Die Frau von dreißig Jahren

Chapter 4

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Als die Matrone den Brief gelesen hatte, der nach einem solchen Anfang wohl noch traurigere Bemerkungen aufnehmen sollte, legte sie langsam die Brille auf den Tisch, legte auch den Brief wieder hin und heftete auf ihre Nichte zwei grüne Augen, deren klares Feuer durch das Alter noch nicht geschwächt worden war.

»Meine Kleine,« sagte sie, »eine verheiratete Frau kann, ohne den Anstand zu verletzen, nicht gut so etwas an ein junges Mädchen schreiben ...«

»Das dachte ich auch schon,« antwortete Julie, ihre Tante unterbrechend, »und ich schämte mich vor mir selbst, als Sie es lasen ...«

»Wenn uns bei Tische eine Speise nicht zusagt, so brauchen wir sie doch niemand anderm zu verekeln, mein Kind,« fuhr die Alte gutgelaunt fort, »und das Heiraten ist doch von Eva an bis zu uns herab immer für was ganz Herrliches gehalten worden ... Haben Sie keine Mutter mehr?« fragte die alte Frau.

Die Komtesse zitterte, dann hob sie sanft den Kopf und sagte:

»Seit einem Jahr habe ich mehr als einmal bedauert, daß meine Mutter nicht mehr am Leben ist; aber es war unrecht von mir, daß ich auf die Warnungen meines Vaters nicht gehört habe. Er wollte Victor nicht zum Schwiegersohne.«

Sie sah ihre Tante an, und ein Schauer der Freude trocknete ihre Tränen, als sie den Ausdruck von Güte bemerkte, der dieses alte Gesicht belebte. Sie streckte ihre junge Hand der Marquise hin, die sich ihrer so liebreich anzunehmen schien, und als ihre Finger sich drückten, da war das Einverständnis zwischen diesen beiden Frauen vollständig.

»Arme Waise!« setzte die Tante hinzu.

Dieses Wort berührte Julie, als wenn ein letzter Lichtstrahl auf sie fiele. Sie glaubte noch einmal die prophetische Stimme ihres Vaters zu vernehmen.

»Ihre Hände sind fieberheiß! Ist das immer der Fall?« fragte die Alte.

»Seit sechs oder acht Tagen hat das Fieber mich nicht mehr verlassen,« antwortete sie.

»Und Sie haben mir das verheimlicht?«

»Ich hab's ja schon ein Jahr lang,« sagte Julie mit einer Art schamhafter Angst.

»Also, mein kleiner, guter Engel,« fuhr die Tante fort, »ist die Ehe für Sie bisher nur ein fortgesetzter Schmerz gewesen?«

Die junge Frau wagte nicht zu antworten, aber sie machte eine bejahende Gebärde, die all ihr Leid verriet.

»Sie sind also unglücklich?«

»O, nein, meine Tante. Victor liebt mich bis zur Vergötterung, und auch ich bete ihn an, er ist so gut.«

»Ja, lieb haben Sie ihn, aber Sie fliehen ihn dennoch, nicht wahr?«

»Ja -- bisweilen -- er sucht mich zu oft --«

»Wenn Sie allein sind, beunruhigt Sie dann nicht oft die Furcht, er könne kommen und Sie überraschen?«

»Ach, gewiß, meine Tante. Aber ich habe ihn sehr lieb, das versichere ich Ihnen.«

»Klagen Sie sich nicht insgeheim an, Sie verständen nicht, an dem, was ihn erfreut, Freude zu finden, oder Sie seien dessen nicht fähig? Denken Sie manchmal nicht, die legitime Liebe sei härter zu ertragen, als vielleicht eine strafbare Leidenschaft?«

»O, das ist's,« sagte sie weinend. »Sie erraten alles -- wo doch für mich alles ein Rätsel ist. Meine Sinne sind betäubt, ich kann nicht denken, ja ich lebe kaum noch. Meine Seele ist von einer unbestimmten Furcht bedrückt, die meine Gefühle zu Eis wandelt und mich in beständige Lethargie versenkt. Ich bin ohne Stimme, mich zu beklagen, und ohne Worte, meinen Schmerz auszudrücken. Ich leide, und schäme mich doch zu leiden, wenn ich Victor so glücklich sehe in dem, was mich tötet.«

»Kindereien, Albernheiten all das!« rief die Tante, deren vertrocknetes Gesicht sich plötzlich unter einem fröhlichen Lächeln belebte -- einem Abglanz ihrer Jugendzeit.

»Und auch Sie -- Sie lachen!« sagte die junge Frau in Verzweiflung.

»Ich bin ebenso gewesen,« antwortete die Marquise schlagfertig. »Sind Sie nicht jetzt, wo Victor Sie allein gelassen hat, wieder junges Mädchen und ruhig geworden? Ein junges Mädchen, das keine Liebesfreude mehr hat, aber auch kein Liebesleid?«

Julie machte große, fast stumpfsinnige Augen.

»Nun ja doch, mein Engel, Sie beten Victor an, nicht wahr? Aber Sie möchten weit lieber seine Schwester als seine Frau sein, und das Eheleben ist eben gar nicht Ihr Fall?«

»Nun denn -- ja, Tante. Aber warum lächeln Sie dazu?«

»O, Sie haben recht, mein armes Kind. All das ist nicht zum Spaßen. Ihre Zukunft würde Ihnen mehr als ein Unglück bescheren, wenn nicht ich Sie unter meine Obhut nähme, und wenn meine langjährige Erfahrung mich nicht die ganz unschuldige Ursache Ihres Kummers hätte erraten lassen. Mein Neffe hat sein Glück nicht verdient, der Tropf! Unter der Regierung unseres vielgeliebten fünfzehnten Ludwig würde eine junge Frau in Ihrer Lage den Gatten bald bestraft haben, wenn er sich wie ein ungeschlachter Landsknecht benommen hätte! Der Egoist! Die Soldaten dieses kaiserlichen Tyrannen sind durch die Bank unwissende Bösewichter! Sie halten Brutalität für Galanterie; sie kennen die Frauen nicht mehr und verstehen nicht zu lieben. Sie glauben, die Aussicht, doch bald in den Tod zu gehen, entbände sie von Rücksicht und Aufmerksamkeiten gegen uns. Früher wußte man ebenso gut zu lieben wie zu sterben -- beides zu gleicher Zeit. Meine Nichte, ich werde Ihnen den Mann erziehen. Ich werde dem traurigen, doch ganz natürlichen Mißstand ein Ende machen. Wenn das so weiterginge, würden Sie einander schließlich hassen und die Scheidung herbeiwünschen, sofern Sie nicht daran sterben, ehe es zu diesem verzweifelten Ende kommt.«

Julie hörte ihrer Tante mit Erstaunen, ja wie betäubt, zu, verwundert, Worte zu vernehmen, deren Richtigkeit von ihr mehr geahnt als eingesehen wurde, und ganz entsetzt, aus dem Munde einer vielerfahrenen Verwandten, nur in milderer Gestalt, den gleichen Einwand wiederzuhören, den ihr Vater gegen Victor erhoben hatte. Sie hatte vielleicht eine lebhafte Ahnung dessen, was ihr bevorstände, und empfand ohne Zweifel schon die Last des Unglücks, das sie bedrücken sollte, denn sie vergoß Tränen und warf sich in die Arme der alten Dame mit den Worten:

»Seien Sie mir Mutter!«

Die Tante weinte nicht; denn die Revolution hat den Frauen aus dem alten Königreich das Weinen abgewöhnt. Erst die verliebte Lebensweise und dann die Schreckensherrschaft haben sie mit den schmerzlichsten Umstürzen vertraut gemacht, so daß sie nun in den Gefahren des Lebens eine kalte Würde und eine aufrichtige Zuneigung, doch ohne jede Überschwenglichkeit, bewahren. Auf diese Weise vergessen sie darüber nie die Etikette und eine Vornehmheit des Benehmens, die die neuen Sitten sehr zu Unrecht verpönt haben.

Die Matrone nahm die junge Frau in die Arme und küßte sie auf die Stirn, mit einer Zärtlichkeit und Anmut, die bei diesen Frauen oft mehr Manier und Gewohnheit als Sache des Herzens ist. Sie tröstete ihre Nichte mit süßen Worten, versprach ihr eine glückliche Zukunft, half ihr beim Schlafengehen und schläferte sie mit liebevollen Vesprechungen ein, ganz als wenn Julie ihre Tochter gewesen wäre -- eine geliebte Tochter, deren Hoffnungen und Kümmernisse sie zu ihren eigenen machte; sie sah sich noch einmal jung in ihrer Nichte, fand sich in ihr noch einmal als unerfahrenes, hübsches Mädchen.

Glücklich, eine Freundin gefunden zu haben, eine Mutter, der sie hinfort alles sagen könnte, schlief die Komtesse ein. Als sich am folgenden Morgen Tante und Nichte mit der tiefen Herzlichkeit und in dem Einverständnis küßten, die einen Fortschritt im gegenseitigen Fühlen, eine noch vollständigere Verkettung zweier Seelen beweisen -- vernahmen sie den Schritt eines Pferdes, wandten gleichzeitig den Kopf und erblickten den jungen Engländer, der langsam, wie seine Gewohnheit war, vorbeiritt.

Er schien in gewissem Sinne das Leben, das die beiden einsamen Frauen führten, studiert zu haben und unterließ nie, sich einzufinden, wenn sie beim Frühstück oder beim Mittagessen saßen. Sein Pferd ging von selbst im langsamen Schritt -- er brauchte ihm keinen Wink zu geben; und in der Zeit, die es brauchte, an dem Raum zwischen den beiden Fenstern des Eßzimmers vorbeizukommen, warf Arthur einen melancholischen Blick hinein, meistens ohne von der Komtesse irgendwie beachtet zu werden.

Die Marquise hatte sich die philisterhafte Neugierde angewöhnt, die sich an die kleinsten Dinge heftet, um dem Leben in der Provinz Abwechslung zu verleihen, und von der sich selbst überlegene Geister nur schwer freihalten. Sie fand großen Spaß an der schüchternen, ernsthaften, und so stillschweigend offenbarten Liebe des Engländers. Diese Blicke im Vorüberreiten gehörten nun schon zur Tagesordnung, und jedesmal begrüßte sie Arthurs Vorbeikunft mit einem neuen Scherz.

Als sich die beiden Frauen an diesem Morgen zu Tische setzten, erblickten sie den Insulaner zu gleicher Zeit. Diesmal begegneten sich Juliens und Arthurs Augen so voll und unverhohlen, daß die junge Frau errötete. Sogleich gab der Engländer seinem Pferde die Sporen und verschwand im Galopp.

»Aber, Madame,« sagte Julie zu ihrer Tante, »was ist da zu machen? Wer den Engländer hier immer vorbeireiten sieht, muß ja doch merken, daß ich --«

»Jawohl,« antwortete die Tante, sie unterbrechend.

»Sollte ich mir das nicht verbitten?«

»Das hieße ihn auf den Gedanken bringen, er sei Ihnen gefährlich. Und könnten Sie denn jemand hindern, hin und her zu reiten, wo es ihm gefällt? Wir werden einfach morgen nicht mehr in diesem Zimmer speisen. Wenn uns der junge Kavalier hier nicht mehr sieht, wird er diese Liebe durchs Fenster einstellen. Sehen Sie, mein liebes Kind, so muß sich eine Frau benehmen, die weltgewandt ist.«

Aber das Unglück Juliens sollte vervollkommnet werden. Kaum erhoben sich die beiden Frauen vom Tische, so traf plötzlich Victors Kammerdiener ein. Er kam, so schnell sein Pferd hatte laufen können, auf Schleichwegen von Bourges her und überbrachte der Gräfin einen Brief ihres Gatten. Victor hatte den Kaiser verlassen und meldete seiner Frau den Zusammenbruch des Imperiums, die Eroberung von Paris und die Begeisterung, die an allen Punkten Frankreichs für die Bourbonen lebendig wurde. Aber da er nicht wußte, wie er bis nach Tours gelangen sollte, so bat er sie, in aller Eile nach Orleans zu kommen, wo er sich mit Durchgangspässen für sie einzufinden hoffte. Der Kammerdiener, ein alter Soldat, sollte Julie von Tours nach Orleans geleiten. Victor hielt diesen Weg noch für frei.

»Gnädige Frau haben keinen Augenblick zu verlieren,« sagte der Kammerdiener, »die Preußen, Österreicher und Engländer wollen in Blois oder in Orleans zueinander stoßen.«

In ein paar Stunden war die junge Frau bereit und reiste in einem alten Reisewagen ab, den die Tante ihr borgte.

»Warum wollen Sie nicht mit uns nach Paris kommen?« fragte sie, die Marquise umarmend. »Wo nun die Bourbonen wieder auf den Thron kommen, würden Sie dort ...«

»Ich würde auch ohne diese unerwartete Rückkehr des Königshauses hingekommen sein, meine arme Kleine, denn Sie bedürfen meines Ratschlags zu notwendig, Sie sowohl, als auch Victor. Ich werde also alle Vorkehrungen treffen, um Sie dort aufzusuchen.«

Julie nahm Abschied. Ihre Kammerzofe begleitete sie, und der alte Soldat ritt neben dem Wagen her, über seiner Herrin Sicherheit wachend. Als sie des Nachts auf einer Poststation vor Blois anlangten, sah Julie zum erstenmal zum Schlag heraus. Es beunruhigte sie, daß ein Gefährt hinter dem ihren herkam und es von Amboise her nicht verlassen hatte. Nun wollte sie sehen, wer ihre Reisegefährten seien. Beim Mondlicht erkannte sie Arthur, er stand drei Schritte vor ihr, die Augen auf ihren Wagen geheftet. Ihre Blicke begegneten sich.

Die Komtesse warf sich rasch in die Tiefe der Kalesche zurück -- sie zitterte vor Furcht. Wie die Mehrzahl der jungen wirklich unschuldigen und unerfahrenen Frauen, erschien es ihr schon als Fehltritt, unabsichtlich bei einem jungen Manne Liebe erweckt zu haben. Sie empfand ein unwillkürliches Entsetzen, das ihr vielleicht das Bewußtsein ihrer Schwäche gegenüber einer so kühnen Annäherung einflößte.

Eine der stärksten Waffen des Mannes ist diese furchtbare Macht, sich der von Natur regen Phantasie einer Frau, die über eine solche Verfolgung erschrickt oder sich beleidigt fühlt, immer wieder aufzudringen. Die Komtesse erinnerte sich des Rates, den die Tante ihr gegeben hatte, und beschloß, während der ganzen Reise in ihrem Reisewagen zu bleiben und nicht ein einziges Mal herauszukommen. Aber auf jeder Station hörte sie den Engländer um die beiden Wagen herumgehen. Und auf dem Wege hallte ihr das unwillkommene Geräusch seines Gespanns unaufhörlich in den Ohren. Die junge Frau dachte, Victor, bei dem sie ja nun bald sein würde, werde schon ein Mittel wissen, sie gegen diese sonderbare Verfolgung zu schützen.

»Aber wenn mich dieser junge Mann nun nicht liebt?«

Diese Betrachtung war die letzte von allen, die sie anstellte. Als sie nach Orleans kam, wurde ihre Postkutsche von den Preußen angehalten, auf den Hof einer Herberge gebracht und dort von Soldaten bewacht. Widerstand war unmöglich. Die Fremden gaben den drei Reisenden durch gebieterische Gebärden zu verstehen, sie hätten Befehl, niemand aus dem Wagen herauszulassen.

Die Komtesse blieb unter Tränen fast zwei Stunden lang die Gefangene dieser Soldaten, die rauchten, lachten und sie manchmal mit frecher Neugierde betrachteten. Aber endlich sah sie sie mit Respekt von dem Wagen wegtreten, und hörte das Trappeln mehrerer Pferde. Bald umringte eine Schar höherer ausländischer Offiziere, an deren Spitze sich ein österreichischer General befand, die Kalesche.

»Gnädige Frau,« sagte der General zu ihr, »entschuldigen Sie. Es hat ein Versehen stattgefunden -- Sie können Ihre Reise ohne Furcht fortsetzen, und hier haben Sie einen Paß, der Ihnen weiterhin jede Unannehmlichkeit ersparen wird.«

Die Komtesse nahm das Papier zitternd entgegen und stammelte ein paar undeutliche Worte. Sie sah neben dem General, und in der Kleidung eines englischen Offiziers, Arthur stehen, dem sie ohne Zweifel ihre rasche Befreiung verdankte. Zugleich freudig und betrübt, sah der junge Engländer zur Seite und wagte nicht einmal heimlich nach Julie hinzuschauen. -- Dank dem Paß, gelangte Frau d'Aiglemont ohne weiteres verdrießliches Abenteuer nach Paris. Sie traf hier ihren Gatten, der, von seinem Treueid gegen den Kaiser entbunden, beim Grafen d'Artois, dem von seinem Bruder Ludwig XVIII. ernannten Generalleutnant des Königreichs, schmeichelhafteste Aufnahme gefunden hatte.

Victor wurde in der königlichen Garde zum Range eines Generals befördert. Inmitten der Festlichkeiten, mit denen man die Rückkehr der Bourbonen feierte, wurde die arme Julie von einem recht großen Unglück betroffen, das nicht ohne Einfluß auf ihr Leben bleiben konnte: sie verlor die Marquise de Listomere-Landon. Die alte Dame starb, als sie den Herzog von Angoulème in Tours wiedersah, vor Freude und an einem ins Herz zurückgetretenen Tropfen Blutes. So war denn die Frau tot, der ihr Alter das Recht gegeben hätte, Victor aufzuklären, die einzige, die durch triftige Ratschläge eine völlige Harmonie zwischen Mann und Frau hätte herstellen können. Sie war tot, und Julie fühlte die ganze Tragweite dieses Verlusts. Nun war sie wieder allein und ohne Vermittlerin zwischen sich und dem Gatten. Aber jung und schüchtern, wie sie war, mußte sie im Anfang lieber dulden als klagen. Eben die Vollkommenheit ihres Charakters ließ es nicht zu, daß sie sich dem entzöge, was sie für ihre Pflicht hielt, oder nach der Ursache ihrer Schmerzen forschte. Denn diesen ein Ende zu machen, wäre eine zu heikle Sache gewesen; Julie hätte gefürchtet, ihre jungfräuliche Scham zu verletzen.

Ein Wort über die Schicksale des Herrn d'Aiglemont während der Restauration!

Trifft man nicht viele Menschen, deren völlige Nichtigkeit allen Leuten, die sie kennen, ein Geheimnis bleibt? Ein hoher Rang, eine vornehme Geburt, wichtige Ämter, ein gewisser Firnis von Höflichkeit, eine große Zurückhaltung im Benehmen oder das Blendwerk des Vermögens -- das sind für sie sozusagen Schutzwälle, die es der Kritik verwehren, bis in ihr intimes Leben einzudringen. Diese Leute gleichen den Königen, deren wahre Gestalt, Charakter und Sitten niemals genau bekannt sind oder richtig beurteilt werden, weil sie entweder aus zu großer Ferne oder aus zu großer Nähe gesehen werden. Diese Personen, deren Verdienst »gemacht« ist, fragen, statt zu sprechen, besitzen die Kunst, die andern in Szene zu setzen, und vermeiden es so, selbst vor sie treten zu müssen; dann ziehen sie mit glücklichem Geschick jeden am Fädchen seiner Leidenschaften oder Interessen und spielen auf diese Weise mit Menschen, die ihnen in Wahrheit überlegen sind, machen sie zu Marionetten und halten sie für klein, weil es ihnen gelungen ist, sie bis zu sich herabzuziehen. Sie gelangen dann zu dem ganz natürlichen Triumph des beschränkten, aber beharrlichen Kopfes über die Rastlosigkeit bedeutender Köpfe. Um diese leeren Köpfe zu beurteilen und ihren negativen Wert abzuwägen, muß daher der Beobachter einen mehr feinen, als überlegenen Geist besitzen, mehr Geduld als Weite des Blickes, mehr Feingefühl und Takt als Bildung und Größe der Ideen. So viel Geschicklichkeit diese Usurpatoren auch entfalten, ihre schwachen Seiten zu verbergen, so ist es ihnen doch sehr schwer, ihre Frauen, Mütter, Kinder oder den Freund des Hauses zu täuschen; aber diese Personen bewahren fast immer das Geheimnis eines Gegenstandes, der gewissermaßen die gemeinsame Ehre angeht, ja sie helfen ihnen oft noch, die Welt zu täuschen. Wenn dank solcher häuslichen Verschwörung viele Nullen für höhere Menschen gelten, so machen sie die Zahl der höhern Menschen wett, die für Nullen gelten, so daß der Gesellschaftsstaat immer die gleiche Menge scheinbarer Kapazitäten hat.

Man denke sich nun, welche Rolle eine Frau von Geist und Gefühl neben einem Manne dieses Schlages spielen muß. Man wird erkennen, daß das ein Leben voll des Schmerzes und der Aufopferung ist, für die gewisse Herzen voll Liebe und Zartgefühl nichts hienieden schadlos halten kann. Wenn eine starke Frau sich in so schrecklicher Lage befindet, so entreißt sie sich ihr durch ein Verbrechen, wie es Katharina II. tat, die trotzdem die »Große« genannt wird. Aber nicht alle Frauen sitzen auf einem Throne, und so verzehren die meisten sich in häuslichem Unglück, das, wenn es auch im Verborgenen bleibt, doch nicht minder schrecklich ist. Diejenigen, die hienieden unmittelbaren Trost für ihre Leiden suchen, tauschen, wenn sie ihren Pflichten treu bleiben wollen, eben doch nur andere Schmerzen dagegen ein, oder wenn sie die Gesetze zugunsten ihres Vergnügens verletzen, so begehen sie Fehltritte.

Diese Betrachtungen sind sämtlich auf das geheime Leben Juliens anwendbar. So lange Napoleon auf der Höhe war, war der Graf d'Aiglemont ein Oberst wie viele andere, ein guter Ordonnanzoffizier, der eine gefährliche Sendung ausgezeichnet erfüllen konnte, aber unfähig war, ein Kommando von einiger Wichtigkeit zu übernehmen. Er erregte keinerlei Neid, und galt für einen der Tapferen, denen der Kaiser seine Gunst schenkte. Er war das, was man beim Militär schlechtweg »eine gute Haut« nennt.

Bei der Restauration, die ihm den Titel des Marquis zurückgab, zeigte er sich nicht undankbar; er ging mit den Bourbonen nach Gand. Diese Handlungsweise voll Konsequenz schien das Horoskop Lügen zu strafen, das einstmals sein Schwiegervater gestellt hatte, als er sagte, Victor werde nicht über den Oberst hinauskommen. Bei der zweiten Rückkehr wurde er zum Generalleutnant befördert und wieder zum Marquis erhoben und verfolgte nun das ehrgeizige Ziel, die Pairswürde zu erlangen. Er hielt sich zu den Grundsätzen und der Politik der Konservativen, umhüllte sich mit einer Verstellung, hinter der nichts steckte, wurde ernst, bedächtig, wortkarg und galt für einen tiefen Geist. Er beschränkte sich beständig auf die Formen der Höflichkeit, verschanzte sich hinter feststehenden Formeln, ging bald sparsam, bald verschwenderisch mit den fertigen Phrasen um, die in Paris regelmäßig geprägt wurden, um in kleiner Münze den Dummköpfen die Bedeutung großer Ideen oder Ereignisse zu übermitteln, und so hielt die Gesellschaft ihn für einen Mann von Geschmack und Wissen.

Starr auf seine aristokratischen Ansichten versessen, hatte er den Ruf eines schönen Charakters. Wenn er zufällig einmal wieder sorglos und flott wurde, wie er es einst gewesen war, so legten die andern der Bedeutungslosigkeit und Nichtigkeit seiner Worte einen verborgenen diplomatischen Sinn bei.

»O, er sagt bloß nicht, was er sagen will,« dachten die sehr ehrbaren Leute.

Seine Tugenden kamen ihm ebenso zustatten wie seine Fehler. Seine Tapferkeit brachte ihm einen hohen Ruf als Soldat ein, der auch durch nichts Lügen gestraft wurde, weil er nie selbständig kommandiert hatte. Sein männliches, edles Gesicht ließ große Gedanken vermuten, und seine Physiognomie hatte für niemand, außer seiner Frau, etwas Hohles. Indem Marquis d'Aiglemont alle Welt seine unechten Talente loben hörte, glaubte er schließlich selbst daran, daß er einer der hervorragendsten Männer bei Hofe sei, wo er dank seinem Äußeren zu gefallen wußte und niemand seine verschiedenen Vorzüge bestritt.

Trotzdem war Herr d'Aiglemont zu Hause bescheiden. Er fühlte instinktiv die Überlegenheit seiner Frau, so jung sie auch war; und aus diesem unwillkürlichen Respekt erwuchs eine geheime Macht, zu der die Marquise wider den eigenen Willen gelangte, so sehr sie sich auch sträubte, die Bürde auf sich zu nehmen. Als Ratgeberin ihres Mannes lenkte sie dessen Handlungen und verwaltete das Vermögen. Dieser fast widernatürliche Einfluß wurde für sie zu einer Art Demütigung und brachte viele Schmerzen mit sich, die sie in ihrem Herzen begrub. Zuerst sagte sie sich in ihrem echt weiblichen Instinkt, es sei weit schöner, einem talentvollen Manne sich unterzuordnen, als einen Tropf zu regieren, und eine junge Frau, die wie ein Mann denken und handeln müsse, sei weder Frau noch Mann, bliebe wohl frei von den Mißständen des Weibes, sage dabei aber doch allen Freuden ihres Geschlechtes ab. Und bei dem allem erreiche sie doch keines der Vorrechte, das unsere Gesetze dem stärkeren Geschlecht einräumen.

Hinter ihrem Leben verbarg sich ein recht bitterer Hohn. Mußte sie nicht zu einem hohlen Götzen beten, ihren Protektor protegieren, einen armseligen Menschen, der ihr zum Lohn für beständige Aufopferung die egoistische Liebe der Ehemänner zuwarf, in ihr nichts als das Weib sah. Entweder aus Unwissen oder aus Gleichgültigkeit beging er das tiefe Unrecht, daß er sich weder darum kümmerte, was ihr Freude mache, noch sich darum sorgte, weshalb sie immer so traurig sei und so auffallend abnehme.

Wie die meisten Ehemänner, die das Joch eines überlegenen Geistes verspüren, schloß der Marquis, um seine Eigenliebe zu retten, aus Juliens physischer Schwäche auch auf moralische Schwäche, und klagte gern das Geschick an, das ihm ein kränkliches Mädchen zur Frau gegeben hätte. Kurz, er stellte sich als das Opfer hin, während er doch der Henker war.

Die Marquise, auf der alles Elend dieses tristen Daseins lastete, mußte ihren blöden Gebieter noch anlächeln, noch mit Blumen ein Trauerhaus ausschmücken und vor einem von geheimem Jammer blassen Gesicht die Maske des Glücks tragen. Diese Verantwortlichkeit für die Ehre des Hauses bei großartiger Selbstverleugnung verlieh der jungen Marquise unmerklich eine frauliche Würde, ein Bewußtsein der Tugend, die ihr zum Schutzwall gegen die Gefahren der Welt dienten. Und wenn wir dieses Herz bis auf den Grund erforschen wollen, so hatte vielleicht das tiefinnere, verborgene Unglück, mit dem ihre erste, ihre naive Jungmädchenliebe endete, ihr Abscheu vor der Leidenschaft eingeflößt; vielleicht begriff sie nie den hinreißenden Trieb, noch die verbotenen, doch berauschenden Freuden, über die gewisse Frauen die Gesetze der Klugheit vergessen, auf denen die Gesellschaft beruht.