Chapter 3
Der Unbekannte war einer von den Reisenden, die sich gerade auf dem Festlande befanden, als Napoleon zur Strafe für die Verletzung des Völkerrechts, die das Kabinett von Saint-James durch den Bruch des Vertrags von Amiens begangen hatte, alle Engländer im Lande festhielt. Der Willkür der kaiserlichen Macht ausgesetzt, blieben diese Gefangenen nicht alle an den Orten, wo sie in Haft genommen wurden, noch in denen, die sie sich im Anfang als Aufenthalt hatten wählen dürfen. Die Mehrzahl derer, die in diesem Augenblick in der Touraine weilten, waren aus verschiedenen Orten des Kaiserreichs, wo ihre Anwesenheit dem Interesse der Kontinentalpolitik zu schaden schien, hierher versetzt worden. Der junge Gefangene, der in diesem Augenblick in einem Ritt seine morgendliche Langeweile spazieren führte, war ein solches Opfer bürokratischer Macht.
Vor zwei Jahren hatte ein Befehl vom Ministerium des Äußern ihn aus dem Klima von Montpelliers hinwegführt, wo er von einem Brustleiden Genesung suchte. Diese Kur wurde nun durch den Bruch des Friedens unliebsam beendet. In dem Augenblick, wo der junge Mann einen Militär in d'Aiglemont erkannte, beeilte er sich, dessen Blicke zu vermeiden und wandte ziemlich brüsk den Kopf nach den Wiesen der Cise hin.
»Alle Engländer sind unverschämt, als wenn ihnen der Erdball gehörte,« murmelte der Oberst. »Glücklicherweise wird Soult sie in die Kandare nehmen.«
Als der Gefangene an dem Wagen vorüberritt, warf er einen Blick hinein. So flüchtig dieser Blick war, konnte er doch den melancholischen Ausdruck bewundern, der dem Antlitz der Gräfin einen unbeschreiblichen Reiz verlieh. Es gibt viele Männer, deren Herz schon durch den bloßen Anblick einer leidenden Frau mächtig ergriffen wird. Für sie scheint der Schmerz ein Beweis für Treue und Liebe zu sein. Julie sah starr auf ein Kissen des Wagens und bemerkte weder das Pferd noch den Reiter.
Inzwischen war der Strang rasch, aber auch fest ausgebessert worden. Der Graf nahm wieder Platz im Wagen. Der Postillon gab sich Mühe, die versäumte Zeit einzuholen, und kutschierte in schneller Fahrt auf der von überhängenden Felsen eingefaßten Chaussee hin. Dies war derjenige Teil der Straße, wo die Weine Vouvrays reifen und wo in der Ferne die berühmten Ruinen von Marmontier, dem Zufluchtsort des heiligen Martin, auftauchen.
»Was will denn dieser spindeldürre Mylord von uns?« rief der Oberst, der sich umsah und in dem Reiter, der von der Brücke aus dem Wagen gefolgt war, den jungen Engländer erkannte.
Da jedoch der Unbekannte keinen Verstoß gegen Anstand und Höflichkeit beging, wenn er auf der Chaussee spazieren ritt, so lehnte der Oberst sich in die Wagenecke zurück und begnügte sich damit, dem Engländer einen drohenden Blick zugeworfen zu haben. Allein trotz seiner Voreingenommenheit entging es ihm nicht, daß das Pferd überaus schön war und der Reiter sich sehr gut hielt.
Der junge Mann hatte eins jener ausgesprochen britischen Gesichter, deren Teint so zart, deren Haut so sammetweich und weiß ist, daß man manchmal glauben möchte, sie gehörten einem jungen Mädchen an. Seine Kleidung war von der Zierlichkeit und Sauberkeit, die den Modestutzern des fashionablen England eigentümlich ist. Man hätte meinen mögen, er errötete beim Anblick der Gräfin mehr aus Verschämtheit als aus Vergnügen.
Ein einziges Mal erhob Julie die Augen zu dem Fremden, und auch dazu hatte sie gewissermaßen erst von ihrem Manne aufgefordert werden müssen. Er sagte, sie solle sich doch mal die Beine eines echten Rassepferdes ansehen. Da begegneten die Augen Juliens denen des schüchternen Engländers. Von diesem Moment an ließ der Edelmann sein Pferd nicht mehr im Schritt neben der Kalesche hergehen, sondern folgte in einiger Entfernung. Die Komtesse beachtete den Unbekannten kaum. Sie hatte keinen Blick für die Vollkommenheiten weder der Menschen- noch der Pferderasse, die ihn und sein Tier auszeichnen mochten, und sank in die Tiefe des Wagens zurück, nachdem sie nur flüchtig die Brauen emporgezogen hatte, wie um dem Lobe ihres Mannes beizustimmen.
Der Oberst schlummerte wieder, und die beiden Gatten langten in Tours an, ohne weiter ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Den entzückenden Landschaften und wechselnden Bildern, durch die die Fahrt ging, widmete Julie keine Aufmerksamkeit. Mehrmals betrachtete Frau d'Aiglemont ihren schlafenden Gatten. Beim letzten Blicke, den sie auf ihn richtete, fiel infolge eines heftigen Rucks, den der Wagen machte, ein Medaillon, das sie an einem Trauerbändchen um den Hals trug, in ihren Schoß, und so sah sie plötzlich das Bild ihres Vaters vor sich.
Bei diesem Anblick stürzten die bisher zurückgehaltenen Tränen aus ihren Augen. Vielleicht bemerkte der Brite die nasse, schimmernde Spur, die diese Zähren auf einen Augenblick an den bleichen Wangen der Komtesse hinterließen, doch an der Luft trocknete diese Spur schnell.
Graf d'Aiglemont reiste im Auftrage des Kaisers und hatte dem Marschall Soult, der Frankreich gegen einen Einfall der Engländer in das Königreich Navarra verteidigen sollte, wichtige Befehle zu überbringen. Er benutzte seine Mission, um seine Frau der Gefahr zu entziehen, in der damals Paris schwebte, und wollte sie nun zu einer alten Verwandten nach Tours bringen. Binnen kurzem rollte die Kalesche über die Brücke hinweg, hatte das Straßenpflaster von Tours unter sich und bog in die Grande Rue ein, wo sie vor dem altertümlichen Hause der ehemaligen Marquise de Listomere-Landon hielt.
Die Marquise de Listomere-Landon war eine jener alten, blassen, weißhaarigen Frauen, die ein feines Lächeln haben, einen Reifrock tragen und sich mit einer Haube von unbekannter Mode putzen. Die Porträts von siebzigjährigen Damen aus dem Zeitalter Ludwigs XV. haben immer etwas Wohltuendes an sich; es ist, als ob diese Frauen noch immer liebten. Sie sind weniger fromm als gottergeben, und auch das nicht ganz so, wie es den Anschein hat. Sie duften immer nach Puder +à la maréchale+, erzählen hübsch, plaudern noch angenehmer und lachen über Anekdoten aus den alten Zeiten weit herzlicher als über einen Witz. An der Gegenwart haben sie kein Gefallen.
Als eine alte Kammerfrau der Gräfin (denn sie durfte ihren Titel bald wieder führen) den Besuch eines Neffen meldete, den sie seit dem Anfang des spanischen Feldzugs nicht mehr gesehen hatte, nahm sie die Brille ab und klappte die »Galerie des alten Hofs« -- ihr Lieblingsbuch -- zu. Dann setzte sie ihre alten Beine noch einmal in fast jugendliche Bewegung und betrat gerade in dem Augenblick die Treppe, als die Ehegatten die Stufen hinaufzusteigen begannen.
Tante und Nichte warfen sich einen raschen Blick zu.
»Guten Tag, liebe Tante,« rief der Oberst, umarmte die alte Dame und küßte sie mit Hast. »Ich führe Ihnen da eine junge Dame zu, die Sie in Ihre Obhut nehmen sollen. Ich vertraue Ihnen damit mein Kleinod an. Meine Julie ist weder kokett noch eifersüchtig, sie ist ein Engel an Sanftmut. -- Aber sie wird hier hoffentlich zum Schoßkindchen,« setzte er hinzu, sich unterbrechend.
»Bösewicht!« antwortete die Marquise, ihm einen spöttischen Blick zuwerfend.
Sie bot als erste mit einer gewissen liebenswürdigen Anmut Julien den Mund zum Kusse. Die junge Frau stand nachdenklich da und schien mehr neugierig als verlegen.
»Wir werden einander also näher kennen lernen, mein liebes Herz?« sagte die Marquise. »Haben Sie nicht zuviel Angst vor mir. Im Umgang mit jungen Leuten gebe ich mir alle Mühe, nicht alt zu sein.«
Ehe sie in den Salon traten, hatte schon die Marquise nach der in der Provinz üblichen Sitte ein Frühstück für ihre Gäste bestellt; aber der Graf gebot der Redseligkeit seiner Tante Einhalt, indem er ihr in ernstem Tone mitteilte, er könne ihr nur so viel Zeit widmen, wie zum Wechseln der Pferde nötig wäre.
Die drei Verwandten traten rasch in den Salon, und der Graf mußte sich beeilen, um seine Tante von den politischen und militärischen Ereignissen zu unterrichten, die ihn nötigten, für seine Frau bei ihr Schutz zu suchen. Währenddessen blickte die Tante zwischen ihrem fortwährend erzählenden Neffen und ihrer Nichte hin und her. Aus der unerwünschten Trennung erklärte sie es sich, daß die letztere so blaß und traurig aussähe. Sie machte dabei ein Gesicht, als wenn sie sagen wollte: »Sieh, sieh! die jungen Leute scheinen sich sehr lieb zu haben.«
In diesem Augenblick vernahm man auf dem alten, schweigsamen Hofe, zwischen dessen Pflaster schon Gras wucherte, das Knallen von Peitschen. Viktor küßte noch einmal die Marquise und eilte hinaus.
»Leb wohl, meine Liebe,« sagte er zu seiner Frau, die ihm zum Wagen gefolgt war, und gab ihr einen Kuß.
»Ach, Victor, laß mich noch weiter mitfahren,« antwortete sie in zärtlichem Tone. »Ich möchte dich nicht verlassen.«
»Was denkst du denn?«
»Nun, wenn du es so haben willst, so leb' wohl,« versetzte Julie.
Der Wagen verschwand.
»Sie haben meinen armen Victor also sehr lieb?« fragte die Marquise ihre Nichte und sah sie mit einem jener forschenden Blicke an, wie sie alte Frauen gern auf junge richten.
»Ach, Madame,« antwortete Julie, »man muß wohl einen Mann lieben, wenn man ihn heiratet.«
Diese Phrase wurde in einem Ton von Naivität ausgesprochen, der zu gleicher Zeit ein ganz keusches Herz voll tiefer Geheimnisse verraten konnte. Eine Frau, die die Freundin eines Duclos und eines Marschalls Richelieu gewesen war, mußte sich bewogen fühlen, in das Geheimnis dieser jungen Ehe einzudringen. Tante und Nichte standen in diesem Augenblick auf der Torschwelle und sahen der davonfahrenden Kutsche nach. Die Augen der Gräfin drückten nicht das aus, was die Marquise unter Liebe verstand. Die gute Dame war eine Provençalin und in ihren Gefühlen etwas überschwenglich gewesen.
»Sie haben sich also von meinem Taugenichts von Neffen ins Garn ziehen lassen?« fragte sie ihre Nichte.
Die Gräfin zitterte unwillkürlich, denn in Blick und Ton der alten Kokette schien sich eine tiefere Charakterkenntnis Victors zu verraten, als sie vielleicht selbst besaß. In ihrer Unruhe nahm daher Frau d'Aiglemont Zuflucht zu jener Art von Verstellung, die, so ungeschickt sie ist, doch der einzige Ausweg naiver Herzen ist, wenn sie leiden.
Frau de Listomere gab sich mit Juliens Antworten zufrieden; aber sie dachte mit Freude daran, daß ihre Einsamkeit von einem Liebesgeheimnis erheitert werden könnte; denn sie war der Meinung, ihre Nichte habe irgendeine amüsante Intrige angezettelt. Als Frau d'Aiglemont sich in einem prächtigen Salon befand, dessen Tapeten mit Goldleisten eingefaßt waren, und an einem großen Feuer saß, gegen die durch die Fenster hereinziehende Kälte durch einen chinesischen Windschirm geschützt, wollte die Traurigkeit nicht mehr von ihr weichen. Unter so altem Getäfel, zwischen diesen Möbeln vom vorigen Jahrhundert konnte auch schwerlich Heiterkeit aufkommen.
Dennoch machte es der jungen Pariserin Spaß, in diese tiefe Einsamkeit, in die Stille der Provinz versetzt zu sein. Als sie ein paar Worte mit ihrer Tante gewechselt, an die sie nur einmal als Jungvermählte einen Brief geschrieben hatte, versank sie wieder in Schweigen, und man hätte meinen mögen, sie lausche einer Opernmusik.
Erst nachdem sie zwei Stunden lang in einer der Trappisten würdigen Stille dagesessen hatte, wurde sie sich bewußt, daß das eine große Unhöflichkeit gegen ihre Tante sei. Sie erinnerte sich, daß sie ihr nur sehr einsilbige Antworten gegeben hatte.
Die alte Dame hatte die Stimmung ihrer Nichte berücksichtigt, in jenem feinen Taktgefühl, das die Leute der alten Zeit kennzeichnet. In diesem Augenblick strickte die Greisin. Sie war allerdings auch ein paarmal hinausgegangen, um in einem gewissen grünen Zimmer nachzuschauen, wo die Komtesse schlafen sollte und wo die Dienstmädchen das Gepäck unterbrachten. Dann nahm sie wieder Platz in einem großen Lehnstuhl und musterte insgeheim die junge Frau. Julie schämte sich nun, daß sie sich ihren unwiderstehlichen Grübeleien so ganz überlassen hatte, und versuchte ein wenig darüber zu spötteln, um desto eher Verzeihung dafür zu erlangen.
»Meine liebe Kleine, wir kennen den Schmerz von Witwen,« antwortete die Tante.
Julie hätte vierzig Jahre alt sein müssen, um die Ironie zu verstehen, die um die Lippen der alten Dame spielte.
Am andern Tage war die Komtesse besser gestimmt und plauderte viel. Frau de Listomere verzweifelte nicht mehr daran, mit dieser jungen Gattin, die sie erst für ein unzugängliches, blödes Wesen gehalten hatte, auf vertrauten Fuß zu gelangen. Sie schwatzte mit ihr von den Freuden des Landes, von Bällen und den Häusern, wo sie Besuche machen könnten. Zuerst wies Julie alle Aufforderungen, außerhalb des Hauses Zerstreuung zu suchen, zurück. Trotzdem die alte Dame sehnsüchtig danach verlangte, sich mit ihrer schönen Nichte zu zeigen, gab sie es denn endlich auf, sie der Gesellschaft der Stadt vorzustellen. In dem Kummer über den Tod des Vaters, um den sie noch trauerte -- sie trug sogar noch Trauerkleider -- hatte sie einen Vorwand gefunden für ihre Liebe zur Einsamkeit und ihre stete Betrübnis.
Nach Verlauf von acht Tagen bewunderte die alte Dame Juliens engelhafte Sanftmut, Bescheidenheit, Anmut und duldsamen Geist und interessierte sich außerdem über die Maßen für die geheimnisvolle Melancholie, die dieses junge Herz zu verzehren schien. Die Komtesse gehörte zu jenen Frauen, die dazu geboren sind, liebenswürdig zu sein, und, wohin sie auch gehen, Glück mit sich zu bringen scheinen. Ihre Gesellschaft wurde der Marquise de Listomere so lieb und kostbar, daß sie schließlich in ihre Nichte ganz vernarrt war und sich gar nicht mehr von ihr trennen wollte.
Ein Monat genügte, so hatte sich zwischen ihnen eine ewige Freundschaft gebildet. Nicht ohne Verwunderung bemerkte die alte Dame, daß sich in den Gesichtszügen der Frau d'Aiglemont eine große Veränderung zu zeigen begann. Die lebhafte Färbung, die an dem Antlitz aufgefallen war, verlor sich allmählich, und es überzog sich mit einer matten Blässe. Während Julie ihre jugendliche Blüte verlor, ließ zugleich auch ihre traurige Stimmung nach. Mitunter erweckte die Greisin bei ihrer jungen Verwandten Ausbrüche der Heiterkeit oder ausgelassenes Lachen, das aber bald wieder von einem unzeitgemäßen Gedanken zurückgedrängt wurde. Sie erriet, daß weder die Erinnerung an den Vater noch die Abwesenheit Victors der Grund zu der tiefen Schwermut war, die einen Schleier über das Leben ihrer Nichte warf. Und dann vermutete sie dahinter allerlei Arges, und es wurde ihr schwer, auf die wahre Ursache des Übels zu kommen; denn die Wahrheit finden wir vielleicht stets nur durch Zufall.
Endlich offenbarte Julie eines Tages den Augen der erstaunten Tante ein neues Wesen: sie vergaß völlig die verheiratete Frau, zeigte alle Naivität eines unbesonnenen Mädchens, einen Freimut, eine Kindlichkeit, die eines Backfisches würdig waren, und all den zarten, manchmal so tiefen Geist, der die junge Welt in Frankreich auszeichnet. Nun nahm Frau de Listomere sich fest vor, die Geheimnisse dieser Seele zu ergründen, deren Absonderlichkeit ebenso undurchdringlich schien wie das Gemüt einer Meisterin der Verstellungskunst.
Es begann zu dunkeln, und die beiden Damen saßen vor einem Fenster, das auf die Straße hinausging. Julie schaute wieder nachdenklich vor sich hin, da ritt ein Herr vorüber.
»Auch einer von denen, die Sie auf dem Gewissen haben,« sagte die alte Dame.
Frau d'Aiglemont sah ihre Tante halb verwundert, halb beunruhigt an.
»Es ist ein junger Engländer von Adel, Seine Ehren Arthur Ormond, der älteste Sohn des Lord Grenville. Von ihm ist Interessantes zu berichten. Im Jahre 1802 kam er nach Montpellier. Die Ärzte hatten ihn dorthin geschickt, und er hoffte, in der Luft dieser Gegend Heilung eines Brustleidens zu finden, dem er zu erliegen fürchtete. Wie alle seine Landsleute, wurde er nun von Napoleon bei Ausbruch des Krieges hier zurückgehalten. Dieses Ungeheuer muß ja fortwährend Krieg führen, das geht nicht anders. Zu seiner Zerstreuung hat nun der junge Brite angefangen, seine Krankheit, die man für tödlich hielt, zu studieren. So hat er allmählich Gefallen an Anatomie und Arzneikunde gefunden. Er ist nun ganz vernarrt in diese Künste, was bei einem Manne von Stand etwas Außergewöhnliches ist. Freilich, der Regent hat sich ja auch mit Chemie befaßt. Kurz, Arthur hat erstaunliche Fortschritte gemacht -- selbst die Professoren von Montpellier haben sich darüber gewundert. Das Studium hat ihn über sein unfreiwilliges Exil hinweggetröstet, und gleichzeitig hat er sich gründlich ausgeheilt. Man sagt, er habe zwei Jahre lang fast gar nicht gesprochen, sehr behutsam geatmet und in einem Stalle geschlafen. Getrunken hat er nur die Milch einer Kuh, die er sich aus der Schweiz hat kommen lassen, und gegessen hat er fast nichts als Kresse. Seit er in Tours weilt, hat er mit niemand verkehrt; er ist stolz wie ein Pfau -- aber Sie haben es ihm wahrscheinlich angetan, denn meinetwegen reitet er gewiß nicht zweimal täglich unter unsern Fenstern vorüber. Das macht er erst, seit Sie hier sind. Sicherlich ist er verliebt in Sie.«
Diese Worte erweckten die Komtesse wie aus einem verzauberten Schlummer. Ein Lächeln, eine Handbewegung entschlüpften ihr, über die die Marquise erstaunt war. Anstatt jene unbewußte Befriedigung zu verraten, die selbst die strengste Frau empfindet, wenn sie erfährt, sie mache einen Mann unglücklich, blieb Juliens Blick matt und kalt. Ihr Gesicht drückte einen an Abscheu grenzenden Widerwillen aus. Es lag darin aber nicht die Geringschätzung, mit der eine liebende Frau sich über die ganze Welt hinwegsetzt, zugunsten eines einzigen Wesens; nein, Julie glich in diesem Augenblick einer Person, in der die allzu frische Erinnerung an eine Gefahr noch nicht ganz verheilt ist. Die Tante war schon fest überzeugt gewesen, daß Julie ihren Neffen nicht liebe -- doch nun entdeckte sie zu ihrer Verblüffung, daß sie überhaupt niemand liebte. Mit Zittern wurde sie sich klar darüber, daß sie in Julie ein aus allen Himmeln herabgestürztes Wesen erkennen müsse, die an einem Tage, vielleicht in einer Nacht, vollauf erkannt habe, was für eine Null sie zum Manne hatte.
»Sie kennt ihn -- es ist nicht anders,« dachte sie, »und nun wird mein Neffe bald auch die Schattenseiten der Ehe kennen lernen.«
Sie nahm sich nun vor, Julie für die monarchischen Lehren zu gewinnen, die im Jahrhundert Ludwigs XV. gegolten hatten. Aber ein paar Stunden später erkannte oder vielmehr erriet sie die in der Welt ziemlich häufige Stimmung, aus der Juliens Melancholie entsprang.
Plötzlich nachdenklich geworden, zog Julie sich früher, als sie es sonst pflegte, zurück. Als die Kammerfrau ihr beim Entkleiden behilflich gewesen war und sie dann allein gelassen hatte, blieb Julie, statt zu Bett zu gehen, vorm Kamin sitzen, auf einem Ruhebett von gelbem Sammet, einem altertümlichen Möbel, das betrübten wie glücklichen Menschen eine gleich behagliche Stätte bot. Sie weinte, seufzte, sann nach; dann rückte sie einen kleinen Tisch heran, suchte Papier und begann zu schreiben. Die Stunden vergingen rasch; Julie schüttete in diesem Briefe ihr Herz ans, doch schien ihr das nicht leicht zu fallen; jeder Satz führte endlose Träumereien herbei, und plötzlich brach sie in Tränen aus und hielt inne.
In diesem Augenblick schlug die Uhr zwei. Der Kopf war ihr schwer, wie der einer Sterbenden, und das Kinn sank auf die Brust. Als Julie aufsah, erblickte sie ihre Tante, die so plötzlich aufgetaucht war, als sei sie aus den über die Wände gespannten Tapeten herausgetreten.
»Was haben Sie denn, meine Kleine?« fragte die Tante. »Warum so lange wach bleiben, und vor allem warum einsame Tränen vergießen? In Ihrem Alter?«
Sie setzte sich ohne Umstände neben ihre Nichte und verschlang mit den Blicken den angefangenen Brief.
»Haben Sie an Ihren Mann geschrieben?«
»Weiß ich denn, wo er steckt?« antwortete die Komtesse.
Die Tante nahm das Blatt und las es. Sie hatte mit Vorbedacht die Brille mitgebracht. Das unschuldige Geschöpf überließ ihr den Brief, ohne den geringsten Einspruch zu erheben. Wenn sie so alle Willenskraft vergaß, so war das weder ein Mangel an Frauenwürde, noch ein Gefühl geheimer Schuld; nein, ihre Tante hatte sie hier in einem jener kritischen Momente überrascht, wo das Gemüt sich keinen Rat weiß, wo alles einerlei ist, das Gute und das Böse, die Verschwiegenheit und die Offenbarung. Gleich einem jungen tugendsamen Mädchen, das einen Liebhaber mit Verachtung überhäuft, am Abend aber sich ein Herz wünscht, dem es seinen Kummer anvertrauen kann, ließ Julie es ohne ein Wort der Gegenrede zu, daß das Siegel verletzt wurde, mit dem für jeden taktvollen Menschen ein offener Brief versehen ist, und sah nachdenklich zu, wie die Marquise las:
»Meine liebe Luise! Warum mahnst Du mich so oft um Erfüllung des unklügsten Versprechens, das zwei unwissende junge Mädchen sich geben konnten? Du fragst Dich oft, schreibst Du, warum ich seit sechs Monaten auf Deine Fragen nicht geantwortet hätte? Wenn Du mein Schweigen nicht verstanden hast, so wirst Du die Ursache wohl heute erraten, wenn Du die Geheimnisse vernimmst, die ich Dir offenbaren werde. Ich hätte sie auf ewig in der Tiefe meines Herzens begraben, wenn Du mich nicht von Deiner bevorstehenden Verheiratung benachrichtigt hättest. Du willst also heiraten, Luise. Bei diesem Gedanken zittere ich. Arme Kleine, heirate. Nach wenigen Monaten wirst Du nur noch mit bitterstem Schmerz Dich dessen erinnern, was wir einstmals gewesen sind, als wir eines Abends in Ecouen alle beide unter die größten Eichen des Berges gegangen waren und das schöne Tal zu unseren Füßen betrachteten, die Strahlen der untergehenden Sonne bewunderten, deren Glanz uns umgab. Wir setzten uns auf einen Steinblock und verfielen in eine Verzückung, auf die die sanfteste Melancholie folgte. Du als erste fandest, diese ferne Sonne spräche uns von der Zukunft. Wir waren gar neugierig und närrisch damals. Erinnerst Du Dich all unserer Überschwenglichkeiten? Wir küßten uns -- wie zwei, die sich lieben. Wir gelobten uns, daß, wer sich zuerst verheiraten würde, der anderen getreu die Geheimnisse der Ehe, die Freuden, die unsere kindliche Seele sich so köstlich ausmalte, berichten solle. Mit dem Hochzeitsabend wird Deine Verzweiflung beginnen, Luise. Zu jener Zeit warst Du jung, schön, sorglos, wohl auch glücklich. Man wird Dich in wenigen Tagen zu dem machen, was ich jetzt bin: häßlich, leidend und alt. Wenn ich Dir sagte, wie stolz, wie eitel, wie froh ich war, den Oberst Victor d'Aiglemont zu heiraten, so würde das Torheit sein. Und doch, wie soll ich es Dir schildern? Ich erinnere mich meiner selbst nicht mehr. In wenigen Augenblicken war meine Kindheit für mich zum fernen Traum geworden. Mein Benehmen am Hochzeitstage, mit dem eine Verbindung geweiht wurde, deren Tragweite mir nicht bewußt war, hat Anstoß erregt. Mein Vater hat mehrmals versucht, meine Heiterkeit einzuschränken, denn ich bekundete eine Freude, die man unpassend fand, und in dem, was ich alles zusammenschwatzte, fand man Durchtriebenheit, und zwar gerade deshalb, weil ich mir gar nichts Arges dabei dachte. Mit dem Brautschleier, mit dem Kleide und mit den Blumen trieb ich tausend Kindereien. Als ich am Abend in dem Zimmer allein war, wohin man mich mit Pomp geleitet hatte, sann ich nach, mit welchem Schelmenstreich ich wohl Victor necken könnte. Und während ich seiner harrte, schlug mein Herz so heftig, wie ehemals an den Silvesterabenden, wenn ich insgeheim in den Salon schlüpfte, wo die Geschenke ausgelegt waren. Als mein Mann hereinkam und mich suchte, da war das erstickte Lachen, das ich aus meinem Versteck unter einem Berg von Musselin hören ließ, ach, der letzte Ausbruch der holden Fröhlichkeit, die die Tage unserer Kindheit vergoldete ...«