Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen

Part 4

Chapter 43,812 wordsPublic domain

»Schau, schau!« pipste der Köhler, »auf der Wildwiesen, da werden s’ dir aber nit schlecht herabteuxeln!«

»Schaden tun können s’ nit da drinnen,« sagte der Friedl.

»Wenn s’ kein’ Bären treffen. Sonst nit. Na, alsdann, meine Herren, ich komm nach!«

Dann voran durch das Hochtal. Weg und Wasser hatten im Sande sich verloren, die Burschen gingen, sprangen, hüpften über das Steinwerk so dahin.

Blieb auf einmal einer der Gerhaltsöhne stehen, schaute himmelwärts und sagte: »Das ist g’spaßig. Nit ein Fetzerl Gewölk, und mir ist’s gewest, als hätt’s gedonnert.«

Weiter drinnen begegnete ihnen ein alter Holzknecht. »Wo denn hin, Buben?« fragte er.

»Auf die Wildwiesen.«

»Auf die Wildwiesen?«

»Tut’s der Schnee? Wir wollen Schneekugel treiben.«

Der Alte schaute mit Staunen den Friedl an.

»Und der Försterische will auch mit? Der sollt’s doch wissen. Schneekugel treiben, jetzt im Frühjahr, wo die Lahnen abgehen! Seit gestern fahren sie. Man kann’s eh hören. -- Buben, da ist’s nix mit dem G’spiel!«

Sie schauten einander an und berieten sich. Es war dumm. So weit herein und umsonst. Die einen wollten doch hinauf. Aber der Friedl war jetzt für die Umkehr.

»Ich hab’s halt nicht gewußt, Kameraden, daß der Teufel schon jetzt roglig wird. Die Lahnen heben doch sonst erst nach Ostern an.«

»Ganz nach dem Wetter,« sagte der Holzknecht. »Jetzt gehn’s halt einmal ab. Laßt sich nix machen. Na, tut wie ihr wollt, g’sagt hab ich’s euch.« Und ging mit geknickten Knien weit ausschreitend seines Weges.

In den Bergen war wieder ein dumpfer Donnerhall.

»Wißt was, Buben,« schlug der Friedl vor, »gehn wir zurück. Kehren wir beim Krauthasen ein auf ein Schligerwitz.«

So haben sie es auch gehalten und ist’s gar lustig geworden in der dämmerhaften Kohlenbrennerhütte.

Der Krauthas gestand, er habe sich wohl gedacht, daß sie ehzeit wieder zurückkommen täten. Und er war bereit. Vom Gesicht hatte er sich den Kohlenstaub gewaschen, daß es nun beinahe menschlich aussah. Der Mann war jünger, als er auf seine geknickte Körperhaltung hin geschätzt wurde. Das Gesicht war mager und wies doch keine rechten Knochen. Um die Mundwinkel hatte es Halbringe. War auch glatt rasiert. Nicht ein Härchen im ganzen Gesichte. Schier wie ein ältlicher Dorfschulmeister. Aber nur, solange er den Mund nicht auftat. Sonst kamen bisweilen unschöne Dinge hervor. Seine Sprücheln und Liedeln, da mußte einer schon mehr als ein Glasel Schligerwitz getrunken haben, wenn sie ihm Spaß machten. Er wartete auch weislich die Zeit ab. Unterhielt die Gäste mit kleinen Taschenspielerkünsten. Gar bedächtig und ehrbar setzte er seine Rede, bis er merkte, daß der Ofen geheizt war. Dann begann er vorsichtig loszulegen und sachte kam es immer dicker und dicker. Dabei das ernsthafteste Gesicht von der Welt.

Nun huben sie einmal an und steckten Pfeifen in Brand. Der Friedl hatte eine Zigarre und zwickte ihr mit dem neuen Taschenmesser die Spitze ab.

»Zwicken tät’s gut, aber Stoppelzieher hat’s keinen.«

Sie standen und lehnten so herum. Es war noch nicht viel los. Den Burschen tat der Branntwein nicht recht schmecken. Und der kaiser-königliche Straßenschotterer wollte der klügste sein. Er goß einige Tropfen Schnaps auf die hohle Hand, rieb sie mit beiden Händen ein und roch. Dann hielt er die Hand dem Nachbar hin: »Riech einmal!«

Der tat’s. »O du! Wasch dich besser!«

»Das ist nit die Hand, mein Lieber, das ist der Schnaps.«

»Junger Herr!« lispelte der Krauthas, und um die Mundwinkel spielten zuckend die Halbringe. »Du mir mein Schligerwitz nicht schmachen! Der ist wohl ein gar guter Kamerad, muß ich dir verraten. Hast eh kein Schneid! Sauf Schligerwitz!«

Und mit dem Kopfe den Takt wiegend, trällerte er grinsend:

»Der Schligerwitz, der Schligerwitz, Der is a guater Spatzenschütz, Der macht a Schneid und gibt a Hitz, Der Schligerwitz!«

»Halt’s und bring was z’ trinken! Hast kein’ andern?«

»Wisset, bedenket, meine Herren,« bekannte nun der Köhler, »dasmal ist er nit recht g’raten. Sechs Jahr bin ich Soldat g’west. Und dennoch gehen’s auf mich los wie die Hund. Weil ein armes Leut nix haben darf. Verboten haben’s mir das Brennen. Heimlich muß ich’s tun -- bei der Nacht. Da muß mir was in den Kessel sein g’fallen oder was immer. Ich kenn’s eh selber, er hat ein Gruchen.«

»Larifari. Brennt hast was Schlechtes. Soll ich dir sagen, was d’ brennt hast?«

Beim Jackenflügel faßte der Köhler den Gerhaltbuben, der so gefragt hatte, zerrte ihn abseits, als ob’s die andern nicht sollten hören dürfen, und flüsterte: »Ein guten Weiberleutfanger hätt ich.«

Der junge Gerhalt verstand das nicht. Der Kruspel aber, der gelauert hatte, verstand es.

»Her damit, Krauthas!« kreischte er.

Da begann der Köhler mit Umständlichkeit an dem Riedheu herumzutun, das dort im Winkel gehäuft war, und es kam ein Fäßchen zum Vorschein. Roter Schnaps, süß und süffig. Von dem da, so berichtete her Köhler, täten die Holzknechtburschen im Sommer, wenn sie auf die Alm gehen zu den Schwaigerinnen, gerne mitnehmen. »Zum Drankriegen.«

Der schon, der tat’s.

»Gelt!« sagte der Krauthas, strich dabei an den Friedl und fragte, ihn vertraulich angrinsend, ob ihm nichts wäre?

»Was soll mir denn sein?«

»Na ja -- hab halt g’meint. -- Was sagt ihr zu dem da?«

Ein Büschel Spielkarten warf er auf den Tisch.

»Die sollst erst einmal ins Bad schicken,« spottete der Friedl.

»Geh, meinst?« entgegnete der Krauthas pfiffig. »Kunntst dich ja von der Herzdam nit trennen!«

»Wer, ich?«

»Tragst sie eh Tag und Nacht an deiner schneeweißen Brust.«

»Ich? Wen? Die Herzdam?«

»Wettst was, du tragst auch jetzt die Herzdam unterm Brustfleck?«

»Die wird wohl bei ihren Kameraden liegen,« sprach ein Gerhaltssohn und suchte im Kartenbüschel nach der Herzdame.

»Selm wirst sie nit finden,« gixte der Köhler, »die duckt sich jetzt an des jungen Herrn Fridolin Rufmann sein heißes Herz.«

Der Friedl konnte nicht einmal lachen, so schlecht war der Witz.

»Was wettest?«

»Was du willst, Narr.«

»Ein Fassel Rosoli.«

»Wegen meiner!«

»Alsdann nachher greif halt einmal eini,« sagte der Krauthas gemütlich.

Der Friedl tastet in seinem halboffenen Westenlatz herum. »Teuxel, was ist denn das da drinnen?« Und wie er die Hand hervorzieht, hat er die Herzdame.

Gelächter, Geschrei. Mit einem heiteren Fluche schleudert er das schmutzige Blatt in den Winkel. Und jetzt bezahlt der Friedl allen Rosoli, der heute getrunken wird. Von dem konnte man schon mehr hinabtun, der kratzte nicht, der schmeichelte.

Plötzlich ging der Kruspel auf den Kohlenbrenner los: »Du, sag mir einmal, wo hast es denn? Wo hast es denn versteckt heut?«

»Was versteckt?«

»’s Menschl!«

»Ah, das meinst. Das ist jetzt in Löwenburg unten. Der Fratz hat Glück. Ist eine Stadtdam worden. Na, ich glaub’s, daß sie sich dorten besser steht wie in der Bärenstuben.«

Der Kruspel zog seinen langen Kinnbacken auf und nieder und sagte: »Geh, schwarzer Ganggerl, tu uns den Gefallen und tausch mit ihr. Nachher werden wir uns auch besser stehen.«

»Gib du lieber Achting, Kruspel, daß dir dein Kinnbacken nit abfallt!« lachte ein anderer.

»Keine Amtsbeleidigung! Ich versteh kein’ Spaß, mein Lieber!«

»Aber ich bitte dich, Kaiser-königlicher, das sieht man ja.«

»Wisset, was dem gesund wär?« sagte der Gerhaltsohn, dem Kruspel lustig die Hand auf den Buckel schlagend. »Dem sollt’ man einmal einen Schuß Sauborsten in die Haut kitzeln.«

Der Schotterer nahm das für eine Auszeichnung und grinste.

Derweil hub der Krauthas an, seinen schlangenlangen Leib zu wiegen wie eine kokette Tänzerin und gewisse Liedln zum besten zu geben.

»Ih hon, ih hon an olt’n Wetzstoa, Mei Muada sogg, ich sult’n wektoa, Mei Voda sogg, ich sult’n g’holtn --«

»Halt’s Maul!« fuhr ihn einer an, dem der folgende Vers nur allzugut bekannt war.

Daraufhin stellte sich der Försterfriedl zu den Gerhaltbuben und sie sangen hell und frisch den »Dreispannigen«, einen dreistimmigen Jodler, der die heiseren Ausgelassenheiten des Kohlenbrenners überjauchzte. Aber sie mußten abbrechen, denn plötzlich krümmte der Krauthas sich zusammen und begann zu wimmern: »Magenweh! So viel Magenweh! Weiß der Teuxel, es muß mir was Unrechtes drin liegen!«

»Ja, deine Schweinereien!« sagte der Gerhalt.

»Sei so gut, Gerhalt, zieh mir das Bandel außer!« jammerte der Köhler kläglich. Das Ende eines blauen Bandes stand ihm aus dem Munde hervor.

»Ein Schürzenbandl hat er g’schluckt!« lachte der Gerhaltsohn, »aber beiß mich nit!« Faßte das Band und zog an. Dieses kam aus dem Munde hervor, es war lang, es kam immer und immer heraus, es brach nicht ab und endete nicht. Schon ellenlang schlängelte das Band sich auf dem Fußboden und immer noch spann es der junge Gerhalt hervor. »Dem Krauthasen sein Bandwurm!« Unbändig lachten sie, bis endlich doch die Sache zu Ende war. Der Köhler bedankte sich gar drollig, versicherte, jetzt sei ihm wohl, und schickte sich an, noch andere »Zaubereien« zum besten zu geben, um seine lustigen Gäste noch lustiger zu machen.

»Trinkt’s, Buben, morgen sein mer eh in der Höll!« rief übermütig der Friedl und schenkte die Gläser voll.

Da klirrten die Fenster.

Sie stutzten.

»Was ist denn das?«

»Was ist denn das jetzt g’wesen?« --

»Schon wieder!«

»Die Lahnen! Die Lahnen!«

Sie stürzten vor die Tür.

An den Hängen hallten die Donner. An mehreren Stellen sah man es über den Waldwipfeln hoch aufstäuben. Dort drinnen über die weiße Fläche der Wildwiesen herab glitt scheinbar langsam und schwer eine Masse, hinter sich einen breiten, dunklen Streifen lassend. Aber fast gleichzeitig brach es auch vom nahen Berghang herab, daß der Boden schütterte.

Der Köhler faßte seinen Kopf mit beiden Händen, eilte in die Hütte zurück und wimmerte. Das war ein anderes Wimmern als vorher um das Magenweh. Ein Stöhnen der Angst war’s jetzt, ein wahrhaftiges. Und als der Friedl hineinlief, um seinen Hut zu holen, umschlang der Köhler ihm die Beine und wimmerte: »Bleib! Bleib da! Mein liebster Herr Friedl, bleib da bei mir. ’s ist der jüngste Tag.«

»Der ist noch lang nit, schwarzer Kohlenbrenner! Morgen kriegst das Geld für den Rosoli.«

Und haben ihn allein gelassen in seiner Armensünderangst.

Gegen Abend, als der Schnee fror und es in den Bergen wieder ruhig geworden war, gewann der Krauthas auch seinen Mut. Als er die Gläserreste auf den Erdboden goß und Ordnung machte, sah er auf dem Tisch etwas Glänzendes liegen -- ein schönes Zeuglein. Er beguckte es von allen Seiten, kniff die Lippen ein: »Schau, schau, da hat mir einer ein Präsentel gemacht. Das ist gescheit.«

Und schob es in seine Hosentasche.

Eine himmlische und eine irdische Jungfrau.

Die Burschen ulkten heimwärts. Wo es Schnee gab, da bewarfen sie sich mit Ballen. Wo ein Tümpel war, da suchte einer den anderen hineinzuleichen, und der Kruspel mußte wiederholt wegen Beleidigung einer Amtsperson vorstellig werden.

Als sie durch den Hals hinauskamen und das Forsthaus nahe war, wurden sie anständiger. Ihre Rauchzeuge zündeten sie an. Der Friedl hatte keine Zigarren mehr. So wollte er sich ein Haselstöcklein schneiden, um etwas in der Hand zu haben zum Spielen. Er langte mit der rechten Hand in den Sack, dann langte er mit der linken Hand in den anderen Sack, dann wandte er sich um und schaute auf den Weg zurück und dann brach er den Holzzweig mit der Hand ab. Nun hatte er etwas zum Fuchteln, das ist anstatt der Zigarre.

Im Forsthause angelangt, vernahm Friedl, daß Gäste da seien. Der Michelwirt mit seiner Tochter. Der Steirerwagen stand in dem Holzschuppen.

Der Bursche wurde bei dieser Wahrnehmung fast nüchtern. Aber er wagte sich nicht ins Haus, warum, das wußte er nicht recht. Er führte seine Kameraden auf die Kugelbahn, die oben am Waldrande war. Doch keiner traf etwas, die Amtsperson traf nicht einmal den Laden und warf weich. Da sangen sie spottend: »Der Schligerwitz, der Schligerwitz!«

In der guten Stube des Forsthauses war es schon seit frühem Nachmittage hoch hergegangen. Ja, der Michel war wieder einmal da. Der Förster hatte seine Klampfen, wie er die Laute nannte, vom Wandnagel genommen, und so konnten sie sich wieder einmal satt singen miteinander. Schade, daß der schöne Einklang dieser Stimmen von niemandem weiter gehört werden konnte als von der Helenerl, die in ihrem dunkelgrünen Sonntagsgewand auf der breiten Ofenbank saß und mit innerem Behagen an einem feinen Strümpflein strickte; und von der Sali, die heimlich ihr Ohr ans Schlüsselloch hielt; und von dem Waldl im Hof, der gerührt über den lieblichen Sang heulen mußte.

Weil es in der tiefsten Fastenzeit war, so wählten sie fromme Lieder. Michels Kehle hatte dafür einen weichen Mollton. Der geheimen Horcherin, die eine besondere Marienverehrerin war, zur Freude sangen sie die süßinnige Weise vom armen Dienstmägdelein.

»Es war ein armes Dienstmägdelein, Gar keusch und rein im Leben. Das ging wohl alle Tage in Wald Und fand sie eine Bildnus bald, Sie tragt’s mit großen Freuden.

Die Bildnus war all verwüst und wild, Die Bildnus war wohl zu bekleiden; Sie tat es zieren wunderfein All Tag mit einem Blümelein, Wie s’ stunden auf der Heiden.

Es stund wohl an sechs Wochen lang, Da ward das Mägdlein tödlich krank, Sie wollt’ zu Haus nit bleiben; Zwei Priester zogen wohl durch das Land Und über dieselbige Heiden.

Der Weg war ihnen unbekannt, Zwei Straßen taten sich scheiden. Sie setzten sich nieder ganz müd und matt, Der erste, der einschlafen tat, Der andere tat umschauen.

Da sahen sie ziehen eine ganze Schar Der schönesten Jungfrauen, Und in der Mitt’ die Helferin, Maria, die Himmelskönigin, Noch schöner anzuschauen.

Der Priester fallt nieder auf die Knie, Er tat sie so schön fragen, Wo sie wollte gehen hin. Die hohe Himmelskönigin Maria tat ihm’s sagen:

Sie sagt es ihm gar herzlich fein, Wohl zu dem armen Dienstmägdelein, Wie sich’s hat zugetragen. So gingen sie der Heiden zu Und nach dem Mägdlein fragen.

Sie gingen wohl ins Haus hinein, Da sahen sie das arme Dienstmägdelein In großen Schmerzen liegen, Maria stund ihr wohl zur Seit’ Und tat sie so schön küssen.

Da rufen’s die Priester zur selbigen Stund, Das Wunder, das geschehen: Jetzt fallt’s nur nieder auf die Knie, Jetzt ist die Mutter Gottes hie! Da haben sie’s nimmermehr g’sehen.

Um so viel eh haben das Wunder wohl Die Priester aufgeschrieben, Dem höchsten Gott zu Lob und Ehr’ Dem Menschen auch zu seiner Lehr’: Maria allzeit lieben.«

Während die zwei bärtigen Männer in der Stube dieses liebliche Lied gesungen, hatte die Sali hinter der Tür schon wieder was zu greinen: »Jetzt glaub ich ihnen gar nix mehr! Sie mögen noch so viel schelten und fluchen -- fromm sinds! Sie mögen den höllischen Ganggerl anrufen, so oft sie wollen, in Himmel kommens. Wer unserer lieben Frau so schön tut singen, den verlaßt sie nit.«

Nun hatten die Sänger noch einen anderen Zuhörer, den sie in allen Weiten des Waldes glaubten an diesem schönen Sonntagsnachmittag. Elias lag oben in der Schlafstube zu allerlängst auf dem Boden. Er hatte ganz leise den Holzschuber aufgemacht, der dazu bestimmt war, des Abends die Ofenwärme der großen Stube in die Schlafkammer zu leiten. Heute strömte durch die Öffnung süße Maienluft hinauf, im Liedesklang von der heiligen Jungfrau Maria.

Der Junge hatte Angst, sie würden das Lied unterbrechen, wenn sie sein Schluchzen hörten. Die Jungfrau Maria war ja seine heimliche Liebe, von der er niemand was sagte. Seit die Sali ihm als kleinem Knaben die Marienlegenden erzählt, war dieses himmlische Anbild in ihm. Als Kind hatte er in Marien die Mutter verehrt, als Jüngling liebte er in ihr die Jungfrau. Von einem Rosenkranze umgeben, von Engeln umkreist, im schneeweißen Gewand, auf dem Haupte die Krone der Himmelskönigin, ganz wie im Liede, so steht sie vor ihm, wenn er betet oder wenn er aufwacht in stiller Nachtstunde. Ernst und gütig, so schaut sie auf ihn herab, und aus den milden Händen, die sie über ihn hält, gehen lichte Strahlen nieder auf sein Haupt: Die heilige Inbrunst seines Herzens, die er nimmer konnte herausbeten, die ihm fast weh tat -- in der wundersamen Melodie dieses Liedes löste sie sich selig. Darum mußte der Junge so schluchzen.

Die Sänger stimmten ihre Saiten und räusperten sich für was anderes. Da schlich Elias hinaus, das Marienlied wollte er sich durch keinen anderen Klang aus dem Ohre scheuchen lassen.

Die Sali hatte sich auch zurückziehen müssen von ihrem Horcherwinkel, um den Kaffeetisch zu besorgen. Milch und Sahne, Weißbrot und Butter waren schon lange erwogen und bereitet. Kaffee, die feinste Art, wie man sie in Eustachen nicht kriegt, die man draußen beim Kaufmann in Ruppersbach holen muß. Nun steht alles auf dem zierlich gedeckten Tische bereit; aus der Tasse dampft heiß herzerfreuender Geruch -- und nun dankt der Michelwirt freundlich und sagt, Kaffee trinke er nicht.

Anfangs ist die Sali sprachlos. Allmählich kommt sie zu ihren Kräften. Mit umflorter Stimme, der schier das Weinen nahe, in dumpfem Ernste fragt sie ihn, weshalb er denn eigentlich die Einladung zum Kaffee angenommen habe, wenn er keinen Kaffee trinke?!

Dieser Mensch ist so leichtsinnig, daß er lachen kann. Wegen eines Essens sei er nicht gekommen, das habe er zu Hause auch. Er nähme am Nachmittag überhaupt nichts. Zum Plaudern und Singen sei er da und zu sonst nichts. Und ließ die Schale klappfest stehen, bis sie eine Haut hatte. Und saß munter am Tische und strich mit beiden Händen seinen Bart. Dieser lange, schwarze Bart! Nie noch war dieser Bart der kleinen Alten so zuwider gewesen als jetzt, da der Mensch ihr den Kaffee verschmäht. Die Helenerl konnte nach Herzenslust und mit noch so feinem Schick ihr Butterbrötlein streichen und aus der weißen Schale schlürfen -- der Sali Freude war dahin. Belebte sich auch nicht mehr, als der Michelwirt mit schmatzendem Behagen Honigbrot aß und alles, was da war, überschwänglich lobte.

Mit drolliger Beklommenheit steckte es ihm dann der Förster: »Ist nicht wieder gutzumachen, Freund, es ist nie wieder gutzumachen! Du kannst sie als Ehebrecherin oder als Leichenschänderin verleumden, sie wird dir verzeihen. Aber daß du ihren Kaffee verschmäht hast, das verzeiht sie nimmer.«

Nach dem Kaffee ging die Helenerl einmal ins Freie, um sich noch vor dem Abenddunkel die kleine Wirtschaft anzusehen.

Sie begegnete dem Studenten, neben dem sie ein Weilchen einherschritt. Er redete aber nicht viel.

Obschon auch sie auf das Reden nicht eingeschlossen war, zu dem möchte sie doch was sagen. Wenn sie nur wüßte, was man mit so einem kleinen Studenten spricht. Ihre gegenseitige Verlegenheit kam ihr übrigens ganz lustig vor. Ja wahrlich, sie könnte ihn fragen fürs erste, ob er nicht einen Kaffee wollte trinken gehen, fürs zweite, ob er schon ein wenig Messe lesen könne? Überlegte sich’s aber, ob das eine, das Bemuttern, sich bei so einem jungen Stadtherrn wohl schicke, und ob er das andere nicht etwa für ein Gespötte halten könne.

Er ließ sie rechts gehen, blieb ihr aber zwei Schritte im Abstand. So gingen sie nebeneinander bis zur Brücke und über dieselbe. Und auf derselben sagte sie: »Das Wasser tut so stark rauschen, daß man kein Wort versteht.«

»Ja,« antwortete er und zog das Wort in die Länge, daß es zur Not auch für zwei gelten konnte. Er hatte also doch verstanden, trotz des Wasserrauschens, und war wieder das ganze Gespräch vom Nichtverstehen überflüssig gewesen. Jenseits der Brücke lagen noch Schneereste und dabei die Bretter, teils entzweigebrochen, teils noch aneinanderhängend. Der zerstörte Brunnen quoll irgendwo aus der Erde und sumpfte den Boden.

»Da soll ja die Kapelle gestanden sein,« sagte sie.

»Ja. Da ist sie gestanden.«

Nach einer Weile wieder sie: »Ist’s wahr, daß sie eine Schneelahn hat umgeschmissen?«

»Ja, ’s selb ist so. Eine Schneelahn.«

Und wieder nach einer Weile: »Um die Kapelle wird Ihnen wohl recht leid sein, Herr Elias Rufmann?«

»Eh na. Ist ein alter Scherben gewesen.« So er und nichts weiter.

Da dachte sie, jetzt laß ich’s bleiben. Und war froh, daß der andere kam.

Auf der Kugelbahn hatte der Friedl, während er just die Kugel hinausgeschoben, bemerkt, daß Michelwirts Helenerl dort mit seinem Bruder Elias ging.

Alle neune konnten fallen, seinetwegen! Er guckte nicht weiter danach, er eilte hinab und über die Brücke.

»Du bist ja nicht artig, Elias!« rief er lustig, nahm unter schöner Verbeugung den Arm des Dirndels und hing ihn in den seinen. Dabei lehnte er sich gleich etwas zu stark an, so daß sie leicht zurückwich.

»O, verzeih!« sagte er lachend, »weißt, wenn einer den ganzen Tag auf dem Steinhaufen herumgekugelt ist, da tut’s wohl auf dem Blumenbeetel.«

»Sehen Sie, Herr Elias!« redete sie über die Achsel gegen den Studenten hin, gleichsam: Daran nehmen Sie sich ein Beispiel, so muß man’s machen, wenn man mit einem Mädel geht!

Dann erzählte der Friedl, wie er den Tag über mit bösen Buben umgegangen sei, so daß Gefahr bestehe, er könne auch selber einer werden, wenn er nicht noch knapp vor Abend sich an ein liebes Mädel mache.

»Bedank mich schön!« antwortete die Helenerl, was freilich ein Spott war, aber ein solcher, für den sie wünschte, daß er nicht übelgenommen werde. Übelgenommen? Nein, das wurde er durchaus nicht. Im Gegenteil, der Bursche gesellte sich noch traulicher, plauderte ihr so nahe ins Gesicht hinein, daß es ein paarmal knapp daran war, sein Mund könne ihre Wange berühren. Die Wirtstochter machte sich nicht viel daraus, sie kannte schon vom Wirtshaus her die Art junger Männer, die etwas unbedacht getrunken haben. Sie hielt ihr Gesichtchen nur ein wenig gegen die andere Seite.

»Aber gar so neidisch sein, Helenerl!« scherzte er. »Laß mich doch deine Äugerln anschauen, wird eh bald finster!«

Sie wendete ihr blondes Köpfchen und ließ sie ihn wirklich anschauen. Er tat das schier gründlich und sie schauten sich treuherzig in die Augen.

So waren sie wieder zurück über die Brücke gegangen. Hinter ihnen drein Elias. Das war ihm einmal etwas Neues. Hatte er schon früher keine Worte gefunden, jetzt fand er auch keine Gedanken. Er war verblüfft.

Zum Hause gekommen, nahm die Helenerl rasch ihren Arm an sich und ließ den Friedl allein stehen. Er schaute ihr nach und schnalzte mit der Zunge. Zum Fenster rief die Sali heraus, wo sie denn alleweil herumgäulen täten, die Buben? Ob sie den Kaffee das drittemal aufwärmen solle?

Während die beiden Alten in der großen Stube bei der angezündeten Lampe und beim Glase Wein noch frohgemut beisammensaßen, plauderten, erzählten, dann wieder eins sangen, gingen die Brüder noch einmal über die Brücke und drüben auf der Straße gegen die Schlucht hinein. Es dunkelte schon stark. Sie hatten eine Unterredung. Der Friedl hatte erzählt, daß aus dem Schneekugeltreiben auf der Wildwiesen nichts geworden war, weil die Lahnen gingen, daß es hingegen aber um so lustiger beim Krauthasen hergegangen. Das wäre ein närrischer Kauz, dieser Krauthas, und was er für Kunststückeln mache mit den Spielkarten, mit Bandeln und anderen Sachen. Feuerfressen könne er auch. Etwas unsauber, aber komisch. Ein kohlschwarzer Zauberer, den müsse der Elias doch einmal anschauen gehen.

»Ich muß morgen wieder hinauf zu ihm; willst mit?«

Elias sagte rundweg nein.

»Na ja, ’s ist auch noch ein zu kalter Wind für dich in der Bärenstuben. Später einmal gehen wir miteinander hinauf. Mußt dir doch auch einmal den Holzschlag anschauen, wo ich meine Arbeit hab. Und nachher gehen wir wieder einmal miteinander auf die Seealm. Weißt, wie dazumal.«

»Laß mich aus mit der Alm!«

»Weil du damals noch ein Fratz bist gewest. Wenn man groß ist, schaut’s auf einem hohen Berg ganz anders aus. Da mußt einmal mit.«

»Ja, vielleicht geh ich einmal mit.«