Die Frau von dreißig Jahren

Chapter 10

Chapter 103,620 wordsPublic domain

Nichtsdestoweniger entfaltete er die Ausdauer des Apostels und kam mehrmals wieder, immer von der Hoffnung hingeführt, diese so edle, stolze Seele zu Gott zu bekehren; aber an dem Tage, wo er erkannte, daß die Marquise nur deshalb gern mit ihm plauderte, weil es ihr wohltat, von dem verlorenen Geliebten zu sprechen, da gab er es auf. Er wollte sein Amt nicht dadurch herabsetzen, daß er sich zum Gelegenheitsmacher für schlummernde Leidenschaften hergab. Er stellte diese Gespräche ein und bahnte allmählich einen förmlichen Verkehr an, wo dann nur von alltäglichen Dingen gesprochen wurde.

Der Frühling kam heran. Die Marquise fand Zerstreuungen in ihrer tiefen Traurigkeit und beschäftigte sich, da sie sonst nichts zu tun hatte, mit ihrem Grund und Boden, wo sie einige Arbeiten anzuordnen beliebte.

Im Monat Oktober verließ sie ihr altes Schloß Saint-Lange, wo sie wieder frisch und schön geworden war im Müßiggang eines Schmerzes, der, zuerst heftig, wie ein kraftvoll geworfener Diskus, schließlich in Melancholie erloschen war, wie der Diskus nach allmählich schwächer werdenden Schwingungen zu fliegen aufhört. Die Melancholie besteht aus einer Reihe ähnlicher seelischer Schwingungen, deren erste an die Verzweiflung, deren letzte an das Vergnügen stößt; in der Jugend ist sie die Morgendämmerung -- im Alter das Abendrot.

Als ihre Kalesche durch das Dorf fuhr, empfing die Marquise den Gruß des Pfarrers, der aus der Kirche kam und in die Pfarre ging; aber als sie den Gruß erwiderte, schlug sie die Augen nieder und wandte den Kopf zur Seite, um ihn nicht wiederzusehen.

Der Priester hatte nur zu sehr recht gehabt gegen diese arme Diana von Ephesus.

3. Kapitel.

Mit dreißig Jahren.

Ein junger Mann von großen Hoffnungen -- ein Sproß eines jener historischen Geschlechter, deren Namen immer, selbst den Gesetzen zum Trotz, eng mit dem Ruhme Frankreichs verknüpft sein werden, befand sich auf dem Ball bei Madame Firmiani. Diese Dame hatte ihm Empfehlungsbriefe an einige ihrer Freundinnen in Neapel mitgegeben. Herr Karl de Vandenesse -- so hieß der junge Mann -- kam, um sich dafür zu bedanken und Abschied zu nehmen. Nachdem Vandenesse mehrere Missionen mit Talent erfüllt hatte, war er in letzter Zeit einem unserer bevollmächtigten Minister attachiert worden, der auf den Kongreß von Laibach entsendet wurde. Diese Reise wollte er gleich dazu benutzen, Italien kennen zu lernen.

Dieses Fest war also gewissermaßen ein Abschied von den Genüssen der Stadt Paris, vor diesem schnellen Leben, diesem Wirbel von Gedanken und Vergnügungen, den man so oft verwünscht und dem sich hinzugeben doch so süß ist. Karl de Vandenesse war seit drei Jahren gewöhnt, die europäischen Hauptstädte zu betreten und zu verlassen, wie die Launen seines diplomatischen Berufs es mit sich brachten. Wenn er nun Paris verlassen mußte, so brauchte ihm das nicht weiter leid zu tun. Die Frauen machten gar keinen Eindruck mehr auf ihn: vielleicht weil er der Meinung war, eine echte Leidenschaft würde im Leben eines Mannes, der im Staatsdienst stand, zu viel Raum einnehmen; vielleicht erschien ihm auch das läppische Treiben einer oberflächlichen Galanterie zu leer für eine starke Seele. Wir erheben ja alle hohe Ansprüche auf Seelenstärke. In Frankreich ist kein Mensch, sei er auch mittelmäßig, damit einverstanden, bloß für geistreich zu gelten. So hatte auch Karl trotz seiner Jugend -- er war kaum dreißig Jahre alt -- schon die philosophische Gewohnheit angenommen, Begriffe, Ergebnisse, Absichten ins Auge zu fassen, wo Männer seines Alters nur Gefühle, Freuden, Hirngespinste sehen. Er drängte die Wärme und Überschwenglichkeit, die jungen Leuten natürlich ist, in die Tiefen seiner von Natur edelmütigen Seele zurück. Er strebte danach, einen kalt berechnenden Menschen aus sich zu machen, die moralischen Reichtümer, die der Zufall ihm in die Hände gegeben hatte, zu Manieren, liebenswürdigen Formen, verführerischen Kunstgriffen umzuwandeln: die echte Methode des Ehrgeizigen. Dieses traurige Spiel wird in der Regel nur zu dem Zwecke unternommen, um das zu erlangen, was wir heutzutage »eine schöne Position« nennen.

Er warf einen letzten Blick auf die Säle, wo getanzt wurde. Bevor er den Ball verließ, wollte er ohne Zweifel noch ein Bild davon mit hinwegnehmen, wie ein Zuschauer die Loge in der Oper nicht verläßt, ohne das Schlußbild anzuschauen. Es war ja auch eine leicht verständliche Laune, daß Herr de Vandenesse nun dieses echt französische Treiben, den Prunk und die lachenden Gesichter dieses Pariser Festes betrachtete. Er stellte es im Geist neben die neuen Erscheinungen, die malerischen Szenen, die in Neapel seiner harrten, wo er einige Tage zu verbringen vorhatte, ehe er sich auf seinen Posten begeben wollte.

Er schien das wechselvolle und doch so bald ausstudierte Frankreich mit dem Lande zu vergleichen, dessen Sitten und Gebräuche ihm nur aus widersprechenden Urteilen oder aus zum größten Teil schlecht gemachten Büchern bekannt waren. Einige ziemlich poetische, aber heute recht alltäglich gewordene Betrachtungen gingen ihm da durch den Kopf und entsprachen -- vielleicht ohne daß er sich dessen bewußt war -- den geheimen Wünschen seines Herzens. Denn das war im Grunde nicht blasiert, sondern stellte noch immer seine Anforderungen -- es war nicht abgestumpft, sondern eigentlich nur unbetätigt.

»Das sind,« sagte er zu sich selbst, »die elegantesten, die reichsten Frauen von Paris, mit den höchsten Titeln. Hier sind die Berühmtheiten des Tages, die Größen vom Parlament, aus der Aristokratie und aus der Literatur. Dort Künstler, hier Staatsmänner. Und doch sehe ich nur kleinliche Intrigen, totgeborene Liebschaften, nichtssagendes Lächeln, grundlosen Dünkel, erloschene Blicke, viel Geist, der aber zwecklos verschwendet wird. Alle diese weißen und rosigen Gesichter suchen weniger die Freude als die Zerstreuung. Keine Regung ist wahr. Wer weiter nichts haben will als hübsch angeordneten Putz, frische Spitzen, hübsche Toiletten, überzarte Weiber, wem das Leben nichts weiter ist als eine Fläche, über die er flüchtig hinstreifen will, für den ist das hier die richtige Welt. Dann muß man sich eben mit diesen inhaltslosen Phrasen, mit diesen entzückenden Fratzen begnügen -- Gefühl im Herzen darf man nicht verlangen. Ich meines Teils hege einen Abscheu vor diesen platten Intrigen, deren Ende immer eine Heirat, eine Unterpräfektur, eine Generalpächterstelle ist, und wenn sich's um Liebe handelt, so sind heimliche Abmachungen das Ende -- so ist jeder Anschein von Leidenschaften verpönt. Unter diesen beredten Gesichtern verrät nicht ein einziges eine Seele, die einen Begriff wie etwa die Reue kennt. Hier verbirgt sich der Kummer oder das Unglück ängstlich unter allerlei Scherzen. Unter diesen Frauen bemerke ich keine, mit der ich gern ringen würde, von der ich mich in einen Abgrund hineinreißen lassen könnte. Wo in Paris ist Energie zu finden? Ein Dolch ist eine Kuriosität, die man an einem vergoldeten Nagel aufhängt, zu der man ein hübsches Futteral machen läßt. Weiber, Gedanken, Gefühle, alles ist sich gleich. Es gibt keine Leidenschaften mehr, weil die Individualitäten verschwunden sind. Rang, Geist und Vermögen sind gleichgemacht worden, und wir haben uns alle in den schwarzen Frack geworfen, um das tote Frankreich zu betrauern. Menschen, die uns gleichen, lieben wir aber nicht. Zwischen zweien, die sich lieben sollen, müssen Verschiedenheiten auszugleichen, Zwischenräume auszufüllen sein. Dieser Reiz der Liebe ist 1789 verschwunden. Unser Überdruß, unsere faden Sitten sind das Ergebnis des politischen Systems. In Italien wenigstens ist das alles anders. Dort sind die Weiber noch bösartige Tiere, gefährliche Sirenen ohne Vernunft, ihre Lüste, ihre Begierden sind ihre einzige Logik. Man muß sich vor ihnen in acht nehmen wie vor Tigern.«

Frau Firmiani unterbrach ihn in diesem Selbstgespräch, dessen tausend widerspruchsvolle, unvollendete, verworrene Gedanken sich nicht wiedergeben lassen. Das Gute an einer Träumerei liegt durchaus in ihrer Unklarheit -- ist sie nicht eine Art intellektuellen Nebels?

»Ich will,« sagte sie zu ihm und nahm seinen Arm, »Sie einer Frau vorstellen, die nach allem, was sie von Ihnen gehört hat, Sie unbedingt kennen zu lernen wünscht.«

Sie führte ihn in einen Salon nebenan, wo sie mit einem Wink, einem Lächeln und einem Blick von echt pariserischer Art auf eine in der Kaminecke sitzende Dame zeigte.

»Wer ist das?« fragte Graf de Vandenesse lebhaft.

»Eine Frau, von der Sie sich gewiß schon mehrmals unterhalten haben, um sie zu loben oder zu schmähen -- eine Frau, die in Einsamkeit lebt -- ein wahrhaft geheimnisvolles Wesen.«

»Wenn Sie jemals in Ihrem Leben barmherzig gewesen sind, so nennen Sie mir den Namen der Dame!«

»Marquise d'Aiglemont.«

»Ich werde Unterricht bei ihr nehmen. Sie hat es verstanden, aus einem recht mittelmäßigen Gatten einen Pair von Frankreich, aus einer Null von Menschen eine politische Kapazität zu machen. Aber sagen Sie mir, glauben Sie, daß Lord Grenville für sie gestorben sei, wie einige Frauen behauptet haben?«

»Vielleicht. Seit diesem Abenteuer, ob es nun falsch oder wahr ist, hat diese arme Frau sich völlig verändert. Sie ist noch nicht wieder in die Welt zurückgekehrt. Eine vierjährige Treue -- das will schon was heißen in Paris. Wenn Sie sie hier sehen ...«

Frau Firmiani hielt inne, dann setzte sie mit schlauer Miene hinzu: »Ich vergesse, ich muß schweigen. Plaudern Sie mit ihr.«

Karl blieb einen Augenblick regungslos stehen, leicht gegen die Türverkleidung gelehnt. Unverwandt betrachtete er die Frau, die zur Berühmtheit geworden war, ohne daß jemand die Gründe erklären konnte, auf denen ihr Ruf beruhte. Die Welt weist viele solcher seltsamen Anomalien auf. Der Ruhm der Frau d'Aiglemont war sicherlich nicht größer als der gewisser Männer, die immer an einem unbekannten Werke arbeiten: Statistiker, die man für gelehrt hält auf Grund von Berechnungen, die zu veröffentlichen sie sich wohl hüten; Politiker, die von einem Zeitungsartikel leben; Schriftsteller oder Künstler, deren Werk immer in der Mappe bleibt; Gelehrte, die aber nur bei denen dafür gelten, die selbst nichts von Wissenschaft verstehen, wie etwa Sganarelle ein Lateiner ist in den Augen derer, die nicht Lateinisch können; Männer, denen man in einem bestimmten Punkte ein unbestrittenes Talent zuschreibt, sei es in der Verwaltung der Künste, sei es in irgendeiner wichtigen Mission.

Das wunderbare Wort: »Er ist eine Spezialität,« ist, wie es scheint, für diese Arten von politischen oder literarischen Strohköpfen erfunden worden.

Karl verharrte länger, als er eigentlich wollte, in Betrachtungen, und war mit sich selbst unzufrieden, daß er einer Frau so tiefe Aufmerksamkeit widmete. Aber die Gegenwart dieser Frau widerlegte ja auch alle die Gedanken, die der junge Diplomat vor einem Augenblick noch beim Betrachten der Ballgesellschaft gehegt hatte.

Die Marquise, jetzt dreißig Jahre alt, war schön, wenn auch von schwächlichen Formen und übergroßer Zartheit. Ihr größter Reiz lag in einer Physiognomie, deren starre Ruhe eine erstaunliche Tiefe der Seele verriet. Ihr glänzendes Auge, das jedoch von beständigem Sinnen verschleiert zu sein schien, zeugte von einem Leben im Fieber und von der größten Resignation. Ihre fast stets keusch zu Boden gesenkten Lider schlugen sich selten auf. Wenn sie Blicke um sich warf, so gingen die Augen langsam und traurig -- und man hätte sagen können, sie sparten ihr Feuer für Beobachtungen im verborgenen auf.

Daher fühlte sich auch jeder Mann höherer Art seltsam zu dieser sanften, schweigsamen Frau hingezogen. Wenn der Geist das Rätsel ihres beständigen Schwankens zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit, zwischen der Gesellschaft und ihrer Einsamkeit zu erraten suchte, so war die Seele nicht weniger begierig, die Geheimnisse eines gewissermaßen auf seine Leiden stolzen Herzens zu ergründen. Und dann strafte nichts an ihr den Eindruck, den sie zuerst machte, späterhin Lügen.

Wie fast alle Frauen, die sehr langes Haar haben, war sie blaß, ja vollkommen weiß. Ihre Haut, die von wunderbarer Zartheit war -- ein selten trügendes Zeichen -- deutete auf echtes Feingefühl. Die Natur will, daß dies sich schon äußerlich kundtue, und zwar fast immer in Zügen von so wunderbarer Vollendung, wie sie die chinesischen Maler ihren phantastischen Figuren verleihen. Ihr Hals war vielleicht ein wenig lang; aber ein Hals von dieser Art ist der anmutigste und gibt den Frauenköpfen eine unbestimmte Ähnlichkeit mit den magnetischen, wellenartigen Bewegungen der Schlangen. Gäbe es nicht ein einziges von den tausend Kennzeichen, durch die sich dem Beobachter die heuchlerischsten Charaktere verraten, so würde es ihm zur Beurteilung einer Frau genügen, die Gebärden ihres Kopfes und die so verschiedenen, so ausdrucksvollen Biegungen des Halses aufmerksam zu verfolgen.

Bei Frau d'Aiglemont war die Kleidung im Einklang mit dem Tiefsinn, der ihre Person beherrschte. Ihre breiten Haarflechten bildeten über dem Kopfe eine hohe Krone, an der keinerlei Schmuck angebracht war; denn sie schien für immer allem Putz und Zierat abgesagt zu haben. Auch entdeckte man an ihr niemals die kleinlichen Kunstgriffe der Koketterie, durch die sich so viele Frauen unliebsam bemerkbar machen. Nur ihr Leibchen, so bescheiden es auch war, ließ doch ein wenig die eleganten Formen ihrer Taille erkennen. Und dann war ihr langes Kleid von außergewöhnlich vornehmem Schnitt. Das war sein einziger Luxus. Wenn man in der Anordnung eines Stoffes Ideen suchen darf, so hätte man sagen können, die zahlreichen, schlichten Falten ihrer Robe verliehen ihr ein Gepräge hohen Adels. Nichtsdestoweniger verriet sie vielleicht die untilgbaren Weiberschwächen in der peinlichen Sorgfalt, die sie ihrer Hand und ihrem Fuß widmete; aber wenn sie sie mit gewissem Vergnügen zeigte, so wäre es doch selbst der boshaftesten Nebenbuhlerin schwer gewesen, diese Bewegungen affektiert zu finden; sie schienen eben ganz unwillkürlich und aus kindlichen Gewohnheiten hervorzugehen.

Eine graziöse Gleichgültigkeit ließ über diesen Rest von Gefallsucht hinwegsehen. Die Menge von einzelnen Zügen, die Gesamtheit von unbedeutenden Umständen, die eine Frau häßlich oder hübsch, abstoßend oder liebenswürdig machen, können bei Frauen, wie Madame d'Aiglemont, nur flüchtig angedeutet sein; denn bei ihnen ist die Seele das Bindeglied aller Einzelheiten, denen sie eine köstliche Einstimmigkeit aufdrückt. So entsprach denn auch ihre Haltung vollkommen dem Charakter ihres Gesichts und ihrer Kleidung. In einem gewissen Alter verstehen es gewisse auserlesene Frauen, in ihre Haltung eine Sprache zu legen. Ist es das Leid, ist es das Glück, das der Frau von dreißig Jahren, der glücklichen oder der unglücklichen, das Geheimnis dieser beredten Haltung offenbart? Das wird immer ein lebendes Rätsel sein, das jeder nach seinen Wünschen und Hoffnungen oder nach seiner Methode auslegt.

Die Art, wie die Marquise beide Ellenbogen auf die Lehnen ihres Sessels stützte und die Fingerspitzen beider Hände aufeinanderstellte, als wolle sie damit spielen, die Biegung ihres Halses, das Gehenlassen ihres müden, doch geschmeidigen Körpers, der wie zerschlagen in dem Fauteuil ruhte, die Lässigkeit ihrer Beine, die Ungezwungenheit ihrer Lage, ihre trägen, schwermütigen Bewegungen -- das alles verriet in ihr eine Frau, die kein Interesse mehr am Leben, die die Freuden der Liebe gar nicht kennen gelernt, sondern nur erträumt hat, und die schwer an der Bürde leidvoller Erinnerungen trägt, eine Frau, die seit langem an der Zukunft oder an sich selbst verzweifelt, eine Frau, die nichts zu tun hat und in der Leere schon das Nichts erblickt.

Karl de Vandenesse bewunderte dieses prächtige »Tableau«, doch sah er darin nur eine geschicktere Mache, als gewöhnliche Frauen herausbringen. Er kannte d'Aiglemont. Beim ersten Blick auf seine Frau, die er noch nicht gesehen hatte, durchschaute nun der junge Diplomat Mißverhältnisse, unausweichliche Verschiedenheiten -- um diesen legalen Ausdruck zu gebrauchen -- die zwischen den beiden Personen eine so starke Scheidewand aufzurichten schienen, daß diese Frau unmöglich diesen Mann lieben konnte. Dennoch führte Frau d'Aiglemont ein untadelhaftes Leben, und gerade ihre Tugend verlieh all den Rätseln, die ein Menschenkenner an ihr entdecken mochte, noch einen höheren Wert. Als Vandenesse die erste Regung des Erstaunens überwunden hatte, sann er nach, wie er sich wohl am besten Frau d'Aiglemont nähern könne, und er beschloß, einen ziemlich alltäglichen Kunstgriff der Diplomatie anzuwenden und sie in Verlegenheit zu bringen, um auf diese Weise zu erfahren, wie sie eine Albernheit aufnehmen würde.

»Gnädige Frau,« sagte er und setzte sich einfach neben sie, »eine Indiskretion, die ich mit Freuden begrüße, hat mir verraten, daß ich -- ich weiß nicht, auf welche Vorzüge hin -- das Glück genieße, von Ihnen mit Interesse betrachtet zu werden. Ich bin Ihnen um so mehr Dank schuldig, als ich bisher noch nie der Gegenstand einer solchen Gunst gewesen bin. Sie werden daher daran schuld sein, wenn ich mir nun einen neuen Fehler zulege. Ich werde hinfort nicht mehr bescheiden sein.«

»Daran werden Sie unrecht tun, mein Herr,« sagte sie lachend. »Die Eitelkeit muß man denen überlassen, die sonst nichts weiter aufzuweisen haben.«

Zwischen dem jungen Manne und der Marquise entspann sich ein Gespräch, und sie streiften, wie es Brauch ist, in einem Augenblick eine ganze Menge von Gegenständen: Malerei, Musik, Literatur, Politik, Gesellschaft, Ereignisse und Dinge. Dann kamen sie durch einen unmerklichen Übergang auf das ewige Thema der Plaudereien in Frankreich und in andern Ländern, auf die Liebe, auf die Gefühle und die Frauen.

»Wir sind Sklavinnen.«

»Sie sind Königinnen.«

Die mehr oder minder geistreichen Phrasen Karls und der Marquise lassen sich in diesem einfachen Ausdruck zusammenfassen; denn das ist die Form für alle gegenwärtigen und künftigen Gespräche über diesen Gegenstand. Werden diese beiden Phrasen nicht zu einer bestimmten Stunde nicht immer wieder die schärfere Bedeutung haben: »Lieben Sie mich!« -- »Ich werde Sie lieben!«

»Gnädige Frau,« rief Karl de Vandenesse, »Sie sorgen noch dafür, daß ich mit lebhaftem Bedauern Paris verlasse. Ich werde gewiß in Italien nicht wieder so geistreiche Stunden genießen können, wie diese eine jetzt gewesen ist.«

»Dafür werden Sie vielleicht dem Glück begegnen, mein Herr, und das ist mehr wert als alle die glänzendsten Gedanken, die an jedem Abend in Paris ausgesprochen werden, mögen sie nun echt oder falsch sein.«

Ehe Karl die Marquise verließ, erhielt er von ihr die Erlaubnis, ihr einen Abschiedsbesuch zu machen. Er schätzte sich sehr glücklich, daß er diese Bitte in der Form der Aufrichtigkeit vorgetragen hatte; denn am Abend, als er sich zu Bett legte, und noch am andern Morgen, ja den ganzen Tag über, wurde er den Gedanken an diese Frau nicht mehr los. Bald fragte er sich, warum die Marquise sich für ihn interessiere; was ihre Absichten sein mochten, daß sie ihn wiederzusehen wünschte; und er war unermüdlich, alle möglichen Erklärungen dafür zu suchen. Bald glaubte er auch, die Beweggründe dieser Neugierde zu erkennen; er berauschte sich an Hoffnung oder sah alles wieder sehr kühl an, je nach der Auslegung, mit der er diesen Höflichkeitswunsch erklärte, der in Paris ja so alltäglich ist. Bald war es alles, bald war es nichts.

Schließlich wollte er dem Verlangen, das ihn zur Frau d'Aiglemont zog, widerstehen; aber er ging dennoch hin. Es gibt Gedanken, denen wir gehorchen, ohne sie selbst zu kennen: sie sind, uns unbewußt, in uns. Obwohl diese Betrachtung mehr paradox als wahr erscheinen mag, wird doch jeder ehrliche Mensch in seinem Leben tausend Beweise dafür finden. Als Karl sich zur Marquise begab, gehorchte er einem solchen Gedanken des Unbewußtseins, und was unser Geist später daraus macht, ist nichts weiter als die vorherbestimmte, im Keim gelegene Entwicklung.

Eine Frau von dreißig Jahren hat unwiderstehliche Reize für einen jungen Mann. Es gibt nichts Natürlicheres, nichts stärker Verschlungenes, nichts besser Vorbereitetes, als die tiefe Liebe zwischen einer Frau wie die Marquise und einem Manne wie Vandenesse -- eine Liebe, für die es in der Welt unendlich viele Beispiele gibt. Ein junges Mädchen hat zu viele Illusionen, ist zu unerfahren, der Geschlechtstrieb ist noch zu sehr mit ihrer Liebe verwoben, als daß ein junger Mann sich geschmeichelt fühlen könnte, von ihr geliebt zu sein; während eine Frau die ganze Tragweite der Opfer kennt, die darzubringen sind. Da, wo die eine sich von der Neugierde, von einer Lockung, die mit Liebe nichts gemein hat, hinreißen läßt, gehorcht die andere einem Gefühl, über das sie sich vollkommen klar ist. Ist eine solche Wahl nicht etwas höchst Schmeichelhaftes? Die erfahrene Frau, die mit einem fast immer mit Leid und Unglück teuer bezahlten Wissen gewappnet ist, scheint mehr zu geben als sich selbst; während das junge unwissende und leichtgläubige Mädchen nichts weiß und daher auch keinen Vergleich anstellen, Wert und Unwert nicht abschätzen kann; es nimmt die Liebe hin und widmet sich erst ihrem Studium. Die eine belehrt uns, gibt uns Ratschläge und hat das Alter, wo man sich gern leiten läßt, wo Gehorchen ein Vergnügen ist; die andere will erst alles lernen und zeigt sich naiv, wo jene zärtlich ist. Diese gewährt dir nur einen einzigen Triumph, jene aber nötigt dich zu beständigem Kampf. Die erstere hat nur Tränen und Freuden; die letztere hat die Wollust und die Reue. Wenn ein junges Mädchen sich zur Mätresse hergeben soll, muß sie schon verdorben sein, und dann verläßt man sie mit Abscheu. Eine Frau dagegen hat tausend Mittel, zugleich ihre Macht und ihre Würde zu bewahren. Die eine unterwirft sich uns zu sehr, und man kann sich ihr in öder Sorglosigkeit hingeben; die andere aber setzt zu viel aufs Spiel und fordert daher tausend Metamorphosen der Liebe. Die eine entehrt nur sich allein, die andere tötet um deinetwillen eine ganze Familie. Das junge Mädchen besitzt nur eine einzige Koketterie und glaubt alles gesagt zu haben, wenn sie ihr Kleid hat fallen lassen; aber die Koketterien einer Frau sind unzählig, und sie verbirgt sich unter tausend Schleiern; schließlich schmeichelt sie allen Eitelkeiten, und die Unerfahrene schmeichelt nur einer.

Ferner werden bei einer Frau von dreißig Jahren Unentschlossenheit, Entsetzen, Befürchtungen, Sorgen und Stürme entfesselt, die es in der Liebe eines jungen Mädchens niemals gibt. Wenn eine Frau in diesem Alter steht, verlangt sie von einem jungen Manne, daß er ihr die Achtung wiederherstelle, die sie ihm geopfert hat; sie lebt nur für ihn, beschäftigt sich mit seiner Zukunft, will ihm ein schönes, ein glänzendes Leben bereiten; sie gehorcht, sie bittet und gebietet, läßt sich herab und erhebt sich und weiß bei tausend Gelegenheiten Trost zu schaffen, wo das junge Mädchen nichts kann als seufzen.

Schließlich kann außer allen Vorteilen ihrer Stellung die Frau von dreißig Jahren sich auch noch zum jungen Mädchen machen, alle Rollen spielen, schamhaft sein und sogar durch ein Unglück an Schönheit gewinnen. Zwischen beiden besteht der unermeßliche Unterschied, der zwischen dem Vorhergesehenen und dem Unvorhergesehenen besteht, zwischen der Kraft und der Schwäche. Die Frau von dreißig Jahren befriedigt alles, und das junge Mädchen muß -- sonst hört sie zu ihrer Strafe auf, ein junges Mädchen zu sein -- immer unbefriedigt bleiben.

Diese Gedanken entwickeln sich im Herzen eines jungen Mannes und bilden in ihm die stärkste Leidenschaft aus; denn sie vereint die durch die Sitten künstlich geschaffenen Gefühle mit den echten Gefühlen der Natur.