Die Frau von dreißig Jahren

Chapter 2

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Ein kleiner, ziemlich korpulenter Mann, gekleidet in grüne Uniform, weiße Hose und Reitstiefel, erschien plötzlich. Den Dreimaster, der ebenso absonderlich aussah, wie der ganze Mann, behielt er auf dem Kopfe; das breite, rote Band der Ehrenlegion floß über seine Brust, an der Seite trug er einen kleinen Degen. Aller Augen, von allen Punkten des Platzes aus, waren zu gleicher Zeit auf diesen einen Mann gerichtet. Sogleich schlugen die Tamboure den Wirbel, die beiden Musikkapellen setzten zu einem Stück ein, dessen kriegerischer Ausdruck sich in allen Instrumenten von der großen Pauke bis zur sanftesten Flöte wiederholte. Bei diesem Ruf zum Streit zitterten die Seelen, die Fahnen salutierten, die Soldaten präsentierten mit einmütigem, regelrechtem Griff, der die Gewehre von der ersten Reihe bis zu der letzten auf der ganzen Reitbahn mit einem Schlag in Bewegung setzte. Kommandoworte pflanzten sich wie ein Echo von Glied zu Glied fort. Der Schrei: »Es lebe der Kaiser!« erscholl aus der begeisterten Menge. Kurz, alles wogte, zitterte, vibrierte.

Napoleon war zu Pferde gestiegen. Das erst hatte Leben in diese schweigenden Massen gebracht, den Instrumenten Stimme verliehen, den Adlern und Fahnen Schwung gegeben, alle Gesichter in Bewegung gesetzt. Selbst die Mauern des alten Palastes schienen zu rufen: »Es lebe der Kaiser!« Es war nichts Menschliches mehr, es war ein Zauber, ein Abglanz der göttlichen Gewalt oder besser noch ein flüchtiges Ebenbild dieser so flüchtigen Herrschaft.

Der von so viel Liebe, Begeisterung, Aufopferung und Gebet umringte Mensch, für den die Sonne die Wolken des Himmels verscheucht hatte, hielt drei Schritt vor der kleinen prunkvollen Schwadron seines Gefolges -- der Großmarschall war zu seiner Linken, der Marschall vom Dienst zu seiner Rechten. Inmitten all dieser stürmischen Erregung, die er allein hervorrief, schien sich nicht eine Muskel seines Gesichts zu bewegen.

»O, mein Gott, ja. Bei Wagram, mitten im Feuer, an der Moskwa, zwischen den Toten -- immer ist er ruhig wie der Täufer. Ja, er!«

Diese Antwort wurde auf zahlreiches Fragen von dem Grenadier erteilt, der in der Nähe des jungen Mädchens stand. Julie hatte sich auf einen Augenblick ganz in die Betrachtung des Gesichts versenkt, deren Ruhe ein so sicheres Machtbewußtsein ausdrückte. Der Kaiser bemerkte Fräulein von Chantillonest und neigte sich zu Duroc hin, um ein paar kurze Worte zu ihm zu sprechen, über die der Großmarschall lächelte.

Die Parade begann. Wenn die junge Person bis dahin bald das starre Gesicht Napoleons, bald die blauen, roten und grünen Truppenreihen betrachtet hatte, so galt ihre Aufmerksamkeit bei all den Bewegungen, die die alten Soldaten rasch und regelmäßig ausführten, fast ausschließlich einem jungen Offizier, der unter den paradierenden Massen hin und her sprengte und in unermüdlicher Tätigkeit immer wieder zu der Gruppe zurückritt, an deren Spitze die schlichte Gestalt Napoleons leuchtete. Dieser Offizier ritt einen wunderschönen Rappen und fiel unter der buntfarbigen Menge durch die himmelblaue Uniform der kaiserlichen Ordonnanzoffiziere ganz besonders auf.

Seine Stickereien funkelten so hell in der Sonne, und der Federbusch seines schmalen, langen Tschakos schimmerte so prächtig, daß die Zuschauer ihn mit einem Irrlicht, einer zur Erscheinung gewordenen Seele, vergleichen mußten, die aus dem Kaiser selbst herausgefahren zu sein schien, und durch die er diese Bataillone, deren Waffen wie ein Flammenmeer wogten, belebte und lenkte. Auf einen Wink seiner Augen teilten sie sich, flossen wieder zusammen, wirbelten durcheinander wie die Wellen eines Strudels oder zogen an ihm vorbei wie die langen, hochgerichteten Kämme, die der vom Sturm erregte Ozean gegen seine Gestade wälzt.

Als die Manöver vorüber waren, ritt der Ordonnanzoffizier mit verhängtem Zügel heran und zügelte sein Pferd kurz vor dem Kaiser, um seines Befehles zu harren. In diesem Augenblick war er zwanzig Schritt von Julie entfernt und hielt gerade vor der kaiserlichen Gruppe, ganz in jener Stellung, die Gérard auf dem Gemälde von der Schlacht bei Austerlitz dem General Rapp gegeben hat. Jetzt durfte das junge Mädchen seinen Geliebten in all seinem militärischen Glanze bewundern.

Oberst Victor d'Aiglemont, kaum dreißig Jahre alt, war groß, wohlgebaut und schlank. Sein glückliches Ebenmaß kam nie besser zur Geltung, als wenn er seine Kraft anwandte, ein Pferd zu regieren, dessen eleganter, glatter Rücken sich unter ihm zu beugen schien. Sein männliches, braunes Gesicht besaß jenen unerklärlichen Reiz, den eine vollkommene Regelmäßigkeit der Züge jungen Gesichtern verleiht. Seine Stirn war groß und hoch. Seine feurigen Augen, von dichten Brauen beschattet und mit langen Wimpern besetzt, zeichneten sich wie zwei weiße Ovale zwischen schwarzen Umrissen ab. Seine Nase hatte die graziöse Biegung des Adlerschnabels. Den Purpur der Lippen hob der feine Schwung des unvermeidlichen schwarzen Schnurrbarts noch mehr hervor. Seine vollen Wangen zeigten die braune, gelbe Färbung, die auf außerordentliche Körperkraft deutet. Sein Gesicht -- eines von denen, die den Stempel der Tapferkeit tragen -- hatte jenen Typus, den noch heute der Künstler sucht, wenn er einen der Helden aus der französischen Kaiserzeit darstellen will.

Das Pferd war in Schweiß gebadet, und sein Kopf zitterte in heftiger Ungeduld. Die breit aufgestellten Vorderfüße standen in einer Linie, ohne daß einer über den andern hinausragte. Das lange Haar seines dichten Schweifs wogte hin und her. Die Ergebenheit dieses Tiers gegen seinen Herrn bot ein körperliches Abbild der Ergebenheit seines Herrn gegen seinen Kaiser.

Als Julie ihren Geliebten so ganz an den Augen Napoleons hängen sah, erfüllte sie der Gedanke, daß er sie noch gar nicht angesehen hätte, mit Eifersucht. Plötzlich spricht der Herrscher ein Wort, Victor gibt seinem Pferd die Sporen und sprengt im Galopp davon. Aber der Schatten eines Prellsteins auf dem Sande macht das Pferd scheu -- es stutzt, weicht zurück und bäumt sich so heftig, daß der Reiter in Gefahr scheint.

Julie wird blaß und stößt einen Schrei aus. Alles wirft ihr neugierige Blicke zu, sie aber sieht niemand. Ihre Augen sind nur auf dieses so wilde Pferd gerichtet, das der Offizier zum Gehorsam zwingt, um im Galopp Napoleons Befehle weiterzutragen. Diese betäubenden Bilder nahmen Juliens Sinne so völlig gefangen, daß sie, ohne es zu wissen, sich fest an den Arm des Vaters klammerte und diesem unwillkürlich durch den stärkeren oder schwächeren Druck ihrer Finger verriet, was in ihr vorging.

Als Victor beinah von seinem Pferde abgeworfen wurde, faßte sie noch fester zu und drohte zu fallen. Der alte Herr betrachtete mit düsterer, schmerzlicher Unruhe das Antlitz seines Kindes, und Gefühle wie Mitleid, Eifersucht, ja Kummer zeigten sich in seinem runzligen Gesicht. Aber als das ungewohnte Aufblitzen ihrer Augen, der Schrei, den sie ausstieß, und die krampfhafte Umspannung ihrer Finger ihm den letzten Rest einer geheimen Liebe offenbart hatten, da mußte er wohl mit Trauer der Zukunft gedenken, denn sein Gesicht nahm jetzt einen finstern Ausdruck an. In diesem Augenblick schien Juliens Seele in die des Offiziers übergegangen zu sein. Ein noch grausamerer Gedanke, als alle, die den alten Herrn bisher erschreckt hatten, grub sich in die Falten seines leidenden Gesichts ein, als er d'Aiglemont im Vorbeireiten einen Blick des Einverständnisses mit Julie wechseln sah, deren Augen feucht waren, deren Antlitz sich auffallend gerötet hatte. Fast grob führte er seine Tochter plötzlich nach dem Garten der Tuilerien.

»Aber, Papa,« sagte sie, »es stehen doch noch Regimenter auf der Reitbahn, die sollen auch noch manövrieren.«

»Nein, mein Kind, alle Truppen rücken ab.«

»Ich glaube, Sie irren sich, mein Vater. Herr d'Aiglemont hat ihnen den Befehl gebracht, anzutreten.«

»Aber, mein Kind, ich habe Schmerzen und will nicht bleiben.«

Julie mußte ihrem Vater wohl oder übel glauben, als sie die Augen auf dieses Gesicht warf, dem väterliche Sorgen eine Miene des Kummers gaben.

»Haben Sie große Schmerzen?« fragte sie, aber in ihrer Zerstreutheit klang diese Frage recht gleichgültig.

»Wird mir nicht jeder neue Tag nur noch aus Gnade zuteil?« antwortete der Greis.

»Sie wollen also wieder von Ihrem Tode sprechen, damit ich recht traurig sein soll? Und ich war so froh! Wollen Sie wohl Ihre garstigen, schwarzen Gedanken verscheuchen?«

»Ach,« rief der Vater seufzend, »du verhätscheltes Ding! Die besten Herzen sind manchmal recht grausam. Euch unser ganzes Leben opfern, immer nur an euch denken, für euer Wohlsein sorgen, unsere Liebhabereien euern Launen unterordnen, euch anbeten, euch sogar unser Blut geben -- ist denn das noch nichts? Um uns nur immer euer Lächeln und eure geringschätzige Liebe zu erhalten, müßten wir die Allmacht eines Gottes haben. Schließlich kommt ein anderer. Ein Verehrer, ein Gatte raubt uns euer Herz.«

Julie sah ihren Vater erstaunt an, der langsam neben ihr herging und erloschene Blicke auf sie warf.

»Ihr spielt Versteck mit uns, vielleicht auch sogar mit euch selbst,« fuhr er fort.

»Was sagen Sie da, mein Vater?«

»Ich denke, Julie, du hast Geheimnisse vor mir. Du liebst,« sagte der Greis eindringlich, als er seine Tochter erröten sah. »Ach, ich hatte gehofft, du würdest deinem alten Vater bis zum Tode treu bleiben, ich hoffte, dich bei mir zu behalten, mich an deinem Glück und Glanze erfreuen zu können, dich zu bewundern, schön, wie du eben noch warst! Solange ich nicht wußte, welches Geschick dir bevorstände, hätte ich noch glauben können, daß dir eine ruhige Zukunft beschieden sein werde; aber jetzt kann ich unmöglich die Hoffnung auf ein glückliches Leben meiner Tochter mit ins Grab nehmen; denn du liebst noch mehr den Oberst als den Vetter. Ich kann nicht mehr daran zweifeln.«

»Warum sollte ich ihn nicht lieben dürfen?« rief sie mit lebhafter Neugierde.

»Ach, meine Julie, du kannst mich ja doch nicht verstehen,« versetzte der Vater seufzend.

»Sprechen Sie immerhin,« erwiderte sie mit einer Gebärde des Eigenwillens.

»Gut, mein Kind, so höre mich an. Die jungen Mädchen erschaffen sich oft edle, entzückende Bilder, ganz ideale Gestalten und formen sich allerlei Hirngespinste über Menschen, Gefühle und Welt. Dann verleihen sie in ihrer Unschuld einem Charakter all die geträumte Vollkommenheit und schwören nun darauf. Sie lieben in dem Manne ihrer Wahl dieses Phantasiegeschöpf; aber später, wenn keine Zeit mehr da ist, sich von dem Unglück zu befreien, verwandelt sich das Trugbild, das sie so verschönt haben, ihr erstes Götzenbild, schließlich in ein häßliches Skelett. Julie, mir wäre es lieber, du liebtest einen Greis, statt diesen Offizier. Ach, wenn du dich um zehn Jahre weiter ins Leben versetzen könntest, würdest du meiner Erfahrung recht geben. Ich kenne Victor. Seine Heiterkeit ist eine Heiterkeit ohne Geist -- eine Kasernenheiterkeit; er ist ohne Talent und verschwenderisch. Er ist einer von jenen Männern, die der Himmel dazu geschaffen hat, an einem Tage vier Mahlzeiten zu genießen und zu verdauen, zu schlafen, die erste beste zu lieben und sich zu schlagen. Er versteht nicht, was Leben heißt. Sein gutes Herz -- denn ein gutes Herz hat er -- wird ihn vielleicht dazu verleiten, seine Börse einem Unglücklichen, einem Kameraden zu geben; aber er ist gleichgültig, er besitzt nicht die Zartheit des Herzens, die uns keine andere Sorge hegen läßt, als eine Frau glücklich zu machen. Er ist unwissend und egoistisch -- kurz, es gibt da sehr viele Aber.«

»Er muß doch wohl Geist haben, mein Vater, und was können, sonst wäre er doch nicht Oberst geworden.«

»Meine Liebe, Oberst wird Victor auch sein Leben lang bleiben. Ich habe noch niemand gesehen, der mir deiner würdig erschienen wäre,« versetzte der alte Vater mit einer gewissen Begeisterung.

Er blieb einen Augenblick stehen, betrachtete seine Tochter und fügte hinzu:

»Aber, meine arme Julie, du bist noch zu jung, zu schwach, zu zart, um die Kümmernisse und die Mühseligkeiten der Ehe zu ertragen. D'Aiglemont ist ein Muttersöhnchen und von seinen Eltern ebenso verhätschelt worden, wie du von deiner Mutter und mir. Wie wäre es überhaupt möglich, daß ihr zwei unversöhnlichen Trotzköpfe, wenn ihr mal verschiedener Meinung seid, euch verständigen könntet? Du wirst da entweder Amboß oder Hammer, entweder Opfer oder Tyrann. Und ob nun das eine oder das andere, in jedem Falle ist dann die Summe der Leiden im Leben einer Frau gleich groß. Da du aber sanft und bescheiden bist, so wirst du wohl zuerst nachgeben. Schließlich bist du eben,« sagte er mit veränderter Stimme, »von einer Zartheit des Empfindens, die mißverstanden werden wird, und dann ...«

Er sprach nicht weiter -- Tränen hinderten ihn daran.

»Victor,« fuhr er nach einer Pause fort, »wird die naive Reinheit deiner Seele verletzen. Ich kenne das Militär, meine Julie. Ich habe auch unter Soldaten gelebt. Es kommt selten vor, daß bei diesen Leuten über die Gewohnheiten, die sie inmitten all des Unglücks, das sie umgibt, oder infolge ihres an Zufällen reichen Abenteurerlebens annehmen, zuletzt noch einmal das Herz den Sieg davonträgt.«

»Sie wollen also, mein Vater,« versetzte Julie in einem Tone, der zwischen Ernst und Scherz die Mitte hielt, »Einspruch gegen meine Liebe erheben? Ich soll nicht heiraten, wie ich will, sondern wie Sie es bestimmen?«

»Heiraten, wie ich es bestimme?« rief der Vater mit einer Bewegung des Erstaunens. »Ach, mein Kind, ich und bestimmen! Bald wirst du ja doch meine Stimme, die, wenn sie auch schilt, doch in aller Liebe schilt, nicht mehr hören. Und das ist ja immer so, die Opfer, die die Eltern ihnen darbringen, schreiben die Kinder persönlichen Gefühlen zu. Heirate Victor, meine Julie! Eines Tages wirst du es bitter beklagen, eine Null zum Manne zu haben, und sein Mangel an Ordnungssinn, sein Egoismus, seine Gefühlsgrobheit, sein liebeleeres Gemüt und tausend andere Dinge werden dich an ihm schmerzen. Dann denke daran, daß unter diesen Bäumen die prophetische Stimme deines alten Vaters dir vergebens zu Ohren gedrungen ist!«

Der Greis schwieg -- er hatte seine Tochter darüber ertappt, daß sie eigensinnig den Kopf zurückwarf. Alle beide taten ein paar Schritte nach dem Gitter, wo ihr Wagen Halt gemacht hatte. Auf diesem schweigsamen Gange betrachtete das junge Mädchen verstohlen das Gesicht ihres Vaters, und ihre trotzige Miene verschwand allmählich. Der tiefe Schmerz, der auf dieser zu Boden gesenkten Stirn ausgeprägt war, ging ihr sehr nahe.

»Ich verspreche Ihnen, mein Vater,« sagte sie mit sanfter Rührung, »Victor nicht eher vor Ihnen zu nennen, als bis Sie sich von Ihren Vorurteilen gegen ihn bekehrt haben.«

Der alte Herr sah seine Tochter erstaunt an. Ein paar Tränen traten aus seinen Augen und rollten die gefurchten Wangen hinab. Er konnte Julie nicht mitten unter diesen Menschen küssen, aber er drückte ihr liebevoll die Hand. Als er in den Wagen stieg, waren alle schmerzlichen Gedanken, die seine Stirn verfinstert hatten, entschwunden. Seine Tochter traurig zu sehen, beunruhigte ihn nun weit mehr, als die unschuldige Freude, deren Geheimnis Julie während der Parade unwissentlich verraten hatte.

* * * * *

In den ersten Märztagen des Jahres 1814 -- seit jener Parade vor dem Kaiser war noch nicht ganz ein Jahr verflossen, da rollte eine Kalesche auf der Chaussee, die von Amboise nach Tours führt. Als sie unter dem grünen Dach von Nußbäumen hervorfuhr, das sich um die Post von Frillière wölbt, zogen die Pferde mit solcher Schnelligkeit, daß der Wagen im nächsten Augenblick schon die über die Cise gebaute Brücke, wo dieser Fluß in die Loire mündet, erreichte und hier Halt machte.

Infolge der wilden Jagd, zu der ein junger Postillon auf Befehl seines Herrn vier der kräftigsten Postpferde angetrieben hatte, war ein Strang gerissen. So fügte es die Laune des Zufalls, daß die beiden Insassen der Kalesche, aus dem Schlummer erwachend, Muße hatten, eine der schönsten Landschaften zu betrachten, die man an den an Schönheiten reichen Ufern der Loire finden kann.

Zur Rechten übersieht man auf einen Blick alle Krümmungen der Cise, die sich wie eine silberne Schlange durch das Gras der Wiesen hinzieht, die die ersten Triebe des Frühlings um diese Zeit smaragden färbten. Zur Linken erscheint die Loire in all ihrer Herrlichkeit. Zahllose kleine Stellen, wo ein etwas frischer Morgenwind Wirbel auftrieb, spiegelten auf der weiten Wasserfläche, die dieser majestätische Strom entfaltet, den Schimmer der Sonne wieder. Hier und dort reihen auf der ausgedehnten Flut Inseln wie die einzelnen Teile eines Halsbandes sich aneinander. Am Ufer breiten die schönsten Gefilde der Touraine, soweit das Auge reicht, ihre Schätze aus. In der Ferne wird der Blick erst durch die Hügel von Cher begrenzt, die in diesem Augenblick leuchtende Linien auf dem durchsichtigen Azur des Himmels zogen. Durch das zarte Laub der Inseln hindurch sieht man im Hintergrunde des Gemäldes Tours, das, wie Venedig, mitten aus der Flut aufzusteigen scheint. Die Türme der alten Kathedrale ragen in die Luft, wo sie sich an diesem Morgen in den phantastischen Gebilden einiger weißen Wolken verloren.

Jenseits der Brücke, an der der Wagen angehalten hatte, sieht der Reisende vor sich eine Kette von Felsen, die sich an der Loire entlang bis nach Tours hinzieht. Eine Laune der Natur scheint sie dorthin gestellt zu haben, um den Strom einzudämmen, dessen Wellen unaufhörlich das Gestein aushöhlen -- ein Schauspiel, das stets das Staunen des Reisenden erweckt. Der Flecken Vouvray liegt gleichsam eingezwängt in die Schluchten und Gründe dieser Felsen, die vor der Cisebrücke ein Knie bilden.

Die gewaltigen Krümmungen dieser zerrissenen Hügelkette sind von Vouvray bis Tours von einer weinbauenden Bevölkerung bewohnt. An mehr als einer Stelle sind die Häuser in drei Staffeln mitten zwischen die Felsen eingebaut und durch gefahrvolle Stiegen, die in den Stein geschlagen sind, miteinander verbunden. Über der Spitze eines Daches sieht man ein Mädchen in rotem Rock in einen Garten laufen. Zwischen den Ranken und Reben von Weinstöcken steigt der Rauch eines Schornsteins auf. Dörfler arbeiten auf senkrechten Feldern. Auf einem abgerutschten Felsblock sitzt eine alte Frau und spinnt in aller Ruhe unter den Blüten eines Mandelbaums. Sie sieht auf die Reisenden zu ihren Füßen hinab und lächelt über deren Angst. Die Risse im Boden machen ihr ebensowenig Sorge wie die überhängenden Trümmer einer alten Mauer, die nur noch durch die gewundenen Wurzeln eines Efeumantels vor dem völligen Zusammenbruch bewahrt ist.

Die Hammerschläge von Küfern hallen in den Gewölben luftiger Keller. Kurz, hier, wo die Natur dem Menschenfleiß Fuß zu fassen wehrt, ist die Erde überall bebaut und fruchtbar. So läßt sich auch auf dem ganzen Lauf der Loire nichts mit dem reichen Panorama vergleichen, das die Touraine vor den Augen des Reisenden ausbreitet. Das dreifache Gemälde dieser Szene, dessen Fülle hier kaum angedeutet worden ist, bietet der Seele eines jener Bilder, die sie sich auf ewig ins Gedächtnis schreibt; und wenn ein Poet sich daran erfreut hat, so träumt er oft davon, und im Traume baut sich dann das Bild mit romantischen Effekten märchenhaft auf.

In dem Augenblick, wo der Wagen an die Cisebrücke gelangte, tauchten mehrere weiße Segel zwischen den Loireinseln auf und brachten noch mehr Harmonie in diese harmonische Gegend. Die Weiden am Rande des Flusses mischten ihren durchdringenden Duft in die würzige feuchte Brise. Die Vögel zwitscherten ihre Liebeslieder; der eintönige Gesang eines Ziegenhirten fügte eine Art Melancholie hinzu, und das Rufen von Schiffern deutete auf reges Treiben in der Ferne. Leichter Dunst hing launisch um die in der weiten Landschaft verstreuten Bäume und trug zuletzt auch zu dem anmutigen Gesamtbild bei. Es war die Touraine in all ihrer Herrlichkeit, der Lenz in all seiner Pracht. Dieser Teil Frankreichs, der einzige, den die fremden Heere nicht behelligen sollten, war um diese Zeit auch der einzige, der ruhig war. Man hätte glauben können, die Invasion wagte sich nicht an ihn heran.

Ein Kopf mit einer Soldatenmütze sah zur Kalesche heraus, als sie die Fahrt einstellte. Gleich darauf öffnete ein ungeduldiger Soldat selbst die Tür und sprang auf die Straße, wie um den Postillon auszuzanken. Aber als der Oberst Graf d'Aiglemont sah, mit welcher Geschicklichkeit der Tourainer den zerrissenen Strang ausbesserte, beruhigte er sich. Er kehrte zum Wagenschlag zurück und reckte die Arme, als seien sie ihm eingeschlafen. Er gähnte, blickte über die Landschaft hin und legte die Hand auf den Arm einer jungen Frau, die sorgsam in einen Pelz eingewickelt war.

»Wach auf, Julie,« sagte er in heiserem Tone. »Sieh dir die Gegend an -- es ist herrlich hier.«

Julie reckte den Kopf zum Wagen heraus. Sie trug auf dem Kopfe eine Kapuze von Marderfell, und der faltenreiche Pelz verhüllte ihre ganze Gestalt so völlig, daß man nichts als ihr Gesicht sehen konnte. Julie d'Aiglemont sah jetzt schon anders aus, als das junge Mädchen, das einst, strahlend vor Glück und Freude, zu der Parade in den Tuilerien geeilt war. Ihr noch immer zartes Gesicht hatte nicht mehr die rosige Färbung, die ihm früher einen so herrlichen Glanz verliehen hatte. Ein paar schwarze Locken, die sich durch die Feuchtigkeit der Nacht aus ihrem Haar gelöst hatten, hoben das fahle Weiß ihres Gesichts, dessen Lebhaftigkeit stumpf geworden zu sein schien, nur noch deutlicher hervor. In ihren Augen brannte indessen ein unnatürliches Feuer; und unter den Lidern zeigten sich auf den müden Wangen einige bläuliche Töne.

Mit gleichgültigem Blick sah sie über die Gefilde von Cher, über die Loire und ihre Inseln, über Tours und die weitgestreckten Felsen von Vouvray hin. Ohne sich das entzückende Tal der Cise anzuschauen, lehnte sie sich ins Innere des Wagens zurück und sagte mit einer Stimme, die in dieser frischen Natur schwach und leblos klang: »Ja, großartig.«

Sie hatte, wie man sieht, zu ihrem Unglück ihren Willen gegen den Vater durchgesetzt.

»Julie, möchtest du nicht gern hier leben?«

»O, hier oder anderswo,« antwortete sie gleichgültig.

»Ist dir nicht wohl?« fragte der Oberst d'Aiglemont.

»Nicht doch,« entgegnete die junge Frau mit augenblicklicher Lebhaftigkeit.

Sie sah ihren Mann lächelnd an und setzte hinzu:

»Schlafen möchte ich.«

Plötzlich hörte man den Galopp eines Pferdes. Victor d'Aiglemont ließ die Hand seiner Frau los und sah nach der Biegung hin, die die Straße an dieser Stelle machte. Als Julie den Blick des Obersten nicht mehr auf sich ruhen fühlte, verschwand der Ausdruck der Heiterkeit, den sie ihrem blassen Gesicht gegeben hatte, wie wenn ein Licht aufgehört hätte, es zu beleuchten. Sie hatte weder Lust, die Landschaft noch einmal zu betrachten, noch verlangte sie danach, zu erfahren, wer der so ungestüm einhergaloppierende Reiter wäre, sondern lehnte sich in die Ecke des Wagens zurück, und ihr Blick blieb, ohne eine Spur von Gefühl zu verraten, auf die Kruppen der Gäule geheftet. Sie sah ebenso stumpfsinnig drein, wie etwa ein bretonischer Bauer, wenn er die Litanei seines Pfarrers anhört.

Ein junger Mann auf einem kostbaren Pferde sprengte plötzlich aus einem Wäldchen von Pappeln und blühendem Weißdorn hervor.

»Es ist ein Engländer,« sagte der Oberst.

»O, mein Gott ja, Herr General,« antwortete der Postillon. »Er gehört zu der Rasse von Kerlen, die wie man sagt, Frankreich auffressen wollen.«