Die Frau von dreißig Jahren

Chapter 17

Chapter 173,685 wordsPublic domain

Ein paar Schritte von ihm schlossen der treulose Steuermann und der Matrose des »Sankt Ferdinand«, der vorhin die Macht des Pariser Kapitäns gerühmt hatte, Brüderschaft mit den Piraten und bezeichneten mit dem Finger diejenigen von den Seeleuten der Brigg, die nach ihrer Meinung würdig waren, in die Mannschaft des »Othello« eingereiht zu werden. Den andern fesselten zwei Schiffsjungen trotz der gräßlichen Verwünschungen, die sie ausstießen, die Füße.

Als die Auswahl beendet war, packten die acht Kanoniere die Verurteilten und warfen sie ohne Umstände ins Meer. Die Korsaren betrachteten mit boshafter Neugierde die verschiedenen Bewegungen der Unglücklichen, wie sie hinabfielen, was für Gesichter sie schnitten, wie ihr letzter Todeskampf verlief. Aber ihre Züge verrieten weder Hohn, noch Schreck, noch Mitleid. Es war für sie eine ganz einfache Sache, an die sie gewöhnt waren.

Die älteren unter ihnen betrachteten daher auch lieber mit einem finstern, verhaltenen Lächeln die mit Piastern gefüllten Tonnen, die vor dem Hauptmast standen. Der General und Kapitän Gomez saßen auf einem Warenballen und sahen sich fragend an. Sie waren nun noch die einzigen, die von der Mannschaft des »Sankt Ferdinand« noch am Leben waren. Die sieben Matrosen, die von den beiden Verrätern ausgewählt worden waren, hatten sich inzwischen schon zu fröhlichen Piraten umgewandelt.

»Was für schändliche Kerle!« rief plötzlich der General, und eine gerechte, edelmütige Entrüstung ließ ihn seinen Kummer und die Vorsicht vergessen.

»Sie gehorchen der Notwendigkeit,« antwortete Gomez ruhig. »Wenn Sie einem dieser Menschen einmal wieder begegneten, würden Sie ihm nicht Ihren Degen durch den Leib rennen?«

»Kapitän,« sagte der Leutnant, sich an den Spanier wendend, »der Pariser hat von Ihnen sprechen hören. Sie sind, sagt er, der einzige, der die Antillendurchfahrt und die brasilianische Küste genau kennt. Wollen Sie --?«

Der Kapitän unterbrach den Leutnant mit einem Ausruf der Verachtung und antwortete:

»Ich werde den Seemannstod erleiden als treuer Spanier und Christ -- verstehst du?«

»Ins Meer mit ihm!« rief der junge Mann.

Auf diesen Befehl packten zwei Kanoniere Gomez.

»Ihr seid feige Hunde!« schrie der General und versuchte die Korsaren zurückzuhalten.

»Alter,« sagte der Leutnant zu ihm, »regen Sie sich nicht auf. Wenn Ihr rotes Band am Knopfloch auch auf unsern Kapitän einigen Eindruck macht, ich lächle darüber. Auch wir beide werden sogleich eine kleine Unterhaltung miteinander haben.«

In diesem Augenblick verkündete ein dumpfer Fall, in den kein Laut der Klage sich mischte, dem General, daß der wackere Gomez den Seemannstod erlitten hatte.

»Mein Geld oder den Tod!« schrie er in einem furchtbaren Wutanfall.

»Ah, Sie sind vernünftig,« antwortete der Korsar spöttisch. »Sie wissen nun doch, daß Sie eins von beiden bestimmt von uns erhalten werden ...«

Auf ein Zeichen des Leutnants eilten zwei Matrosen herbei, um dem Franzosen die Füße zusammenzubinden. Aber der General stieß sie mit einer unerwarteten Kühnheit zurück, befreite sich mit fast übermenschlicher Gewalt von dem Strick, womit seine Hände gefesselt waren, riß mit einer Bewegung, mit der niemand gerechnet hatte, den Säbel an sich, den der Leutnant an der Seite trug, und begann mit der Gewandtheit eines alten Kavalleristen, der sein Handwerk versteht, zu fechten.

»Ha, Briganten! Ihr sollt einen alten Soldaten Napoleons nicht wie eine Auster ins Meer werfen!«

Pistolenschüsse, auf den um sich schlagenden Franzosen abgefeuert, lenkten die Aufmerksamkeit des Parisers auf diese Szene, der inzwischen die dem »Sankt Ferdinand« geraubte Takelage auf sein Schiff hatte herüberschaffen lassen. Kaltblütig packte er nun den mutigen General von hinten, hob ihn rasch empor, schleppte ihn an den Bordrand und war im Begriff, ihn wie eine unbrauchbare Spiere ins Wasser zu werfen.

In diesem Augenblick sah der General in das wilde Auge des Mannes, der seine Tochter entführt hatte. Der Vater und der Schwiegersohn erkannten sich auf der Stelle. Der Kapitän gab seiner Bewegung plötzlich eine andere Richtung, und statt den General ins Meer zu werfen, stellte er ihn in raschem Schwunge, als wenn der schwere Mann gar nichts gewogen hätte, vor den Hauptmast. Ein Murmeln erhob sich auf dem Verdeck. Aber der Korsar warf seinen Leuten nur einen Blick zu, worauf tiefstes Schweigen eintrat.

»Es ist Helenens Vater,« sagte der Kapitän mit klarer, fester Stimme. »Wehe dem, der es an Achtung gegen ihn fehlen läßt!«

Ein freudiges Geschrei erklang auf dem Verdeck und stieg gen Himmel, wie ein Gebet in einer Kirche, wie der ernste Ruf des Tedeums. Die Schiffsjungen schaukelten sich im Tauwerk, die Matrosen warfen die Mützen in die Luft, die Kanoniere trampelten mit den Füßen, alles war in Bewegung, schrie, pfiff und fluchte. Diese Heiterkeit hatte etwas so Fanatisches an sich, daß der General unruhig und beklommen wurde. Er schrieb den Aufruhr einem entsetzlichen Geheimnis zu, und sein erster Ruf, als er die Sprache wiederfand, war das Wort:

»Meine Tochter! Wo ist sie?«

Der Korsar warf dem General einen jener tiefen Blicke zu, die, ohne daß man sich's erklären konnte, die unerschrockensten Seelen niederwarfen, und der Soldat verstummte, zur großen Befriedigung der Matrosen, die sich darüber freuten, daß ihr Führer über alle Menschen Gewalt zu haben schien. Dann führte der Räuber ihn an eine Treppe, hieß ihn hinabsteigen, brachte ihn vor die Tür einer Kabine, öffnete sie rasch und sagte:

»Sie ist hier.«

Dann verschwand er, während der alte Haudegen verblüfft das Bild betrachtete, das sich seinen Blicken bot. Als Helene die Tür des Gemachs so ungestüm öffnen hörte, war sie von dem Divan aufgestanden, auf dem sie lag. Doch nun erblickte sie den Marquis und stieß einen Schrei der Überraschung aus. Sie war so verändert, daß es des Auges eines Vaters bedurfte, um sie zu erkennen. Die Tropensonne hatte sie noch schöner gemacht. Ihr weißes Gesicht war braun geworden und hatte ein wunderbares Kolorit erhalten, das ihr einen Ausdruck orientalischer Poesie verlieh. Dieses Antlitz trug den Stempel der Größe, Majestät, Energie und einer Seelentiefe, die auf die rohesten Gemüter Eindruck machen mußte.

Ihr langes, überreiches Haar fiel in dicken Locken auf einen vornehmen Hals und gab dem Stolz dieses Gesichts einen machtvollen Rahmen. In ihrer Haltung und Gebärde verriet Helene, daß sie sich ihrer Macht auch vollauf bewußt war. Eine an Triumph grenzende Zufriedenheit blähte leicht ihre rosafarbenen Nasenflügel, und ihr ruhiges Glück erkannte man allein schon daran, in welchem Maße ihre Schönheit sich entfaltet hatte.

Dabei hatte sie gleichzeitig doch eine unsagbare jungfräuliche Weichheit an sich und jenen besonderen Stolz, der allen denen eigen ist, die sich über alles geliebt wissen. Sklavin und Herrscherin zugleich, wollte sie gern gehorchen, da sie regieren konnte.

Sie war mit einer Pracht gekleidet, die der Anmut und Vornehmheit nicht ermangelte. Ihre ganze Toilette bestand aus indischem Musselin; der Diwan und die Kissen waren von Kaschmir, und ein persischer Teppich bedeckte den Boden der geräumigen Kabine. Ihre vier Kinder spielten zu ihren Füßen und bauten sich phantastische Schlösser aus Perlenhalsbändern, aus kostbaren Schmucksachen, aus wertvollen Gegenständen. Ein paar Vasen aus Sèvresporzellan, von Madame Jaquotot bemalt, enthielten seltene, duftende Blumen: Jasmin aus Mexiko und Kamelien. Zwischen diesen Blumen flatterten gezähmte kleine Vögel aus Amerika herum, die in ihrer Buntfarbigkeit Rubinen, Saphiren und lebendigem Golde glichen.

Ein Piano stand in diesem Salon, und an den Wänden hingen hier und dort Bilder, die nicht groß waren, aber von den besten Malern herrührten: ein »Sonnenuntergang« von Hippolyt Schinner neben einem Ter Borch, eine Heilige Jungfrau von Raphael neben einer Skizze von Géricault; ein Gerard Dow neben Porträtmalern des Kaiserreichs.

Auf einem Lacktisch befand sich eine goldene Schüssel voll köstlicher Früchte. Kurz, Helene schien die Königin eines großen Reiches zu sein, und ihr gekrönter Gemahl schien in diesem Boudoir die schönsten Dinge der Erde zusammengetragen zu haben.

Die Kinder sahen ihren Großvater neugierig an; gewohnt, wie sie waren, an Kampf und Lärm, glichen sie den kleinen neugierigen, nach Krieg und Blut lüsternen Römerkindern, die David auf seinem Gemälde »Brutus« dargestellt hat.

»Wie ist das möglich?« rief Helene und faßte ihren Vater an, um sich von der Leibhaftigkeit dieser Erscheinung zu überzeugen.

»Helene!« -- »Mein Vater!«

Sie sanken einander in die Arme, doch die Umarmung des Greises war die weniger starke und liebevolle.

»Sie waren auf diesem Schiffe?«

»Ja,« antwortete er traurig, setzte sich auf den Diwan und betrachtete die Kinder, die sich in naiver Wißbegierde um ihn scharten. »Ich wäre nicht mehr am Leben, wenn nicht --«

»Wenn nicht mein Mann gewesen wäre,« unterbrach sie ihn. »Ich errate es.«

»Ach!« rief der General, »warum muß ich dich wiederfinden, Helene, dich, die ich so sehr beweint habe! Ich werde also alle Zeit dein Schicksal zu beklagen haben!«

»Warum?« fragte sie lächelnd. »Werden Sie nicht zufrieden sein, wenn Sie erfahren, daß ich die glücklichste aller Frauen bin?«

»Glücklich!« rief er und sprang erstaunt auf.

»Ja, mein guter Vater,« fuhr sie fort, ergriff seine Hände, drückte sie auf ihren wogenden Busen und sah ihn mit vor Freude funkelnden Augen an.

»Und inwiefern glücklich?« fragte er, neugierig, das Leben seiner Tochter kennen zu lernen. Vor diesem strahlenden Angesicht vergaß er alles andere.

»Hören Sie, mein Vater,« antwortete sie, »ich habe zum Geliebten, zum Gatten, zum Diener, zum Herrn einen Mann, dessen Seele ebenso groß ist wie dieses grenzenlose Meer, ebenso unerschöpflich an Milde, wie der Himmel. Kurz, er ist ein Gott! Seit sieben Jahren ist ihm niemals ein Wort, ein Gefühl, eine Gebärde entschlüpft, die einen Mißklang in die göttliche Harmonie seiner Rede, seiner Liebkosungen und seiner Liebe hätten bringen können. Er hat mich immer nur mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen und mit freudestrahlenden Augen angesehen. Dort oben übertönt seine donnernde Stimme oft das Heulen des Sturms oder den Kampfeslärm. Aber hier ist sie sanft und klangvoll wie die Musik Rossinis, dessen Werke mir vor kurzem geschenkt worden sind. Alles, was die Laune einer Frau sich nur ersinnen kann, bekomme ich. Ja, meine Wünsche werden oft noch überboten. Kurz, ich gebiete über das Meer, und man gehorcht mir dort wie einer Herrscherin. -- O, glücklich!« fuhr sie fort, sich selbst unterbrechend, »glücklich ist nicht der richtige Ausdruck für mein Glück. Mein Glück ist anders als das aller Frauen. Eine Liebe zu fühlen, eine grenzenlose Hingebung zu dem, den man liebt, und in seinem Herzen eine ebenso grenzenlose Liebe zu finden, eine immer sich gleiche Liebe, in der die Seele der Frau sich baden kann -- sagen Sie, ist das nicht Glück? Hier bin ich Gebieterin. Noch nie hat ein Geschöpf meines Geschlechts den Fuß auf dieses edle Schiff gesetzt, wo Victor nur ein paar Schritte von mir entfernt ist. -- Er kann sich von mir immer nur so weit entfernen wie bis zum Heck oder zum Bug,« fuhr sie mit einer feinen Schelmerei fort, »und sieben Jahre! eine Liebe, die sieben Jahre lang so innig bleibt, die sieben Jahre lang fast alle Augenblicke eine Probe zu bestehen hatte -- ist das nicht Liebe? Ja, es ist weit, weit mehr noch als Liebe! Es ist das Herrlichste, das ich mein Leben lang kennen gelernt habe! Die menschliche Stimme hat keine Ausdrücke für ein himmlisches Glück.«

Ein Tränenstrom entrann ihren brennenden Augen. Die vier Kinder stießen ein klägliches Geschrei aus und liefen herbei, wie Küchlein die Mutter umringend. Der älteste Knabe schlug nach dem General und warf ihm drohende Blicke zu.

»Abel,« sagte sie, »mein Engel, ich weine ja doch vor Freude.«

Sie nahm ihn auf die Knie; das Kind liebkoste sie zutraulich, indem es die Arme um den majestätischen Hals Helenens schlang, wie ein kleiner Löwe, der mit seiner Mutter spielen will.

»Und du hast keine Langeweile?« rief der General, betäubt von der überschwenglichen Antwort seiner Tochter.

»Doch,« antwortete sie. »Wenn wir mal an Land gehen; denn auch dann verlasse ich meinen Mann nie.«

»Aber du liebtest doch Festlichkeiten, Bälle, Musik?«

»Musik -- das ist seine Stimme; meine Festlichkeiten -- das sind die Stunden, zu denen ich mich für ihn schmücke. Wenn ich ihm in meinem Putz gefalle, ist's dann nicht, als ob die ganze Erde mich bewunderte? Und deshalb allein werfe ich diese Diamanten, diese Halsbänder, diese Diademe von Edelsteinen, diese Reichtümer, diese Blumen, diese Meisterwerke der Künste nicht ins Meer. Er bringt sie mir in Fülle und sagt dann immer: >Helene, da du nicht in die Welt gehst, soll die Welt zu dir kommen.<«

»Aber auf diesem Schiffe gibt es Menschen -- entsetzliche, tollkühne Menschen, die in ihrer wilden Leidenschaft ...«

»Ich verstehe Sie, mein Vater,« sagte sie lächelnd. »Doch beruhigen Sie sich. Selbst eine Kaiserin ist noch nie so ehrerbietig behandelt worden wie ich. Diese Leute sind abergläubisch; sie glauben, ich sei der Schutzgeist dieses Fahrzeugs, ihrer Unternehmungen und Erfolge. Und dann ist er ein Gott für sie. Eines Tages -- ein einziges Mal -- ließ ein Matrose es an Achtung gegen mich fehlen ... nur in Worten,« setzte sie lachend hinzu. »Ehe Victor es erfahren konnte, warfen die Leute den Mann ins Meer, obwohl ich ihm Verzeihung gewährte. Sie lieben mich wie ihren guten Engel, ich pflege sie, wenn sie krank sind, und habe schon das Glück gehabt, durch die Ausdauer weiblicher Sorge ein paar von ihnen vom Tode zu erretten. Diese armen Menschen sind zugleich Riesen und Kinder.«

»Und wenn Kämpfe stattfinden?«

»Daran bin ich gewöhnt,« antwortete sie. »Nur das erstemal habe ich gezittert. Jetzt ist meine Seele gegen diese Gefahr gefeit, und dann -- ich bin doch Ihre Tochter,« setzte sie hinzu, »ich liebe sogar den Kampf.«

»Und wenn er den Tod fände?«

»So würde ich mit ihm sterben.«

»Und deine Kinder?«

»Sie sind Söhne des Meers und der Gefahr, sie teilen das Leben ihrer Eltern ... Unser Dasein ist eines und unteilbar. Wir führen alle das gleiche Leben, sind durch ein und denselben Eid aneinander gebunden und an ein und dasselbe Lebensschiff gefesselt -- das wissen wir wohl.«

»Du liebst ihn also so sehr, daß du ihn allem andern vorziehst?«

»Allem,« antwortete sie. »Doch dringen wir nicht in dieses Geheimnis ein. Sehen Sie dieses teure Kind an! Es ist sein Ebenbild.«

Sie preßte Abel mit großem Ungestüm an sich und drückte ihm leidenschaftliche Küsse auf die Wangen und auf das Haar ...

»Aber,« rief der General, »ich werde nie vergessen können, daß er eben neun Menschen hat ins Meer werfen lassen.«

»So mußte es eben sein,« antwortete sie, »denn er ist menschlich und edelmütig. Er vergießt so wenig Blut wie möglich, nur daß er unter allen Umständen für die Erhaltung und die Interessen der kleinen Welt sorgen muß, die er beschützt, und die heilige Sache nicht vernachlässigen darf, der er sich gewidmet hat. Sprechen Sie mit ihm über das, was Ihnen unrecht erscheint, und Sie werden sehen, er wird Sie zu einer andern Meinung bekehren.«

»Und sein Verbrechen?« sagte der General, wie mit sich selbst redend.

»Aber,« versetzte sie mit kalter Würde, »wenn das nun eine tugendhafte Tat war? Wenn die Justiz der Menschen ihm die Rache versagte?«

»So darf man sich nicht selbst rächen!« rief der General.

»Was ist denn die Hölle anders,« fragte sie, »als eine ewige Rache für die paar Sünden eines einzigen Tages?«

»Ah! Du bist verloren, er hat dich in Bann geschlagen, dich verwandelt, dich verdorben. Deine Vernunft ist aus den Fugen.«

»Nein, mein Vater, glauben Sie das nicht; denn wenn Sie ihn nur anhören, ansehen wollten, so werden Sie ihn lieben.«

»Helene,« sagte der General ernst, »wir sind nur noch wenige Meilen von Frankreich entfernt.«

Sie zitterte, dann sah sie zu den Fenstern der Kajüte hinaus und zeigte auf das Meer, das dort seine unermeßlichen Savannen grünen Wassers ausbreitete.

»Das ist meine Heimat,« antwortete sie und klopfte mit der Fußspitze auf den Teppich.

»Willst du nicht mitkommen, deine Mutter, deine Schwester, deine Brüder wiedersehen?«

»O ja,« sagte sie, mit Tränen in der Stimme, »wenn er es will und mich begleitet.«

»So hast du nichts mehr, Helene,« versetzte der Soldat streng, »weder Heimat noch Familie?«

»Ich bin sein Weib,« versetzte sie mit Stolz und Adel. »Dies ist seit sieben Jahren das erste Glück, das nicht von ihm kommt,« setzte sie hinzu, ergriff die Hand ihres Vaters und küßte sie, »und es ist auch der erste Tadel, den ich hören muß.«

»Und dein Gewissen?«

»Mein Gewissen -- ist er.«

In diesem Augenblick zitterte sie heftig.

»Da kommt er,« sagte sie. »Selbst in einem Kampfe erkenne ich unter allen Schritten den seinen heraus, wenn er über das Verdeck eilt.«

Plötzlich färbte eine Röte ihre Wangen blutrot, ließ ihre Züge sich aufhellen und strahlen, ließ ihre Augen flammen. Glück und Liebe sprach aus all ihren Zügen, aus den bläulichen Adern, die leicht hervortraten, und aus dem unwillkürlichen Zittern ihres ganzen Körpers. Diese tiefinnere Bewegung rührte den General.

In der Tat erschien einen Moment später der Korsar, setzte sich auf einen Fauteuil, nahm seinen ältesten Sohn zu sich und begann mit ihm zu spielen. Ein Weilchen herrschte Schweigen; denn der General versank in einen Zustand, der etwas Traumhaftes an sich hatte, und betrachtete diese elegante Kabine, in der diese Familie seit sieben Jahren zwischen dem Himmel und dem Meere dahinschwamm, von der starken Hand eines Mannes durch die Gefahren des Kampfes und des Sturms geführt, wie im Leben ein Hausstand von dem Familienvater mitten durch das soziale Elend hindurchgesteuert wird.

Er betrachtete mit Bewunderung seine Tochter, das phantastische Abbild einer Meeresgöttin, mild an Schönheit, reich an Glück. Die Schätze ihrer Seele, das Leuchten ihrer Augen und die unbeschreibliche Poesie ihrer Person überstrahlten alle Schätze, die sie umgaben.

Diese Verhältnisse waren von einer Seltsamkeit, die ihn verblüffte, und alle Gefühle und Gedanken schienen hier auf eine so erhabene Höhe gehoben, daß die alltäglichen Ideen umgeworfen wurden und keine Geltung mehr hatten. Die kalten, kleinlichen Berechnungen der Gesellschaft erloschen vor diesem Gemälde.

Der alte Soldat fühlte das alles und begriff auch, daß seine Tochter ein so vielgestaltiges, an Kontrasten und Eindrücken so reiches Leben, das von einer so wahren Liebe ausgefüllt wurde, niemals aufgeben würde. Da sie nun einmal der Gefahr getrotzt hatte, ohne davor zurückzuschrecken, so konnte sie nun nicht mehr in die kleinlichen Szenen der läppischen, dünkelhaften Welt zurückkehren.

»Bin ich Ihnen hier im Wege?« fragte der Korsar, indem er das Schweigen brach und auf seine Frau blickte.

»Nein,« antwortete ihm der General. »Helene hat mir alles gesagt. Ich sehe, sie ist für uns verloren.«

»Nein,« antwortete der Korsar lebhaft, »noch ein paar Jahre, dann ist meine Tat verjährt, und ich werde nach Frankreich zurückkehren können. Wenn das Gewissen rein ist und der Verstoß gegen eure gesellschaftlichen Gesetze nur zurückzuführen war auf ...«

Er schwieg, denn er verschmähte es, sich zu rechtfertigen.

»Fühlen Sie in diesem Augenblick,« fragte der General, ihn unterbrechend, »keine Reue über die neuen Mordtaten, die Sie unter meinen Augen begangen haben?«

»Wir hatten keine Lebensmittel mehr,« antwortete der Korsar ruhig.

»Aber dann konnten Sie diese Leute in einem Boot die Küste erreichen lassen --«

»So hätten sie uns ein Kriegsschiff auf den Hals gehetzt, das uns den Rückweg abgeschnitten hätte, und wir würden nicht nach Chile entkommen können.«

»Ehe diese Leute von Frankreich aus die spanische Admiralität benachrichtigten, konnten Sie längst ...«

»Schon in Frankreich könnte man Anstoß daran nehmen, daß ein Mann, der noch vom Gericht gesucht wird, sich einer Brigg bemächtigt hat, deren Fracht Einwohnern von Bordeaux gehörte. Übrigens, haben Sie auf dem Schlachtfelde nicht auch manchmal ein paar Kanonenschüsse zu viel abgefeuert?«

Wiederum eingeschüchtert durch den Blick des Korsaren, schwieg der General, und seine Tochter betrachtete ihn mit einer Miene, die in gleichem Maße Triumph wie Betrübnis ausdrückte.

»General,« sagte der Korsar mit tiefer Stimme, »ich habe es mir zum Gesetz gemacht, niemals etwas von der Beute beiseite zu bringen. Aber ohne Zweifel ist mein Anteil an dem gesamten Gewinn beträchtlicher, als Ihr Vermögen gewesen ist. Erlauben Sie mir, es Ihnen in anderm Gelde zurückzuerstatten --«

Er nahm aus dem Kasten des Pianos ein Pack Banknoten, zählte die Scheine nicht erst und legte etwa eine Million in die Hände des Generals.

»Sie begreifen,« fuhr er fort, »ich habe kein Verlangen, mir die Müßiggänger auf den Straßen von Bordeaux anzusehen. Andererseits soll aber auch durch die reizvollen Gefahren unsers Zigeunerlebens, durch die Szenerie des südlichen Amerika, durch unsere tropischen Nächte, durch unsere Schlachten und durch das Vergnügen, die Flagge einer jungen Nation oder eines Simon Bolivar zum Siege zu führen, Ihre Vaterlandsliebe nicht zum Wanken gebracht werden. Wir müssen uns also trennen. Eine Schaluppe und zuverlässige Leute werden Sie begleiten. Hoffen wir auf ein drittes und dann glücklicheres Zusammentreffen.«

»Victor, ich möchte noch einen Augenblick mit meinem Vater sprechen,« sagte Helene in schmollendem Tone.

»In zehn Minuten kann uns eine französische Fregatte auf den Fersen sein. Doch, mir soll's recht sein! Wir werden ein Tänzchen aufführen. Meine Leute --«

»O, gehen Sie, mein Vater!« rief die Frau des Seemanns, »und bringen Sie meiner Schwester, meinen Brüdern und -- und meiner Mutter,« setze sie hinzu, »diese Pfänder des Andenkens.«

Sie nahm eine Handvoll kostbarer Steine, Halsbänder und Schmucksachen, wickelte sie in einen Kaschmirschal und bot sie schüchtern dem Vater an.

»Was soll ich ihnen von dir sagen?« fragte er und schien betroffen, daß seine Tochter so auffällig gestockt hatte, ehe sie das Wort Mutter aussprach.

»O, können Sie an meiner Seele zweifeln? Ich bete täglich um Ihrer aller Glück.«

»Helene,« antwortete der Greis und sah sie aufmerksam an, »soll ich dich nicht mehr wiedersehen? Werde ich niemals den wahren Beweggrund deiner Flucht erfahren?«

»Dieses Geheimnis gehört nicht mir,« sagte sie in ernstem Tone. »Und hätte ich das Recht, es Ihnen mitzuteilen, so würde ich es vielleicht dennoch nicht sagen. Ich habe zehn Jahre lang unerhörtes Unrecht erlitten ...«

Sie sprach nicht weiter und streckte dem Vater die Kostbarkeiten hin, die sie für ihre Angehörigen bestimmt hatte. Der General war vom Kriege her gewöhnt, im Punkte der sogenannten Beute ein weites Gewissen zu haben, und nahm die Geschenke an, die die Tochter ihm bot. Er dachte bei sich, daß unter der Einwirkung einer so reinen und erhabenen Seele, wie Helene sie besaß, der Pariser Kapitän ein ehrlicher Mensch bleiben und sich darauf beschränken würde, gegen die Spanier zu kämpfen.

Er ließ sich daher von seiner alten Vorliebe für alle Tapferkeit hinreißen. Überdies, dachte er sich, wäre es auch lächerlich gewesen, sich zugeknöpft zu verhalten; er drückte somit dem Korsaren kraftvoll die Hand, küßte seine Helene, seine einzige Tochter, mit der den Soldaten eigenen Herzhaftigkeit und ließ eine Träne auf das Gesicht fallen, dessen stolzer, fast mannhafter Ausdruck ihm mehr als einmal zugelächelt hatte.

Der Seemann hielt ihm gerührt seine Kinder hin, daß er sie segne. Endlich sagten sie sich alle mit einem letzten, langen Blick voll Zärtlichkeit Lebewohl.

»Seid allzeit glücklich!« rief der General und eilte aufs Verdeck.