Chapter 5
Sie verzichtete wie auf einen Traum auf die sanften Freuden, auf die zarte Harmonie, die Madame de Listomere-Landon in ihrer langjährigen Erfahrung ihr verheißen hatte; sie wartete mit Ergebung auf das Ende ihrer Schmerzen, indem sie jung zu sterben hoffte. Seit ihrer Rückkehr aus der Touraine war ihre Gesundheit täglich schwächer geworden, und das Leben schien ihr nur noch durch das Leiden zugemessen zu sein -- ein vornehmes Leiden übrigens, eine dem Anschein nach fast wonnevolle Krankheit, die in den Augen oberflächlicher Menschen für die Grille eines Hausdämchens gelten konnte.
Die Ärzte hatten die Marquise dazu verurteilt, auf einem Diwan zu liegen, wo sie sich mit Blumen umgab und nun dahinsiechte wie diese. Ihre Schwäche verbot ihr das Gehen und den Aufenthalt in frischer Luft; sie fuhr nur noch im geschlossenen Wagen aus. Beständig umgeben von allen Wundern unsers Luxus und unserer modernen Industrie, glich sie weniger einer Kranken als einer blasierten Königin. Einige Freunde, die ihre Krankheit und Schwäche entzückend fanden und vielleicht auch bestimmt darauf rechneten, daß sie in Zukunft wieder ganz gesund würde, besuchten sie, denn sie waren ja immer sicher, sie zu Hause zu treffen, brachten ihr alle Neuigkeiten und unterrichteten sie über die tausend kleinen Ereignisse, die das Leben in Paris so abwechslungsreich machen.
Ihre Melancholie war ernst und tief, aber es war die Melancholie des Überflusses. Die Marquise d'Aiglemont glich einer schönen Blume, deren Wurzel von einem schwarzen Insekt angefressen ist. Sie ging bisweilen in Gesellschaften, nicht aus Geschmack daran, sondern um den Forderungen der Stellung zu genügen, nach der ihr Mann strebte. Ihre Stimme und die Vollendung ihres Gesangs trugen ihr den Beifall ein, der fast immer einer jungen Frau schmeichelt. Aber was nützten ihr Erfolge, die weder mit ihrem Empfinden noch mit ihrem Hoffen etwas zu tun hatten? Ihr Mann machte sich nichts aus Musik. Zuletzt fühlte sie sich stets befangen in den Salons, wo ihre Schönheit ihr Huldigungen einbrachte. Ihre Situation erregte dort eine Art grausamen Mitleids, eine kalte Neugierde.
Sie war von einem Fieber befallen, das fast regelmäßig mit dem Tode endet -- ein Leiden, von dem die Frauen untereinander nur flüsternd sprechen, und für die unsere Neologie noch keinen Namen hat finden können. Trotz des Schweigens, in dessen Mitte sich ihr Dasein vollzog, war die Ursache ihres Leidens für niemand ein Geheimnis. Trotz der Ehe, noch immer ein junges Mädchen, erfüllten die geringsten Blicke sie mit Scham. Um nicht erröten zu müssen, erschien sie daher stets fröhlich und lachend; sie erkünstelte eine falsche Freude, erklärte immer, sie befände sich sehr wohl oder kam den Fragen nach ihrer Gesundheit mit schamhaften Lügen zuvor.
Inzwischen trug 1817 ein Ereignis viel dazu bei, den beklagenswerten Zustand zu ändern, in dem Julie bisher sich befunden hatte. Sie bekam eine Tochter und wollte selbst stillen. Zwei Jahre lang war bei den lebhaften Zerstreuungen und unruhevollen Freuden, die die Sorgen einer Mutter mit sich bringen, ihr Leben weniger unglücklich.
Sie mußte sich nun von ihrem Manne fernhalten. Die Ärzte prophezeiten eine Besserung; aber die Marquise glaubte nicht an diese auf Vermutungen gegründeten Weissagungen. Wie alle Leute, für die das Leben keine Freude mehr hat, erblickte sie vielleicht im Tode eine glückliche Erlösung.
Im Anfang des Jahres 1819 war das Leben für sie grausamer als je zuvor. In dem Augenblick, wo sie sich des negativen Glücks erfreute, das sie zu erringen gewußt hatte, sah sie furchtbare Abgründe vor sich: ihr Mann hatte sich allmählich ihrer entwöhnt. Dieses Erkalten einer schon so lauen und ganz egoistischen Liebe konnte mehr Unglück herbeiführen, als sie bei allem feinen Takt und aller Klugheit voraussehen konnte. Obwohl sie sicher war, eine große Herrschaft über Victor zu behalten und seine Achtung für immer zu besitzen, fürchtete sie den Einfluß der Leidenschaften auf einen so unbedeutenden, so lächerlich unüberlegten Mann. Oft überraschten ihre Freunde sie bei lang anhaltendem Grübeln; die weniger Tiefblickenden fragten sie scherzend nach dem Geheimnis ihrer Gedanken, als wenn eine junge Frau an nichts anderes als an Frivolitäten denken könnte, als wenn nicht fast immer ein tiefer Sinn in den Gedanken einer Hausmutter läge.
Übrigens führt uns das Unglück, wie das wahre Glück, immer zu Träumereien. Manchmal spielte Julie mit ihrer Helene, betrachtete sie mit finsterm Blick und antwortete plötzlich nicht mehr auf die kindlichen Fragen, die den Müttern so viel Vergnügen machen. Sie sann dann über ihr Schicksal in Gegenwart und Zukunft nach. Ihre Augen wurden naß von Tränen, wenn ein plötzliches Erinnern ihr das Bild jener Parade in den Tuilerien wieder vorzauberte. Die prophetischen Worte ihres Vaters klangen ihr abermals in den Ohren, und ihr Gewissen tadelte sie, deren Weisheit verkannt zu haben.
Aus diesem törichten Ungehorsam entsprang all ihr Unglück; und oft wußte sie nicht, welches unter ihren Leiden am schwersten zu ertragen sei. Nicht nur blieben die süßen Schätze ihrer Seele ungehoben, nein, sie konnte selbst in den gewöhnlichsten Dingen des Lebens zu keinem Einverständnis mit ihrem Gatten gelangen.
In dem Augenblick, wo die Fähigkeit zu lieben in ihr erstarkte und sich wärmer regte, erlosch die gesetzliche, die eheliche Liebe unter schweren Leiden physischer und moralischer Art. Sie hegte nur für ihren Mann jenes an Verachtung grenzende Mitleid, das auf die Dauer alle Gefühle vernichtet. Wenn nicht schon ihre Gespräche mit den Freunden, die Beispiele oder gewisse Abenteuer der vornehmen Gesellschaft sie darüber belehrt hätten, daß die Liebe auch großes Glück bescheren könne, so würden ihre Wunden ihr schließlich eine Ahnung von den tiefen, reinen Wonnen eingeflößt haben, die ein Band zwischen brüderlichen Seelen bilden müssen.
In dem Bilde, das ihre Erinnerung ihr von der Vergangenheit entwarf, zeichnete sich das lautere Gesicht Arthurs mit jedem Tage reiner und schöner ab; doch betrachtete sie es stets nur flüchtig, denn sie wagte nicht, bei dieser Erinnerung zu verweilen. Die schweigsame, schüchterne Liebe des jungen Engländers war das einzige Ereignis, das seit der Verheiratung eine sanfte Spur in diesem düstern, einsamen Herzen zurückgelassen hatte.
Vielleicht richteten sich alle getäuschten Hoffnungen, alle fehlgeschlagenen Wünsche, die allmählich Juliens Geist verdüstert hatten, durch ein natürliches Spiel der Phantasie auf diesen Mann, dessen Manieren, Gefühl und Art anscheinend eine so große Übereinstimmung mit ihrem Wesen aufwiesen. Aber dieser Gedanke hatte immer den Charakter einer Laune, eines Traumes. Nach einem solchen haltlosen Sinnen, das immer in Seufzern seinen Abschluß fand, erwachte Julie noch unglücklicher und empfand nur noch tiefer ihre verborgenen Schmerzen, nachdem sie sie unter den Fittichen eines Glückes eingeschläfert hatte, das die Phantasie ihr vorgegaukelt.
Manchmal nahmen ihre Klagen einen törichten, tollkühnen Charakter an; sie verlangte Vergnügungen um jeden Preis. Aber noch öfter verharrte sie in einer unsagbaren stumpfsinnigen Betäubung, hörte zu, ohne zu verstehen, oder spann so unklare, unbestimmte Gedanken, daß sie sie in Worten nicht hätte ausdrücken können.
In ihrem intimsten Wollen, in den Gewohnheiten, die sie einstmals als junges Mädchen sich erträumt hatte, so tief verwundet, mußte sie nun ihre Tränen in sich hinein weinen. Wem hätte sie ihr Leid klagen sollen? Von wem konnte sie verstanden werden? Und dann besaß sie ja auch jenes äußerste Zartgefühl des Weibes, jene liebliche Schamhaftigkeit des Gefühls, die darin besteht, keine unnütze Klage laut werden zu lassen, den Vorteil unbenutzt zu lassen, sobald der Sieg den Sieger ebenso erniedrigen müßte wie den Besiegten.
Julie suchte Herrn d'Aiglemont ihre Fähigkeit, die ihr eigenen Tugenden zu verleihen und rühmte sich gegen die Welt eines Glückes, das ihr doch nicht beschieden war.
All ihr weibliches Feingefühl wurde vollständig umsonst aufgeboten, eine Rücksicht zu nehmen, die ihr Mann ja doch nicht beachtete, indem er sich im Gegenteil dadurch in seinem Egoismus bestärkt fühlte. Bisweilen war sie nahe daran, vor Unglück den Verband zu verlieren; aber zum Glück führte eine echte Frommheit sie immer wieder zu einer äußersten Hoffnung: sie nahm Zuflucht zu dem zukünftigen Leben -- eine bewundernswerte Glaubenskraft ließ sie von neuem ihre schmerzliche Bürde auf sich nehmen.
Diese furchtbaren Kämpfe, diese innere Zerrissenheit blieben ohne Ruhm, ihre langen Stunden der Schwermut blieben unbekannt; keine Menschenseele fing ihre matten Blicke, ihre bitteren Tränen auf -- dem Zufall hingegeben, erloschen sie in der Einsamkeit.
Die Gefahren der kritischen Lage, zu der die Marquise unmerklich durch die Kraft der Verhältnisse gelangt war, enthüllten sich ihr in vollem Ernst erst an einem Abend im Januar 1820.
Wenn zwei Eheleute sich ganz genau kennen und sich seit langem aneinander gewöhnt haben, wenn eine Frau die geringsten Gebärden eines Mannes zu deuten weiß und Gefühle oder Dinge, die er ihr verbirgt, durchschauen kann, dann geht ihr oft nach vorhergehenden Betrachtungen oder Bemerkungen, die zufällig und ursprünglich auch ohne jeden Belang gemacht werden, ganz plötzlich ein Licht auf, und oftmals erwacht eine Frau mit einem Male am Rande oder am Boden eines Abgrunds.
So erriet die Marquise, die sich seit zwei Tagen freute, allein zu sein, ganz plötzlich das Geheimnis ihres Alleinseins. Ob aus Untreue oder aus Überdruß, ob aus Edelsinn oder Mitleid mit ihr -- ihr Gatte gehörte ihr nicht mehr. In diesem Augenblick dachte sie nicht mehr an sich, noch an ihre Leiden und Opfer; sie war nur noch Mutter, und ihr Augenmerk galt der Zukunft, dem Glück ihrer Tochter, des einzigen Wesens, von dem ihr noch ein wenig Glückseligkeit kam -- ihrer Helene, des einzigen Guts, das sie noch ans Leben fesselte.
Jetzt wollte Julie nicht sterben -- sie wollte ihr Kind vor dem entsetzlichen Joch bewahren, unter dem eine Stiefmutter das Leben dieses teueren Wesens erdrücken konnte. Bei dieser neuen Voraussicht eines finstern Geschicks verfiel sie in eine jener glühenden Grübeleien, die ganze Jahre verzehren. Zwischen ihr und ihrem Gatten mußte hinfort eine ganze Welt von Gedanken liegen, deren Last auf sie allein fallen würde. Bisher war sie gewiß gewesen, von Victor geliebt zu sein, soweit er der Liebe fähig war, und sie hatte sich einem Glücke hingegeben, das sie selbst nicht teilte. Aber jetzt hatte sie nicht mehr die Genugtuung, zu wissen daß ihre Tränen ihren Mann noch immer rühren würden -- jetzt stand sie allein in der Welt, und es blieb ihr keine Wahl als das Unglück.
In der Stille und dem Schweigen des Abends erlahmte alle ihre Kraft, aller Mut brach nieder, und in dem Augenblick, wo sie ihren Diwan und ihr fast erloschenes Feuer verließ, um zu ihrer Tochter zu gehen und beim Scheine einer Lampe mit trockenen Augen das Kind anzusehen, kehrte Herr d'Aiglemont in fröhlichster Stimmung heim. Julie bewog ihn, mit ihr zusammen die schlafende Helene zu bewundern, aber er fertigte die Begeisterung seiner Frau mit einer banalen Phrase ab.
»In diesem Alter,« sagte er, »sind alle Kinder niedlich.«
Nachdem er seiner Tochter einen flüchtigen Kuß auf die Stirn gegeben, ließ er die Vorhänge der Wiege herab, sah Julie an, nahm sie bei der Hand und führte sie zu dem Diwan, wo eben noch so viele unheilvolle Gedanken sie bestürmt hatten.
»Sie sind sehr schön heute abend, Madame d'Aiglemont!« rief er mit der unerträglichen Heiterkeit, deren Leere der Marquise so wohlbekannt war.
»Wo haben Sie den Abend verbracht?« fragte sie, tiefe Gleichgültigkeit erkünstelnd.
»Bei Madame de Sérizy.«
Er hatte einen Lichtschirm vom Kamin genommen und betrachtete aufmerksam das Transparent. Die Spur der Tränen, die seine Frau vergossen, hatte er nicht bemerkt. Julie zitterte. Die Sprache reichte nicht hin, den Strom von Gedanken in Worte zu fassen, der aus ihrem Herzen hervorbrechen wollte und den sie dort zurückhalten mußte.
»Madame de Sérizy gibt nächsten Montag ein Konzert und kommt um vor Sehnsucht, dich dabei zu haben. Du hast dich seit langem nicht in Gesellschaften sehen lassen, das ist für sie Grund genug, dich dringend einzuladen. Es ist ein ganz nettes Weib -- und hat dich sehr lieb. Tu mir den Gefallen und komm mit. Ich habe so gut wie zugesagt für dich ...«
»Ich werde mitkommen,« antwortete Julie.
Der Ton der Stimme, die Betonung und der Blick der Marquise hatten etwas so Eindringliches, so Merkwürdiges, daß Victor bei all seiner Oberflächlichkeit seine Frau erstaunt ansah. Das war alles. Julie hatte erraten, Madame de Sérizy sei die Frau, die ihr das Herz ihres Mannes entwendete.
Sie versank in eine Träumerei der Verzweiflung und schien angelegentlich das Feuer zu betrachten. Victor drehte den Lichtschirm in den Fingern, mit der gelangweilten Miene eines Mannes, der anderswo glücklich gewesen ist und die Abspannung nach genossener Wonne mit sich bringt. Als er mehrmals gegähnt hatte, nahm er eine Kerze in die eine Hand, mit der andern suchte er nachlässig den Hals seiner Frau und wollte sie umarmen. Aber Julie bückte sich, bot ihm die Stirn und empfing den Abendkuß, diesen mechanischen, liebelosen Kuß -- ein Stück Komödie, das ihr jetzt widerwärtig erschien.
Als Victor die Tür geschlossen hatte, sank die Marquise auf einen Sessel; die Beine versagten ihr den Dienst, sie zerfloß in Tränen. Man muß den Jammer eines ähnlichen Auftritts erlitten haben, um allen Schmerz zu begreifen, den diese Szene in sich schloß, um die langen, furchtbaren Katastrophen zu erraten, zu denen sie führen kann. Die simplen, nichtssagenden Worte, das Schweigen zwischen dem Ehepaar, die Gebärden, die Blicke, die Art, wie der Marquis sich vor das Feuer setzte, alles das hatte dazu gedient, diese Stunde zu einer tragischen Lösung des einsamen, schmerzvollen Lebens zu machen, das Julie führte.
In ihrem Wahnsinn warf sie sich vor dem Diwan auf die Knie, vergrub das Gesicht, um nichts zu sehen, und betete zum Himmel. Den gewohnten Worten ihrer Andacht verlieh sie einen eigenen Ton, eine neue Bedeutung, die ihrem Gatten das Herz zerrissen hätten, wenn er es hätte hören können.
Acht Tage lang sann sie über ihr Schicksal nach, ihrem Unglück preisgegeben. Sie faßte es von allen Seiten ins Auge und suchte nach Mitteln und Wegen, um nicht ihr eigenes Herz belügen zu müssen, die Herrschaft über den Marquis wiederzugewinnen und so lange zu leben, bis das Glück ihrer Tochter gesichert war. Sie beschloß nun, mit ihrer Nebenbuhlerin zu kämpfen, sich wieder in der Gesellschaft zu zeigen, dort zu glänzen und, nur um den Gatten für sich zu gewinnen, ihm eine Liebe vorzuheucheln, die sie doch eben nicht empfinden konnte. Und hatte sie mit ihren Künsten ihn ihrer Macht unterworfen, so wollte sie kokett zu ihm sein, wie es die kapriziösen Mätressen sind, die sich ein Vergnügen daraus machen, ihre Verehrer auf die Folter zu spannen.
Diese häßliche Handlungsweise war das einzige Mittel, das ihr in ihrem Leid noch zur Verfügung stand. So würde sie vielleicht Herrin ihres Kummers werden, nach ihrem Gefallen über ihren Schmerz gebieten können, ihn auf seltenere Anfälle einschränken -- die Unterjochung des Mannes, der Triumph, ihn zum Sklaven eines furchtbaren Despotismus gemacht zu haben, würde ihr dazu verhelfen. Sie machte sich kein Gewissen daraus, ihm ein Leben aufzuzwingen, das ihm manchmal lästig werden müßte. Mit einem Sprunge stürzte sie sich in die kalten Berechnungen der Gleichgültigkeit, um ihre Tochter zu retten, sie ersann sich auf der Stelle alle Hinterlisten, alle Lügen der Geschöpfe, die nicht lieben, das Trugwerk der Koketterie und die grausame Tücke, um deren willen die Männer das Weib so gründlich hassen, bei dem sie dann angeborene Verderbnis vermuten.
Unbewußt machten ihre weibliche Eitelkeit, ihr Vorteil und ein geheimer Wunsch nach Rache gemeinsame Sache mit ihrer Mutterliebe, um sie auf eine Bahn zu locken, wo nur neue Schmerzen ihrer harrten. Sie hatte eine zu schöne Seele, einen zu harten Geist, und vor allem zu viel Offenheit, um sich lange eines solchen Betrugs schuldig zu machen. Sie war gewohnt, beim ersten Schritt in das Laster -- denn dies war Laster -- in ihrer Seele zu lesen, und so mußte der Schrei ihres Gewissens die Stimme der Leidenschaft und des Egoismus übertönen.
In der Tat, bei einer jungen Frau, deren Herz noch rein ist, und bei der die Liebe jungfräulich geblieben, ist selbst das Gefühl der Mutterschaft der Stimme der Scham unterworfen. Ist nicht die Scham das ganze Weib? Aber Julie wollte noch keine Gefahr, noch keinen Fehler in dem neuen Leben erblicken.
Sie ging zu Madame de Sérizy. Ihre Nebenbuhlerin erwartete, eine bleiche, schmachtende Frau zu sehen; die Marquise hatte Rot aufgelegt und zeigte sich in allem Glanze eines Schmuckes, der ihre Schönheit in das vorteilhafteste Licht setzte.
Gräfin de Sérizy zählte zu jenen Frauen, die sich in Paris eine gewisse Herrschaft über Mode und Gesellschaft anmaßen. Ihr Urteilsspruch hatte in dem Kreise, wo sie regierte, nach ihrer eigenen Meinung allgemeine Geltung; sie hatte die Kühnheit, Worte zu prägen; sie war unumschränkte Richterin. Literatur, Politik, Männer und Frauen, alles unterlag ihrer Kritik; und das Urteil anderer schien Frau Sérizy nicht zu beachten. Ihr Haus war in allen Punkten ein Muster guten Geschmacks.
In diesen von eleganten, schönen Frauen überfüllten Salons triumphierte nun Julie über die Komtesse. Geistreich, lebhaft, mutwillig, hatte sie die hervorragendsten Männer des Abends um sich versammelt. Zum größten Verdruß der Frauen war dabei ihre Toilette ganz untadelhaft, und alle beneideten sie um einen Rockschnitt, um eine Taillenform, deren Wirkung man allgemein dem Genie einer unbekannten Schneiderin zuschrieb, denn die Frauen glauben immer lieber an die Kunst und Wissenschaft einer Schneiderin als an die Anmut und Vollkommenheit derer, die so gebaut sind, daß sie das Werk dieser Schneiderin nun auch gut tragen können.
Als Julie sich erhob, um am Piano die Romanze der Desdemona zu singen, liefen die Männer aus allen Salons herbei, um diese berühmte Stimme zu hören, die so lange nicht erklungen, und ein tiefes Schweigen trat ein. Die Marquise fühlte sich heftig beklommen, als sie die Köpfe an den Türen sich drängen und alle Blicke auf sich geheftet sah. Sie suchte mit den Augen ihren Mann, warf ihm einen koketten Blick zu und sah mit Vergnügen, daß er sich in diesem Moment in seiner Eigenliebe sehr geschmeichelt fühlte.
Glücklich über diesen Triumph, entzückte sie in dem ersten Teile des »+Al piu salice+« die ganze Versammlung. Noch nie hatte die Malibran oder die Pasta einen Gesang hören lassen von solcher Vollendung des Gefühls und der Betonung. Aber als sie fortfahren wollte, sah sie sich unter den Gruppen um und erblickte Arthur, dessen unverwandter Blick sie nicht verließ. Da zitterte sie heftig, und ihre Stimme schlug um. Madame de Sérizy eilte von ihrem Platz auf die Marquise zu.
»Was haben Sie, meine Teure? O, arme Kleine, sie ist leidend! Ich hatte gleich meine Befürchtungen, als sie sich daran wagte -- es mußte ja ihre Kräfte übersteigen.«
Die Romanze wurde unterbrochen. Julie hatte in ihrem Verdruß nicht den Mut fortzufahren und ließ das falsche Mitleid ihrer Nebenbuhlerin über sich ergehen. Alle Frauen flüsterten untereinander, und indem sie über diesen Vorfall sprachen, errieten sie den zwischen der Marquise und Frau de Sérizy entbrannten Kampf und verschonten auch die letztere nicht mit ihrer Schmähsucht.
Die seltsamen Ahnungen, die so oft Juliens Herz erschüttert hatten, waren mit einem Schlag zur Wahrheit geworden. Wenn sie an Arthur dachte, hatte es ihr gefallen, sich vorzustellen, daß ein Mann von so sanftem Äußern seiner ersten Liebe treu geblieben sein müßte. Manchmal hatte sie sich geschmeichelt, der Gegenstand dieser schönen Leidenschaft zu sein, der reinen und wahren Leidenschaft eines jungen Mannes, dessen ganzes Denken und Dichten seiner Geliebten gehörte, der keine Winkelzüge kennt, der über Dinge errötet, über die sonst nur eine Frau errötet, der wie eine Frau denkt, ihr keine Nebenbuhlerin gibt und sich ihr überläßt, ohne nach Ehrgeiz, Ruhm oder Vermögen zu fragen.
Alles dies hatte sie aus Torheit, aus Zeitvertreib von Arthur gedacht. Nun glaubte sie plötzlich ihren Traum verwirklicht zu sehen; sie las auf dem fast weiblichen Gesicht des jungen Arthur die tiefen Gedanken, die sanfte Melancholie, die schmerzliche Ergebung, denen sie preisgegeben war. Sie erkannte sich in ihm wieder. Unglück und Schwermut sind die beredtesten Vermittler der Liebe und bringen zwei leidende Wesen mit unglaublicher Schnelligkeit in Einklang. Der innere Blick und die Art, Dinge oder Ideen in sich aufzunehmen, sind bei ihnen vollständig und zutreffend. Die Heftigkeit der Überraschung, die die Marquise erlitt, enthüllte ihr daher auch alle Gefahren der Zukunft. Sie war glücklich, in ihrem gewohnten leidenden Zustand einen Vorwand für ihre Verwirrung zu finden und ließ sich gern von dem spitzfindigen Mitleid der Frau de Sérizy überschütten.
Die Unterbrechung der Romanze war ein Ereignis, über das sich mehrere Personen auf verschiedene Weise unterhielten. Die einen beklagten Juliens Geschick und bedauerten es, daß eine so hervorragende Frau für die Gesellschaft verloren sei; die andern wollten den Grund ihres Leidens und der Einsamkeit, in der sie lebte, genau kennen.
»Nun wohl, mein teurer Ronquerolles,« sagte der Marquis zu dem Bruder der Frau de Sérizy, »du beneidest mich um mein Glück beim Anblick der Frau d'Aiglemont, und du machst mir den Vorwurf, ich sei ihr untreu? Ei, du würdest mein Schicksal sehr wenig beneidenswert finden, wenn du wie ich ein oder zwei Jahre lang neben einer hübschen Frau leben müßtest, ohne daß du es wagen dürftest, ihr die Hand zu küssen, aus Furcht, du könntest sie zerbrechen. Gib dich nie mit diesen zarten Kleinodien ab -- sie sind nur gut dazu, unter Glas gestellt zu werden -- sie sind so zerbrechlich und so wertvoll, daß wir uns immer in acht nehmen müssen. Führst du denn dein schönes Pferd oft aus? Man hat mir gesagt, du hast Angst, es könnte von Platzregen oder Schneefall überrascht werden. Nun, das ist dieselbe Geschichte wie bei mir. Es ist wahr, ich kann auf die Tugend meiner Frau einen Eid leisten; aber meine Ehe ist ein Luxusartikel und wenn du glaubst, ich sei verheiratet, so irrst du dich. Daher ist auch meine Untreue in gewissem Maße berechtigt. Ich möchte gerne wissen, wie ihr euch an meiner Stelle verhieltet, ihr Herren Lacher. Viele Männer würden weit weniger Federlesens mit ihrer Frau machen als ich. Ich bin überzeugt,« setzte er mit leiser Stimme hinzu, »Frau d'Aiglemont ahnt nichts; und ich wäre gewiß auch sehr im Unrecht, wenn ich mich beklagen wollte, ich bin sehr glücklich. Nur ist nichts für einen gefühlvollen Mann lästiger, als ein armes Wesen leiden zu sehen, an das man gebunden ist --«
»Du bist also sehr gefühlvoll?« antwortete Herr de Ronquerolles. »Na ja, du bist ja auch selten zu Hause.«
Dieses freundschaftliche Epigramm erweckte Lachen unter den Zuhörern. Aber Arthur blieb kalt und ruhig -- er war einer von den wenigen Kavalieren, die den Ernst zur Grundlage ihres Charakters machen. Die sonderbaren Worte dieses Ehemannes riefen ohne Zweifel gewisse Hoffnungen in dem jungen Engländer wach. Er trachtete mit Ungeduld nach einem Augenblick, wo er mit Herrn d'Aiglemont allein sein könnte, und die Gelegenheit dazu bot sich bald.