Chapter 6
»Mein Herr,« sagte er zu ihm, »ich sehe mit unendlichem Schmerz, in welchem Zustand sich die Frau Marquise befindet, und wenn Sie erfahren, daß sie eines elenden Todes sterben muß, wenn nicht eine besondere Kur angewendet wird, so denke ich, Sie werden mit dem Leiden ihrer Frau keinen Scherz treiben. Wenn ich so zu Ihnen spreche, so bin ich dazu in gewissem Sinne berechtigt, denn ich habe die Gewißheit, Frau d'Aiglemont retten und dem Leben und dem Glück zurückgeben zu können. Es ist wenig natürlich, daß ein Mann meines Ranges Arzt sei, allein der Zufall hat es so gefügt, daß ich Medizin studiert habe. Ich leide so sehr an der Langeweile,« fuhr er fort und er heuchelte einen kalten Egoismus, der seinen Zwecken dienen sollte, »und es ist mir daher eine angenehme Zerstreuung, meine Zeit und meine Reisen dem Wohle eines leidenden Wesens zu widmen. Das tu ich lieber, als blödem Zeitvertreib nachzujagen. Krankheiten dieser Art finden selten Heilung, weil sie zuviel Sorgfalt, zuviel Geduld und Muße erfordern; vor allem gehört dazu Geld, man muß reisen können und aufs peinlichste die Vorschriften befolgen, die jeden Tag anders lauten und doch nichts Unangenehmes haben. Wir sind zwei Kavaliere,« fuhr er fort, und gab diesem Worte die Bedeutung des englischen Ausdrucks »Gentlemen«, »und können uns verständigen. Ich erkläre Ihnen, daß Sie jeden Augenblick Richter meines Verhaltens sein sollen, sobald Sie meinen Vorschlag annehmen. Ich werde nichts unternehmen, ohne Sie zu Rate gezogen zu haben. Sie sollen alles überwachen, und ich bürge für den Erfolg, wenn Sie willens sind, sich nach meinen Angaben zu richten, das heißt vor allem,« flüsterte er ihm ins Ohr, »lange Zeit nicht der Gatte der Frau d'Aiglemont zu sein.«
»Das steht fest, Mylord,« sagte der Marquis lachend, »nur ein Engländer kann mir einen so bizarren Vorschlag machen. Gestatten Sie mir, ihn weder zurückzuweisen noch anzunehmen. Ich werde es mir überlegen. Vor allem muß er meiner Frau unterbreitet werden.«
In diesem Augenblick war Julie wieder am Piano erschienen. Sie sang das Lied der Semiramis: »+Son regina, son guerriera.+« Einmütiger Beifall -- aber gedämpft, wie er eben im Viertel der vornehmen Welt gezollt wird -- bekundete die Begeisterung, die sie entzündet hatte.
Als d'Aiglemont seine Frau nach Hause führte, erkannte sie, halb mit Unruhe, halb mit Freude den raschen Erfolg ihrer Versuche. Ihr Gatte, aufgerüttelt durch die Rolle, die sie gespielt hatte, machte ihr ein paar Komplimente, schlug dabei aber den Ton an, den er einer Schauspielerin gegenüber angewendet haben würde. Julie fand es spaßhaft, als tugendhafte, verheiratete Frau so behandelt zu werden; sie wollte mit ihrer Macht nur spielen, und ihre Herzensgüte ließ sie daher in diesem ersten Kampfe noch einmal unterliegen -- allein es war die furchtbarste aller Lehren, die das Schicksal ihr erteilte.
Gegen zwei oder drei Uhr morgens saß Julie in düsterer, träumerischer Stimmung, aufrecht im ehelichen Bett; eine Lampe verbreitete ein ungewisses Licht in dem Zimmer, die tiefste Stille herrschte; und seit etwa einer Stunde vergoß die Marquise, der peinigendsten Reue preisgegeben, Tränen, deren Bitterkeit niemand nachfühlen kann als eine Frau vielleicht, die sich in der gleichen Lage befunden hat. Es gehört die Seele Juliens dazu, um wie sie das Entsetzen einer berechneten Liebkosung zu fühlen, um im selben Maße wie sie von einem kalten Kuß verletzt zu sein. Nach einer solchen schmerzlichen Erniedrigung war ihr Herz zu endgültiger Abtrünnigkeit gelangt -- das letzte Fädchen ihrer Ehe war gerissen. Sie verachtete sich selbst, sie verwünschte die Heirat, sie wäre am liebsten tot gewesen, und wenn ihre Tochter nicht geschrien hätte, würde sie sich vielleicht zum Fenster hinaus aufs Straßenpflaster geworfen haben.
Herr d'Aiglemont schlief friedlich an ihrer Seite -- die heißen Tränen, die seine Frau auf ihn fallen ließ, weckten ihn nicht auf.
Am andern Tage gelang es Julien wieder, sich fröhlich zu stellen. Sie fand die Kraft, glücklich zu erscheinen und, wenn auch nicht ihre Melancholie, so doch einen unüberwindlichen Abscheu zu verbergen. Von diesem Tage an betrachtete sie sich nicht mehr als untadelhafte Frau. Hatte sie sich nicht selbst belogen? War sie von nun an nicht der Heuchelei fähig, und konnte sie nicht später in den ehebrecherischen Handlungen einen erstaunlichen Scharfsinn entfalten? Ihre Ehe war die Ursache dieser Perversität a priori, die vorderhand noch unausgeübt blieb. Indessen hatte sie sich schon die Frage vorgelegt, warum sie sich einem Manne, der sie liebte und den sie liebte, versagen solle, da sie sich doch gegen ihr Herz und gegen die Stimme der Natur einem Ehemanne hingegeben hatte, den sie nicht mehr liebte.
Alle Fehltritte und vielleicht auch alle Verbrechen haben zur Grundlage einen schlechten Gedankengang oder ein Übermaß an Egoismus. Wenn die Gesellschaft bestehen soll, so muß jeder einzelne die individuellen Opfer bringen, die die Gesetze erfordern, das heißt, den Trieb seiner Natur dem Gesetz gemäß eindämmen. Wenn man die Vorteile der Gesellschaft mitgenießt, hat man auch die Verpflichtung, die Bedingungen innezuhalten, die die Grundfesten der Gesellschaft bilden. Die Unglücklichen, die kein Brot haben und doch das Eigentum achten müssen, sind nicht minder zu beklagen, als die Frauen, die in ihrem Sehnen und in der Zartheit ihrer Natur verletzt sind.
Einige Tage nach dieser Szene, deren Geheimnis in dem ehelichen Bett begraben blieb, stellte d'Aiglemont seiner Frau Lord Grenville vor. Julie empfing Arthur mit kalter Höflichkeit, die ihrer Verstellungskunst Ehre machte. Sie legte ihrem Herzen Schweigen auf, hängte einen Schleier vor ihren Blick, gab ihrer Stimme Festigkeit und vermochte so noch Herrin ihrer Zukunft zu bleiben. Nachdem sie durch diese Mittel, die den Frauen sozusagen angeboren sind, die ganze Tiefe der Liebe erkannt hatte, die sie eingeflößt, lächelte Frau d'Aiglemont zu der Hoffnung auf baldige Genesung, und widersetzte sich nicht mehr dem Willen ihres Mannes, der sie mit Gewalt dazu zu bewegen suchte, sich bei dem jungen Doktor in die Kur zu geben. Dennoch wollte sie sich Lord Grenville nicht eher anvertrauen, als bis sie seine Worte und Manieren genau erforscht hatte und überzeugt sein konnte, daß er den Edelmut besitzen würde, schweigend zu leiden. Sie hatte die absoluteste Macht über ihn und mißbrauchte sie bereits -- doch war sie nicht Weib? -- -- -- --
Montcontour war eine alte Burg und lag auf einem der gelblichen Felsen, an deren Fuß die Loire vorbeifließt -- unweit jener Stelle, wo im Jahre 1814 Julie einmal Halt gemacht hatte. Es ist eins der kleinen Schlösser der Touraine, weiß, zierlich, mit Schnitzwerk an den Türmchen und verschnörkelt wie flandrische Spitzen -- eins der prunkvollen Miniaturschlösser, die sich mit ihren Maulbeeranlagen, ihren Weinbergen, ihren Felsengängen, ihren langen, durchbrochenen Balustraden, ihren Höhlen im Gestein, ihren Mänteln von Efeu und ihren steilen Hängen im Flusse spiegeln. Die Dächer von Montcontour flimmern im Sonnenlicht -- alles glänzt dort. Tausend Anklänge an Spanien erfüllen diese entzückende Behausung mit Poesie; Goldginster und Glockenblumen teilen ihren Wohlgeruch dem Winde mit; die Luft weht liebkosend, die Erde lächelt überall, und überall umhüllt süßer Zauber die Seele, stimmt sie träge, verliebt, weich und wiegt sie in Schlummer. Diese schöne, milde Gegend unterdrückt allen Schmerz und erweckt alle Leidenschaft. Unter diesem reinen Himmel, angesichts dieser schimmernden Gewässer bleibt niemand kalt. Hier erstirbt aller Ehrgeiz, man sinkt einem stillen Glück in den Schoß, wie allabendlich die Sonne in ihrem eigenen Bett von Purpur und Azur versinkt.
An einem milden Abend des Monats August im Jahre 1821 schritten zwei Personen auf den steinigen Wegen dahin, die die Felsen durchschneiden, auf denen das Schloß liegt, und stiegen zu den Höhen hinauf, um ohne Zweifel die vielfältigen Aussichtspunkte zu bewundern, die man dort entdeckt.
Diese beiden Menschen waren Julie und Lord Grenville; aber Julie schien eine ganz neue Frau zu sein. Die Marquise hatte die frische Farbe der Gesundheit. Ihre von üppiger Kraft belebten Augen schimmerten durch einen feuchten Schleier, ähnlich jenem zarten Naß, das den Augen von Kindern unwiderstehlichen Reiz gibt. Sie lächelte zwanglos, sie war glücklich zu leben und verstand nun, was Leben heißt. An der Art, wie sie ihre kleinen Füße hob, war leicht zu sehen, daß kein Leiden mehr wie ehemals ihre geringsten Bewegungen schwerfällig, ihre Blicke, ihre Worte und ihre Gebärden müde und leblos machte.
Unter dem Schirm von weißer Seide, der sie vor den heißen Strahlen der Sonne schützte, glich sie einer Jungverheirateten im Brautschleier, einer Jungfrau, die bereit war, sich dem Zauber der Liebe zu überlassen.
Arthur führte sie mit der Sorgfalt eines Liebenden, geleitete sie, wie ein Wärter ein Kind leitet, wies ihr den besten Weg, räumte die Steine vor ihren Tritten fort, zeigte ihr eine Stelle, wo eine Aussicht sich öffnete, oder führte sie vor eine Blume -- immer bewogen von einer unermüdlichen Güte, einer zärtlichen Absicht, einer tiefen Kenntnis alles dessen, was dieser Frau wohltat: Gefühle, die ihm angeboren zu sein schienen, ebenso und noch in höherem Maße vielleicht als die zu seinem Dasein an sich notwendigen Triebe.
Die Kranke und ihr Arzt gingen im gleichen Schritt und wunderten sich nicht über ein Ebenmaß des Ganges, das vom ersten Tage an, wo sie nebeneinander hergegangen waren, zu bestehen schien. Sie gehorchten ein und demselben Willen, blieben unter dem Eindruck ein und desselben Gefühls stehen; ihre Blicke, ihre Worte entsprachen wechselseitigen Gedanken.
Als sie beide auf der Höhe eines Weinbergs angelangt waren, wollten sie sich auf einen der langen Steinblöcke setzen, die aus den in den Felsen gehauenen Kellern herausgenommen werden; aber Julie betrachtete die Gegend, ehe sie sich setzte.
»Die schöne Landschaft!« rief sie. »Hier laßt uns Hütten bauen. Ja, wir wollen ein Zelt aufschlagen und hier leben. Victor,« rief sie, »so kommen Sie doch schnell!«
Herr d'Aiglemont antwortete von unten mit einem Jägerruf, doch ohne seine Schritte zu beschleunigen. Er betrachtete nur von Zeit zu Zeit seine Frau, wenn die Windungen des Weges es ihm erlaubten. Julie atmete mit Wonne die Luft ein, hob den Kopf und warf aus Arthur einen der feinen Blicke, in denen eine Frau von Geist all ihr Denken offenbart.
»O,« fuhr sie fort, »hier möchte ich immer bleiben! Kann man jemals müde werden, dieses schöne Tal zu bewundern? Kennen Sie den Namen dieses reizenden Flusses, Mylord?«
»Es ist die Cise.«
»Die Cise,« wiederholte sie. »Und dort unten vor uns -- was ist das?«
»Das sind die Weinberge von Cher,« sagte er.
»Und rechts? Ach ja, das ist Tours. Aber sehen Sie nur, wie herrlich sich in der Ferne die Türme dieser Kathedrale ausnehmen!«
Sie verstummte und ließ auf Arthurs Arm die Hand sinken, die sie nach der Stadt ausgestreckt hatte und beide bewunderten schweigend die Landschaft und die Schönheiten dieser harmonischen Natur. Das Murmeln des Wassers, die Reinheit der Luft und des Himmels -- alles stimmte zu den Gedanken, die in Menge auf ihre liebenden, jungen Herzen eindrangen.
»O, mein Gott, wie liebe ich dieses Land!« rief Julie in wachsender, naiver Begeisterung. »Sie haben lange hier gewohnt?« setzte sie nach einer Pause hinzu.
Bei diesen Worten erbebte Lord Grenville.
»Hier war's,« antwortete er schwermütig und deutete auf ein Wäldchen von Nußbäumen an der Straße, »wo ich, als Gefangener, Sie zum erstenmal sah.«
»Ja, aber da war ich schon recht traurig, und diese Gegend erschien mir wild, doch jetzt --«
Sie hielt inne -- Lord Grenville wagte nicht, sie anzusehen.
»Ihnen,« sagte Julie endlich nach langem Schweigen, »verdanke ich diese Wonne. Lebendig muß man sein, wenn man die Freuden des Lebens empfinden will -- ich aber war bisher für alles tot. Sie haben mir mehr gegeben als bloß die Gesundheit -- Sie haben mich gelehrt, den Wert alles dessen zu erkennen --«
Die Frauen haben ein unnachahmbares Talent, ihre Gefühle ohne allzu große Worte auszudrücken; ihre Beredsamkeit liegt vor allem in der Betonung, in der Gebärde, in Haltung und Blick. Lord Grenville verbarg den Kopf in den Händen, denn Tränen rollten ihm aus den Augen. Dieser Dank war der erste, den Julie ihm seit ihrer Abreise von Paris zollte. Während eines vollen Jahres hatte er die Marquise mit der größten Aufopferung gepflegt. Unterstützt von d'Aiglemont, hatte er sie zu den Gewässern von Aix, dann ans Gestade des Meeres, dann nach Rochelle geführt.
In jedem Augenblick beobachtete er die Veränderungen, die seine klugen und ganz einfachen Vorschriften an der zerrütteten Natur Juliens hervorriefen, er hatte sie betreut, wie etwa ein leidenschaftlicher Gärtner eine seltene Blume. Die Marquise schien die verständige Pflege Arthurs mit aller Selbstsucht einer Pariserin hinzunehmen, die an Huldigungen gewöhnt ist, oder mit der Gleichgültigkeit einer Kurtisane, die nicht weiß, was die Sachen kosten oder was die Männer wert sind, und sie nach dem Grade des Nutzens einschätzt, den sie davon hat.
Der Einfluß der Örtlichkeit auf das Gemüt ist ein Punkt, der der Erwähnung wert ist. Wenn uns am Strande des Wassers unfehlbar die Schwermut befällt, so bewirkt ein anderes Gesetz unserer eindrucksfähigen Natur, daß auf den Bergen unsere Gefühle sich läutern. Die Leidenschaft gewinnt an Tiefe, was sie an Lebhaftigkeit zu verlieren scheint.
Der Anblick des weiten Loirebeckens, die Höhe des hübschen Hügels, wo die beiden Liebenden Platz genommen hatten, erweckten vielleicht die liebliche Ruhe, in der sie zuerst das Glück kosteten, hinter anscheinend belanglosen Worten die Größe einer verborgenen Leidenschaft zu erkennen. In dem Augenblick, wo Julie den Satz beendete, der Lord Grenville so tief gerührt hatte, bewegte ein liebkosender Wind die Wipfel der Bäume und breitete die Frische des Wassers in der Luft aus. Einige Wolken bedeckten die Sonne, und weiche Schatten ließen alle Schönheiten dieser herrlichen Natur ungeblendet überschauen.
Julie wandte den Kopf ab, um dem jungen Lord ihre eigenen Tränen zu verbergen, denn Arthurs Rührung wirkte sogleich ansteckend auf sie. Aber es gelang ihr, die Tränen zurückzuhalten und zu trocknen. Sie wagte nicht, die Augen zu ihm zu erheben, denn sie fürchtete, er könne dann in diesem Blicke eine zu große Freude lesen.
In ihrem weiblichen Instinkt fühlte sie, daß sie in dieser gefährlichen Stunde ihre Liebe auf dem Grunde des Herzens begraben mußte. Allein das Schweigen konnte im gleichen Maße bedrohlich werden. Als sie erkannte, daß Lord Grenville nicht imstande sei, ein Wort zu sprechen, sagte Julie in sanftem Tone:
»Sie sind ergriffen von dem, was ich gesagt habe, Mylord. Vielleicht ist diese tiefe Rührung der einzige Weg, auf dem eine holde, gute Seele wie die Ihre zu einem falschen Urteil gelangen kann. Sie werden mich für undankbar gehalten haben, weil Sie mich auf dieser Reise, die zum Glück nun bald zu Ende ist, kalt und zurückhaltend oder spöttisch und gefühllos fanden. Ich würde Ihrer Pflege nicht wert gewesen sein, wenn ich sie nicht zu schätzen gewußt hätte. Mylord, ich habe nichts vergessen. Ach, und ich werde nichts vergessen, weder die Achtsamkeit, mit der Sie über mich gewacht haben, wie eine Mutter ihr Kind bewacht, noch vor allem das edle Zutrauen unserer geschwisterlichen Gespräche, die Zartheit Ihrer Behandlung. Ach, das sind Reize, gegen die wir alle ohne Waffen sind. Mylord, es liegt nicht in meiner Macht, Sie zu belohnen ...«
Bei diesen Worten entfernte sich Julie rasch, und Lord Grenville rührte keinen Finger, sie zurückzuhalten; die Marquise ging zu einem Felsen, der ein kleines Stück abseits lag, und blieb dort unbeweglich stehen. Den beiden Menschen war ihre eigene Erregtheit ein Geheimnis -- ohne Zweifel weinten sie im stillen. Der Gesang der Vögel, so lustig, so voll zarten Ausdrucks angesichts der sinkenden Sonne, mußte die heftige Bewegung noch steigern, die sie gezwungen hatte, auseinander zu eilen. Die Natur selbst nahm es auf sich, einer Liebe Ausdruck zu geben, von der sie nicht zu sprechen wagten.
»Nun wohl, Mylord,« fuhr Julie fort und trat in einer Haltung voll Würde wieder vor ihn hin, seine Hand ergreifend, »ich bitte Sie darum, halten Sie das Leben rein und heilig, das Sie mir zurückgegeben haben. Wir werden uns hier trennen. Ich weiß,« setzte sie hinzu, als sie Lord Grenville erblassen sah, »zum Lohne für Ihre Aufopferung fordere ich da von Ihnen ein noch größeres Opfer, als alle die, deren Größe von mir besser anerkannt werden sollte -- aber es muß sein. Sie dürfen nicht in Frankreich bleiben. Aber wenn ich Ihnen das gebiete, heißt das nicht auch schon, Ihnen Rechte gewähren -- und die müssen geheiligt bleiben,« setzte sie hinzu, die Hand des jungen Mannes auf ihr klopfendes Herz legend.
»Ja,« sagte Arthur und stand auf.
In diesem Augenblick wies er auf d'Aiglemont, der sein Kind im Arm hielt und von der andern Seite auf der Balustrade des Schlosses erschien. Er war durch einen Hohlweg geklettert, um hier seine Helene herabspringen zu lassen.
»Julie, ich werde von meiner Liebe kein Wort zu Ihnen sprechen -- unsere Seelen verstehen sich zu gut. So tief, so geheim meine Herzensfreuden auch waren, Sie haben sie geteilt, alle. Ich fühle es, ich weiß es, ich sehe es. Jetzt erhalte ich den köstlichen Beweis für den beständigen Einklang unserer Herzen -- aber ich werde fliehen. Ich habe schon mehrmals mit zuviel Besonnenheit ausgeklügelt, wie man diesen Menschen umbringen könnte, um auf die Dauer der Versuchung zu widerstehen -- deshalb darf ich nicht in Ihrer Nähe bleiben.«
»Ich habe denselben Gedanken gehabt,« sagte sie und ließ auf ihrem erregten Gesicht die Spuren einer schmerzlichen Bestürzung erscheinen.
Aber es lag so viel Tugend, so viel Sicherheit in sich selbst, so viel von heimlichem Siegen über die Liebe in den Worten und der Gebärde, die Julie entschlüpft waren, daß Lord Grenville von tiefer Bewunderung durchdrungen war. Selbst das Verbrechen hatte in diesem naiven Gewissen keinen Schatten zurückgelassen. Das religiöse Empfinden, das auf dieser schönen Stirn thronte, mußte stets die schlechten Gedanken dieser Art verscheuchen, die unsere unvollkommene Natur wider unsern Willen erzeugt und die uns zu gleicher Zeit die Größe und die Gefahren unsers Schicksals offenbaren.
»Ich hätte mich dann Ihrer Verachtung ausgesetzt, und doch würde es meine Rettung gewesen sein,« fuhr sie fort, die Augen niederschlagend. »Ihre Achtung verlieren, hieße das nicht sterben?«
Dieses heldenmütige Liebespaar stand einen Augenblick schweigend da, bemüht, den Schmerz zurückzudrängen. Ob gut, ob schlecht, ihre Gedanken waren getreulich die gleichen, und sie verstanden sich in ihrer innerlichen Wonne ebensogut, wie in ihren verborgensten Schmerzen.
»Ich darf nicht murren, das Unglück meines Daseins ist mein eigenes Werk,« setzte sie hinzu, die tränenvollen Augen zum Himmel aufschlagend.
»Mylord,« rief der General von seinem Platz aus, mit einer Handbewegung, »an dieser Stelle sind wir uns ja zum erstenmal begegnet. Sie erinnern sich vielleicht nicht? Sehen Sie nur -- dort unten -- bei den Pappeln!«
Der Engländer antwortete mit einem kurzen Kopfnicken.
»Ich sollte jung und unglücklich sterben,« fuhr Julie fort. »Ja, glauben Sie nicht, daß ich am Leben bleibe. Der Kummer wird ebenso tödlich sein, wie die schreckliche Krankheit es hätte werden können, von der Sie mich geheilt haben. Ich halte mich nicht für sündig. Nein, die Gefühle, die ich für Sie gehegt habe, sind unwiderstehlich, ewig -- aber sie regen sich gegen meinen Willen, und ich will tugendhaft bleiben. Ich werde zu gleicher Zeit meinem Gewissen als Gattin, meinen Pflichten als Mutter und der Stimme meines Herzens treu bleiben. Hören Sie mich an,« setzte sie mit veränderter Stimme hinzu, »diesem Manne dort werde ich nie mehr angehören.«
Und mit einer Gebärde, die in ihrem Abscheu und ihrer Aufrichtigkeit erschreckend war, wies Julie auf ihren Mann.
»Die Gesetze der Welt,« fuhr sie fort, »verlangen von mir, daß ich ihm das Leben glücklich mache -- ich werde dem gehorchen. Ich werde seine Dienerin sein; meine Ergebenheit gegen ihn wird ohne Grenzen sein, aber von heute ab bin ich Witwe. Ich will weder vor mir selbst noch vor der Welt eine Prostituierte sein. Wenn ich Herrn d'Aiglemont nicht mehr gehöre, so auch niemals einem andern. Sie werden von mir nichts weiter besitzen, als was Sie mir entrissen haben. Dies ist das Urteil, das ich über mich selbst ausgesprochen habe,« sagte sie, Arthur mit Stolz anblickend. »Es ist unwiderruflich, Mylord. Erfahren Sie noch, wenn Sie einem verbrecherischen Gedanken nachgäben, so würde die Witwe des Herrn d'Aiglemont in ein Kloster gehen, in Italien oder in Spanien. Das Unglück hat gewollt, wir sollten von unserer Liebe sprechen. Diese Geständnisse waren vielleicht unvermeidlich; aber es soll das letztemal sein, daß unsere Herzen so heftig erschüttert wurden. Morgen werden Sie vorgeben, einen Brief erhalten zu haben, der Sie nach England ruft, und wir werden scheiden, um einander nie wiederzusehen.«
Erschöpft von dieser Anstrengung, fühlte Julie, daß ihre Knie brachen -- eine tödliche Kälte ergriff sie. Doch sie hatte den echt weiblichen Einfall, sich rasch hinzusetzen, um nicht in Arthurs Arme zu fallen.
»Julie!« rief Lord Grenville.
Dieser durchdringende Schrei hallte wider wie ein Donnerschlag. Dieser herzzerreißende Aufschrei drückte alles aus, was der bisher stumme Liebende nicht hatte sagen können.
»Nun, was hat sie denn?« fragte der General.
Als der Marquis den Schrei hörte, war er schnell herzugeschritten und stand jetzt plötzlich vor dem Liebespaar.
»Es wird nichts weiter sein,« sagte Julie mit der bewundernswerten Kaltblütigkeit, die die Frauen dank ihrer natürlichen Schlauheit bei den großen Krisen des Lebens oft an den Tag legen. »Die Kühle unter diesem Nußbaum hat mir fast eine Ohnmacht verursacht, und mein Doktor ist wohl heftig darüber erschrocken. Bin ich für ihn nicht sozusagen ein Kunstwerk, das noch nicht ganz fertig ist? Er hat vielleicht Angst gehabt, es zerstört zu sehen.«
Sie nahm keck Lord Grenvilles Arm, lächelte ihrem Manne zu, blickte noch einmal über die Landschaft hin, ehe sie den Gipfel der Felsen verließ und zog ihren Reisegefährten an der Hand mit sich fort.
»Dies ist sicherlich die schönste Gegend, die wir gesehen haben,« sagte sie. »Ich werde sie nie vergessen. Sehen Sie nur, Victor, welche Fernen, welche weite Flächen und welche Mannigfaltigkeit! Angesichts dieses Landes begreife ich, was Liebe heißt!«
Sie stieß ein fast krampfhaftes Lachen aus, mit dem es ihr gelang, den Gatten zu täuschen, sprang lustig in den Hohlweg und verschwand.
»Ah bah, wenn schon!« sagte sie, als sie weit von Herrn d'Aiglemont entfernt war. »Ah bah! Mein Freund, in einem Augenblick werden wir nicht mehr sein können -- werden wir niemals wieder wir selbst sein können -- kurz, werden wir nicht mehr leben können.«
»Lassen Sie uns langsam gehn,« antwortete Lord Grenville, »die Wagen sind noch fern. Wir werden zusammen gehen, und wenn es uns erlaubt ist, Worte in unsere Blicke zu legen, so werden unsere Herzen noch einen Augenblick länger leben.«
Sie schritten in den letzten Sonnenstrahlen auf dem Damme am Rande des Wassers dahin, fast in völligem Schweigen, undeutliche Worte sprechend, die sanft und leise waren, wie das Murmeln der Loire, und doch die Seele erschütterten. Die Sonne umhüllte sie im Augenblick ihres Niedergangs mit rotem Schein -- dann verschwand sie wie ein melancholisches Abbild ihrer unglücklichen Liebe. Der General war unruhig, als er seinen Wagen nicht an der Stelle fand, wo er Halt gemacht hatte, und lief bald vor dem Liebespaar her, bald folgte er hinterdrein. An der Unterhaltung beteiligte er sich nicht.