzbedingungen der Hausindustrie.

_Der Handel_: Die Löhne der Verkäuferinnen.--Die Ladenzeit.--Die Ueberbürdung der Lehrlinge.--Das Alter der Verkäuferinnen.--Die gesundheitlichen und sittlichen Folgen der Frauenarbeit im Handel.--Die Entwicklung zum Großbetrieb.

_Die Landwirtschaft_: Die Gliederung der ländlichen Arbeiterschaft.--Das landwirtschaftliche Gesinde.--Die Instleute, Scharwerker, Deputanten und Heuerlinge.--Die Tagelöhner.--Die Wanderarbeiter.--Die Arbeitsbedingungen der landwirtschaftlichen Arbeiterinnen.--Die ländlichen Arbeiterwohnungen.--Die Sittlichkeit auf dem Lande.

_Der häusliche und der persönliche Dienst_: Dienstbotenlöhne.--Die Dienstvermittlung.--Die Wohnräume der Dienstmädchen.--Die Beköstigung.--Die ununterbrochene Arbeitsbereitschaft.--Die freie Zeit der Dienstmädchen.--Ihre Herkunft.--Die sittlichen Gefahren des häuslichen Dienstes.--Das Ammenwesen.--Umwandlung des Haushalts durch den Mangel an Dienstboten.--Die Wäschereien im Klein- und Großbetrieb.--Die Entwicklung des Wirtshauslebens.--Die Lehrzeit im Kellnerinnenberuf.--Die Arbeitszeit der Kellnerinnen.--Die Lohnverhältnisse im Gastwirtsgewerbe.--Die Trinkgelder und ihr Einfluß.--Wohnung und Kost.--Die sanitären und sittlichen Folgen des Kellnerinnenberufs.

_Siebentes Kapitel_: Die Arbeiterinnenbewegung

Die Arbeiterinnenbewegung ein Bestandteil der Arbeiterbewegung.--Die Nur-Frauengewerkschaften.--Die Trennung der deutschen Arbeiterinnenbewegung von der bürgerlichen Frauenbewegung.--Die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen: in Deutschland,--in Oesterreich,--in England,--in Frankreich,--in den Vereinigten Staaten. Die Schwierigkeit der Organisation der Frauen und ihre Gründe.--Die Mittel zur Besiegung der Organisationsunfähigkeit der Frauen.--Die Teilnahme der Frauen an der genossenschaftlichen Bewegung.--Die Sozialdemokratie und die Arbeiterinnenbewegung.--Die politischen Erfolge der deutschen Arbeiterinnenbewegung.--Die Stellung der Arbeiterinnenbewegung zur bürgerlichen Frauenbewegung.--Die positiven Aufgaben der Arbeiterinnenbewegung.

_Achtes Kapitel_: Die Bürgerliche Frauenbewegung Und Ihre Stellung Zur Arbeiterinnenfrage

Die Wohlthätigkeitsbestrebungen und die soziale Hilfsarbeit.--Die prinzipielle Ablehnung des Arbeiterinnenschutzes durch die bürgerliche Frauenbewegung.--Die Sozialreform und ihre Vertretung innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung.--Die Stellung des Bundes deutscher Frauenvereine zur Arbeiterinnenfrage.--Die Haltung der Frauenrechtlerinnen gegenüber der Dienstbotenfrage.--Die Organisation der Arbeiterinnen durch die bürgerliche Frauenbewegung.--Die Wirkungen der bürgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die Arbeiterinnen.

_Neuntes Kapitel_: Die Sozialpolitische Gesetzgebung Und Ihre Aufgaben

_Der Arbeiterinnenschutz_: Seine historische Entwicklung.--Synoptische Uebersicht des geltenden Rechts.--Die Regelung der Arbeitszeit in der Großindustrie.--Der Ausschluß der verheirateten Frauen aus den Fabriken.--Die Ueberarbeit und die Nachtarbeit.--Die Sonntagsarbeit.--Arbeitsverbote in gesundheitsgefährlichen Betrieben.--Der Schutz der Schwangeren und Wöchnerinnen.--Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie.--Sanitäre Vorschriften in Bezug auf die Hausindustrie.--Unterdrückung der Heimarbeit.--Der Arbeiterschutz im Handelsgewerbe.--Die Aufgaben der Gesetzgebung gegenüber den Landarbeitern.--Der Kellnerinnenschutz.--Die Trinkgelderfrage.--Die Gesindeordnungen.--Arbeiterschutz für Dienstboten.--Die genossenschaftliche Hauswirtschaft.--Die Fortbildungsschulen.--Die freie Verfügung über den Arbeitsertrag.--Die Gewerbegerichte.--Das Koalitionsrecht.

_Die Arbeiterinnenversicherung_: Ihre historische Entwicklung.-- Synoptische Uebersicht des geltenden Rechts.--Die Krankenversicherung.-- Die Mutterschaftsversicherung.--Die Unfallversicherung.--Die Alters- und Invaliditätsversicherung.--Die Versorgung der Witwen und Waisen.--Die Frage der Arbeitslosenversicherung.--Die kommunale und staatliche Arbeitsvermittlung.--Die Ausdehnung der Arbeiterversicherung.

_Die Grenzen der Gesetzgebung_: Der Gegensatz der Interessen zwischen Unternehmern und Arbeitern.--Die Prostitution.--Die Frauenarbeit, das revolutionierende Element in der sozialen Entwicklung.

Erster Abschnitt.

Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert.

1. Die Frauenfrage im Altertum.

Die Entwicklungsgeschichte der Frau nimmt in der allgemeinen Menschheitsgeschichte, wie sie uns von Kindheit an überliefert wird, einen verschwindend kleinen Raum ein. Es ist vor allem eine Geschichte der Kriege und daher eine der Männer, die wir unserem Gedächtnis haben einprägen müssen. Erst in neuester Zeit scheint sich fast unmerklich ein Umschwung vorzubereiten. Neben die politische tritt die Kulturgeschichte, neben die Thaten und Abenteuer der Fürsten und Helden des Schwertes tritt das Leben und Leiden des Volks und seiner geistigen Führer. Der natürliche menschliche Egoismus hatte der Geschichtschreibung einen Klassencharakter verliehen. Die Herrschenden und Gebildeten sahen über ihren Kreis nicht hinaus; wie man in den Feldzugsberichten nur von dem Heerführer als dem Sieger spricht, ihm allein Lorbeeren weiht und Denkmäler baut, und die Tausende, die eigentlich die Schlachten schlugen, wenig beachtet, so wurde auch das Volk, der Träger der Menschheitsgeschichte, über denjenigen fast vergessen, die, begünstigt von Glück oder von der Begabung, weithin sichtbar aus der Masse hervorragten. Die fortschreitende ökonomische Entwicklung befreite diese Masse mehr und mehr aus ihrem Sklavenverhältnis, und während auf der einen Seite die Unterschiede zwischen Reichtum und Armut sich verschärften, wurde andrerseits eine gewisse Gleichheit der Bildung und Aufklärung befördert. Mit der Sklaverei und der Leibeigenschaft verschwand der Absolutismus: das zum Selbstbewußtsein erwachte Volk erhob Anspruch auf das Recht, bei der Bestimmung über sein Wohl und Wehe mitzusprechen, und gedieh zu einem Machtfaktor, mit dem gerechnet werden muß. Als es anfing, sich bemerkbar zu machen, wurde es von der Wissenschaft gleichsam erst entdeckt, man begann, sein Leben, Fühlen und Denken in Vergangenheit und Gegenwart zu erforschen, und eröffnete damit ein Gebiet, das einen fast unerschöpflichen Reichtum neuer Erkenntnis in sich birgt.

Einen ähnlichen Werdegang wie das Volk hat auch die Frau durchmessen. Sie steht jetzt in allen Kulturländern auf dem Punkt, sich ihre wirtschaftliche, rechtliche und sittliche Gleichberechtigung zu erkämpfen. Nur für denjenigen, der die Entwicklungsgeschichte kennt, der weiß, welch langen, mühevollen Weg sie bis zu diesem Punkt zurücklegen mußte, wird die große, weit über ihr Geschlecht hinausreichende Bedeutung dieses Emanzipationskampfes klar. Aus der Tiefe des weiblichen Wesens und seiner Geschichte ist die Frauenfrage herausgewachsen, und sie muß bis in ihre Wurzeln hinein verfolgt werden, um die ganze Schwierigkeit der in ihr enthaltenen Probleme zu erkennen und die richtigen Mittel zu ihrer Lösung zu finden.

Die Entwicklungsgeschichte des weiblichen Geschlechts stellt sich, soweit wir auf historischem Boden stehen, als eine lange, im Dunkeln sich abspielende Leidensgeschichte dar. Aber auch wenn wir diesen Boden verlassen und uns auf Grund gelehrter Forschungen ein Bild des Lebens der Frau in grauer Vorzeit zu machen versuchen, finden wir sie immer in einem Zustand der Enge und Begrenztheit des persönlichen Daseins. Er war zunächst durch die Natur ihres Geschlechts selbst begründet. Die Mutterschaft beschränkte ihre Bewegungsfreiheit und machte sie schutzbedürftig, obgleich--was wir berechtigt sind anzunehmen--die Geschlechtsfunktionen weit weniger als heute mit pathologischen Erscheinungen sich verbanden. Das kleine Kind jedoch bedurfte infolge seiner völligen Unselbständigkeit der mütterlichen Fürsorge und während der Mann--in welcher Periode der Menschheitsentwicklung immer--ungehindert durch Geschlechtsbeschränkungen seinen Trieben folgen konnte, erschien es als das erste, dem Menschen zum Bewußtsein kommende Naturgesetz, daß die Mutter an das Kind gefesselt war. Es machte die Frau im Vergleich, zum Mann von vornherein unfrei; es lud ihr Lasten und Leiden auf, die niemand ihr abnehmen konnte. Es trug aber auch den Keim der Entwicklung aller Zivilisation und aller Sittlichkeit in sich.

Die Mutterliebe, jenes ursprünglichste Gefühl, war die erste Erhellung moralischer Finsternis. Durch die Mutterliebe ging vom Weibe jede Erhebung der Gesittung aus.[1] Denn nicht der Bund zwischen Mann und Weib war, wie uns viele glauben machen wollen, die erste, unumstößliche Vereinigung, sondern der Bund zwischen Mutter und Kind.[2]

Die Entstehung des neuen Lebens aus dem Weibe war zugleich das erste Mysterium, das sich dem Menschen offenbarte. In den Mythologieen vieler Völker finden wir daher die Spuren göttlicher Verehrung des weiblichen Prinzips in der Natur: In der Göttin Isis beteten die Aegypter die fruchtbare Erde an. Neith, deren geheimnisvoller Tempel in Sais stand, war die Personifikation der mütterlichen, gebärenden Kraft. Von der Urmutter Themis erfährt Zeus das nur ihr bekannte Geheimnis des Alls. Ueber Odin, den Göttervater und alle Götter der Germanen stehen. Die Schicksalsgöttinnen, die Nornen. Gunnlöd, ein Weib, verwahrt den Trank der höchsten Weisheit; durch sie erst wird er Odin zu teil.

Aber die Bedeutung des Weibes als Mutter, die Urgemeinschaft zwischen Mutter und Kind liegt nicht nur der primitiven Religion, sondern auch dem primitiven Recht zu Grunde. Für das natürliche, durch keinerlei Klügeleien beirrte Rechtsbewußtsein war das Kind Eigentum der Mutter, die es unter ihrem Herzen trug, an ihrer Brust ernährte, seine ersten Schritte leitete, ihm Obdach und Nahrung gab. Es ist daher nicht zu verwundern, daß sich übereinstimmend bei zahlreichen Völkern eine Periode des geltenden Mutterrechts nachweisen läßt.

Vielfach ist diese Bezeichnung so verstanden worden, als ob sie mit Weiberherrschaft identisch wäre, und es giebt sogar Vorkämpfer der Frauenbewegung, die in der Gynäkokratie das goldene Zeitalter der Freiheit und Gleichheit des weiblichen Geschlechtes preisen, das verlorene Paradies, das wieder gefunden werden muß. Wer dagegen die Forschungen Morgans, Bachofens und anderer nüchtern prüft, vor dessen Augen erscheint die Zeit des Mutterrechts ohne jede poetische Verklärung als ein Zustand primitivster Kultur für Mann und Weib, und er findet keinerlei Zeichen dafür, daß das Weib eine "Oberherrschaft" nach unseren Begriffen ausgeübt hat.[3]

Versuchen wir es, uns ein Bild jenes Zustandes zu machen. Nach jahrtausendelanger Entwicklung hat sich der Mensch aus dem Tierreich losgelöst; er ist aus den Baumwipfeln, wo er sich zum Schutz vor den wilden und stärkeren Tieren vermutlich aufgehalten hat, zur Erde herabgestiegen und hat den ersten Triumph seines entwickelten Geistes gefeiert, indem er nicht nur den Stein gegen die Bedroher seines Lebens schleudern lernte, sondern ihn durch Bearbeitung zur Waffe gestaltete. Nun wird der Verfolgte zum Verfolger. Wohl kann das Weib, wie er, jagen und kämpfen, giebt es doch noch heute wilde Völkerschaften, in denen die Geschlechter einander an Kraft nicht nachstehen,[4] aber sobald sie Kinder gezeugt hat, ist sie an sie gebunden. Dadurch entsteht zugleich die erste Arbeitsteilung; die Frau baut das schützende Dach für sich und ihren hilflosen Säugling; in die Felle der Tiere, die der Mann erlegt, hüllt sie instinktiv das kleine frierende Geschöpf und gewinnt dadurch die Anregung, schließlich auch für sich ein deckendes und wärmendes Kleidungsstück zu schaffen. Sie muß, wenn die Nahrungsquelle in ihrer Brust versiegt, den Hunger ihrer Kinder auf andere Weise stillen, und so lernt sie die Mahlzeit zubereiten, indem sie nicht nur das Fleisch des Wildes, der Fische und Vögel dazu verwendet, das ihr der Mann von seinen Jagdzügen bringt, sie benutzt auch die Knollen, Körner und Früchte, die sie selbst findet, und gewinnt schließlich die Fertigkeit, sie für den Gebrauch anzupflanzen.[5]

Die Frau wurde immer seßhafter und der Mann, dessen Leben sich zwischen Kampf und Jagd abspielte, sah ihre Hütte bald als den Zufluchtsort an, wo er nicht nur zu flüchtiger Ruhe einkehrte und Obdach, Nahrung und Kleidung fand, sondern wo er auch seine Beute verwahren konnte. Noch anziehender wurde die Hütte für den Mann und noch wichtiger die Gebundenheit der Frau, als die Menschheit das Feuer kennen und schätzen lernte. Wahrscheinlich ist es ihr durch die Zündkraft des Blitzes bekannt geworden, und es wurde wie ein Heiligtum--ein echtes Geschenk des Himmels--gehütet, weil die Fertigkeit, es selbst hervorzurufen, erst in weit späterer Zeit erworben wurde. Die natürliche Hüterin und Bewahrerin des Feuers war die Frau.[6] Und so war es nicht der dem Urmenschen so häufig angedichtete Familiensinn oder die Liebe zu Weib und Kind--Gefühle, die nur die Produkte einer höheren Kultur sein können--, welche ihn an den häuslichen Herd immer wieder zurückzogen, sondern lediglich die rohen, physischen Bedürfnisse.

Von einer Ehe in unserem Sinn war natürlich keine Rede; dem regellosen Geschlechtsverkehr folgte die sogenannte Blutgemeinschaftsfamilie, in der die einzelnen Generationen sich nicht mehr miteinander vermischten. Bei der geringen numerischen Ausdehnung, die die Menschheit ursprünglich gehabt haben muß, ist zur Befriedigung des Geschlechtstriebs die Vermischung von Blutsverwandten selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist es aber auch, daß diese Form der Familie nicht auf irgend welchen Vorschriften beruhte, sondern sich vielmehr von selbst auflöste, sobald sie durch ihre Größe im Bereich des mütterlichen Herdes weder Raum noch ausreichende Nahrung fand. Die Aufgabe der Blutgemeinschaftsfamilie und die Entstehung der Schwägerschaftsverbände (Punaluafamilie, nach Morgan) ist nicht auf eine höhere sittliche Erkenntnis zurückzuführen, sondern auf die uralten Triebkräfte der Natur; Hunger und Liebe. Daraus entstand die Sitte und aus der Sitte die Moral einer jeden Zeit.

Auch die neue Familienform kannte die Ehe nicht. Der Mann des einen Stammes, der sich mit der Frau des anderen verband, heiratete sozusagen alle ihre Schwestern mit; der Begriff der Keuschheit und der ehelichen Treue war beiden Geschlechtern fremd. Infolgedessen wurde ein väterliches Recht an den Kindern nicht geltend gemacht, sie gehörten ausschließlich der Mutter, die sie geboren hatte, und deren Stamm. Der Mann führte das Weib nicht wie ein persönliches Eigentum in sein Haus, sondern er kam in das ihre. Wie wir gesehen haben, ist dieser Rechtszustand, der zur Zeit der Blutgemeinschafts- wie der Punaluafamilie der herrschende war, nicht auf eine hohe moralische Wertschätzung der Frau zurückzuführen, sondern auf die ursprüngliche Differenz der Geschlechter und auf wirtschaftliche Ursachen, er hatte auch keine Machtstellung der Frau zur Folge, sondern er legte vielmehr den Grund zu der feststehenden Meinung, daß das Arbeitsgebiet der Frau allein auf das Haus zu beschränken sei.