Chapter 9
»Gnädige Frau,« fuhr der Priester fort, »dieser Mann war ein Vater, dem von einst zahlreicher Familie nur drei Kinder geblieben waren. Er hatte nacheinander die Eltern verloren, dann eine Tochter und eine Frau. Er blieb allein, tief in der Provinz, auf einem kleinen Gute, wo er lange Zeit glücklich gewesen war. Seine drei Söhne waren beim Heer, und jeder hatte einen seiner Dienstzeit entsprechenden Rang erlangt. In den hundert Tagen kam der älteste zur Garde und wurde Oberst; der zweite war Bataillonschef bei der Artillerie, und der jüngste hatte den Rang eines Hauptmanns bei den Dragonern. Gnädige Frau, diese drei Jungen liebten ihren Vater ebenso innig, wie sie von ihm geliebt wurden. Wenn Sie die Sorglosigkeit junger Leute kennen, die ihren Liebhabereien leben und niemals Zeit haben, sich den Eltern zu widmen, werden Sie aus einem einzigen Umstand die Innigkeit ersehen, mit der sie an dem armen, einsamen Alten hingen, der nun nur noch für sie und durch sie lebte. Es verging keine Woche, wo er nicht von einem seiner Kinder einen Brief erhalten hätte. Aber er hatte auch nie einen von ihnen vorgezogen, was stets den Respekt der Kinder vermindert, noch war er ungerecht und streng gewesen. Kurz und gut, er fuhr nach Paris, um ihnen vor ihrer Abreise nach Belgien Lebewohl zu sagen. Sie waren nun abgereist, der Vater kehrte heim. Der Krieg begann, er bekam Briefe aus Fleurus, aus Ligny, alles ging gut. Die Schlacht bei Waterloo wurde geschlagen -- Sie kennen das Ergebnis. Ganz Frankreich wurde mit einem Schlage in Trauer versetzt. Alle Familien waren in größter Sorge. Er wartete, gnädige Frau, Sie können sich das denken; er hatte nicht Rast, nicht Ruhe. Er las die Zeitungen und ging alle Tage selbst zur Post. Eines Tages meldete man ihm den Diener seines Sohnes, des Obersten. Er sieht diesen Mann auf dem Pferde seines Herrn sitzen, da brauchte er keine Frage erst zu stellen: der Oberst war tot -- von einer Kanonenkugel mitten durchgerissen. Gegen Abend kommt zu Fuß der Diener des jüngsten an; der jüngste war am Tage nach der Schlacht gestorben. Endlich, gegen Mitternacht, kommt ein Artillerist und meldet ihm den Tod des letzten Kindes, auf dessen Haupt nun in so kurzer Zeit dieser arme Vater sein ganzes Leben gesetzt hatte. Ja, gnädige Frau, sie waren alle gefallen!«
Nach einer Pause hatte der Priester seine eigene Rührung überwunden und fügte mit sanfter Stimme die folgenden Worte hinzu:
»Und der Vater ist leben geblieben, gnädige Frau. Er hat begriffen, wenn Gott ihn auf Erden ließe, müsse er hier sein Leid auf sich nehmen, und so tut er es denn. Aber er hat sich an die Brust der Religion geworfen. Was kann aus ihm geworden sein?«
Die Marquise hob den Blick zu dem Antlitz des Pfarrers, das jetzt einen erhabenen Zug der Trauer und Ergebung zeigte, und erwartete das folgende Wort, das sie weinen machte:
»Priester, gnädige Frau; er war ja schon durch die Tränen geweiht, ehe er am Fuße des Altars die Weihe empfing.«
Auf einen Augenblick herrschte Schweigen. Die Marquise und der Pfarrer sahen zum Fenster hinaus nach dem nebligen Horizont, als könnten sie dort die Kinder sehen, die nicht mehr waren.
»Nicht Priester in einer Stadt, sondern einfacher Dorfpfarrer,« fuhr er fort.
»In Saint-Lange,« sagte sie, die Tränen trocknend.
»Ja, Gnädige.«
Nie hatte sich die Majestät des Schmerzes Julien erhabener gezeigt; und dieses »Ja, Gnädige« grub sich ihr ins tiefste Herz, wie die Last eines endlosen Grams. Diese Stimme, die so sanft ins Ohr klang, erschütterte ihr Innerstes. Ach, es war ja die Stimme des Unglücks, diese volle, ernste Stimme, die einen so durchdringenden Zauber auszuüben schien.
»Herr Pfarrer,« sagte fast ehrfurchtsvoll die Marquise, »und wenn ich nicht sterbe, was wird dann aus mir werden?«
»Gnädige, haben Sie nicht ein Kind?«
»Ja,« sagte sie kalt.
Der Pfarrer warf auf die Frau einen Blick, wie etwa ein Arzt auf einen Kranken, der in Gefahr schwebt, und beschloß, alles, was in seinen Kräften stände, zu versuchen, um sie dem Geist des Bösen streitig zu machen, der schon die Hand nach ihr ausstreckte.
»Sie sehen, Gnädige, wir müssen mit unsern Schmerzen am Leben bleiben, und die Religion allein bietet uns wahren Trost. Erlauben Sie mir, wiederzukommen -- hören Sie noch öfter die Stimme eines Mannes, der mit allen Schmerzen mitzufühlen weiß, und im Grunde, wie ich doch glaube, nichts allzu Abschreckendes an sich hat.«
»Ja, Herr Pfarrer, kommen Sie. Ich danke Ihnen, daß Sie an mich gedacht haben.«
»Gut, Gnädige, auf baldiges Wiedersehen!«
Dieser Besuch löste sozusagen die Spannung in der Seele der Marquise, deren Kräfte durch Gram und Einsamkeit schon zu sehr aufgerieben waren. Der Priester ließ in ihrem Herzen einen Balsam und den heilsamen Widerhall seiner frommen Worte zurück. Sie empfand nun jene Beruhigung, die den Gefangenen erquickt, wenn er die Tiefe seiner Einsamkeit und die Schwere seiner Ketten erkannt hat und nun plötzlich durch ein Klopfen an der Mauer erfährt, daß er einen Nachbarn hat, der durch diesen Ton mit ihm in Gedankenaustausch tritt. Sie hatte unverhofft einen Vertrauten gefunden.
Aber sie versank bald wieder in ihre finsteren Betrachtungen und sagte sich, wie der Gefangene, ein Leidensgefährte könne weder die Fesseln noch die Schrecken der Zukunft erleichtern. Der Pfarrer hatte sie bei seinem ersten Besuch in ihrem ganz egoistischen Schmerz nicht gleich kopfscheu machen wollen; aber er hoffte, daß es seiner Kunst gelingen werde, in einer zweiten Unterredung sie um einige Schritte weiter der Religion zuzuführen.
Am übernächsten Tage kam er denn auch, und der Empfang, den die Marquise ihm bereitete, ließ erkennen, daß sein Besuch erwünscht war.
»Nun, Frau Marquise,« sagte der Greis, »haben Sie ein wenig über die Menge menschlicher Leiden nachgedacht? Haben Sie die Augen gen Himmel erhoben? Haben Sie die Unermeßlichkeit von Welten gesehen, die uns in unserm Dünkel so klein macht, unsern eiteln Stolz zerdrückt und unser Weh verringert ...?«
»Nein, Herr Pfarrer,« sagte sie, »die gesellschaftlichen Gesetze lasten mir zu schwer auf dem Herzen und zerreißen es mir zu schmerzlich, als daß ich mich zum Himmel aufschwingen könnte. Aber die Gesetze sind vielleicht nicht so grausam, wie die Sitten der Gesellschaft. O, die Gesellschaft!«
»Wir müssen sowohl den Gesetzen wie den Sitten gehorchen, Gnädige. Das Gesetz bildet die Losung der Gesellschaft, die Sitten regeln ihre Handlungen.«
»Sich der Gesellschaft fügen?« versetzte die Marquise mit einer unwillkürlichen Gebärde des Schmerzes. »Herr Pfarrer, das ist ja eben die Quelle aller unserer Leiden. Gott hat nicht ein einziges Gesetz des Unglücks geschaffen; aber die Menschen taten sich zusammen und haben ihm ins Handwerk gepfuscht. Wir, wir Frauen, erleiden durch die Zivilisation mehr Mißhandlungen, als durch die Natur. Die Natur legt uns physische Schmerzen auf, die ihr Männer uns nicht erleichtert, und die Zivilisation hat Gefühle entwickelt, die ihr fortwährend verletzt. Die Natur läßt die schwachen Wesen eingehen, aber die Zivilisation verurteilt sie zum Leben und überliefert sie andauerndem Unglück. Die Ehe, eine Einrichtung, auf der heute die Gesellschaft beruht, bürdet die Lasten, die sie mit sich bringt, ganz allein uns auf. Für den Mann die Freiheit, für die Frau Pflichten. Wir müssen euch unser ganzes Leben weihen, ihr uns nur vereinzelte Augenblicke. Und dann trifft der Mann nur eine Wahl, wo wir uns blind unterwerfen. O, Herr Pfarrer, Ihnen kann ich alles sagen. Nun denn, die Ehe, wenigstens wie sie sich heute gestaltet hat, scheint mir nur eine gesetzlich erlaubte Prostitution zu sein. Und daraus sind meine Leiden entstanden. Aber ich allein unter den unglücklichen, so schrecklich verkuppelten Geschöpfen, muß schweigen! Ich bin ja allein die Urheberin meines Elends, ich habe meine Ehe gewollt!«
Sie hielt inne, vergoß bittere Tränen und schwieg.
»In diesen Untiefen des Jammers, in diesem Ozean des Schmerzes,« fuhr sie fort, »habe ich eine Sandbank gefunden, auf die ich den Fuß setzte, wo ich in Ruhe leiden konnte: ein Orkan hat alles hinweggerissen. Nun bin ich allein, ohne Stütze, zu schwach gegen die Stürme.«
»Wir sind nie schwach, wenn Gott mit uns ist,« sagte der Priester. »Und wenn Sie übrigens hienieden keine Liebe mehr zu befriedigen haben, haben Sie dann nicht doch noch Pflichten zu erfüllen?«
»Immer Pflichten!« rief sie ungeduldig. »Aber wo sind für mich die Gefühle, die uns die Kraft geben, sie zu erfüllen? Herr Pfarrer, nichts aus nichts oder nichts für nichts, das ist eins der gerechtesten Gesetze der moralischen wie der physischen Natur. Sollen etwa diese Bäume grünes Laub treiben ohne den Saft, der die Knospen sprengt? Auch die Seele hat ihren Saft. Bei mir ist der Saft in der Quelle versiegt.«
»Ich will Ihnen nicht von den religiösen Gefühlen sprechen, die die Ergebung einflößt,« sagte der Pfarrer, »aber die Mutterschaft, Gnädige, ist denn das nicht --?«
»Halten Sie inne, Herr Pfarrer,« sagte die Marquise. »Gegen Sie werde ich aufrichtig sein. Ich kann es hinfort gegen niemand sonst mehr sein, ich bin zur Unwahrheit verurteilt; die Gesellschaft verlangt ein fortwährendes Fratzenschneiden, und unter der Strafe der Schändung gebietet sie uns, ihren Förmlichkeiten zu gehorchen. Es gibt zweierlei Mutterschaft, Herr Pfarrer. Ehemals wußte ich nichts von solchen Unterscheidungen; heute kenne ich sie. Ich bin nur zur Hälfte Mutter -- besser wär's, es gar nicht zu sein! Helene ist nicht von _ihm_! O, erschrecken Sie nicht. Saint-Lange ist ein Abgrund, darin viele falschen Gefühle versunken sind, draus unheilvolles Licht hervorgegangen ist, in den die gebrechlichen Gebäude der widernatürlichen Gesetze hinabgestürzt sind. Ich habe ein Kind, das genügt. Ich bin Mutter, so will es das Gesetz. Aber Sie, Herr Pfarrer, der Sie eine so fein mitfühlende Seele haben, werden vielleicht den Weheschrei einer armen Frau verstehen, die nie ein falsches Gefühl in ihr Herz hat dringen lassen. Gott wird mich richten, aber ich glaube doch nicht gegen seine Gesetze zu verstoßen, wenn ich den Regungen nachgebe, die er mir in die Seele gepflanzt hat, und folgendes habe ich nun darin gefunden: Ist nicht ein Kind, Herr Pfarrer, das Abbild zweier Wesen, die Frucht zweier ganz ineinander verschmolzenen Gefühle? Wenn es nicht mit allen Fibern des Leibes, wie mit aller Liebe des Herzens verwachsen ist, wenn es nicht an kostbare Wonnen, an die Zeiten und Orte, wo diese beiden Wesen glücklich waren, an ihre Sprache voll menschlicher Musik und an ihren süßen Gedankenaustausch erinnert, dann ist ein Kind ein verfehltes Werk. Ja, für sie muß es ein entzückendes Miniaturbild sein, in welchem sie die Poesie ihres geheimen Doppellebens wiederfinden. Es muß für sie eine Quelle furchtbarer Regungen sein, muß zugleich all ihre Vergangenheit und all ihre Zukunft sein. Meine arme, kleine Helene ist das Kind ihres Vaters, das Kind der Pflicht und des Zufalls; sie erweckt in mir nur den Instinkt des Weibes, ich stehe für sie nur auf dem Boden des Gesetzes, das unwiderstehlich antreibt, das Geschöpf zu beschützen, das unser Schoß gebar. Ich bin nicht zu tadeln, im Sinne der Gesellschaft. Habe ich der Tochter nicht mein Leben und mein Glück geopfert? Ihr Schreien erschüttert mich im Innersten; wenn sie ins Wasser fiele, würde ich nachspringen, sie herauszuholen. Aber sie ist nicht in meinem Herzen. Ach, die Liebe hat mir den Traum einer erhabeneren, vollkommeneren Mutterschaft vorgegaukelt; und in einem erloschenen Traume habe ich das Kind liebkost, nach dem mein Herz verlangte und das unerzeugt blieb: die köstliche Blume, die schon in der Seele wächst, ehe sie im Leibe wachsen kann. Ich bin für Helene das, was nach der natürlichen Ordnung eine Mutter für ihren Sprößling sein muß. Wenn sie meiner einmal nicht mehr bedarf, so ist eben, kurz gesagt, die Ursache verschwunden, und damit hören auch die Wirkungen auf. Wenn die Mutter das anbetungswürdige Vorrecht hat, die Mutterschaft auf das ganze Leben ihres Kindes auszudehnen, dann muß wohl diese göttliche Dauer des Gefühls dem Lichtschein einer seelischen Empfängnis zugeschrieben werden. Wenn das Kind nicht zu allererst schon in der Seele der Mutter gebildet wird, dann dauert die Mutterschaft nur eine gewisse Zeit und hört auf, wie es bei den Tieren der Fall ist. Und es ist wahr, ich fühle es: je größer meine arme Kleine wird, um so mehr löst mein Herz sich von ihr los. Die Opfer, die ich ihr gebracht, haben mich ihr schon entfremdet, während bei einem andern Kinde, das fühle ich, mein Herz unerschöpflich sein würde. Für dieses andere würde überhaupt nichts ein Opfer sein -- alles wäre Freude gewesen. Hier, Herr Pfarrer, vermögen in mir die Religion und die Vernunft nichts gegen meine Gefühle auszurichten. Hat sie unrecht, wenn sie sterben will, die Frau, die weder Mutter noch Gattin ist, die zu ihrem Unglück einen Blick in die grenzenlosen Schönheiten der wahren Liebe, in die unermeßlichen Freuden der rechten Mutterschaft getan hat? Was kann aus ihr werden? Ich werde Ihnen sagen, was sie fühlt. Hundertmal am Tage, hundertmal in der Nacht schüttelt ein Schauer mir Hirn, Herz und Leib, wenn eine nur schwach abgewehrte Erinnerung mir die Bilder eines Glückes vorführt, das ich mir größer vorstelle, als es vielleicht sein würde. Diese grausamen Phantasien nehmen meinen Gefühlen alle Wärme, und ich frage mich: >Wie würde mein Leben sein, _wenn_ --?<«
Sie verbarg das Gesicht in den Händen und zerfloß in Tränen.
»So sieht es im Grunde meines Herzens aus!« fuhr sie fort. »Für ein Kind von ihm hätte ich gern das schrecklichste Unglück auf mich genommen. Der Gott, der im Sterben alle Sünden dieser Erde auf sich nahm, wird mir diesen für mich tödlichen Gedanken verzeihen; aber ich weiß, die Welt ist unversöhnlich: für sie sind meine Gedanken Blasphemien; ich verstoße damit gegen alle ihre Gesetze. Ach! ich möchte dieser Welt den Krieg erklären, um die Gesetze und Sitten umzugestalten, um sie entzweizuschlagen. Was hat sie nicht alles an mir verwundet: all mein Denken, all mein Wesen, all mein Fühlen, all mein Wünschen, all mein Hoffen -- in Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit! Für mich ist der Tag voller Finsternis, mein Denken ein Schwert, mein Herz eine Wunde, mein Kind eine Verneinung. Jawohl, wenn Helene spricht, wünsch' ich ihr andere Augen. Sie ist da zum Zeugnis alles dessen, was sie sein müßte und was sie nicht ist! Sie ist mir unerträglich. Ich lächle sie an, ich bemühe mich, sie für die Gefühle zu entschädigen, die ich ihr nicht entgegenbringen kann. Ich leide! O, Herr Pfarrer, ich leide zu sehr, als daß ich leben könnte. Und ich werde für eine tugendhafte Frau gelten! Und ich habe keinen Fehltritt begangen! Und man wird mich ehren! Ich habe die unwillkürliche Liebe bekämpft, der ich nicht Raum geben durfte. Aber wenn ich auch physisch treu geblieben bin -- habe ich auch mein Herz bewahrt? Das,« setzte sie hinzu, die rechte Hand auf den Busen legend, »hat allzeit nur einem Manne gehört! Mein Kind täuscht sich auch darüber nicht. Es gibt auch bei Müttern Blicke, Töne, Gebärden, die die Seele eines Kindes wie mit Füßen treten; und wenn ich meine arme Kleine ansehe, wenn ich mit ihr spreche, wenn ich sie nehme, dann fühlt sie, daß mein Arm ruhig bleibt, daß meine Stimme nicht zittert, daß meine Augen kalt bleiben. Sie wirft mir anklägerische Blicke zu, die ich nicht ertragen kann. Mitunter habe ich Angst, in ihr einen Richter zu finden, der mich ohne Verhör verurteilen wird. Gebe es der Himmel, daß sich nicht eines Tages der Haß zwischen uns stelle! Großer Gott, öffne mir doch lieber das Grab, laß mich in Saint-Lange enden! Ich will in jene Welt eintreten, wo ich meine andere Seele wiederfinden werde, wo ich ganz und gar Mutter sein werde! O, verzeihen Sie mir, Herr Pfarrer, ich bin verrückt. Ich ersticke an diesen Worten -- doch nun habe ich sie gesagt. Ach, Sie weinen auch, Sie werden mich nicht verachten. Helene, meine Tochter, Helene, komm!« rief sie in einer Art von Verzweiflung, als sie ihr Kind hörte, das vom Spaziergang zurückkam.
Die Kleine kam lachend und schreiend; sie brachte einen Schmetterling, den sie gefangen hatte; aber als sie ihre Mutter in Tränen sah, verstummte sie, schmiegte sich an sie und ließ sich auf die Stirn küssen.
»Sie wird einmal sehr schön werden,« meinte der Priester.
»Sie ist ganz ihr Vater,« antwortete die Marquise und küßte ihr Kind mit Ungestüm, wie um eine Schuld abzutragen oder einen Vorwurf, den sie sich selbst machte, zu beschwichtigen.
»Dir ist heiß, Mama.«
»Geh', laß uns allein, mein Engel,« antwortete die Marquise.
Das Kind ging ohne Kummer, ohne einen Blick auf die Mutter; es schien fast froh zu sein, ein so trauriges Gesicht zu fliehen, und begriff schon, daß die Gefühle, die sich darin ausdrückten, ihr abhold waren. Das Lächeln ist das Handgeld, die Sprache, der Ausdruck der Mütterlichkeit. Die Marquise konnte nicht lächeln. Sie errötete, als sie den Priester ansah: sie hatte sich als Mutter zeigen wollen, doch weder sie noch ihr Kind hatten lügen können. Ja, die Küsse einer aufrichtigen Frau haben einen göttlichen Honig, der dieser Liebkosung eine Seele, ein zartes Feuer zu verleihen scheint, das zu Herzen dringt. Die Küsse, denen diese Würze und Weihe fehlt, sind herb und trocken. Der Priester hatte diesen Unterschied empfunden, konnte den Abgrund ermessen, der zwischen der Mütterlichkeit des Fleisches und der Mütterlichkeit des Herzens liegt. Nachdem er daher auf diese Frau einen durchdringenden Blick geworfen hatte, sprach er zu ihr:
»Sie haben recht, Gnädige, es wäre für Sie besser, Sie wären tot ...«
»Ach, Sie verstehen meine Leiden, ich sehe es,« antwortete sie, »weil Sie als christlicher Priester die unseligen Entschlüsse, die der Jammer mir eingab, erraten und gutheißen. Jawohl, ich habe mir selbst den Tod geben wollen. Aber es hat mir an dem nötigen Mut gefehlt, meinen Plan auszuführen. Mein Körper ist feige gewesen, wenn meine Seele stark war -- und wenn meine Hand nicht zitterte, hat wieder meine Seele geschwankt. Das Geheimnis dieser Kämpfe, dieser wechselnden Stärke und Schwäche ist mir unbekannt. Ich bin ohne Zweifel eben Weib und als solches kläglicherweise ohne Ausdauer im Wollen, stark nur zum Lieben. Ich verachte mich selbst. Am Abend, als meine Leute schliefen, ging ich mutig zu dem kleinen Teich. Am Rande angelangt, entsetzte meine feige Seele sich vor der Vernichtung. Ich bekenne meine Schwächen. Als ich im Bett lag, schämte ich mich vor mir selbst und wurde wieder mutig. In einem dieser Augenblicke habe ich Laudanum genommen -- aber ich hatte nur Schmerzen, gestorben bin ich nicht. Ich hatte geglaubt, den ganzen Inhalt des Fläschchens zu trinken, und habe schon bei der Hälfte aufgehört.«
»Sie sind verloren, gnädige Frau,« sagte der Priester ernst und mit tränenvoller Stimme. »Sie werden in die Welt zurückkehren und die Welt betrügen. Sie werden dort das suchen und finden, was Sie als Entschädigung für Ihre Unbilden ansehen. Eines Tages werden Sie dann die Strafe für Ihre Wollust ...«
»Ich,« rief sie, »ich sollte hingehen und dem ersten besten Schurken, der die Komödie einer Liebe zu spielen verstände, die letzten kostbaren Reichtümer meines Herzens preisgeben und mein Leben um einen Augenblick zweifelhaften Glücks zugrunde richten? Nein! meine Seele wird sich an einer reinen Flamme verzehren. Herr Pfarrer, die Männer haben alle die Sinne ihres Geschlechts; aber den Mann, der auch Seele hat und so alle Forderungen unserer Natur befriedigt, dessen melodische Harmonie sich nur unter dem Druck wahrer Gefühle verrät, diesen Mann trifft man nicht zweimal im Leben. Meine Zukunft ist furchtbar, ich weiß es: ohne Liebe ist das Weib nichts, ohne Wollust ist die Schönheit nichts; aber würde die Welt nicht mein Glück verdammen, wenn es sich mir noch einmal böte? Ich bin meiner Tochter eine ehrbare Mutter schuldig. Ach, ich bin in einen eisernen Ring gesteckt, von dem ich mich nicht ohne Schimpf freimachen kann. Die Pflichten der Familie ohne Gegenlohn zu erfüllen, wird mir zum Überdruß; ich werde das Leben verwünschen; aber meine Tochter wird wenigstens ein schönes Scheinbild von einer Mutter haben. Zum Ersatz für den Schatz an Liebe, den ich ihr versagt habe, werde ich ihr einen Schatz an Tugend spenden. Um der Freuden willen, die sonst den Müttern das Glück ihrer Kinder bereitet, liegt mir ja auch gar nichts am Leben. Ich glaube nicht an Glück. Was wird Helenens Los sein? Ohne Zweifel das meine. Welche Mittel haben die Mütter, ihren Töchtern die Gewißheit zu geben, daß der Mann, dem sie sie überliefern, ein Ehegatte nach ihrem Herzen sein wird. Ihr verachtet arme Geschöpfe, die sich für ein paar Taler einem Vorübergehenden verkaufen: der Hunger und die Notdurft erteilen diesen Eintagsverbindungen die Absolution. Aber die dauernde Verbindung duldet, ja fordert die Gesellschaft, und doch ist diese Verbindung etwa zwischen einem jungen keuschen Mädchen und einem Manne, den sie kaum drei Monate lang kennt, noch weit entsetzlicher; denn dieses Mädchen ist für sein ganzes Leben verkauft. Es ist wahr, der Preis ist weit höher. Wenn ihr sie wenigstens ehrtet, da ihr ihnen einmal doch keine Entschädigung für ihre Schmerzen zubilligt! aber nein, die Welt verleumdet gerade die tugendhaftesten unter uns. Dies ist unser Schicksal, von seinen zwei Seiten betrachtet: entweder eine öffentliche Prostitution und die Schande -- oder eine heimliche Prostitution und das Unglück. Was gar die armen Mädchen ohne Mitgift anbetrifft -- die werden verrückt und sterben. Mit ihnen hat niemand Mitleid. Die Schönheit, die Tugenden sind keine Werte auf euerm Menschenmarkt, und diesen Tummelplatz des Egoismus nennt man Gesellschaft. So laßt die Töchter doch nicht mehr erben! Dann werdet ihr wenigstens ein Naturgesetz erfüllen, und die Männer werden ihre Gefährtinnen nach der Stimme ihres Herzens wählen und heiraten.«
»Gnädige Frau, Ihre Reden beweisen mir, daß Sie weder Familiensinn noch religiösen Sinn haben. Sie werden daher auch nicht zwischen dem gesellschaftlichen Egoismus, der Sie verletzt, und dem Egoismus des Individuums, der Sie mit dem Verlangen nach Genüssen erfüllt, schwanken --«
»Familie, Herr Pfarrer! Gibt es denn das? Ich verneine die Familie in einer Gesellschaft, die beim Tode des Vaters und der Mutter die Habe verteilt und jeden seines Weges gehen heißt. Die Familie ist eine zeitliche und zufällige Vereinigung, die der Tod sofort löst. Unsere Gesetze haben die Geschlechter, die Erbschaften, die Fortdauer der Vorbilder und Traditionen zerstört. Ich sehe nichts als Schutt um mich her.«
»Meine Gnädige, Sie werden nicht eher zu Gott zurückkehren, als bis seine Hand schwer auf Sie fallen wird, und ich wünsche Ihnen, daß Sie Zeit genug haben mögen, Ihren Frieden mit ihm zu machen. Sie suchen Ihren Trost, indem Sie den Blick zur Erde senken, statt ihn zum Himmel erheben. Der Hang zu trügerischem Philosophieren und das persönliche Interesse haben Ihr Herz überfallen; Sie sind taub gegen die Stimme der Religion, wie es die Kinder dieses Jahrhunderts ohne Glauben eben sind. Die Freuden der Welt erzeugen nichts als Leid. Sie werden mit den Schmerzen nur wechseln -- weiter nichts.«
»Ich werde Ihre Prophezeiung Lügen strafen,« sagte sie mit bitterm Lächeln, »ich werde dem treu bleiben, der für mich gestorben ist.«
»Der Schmerz,« erwiderte er, »ist nur in den von der Religion bereiteten Seelen lebensfähig.«
Sie senkte ehrerbietig die Augen, um die Zweifel nicht sehen zu lassen, die sich in ihrem Blick hätten verraten können. Die Energie der Klagen, die die Marquise angestimmt, hatte ihn tieftraurig gemacht. Da er das menschliche Ich in seinen tausend Gestalten kannte, verzweifelte er daran, auf dieses Herz besänftigend einzuwirken, das das Leid zur Wüste statt zum weichen Boden gemacht hatte und in dem das Samenkorn des himmlischen Sämanns nicht entkeimen konnte, da sein sanftes Wort darin von dem lauten, schrecklichen Geschrei der Ichsucht erstickt wurde.