Chapter 16
»Es kommt mir teuer zu stehen, daß ich Ihnen Gastfreundschaft gewährte,« rief der General. »Vor kurzem haben Sie nur einen alten Mann umgebracht. Hier morden Sie eine ganze Familie. Was auch geschehen möge, diesem Hause steht Unglück bevor!«
»Und wenn Ihre Tochter glücklich ist?« fragte der Mörder und sah den Soldaten fest an.
»Wenn sie glücklich ist mit Ihnen,« antwortete der Vater, sich mit Mühe aufraffend, »so werde ich sie nicht bedauern.«
Helene kniete schüchtern vor ihrem Vater nieder und sagte in liebkosendem Tone zu ihm:
»O, mein Vater, ich liebe und verehre Sie, ob Sie nun die Schätze Ihrer Güte oder die Strenge des Zorns über mich ausschütten. Doch lassen Sie diese jähzornigen Worte nicht Ihre letzten sein!«
Der General wagte nicht, seine Tochter anzusehen. In diesem Augenblick trat der Fremde vor und sah Helene mit einem Lächeln an, das zugleich etwas Höllisches an sich hatte.
»Du, der ein Mörder kein Entsetzen einflößt, Engel des Mitleids,« sagte er, »komm, da du darauf bestehst, mir dein Geschick anzuvertrauen.«
»Unbegreiflich!« rief der Vater.
Die Marquise warf ihrer Tochter einen seltsamen Blick zu und öffnete ihr die Arme. Helene sank ihr weinend an die Brust.
»Leb wohl,« sagte sie, »leb wohl, meine Mutter!«
Helene gab entschlossen dem Fremden einen Wink. Der Mann zitterte. Sie küßte ihrem Vater die Hand, küßte in Eile, doch ohne Freude, Moina und den kleinen Abel und verschwand mit dem Mörder.
»Wohin sind sie gegangen?« rief der General, auf die Schritte der beiden Flüchtlinge lauschend.
»Madame,« fuhr er fort, sich an seine Frau wendend, »hinter diesem Abenteuer steckt ein Geheimnis. Sie müssen es kennen.«
Die Marquise zitterte.
»Seit einiger Zeit,« antwortete sie, »war Ihre Tochter äußerst romantisch geworden und zeigte oft seltsame Überschwenglichkeit. Trotz all meiner Sorge, diesen Hang ihres Charakters zu bekämpfen ...«
»Das ist nicht klar.«
Aber der General glaubte jetzt im Garten die Schritte seiner Tochter und des Fremden zu hören und sprach nicht weiter, sondern stürzte ans Fenster und riß es auf.
»Helene!« schrie er hinaus.
Die Stimme verhallte in der Nacht wie eine vergebliche Prophezeiung. Indem der General diesen Namen aussprach, der auf dieser Welt nun nichts weiter mehr war als ein Name, brach er wie durch Zauber den Bann, in den eine diabolische Gewalt ihn geschlagen hatte. Wie das Leuchten eines Geistes huschte es ihm übers Gesicht. Er sah deutlich die Szene vor sich, die sich eben abgespielt hatte, und verwünschte seine Schwäche, die ihm unbegreiflich war. Wie eine heiße Welle flutete es ihm vom Herzen zum Kopfe und zu den Füßen. Er wurde wieder er selbst, und in schrecklicher Wut, in rasendem Rachedurst stieß er einen fürchterlichen Schrei aus.
»Hilfe! Hilfe!«
Er rannte zu den Klingeln und zog an den Schnüren, als wollte er sie zerreißen, und erweckte so ein Schellen aller Glocken, wie man es im Schlosse noch nie vernommen hatte. Alle seine Leute fuhren entsetzt aus den Betten. Er schrie noch immer, riß die Fenster nach der Straße auf, rief die Gendarmen, fand seine Pistolen, feuerte sie ab, um die Reiter, seine Leute und die Nachbarn zu schnellerem Laufe anzutreiben. Die Hunde erkannten nun die Stimme ihres Herrn und bellten, die Pferde wieherten und stampften. Es war ein schrecklicher Tumult in dieser ruhigen Nacht. Als der General die Treppe hinablief, um hinter seiner Tochter herzueilen, sah er seine entsetzten Leute von allen Seiten zusammenkommen.
»Meine Tochter! -- Helene ist entführt worden! -- Geht in den Garten -- bewacht die Straße -- laßt die Gendarmen herein -- sucht den Mörder!«
Gleich darauf zerriß er in seiner Wut einfach die Kette, an der der große Wachhund lag.
»Helene! Helene!« schrie er dem Tier zu.
Der Hund machte einen Satz wie ein Löwe, bellte wütend und stürzte so schnell in den Garten hinein, daß der General ihm nicht folgen konnte. In diesem Augenblick erklang der Galopp von Pferden auf der Straße, und der General öffnete selbst in aller Eile.
»Brigadier,« rief er, »schneiden Sie dem Mörder des Herrn de Mauny den Rückweg ab. Sie wollen durch meine Gärten. Schnell, besetzt die Wege nach der Pikardie ... ich mache eine Treibjagd durch alles Land, durch alle Gärten und Häuser. -- Ihr andern,« sagte er zu seinen Leuten, »bewacht die Straße und besetzt die Strecke von der Barrière bis nach Versailles! Vorwärts, allesamt!«
Er ergriff ein Gewehr, das ihm sein Kammerdiener brachte, eilte in die Gärten und schrie dem Hunde zu:
»Such!«
Aus der Ferne antwortete ihm furchtbares Gebell, und er wandte sich nach der Richtung, aus der das Geheul des Hundes zu kommen schien.
Um sieben Uhr morgens hatten die Nachsuchungen der Gendarmerie, des Generals, seiner Leute und der Nachbarn noch keinen Erfolg gehabt. Der Hund war nicht wiedergekommen. Erschöpft von der Anstrengung und durch den Gram dieser Nacht rasch gealtert, kehrte der Marquis in den Salon zurück, der für ihn nun verödet war, obgleich seine drei andern Kinder noch da waren.
»Sie sind stets sehr kalt zu Ihrer Tochter gewesen,« sagte er, mit einem Blick auf seine Frau. »Hier ist uns doch etwas von ihr geblieben,« setzte er hinzu, auf den Stickrahmen zeigend, darauf er eine angefangene Blume erblickte. »Eben war sie noch hier -- und nun verloren -- verloren!«
Er weinte, vergrub den Kopf in den Händen und saß eine Weile schweigend da. Er mochte sich nicht mehr in dem Zimmer umsehen, das ihm einstmals das Gemälde süßesten Hausglücks dargeboten hatte. Das Licht des Morgens kämpfte mit den erlöschenden Lampen; die Kerzen versengten ihre Papiermanschetten; alles stand im Einklang zu der Verzweiflung dieses Vaters.
»Das Ding da muß vernichtet werden,« sagte er nach einem Augenblick des Schweigens und zeigte auf den Stickrahmen. »Ich kann nichts mehr sehen, was mich an sie erinnert.«
Die entsetzliche Weihnacht, in der der Marquis und seine Frau das Unglück hatten, ihre älteste Tochter zu verlieren, ohne daß sie sich der seltsamen Gewalt widersetzen konnten, die ihr Verführer -- eigentlich ja ein Verführer wider Willen -- auf sie ausgeübt hatte, diese entsetzliche Nacht war gleichsam ein Wink vom Schicksal selbst. Kurz darauf richtete der Bankerott eines Wechselagenten den Marquis zugrunde. Er nahm auf die Güter seiner Frau Hypotheken auf, um eine Spekulation zu versuchen, deren Gewinn der Familie allen früheren Reichtum wiedergeben sollte. Die Spekulation schlug fehl und ruinierte ihn vollends. In seiner Verzweiflung, alles zu versuchen, wanderte der General aus. Sechs Jahre waren seit seiner Abreise verflossen. Die Familie hatte nur selten Nachricht von ihm erhalten. Sechs Tage vor dem Erlaß, durch den Spanien die Unabhängigkeit der amerikanischen Republiken anerkannte, hatte er seine Rückkehr angemeldet.
An einem schönen, heitern Morgen befanden sich mehrere französische Handelsmänner, voller Ungeduld, in ihr Vaterland zurückzukehren, mit den Reichtümern, die sie in langer, saurer Arbeit und auf gefährlichen Reisen teils durch Mexiko, teils durch Kolumbia erworben hatten, auf einer spanischen Brigg, nur noch wenige Meilen von Bordeaux entfernt. Ein durch Mühseligkeiten oder Gram über seine Jahre hinaus gealterter Mann lehnte an der Schanzverkleidung und schien keinen Sinn für das Bild zu haben, das sich den Blicken der in Gruppen auf dem Verdeck herumstehenden Passagiere bot. Den Gefahren der Seefahrt entronnen und durch die Schönheit des Tages angelockt, waren alle auf Deck gestiegen, um die Heimat zu grüßen.
Die Mehrzahl unter ihnen wollte durchaus in der Ferne schon die Leuchttürme, die Häuser der Gascogne, den Turm von Corduan zwischen den phantastischen Gebilden einiger weißen Wolken erkennen, die am Horizont heraufstiegen. Wäre nicht die silberne Furche gewesen, die der Kiel vor sich aufpflügte, wäre nicht die Schleppe gewesen, die er hinter sich herzog, so hätten die Reisenden glauben können, sie lägen regungslos mitten auf dem Ozean, so ruhig war die See.
Der Himmel war von entzückender Reinheit. Die tiefe Färbung seines Gewölbes ging in unmerklichen Abstufungen in die bläuliche Farbe des Wassers über; wo beide aufeinanderstießen, sah man nur eine zarte Linie, von der flimmernden Helligkeit der Sterne. Die Sonne ließ Millionen von Spiegelscheiben auf der unermeßlichen Fläche des Meers aufblitzen, so daß die weiten Gefilde des Wassers vielleicht noch mehr leuchteten als das Firmament selbst.
Ein wunderbar milder Wind blähte alle Segel der Brigg, und die schneeweißen Tücher, die gelben, wehenden Wimpel, das Labyrinth von Tauwerk zeichneten sich haarscharf auf dem glänzenden Grunde des Himmels, der leuchtenden Luft und des Meeres ab, ohne andere Farben anzunehmen, als die Schatten, die die Wolken von Segeln warfen.
Ein schöner Tag, ein frischer Wind, der Anblick des Vaterlandes, eine hübsche, einsame Brigg, die wie eine zum Stelldichein fliegende Schöne über das Meer hinglitt -- das war ein Bild voll Harmonie, eine Szene von köstlichem Reiz. Von einem Punkt aus, auf dem alles reges Leben und Bewegung war, umfaßte die Menschenseele weite Fernen, die bewegungslos blieben, die unwandelbar sich ringsum ausdehnten. Es war eine wundersame Gegenüberstellung von Einsamkeit und Leben, von Stille und Lärm, ohne daß man hätte sagen können, wo der Lärm und das Leben, das Nichts und das Schweigen wäre. Denn keine menschliche Stimme unterbrach diesen himmlischen Zauber.
Der spanische Kapitän, seine Matrosen und die Männer aus Frankreich standen oder saßen und überließen sich in frommer Schwärmerei ihren Erinnerungen. Die Luft selbst atmete Müßiggang. Die strahlenden Gesichter verrieten ein völliges Vergessen der schlechten Zeiten, die man überstanden hatte, und die Menschen wiegten sich auf ihrem schönen Schiff wie in einem goldenen Traume.
Dennoch sah der alte, an die Schanzverkleidung gelehnte Passagier von Zeit zu Zeit voll Unruhe nach dem Horizont. In seinen Zügen prägte sich die Ahnung eines Unglücks oder ein Mißtrauen gegen die Güte des Schicksals aus, und er schien zu befürchten, daß man den Boden Frankreichs nicht schnell genug betreten könne. Dieser Mann war der Marquis. Das Glück hatte gegen seine verzweifelten Anstrengungen sich nicht spröde gezeigt. Nachdem er fünf Jahre alles mögliche versucht und bitter gearbeitet hatte, war er nun im Besitz eines beträchtlichen Vermögens. In seiner Ungeduld, die Heimat wiederzusehen und seiner Familie das Glück zu bringen, war er dem Beispiel einiger französischen Handelsleute von Habana gefolgt und hatte sich mit ihnen auf einem spanischen nach Bordeaux bestimmten Fahrzeug eingeschifft.
Seine Phantasie, überdrüssig, immer Unglück vorauszusehen, spiegelte ihm die köstlichsten Bilder aus dem Glück seiner Vergangenheit wider. Beim Anblick der fernen braunen Linie, die das Land beschrieb, glaubte er seine Frau und seine Kinder zu sehen. Er saß an seinem Platze am Kamin und war umringt und liebkost von seinen Kindern. Er stellte sich Moina vor, schön, groß geworden, imposant wie ein junges Mädchen. Als dieses Bild der Phantasie ihm so klar vor Augen stand, wie ein Bild der Wirklichkeit, rannen ihm Tränen die Wangen hinab, und um seine Aufregung zu verbergen, sah er nach dem Horizont in der entgegengesetzten Richtung der verschwommenen Linie, die das Land bezeichnete.
»Das ist er!« rief er. »Er verfolgt uns.«
»Was gibt's?« rief der spanische Kapitän.
»Ein Schiff,« antwortete der General mit leiser Stimme.
»Ich habe es schon gestern gesehen,« antwortete Kapitän Gomez.
Er sah den Franzosen fragend an.
»Er hat bis jetzt Jagd auf uns gemacht,« sagte er dann dem General ins Ohr.
»Ich begreife nicht, warum er uns nicht schon eingeholt hat,« versetzte der alte Soldat, »denn er ist ein besserer Segler, als Ihr verwünschter Sankt Ferdinand.«
»Er wird Havarien erlitten oder Wasser übergenommen haben.«
»Er kommt auf,« rief der Franzose.
»Er ist ein kolumbischer Korsar,« sagte der Kapitän ihm ins Ohr. »Wir sind noch sechs Meilen von der Küste entfernt, und der Wind flaut ab.«
»Er fährt nicht -- er fliegt -- als wenn er wüßte, daß ihm in zwei Stunden seine Beute entschlüpft sein wird -- welche Tollkühnheit!«
»Der!« rief der Kapitän. »Ja, der heißt nicht umsonst der Othello. Er hat letztens eine spanische Fregatte in den Grund gebohrt und führt doch nur dreißig Kanonen. Ich habe die ganze Zeit über Angst vor ihm gehabt, denn ich wußte wohl, daß er in den Antillen kreuzte. Ah! ah!« fuhr er nach einer Pause fort, während deren er die Segel seines Schiffes beobachtet hatte, »der Wind frischt auf, wir werden unser Ziel erreichen. Das ist auch nötig, denn der Pariser würde kein Erbarmen kennen.«
»Aber auch er erreicht sein Ziel,« antwortete der Marquis.
Der »Othello« war nur noch drei Meilen entfernt. Obwohl die Mannschaft das Gespräch zwischen dem Marquis und Kapitän Gomez nicht mitangehört hatte, war doch die Mehrzahl der Matrosen und der Passagiere durch das Auftauchen dieses Segels nach der Stelle hingelockt worden, wo die beiden sich unterhielten. Aber alle hielten diese Brigg für ein Handelsschiff und betrachteten sie mit Interesse, als plötzlich ein Matrose in energischem Ton rief:
»Beim heiligen Jakob, wir sind des Todes! Das ist der Pariser Kapitän!«
Bei diesem schrecklichen Namen griff das Entsetzen im Schiff um sich, und eine Verwirrung entstand, die sich nicht beschreiben läßt. Der spanische Kapitän hielt durch seine Befehle noch eine Zeitlang seine Matrosen in Zucht und flößte ihnen Tatkraft ein. Er wollte um jeden Preis das Land erreichen und versuchte in aller Eile sämtliche hohen und niedrigen Leesegel auf Steuer- und auf Backbord zu hissen, um dem Winde alle Leinwand zu bieten, die seine Rahen trugen.
Aber diese Manöver waren nur mit großer Schwierigkeit auszuführen; es fehlte an der bewundernswerten Zusammenarbeit, die auf einem Kriegsschiff so sehr besticht. Obwohl der »Othello« wie eine Schwalbe segelte, dank der geschickten Stellung seiner Segel, so kam er doch anscheinend so wenig auf, daß die unglücklichen Franzosen sich einer holden Illusion hingaben. Als nach unerhörten Anstrengungen infolge gewandter Manöver, die Gomez durch Winke und Befehle angeordnet hatte, der »Sankt Ferdinand« von neuem schnell seinem Ziel näherkam, legte plötzlich der Steuermann durch eine falsche Bewegung des Ruders, die er wahrscheinlich mit Absicht machte, die Brigg quer. Nun von der Seite gefaßt, killten die Segel so heftig, daß sie back braßten. Die Klüverbäume brachen, und das Schiff kam völlig aus dem Kurs. Vor unaussprechlicher Wut wurde der Kapitän weißer als seine Segel. Mit einem Satz sprang er auf den Steuermann zu und stieß so wütend mit dem Dolche nach ihm, daß er denselben wohl verfehlte, doch ihn dabei ins Meer stürzte. Dann packte er selbst das Steuer und versuchte der schrecklichen Zügellosigkeit Herr zu werden, in die sein braves, mutiges Schiff versetzt worden war. Tränen der Verzweiflung traten ihm in die Augen; denn wenn wir durch einen Verrat um einen Erfolg gebracht werden, den unsere Fähigkeiten errungen haben würden, so schmerzt uns das tiefer als selbst ein drohendes Ende. Aber je mehr der Kapitän fluchte, um so weniger glückte ihm sein Vorhaben. Er schoß selbst die Alarmkanone ab, in der Hoffnung, von der Küste aus gehört zu werden.
In diesem Augenblick antwortete der Korsar mit einem Kanonenschuß, dessen Kugel zehn Klafter vom »Sankt Ferdinand« ins Wasser schlug.
»Donnerwetter!« rief der General. »Gut gezielt. Sie haben ausgezeichnete Karonaden.«
»O, der!« antwortete ein Matrose. »Sehen Sie, wenn der spricht, heißt's schweigen. Der Pariser würde sich vor einem englischen Kriegsschiff nicht fürchten.«
»Es ist nichts zu machen,« rief der Kapitän im Tone der Verzweiflung. Er hatte sein Fernrohr ans Auge gesetzt und keine Spur von Land unterscheiden können. »Wir sind noch weiter von Frankreich entfernt, als ich gedacht habe.«
»Warum wollen Sie verzagen?« versetzte der General. »Alle Ihre Passagiere sind Franzosen, und denen gehört die Fracht Ihres Schiffes. Dieser Korsar ist ein Pariser, sagen Sie? Nun wohl, hissen Sie den weißen Wimpel, und ...«
»Und er wird uns in den Grund bohren,« antwortete der Kapitän. »Was wird weiter geschehen, da ihm einmal darum zu tun ist, sich einer reichen Beute zu bemächtigen?«
»Ah! wenn er ein Seeräuber ist -- --«
»Seeräuber?« rief einer der Matrosen in wildem Tone. »Ha, er tritt immer manierlich auf, und es geht dabei alles ganz ordnungsgemäß her, wie es sich gehört.«
»Nun gut,« rief der General, die Augen zum Himmel aufschlagend, »ergeben wir uns.«
Er hatte noch Kraft genug, die Tränen zurückzuhalten.
Als er diese Worte beendet hatte, traf ein zweiter, besser gezielter Kanonenschuß das Hinterteil des »Sankt Ferdinand« und schlug ein Leck.
»Beidrehen!« befahl der Kapitän in traurigem Tone.
Und der Matrose, der der Anständigkeit des Parisers das Wort geredet hatte, betätigte sich in sehr geschickter Weise bei diesem verzweifelten Manöver.
Die Mannschaft wartete in tiefster Bestürzung eine tödliche halbe Stunde lang. Der »Sankt Ferdinand« führte vier Millionen Piaster, die das Vermögen von fünf Passagieren bildeten. Davon betrug das des Generals eine Million einhunderttausend Frank.
Der »Othello«, der noch um zehn Flintenschüsse entfernt war, zeigte jetzt deutlich die drohenden Mündungen von zwölf schußbereiten Kanonen. Er flog vor einem Winde hin, den der Teufel eigens für seine Segel blasen zu lassen schien; aber das Auge eines geschickten Seemanns konnte ohne Schwierigkeit das Geheimnis dieser Geschwindigkeit erkennen. Man brauchte nur einen Augenblick den schlanken, langgestreckten Bau der Brigg zu betrachten, ihre Schmalheit, die Höhe ihrer Masten, den Schnitt ihrer Segel, die bewundernswerte Leichtigkeit ihrer Takelage und die Flottheit, mit der alle ihre Leute, so einmütig, als wenn nur ein einziger Mensch dort tätig wäre, die weiße Fläche richteten und ordneten, die ihre Segel darboten.
Alles verriet eine unglaubliche Kraft und Sicherheit an diesem flinken Geschöpf aus Holz, das ebenso rasch, ebenso klug war wie ein Rennpferd oder ein Raubvogel. Die Mannschaft des Korsaren verhielt sich still und war bereit, falls sie auf Widerstand stoßen sollte, das arme Handelsschiff zu vernichten, das sich zu seinem Glück ganz ruhig verhielt, wie ein Schüler, den sein Lehrer über einer Dummheit ertappt hat.
»Wir haben Kanonen!« schrie der General und drückte dem spanischen Kapitän die Hand.
Der letztere warf dem alten Soldaten einen Blick voll Wut und Verzweiflung zu und sagte zu ihm:
»Und die Leute?«
Der Marquis betrachtete die Mannschaft des »Sankt Ferdinand«, und ihn schauderte. Die vier Handelsleute waren blaß und zitterten vor Angst; während die Matrosen sich um einen unter ihnen scharten und sich dem Anschein nach verabredeten, auf die Seite des »Othello« zu treten, denn sie sahen mit begehrlichen Blicken nach dem Korsaren hin. Der erste Maat, der Kapitän und der Marquis allein tauschten Blicke aus, die eine einmütige und tapfere Gesinnung verrieten.
»Ah, Kapitän Gomez, einstmals habe ich mit vor Kummer erstorbenem Herzen meinem Vaterland und meiner Familie Lebewohl gesagt. Soll ich sie auch nun nicht wiedersehen, wo ich eben meinen Kindern die Freude und das Glück bringen will?«
Der General drehte sich um und ließ eine Träne der Wut ins Meer fallen. Dabei erblickte er den Steuermann, der auf den Korsaren zuschwamm.
»Diesmal,« antwortete der Kapitän, »werden Sie ihm ohne Zweifel für alle Zeit Lebewohl sagen müssen.«
Der Franzose erschrak über den stumpfsinnigen Blick, den der Spanier ihm zuwarf. In diesem Augenblick waren die beiden Schiffe fast an Bord; und beim Anblick der feindlichen Mannschaft glaubte der General an die unselige Prophezeiung seines Kapitäns. Drei Mann standen an jedem Geschütz. Wenn man ihre athletische Haltung, ihre eckigen Züge, ihre nackten, sehnigen Arme sah, hätte man sie für Statuen von Bronze halten können. Sie wären im Tode noch auf ihrem Posten geblieben, ohne umzufallen. Die Matrosen, gut bewaffnet, standen unbeweglich da, aber man sah ihnen an, wie flink und gewandt sie sein konnten, sobald ein Befehl sie aus ihrer Starrheit erweckte. Alle diese energischen Gesichter waren stark von der Sonne verbrannt und von der Arbeit gehärtet. Ihre Augen leuchteten wie Feuerfunken und verrieten Tatkraft, Intelligenz und höllische Freude.
Die tiefe Stille, die auf diesem von Menschen und Hüten schwarzen Verdeck herrschte, zeugte für die unversöhnliche Disziplin, unter die ein gewaltiger Wille diese menschlichen Teufel gezwungen hatte. Der Anführer stand vor dem Hauptmast, ohne Waffen und mit gekreuzten Armen. Nur ein Beil lag ihm zu Füßen. Auf dem Kopfe trug er zum Schutze gegen die Sonne einen Filzhut mit breiter Krempe, dessen Schatten sein Gesicht verbarg. Gleich Hunden, die vor ihrem Herrn liegen, sahen Kanoniere, Soldaten und Matrosen abwechselnd auf den Kapitän und das Handelsschiff. Als die beiden Briggs zusammenstießen, erweckte die Erschütterung den Korsaren aus seiner Träumerei, und er sagte einem jungen Offizier, der zwei Schritt vor ihm stand, ein Wort ins Ohr.
»An die Enterhaken!« rief der Leutnant.
Und der »Sankt Ferdinand« wurde von dem »Othello« mit bewundernswerter Geschwindigkeit geentert. Gemäß den Befehlen, die der Korsar mit leiser Stimme erteilte und der Leutnant wiederholte, gingen die Leute, wie Seminaristen, wenn sie zur Messe gehen, an Bord der Prise, fesselten die Matrosen und Passagiere und bemächtigten sich der Schätze. In einem Augenblick waren die Tonnen voll Piastern, die Lebensmittel und die Mannschaft vom »Sankt Ferdinand« auf das Verdeck des »Othello« gebracht worden.
Der General glaubte im Banne eines Traumes zu stehn, als ihm die Hände gefesselt und er auf einen Ballen geworfen wurde, ganz als ob er selber nur ein Stück Ware sei. Eine Beratung fand zwischen dem Korsaren, dem Leutnant und einem Matrosen statt, der den Posten eines ersten Maats zu haben schien. Als die Unterredung, die nur kurze Zeit währte, zu Ende war, rief der Matrose durch einen Pfiff seine Leute herbei. Er erteilte ihnen einen Befehl, und sie sprangen alle auf den »Sankt Ferdinand«, kletterten am Tauwerk in die Höhe und begannen, das Schiff seiner Rahen, Segel und Takelage zu berauben, mit der gleichen Geschwindigkeit, mit der ein Soldat auf dem Schlachtfelde einen toten Kameraden entkleidet, dessen Schuhe und Mantel ihm begehrenswert erschienen sind.
»Wir sind verloren,« sagte zum Marquis der spanische Kapitän, der mit den Blicken die Gebärden der drei Anführer während ihrer Beratung und die Bewegungen der Matrosen verfolgt hatte, die die regelrechte Plünderung seiner Brigg vornahmen.
»Wieso?« fragte der General gelassen.
»Was denken Sie, was sie mit uns machen werden?« versetzte der Spanier. »Sie haben ohne Zweifel erkannt, daß sie den »Sankt Ferdinand« nicht gut in den Häfen von Frankreich und Spanien verkaufen können, und so wollen sie ihn nun versenken, um ihn los zu werden. Und was uns betrifft, glauben Sie, sie werden sich damit befassen, uns durchzufüttern, da sie nicht wissen, an welchem Hafen sie uns absetzen könnten?«
Kaum hatte der Kapitän diese Worte beendet, als der General ein entsetzliches Geschrei und den dumpfen Fall mehrerer Körper hörte, die man ins Meer warf. Er wandte sich um und sah die vier Handelsleute nicht mehr. Acht Kanoniere mit wilden Gesichtern standen noch mit in die Luft gereckten Armen da, als der Soldat mit Entsetzen zu ihnen hinsah.
»Habe ich's Ihnen nicht gesagt?« meinte der spanische Kapitän trocken.
Der Marquis erhob sich rasch. Das Meer war schon wieder ruhig geworden. Er sah nicht einmal mehr die Stelle, wo seine unglücklichen Gefährten verschwunden waren. Mit zusammengebundenen Händen und Füßen lagen sie wohl schon am Grunde der See, wenn nicht Haifische sie zerrissen hatten.