Die Frau von dreißig Jahren

Chapter 15

Chapter 153,709 wordsPublic domain

Der Gendarm bestieg bei diesen Worten sein Pferd, so daß er glücklicherweise nicht das Gesicht des Generals sehen konnte. Der Brigadier, gewohnt, überall auf der Lauer zu sein, hätte vielleicht Verdacht geschöpft beim Anblick dieses offenen Gesichts, das die Seelenregungen so getreu widerspiegelte.

»Kennt man den Namen des Mörders?« fragte der General.

»Nein,« antwortete der Reiter. »Er hat den Schreibtisch voll Gold und Banknoten gelassen, ohne etwas anzurühren.«

»Also ein Racheakt,« sagte der Marquis.

»Ah bah -- an einem alten Manne? -- Nein, nein, der Galgenvogel hat nur nicht Zeit gehabt, sein Werk zu vollenden.«

Und der Gendarm setzte seinen Kameraden nach, die schon in die Ferne sprengten. Der General stand eine Weile in einer Verblüffung da, die leicht begreiflich ist. Bald darauf hörte er seine Diener kommen; sie sprachen hitzig miteinander, und ihre Stimmen hallten laut auf der Montreuiler Straße. Sein Zorn suchte einen Vorwand, sich Luft zu machen, und entlud sich nun, als sie ankamen, wie ein Donnerschlag über ihren Häuptern. Seine Stimme hallte durch das Haus, daß es zitterte.

Als der Beherzteste und Gewandteste unter ihnen ihre Verspätung damit entschuldigte, daß sie am Eingang von Montreuil von Gendarmen und Polizisten aufgehalten worden seien, die einen Mörder gesucht hätten, beruhigte er sich plötzlich wieder und schwieg. Durch diese Ausrede an die Pflichten seiner sonderbaren Lage erinnert, befahl er kurzweg allen seinen Leuten, auf der Stelle schlafen zu gehen. Sie wunderten sich darüber, daß der Kammerdiener mit seiner Lüge so gut durchgekommen war.

Aber während dies sich im Hofe zutrug, hatte ein anscheinend ganz unbedeutender Vorfall die Lage der andern Personen, die in dieser Geschichte mitwirken, umgestaltet. Der Marquis war kaum hinausgegangen, als seine Frau abwechselnd den Mansardenschlüssel und ihre Tochter ansah und schließlich, sich zu ihrer Tochter neigend, mit leiser Stimme sagte:

»Helene, Dein Vater hat den Schlüssel auf dem Kaminsims liegen lassen.«

Das junge Mädchen hob erstaunt den Kopf und sah zaghaft die Mutter an, deren Augen vor Neugierde blitzten.

»Und -- was denn, Mama?« antwortete sie bestürzt.

»Ich möchte wissen, was dort oben vorgeht. Wenn jemand da ist, so hat er sich jedenfalls noch nicht gerührt. Geh hinauf ...«

»Ich?« fragte das junge Mädchen entsetzt.

»Fürchtest du dich?«

»Nein, Mama, aber ich habe den Schritt eines Mannes gehört.«

»Wenn ich selbst gehen könnte, würde ich dich nicht gebeten haben, hinaufzugehen, Helene,« versetzte die Mutter in einem Tone kalter Würde. »Wenn dein Vater wiederkäme und mich nicht fände, würde er mich vielleicht suchen. Dich wird er nicht vermissen.«

»Madame,« antwortete Helene, »wenn Sie es mir befehlen, so geh' ich -- aber ich werde die Achtung vor meinem Vater verlieren ...«

»Wie?« versetzte die Marquise in ironischem Tone. »Doch da du ernsthaft aufnimmst, was nur ein Scherz war, so gebiete ich dir jetzt, geh' hinauf und sieh nach, wer dort oben ist. Hier ist der Schlüssel, meine Tochter. Wenn dir dein Vater Schweigen über das, was in diesem Augenblick bei ihm vorgeht, auferlegt hat, so verbot er dir damit keineswegs, in dieses Zimmer zu gehen. Geh' und wisse, daß sich eine Tochter niemals ein Urteil über ihre Mutter erlauben darf ...«

Diese letzten Worte sprach die Marquise mit aller Strenge einer gekränkten Mutter, dann nahm sie den Schlüssel und gab ihn Helene, die sich ohne ein Wort erhob und den Salon verließ.

»Meine Mutter wird freilich seine Verzeihung zu erlangen wissen, aber ich werde meines Vaters Gunst für alle Zeit verscherzt haben. Will sie mich der Liebe berauben, die er für mich hat, will sie mich aus dem Hause jagen?«

Diese Gedanken gärten plötzlich in ihrem Geist, während sie ohne Licht den Korridor entlangschritt, an dessen Ende die Tür des geheimnisvollen Zimmers lag. Als sie dort ankam, waren ihre Begriffe in fast unheilvolle Verwirrung geraten. Die unklaren Ideen hatten mit einem Schlage tausend bisher in ihrem Herzen zurückgehaltenen Gefühlen freien Lauf gegeben. Sie glaubte vielleicht schon nicht mehr an eine glückliche Zukunft und verzweifelte nun in diesem Augenblick vollends an ihrem Leben.

Als sie den Schlüssel dem Schloß näherte, zitterte sie krampfhaft, und ihre Aufregung wurde so stark, daß sie einen Augenblick innehielt, um die Hand aufs Herz zu pressen, als hätte sie die Macht, das heftige, laute Pochen zu unterdrücken. Endlich machte sie die Tür auf. Der Mörder hatte ohne Zweifel auf das Kreischen der Angeln nicht geachtet. Obgleich sein Gehör sehr scharf war, blieb er regungslos, anscheinend in Gedanken verloren, stehen, wie an die Wand geklebt. Der Lichtkreis, den die Laterne warf, beleuchtete ihn matt, und er glich in diesem Helldunkel jenen finsteren Ritterstatuen, die, immer in aufrechter Haltung, an den Ecken schwarzer Gräber über gotischen Kapellen stehen.

Perlen kalten Schweißes standen auf seiner gelben, breiten Stirn. Eine unglaubliche Kühnheit erleuchtete das heftig zusammengezogene Gesicht. Seine starren, trockenen Augen glühten und schienen über einen Kampf in dem Dunkel, das vor ihm lag, nachzusinnen. Stürmische Gedanken jagten schnell über dieses Gesicht hin, dessen fester, entschlossener Ausdruck auf eine Seele höherer Art deutete. Sein Körper, seine Haltung, seine Größenverhältnisse stimmten mit diesem wilden Geist überein.

Dieser Mann war ganz Kraft und Gewalt, und er spähte in die Finsternis, als erblickte er darin das deutliche Abbild seiner Zukunft. Der General, gewohnt, die energischen Gesichter der Riesen zu sehen, die sich um Napoleon drängten, und überdies von einer berechtigten Neugierde beherrscht, hatte auf das eigentümliche Äußere dieses Mannes kaum geachtet; aber Helene, die, wie alle Frauen, äußeren Eindrücken sehr zugänglich war, fühlte sich sogleich durch die Mischung von Licht und Schatten, von Grandiosem und Leidenschaft, von einem poetischen Chaos gefesselt, das dem Unbekannten das Aussehen des sich von seinem Fall erhebenden Luzifers verlieh.

Plötzlich folgte dem Sturm, der sich auf seinem Antlitz malte, wie durch Zauber die Ruhe, und eine unerklärliche Macht, für die der Fremde, vielleicht ohne sich dessen selbst bewußt zu sein, Quelle und Gegenstand zugleich war, breitete sich mit der Geschwindigkeit der Überflutung um ihn her aus. Eine Sturzwelle von Gedanken schien von seiner Stirn hinwegzuströmen, als nun seine Züge ihre natürliche Form wiedergewannen.

Das junge Mädchen, bezaubert von der Seltsamkeit dieser Begegnung und von dem Geheimnis, in das sie drang, konnte nun ein sanftes, interessantes Gesicht bewundern. Sie stand eine Zeitlang in magischem Schweigen da, von Regungen erfüllt, die bisher ihre junge Seele nicht gekannt hatte. Doch bald darauf -- ob nun Helene unwillkürlich einen Ausruf getan, eine Bewegung gemacht, oder ob der Mörder, von der Gedankenwelt zur wahren Welt zurückkehrend, außer seinem eigenen Atemzug noch einen andern gehört hatte -- drehte er plötzlich den Kopf der Tochter seines Wirtes zu und sah undeutlich im Schatten die hohe Gestalt und die majestätischen Formen eines Geschöpfes, das er für einen Engel halten mußte, als er es so unbeweglich und undeutlich wie eine Erscheinung dastehen sah.

»Herr,« sagte sie mit bebender Stimme.

Der Mörder zitterte.

»Ein Weib!« rief er in sanftem Tone. »Ist's möglich? Entfernen Sie sich,« fuhr er fort, »ich gestehe niemand das Recht zu, mich anzuklagen, mich freizusprechen oder zu verurteilen. Ich muß für mich allein leben. Gehen Sie, mein Kind,« setzte er hinzu, mit einer überlegenen, herrischen Handbewegung, »ich würde den Dienst, den der Herr dieses Hauses mir erwiesen hat, schlecht vergelten, wenn ich eine einzige der Personen, die es bewohnen, die gleiche Luft mit mir atmen ließe. Ich muß mich den Gesetzen der Welt unterwerfen.«

Dieser letzte Satz wurde mit leiser Stimme gesprochen. Indem er das ganze Elend, das dieser schwermütige Gedanke in sich schloß, sich vor seines Geistes Auge zu rufen schien, warf er auf Helene einen schlangenartigen Blick und wirbelte damit im Herzen dieses seltsamen jungen Mädchens eine Welt von Gedanken auf, die bisher darin geschlummert hatten. Es war wie ein Licht, das unbekannte Länder erleuchtet. Ihre Seele wurde zu Boden gedrückt und unterjocht, ohne daß sie die Kraft fand, sich gegen die magnetische Gewalt dieses Blickes zu wehren, so zufällig er auch auf sie gerichtet schien.

Beschämt und zitternd, ging sie und kehrte in den Salon zurück. Da im nächsten Augenblick auch der Vater hereintrat, so konnte sie ihrer Mutter nichts sagen.

Der General, ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, schritt schweigend auf und ab. Mit gekreuzten Armen ging er in militärischem Takt von den Fenstern, die auf die Straße hinausführten, bis zu den Gartenfenstern, und wieder zurück. Seine Frau betrachtete den schlafenden Abel. Moina, die auf dem Sessel lag, wie ein Vogel in seinem Nest, schlummerte sorglos. Die ältere Schwester hielt ein Knäuel Seide in der einen, eine Nadel in der andern Hand und starrte ins Feuer.

Das Schweigen, das im Salon draußen und im ganzen Hause herrschte, wurde nur durch die schleppenden Schritte der Dienstboten unterbrochen, die einer nach dem andern schlafen gingen, durch ein unterdrücktes Lachen, ein letztes Echo ihrer Freude und des Hochzeitsfestes, dann durch die Türen ihrer Kammern, die sie, miteinander sprechend, öffneten und gleich darauf schlossen. Einige dumpfe Geräusche schallten auch noch um die Betten her. Ein Stuhl fiel um. Das Husten eines alten Kutschers erklang leise und verstummte.

Aber bald herrschte überall die düstere Majestät, die um Mitternacht über der entschlafenen Natur liegt. Nur die Sterne funkelten. Frost hatte die Erde gepackt. Kein Wesen sprach, nichts regte sich. Nur das Feuer brauste und machte, daß die tiefe Stille nur noch tiefer erschien. Die Uhr in Montreuil schlug eins. In diesem Augenblick hallten äußerst leichte Schritte im Oberstock.

Der Marquis und seine Tochter glaubten bestimmt, den Mörder des Herrn de Mauny eingeschlossen zu haben, schrieben dieses Geräusch einer der Frauen zu und wunderten sich nicht weiter, als sie die Tür des vor dem Salon liegenden Zimmers aufgehen hörten.

Plötzlich erschien der Mörder unter ihnen. Die Verblüffung des Marquis, die lebhafte Neugierde der Mutter und das Erstaunen der Tochter erlaubten ihm, bis in die Mitte des Salons vorzutreten, und in einer seltsam ruhigen und klangvollen Stimme zum General zu sagen:

»Herr, die zwei Stunden gehen zu Ende.«

»Sie hier!« rief der General. »Wie haben Sie es vermocht -- --?«

Und mit einem furchtbaren Blick fragte er seine Frau und seine Kinder. Helene wurde rot wie das Feuer.

»Sie,« fuhr der General in bebendem Tone fort, »Sie mitten unter uns! Ein mit Blut bedeckter Mörder hier! Sie beschmutzen dieses Bild! Fort, fort!« setzte er in wütendem Tone hinzu.

Bei dem Wort Mörder stieß die Marquise einen Schrei aus. Für Helene aber schien es die Entscheidung des Lebens herbeizuführen, ihr Gesicht verriet nicht das geringste Erstaunen. Sie schien diesen Menschen erwartet zu haben. Allen ihren weiten Gedanken wohnte nur ein Sinn inne. Die Strafe, die der Himmel ihr für ihre Fehler vorbehalten hatte, brach herein. Das junge Mädchen hielt sich für ebenso verbrecherisch, wie dieser Mann es war, und sah ihn nun heiteren Auges an. Sie war seine Gefährtin, seine Schwester. Nach ihrer Überzeugung offenbarte sich ein Gebot Gottes in diesem Zufall. Einige Jahre später hätte eine reifere Vernunft sie über das Wesen ihrer Gewissensbisse besser aufgeklärt; jetzt aber beraubten sie sie aller Besinnung. Der Fremde blieb unbeweglich und kalt stehen. Ein verächtliches Lächeln lag auf seinen Zügen und auf seinen vollen, roten Lippen.

»Sie erkennen schlecht den Edelsinn an, den ich in meinem Verhalten gegen Sie beobachtet habe,« sagte er langsam. »Ich habe das Glas, darin Sie mir Wasser reichten, meinen Durst zu stillen, nicht mit den Händen berühren wollen. Ich habe nicht einmal daran gedacht, meine blutenden Hände unter Ihrem Dach zu waschen, und wenn ich es verlasse, dann bleibt von meinem Verbrechen« -- bei diesen Worten zogen sich seine Lippen zusammen -- »nichts hier, als der Gedanke daran. Ich habe dieses Haus gestreift und lasse keine Spur zurück. Ich habe nicht einmal Ihrer Tochter erlaubt --«

»Meine Tochter!« rief der General und warf einen Blick des Entsetzens auf Helene. »Ha, Unglückseliger, geh' oder ich bringe dich um!«

»Die zwei Stunden sind noch nicht verflossen. Sie können mich weder töten noch ausliefern, ohne die Achtung vor sich selbst zu verlieren -- und auch die meine.«

Bei diesem letzten Worte versuchte der verblüffte Soldat den Verbrecher anzusehen; aber er mußte die Augen niederschlagen, er fühlte sich nicht imstande, das unerträgliche Feuer eines Blickes auszuhalten, der ihn zum zweitenmal in innerster Seele verwirrte. Als er erkannte, daß seine Willenskraft abermals schwach wurde, fürchtete er, wiederum weichen Stimmungen nachzugeben.

»Einen Greis zu ermorden! Sie können nie etwas von Familienleben kennen gelernt haben?« sprach er zu ihm und wies mit einer patriarchalischen Gebärde auf Frau und Kinder.

»Ja, einen Greis!« wiederholte der Unbekannte, leicht die Stirn runzelnd.

»Fliehen Sie!« rief der General, doch noch immer wagte er es nicht, den Blick zu seinem Gast zu erheben. »Ich werde Sie nicht töten. Nein, ich werde mich nie zum Geschäftsführer des Schafotts hergeben. Aber gehen Sie -- Sie flößen uns Abscheu ein.«

»Das weiß ich,« antwortete der Verbrecher resigniert. »In Frankreich gibt es kein Fleckchen Erde mehr, darauf ich in Sicherheit den Fuß setzen könnte. Aber wenn die Gerechtigkeit im Sinne Gottes die besondern Fälle zu beurteilen wüßte, wenn sie sich herabließe, zu erforschen, wer von beiden das eigentliche Ungeheuer ist, der Mörder oder sein Opfer, dann würde ich mit Stolz unter den Menschen bleiben. Können Sie sich nicht denken, welche Verbrechen ein Mensch begangen haben muß, ehe er von einem andern Menschen mit dem Beil niedergeschlagen wird? Ich habe mich zum Richter und Henker aufgeworfen, ich habe die ohnmächtige menschliche Gerechtigkeit ergänzt. Das ist mein Verbrechen. Adieu, Herr! Trotz der Bitternis, mit der Sie Ihre Gastfreundschaft vermischt haben, werde ich deren gedenken. In meiner Brust wird gegen einen Menschen auf dieser Erde allzeit ein dankbares Gefühl wohnen, und dieser eine Mensch sind Sie ... Aber ich hätte doch gewünscht, Sie wären edelmütiger gewesen.«

Er ging auf die Tür zu. In diesem Augenblick neigte sich das junge Mädchen zu ihrer Mutter und sagte ihr ein Wort ins Ohr.

»Ah ...!«

Der General erschrak über den Schrei, der seiner Frau entfuhr, so heftig, als hätte er Moina tot gesehen. Helene stand hochaufgerichtet da, und der Mörder war unwillkürlich umgekehrt, und auf sein Gesicht trat der Ausdruck einer gewissen Sorge um diese Familie.

»Was haben Sie, liebe Frau?« fragte der Marquis.

»Helene will mit ihm gehen,« sagte sie.

Der Mörder errötete.

»Da meine Mutter so schlecht einen fast unwillkürlichen Ausruf auslegt,« sagte Helene mit leiser Stimme, »so werde ich zur Tat machen, was sie im Herzen wünscht.«

Nachdem das junge Mädchen einen stolzen, fast wilden Blick um sich her geworfen hatte, senkte sie die Augen und stand in einer bewundernswerten Haltung der Bescheidenheit da.

»Helene,« sagte der General, »du bist in die Kammer hinaufgegangen, in die ich diesen Menschen gebracht hatte --?«

»Ja, mein Vater.«

»Helene,« fragte er mit einer von heftigem Zittern entstellten Stimme, »ist es das erstemal, daß du diesen Menschen gesehen hast?«

»Ja, mein Vater.«

»Dann ist es unnatürlich, daß du die Absicht hast ...«

»Wenn es unnatürlich ist, so ist es doch wenigstens wahr, mein Vater.«

»Ha, meine Tochter,« sagte die Marquise mit leiser Stimme, doch so, daß ihr Mann es hörte, »Helene, du verleugnest alle Grundsätze der Ehre, der Bescheidenheit, der Tugend, die ich in deinem Herzen zu entwickeln versucht habe. Wenn du bis zu dieser unseligen Stunde nie anders als verlogen gewesen bist, dann bist du nicht zu bedauern. Ist es die moralische Verkommenheit dieses Unbekannten, die dich verlockt? Wäre es die Gewalt, die allen Menschen zu eigen sein muß, die ein Verbrechen begehen -- --? Ich achte dich immer noch zu sehr, als daß ich glauben könnte --«

»O, glauben Sie immerhin alles, Madame,« antwortete Helene in kaltem Tone.

Aber trotz der Charakterstärke, die sie in diesem Augenblick bewies, vermochte das Feuer ihrer Augen kaum die Tränen aufzuzehren, die ihr dieselben füllten. Der Fremde erriet aus diesen Tränen des jungen Mädchens, was die Mutter gesprochen hatte und warf den Blick eines Adlers auf die Marquise, die, durch eine unwiderstehliche Macht gezwungen, diesen schrecklichen Verführer ansah.

Als die Augen dieser Frau den hellen, leuchtenden Augen dieses Mannes begegneten, empfand sie in tiefster Seele einen Schauer, ähnlich dem Grausen, das uns beim Anblick eines Reptils befällt -- ähnlich den Schlägen, die uns bei Berührung einer Leydener Flasche durchzucken.

»Mann,« rief sie ihrem Gatten zu, »es ist der Teufel! Er errät alles --«

Der General erhob sich, um nach einer Klingelschnur zu greifen.

»Er stürzt Sie ins Verderben,« sagte Helene zu dem Mörder.

Der Unbekannte lächelte, tat einen Schritt, hielt den Marquis beim Arm fest, zwang ihn, einen Blick auszuhalten, der ihn betäubte, und raubte ihm so alle Willenskraft.

»Ich werde Ihnen Ihre Gastfreundschaft lohnen,« sagte er, »damit werden wir quitt sein. Ich werde Ihnen eine ehrlose Handlung ersparen, indem ich mich selbst ausliefere. Was soll ich schließlich noch im Leben beginnen?«

»Sie können bereuen,« antwortete Helene und sah ihn mit einem jener hoffnungsvollen Blicke an, die nur in den Augen von jungen Mädchen aufleuchten können.

»Ich werde nie bereuen,« versetzte der Mörder mit tiefer Stimme und warf stolz den Kopf zurück.

»Seine Hände sind mit Blut befleckt,« sagte der Vater zu seiner Tochter.

»Ich werde sie abwischen,« erwiderte sie.

»Aber,« fuhr der General fort, doch wagte er nicht, bei diesen Worten gleichzeitig auf den Unbekannten hinzuzeigen, »weißt du denn auch, ob er dich überhaupt haben will?«

Der Mörder schritt auf Helene zu, deren Schönheit, so keusch sie auch war, und so sehr sie sich zu beherrschen wußte, von einer innern Glut erstrahlte, deren Widerschein die kleinsten Züge und zartesten Linien färbte und sozusagen hervortreten ließ. Nachdem er nun auf dieses entzückende Geschöpf einen sanften Blick geworfen hatte, dessen Feuer jedoch noch immer furchtbar war, sagte er im Tone tiefer Ergriffenheit:

»Zum Zeichen, daß ich Sie um Ihrer selbst willen liebe und keinen Vorteil aus ihrer Leidenschaft für mich selbst ziehen will -- zum Zeichen, daß ich die zwei Stunden Leben, die Ihr Vater mir gewährt hat, zu bezahlen weiß -- zum Zeichen dessen weise ich Ihr Opfer, Ihre Hingebung zurück.«

»Auch Sie stoßen mich von sich!« rief Helene in herzzerreißendem Tone. »Dann lebt wohl, ihr alle. Ich gehe in den Tod!«

»Was bedeutet denn das?« fragten Vater und Mutter in gleichem Atem.

Helene schwieg und senkte die Augen, nachdem sie die Marquise mit einem vielsagenden Blick forschend angesehen hatte. Seit dem Augenblick, wo der General und seine Frau versucht hatten, durch Wort oder Handlung das seltsame Vorrecht anzugreifen, das der Unbekannte sich anmaßte, indem er in ihrer Mitte blieb, und seit dieser letztere das betäubende Licht, das seinen Augen entströmte, voll auf sie gerichtet hatte, befanden sich beide im Banne eines unerklärlichen Zaubers; alle Vernunft war in Fesseln geschlagen und war nicht imstande, die übernatürliche Macht zurückzustoßen, unter der sie zusammenbrachen.

Die Luft dünkte sie jetzt schwer und dick, und sie atmeten mühsam. Dabei vermochten sie nichts gegen den zu sagen, der sie so im Zaume hielt, obwohl eine innere Stimme ihnen deutlich sagte, der zauberhafte Mensch allein sei der Urquell ihrer Ohnmacht. In diesem geistigen Todeskampfe erkannte der General dennoch, daß seine Bemühungen sich jetzt nur darauf richten müßten, auf die schwankende Vernunft seines Kindes einzuwirken. Er nahm Helene um den Leib und trug sie in eine Fensternische. Hier war sie dem Mörder fern.

»Mein geliebtes Kind,« sagte er mit leiser Stimme zu ihr, »wenn eine seltsame Liebe plötzlich in deinem Herzen entstanden ist, so haben mir dein Herz, dein Leben voll Unschuld, deine reine, fromme Seele so viel Beweise deines Charakters gegeben, daß ich unmöglich glauben kann, es fehle dir nun an der nötigen Energie, eine Regung des Wahnwitzes zu bezähmen. Wenn du trotzdem daran festhältst, so steckt eben ein Geheimnis dahinter. Nun, mein Herz ist ein Herz voll Duldsamkeit, du kannst ihm alles anvertrauen. Und wenn du es zerrissest, mein Kind, so würde ich den Kummer still in mir tragen und über dein Bekenntnis ein unverbrüchliches Schweigen bewahren. Sprich, bist du etwa eifersüchtig auf unsere Liebe zu deinen Brüdern und deiner jüngeren Schwester? Hast du Liebeskummer? Fühlst du dich hier unglücklich? Sprich, erkläre mir die Gründe, die dich dazu treiben, deiner Familie den Rücken zu kehren, ihr ihren größten Schatz zu rauben, deine Mutter, deine Brüder, deine kleine Schwester zu verlassen?«

»Mein Vater,« antwortete sie, »ich bin weder eifersüchtig, noch in jemand verliebt, nicht einmal in Ihren Freund, den Diplomaten, Herrn de Vandenesse.«

Die Marquise erbleichte, und ihre Tochter, die das bemerkte, hielt inne.

»Muß ich nicht früher oder später sowieso unter dem Schutze eines Mannes leben?«

»Das ist wohl wahr.«

»Wissen wir jemals,« fuhr sie fort, »an was für ein Wesen wir unser Schicksal knüpfen? Ich -- ich glaube an diesen Mann.«

»Kind,« sagte der General, die Stimme erhebend, »du bedenkst nicht, was alles für Leiden auf dich einstürmen werden!«

»Ich denke an sein Leid.«

»Was für ein Leben wird deiner harren?« rief der Vater.

»Ein Frauenleben,« antwortete die Tochter leise.

»Du bist ja schon sehr klug,« rief die Marquise, die Sprache wiederfindend.

»Madame, die Fragen schreiben mir die Antworten vor; aber wenn Sie es wünschen, so werde ich deutlicher reden.«

»Sagen Sie alles, meine Tochter -- ich bin Mutter.«

Die Tochter sah die Mutter an, und die Mutter änderte ihren Ton.

»Helene, ich werde Ihre Vorwürfe auf mich nehmen, wenn Sie welche gegen mich zu erheben haben. Das soll mir lieber sein, als Sie mit einem Menschen gehen zu sehen, den alle Welt mit Abscheu flieht.«

»Sie sehen somit selbst, Madame, ohne mich würde er ganz allein sein.«

»Genug, Madame!« rief der General. »Wir haben fortan nur noch eine Tochter.«

Und er sah Moina an, die noch immer schlief.

»Dich werde ich in ein Kloster bringen,« setzte er hinzu, sich zu Helene wendend.

»Meinetwegen, mein Vater,« antwortete sie mit der Ruhe der Verzweiflung. »So werde ich dort sterben. Sie haben für mein Leben und für _seine_ Seele ja nur Gott Rechenschaft abzulegen.«

Ein tiefes Schweigen folgte plötzlich auf diese Worte. Es war ein Auftritt, der alle alltäglichen Begriffe des Lebens über den Haufen warf, und die daran Beteiligten wagten nicht, einander anzusehen. Plötzlich erblickte der Marquis seine Pistolen, ergriff eine, lud sie schnell und richtete sie auf den Fremden. Bei dem Geräusch, das der Hahn machte, drehte der Mann sich um und heftete seinen ruhigen, durchdringenden Blick auf den General.

Von einer unüberwindlichen Schwäche befallen, sank der Arm des alten Soldaten herab, und die Pistole fiel auf den Teppich.

»Meine Tochter,« sagte nun der Vater und gab den entsetzlichen Kampf auf, »du bist frei. Küsse deine Mutter, wenn sie damit einverstanden ist. Was mich betrifft, ich will von dir nichts mehr sehen und hören ...«

»Helene,« sagte die Mutter zu dem jungen Mädchen, »bedenke doch, du wirst im Elend leben --!«

Ein Röcheln, das aus der breiten Brust des Mörders drang, lenkte ihren Blick auf diesen. Ein Ausdruck der Verachtung war auf seinem Antlitz zu lesen.