Die Frau von dreißig Jahren

Chapter 7

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Das edle, taktvolle Verhalten, das Lord Grenville während der ganzen Reise bewahrte, hatte den Verdacht des Marquis zerstört, und seit einiger Zeit ließ er seiner Frau völlige Freiheit, im Vertrauen auf die punische Treue des Lorddoktors.

Arthur und Julie schritten noch immer in der traurigen, schmerzlichen Harmonie ihrer gebrochenen Herzen dahin. Als sie vorhin die Abhänge von Montcontour hinangestiegen waren, hatten alle beide eine unklare Hoffnung, ein unruhiges Glück gefühlt, von dem sie sich nicht Rechenschaft zu geben wagten; aber als sie nun den Damm entlang zu Tal stiegen, hatten sie das gebrechliche Gebäude umgestürzt, das sie in ihrer Phantasie aufgebaut und vor dem sie kaum zu atmen gewagt hatten, wie Kinder, die den Einsturz ihrer Kartenhäuser voraussehen. Sie waren jetzt ohne Hoffnung.

Noch an demselben Abend nahm Lord Grenville Abschied. Der letzte Blick, den er auf Julie warf, bewies leider, daß er von dem Augenblick an, wo die Sympathie ihnen die ganze Größe einer so starken Leidenschaft enthüllte, recht gehabt hatte, als er sich selbst nicht mehr traute.

Am folgenden Tage saßen Herr und Frau d'Aiglemont ohne ihren Reisegefährten im Wagen und legten rasch denselben Weg zurück, den die Marquise einst im Jahre 1814 schon gefahren war, damals noch unbekannt mit der Verehrung, deren Hartnäckigkeit sie fast verwünscht hatte. Tausend vergebene Eindrücke waren ihr jetzt erinnerlich. Das Herz hat sein Gedächtnis für sich. So unfähig eine Frau auch sein mag, sich der wichtigsten Ereignisse des Lebens zu erinnern, so wird sie doch ihr ganzes Leben lang nicht die Dinge vergessen, die mit ihren Gefühlen zusammenhängen.

So entsann sich auch Julie ganz genau selbst völlig belangloser Einzelheiten; sie sah mit Freude die nebensächlichsten Begebenheiten ihrer ersten Reise wieder vor sich, ja sie wußte wieder, was für besondere Gedanken ihr an gewissen Punkten der Reise gekommen waren.

Victor war von neuem leidenschaftlich in seine Frau verliebt, seit sie die Frische ihrer Jugend und all ihre Schönheit wiedergefunden hatte. Er schmiegte sich nach Art der Liebenden dicht an sie. Als er versuchte, sie in die Arme zu nehmen, machte sie sich sanft los und fand einen Vorwand, sich dieser unschuldigen Liebkosung zu entziehen.

Bald darauf empfand sie Abscheu vor der Berührung Victors, dessen Körperwärme sie empfand und auf sich übergehen fühlte, denn sie saßen eng nebeneinander. Sie wollte sich allein auf den Vordersitz des Wagens setzen, aber ihr Mann war so liebenswürdig, ihr den Fond zu überlassen. Sie dankte ihm für die Aufmerksamkeit mit einem Seufzer, den er falsch auffaßte. Dieser alte Schürzenjäger der Garnison legte die Melancholie seiner Frau zu seinen Gunsten aus, so daß seine Frau sich schließlich gezwungen sah, mit einer Bestimmtheit zu ihm zu reden, die ihm wohl oder übel doch imponierte.

»Mein Freund,« sagte sie zu ihm, »Sie hätten mich schon einmal beinahe umgebracht, das wissen Sie. Wenn ich noch ein junges, unerfahrenes Mädchen wäre, dann würde ich das Opfer meines Lebens noch einmal von vorn anfangen. Aber ich bin Mutter, ich habe eine Tochter zu erziehen, und ihr muß ich mich ebenso erhalten wie Ihnen. Fügen wir uns also in ein Unglück, das uns gleichermaßen betrifft. Sie sind dabei noch am wenigsten zu beklagen. Haben Sie nicht Ersatz zu finden gewußt für das, was meine Pflicht, unsere gemeinsame Ehre und vor allem die Natur mir verbieten? Jawohl,« setzte sie hinzu, »Sie haben leichtsinnigerweise in einem Schubkasten drei Briefe der Frau de Sérizy liegen lassen. Mein Schweigen beweist Ihnen, daß ich eine nachsichtige Frau bin, die von Ihnen nicht dasselbe Opfer fordert, zu dem sie durch die Gesetze verurteilt ist; aber ich habe alles reiflich bedacht und bin mir klar darüber geworden, daß unsere Rollen nicht die gleichen sind und das Unglück allein der Frau vorherbestimmt ist. Meine Tugend ruht auf festen, unerschütterlichen Grundsätzen. Ich werde ein untadelhaftes Leben zu führen wissen -- aber lassen Sie mich leben.«

Der Marquis war verblüfft über diese Logik, die die Frauen aus dem hellen Buche der Liebe sich anzueignen verstehen, und die gewisse Würde, die ihnen in Krisen dieser Art natürlich ist, zwang ihn ins Joch. Der instinktive Widerwille, den Julie gegen alles bekundete, was ihre Liebe und die Stimme ihres Herzens verletzte, ist eine der schönsten Eigenschaften der Frauen und entspringt vielleicht einer natürlichen Tugend, die weder die Gesetze noch die Zivilisation zum Schweigen bringen. Wer möchte wohl deshalb die Frauen tadeln? Sind sie nicht, wenn sie das zarte Gefühl zum Schweigen bringen, das ihnen verbietet, zwei Männern anzugehören, gewissermaßen wie Prediger, die keinen Glauben haben?

Einige strenge Geister werden die Art, wie Julie sich mit ihren Pflichten und mit ihrer Liebe auseinandersetzte, tadeln -- die leidenschaftlichen Seelen werden sie ihr sogar zum Verbrechen anrechnen. Diese allgemeine Mißbilligung klagt entweder das Unglück an, das auf Ungehorsam gegen die Gesetze zu folgen pflegt, oder aber traurige Unvollkommenheiten in den Einrichtungen, auf denen die europäische Gesellschaft beruht.

Zwei Jahre verstrichen. Herr und Frau d'Aiglemont führten das Leben der Leute von Welt, jeder ging seines Weges, und in den Salons fremder Leute trafen sie sich öfter als im eigenen Heim. Eine solche vornehme Scheidung ist das Ende sehr vieler Ehen in der großen Gesellschaft.

Eines Abends befanden sich die Eheleute seltsamerweise im eigenen Salon beisammen. Frau d'Aiglemont hatte eine ihrer Freundinnen zu Tisch gehabt. Der General, der sonst immer in der Stadt speiste, war zu Hause geblieben.

»Sie werden recht glücklich sein, Frau Marquise,« sagte Herr d'Aiglemont und setzte die Tasse, aus der er eben seinen Kaffee getrunken hatte, auf den Tisch.

Der Marquis sah mit halb trauriger, halb boshafter Miene Madame de Wimphen an und setzte hinzu:

»Ich fahre zu einer langen Jagd -- zusammen mit dem Oberjägermeister. Sie werden mindestens acht Tage lang vollkommen Witwe sein. Das ist ja so Ihr Fall. Denk' ich wenigstens. -- Wilhelm,« sagte er zu dem Diener, der die Tassen wegtrug, »lassen Sie anspannen.«

Frau de Wimphen war jene Luise, der Frau d'Aiglemont einst den Rat hatte geben wollen, unverheiratet zu bleiben. Die beiden Frauen warfen sich einen verständnisinnigen Blick zu, der bewies, daß Julie in ihrer Freundin eine Vertraute ihrer Schmerzen, eine kostbare und barmherzige Vertraute gefunden hatte; denn Madame de Wimphen war sehr glücklich verheiratet. Da sie sich in entgegengesetzter Lage befanden, bildete vielleicht das Glück der einen eine Bürgschaft dafür, daß sie sich der andern und ihres Unglücks annehmen werde. In ähnlichen Fällen ist Verschiedenheit des Schicksals fast immer ein mächtiges Freundschaftsband.

»Ist denn jetzt Jagdzeit?« fragte Julie, einen gleichgültigen Blick auf ihren Gatten werfend.

Es war Ende März.

»Madame, der Oberjägermeister jagt, wann er will und wo er will. Wir pirschen in königlichen Forsten auf Wildschweine.«

»Sehen Sie sich vor, daß Ihnen nichts passiert.«

»Das kann man nie wissen,« antwortete er lächelnd.

»Der Wagen des gnädigen Herrn ist bereit,« meldete Wilhelm.

Der General erhob sich, küßte Frau de Wimphen die Hand und wandte sich zu Julie.

»Madame, wenn ich nun einem Eber zum Opfer falle!« sagte er in bittendem Tone.

»Was bedeutet denn das?« fragte Frau de Wimphen.

»Nun, kommen Sie,« sagte Frau d'Aiglemont zu Victor.

Dann lächelte sie Luise zu, als wollte sie sagen: »Du wirst sehen.«

Julie hielt ihrem Manne den Nacken hin, und er trat herzu, sie zu küssen. Da bückte sich aber die Marquise so tief, daß der eheliche Kuß sich in der Rüsche ihres Kragens verlor.

»Sie werden es vor Gott bezeugen,« sagte der Marquis, sich an Frau de Wimphen wendend, »ein königlicher Befehl mußte mich erst abrufen, damit ich einmal diese flüchtige Gunst erlange. Und das heißt bei meiner Frau Liebe. So weit hat sie mich gebracht -- ich weiß nicht, durch welche Kunstgriffe ... Viel Vergnügen!«

Und er ging hinaus.

»Aber dein armer Mann ist wirklich ganz nett,« rief Luise, als die beiden Frauen allein waren. »Er liebt dich.«

»O, sprich keine Silbe mehr nach diesem letzten Wort. Der Name, den ich trage, ist mir ein Greuel.«

»Aber Victor gehorcht dir doch aufs Wort,« sagte Luise.

»Sein Gehorsam,« antwortete Julie, »beruht zum Teil auf der hohen Achtung, die ich ihm eingeflößt habe. Ich bin eine sehr tugendhafte Frau, im Sinne des Gesetzes. Ich mache ihm seine Behausung angenehm, ich drücke, was seine Liebeshändel anbetrifft, ein Auge zu, ich mache keine Schulden auf sein Vermögen, er kann seine Zinsen nach Belieben verprassen; meine Sorge ist nur darauf gerichtet, daß das Kapital unangetastet bleibt. Zu diesen Bedingungen habe ich den Frieden. Mein Leben kann er sich nicht erklären, oder er will sich's nicht erklären. Aber wenn ich in dieser Weise meinen Gatten am Gängelbande habe, so muß ich deswegen doch die Wirkungen seines Charakters fürchten. Ich bin wie ein Bärenführer, der beständig Angst hat, daß eines Tages der Maulkorb reißen könnte. Wenn Victor sich einmal für berechtigt hielte, mich nicht mehr zu achten, so wage ich mir gar nicht auszumalen, was geschehen könnte; denn er ist jähzornig -- voll Eigenliebe -- und vor allem sehr eitel. Sein Geist ist nicht zart und fein genug, um in einer heiklen Angelegenheit sich klug zu verhalten, sobald seine schlimmen Leidenschaften dabei im Spiele sind -- er ist von schwachem Charakter und würde mich vorsätzlich kränken, um morgen vor Gram zu sterben. Ein solches Verhängnis wäre freilich ein Glück -- aber es ist eigentlich leider nicht zu befürchten.«

Ein Weilchen schwiegen die beiden Freundinnen -- ihre Gedanken galten den geheimen Ursachen dieser Lage.

»Der Gehorsam gegen meine Wünsche ist sogar bis zur Grausamkeit getrieben worden,« fuhr Julie fort, einen verständnisinnigen Blick auf Luise richtend. »Und doch hatte ich _ihm_ nicht verboten, an mich zu schreiben. Ach ja! _Er_ hat mich vergessen, und er hatte recht. Es wäre ein zu großes Unheil gewesen, wenn auch sein Lebensschiff hätte zerschellen müssen. Ist's nicht an dem meinen genug? Glaubst du, meine Liebe, ich lese die englischen Zeitungen, in der einzigen Hoffnung, seinen Namen gedruckt zu finden. Nun, er ist noch nicht im Oberhaus erschienen.«

»Also kannst du Englisch?«

»Habe ich dir das nicht gesagt? -- ich habe es gelernt.«

»Arme Kleine,« rief Luise, Juliens Hand ergreifend. »Aber wie kannst du da noch leben?«

»Das ist ein Geheimnis,« antwortete die Marquise und machte unwillkürlich eine Gebärde von fast kindlicher Naivität. »Höre. Ich nehme Opium. Die Geschichte der Herzogin von ... aus London hat mich auf die Idee gebracht. Weißt du, Mathurin hat einen Roman darüber geschrieben. Ich nehme nur ganz schwache Tropfen Laudanum. Es gibt mir Schlaf. Nicht mehr als sieben Stunden bin ich noch wach, und die widme ich nur meiner Tochter.«

Luise sah ins Feuer. Sie wagte nicht, ihre Freundin anzusehen, deren ganzes Elend sich jetzt zum erstenmal ihren Blicken enthüllte.

»Luise, verrate mich aber nicht,« sagte Julie nach einem Augenblick des Schweigens.

Plötzlich brachte ein Diener der Marquise einen Brief.

»Ha!« rief sie erbleichend.

»Ich frage nicht erst, von wem,« sagte Frau de Wimphen.

Die Marquise las und hörte nichts mehr. Ihre Freundin sah die stürmischsten Gefühle, die gefährlichste Aufregung in den Zügen der Frau d'Aiglemont sich abspielen. Julie wurde bald blaß, bald rot und warf schließlich das Papier ins Feuer.

»Dieser Brief ist wie ein Flammenherd! Mein Herz! ich ersticke!«

Sie erhob sich und schritt auf und ab. Ihre Augen brannten.

»So hat er Paris nicht verlassen,« rief sie.

Sie stieß die abgerissenen Worte, die Frau de Wimphen nicht zu unterbrechen wagte, in schrecklichen Pausen hervor. Nach jedem Stillstand erklangen die Worte in immer tieferem Ton, und die letzten Sätze hatten etwas Furchtbares.

»Er hat mich inzwischen immer wieder gesehen, ohne daß ich es gewußt habe. Jeden Tag hat er einen Blick von mir aufgefangen, und das hat ihn am Leben erhalten. Du weißt nicht, Luise -- er stirbt und bittet darum, mir Lebewohl zu sagen. Er weiß, daß mein Mann heute abend auf mehrere Tage verreist, und er will im Augenblick kommen. O, daran werde ich sterben. Ich bin verloren. Höre, bleibe du bei mir. Vor zwei Frauen wird er es nicht wagen. O, bleib! Ich fürchte mich.«

»Aber, mein Mann weiß, daß ich bei dir zu Tisch bin,« antwortete Frau de Wimphen. »Er wird mich holen kommen.«

»Gut, ehe du gehst, habe ich ihn weggeschickt. Ich werde uns allen beiden den Tod geben. Ach, er wird glauben, ich liebte ihn nicht mehr. Und dieser Brief! Meine Liebe, er enthielt Sätze, die ich noch in Flammenschrift vor mir sehe!«

Ein Wagen rollte vor das Portal.

»Ach!« rief die Marquise mit einer gewissen Freude, »er kommt öffentlich und ohne ein Geheimnis daraus zu machen.«

»Lord Grenville,« meldete der Diener.

Regungslos blieb die Marquise stehen. Als sie aber Arthur sah, der jetzt blaß, mager und abgezehrt war, da war keine Strenge mehr möglich. Obgleich es Lord Grenville tief schmerzte, Julie nicht allein zu finden, erschien er doch ruhig und kalt. Aber für diese beiden in das Geheimnis seiner Liebe eingeweihten Frauen hatte der Klang seiner Stimme, der Ausdruck seiner Blicke etwas von der Macht, die man dem Zitterrochen[1] zuschreibt.

[1] Ein Seefisch, der das Vermögen besitzt, elektrische Schläge auszuteilen, teils zu seiner Verteidigung, teils um sich seiner Beute zu bemächtigen.

Die Marquise und Frau de Wimphen waren wie betäubt durch die starke Übertragung eines entsetzlichen Schmerzes. Beim Klang der Stimme Lord Grenvilles zitterte Frau d'Aiglemont so heftig, daß sie ihm nicht zu antworten wagte, weil sie ihm damit die Größe der Macht, die er auf sie ausübte, zu enthüllen fürchtete. Lord Grenville seinerseits wagte es nicht, Julie anzusehen, und so mußte Frau de Wimphen fast allein für eine Unterhaltung, die gar kein Interesse hatte, sorgen. Mit einem Blick voll rührender Erkenntlichkeit dankte Julie ihr für die Hilfe, die sie ihr leistete.

Auf diese Weise geboten die beiden Liebenden ihren Gefühlen Schweigen und mußten sich in den vorgeschriebenen Grenzen der Pflicht und des gesellschaftlichen Anstandes halten. Bald aber wurde Herr de Wimphen gemeldet. Als sie ihn eintreten sahen, warfen sich die beiden Freundinnen einen Blick zu und begriffen, ohne ein Wort zu sprechen, die neuen Schwierigkeiten der Lage. Es war unmöglich, Herrn de Wimphen das Geheimnis dieses Dramas teilen zu lassen, und Luise hatte keine triftigen Gründe, ihren Mann zu bitten, sie noch länger bei ihrer Freundin bleiben zu lassen. Als Frau de Wimphen ihren Schal umlegte, erhob sich Julie, um ihr dabei behilflich zu sein, und sagte mit leiser Stimme:

»Ich werde Mut haben. Wenn er öffentlich zu mir gekommen ist, was habe ich da zu befürchten? Aber wenn du nicht gewesen wärst -- wenn ich ihn allein so verändert gesehen hätte -- ich würde ihm zu Füßen gefallen sein.«

»Nun, Arthur, Sie haben mir nicht gehorcht,« sagte Frau d'Aiglemont mit zitternder Stimme und nahm ihren Platz auf einer Causeuse wieder ein. Lord Grenville wagte nicht, sich neben sie zu setzen.

»Ich habe mir nicht länger die Wonne versagen können, Ihre Stimme zu hören, bei Ihnen zu sein. Es war ein Wahnsinn, ein Fieber. Ich bin nicht mehr Herr über mich. Ich habe mich über mich selbst konsultiert -- ich bin zu schwach. Ich muß sterben. Aber sterben, ohne Sie gesehen zu haben -- ohne das Rauschen Ihres Kleides gehört zu haben -- ohne Ihre Tränen aufgefangen zu haben -- was wäre das für ein Tod!«

Er wollte sich von Julie entfernen -- aber bei einer raschen Bewegung fiel ihm eine Pistole aus der Tasche. Die Marquise sah diese Waffe, und im Augenblick schien ihr alle Besinnung, alle Denkkraft genommen zu sein. Lord Grenville hob die Pistole auf und schien sehr verdrossen über diesen Zufall, der vielleicht als Berechnung eines unglücklichen Liebhabers aufgefaßt werden konnte.

»Arthur?« fragte Julie.

»Gnädige Frau,« antwortete er, die Augen niederschlagend, »ich kam in Verzweiflung her -- ich wollte --«

Er hielt inne.

»Sie wollten sich bei mir töten!« rief sie.

»Nicht allein,« antwortete er mit sanfter Stimme.

»Wie? Vielleicht auch meinen Mann?«

»Nein, nein!« rief er mit erstickter Stimme. »Aber beruhigen Sie sich,« setzte er hinzu, »mein unheilvoller Plan ist verraucht. Als ich eintrat, als ich Sie sah, da fühlte ich von neuem den Mut, zu schweigen, allein zu sterben.«

Julie erhob sich und warf sich in Arthurs Arme, der trotz des heftigen Schluchzens seiner Geliebten zwei wilde, leidenschaftliche Worte verstehen konnte:

»Das Glück kennen lernen und dann sterben,« sagte sie. »Das -- ja!«

Die ganze Geschichte Juliens lag in diesem tiefen Aufschrei -- dem Schrei der Natur und der Liebe, der Frauen ohne Religion erliegen. Arthur ergriff sie und trug sie mit der stürmischen Inbrunst, die ein unverhofftes Glück entfacht, zum Diwan. Aber plötzlich riß sich die Marquise aus den Armen des Geliebten, warf ihm den starren Blick einer verzweifelten Frau zu, nahm ihn bei der Hand, ergriff einen Leuchter und zog ihn mit sich in das Schlafzimmer.

Leise zog sie von dem Bett, wo Helene schlief, die Vorhänge weg, so daß man ihr Kind sah -- sie hielt eine Hand vor die Kerze, damit nicht das Licht den durchscheinenden, kaum geschlossenen Lidern des kleinen Mädchens wehe täte. Helene lag mit ausgebreiteten Armen da und lächelte im Schlafe. Mit einem Blick zeigte Julie Lord Grenville ihr Kind. Dieser Blick sagte alles.

»Einem Manne können wir selbst untreu werden, auch wenn er uns lieb hat. Ein Mann ist ein starkes Geschöpf und findet Trost. Die Gesetze der Welt können wir verachten. Aber ein Kind ohne Mutter --!«

Alle diese Gedanken und tausend noch weit zärtlichere lagen in diesem Blick.

»Wir können sie mit uns nehmen,« murmelte der Engländer. »Ich werde sie sehr lieb haben.«

»Mama!« rief Helene, erwachend.

Bei diesem Worte zerfloß Julie in Tränen. Lord Grenville setzte sich, kreuzte die Arme und sah stumm und finster vor sich hin.

»Mama!« Dieser frohe, naive Ruf erweckte so viele edeln, unwiderstehlichen Gefühle, daß die Liebe auf einen Augenblick unter der mächtigen Stimme der Mutterschaft erdrückt wurde. Julie war nicht mehr Weib, sie war Mutter. Lord Grenville widerstand nicht mehr -- Juliens Tränen warfen ihn nieder.

In diesem Augenblick hörte man, wie eine Tür ungestüm geöffnet wurde, und die Worte: »Frau d'Aiglemont, bist du hier?« widerhallten wie ein Donnerschlag im Herzen des Liebespaares. Der Marquis war zurückgekommen. Ehe Julie die Geistesgegenwart gewinnen konnte, kam der General aus seinem Zimmer und näherte sich dem seiner Frau. Diese beiden Zimmer hingen zusammen. Zum Glück gab Julie Lord Grenville rasch ein Zeichen, und der Engländer sprang in eine Toilette, deren Tür die Marquise geschwind schloß.

»Nun, meine Gemahlin,« sagte Viktor, »da bin ich wieder. Die Jagd findet nicht statt. Ich will schlafen gehen.«

»Gute Nacht,« sagte sie zu ihm. »Das will ich eben auch tun. Laß mich also allein -- ich bin beim Auskleiden.«

»Du bist recht unzart heute abend -- doch ich gehorche Ihnen, Frau Marquise.«

Der General kehrte in sein Zimmer zurück. Julie begleitete ihn, um die Verbindungstür zu schließen, und eilte dann, Lord Grenville zu befreien. Sie gewann alle Geistesgegenwart wieder und dachte, der Besuch ihres alten Arztes sei schließlich ganz natürlich. Sie konnte ihn ja im Salon zurückgelassen haben, um erst ihre Tochter zu Bett zu bringen; sie wollte ihm nun sagen, er solle sich geräuschlos dorthin begeben. Aber als sie die Tür des Kabinetts öffnete, schrie sie laut auf. Die Finger Lord Grenvilles waren in die Türspalte geraten und zermalmt worden.

»He, was hast du denn?« rief ihr Mann herüber.

»Nichts,« antwortete sie, »ich habe mich mit einer Nadel in den Finger gestochen.«

Die Verbindungstür öffnete sich plötzlich wieder. Die Marquise glaubte, ihr Mann käme aus Interesse für sie, und verwünschte diese Besorgtheit, an der das Herz ja doch keinen Anteil hatte. Sie hatte kaum Zeit, die Toilette zu schließen, und Lord Grenville hatte seine Hand noch nicht befreien können. Der General kam in der Tat wieder herein; aber die Marquise irrte sich -- eine plötzliche Mißhelligkeit führte ihn her.

»Kannst du mir ein seidenes Halstuch leihen? Der dumme Charles hat mir nicht ein einziges Kopftuch hingelegt. Am Anfang unserer Ehe hast du dich um meine Sachen mit so peinlicher Sorge bekümmert, daß es mir sogar zuviel wurde. Ach, der Honigmond hat weder für mich noch für meine Halstücher lange gedauert. Jetzt bin ich ganz und gar auf diese steinalten Kammerdiener angewiesen, die mit mir umgehen, wie sie Lust haben.«

»Hier ist ein Halstuch. Sie sind nicht in den Salon gegangen?«

»Nein.«

»Sie würden dort vielleicht Lord Grenville noch getroffen haben.«

»Ist er in Paris?«

»Augenscheinlich.«

»O, so geh ich hin -- dieser gute Doktor --«

»Aber jetzt muß er schon gegangen sein,« rief Julie.

Der Marquis stand in diesem Augenblick mitten im Zimmer seiner Frau und wickelte sich das Tuch um den Kopf, wobei er sich wohlgefällig im Spiegel betrachtete.

»Ich weiß gar nicht, wo unsere Leute sind,« sagte er. »Ich habe dreimal nach Charles geklingelt -- er ist nicht gekommen. Du bist also auch ohne deine Kammerfrau? Klingle nach ihr -- ich möchte heute nacht noch eine Decke mehr im Bett haben.«

»Pauline ist fortgegangen,« antwortete die Marquise trocken.

»Um Mitternacht?« sagte der General.

»Ich habe ihr erlaubt, in die Oper zu gehen.«

»Sonderbar,« versetzte der Mann, indem er sich völlig entkleidete. »Mir war doch so, als hätte ich sie die Treppe hinaufgehen sehen.«

»Dann ist sie ohne Zweifel zurückgekehrt,« sagte Julie und tat, als sei sie dieses Gesprächs nun überdrüssig.

Um keinen Verdacht bei ihrem Gatten zu erwecken, zog die Marquise dann die Klingel, doch ganz schwach.

Die Ereignisse dieser Nacht sind nicht vollauf bekannt geworden; aber alle mußten ebenso einfach, doch auch ebenso entsetzlich gewesen sein -- wie es die gewöhnlichen häuslichen Vorfälle sind, die vorangegangen waren. Am folgenden Tage legte die Marquise d'Aiglemont sich auf mehrere Tage ins Bett.

»Was ist denn nur Außergewöhnliches bei dir geschehen, daß alle Welt von deiner Frau spricht?« fragte Herr de Ronquerolles Herrn d'Aiglemont ein paar Tage nach dieser an Katastrophen reichen Nacht.

»Glaube mir, bleib Junggeselle,« antwortete d'Aiglemont. »Helenens Bett hat Feuer gefangen; meine Frau ist darüber fast zu Tode erschrocken, daß sie nun wieder auf ein Jahr krank ist, wie der Arzt sagt. Heiratest du eine hübsche Frau, so wird sie häßlich; heiratest du eine Frau in blühender Gesundheit, so wird sie kränklich. Du hältst sie für leidenschaftlich -- sie ist aber kalt. Oder aber sie ist, wenn auch äußerlich kalt, doch so leidenschaftlich, daß sie dich umbringt oder dir Schande macht. Bald wird das sanfteste Geschöpf eine Kratzbürste -- na, und eine Kratzbürste wird nie wieder weich. Bald entfaltet das Kind, das du für schwach und einfältig gehalten hast, dir gegenüber eine eiserne Willenskraft, einen dämonischen Geist. Ich habe die Ehe satt.«

»Oder die Frau.«

»Schwer zu sagen. Übrigens, kommst du mit in die Kirche zum Heiligen Thomas von Aquino? Ich will mir die Beerdigung Lord Grenvilles ansehen.«

»Ein sonderbarer Zeitvertreib. Aber,« fuhr Ronquerolles fort, »weiß man genau, woran er gestorben ist?«

»Sein Kammerdiener behauptet, Mylord habe die ganze Nacht über draußen auf einem Fenstersims sitzen müssen, um seine Geliebte nicht um die Ehre zu bringen. Und um diese Zeit ist es verteufelt kalt gewesen!«

»Eine solche Aufopferung wäre bei uns andern, bei uns alten Praktikern sehr anerkennenswert -- aber Lord Grenville war so jung, und -- ein Engländer. Diese Engländer müssen immer was Apartes haben.«